Jenni Brichzin, Sebastian Schindler, Warum es ein Problem ist, immer »hinter« die Dinge blicken zu wollen. Wege politischer Erkenntnis jenseits des verschwörungstheoretischen Verdachts in:

Leviathan, page 575 - 602

Leviathan, Volume 46 (2018), Issue 4, ISSN: 0340-0425, ISSN online: 0340-0425, https://doi.org/10.5771/0340-0425-2018-4-575

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AUFSATZ Jenni Brichzin und Sebastian Schindler Warum es ein Problem ist, immer »hinter« die Dinge blicken zu wollen Wege politischer Erkenntnis jenseits des verschwörungstheoretischen Verdachts1 »Immer dieses Dahinter, allmählich muss man einsehen, dass es der Schlüsselgedanke modernen Denkens ist.«2 Einleitung Zwischen sozialwissenschaftlicher Theorie und verschwörungstheoretischem Verdacht gibt es eine selten bemerkte Parallele. Für beide spielt eine bestimmte Erkenntnisfigur eine große Rolle – die Figur des Blicks »dahinter«, hinter die Phänomene, wie sie an der Oberfläche erscheinen. Diese Figur ist wesentlich für sozialwissenschaftliche Theorie (zumindest für ein weitverbreitetes Verständnis davon), weil mit ihr der Anspruch einhergeht, mehr zu leisten, als bloß ein Abbild der Vielfalt der Erscheinungen zu erzeugen. Wer beschreibt, der gibt nur wieder. Aber Theorie will mehr, sie will Zusammenhänge erkennen und erklären. Um verstehen zu können, was geschieht, muss man hinter die Vielfalt widersprüchlicher empirischer Erscheinungen blicken, die einen ansonsten zu überfordern droht. Dieselbe Erkenntnisfigur des »Dahinter« spielt eine große Rolle in Verschwörungstheorien, die sich gegenwärtig ausbreiten und, so meinen einige, zu einem gesellschaftlichen und politischen Problem geworden sind.3 Auch Verschwörungstheorien sind Theorien – Theorien darüber, was die wirklichen, fundamentalen Kräfte sind, die sich hinter einer zunächst unverständlichen oder sogar verwirrenden Vielfalt von Erscheinungen verbergen. Bei Verschwörungstheorien im engeren Sinn werden diese Kräfte personifiziert: ein kleiner Kreis von VerschwörerInnen hält die eigentliche Macht in den Händen. Aber es gibt auch Verschwörungstheorien, die nicht von personifizierten, sondern von diffusen Mächten ausgehen.4 So verstanden, kann es sich als erstaunlich schwierig erweisen, sozialwissenschaftliche Theorien von Verschwörungstheorien zu unterscheiden. 1. 1 Für sehr hilfreiche Rückmeldungen zu unserem Manuskript bedanken wir uns bei Claudia Czingon, Tobias Wille, den TeilnehmerInnen der Sektionstagung Politische Soziologie im April in Bamberg sowie bei den beiden anonymen GutachterInnen. 2 Julio Cortazar in Rayuela, zitiert in Rössner 2012, S. 101. 3 Vgl. Schindler 2019; Butter 2018; Krüger, Seiffert-Brockmann 2018; Pelkmans, Machold 2011. 4 Aupers 2012, S. 30 f. Leviathan, 46. Jg., 4/2018, S. 575 – 602, DOI: 10.5771/0340-0425-2018-4-575 Die radikale These der Parallelität von sozialwissenschaftlicher Theorie und verschwörungstheoretischem Verdacht ist dem wissenschaftlichen Diskurs nicht fremd. Vor einigen Jahren hat der französische Soziologie Luc Boltanski unter dem Titel Rätsel und Komplotte eine umfassende Studie vorgelegt, in der er die gemeinsamen Ursprünge von soziologischer Theorie, Kriminalliteratur und einer sich Ende des 19. Jahrhunderts ausbreitenden gesellschaftlichen Verunsicherung, die sich in Verschwörungstheorien wie den Protokollen der Weisen von Zion äußert, herausarbeitet.5 Boltanski setzt damit eine Arbeit fort, die er zuvor mit Laurent Thévenot in der monumentalen Studie Über die Rechtfertigung ausgeführt hat und die die Symmetrie zwischen sozialwissenschaftlicher Theorie und sozialen Praktiken der Rechtfertigung und Kritik betont.6 Schon viel früher hat Paul Ricœur die Beziehung zwischen Theorie und Verdacht in seiner Untersuchung über Sigmund Freud dargelegt, in der er drei »Meister des Zweifels« benennt: Marx, Nietzsche und Freud.7 Alle drei arbeiten mit den Dichotomien verborgen/offen beziehungsweise simuliert/ offenbar,8 die fundamentale Kategorien auch von Verschwörungstheorien sind. In der »Hermeneutik des Verdachts«, die Ricœur den drei großen Denkern zuschreibt, sieht Rahel Jaeggi ein essenzielles Element ideologiekritischer Verfahren.9 Wie Boltanski und Ricœur problematisiert auch Bruno Latour den ideologiekritischen Verdacht und hebt seine Nähe zur Verschwörungstheorie hervor. Aus seiner Sicht führt ständiges Verdächtigen dazu, dass Gegenstände nur noch schematisiert erfasst werden und dieses schematische Erkennen zugleich gegen Anfechtung von außen immunisiert wird.10 Unser Beitrag schließt an diese verschiedenen Auseinandersetzungen mit der Bedeutung des verschwörungstheoretischen Verdachts für die Sozialwissenschaft an. In unserem Artikel ergründen wir die Parallele zwischen sozialwissenschaftlicher Theorie und verschwörungstheoretischem Verdacht zunächst für den Fall unserer konkreten Forschungspraxis, die uns auf das Problem aufmerksam gemacht hat. Wir, eine Soziologin (Brichzin) und ein Politikwissenschaftler (Schindler), beschäftigen uns beide auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichen Forschungsfeldern − in Parlamenten beziehungsweise in den Vereinten Nationen − mit politischen Praktiken. Bei der Arbeit an unseren mittlerweile bereits etwas zurückliegenden Dissertationsprojekten machten wir trotz unserer unterschiedlichen wissenschaftlichen Verortung eine strukturell ähnliche Erfahrung. Während wir beide unseren Quellen ein gewisses Maß an Vertrauen entgegenbrachten und den Äußerungen von ParlamentarierInnen (im Fall Brichzins) oder früheren UN-MitarbeiterInnen (im Fall Schindlers) Glaubwürdigkeit zusprachen, begegnete uns – bei Tagungen, im 5 Boltanski 2013. 6 Boltanski, Thévenot 2006. 7 Ricœur 1974, S. 45–49. 8 Ebd., S. 47. 9 Jaeggi 2009, S. 270. 10 Latour 2004. Zu einer Kritik des ideologiekritischen Verfahrens aus einer Arendt’schen Perspektive siehe Förster 2016. 576 Jenni Brichzin und Sebastian Schindler Anschluss an Vorträge – immer wieder ein bestimmter Typ des Einwands: die Aufforderung, hinter das zu blicken, was uns da gesagt worden war. Wirklich verstehen könne man Politik nur, so implizierte diese Aufforderung, wenn man begreife, dass es in politischen Institutionen immer (auch) um Macht und Interessen gehe. Die Häufigkeit dieses Einwands stimmte uns nachdenklich. Er erschien uns fast schon wie eine Form der Konditionierung: Wenn man als WissenschaftlerIn Politik erforscht, dann fragt man nach den dahinterliegenden Macht- und Interessenkonstellationen. Von dieser Erfahrung ausgehend, möchten wir in der Diskussion um die sozialtheoretische Bedeutung des verschwörungstheoretischen Verdachts drei neue Aspekte hervorheben. Erstens weisen wir darauf hin, dass das Problem der Verdächtigung in der Politikforschung möglicherweise besonders verbreitet ist, wie unsere Forschungserfahrungen in unterschiedlichen Disziplinen illustrieren. Zweitens werden wir zeigen, dass die Figur des Blicks »dahinter« nicht nur eine gelegentlich auftretende theoretische Annahme ist, sondern als dominante verbildlichende Vorstellung davon, wie Erkenntnis funktioniert, in die epistemologische Matrix der Sozialwissenschaften eingelassen ist. Dies werden wir an der Gegen- überstellung zweier sehr unterschiedlicher sozialtheoretischer Texte deutlich machen, die gleichermaßen mit einer hintergründigen Erkenntnisfigur operieren: einem Schlüsseltext der Theorie der rationalen Wahl (Milton Friedman) und einem Schlüsseltext der Kritischen Theorie (Max Horkheimer/Theodor Adorno). Drittens möchten wir die Diskussion konstruktiv weiterführen, indem wir über alternative Wege zur Erkenntnis des Politischen nachdenken. Wir besprechen dazu zwei Erkenntnismetaphern, die zwei wiederum sehr unterschiedliche DenkerInnen eingeführt haben: die Wertschätzung der Oberfläche bei Hannah Arendt und das Erstellen von Landkarten bei Bruno Latour. Arendt argumentiert in ihrem Buch Vita Activa oder vom tätigen Leben, dass die moderne Wissenschaft mitverantwortlich sei für ein sich ausbreitendes Misstrauen gegenüber der Welt. Die moderne Wissenschaft tendiert laut Arendt dazu, das Vertrauen auf direkte sinnliche Erfahrungen durch das Vertrauen auf Daten zu ersetzen, die durch indirekte Messungen und Instrumente gewonnen werden. Echtes Wissen schafft Wissenschaft demnach nur, wenn sie hinter die Erfahrungen blickt. Ganz ähnlich wie Arendt lässt Latour in seinem sozialtheoretischen Hauptwerk Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft erkennen, dass er eine Form von sozialwissenschaftlicher Forschung für grundsätzlich problematisch hält, die systematisch von den Erfahrungen der Akteure absieht und die eigentliche Erkenntnis stattdessen hinter deren Rücken sucht – an diesem Punkt werden sozialwissenschaftliche Untersuchungen für ihn »ununterscheidbar von einer Verschwörungstheorie, das heißt einem Hybriden aus äußerstem Skeptizismus und äußerster Naivität«.11 Sowohl Arendt als auch Latour entwerfen in der Folge alternative Erkenntniswege, die das unmittelbar Sichtbare in den Blick nehmen. Mit den genannten drei eigenwilligen Paarungen – von Forschungserfahrungen einer Soziologin (Brichzin) und eines Politikwissenschaftlers (Schindler), von Schlüsselwerken der Theorie rationaler Wahl (Friedman) und der 11 Latour 2010, S. 87, Fn. 11. Warum es ein Problem ist, immer »hinter« die Dinge blicken zu wollen 577 Leviathan, 46. Jg., 4/2018 Kritischen Theorie (Horkheimer und Adorno) und von Erkenntnismetaphern der Oberfläche (Arendt) und der Landkarte (Latour) – formulieren wir ein Plädoyer für die Reflexion der strukturierenden Erkenntnisfiguren, die politikwissenschaftlicher und soziologischer Forschungspraxis zugrunde liegen. Wiederkehrende Einwände Wir beginnen unseren Aufsatz mit der Schilderung zweier Erfahrungen, die wir in unserer Forschungsarbeit als Soziologin und als Politikwissenschaftler gemacht haben. Zweck dieser Schilderung ist es, auf die Rolle des hintergründigen Verdachts gegen die Politik in der Forschungspraxis hinzuweisen. Durch die Rekonstruktion eines bestimmten Typs von Einwand, der unseren Argumenten immer wieder entgegengebracht wurde, soll deutlich gemacht werden, wie selbstverständlich eine bestimmte Haltung zur Politik in der Forschungspraxis geworden ist und wie wenig sie dort selbst hinterfragt wird. Diese Haltung des Vorwurfs und der Beschuldigung erscheint mitunter gar nicht normativ aufgeladen, obwohl sie – wie wir herausarbeiten wollen – durchaus beurteilenden und vor allem verurteilenden Charakter hat. Wir beginnen die Schilderung mit dem Forschungsprojekt Schindlers zu den Welternährungsorganisationen und gehen dann auf die Forschung Brichzins zu parlamentarischer Arbeit ein. Einwände gegen ein Forschungsprojekt zu den Welternährungsorganisationen (Schindler) Mein Interesse für den zentralen Gegenstand meiner Forschung der letzten Jahre – einem der langwierigsten institutionellen Konflikte in den Vereinten Nationen – hängt nicht zuletzt mit dem Ereignis zusammen, das den Konflikt löste und entschied: dem Amtsverzicht des Exekutivdirektors des Welternährungsprogramms (World Food Programme, WFP), James Ingram, im Dezember 1990. Erst diese Geste des Machtverzichts machte den Weg frei für die institutionelle Unabhängigkeit des WFP, das zuvor der größeren Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) untergeordnet war, was seit dem Amtsantritt Ingrams 1982 zu zunehmenden Kompetenzstreitigkeiten geführt hatte. Ingram beschreibt in seinem Buch Bread and Stones,12 dass der Verzicht auf eine dritte Amtszeit seine Reaktion auf die Vorwürfe war, mit denen er jahrelang konfrontiert war, nämlich dass er für die Unabhängigkeit seiner Organisation (des WFP) von der FAO nur deshalb kämpfte, weil dies seinen eigenen und US-amerikanischen Interessen diente. Indem Ingram erklärte, nicht weiter für den Posten des Exekutivdirektors zur Verfügung zu stehen, konnte er die Vorwürfe entkräften, die jahrelang eine Entscheidung des Konflikts blockiert hatten. Auf der Sitzung, in der Ingram seinen Amtsverzicht verkündete, wurde in der Tat eine weitreichende institutionelle Reform beschlossen, die die Frage der Unabhängigkeit zugunsten des WFP entschied. Wie Ingram in seinem Tagebuch festhielt, war selbst 2. 12 Ingram 2007. 578 Jenni Brichzin und Sebastian Schindler das Rechtsbüro im UN-Hauptquartier von Ausmaß und Geschwindigkeit der Reform überrascht: »Apparently no other precedent exists for change of this size – and all done with unprecedented speed« (Tagebucheintrag vom 1. Februar 1991).13 Ingrams Amtsverzicht veränderte die Logik des Konflikts. Durch seine Rückzugserklärung entkräftete Ingram den Vorwurf, dass der ganze Kampf nur seinen eigenen (beziehungsweise westlichen) Interessen diene. Die Regierungsvertreter im Leitungsgremium des WFP entwickelten eine andere Einschätzung davon, worum es bei der institutionellen Reform letztlich ging: eben nicht um Eigeninteressen, sondern, wie Ingram jahrelang argumentiert hatte, um Effizienz und Arbeitsfähigkeit der Nahrungsmittelhilfe-Organisation. Ingrams Rede überzeugte die Staatenvertreter. Sie stimmten der Reform zu, weil sie nun annehmen konnten, dass es tatsächlich um die Sache selbst ging.14 Die normative Wirkung von Ingrams Amtsverzicht habe ich in der Folge in mehreren Konferenzvorträgen beschrieben. Wo mein Argument auf Ablehnung stieß, wurden immer wieder dieselben Einwände erhoben. Meine Interpretation sowohl der Bedeutung als auch der Motivation von Ingrams Erklärung wurde angezweifelt. Waren es nicht andere, tiefere kausale Kräfte, die die Unabhängigkeit des WFP erklärten? Und waren nicht vielleicht Ingrams Handeln und seine Darstellung der Ereignisse selbst eigeninteressiert? Der erste Einwand zeichnete das Bild einer tieferen Interessenkonstellation, die letztlich die Entscheidungen über die institutionelle Struktur der Welternährungsorganisationen prägte. Der Großteil der WFP-Nahrungsmittelhilfe stammt aus den USA, und häufig wurden Hilfslieferungen an Verbündete der US-Regierung priorisiert. Im Dezember 1990, als die Reformentscheidung getroffen wurde, war der Kalte Krieg gerade zu Ende gegangen, und US- Interessen stießen in der UNO auf geringere Widerstände. US-Interessen in internationalen Konflikten und auf landwirtschaftlichen Märkten waren die zentrale Erklärungsvariable für die Unabhängigkeit des WFP, gegenüber der die Bedeutung von Ingrams Rückzugserklärung verblasste. Aber angezweifelt wurde nicht nur die explanatorische Bedeutung von Ingrams Amtsverzicht, sondern auch Ingrams eigene Motivation. Der zweite Einwand gegen mein Argument bestand darin, dass ich Ingrams Selbstdarstellungen zu sehr vertraute. Ingram, so legte man mir nahe, verfolgte mit seinem Rückzug sicherlich auch eigene Interessen. In seinem Buch Bread and Stones beschreibt Ingram seine Rede als einen politischen Meisterstreich (»political masterstroke«),15 der den Konflikt entschied. Aber man könne, so stellten die KritikerInnen heraus, ihm nicht ohne Weiteres trauen. Besonders mein Verweis auf Ingrams Tagebücher erschien ihnen als problematisch. Seien diese nicht in der Intention geschrieben worden, die eigene Rolle schönzufärben? 13 Ingrams Tagebücher liegen in der australischen Nationalbibliothek in Canberra. Ingram gewährte mir das Recht zur Einsichtnahme am 3. März 2012 und die Erlaubnis zur Publikation bestimmter Auszüge (eingeschlossen den hier zitierten) am 9. März 2013. Eine ausführlichere Analyse von Ingrams Amtsverzicht ist publiziert in Schindler 2012. 14 Vgl. Schindler 2012, S. 144–147. 15 Ingram 2007, S. 286. Warum es ein Problem ist, immer »hinter« die Dinge blicken zu wollen 579 Leviathan, 46. Jg., 4/2018 Die zwei Einwände gegen meine Interpretation der Ereignisse haben Berechtigung. Sie werfen Fragen auf, mit denen man sich beschäftigen sollte, wenn man sich mit historischen Erklärungen befasst. Aber eine grundlegende Eigenschaft beider Einwände ist, dass sie auf Erklärungsfiguren beruhen, die selbst historisch wirkmächtig sind. Ingram erklärte seinen Rücktritt genau deshalb, weil er die Erklärung entkräften wollte, dass seine eigenen und US-amerikanische Interessen den Konflikt heraufbeschworen. Wenn man auf dieser Erklärung beharrt, reformuliert man genau jene Vorwürfe, die Ingram dazu veranlassten, auf eine dritte Amtszeit zu verzichten. Deshalb ist in dieser Situation eine reflexive Wende sinnvoll. Der Einwand selbst muss kritisch hinterfragt und zum Gegenstand der Forschung gemacht werden. Dieselbe Erkenntnis hat auch Brichzin in ihrer soziologischen Forschung zu Parlamenten gewonnen. Einwände gegen ein Forschungsprojekt zu parlamentarischer Praxis (Brichzin) Zu meinem Forschungsgegenstand, der parlamentarischen Praxis, bin ich eher indirekt gekommen. Ursprünglich vor allem am Zusammenwirken unterschiedlicher Formen sozialer Beziehungen interessiert – das Parlament war lediglich als empirischer Fall gedacht –, hat sich mein Forschungsinteresse im Laufe der Beschäftigung mit Parlamenten immer stärker auf diese selbst verschoben. Denn meine ethnografischen Beobachtungen auf vier parlamentarischen Ebenen in Deutschland hatten gezeigt, dass in diesen Institutionen Menschen arbeiten, die sich unabhängig von der Parteizugehörigkeit mit viel Engagement einer schwierigen und anstrengenden Arbeit widmen: politischer Arbeit in Parlamenten. Wie aber passte diese Beobachtung zu den weitverbreiteten negativen Einschätzungen bezüglich professioneller politischer Akteure und dem Wert politischer Arbeit? Beide haben keinen hohen Stellenwert in der öffentlichen Meinung. In der Tat scheint die Einschätzung »das ist politisch« ein Synonym geworden zu sein für das Sinistre, das Unreine, das Unlautere.16 Ich begann also zu hinterfragen, auf welcher Basis solche Urteile gefällt werden. Eine genaue Vorstellung davon, was politische Arbeit in der Praxis ausmacht, schien mir nämlich gar nicht vorhanden zu sein – und damit eben auch keine stabile Urteilsbasis. Die ethnografische Beobachtung parlamentarischer Praxis lässt die Logik politischer Arbeit offenbar werden. Sie zeigt, wie der Rhythmus dieser Arbeit durch den raschen Wechsel zwischen unterschiedlichen Themen bestimmt wird, die sich auf parlamentarischen Tagesordnungen versammelt finden. Sie macht deutlich, dass von der Art des Themas nicht nur abhängt, zu welchem Zeitpunkt worüber und mit wem gesprochen wird, sondern auch, wie es bearbeitet wird. Mithilfe des empirischen Materials lassen sich drei verschiedene Modi politischer Arbeit – politisches Spiel, Themenabfertigung und politische Gestaltung – rekonstruieren.17 Vor allem aber macht die Beobachtung klar, dass es sich bei politischer Arbeit um eine Arbeit an Ideen handelt – genauer an der Evidenz von Ideen. Auf den schwierigen und 16 Latour 2003, S. 145. 17 Vgl. Brichzin 2016 a. 580 Jenni Brichzin und Sebastian Schindler unsicheren Versuch, mit Worten Evidenz und Wirkungsmacht zu erzeugen, akzeptierte Weltsichten hervorzubringen und damit Gruppen hinter sich zu versammeln, richtet sich der größte Teil der Arbeit parlamentarischer Akteure. Meine Einsicht, dass in Parlamenten vor allem an Themen gearbeitet wird, stieß oft auf Skepsis. Diese Skepsis hat mich ermutigt, bestimmte Aspekte meines Projekts zu fokussieren und voranzubringen. Aber mir fiel auch auf, dass an ganz unterschiedlichen Orten und in ganz verschiedenen Kontexten ein sehr ähnlicher Typ von Einwand vorgebracht wurde. Dieser Einwand schien dem allgemeineren negativen Urteil zu entspringen, das im öffentlichen Diskurs gegenüber politischer Praxis und ihrem Personal formuliert wird – also genau jener Verurteilung der Politik, die mich überhaupt erst von meinem ursprünglichen Forschungsinteresse weg und hin zu meiner Untersuchung politischer Arbeit in Parlamenten geführt hatte. Die Einwände konzentrierten sich vor allem auf meinen Fokus, die vielfältigen Wege der parlamentarischen Produktion wirkmächtiger Ideen sichtbar zu machen. Dieser Anspruch wurde als zu deskriptiv in Zweifel gezogen: Anhand der Beschreibung des parlamentarischen Umgangs mit Inhalten zeichne man zwar die Oberfläche politischer Praxis nach, aber an die jener Praxis zugrundeliegenden, verborgenen Wirkungsfaktoren reiche eine solche Analyse nicht heran. Meine Interpretation wurde auch als zu idealistisch kritisiert: Wer in dieser Weise Ideenproduktion in den Mittelpunkt rücke, der sitze noch dem Irrglauben auf, dass Ideen selbst Wirkungsmacht entfalten könnten. Und meiner Interpretation wurde schließlich immer wieder attestiert, sie sei naiv: Man müsse bei der Erforschung des Politischen sehr aufpassen, dass man den Erzählungen der politischen Akteure nicht auf den Leim ginge, schließlich seien diese in der Kunst der manipulativen Selbstdarstellung geübt. Diese Einwände waren und sind bis heute sehr wichtig für mich – mehr als einmal haben sie dazu geführt, dass ich meine Ergebnisse grundlegend hinterfragt habe und sie auch weiterentwickeln konnte. Dennoch möchte ich nun rückblickend den Fokus auf diese Einwände selbst richten – zumindest dorthin, wo sie gesellschaftliche Beurteilungsschemata zu spiegeln scheinen, die für die Politikforschung problematisch sein könnten. Einwände als Denkanlass In den beschriebenen Einwänden gegen unsere Forschungsprojekte äußert sich ein grundlegendes Misstrauen gegenüber dem unmittelbar Sichtbaren. Mit einer Untersuchung von Briefen, Reden und Stellungnahmen in einem Konflikt (wie bei Schindler) oder einer Analyse der tagtäglichen Arbeitsroutinen von ParlamentarierInnen (wie bei Brichzin) könne man die beschriebenen Geschehnisse nicht erklären. Stattdessen wird deren eigentlicher politischer Gehalt in Kräften vermutet, die durch solche Quellen gar nicht zugänglich sind. Damit bleibt letztlich nur ein verlässlicher Weg, um im Bereich der Politik an wissenschaftliche Erkenntnis zu gelangen. Systematisch muss von den manipulativen Erscheinungen der Oberfläche abgesehen werden; Forschung muss sich stattdessen den eigentlichen, im Verborgenen wirksamen Kräften zuwenden. Politikforschung wird als Entlarvung gedacht. Warum es ein Problem ist, immer »hinter« die Dinge blicken zu wollen 581 Leviathan, 46. Jg., 4/2018 Die naheliegende Frage lautet nun: Woher kommt das? Im folgenden Abschnitt möchten wir vorschlagen, dass diese Einwände nicht nur das Produkt spontaner Assoziationen sind, wie sie sich eben manchmal auf Tagungen einstellen, sondern dass sie systematisch in die sozialwissenschaftliche Vorstellung von (politischer) Erkenntnis eingelassen sind. Verdacht als konstitutives Element sozialwissenschaftlicher Theorie Der Verdacht, dass verborgene Kräfte hinter einer Oberfläche wirken, die systematisch versteckt, was in Wirklichkeit geschieht, spielt in verschiedenen Strömungen sozialwissenschaftlicher Theoriekonstruktion eine wichtige Rolle. Um dies zu zeigen, wenden wir uns im Folgenden zwei sehr unterschiedlichen Formen theoretischen Denkens zu: der Theorie rationaler Wahl und der Kritischen Theorie. Durch die Kontrastierung dieser beiden Theorietraditionen – oder genauer gesagt, zweier ihrer Schlüsselwerke – soll deutlich werden, was sie trotz aller Gegensätze gemeinsam haben: die Erkenntnisfigur des »Dahinter«. Dunkle Mächte in der Theorie der rationalen Wahl Die Theorie rationaler Wahl – des Rational Choice – ist heute eine der meistverbreiteten Formen sozialwissenschaftlicher Erklärung. In seinem Essay »The methodology of positive economics« hat der Ökonom Milton Friedman 1953 einen wichtigen Beitrag zum Verständnis dieser spezifischen Art, soziale Phänomene zu erklären, geleistet. Friedman geht es speziell um die Frage, aus welchen Gründen eine Hypothese oder Theorie als Teil unseres Wissens über die Welt akzeptiert werden sollte. Er argumentiert, dass der Realitätsgrad theoretischer Annahmen keinen solchen Grund darstellt. Theorien können in höchstem Maße unrealistische Annahmen machen; solange ihre Ergebnisse stimmig sind, sollten sie dennoch als Teil unseres »systematisierten Wissens dessen, was ist«, akzeptiert werden.18 Friedmans Essay enthält eine Reihe von Beispielen, die dieses Argument belegen sollen. Eines davon entwickelt − in Analogie zu tatsächlich verbreiteten sozialwissenschaftlichen Hypothesen − eine »konstruierte« Hypothese zur Positionierung der Blätter eines Baums: »Die Blätter sind so angeordnet, als ob jedes einzelne davon bewusst versuchen würde, eine maximale Menge an Sonnenlicht zu erhalten.«19 Jedes Blatt verhält sich demnach so, als ob es die physikalischen Gesetze kennen würde, die die Intensität des Sonnenlichts bestimmen, und als ob es sich schnell und ohne Verzögerung zu jeder anderen, nicht besetzten Position bewegen könnte.20 Friedman betont, dass die Implikationen dieser Hypothese durchaus zu unserer Erfahrung der Welt passen: An der dem Sonnenlicht zugewandten Seite eines Baums wachsen gewöhnlich mehr Blätter als an der ihm abgewandten Seite. Während die Vorhersagen, die die Hypothese liefert, sich so mit unserer Erfahrung der Welt decken, gilt 3. 18 Friedman 1953, S. 3. 19 Ebd., S. 19; eigene Übersetzung. 20 Ebd. 582 Jenni Brichzin und Sebastian Schindler selbiges natürlich nicht für die Hypothese selbst. Sie steht in krassem Widerspruch zu allem, was wir über Blätter wissen, die an dünnen Ästen hängen, organisch wachsen und mit Sicherheit nicht in der Lage sind, ihre Position blitzartig zu ver- ändern, wenn sie nicht genug Sonnenlicht erhalten. Aber dieser Mangel an Realitätsbezug macht die Hypothese keineswegs unnütz. Sie tut so, als ob (»as if«) die Welt in einem bestimmten Sinn organisiert wäre, und dies ist ausreichend, um ihr erhebliche Erklärungskraft zu verleihen. Friedmans zentraler Punkt ist, dass theoretische Annahmen Erklärungskraft besitzen, ganz unabhängig davon, ob sie mit der erfahrbaren Welt übereinstimmen oder nicht. Diese These ist ein grundlegendes Element des Rational-Choice-Ansatzes. Friedman argumentiert, dass es sich mit der Annahme der rationalen Wahl durch Firmen in einem Markt genauso verhält wie mit den Blättern des Baums. Sie verhielten sich, als ob sie in jedem Moment ihre erwarteten Gewinne (»expected returns«) maximierten, auch wenn diese Annahme offensichtlich unrealistisch ist.21 In der politikwissenschaftlichen Teildisziplin der Internationalen Beziehungen hat Kenneth Waltz mikroökonomische Annahmen von Firmen auf Staaten übertragen. Waltz argumentiert dabei mit Verve für ein an Friedman angelehntes Theorieverständnis: Je unrealistischer und realitätsferner theoretische Annahmen seien, desto größer ist laut Waltz potenziell ihre Erklärungskraft.22 Das Waltz’sche/Friedman’sche Axiom postuliert, dass wir, um Geschehnisse in der Welt erklären zu können, Kräfte ausfindig machen müssen, die sich uns nicht selbst in der Welt zeigen. Geschehnisse in der Welt zu erklären bedeutet im Modell der rationalen Wahl, Annahmen über Kräfte aufzustellen, deren Implikationen man zwar wahrnehmen kann, die man selbst aber nie zu Gesicht bekommen wird. Die Kräfte wirken unter der Oberfläche, in einem unzugänglichen »Dahinter«; der einzige Zugang, den wir zu ihnen besitzen, sind die Belege, die sie tagtäglich schaffen, wenn etwa an Bäumen tatsächlich mehr Blätter an der einen als an der anderen Seite wachsen. Die Welt, wie sie uns erscheint, wurde von uns nicht zugänglichen Mächten geschaffen: von einer unsichtbaren Hand, um die bekannte Metapher Adam Smiths zu verwenden.23 Wir wollen hier nicht die Qualität der Friedman’schen Annahmen und ihren tatsächlichen Nutzen abstreiten. Uns geht es darum, darauf hinzuweisen, in welche Art von Weltbezug man tritt, wenn man versucht, alles damit zu erklären. Man ignoriert dann systematisch jene Phänomene, die an der Oberfläche selbst zu beobachten sind. 21 Ebd., S. 21–22. 22 Waltz 1979, S. 5 f. 23 Friedmans Erklärungsmodell wird sicherlich nicht von allen TheoretikerInnen der rationalen Wahl geteilt. Manche folgen einem realistischen Theorieverständnis, das heißt sie begreifen ihre Annahmen nicht allein als erklärungskräftig, sondern auch als adäquate Beschreibungen der Wirklichkeit (für eine Kritik eines solchen realistischen Verständnisses der Theorie siehe aber zum Beispiel Waltz 1979, S. 4–10; Fearon, Wendt 2002). Bei der Erforschung der politischen Praxis gerät auch eine realistisch verstandene Theorie der rationalen Wahl oft in die Lage, mit der Figur des »Dahinter« zu operieren, weil sie meist »eigentliche« Interessen den »angeblichen« Normen gegenüberstellt. Wir danken Tobias Wille für diesen Hinweis. Warum es ein Problem ist, immer »hinter« die Dinge blicken zu wollen 583 Leviathan, 46. Jg., 4/2018 Das Erklärungsverfahren der rationalen Wahl fußt auf einer metatheoretischen Prämisse, die den Vorannahmen von Verschwörungstheorien frappierend ähnlich ist. Wie Verschwörungstheorien postuliert auch die sozialwissenschaftliche Theorie der rationalen Wahl die Existenz von Kräften, deren Auswirkungen wir zwar tagtäglich spüren, denen wir aber hilflos und ohnmächtig ausgeliefert sind. Ähnlich verhält es sich auch mit Aspekten einer Theorie, die in einem komplett anderen, ja sogar gegensätzlichen Erkenntnishorizont verortet ist: der Kritischen Theorie. Dunkle Mächte in der Kritischen Theorie Kritische Theorie unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht ganz wesentlich von der Theorie rationaler Wahl. Sie operiert auf einem anderen Abstraktionsniveau und ist um andere Gegenstände besorgt. Aus der Sicht der Kritischen Theorie erscheint die Theorie der rationalen Wahl am ehesten als »traditionelle« (unkritische) Theorie, deren Verkennen des Status quo als unveränderliche Realität problematisiert werden muss.24 Doch auch eingeschrieben in die Kritische Theorie findet sich jene Erkenntnisfigur, die Wissen hinter der Oberfläche der Erscheinungen sucht. Wir wenden uns im Folgenden einem ihrer Schlüsseltexte zu, der Dialektik der Aufklärung.25 Max Horkheimer und Theodor Adorno entwickeln in diesem in den 1940er Jahren verfassten Text eine faszinierende Argumentation. Die Aufklärung, verstanden als Siegeszug der Vernunft, verkehrt sich gerade deshalb in ihr Gegenteil – die Barbarei –, weil sie neben dem Instrument systematisierender Ratio nichts anderes mehr gelten lässt. Das radikale Vernunftstreben führt die Menschheit in die absolute Irrationalität. Während den Menschen bei Friedman die tatsächlichen Beweggründe der Dinge schlicht intransparent sind, sind sie bei Horkheimer und Adorno in gewissem Sinn noch schlechter dran: Sie täuschen sich in einem Ausmaß über die Funktionsweise der Welt, dass sie meinen, das eine zu tun, tatsächlich aber das Gegenteil erwirken. Die Kritik entzündet sich dabei nicht an der Vernunft als solcher, sondern an einem bestimmten Verständnis davon. Nach Immanuel Kant ist Vernunft die Fähigkeit des menschlichen Geistes, das Allgemeine im Besonderen zu erkennen, also durch (begriffliche) Systematisierung Ordnung in der komplexen Mannigfaltigkeit der äußeren Erscheinungen zu stiften.26 Aufgeklärte Mündigkeit erreicht der Mensch folglich, wenn es ihm gelingt, die Welt durch seinen erkennenden Geist zum System zu ordnen, wodurch er ihrer zugleich Herr wird.27 Horkheimer und Adorno erscheint diese Vorstellung von Vernunft deshalb als problematisch, weil sie die Erkenntnis von Wirklichkeit auf eine bestimmte Weise engführt: auf die Herausbildung eines Systems, dessen einzelne Elemente dadurch schrittweise aus dem Blick geraten. Wenn sich die Welt aus einer komplexen Mannigfaltigkeit von Erschei- 24 Horkheimer 1968 [1937]. 25 Horkheimer, Adorno 1988 [1944]. 26 Kant 1998, S. 153 ff. 27 Horkheimer, Adorno 1988 [1944], S. 88 ff. 584 Jenni Brichzin und Sebastian Schindler nungen konstituiert, inwiefern kann dann als Erkenntnis gelten, was genau dadurch entsteht, dass von dieser komplexen Mannigfaltigkeit abgesehen wird? Es ist diese einseitige Subsumtion des Besonderen unter das Allgemeine, die Horkheimer und Adorno als ein Grundübel der Moderne identifizieren. Diese Form der Ratio sei das dem modernen Streben nach Naturbeherrschung gemäße Instrument – nicht nur, weil sie von jeglichen sinnhaften oder wertgebundenen Maßstäben des Handelns entbinde und damit dem Herrschaftsstreben freien Lauf lasse. Vor allem zeige sich im Vorgang der Subsumtion die Wirkungsweise der Macht: Wie die systematisierende Vernunft ordne Macht Vielheit der Einheit unter, sie vereinseitige die Welt in einer Weise, die in Reinform zu Verkennen und Entfremdung führe. Horkheimer und Adorno begreifen Macht als subsumierendes Prinzip an sich. Macht führe dazu, dass die Vielfalt des Lebens und der Natur unterdrückt werde: »Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie Macht ausüben.«28 Den Willen zur Subsumtion sehen sie als »objektive gesellschaftliche Tendenz in diesem Weltalter«,29 die es nicht lokal und partiell, auch nicht in Gestalt bestimmter VertreterInnen einer Klasse, sondern von Grund auf zu überwinden gelte. Herrschaft und Macht, viel mehr als die Herrschenden und Mächtigen, bilden den Ansatzpunkt grundsätzlicher Kritik. Um wirkliche Aufklärung zu erreichen, sei es notwendig, »der Macht endlich zu entraten«.30 Die »Dialektik der Aufklärung« ist also nicht so sehr als Kritik an einer bestimmten inhaltlichen Richtung gesellschaftlicher Entwicklung zu verstehen.31 Vielmehr ist die Subsumtion aller möglichen Ausprägungen gesellschaftlicher Existenz unter nur eine ihrer unzähligen Facetten das zentrale Problem. Daher richtet sich das gesamte analytische Interesse darauf, den gesellschaftlichen Tendenzen der Vereinseitigung in einer kritischen, dem Status quo nicht affirmativ begegnenden Haltung nachzuspüren,32 um auf diese Weise das Wirken der Macht zu entlarven.33 Das Fundament der Kritischen Theorie enthält eine Paradoxie. Indem Horkheimer und Adorno problematische Tendenzen gesellschaftlicher Vereinseitigung konstitutiv auf das subsumtive Wirken von Macht zurückführen, nutzen sie die vereinseitigende Wirkung der Systematisierung selbst als Erklärungsprinzip. Dieser Paradoxie sind sie sich bewusst – insbesondere Adorno betont, dass der wahre Erkenntnisprozess aus dem dialektischen Wechsel von erklärender Zuspitzung und nachfolgender Infragestellung der daraus resultierenden Vereinseitigung erwächst.34 Erneut wird also nicht die Suche nach einzelnen Prinzipien als proble- 28 Ebd., S. 15. 29 Ebd., S. 130. 30 Ebd., S. 49. 31 Dies wird immer wieder missverstanden (siehe zum Beispiel Roberts 2004, S. 70). 32 Vgl. Horkheimer 1968 [1937], S. 190. 33 Hier wird also das Programm der Kritischen Theorie als Kritik an (kapitalistischen) Machtprozessen begründet (vgl. Rush 2004, S. 9; Schecter 2016, S. 30). 34 Adorno 1973, S. 343 f. Warum es ein Problem ist, immer »hinter« die Dinge blicken zu wollen 585 Leviathan, 46. Jg., 4/2018 matisch erachtet, sondern deren Absolutsetzung, die die Mannigfaltigkeit des Möglichen unterdrückt. Ironischerweise bedeutet das aber zugleich, dass man gerade dort von der Tradition der Kritischen Theorie abweicht, wo man sich zu strikt auf den in der Dialektik der Aufklärung etablierten Fokus auf Macht als Referenzpunkt der theoretischen Kritik konzentriert. Entsprechend lautet eine Diagnose Jürgen Försters, die kürzlich im Leviathan erschienen ist: »In Abwandlung eines Arendt- Wortes könnte man sagen, dass die Kritische Theorie an der Weltentfremdung mitwebe, die die moderne Welt Arendt zufolge befallen hat.«35 Durch die Absolutsetzung von Macht als hintergründigem Erklärungsprinzip läuft die Kritische Theorie Gefahr, ihrem ureigenen Anliegen zu widersprechen, die vereinheitlichenden Tendenzen moderner Vernunft zu problematisieren. Sie läuft Gefahr, genau das Misstrauen mitzuproduzieren, das Arendt auf den Begriff der Weltentfremdung gebracht hat – jenes Misstrauen, das sich auch in der Verbreitung von Verschwörungstheorien äußert. Kritisches Denken kann durchaus Ressourcen bieten, um den verschwörungstheoretischen Verdacht zu problematisieren. Denn die Ausbreitung des Verdachts, dass im »Dahinter« Mächte operieren, die wir nicht kennen können, die uns und unsere Lebenssituation aber entscheidend beeinflussen, kann als eine Form des dialektischen Umschlags der aufklärerischen Vernunft in ihr Gegenteil begriffen werden. Aber wie wir gezeigt haben, besteht das Problem darin, dass auch die Kritik genau dieser Vernunft letztlich ein Bild der Ohnmacht erzeugt – den allgegenwärtigen Verstrickungen der Macht ist, so suggeriert die »Dialektik der Aufklärung«, in der gegenwärtigen Gesellschaft nicht zu entkommen. Wissenschaftliche Theorie und Verdacht Die Nebeneinanderstellung der Theorie rationaler Wahl und der Kritischen Theorie in Hinblick auf eine dem verschwörungstheoretischen Verdacht ähnliche Denkfigur soll nicht die Unterschiede verdecken, die auch auf der Ebene dieser Figur noch bestehen. Während beispielsweise die Erscheinungsformen der Oberfläche in der Kritischen Theorie aufgrund ihres machtdurchwirkten, folglich manipulativen Gehalts systematisch hinterfragt werden, sieht die Theorie der rationalen Wahl konsequent von der Oberfläche ab, weil sie ihr für die Erklärung sozialer Sachverhalte irrelevant erscheint. Die beiden hintergründigen Prinzipien, die hier in Anschlag gebracht werden – Subsumtion und Kausalität – finden jeweils unterschiedliche Wege am Bewusstsein der Akteure vorbei. Dennoch verbirgt sich in der Annahme, dass sich wissenschaftliche Analyse auf dem Weg zur eigentlichen Aufschlüsselung des Sozialen dem Hintergründigen zuwenden muss, eine fundamentale erkenntnistheoretische Prämisse: Erkenntnis entsteht durch den Blick hinter das Sichtbare. Wissenschaftliche Untersuchungen, die mit dieser Annahme operieren, entfalten einen Entlarvungsgestus, der auch für Verschwörungstheorien charakteristisch ist. Diese postulieren ebenfalls eine Erklärung des Sozialen durch dunkle, 35 Förster 2016, S. 455. 586 Jenni Brichzin und Sebastian Schindler unsichtbare Mächte, die hinter dem Rücken der Akteure operieren und nur von einer abgehobenen Beobachterposition erfasst werden können. Die Erfahrung der wiederkehrenden Einwände, die wir im ersten Teil des Aufsatzes beschrieben haben, lässt sich auf eine wirkmächtige, sich quer über das theoretische Spektrum hinweg manifestierende erkenntnistheoretische Grundhaltung zurückführen, die der Welt, wie sie unseren Sinnen erscheint, misstraut. An die Stelle des zugleich aufklärerischen und empiristischen Bekenntnisses »Ich glaube nur, was ich sehe!« tritt die Devise »Ich glaube nur, was ich nicht sehe«. Im nächsten Abschnitt wollen wir uns der Frage zuwenden, wie eine Erklärung des Politischen aussehen kann, die ihr Erkenntnispotenzial nicht aus dem Blick ins »Dahinter« gewinnt. Oberfläche und Landkarte – Wege der Politikforschung jenseits des verschwörungstheoretischen Verdachts Auf der Suche nach Erkenntnismöglichkeiten des Politischen jenseits des verschwörungstheoretischen Verdachts wollen wir insbesondere zwei Erkenntnisfiguren beschreiben: die Wertschätzung der Oberfläche bei Hannah Arendt und das Erstellen von Landkarten bei Bruno Latour. Diese Erkenntnisfiguren helfen dabei, den für den verschwörungstheoretischen Verdacht charakteristischen Moment des Misstrauens zu überwinden. Hannah Arendt: Den Wert der Oberfläche erkennen Auf eine kuriose Weise dreht Hannah Arendt die Denkfigur, die in den beschriebenen sozialwissenschaftlichen Theorien Politik erklärbar und verständlich machen soll, um. Anstatt Wissen über die politische Welt zu schaffen, indem versteckte Funktionen und Strukturen offengelegt werden, soll dieses Wissen dadurch generiert werden, dass man sich mit den Phänomenen der Oberfläche auseinandersetzt. Arendt betont den »Wert der Oberfläche«.36 Gerade dort sei das »Bedeutsame und Sinnvolle zu finden«.37 Wie der Ökonom Milton Friedman, der das Beispiel der Blätter an einem Baum diskutiert, um die Erklärungskraft der Theorie rationaler Wahl zu illustrieren, greift Arendt auf eine Analogie zur Biologie zurück, um ihr Argument zu untermauern. In ihrer posthum veröffentlichten Schrift Das Leben des Geistes diskutiert Arendt die Erkenntnisse des Schweizer Biologen und Zoologen Adolf Portmann, dessen Buch Das Tier als soziales Wesen im selben Jahr wie Friedmans Essay zur Theorie der rationalen Wahl erschien (1953). Anstatt die Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt auf den Selbst- und Arterhaltungstrieb zurückzuführen, sieht Portmann den Wert in dieser Vielfalt an sich. Die funktionalen Prozesse, die das Überleben sichern, seien nicht der Zweck, dem die Erscheinungen letztlich dienten – in dem Sinn, dass zum Beispiel buntes Gefieder bei Vögeln letztlich allein durch den Zweck des Balzens 4. 36 Arendt 1998 [1971], S. 36. 37 Ebd., S. 37. Warum es ein Problem ist, immer »hinter« die Dinge blicken zu wollen 587 Leviathan, 46. Jg., 4/2018 und der Vermehrung der eigenen Art erklärbar ist. Stattdessen sei es umgekehrt so, dass die Lebensprozesse der Erhaltung und Erneuerung der Vielfalt dienten.38 Portmann zeigt, dass »die ungeheure Vielfalt des tierischen und pflanzlichen Lebens, der Reichtum der Entfaltung in seiner blanken funktionalen Überflüssigkeit, durch die üblichen Funktionstheorien des Lebens nicht erklärt werden kann«.39 Übertragen auf das Beispiel des Baums ließe sich also sagen, dass Friedman etwas Wesentliches nicht bedenkt. Während ihm zufolge die Blätter dem Überleben des Baums dienen, indem sie ihm durch Photosynthese Energie zuführen, hat Portman zufolge das Überleben des Baums den Zweck, ihm die spezifische Erscheinung in der Welt zu ermöglichen, mit der er sich von allen anderen Bäumen der Welt unterscheidet. Die Wertschätzung der Oberfläche stellt eine weitverbreitete und speziell mit der Moderne assoziierte Vorstellung davon, wie man zu Wissen über die Welt gelangt, auf den Kopf. »Aus Portmanns Befunden«, so Arendt, »folgt die Falschheit unserer üblichen Urteilsmaßstäbe, die so fest in metaphysischen Annahmen und Vorurteilen verankert sind – nach denen das Wesentliche unter der Oberfläche liegt und diese etwas ›Oberflächliches‹ ist.«40 Die Oberfläche ist nach Arendt aber gerade das, zu dessen Zweck funktionale Lebensprozesse existieren. Die moderne Wissenschaft »auf ihrer unermüdlichen Suche nach der Wahrheit hinter den bloßen Erscheinungen« sei mit dem Problem konfrontiert, dass ihre Produkte selbst Erscheinungen sind.41 Das Wissen, das durch Friedmans Suche nach dem »Dahinter« produziert wird, tritt in der Welt neben vielen anderen wissenschaftlichen Produkten in Erscheinung. Würde man etwa Friedmans Essay von 1953 funktional durch dessen Überlebenswillen »erklären« – er hat ihn geschrieben, weil er damit eine neue Professur erhalten oder ein neues Forschungsprojekt bewilligt bekommen will –, dann würde man seinen spezifischen Wert, den Beitrag zur Wissenschaft, nicht ernst nehmen. Durch die Erkenntnisfigur des Blicks hinter die Erscheinungen geht etwas Wesentliches verloren: das, was Friedmans Text zu einem wissenschaftlichen Argument und das Blatt zum Blatt eines bestimmten Baums macht. Nur an der Oberfläche (und nicht beim Blick auf die tieferen Funktionen und Lebensprozesse) zeigt sich nach Arendt die Vielfalt des menschlichen Erscheinungsraums. Das Konzept der »Pluralität«42 bildet eine wichtige Basis ihrer theoretischen Überlegungen. Allerdings ist damit nicht die Pluralität von Interessen gemeint. Pluralität bezeichnet bei Arendt die unübersehbare Mannigfaltigkeit der Weltsichten und Handlungsweisen,43 deren Bedingung die »Natalität«44 ist – der Umstand also, dass jeder Mensch mit seinen etwas anderen Anlagen in eine etwas andere Welt 38 Ebd. 39 Ebd.; Hervorhebung im Original. 40 Ebd., S. 40. 41 Ebd., S. 36; Hervorhebung im Original. 42 Arendt 1960, S. 14 f. 43 Vgl. Brichzin 2016 b, S. 276 ff. 44 Arendt 1960, S. 16. 588 Jenni Brichzin und Sebastian Schindler geboren wird und so betrachtet jeder Mensch einen kleinen »Neuanfang«45 darstellt. In ihrer Schrift Vita Activa widmet Arendt sich drei zentralen Tätigkeitsformen des Menschen – dem Arbeiten, dem Herstellen und dem Handeln.46 Mit diesen drei Begriffen sind bedeutsame Teile des menschlichen Tätigseins erfasst: die menschliche Sorge um Selbsterhaltung, die sich im durch Arbeit ermöglichten Konsum manifestiert und damit die Notwendigkeit zu arbeiten bedingt; der menschliche Antrieb zur Ausstattung der Welt, der die Herstellung ihres materiellen Inventars bedingt; schließlich das menschliche Zusammenleben, welches das gemeinsame Handeln ermöglicht. Handeln ist für Arendt die spezifische Tätigkeitsform des Politischen.47 Während der Friedman’sche Weg der Erkenntnis möglicherweise noch dazu geeignet sein mag, Sinnvolles über das Arbeiten und das Herstellen auszusagen, so muss er, folgt man Arendt, für das Erkennen des Politischen vollständig versagen. Denn politisch tätig zu sein, also zu handeln, bedeutet, etwas in die Welt zu bringen, was davor nicht da war. Es bedeutet, den Lauf der Dinge dadurch zu verändern, dass man sich in das Zusammenleben einbringt. Die Welt des Handelns bildet ein Beziehungsnetz, das sich durch jede Bewegung verwandelt und damit aufhört, das alte zu sein. Indem man sich also in die Welt des Zusammenlebens einbringt, bringt man etwas Einzigartiges und zugleich sich selbst als etwas Einzigartiges hervor. Arendt versteht Politik als »eine genuine Handlungsform, deren Sinn Freiheit ist«.48 Was oft im Sinne eines individuellen Gestaltungspathos als normativ (im Sinne von wissenschaftlich unbrauchbar) missverstanden wird,49 ist tatsächlich Ausdruck der Anerkennung eines empirischen Umstands, mit dem Generationen von PolitikwissenschaftlerInnen gleich dem Sisyphos gerungen haben: der fundamentalen Unvorhersehbarkeit des Politischen, die aus der menschlichen Pluralität und der damit einhergehenden Komplexität des menschlichen Zusammenlebens resultiert.50 Von der kleinen Gremiensitzung bis zu nationalen Wahlkämpfen, vom lokalen Protestmarsch bis zum globalen Konflikt: Alle politischen Handlungen sind in ihrem Ergebnis nicht vollständig berechenbar, nie absolut vorhersagbar. Die Theorie der rationalen Wahl kann uns dabei helfen, die rationale Notwendigkeit vergangener politischer Entwicklungen aufzuzeigen. Aber das, was diese Entwicklungen politisch macht, verkennt sie notwendigerweise. Wer Politik erkennen will, der muss Arendt zufolge an der Oberfläche suchen, wo das genuin Unvorhersehbare und Neue in der Welt erscheint. Die Oberfläche ernst zu nehmen heißt dabei, sie in ihrer Dreidimensionalität zu begreifen. Wie sich eine Architektur, eine Skulptur, eine Landschaft nicht von einem einzelnen Standpunkt aus erfassen lässt, so besitzt auch die Welt der Menschen zu viele Facetten, erscheint 45 Arendt 1993, S. 50 46 Arendt 1960, S. 16 f. 47 Ebd., S. 164 ff. 48 Bluhm 2001, S. 73. 49 Trotha 2010, S. 492. 50 Arendt 1960, S. 173 f. Warum es ein Problem ist, immer »hinter« die Dinge blicken zu wollen 589 Leviathan, 46. Jg., 4/2018 aus verschiedenen Perspektiven als zu unterschiedlich, als dass ein singulärer Zugang erfolgversprechend sein kann: »[N]iemand [kann] all das, was objektiv ist, von sich her und ohne seinesgleichen adäquat in seiner vollen Wirklichkeit erfassen […], weil es sich ihm immer nur in einer Perspektive zeigt und offenbart, die seinem Standort in der Welt gemäß und inhärent ist. […] Erst in der Freiheit des Miteinander-Redens ersteht überhaupt die Welt als das, worüber gesprochen wird, in ihrer von allen Seiten her sichtbaren Objektivität.«51 Arendt formuliert hier einen Begriff der Objektivität, der die Güte der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit nicht an der konsequenten Durchdringung des Erkenntnisgegenstands bemisst, sondern an der Plastizität seiner Betrachtung. Müsste man diesem Pfad der Erkenntnis einen Namen geben, könnte man ihn vielleicht etwas kühn als konstruktivistischen Pluralismus bezeichnen. Denn die Arendt’sche Prämisse der Pluralität schlägt sich bis zu ihren epistemologischen Grundlagen durch: Als einzelnes ist das Erkenntnissubjekt gar nicht in der Lage, Objekte der Erkenntnis zu erfassen, die selbst im Zeitverlauf nie gleich bleiben, da die Menschen ihre Welt im Zusammenleben immer neu hervorbringen. Die Pluralität der Welt nicht zu erkennen heißt, die Welt zu verkennen. Ein Wechsel der Erkenntnisfigur vom Blick ins verborgene »Dahinter« zur Oberfläche ist deshalb nicht nur für die wissenschaftliche, sondern auch für die politische Praxis bedeutsam. Denn die politische Praxis unserer Zeit, so Arendt, bemisst Politik oft an ihrer Effizienz. Sie lässt sich also von der Vorstellung leiten, gute Politik bestünde darin, möglichst schnell und unter Absehung von »unnötigen«, »falschen« oder »absurden« Positionen zum vermeintlichen »Kern« einer Sache durchzudringen. Auch im Politischen zeigt sich damit oft die Vorstellung, die eigentlichen Lösungen seien unter der Oberfläche der vielfältigen Erscheinungen zu finden und lieferten eindeutige, auf geradem Wege zu erreichende Ergebnisse. Für Arendt jedoch kommt genau diese Vorstellung der Abschaffung von Politik, also der Entfremdung vom gemeinsamen Handeln, gleich. Auch wenn es gelegentlich mühsam und langwierig sein mag, sich in einem Gremium oder Verein zu engagieren, so sind dies doch die Orte, die es den Menschen ermöglichen, mit ihrem individuellen Standpunkt und ihrer individuellen Perspektive auf die Welt in Erscheinung zu treten. Die Krise, »in der wir heute alle und überall leben«, beschreibt Arendt52 im letzten Kapitel der Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft als den Verlust genau solcher Orte. Arendts Plädoyer für die Wertschätzung der Oberfläche hat wissenschaftliche und politische Gründe. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es nötig, die Vielfalt der Erscheinungen in den Blick zu nehmen, weil nur dadurch die Unvorhersehbarkeit politischer Entwicklungen – die Überraschungen, die die Zukunft stets bereithält – theoretisch angemessen reflektiert werden kann. Aus politischer Sicht kommt die Infragestellung des Werts von Erscheinungen einer Infragestellung des Werts von Politik überhaupt gleich, weil politisches Handeln Räume benötigt, in denen Menschen sich in ihrer individuellen Einzigartigkeit zeigen können. Das Arendt’sche Programm einer Wertschätzung der Oberfläche, das ihre politische Theorie durch- 51 Arendt 1993, S. 52; siehe auch Förster 2016, S. 465. 52 Arendt 1986 [1951], S. 945, 971. 590 Jenni Brichzin und Sebastian Schindler zieht, kann auf eine Reihe von Verbündeten in der Sozialtheorie zurückgreifen, etwa Phänomenologen wie Martin Heidegger oder Ethnomethodologen wie Harold Garfinkel. Auch Luc Boltanski und Laurent Thévenot betonen in Über die Rechtfertigung die Notwendigkeit, unmittelbar wahrzunehmen, was an der Oberfläche geschieht, um Praktiken der Rechtfertigung und Kritik in sozialen Situationen überhaupt als das erkennen zu können, was sie sind.53 Im Folgenden möchten wir uns mit einem Sozialwissenschaftler auseinandersetzen, der selbst stark von Garfinkel und Boltanksi inspiriert wurde: Bruno Latour. Mit ihm stoßen wir auf eine weitere Erkenntnisfigur, die das Politische nicht im »Dahinter« aufsucht, sondern es stattdessen auf einer »Landkarte« verortet. Bruno Latour: Das Politische kartographisch erkennen Latour unterscheidet seinen Erkenntnisstil wesentlich von einer theoretischen Richtung, die er in Anlehnung an Boltanski »Kritische Soziologie«54 nennt. Er selbst macht nie vollständig klar, wer und was sich seiner Meinung nach alles unter diesem Namen versammeln lässt; es handelt sich wohl um ein Konglomerat von Ansätzen, die unter anderem von Adorno, Horkheimer, marxistischen Ideen und auch von Pierre Bourdieu inspiriert sind und denen das Ziel gemein ist, gesellschaftliche Missstände aufzudecken – was vor allem heißt: Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu entlarven.55 Genau an dieser Stelle setzt Latour mit seiner fundamentalen (und gelegentlich polemischen) Kritik an. Wenn unabhängig vom Gegenstand der Forschung – seien es wissenschaftliche Praxis oder politische Prozesse, ökonomische Verhältnisse oder persönliche Beziehungen – bereits im Vorhinein feststehe, worauf es ankomme (nämlich auf Macht- und Herrschaftsverhältnisse), so sei der Impuls zur Forschung dem Willen zur Dogmatik gewichen. Nicht mehr das Erkennen, sondern das Verkennen charakterisiere den Forschungsprozess, wenn das Analyseraster vorab fixiert sei, einzelne Aspekte eines Phänomens vor den unzähligen anderen Privilegierung fänden und die Akteure als Erkenntnishindernis missachtet würden, weil das Wesentliche ja erst »hinter« ihnen zu finden sei.56 Das »repetitive Ideom des Sozialen«57 sei nicht geeignet, um die »buntscheckigen Existenzweisen«58 beziehungsweise das »komplexe Imbroglio«59 zu erfassen, das die Welt sei. Die kategorialen »black boxes«60 der Soziologie verdeckten die Wirklichkeit mehr, als dass sie helfen würden, sie zu begreifen – was als Erkenntnis erlebt werde, ist dann mögli- 53 Boltanski, Thévenot 2006. 54 Latour 2010, S. 22. 55 Ebd., S. 147 ff. 56 Ebd., S. 188. 57 Ebd., S. 96 58 Ebd., S. 194. 59 Ebd., S. 233. 60 Vgl. ebd., S. 70. Warum es ein Problem ist, immer »hinter« die Dinge blicken zu wollen 591 Leviathan, 46. Jg., 4/2018 cherweise nicht mehr als die libidinöse Erfahrung ordnungsstiftenden Sortierens in vorgegebene Kategorien. Soziologie werde zum Ritual. Bereits in seinen frühen Laborstudien entwickelt Latour – unverkennbar beeinflusst von Garfinkel61 – einen Erkenntnisstil, der sich drastisch vom später so grundsätzlich infrage gestellten kritischen Erkenntnisstil unterscheidet. In seinem erst Jahrzehnte später verfassten sozialtheoretischen Hauptwerk wird dieser Stil als »kartographische«62 Erkenntnisstrategie in Erscheinung treten. Zunächst allerdings bildet ein einfaches Moment des Erstaunens den Ausgangspunkt seiner Laborstudien: Wie kommt es, dass uns die traditionelle Wissenschaftsforschung so wenig Auskunft dazu geben kann, wie Wissenschaft tatsächlich abläuft – dazu, was sich an den Orten der Wissensproduktion tatsächlich ereignet?63 Um dies zu ändern, begibt sich Latour selbst an den Ort des Geschehens, macht sich zum Teil des Lebens im Labor. Auf diesem Wege gelingt es ihm, die Vorstellung von dem/der WissenschaftlerIn als Verkörperung des reinen Geistes der Rationalität grundsätzlich infrage zu stellen. Stattdessen entsteht ein Bild der Wissenschaftstreibenden als profane, an der Produktion von Erkenntnis Arbeitende, die diese Erkenntnis nicht schlicht »haben«, sondern sich dafür anstrengen müssen – sowohl in der Interaktion mit ihren KollegInnen als auch mit ihrem materiellen Umfeld (zum Beispiel die Maschinen im Labor), die gleichermaßen Impulse setzen, auf die sie gleichermaßen reagieren und die sie gleichermaßen interpretieren müssen, um Stückchen für Stückchen dem wissenschaftlichen Text als materialisiertem Erkenntnisprodukt näher zu kommen.64 Diese Untersuchung, die auf der ethnomethodologischen Grundidee beruht, den Akteuren zu folgen anstatt sich von ihnen zu distanzieren (bis heute eines der zentralen Prinzipien der Akteur-Netzwerk-Theorie65), ist nach wie vor wirkmächtig.66 Sie hat früh vorgemacht, was es heißen kann, die soziale Welt »nachzuzeichnen«,67 ein »mapping«68 sozialer Prozesse zu unternehmen. Latour bezeichnet den hier eingeschlagenen Erkenntnisweg erst viel später als Kartographie des Sozialen. Erst damit wird klar, wie grundsätzlich sich dieser von einem Erkenntnisweg unterscheidet, dem das »Dahinter« als Leitmetapher zugrunde liegt. Denn die Vorstellung davon, wie Erkenntnis funktioniert, ändert sich mit dem Wechsel zur Metapher der Landkarte grundlegend. Das aufklärende Moment resultiert hier nicht aus der Aufdeckung einer Diskrepanz zwischen dem Vordergrund des Scheins und der hintergründigen Essenz. Zwar kann sich auch durch das Geheimnis offenbarende Öffnen von Türen, das Ausheben von Verste- 61 Wieser 2012, S. 136; Garfinkel 2010 [1967]. 62 Latour 2010, S. 59 ff. 63 Latour, Woolgar 1986, S. 11 ff. 64 Ebd., S. 235. 65 Peuker 2010, S. 331. 66 Siehe Hackett et al. 2008. 67 Latour 2010, S. 275. 68 Latour 2005, S. 41. 592 Jenni Brichzin und Sebastian Schindler cken und das Lüften von Schleiern Erkenntnis einstellen,69 doch handelt es sich dabei um Ausnahmeereignisse, die sich nicht durch Wiederholung erzwingen lassen. Die viel alltäglichere Erfahrung von Erkenntnis entspricht eher derjenigen, die man beim Betrachten einer Landkarte machen kann. Man gewinnt Wissen dadurch, dass man Größenordnungen, Entfernungen, Unterschiede, Proportionen, Beschaffenheiten und Wechselverhältnisse in ihrem Zusammenhang überblicken kann. Dieses Wissen aber entlarvt nichts, enthüllt nichts – man findet sich zurecht statt zu durchschauen, man kennt sich aus statt zu demaskieren. Der kartographische Nachvollzug des Netzwerks, das die soziale Welt bildet, ist daher der Anspruch des an der Idee der Landkarte orientierten Ansatzes. Dieser Ansatz geht mit einer epistemologischen Bescheidenheit einher, die Erkenntnis nicht als Ergebnis einer »mysteriösen kognitiven Leistung«70 erachtet, sondern als Produkt materieller Tätigkeiten begreift – als ein »sehr praktisches, welterzeugendes Unternehmen«.71 Das heißt aber zugleich, dass es für KartographInnen der sozialen Welt keine Abkürzung gibt. Anstatt die Wirklichkeit vorschnell einhegen zu wollen, um sie handhabbar zu machen, müsse man sich ihrer Komplexität ohne Schutzvorkehrungen (womit große Ideen ebenso gemeint sein können wie Fragebögen) aussetzen. Den »Akteuren zu folgen« ist, wenn man es ernst damit meint, mühsam und beschwerlich.72 Und es geht damit eine zweifache Nivellierung einher: einerseits auf erkenntnistheoretischer Ebene zwischen den Forschenden und den Gegenständen ihrer Forschung und andererseits auf der Ebene der sozialtheoretischen Beschreibung von Wirklichkeit, die nach Latour vom Einziehen analytischer Dimensionen (zum Beispiel Mikro- und Makroebene) und der konzeptionellen hierarchischen Differenzierung a priori abzusehen hat.73 Das ist es, was Latour meint, wenn er – ganz im Sinne der Kartographie – postuliert, das Soziale müsse »flach« gehalten werden.74 Bemerkenswert ist, dass er mit diesem Aufruf zur Zweidimensionalität ebenso wie Arendt mit ihrer Option für die dreidimensionale Betrachtung das räumliche Denkmodell in Anspruch nimmt, um eine Alternative zur Erkenntnisfigur des »Dahinter« zu entwickeln. Die anti-essentialistische Prämisse, dass »hinter« den Dingen keine Wesenheiten zu finden sind, beendet die metaphysische Suche nach der absoluten Realität.75 Die Welt ist immer viele, sie ist nicht eindeutig bestimmbar,76 ohne deshalb jedoch beliebig zu sein. Die zugehörige epistemologische Position ließe sich, etwas paradox anmutend, als konstruktivistischer Realismus bezeichnen.77 Als konstruktivistisch kann sie gelten, 69 Vgl. Krasmann 2016. 70 Latour 2010, S. 177. 71 Ebd. 72 Ebd., S. 44 73 Latour 2010, S. 51. 74 Ebd., S. 186. 75 Vgl. Fuchs 2001, S. 12. 76 Thiemer 2016, S. 186. 77 Vgl. Wieser 2012, S. 72; siehe aber Law 2004. Warum es ein Problem ist, immer »hinter« die Dinge blicken zu wollen 593 Leviathan, 46. Jg., 4/2018 weil die von den SozialwissenschaftlerInnen zu erfassende, immer raumzeitlich situierte Wirklichkeit nach Latour stets ein Produkt des sozialen Prozesses ist (an dem auch die Forschenden selbst beteiligt sind), der sich mit seinen Erzeugnissen wiederum materiell in die Welt einschreibt. Realistisch ist diese Position,78 weil Latour die Forschenden dazu aufruft, ihre Erkenntnisbestrebungen konsequent an der materiell verfassten Wirklichkeit auszurichten. Doch wie lässt sich eine solche konsequente Ausrichtung an der Wirklichkeit denken, wenn doch gerade die Vorstellung einer metaphysisch existenten Wirklichkeit verworfen wurde? Hier zeigt sich auf erkenntnistheoretischer Ebene, was sozialtheoretisch bereits angelegt ist: Von eindeutig zu bestimmenden Fixpunkten verschiebt sich der Fokus auf den Prozess der Relationierung, der unterscheidbare Entitäten zuallererst hervorbringt79 – auch der Mensch wird erst in seinen Beziehungen zu dem, der er ist. Epistemologisch richtet sich damit das Augenmerk auf den Erkenntnisprozess selbst und seine Mittel, also auf die Art und Weise der Bezugnahme auf eine nicht eindeutig zu bestimmende Wirklichkeit. An ihr lässt sich die Qualität des Forschungsprozesses ablesen. Über diese erkenntnistheoretische Wendung ließe sich sicherlich noch viel intensiver nachdenken. Für das Ausloten alternativer Erkenntnisfiguren scheint an dieser Stelle allerdings lediglich entscheidend zu sein, dass diejenigen Werkzeuge, die traditionell an die Stelle des maßgeblichen Erkenntnismittels treten, nämlich Begriffe beziehungsweise sprachliche Kategorien,80 von Latour in ihrer Bedeutung radikal relativiert werden.81 Denn wenn man sich, so seine Überlegung, mit Kant auf die systematisierende Leistung der Begriffsbildung verlässt, so läuft man Gefahr, in diesen Begriffen – beispielsweise »Macht« oder »Interessen« – eben doch wieder das »Wesentliche« des Gegenstands hinter der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen zu verorten, den Gegenstand also unter diese Begriffe zu subsumieren und seine nicht auf einen Begriff zu reduzierende Gestalt damit im Dunkeln versinken zu lassen. Auf diese Weise entstehen die berüchtigten Latour’schen »black boxes«, in die sich die Wirklichkeit ritualisiert verstauen lässt. Dabei kommt es bei Latour gerade auf das Erleben, auf die Erfahrung der Forschenden an: Das ehemalige Erkenntnissubjekt rutscht selbst in die Position des zentralen Erkenntnismittels,82 an seiner eigenen Reaktion auf die Welt, in der es sich bewegt, lässt sich ablesen, ob ihm etwas Relevantes begegnet ist oder nicht.83 Als Messgröße dient dabei das »Staunen«,84 die 78 Stellenweise kokettiert Latour sogar damit, ein Positivist zu sein (Latour 2010, S. 270). 79 Ebd., S. 50 ff. 80 Kant 1998, S. 145. 81 Latour 2010, S. 110. Ein Charakteristikum, das sich interessanterweise auch in anderen relational orientierten Zugängen explizit als »antikategorischer Imperativ« (Emirbayer, Goodwin 1994, S. 1414) formuliert findet. 82 Vgl. Hirschauer 2001, S. 439. 83 Trotz aller Latour’schen Polemik gegen Denkrichtungen wie etwa die Husserl’sche Phänomenologie kann man sich an dieser Stelle durchaus die Frage stellen, ob es sich nicht um eine phänomenologische Wendung von Erkenntnistheorie handelt. 84 Latour 2010, S. 109. 594 Jenni Brichzin und Sebastian Schindler eigene »Überraschung«.85 Sie zeigt an, ob man im Forschungsprozess tatsächlich etwas Neuem begegnet, Erkenntnis also möglich ist, oder ob bloße Reproduktion erwartet werden kann – also das, was nach Latour in der Regel das Ergebnis der routinierten Empörung der Kritischen Soziologie und mit ihr des verschwörungstheoretischen Verdachts ist. Die besondere wissenschaftliche Leistung liegt also nicht in der Fähigkeit zum Systematisieren, Analysieren, Subsumieren oder Entlarven begründet, KartographInnen des Sozialen registrieren ihr eigenes Staunen. Und wenn es ihnen gelingt, die eigene Überraschung im Bericht nachvollziehbar zu machen, so ist Erkenntnis möglich.86 Aber wo bleibt bei all dem eigentlich die Politik? Während Arendt ihren Erkenntnisweg explizit mit Blick auf die Erfassung des Politischen ausrichtet, spitzt Latour den Geltungsbereich nicht in dieser Weise zu. Dennoch besitzt auch der kartographische Erkenntnisstil eine besondere Relevanz für die Erforschung des Politischen – nicht zuletzt die zunehmende Hinwendung Latours zu politischen Phänomenen im Laufe der Zeit darf als Indiz dafür gelten.87 Diese besondere Nähe ergibt sich aus der oben bereits angedeuteten Zielsetzung Latours: einen Forschungsansatz zu entwickeln, der in der Lage ist, neue Entwicklungen, Veränderungen, Umwälzungen zu erfassen, und dem das Überraschende nicht entgeht – Stabilität ist nicht die Regel, sie ist die Ausnahme.88 Das trifft im Speziellen für die Untersuchung der Wissenschaft zu, deren Prozesse auf die Beschäftigung mit dem Neuen ausgerichtet sind.89 Es trifft im Allgemeinen für die Gesellschaft der Gegenwart zu, die sich inmitten einer fortlaufenden Revolution durch die Freisetzung von Natur-Kultur- Hybriden befindet.90 Und es trifft grundsätzlich für das Politische zu, das Latour als Vorgang der Rekomposition des Sozialen begreift91 – nicht als einen spezialisierten Bereich der Gesellschaft also (auch WissenschaftlerInnen können, so Latour, mit ihrem »welterzeugenden Unternehmen« dezidiert politisch tätig sein), sondern als einen den Status quo überformenden Modus des Seins.92 Bei aller Differenz befindet sich Latour damit in erstaunlicher Nähe zur Arendt’schen Betonung der Unvorhersehbarkeit des Politischen. Und vor dem Hintergrund der kartographischen Metapher macht das auch Sinn: Landkarten müssen vor allem dort erstellt werden, wo man sich nicht bereits sehr gut auskennt. 85 Ebd., S. 125. 86 Latour 2010, S. 237. 87 Gertenbach et al. 2016, S. 237. 88 Latour 2010, S. 63. 89 Vgl. Latour 2015, S. 125 90 Latour 2008. 91 Vgl. Latour 2015, S. 125. 92 Vgl. Latour 2014, S. 200. Warum es ein Problem ist, immer »hinter« die Dinge blicken zu wollen 595 Leviathan, 46. Jg., 4/2018 Fazit Ausgehend von unseren eigenen Forschungserfahrungen zu Phänomenen des Politischen, haben wir argumentiert, dass der verschwörungstheoretische Verdacht, der uns bei der Diskussion unserer Forschungsergebnisse kontinuierlich begegnet ist, tief in die epistemologische Matrix sozialwissenschaftlicher Theorie eingelassen ist. Die ihn bedingende Erkenntnisfigur des »Dahinter« lässt sich, folgt man Arendt, sogar als epistemologische Grundhaltung der Moderne verstehen. Die Enttarnung der Interessen in der Theorie rationaler Wahl einerseits und das Entlarven der Macht mit Hilfe der Kritischen Theorie andererseits sind zwei spezielle Formen, die die Erkenntnisfigur des »Dahinter« annehmen kann. Nicht allein der politik- beziehungsweise sozialtheoretische Zugang prägt die Behandlung eines Forschungsgegenstands, sondern ebenso die grundlegenden epistemologischen Metaphern, die unsere Erkenntnisweisen strukturieren. Eine verbreitete epistemologische Disposition, die den Blick ins »Dahinter« lenkt, führt zu einer einseitigen Betrachtung der Gegenstände politik- und sozialwissenschaftlicher Forschung. Um zu zeigen, welche alternativen Wege sich einschlagen lassen, um das Politische zu erkennen, haben wir Arendts Erkenntnisfigur der Oberfläche und Latours Erkenntnisfigur der Landkarte eingeführt. Dabei lassen sich erstaunliche Parallelen ausmachen. Sowohl Arendt als auch Latour sind entschlossen, gerade nicht hinter die Dinge zu blicken. Sie wollen stattdessen die volle Bandbreite des Sichtbaren erfassen. Den Raum des Sichtbaren konzeptualisieren beide, wenn auch auf unterschiedliche Weise, als Raum komplexer Beziehungen.93 Wenn sich aber die gegenwärtige Gestalt der Welt erst in ihren Beziehungen konstituiert, sich also nicht aus einer unter der Oberfläche wirksamen Kraft ableiten lässt, dann verkennt der verschwörungstheoretische Verdacht oft genug das, was eigentlich in der Welt los ist. Nicht zuletzt geht so, wie sowohl Arendt als auch Latour betonen, der Blick dafür verloren, dass die Zukunft sich nicht komplett vorhersagen lässt, weil sie eben nicht durch tieferliegende Kräfte vorherbestimmt ist. Der Fokus auf die Oberfläche beziehungsweise das Kartographieren des Politischen sind auch deshalb notwendig, weil nur diese alternativen Erkenntnisfiguren der Tatsache Rechnung tragen, dass in der politischen Praxis neue und überraschende Dinge geschehen können. Trotz der skizzierten Gemeinsamkeiten sind mit dem an der Oberfläche orientierten und dem kartographischen Erkenntnisstil zwei unterschiedliche Erkenntniswege jenseits des verschwörungstheoretischen Verdachts skizziert. Dies implizieren schon die Metaphern selbst. Die Figur der Oberfläche hebt die Trennung von Vorder- und Hintergrund nicht notwendig auf; sie verschiebt nur, wie Arendt in Das Leben des Geistes explizit macht, die Wertschätzung von Letzterem auf Ersteren. Demgegenüber gelingt es mit der Landkarte, die Spaltung von Vorder- und Hintergrund zu transzendieren. Auf der Landkarte gibt es kein »Dahinter« mehr; darauf 5. 93 Dieser Raum zeichnet sich bei Arendt beispielsweise gerade dadurch aus, dass ihm nur Menschen angehören (Arendt 1960, S. 14), wohingegen sich die Innovativität des Latour’schen Zugangs zu einem beträchtlichen Teil aus dem Umstand speist, dass er die grundsätzliche Differenz zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren auflöst (Latour 2015, S. 103 ff.). 596 Jenni Brichzin und Sebastian Schindler ist nur mehr das Netz sozialer Beziehungen zu sehen, das alle Arten von Entitäten verbindet, die sich in ihrer jeweiligen Tiefe nicht voneinander unterscheiden. Auf eine Weise formuliert Latour so ein deutlich radikaleres Programm, das aber, so scheint es uns, weniger differenziert ist als Arendts Ansatz. Arendt problematisiert den Blick ins »Dahinter« nämlich nicht allgemein aus sozialtheoretischen, sondern aus spezifisch politiktheoretischen Gründen. Sie will nicht bestreiten, dass es Kräfte im »Dahinter« gibt oder dass Erscheinungen funktional erklärt werden können. Sie will uns nur bewusst machen, was wir tun, wenn wir mit solchen Erklärungen arbeiten, und welche Gefahren lauern, wenn wir uns zur Welt nur noch mittels der Figur des »Dahinter« in Bezug setzen. Uns droht dann nämlich der Verlust unseres Zugangs zum Politischen selbst, das sich tatsächlich nur an der Oberfläche, nur in unserem Handeln zeigen kann. In unseren eigenen Forschungsprojekten haben wir praktisch erfahren, wie fruchtbar es sein kann, politischen Phänomenen nicht von vornherein im Modus des Verdachts zu begegnen. So eröffnet die Konzentration auf das Sichtbare einerseits eine Perspektive auf Parlamente, die nicht das klischeehafte Bild machtorientierter PolitikerInnen reproduziert. Dieses Bild wäre für die Untersuchung parlamentarischer Praxis auch wenig nützlich: Deren komplexe Logik, die davon geprägt ist, dass mit unterschiedlichen Typen von Themen in Interaktion mit unterschiedlichen Gruppierungen je unterschiedlich verfahren wird,94 ließe sich durch das singuläre Prinzip der Machtorientierung schlicht nicht erfassen, das Ergebnis wirkte allenfalls wie ein Schattenbild. Andererseits eröffnet der Blick auf das Sichtbare ein Verständnis dafür, dass die Praxis der internationalen Politik selbst ganz wesentlich durch Erkenntnisfiguren wie die hier im Text diskutierten bestimmt und geformt wird.95 Der theoretische Blick hinter die Dinge konstituiert eine wesentliche Erkenntnisweise, der sich PraktikerInnen bedienen, um sich in der Welt zu orientieren und Politik zu betreiben. Die mitunter erheblichen politischen Konsequenzen des Blicks dahinter für und in politischer Praxis, wie sie etwa in der Rückzugserklärung des WFP-Exekutivdirektors James Ingram zum Ausdruck kommen, können aber nur dann theoretisch aufgearbeitet werden, wenn die Äußerungen von PraktikerInnen selbst ernst genommen und nicht als »bloße«, das heißt nicht weiter relevante Rechtfertigungen abgetan werden. Deshalb ist es so wichtig, die »Oberfläche« dieser Vorwürfe und Rechtfertigungen genau zu analysieren. Wir wollen abschließend noch auf einen vielleicht naheliegenden Einwand eingehen. Ähnlich wie Arendt verbinden wir unser Plädoyer für alternative Erkenntnisformen des Politischen – für eine »neue Wissenschaft der Politik«96 – nicht mit der Forderung einer generellen Aufgabe der Suche nach verborgenen Kräften. Nicht zuletzt haben wir uns in diesem Artikel selbst zu einem gewissen Grad der Erkenntnisfigur des Blicks »dahinter« bedient, denn wir haben viele Probleme der Politikforschung auf eine einzelne fundierende Erkenntnisdisposition zurückgeführt. Aber worum es uns hier ging, ist nicht das Schließen von Denkräumen oder das Verbieten 94 Siehe hierzu Brichzin 2016 b. 95 Siehe hierzu Schindler 2014 a; Schindler 2014 b; Braun et al. 2018. 96 Arendt 1990, S. 103. Warum es ein Problem ist, immer »hinter« die Dinge blicken zu wollen 597 Leviathan, 46. Jg., 4/2018 von Denkoperationen. Es ging uns einerseits darum, einen Automatismus zu problematisieren, der den sozialwissenschaftlichen Blick nur in eine einzige Richtung lenkt. Und uns ging es andererseits darum, das Blickfeld zu öffnen und das enorme Potenzial des Blicks auf die sichtbaren Erscheinungen aufzuzeigen. Erkenntnis – und speziell politische Erkenntnis – leidet unter ihrer Vereinseitigung. Nichts Neues, nichts Eigenartiges kann mehr den Erkennenden überraschen, wenn der Blick starr in nur eine Richtung gelenkt wird. Genuine Erkenntnis wird so letztlich unmöglich. Diesem Problem können wir tatsächlich nur dann entgehen, wenn wir die Augen für Vielfalt und Pluralität öffnen, wie sie sich überall im Raum des Sichtbaren zeigen. Literatur Adorno, Theodor 1973. Gesammelte Schriften. Band 1: Philosophische Frühschriften. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. Arendt, Hannah 1960. Vita Activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper. Arendt, Hannah 1986 [1951]. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft: Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. München: Piper. Arendt, Hannah 1990. »Philosophy and politics«, in Social Research 57, 1, S. 73–103. Arendt, Hannah 1993. Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlaß. München: Piper. Arendt, Hannah 1998 [1971]. Vom Leben des Geistes. München: Piper. Aupers, Stef 2012. »›Trust no one‹: modernization, paranoia and conspiracy culture«, in European Journal of Communication 27, 1, S. 22–34. Bluhm, Harald 2001. »Hannah Arendt und das Problem der Kreativität politischen Handelns«, in Konzepte politischen Handelns. Kreativität – Innovation – Praxen, hrsg. v. Bluhm, Harald; Gebhardt, Jürgen, S. 73–94. Baden-Baden: Nomos, S. 73–94. Boltanski, Luc 2013. Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. Boltanski, Luc; Thévenot, Laurent 2006. On justification: economies of worth. Princeton: Princeton University Press. Braun, Benjamin; Schindler, Sebastian; Wille, Tobias 2018. »Rethinking agency in international relations: performativity, performances, and actor-networks«, in Journal of International Relations and Development. Online first, DOI: https://doi.org/10.1057/s41268-018-0147z. Brichzin, Jenni 2016 a. »Wie politische Arbeit Evidenz erzeugt. Eine ethnografische Studie zur kulturellen Produktion in Parlamenten«, in Zeitschrift für Soziologie 45, 6, S. 410–430. Brichzin, Jenni 2016 b. Politische Arbeit in Parlamenten. Eine ethnografische Studie zur kulturellen Produktion im politischen Feld. Baden-Baden: Nomos. Butter, Michael 2018. »Nichts ist, wie es scheint«: Über Verschwörungstheorien. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. Emirbayer, Mustafa; Goodwin, Jeff 1994: »Network analysis, culture, and the problem of agency«, in American Journal of Sociology 99, 6, S. 1411–1454. Fearon, James; Wendt, Alexander 2002. »Rationalism v. constructivism: a skeptical view«, in Handbook of international relations, hrsg. v. Carlsnaes, Walter; Risse, Thomas; Simmons, Beth, S. 52–72. Thousand Oaks: Sage. Förster, Jürgen 2016. »Metakritische Reflexionen des Realismus. Hannah Arendt und das Problem der Ideologiekritik«, in Leviathan 44, 3, S. 447–475. 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Zwar unterscheiden sich beide auf konzeptioneller Ebene radikal, auf epistemologischer Ebene jedoch ähneln sie sich darin, dass sie für die Konstitution der Welt Kräfte im »Dahinter« – nämlich Interessen beziehungsweise Macht – verantwortlich machen. Wir zeigen, dass die Erkenntnisfigur des »Dahinter« insbesondere bei der Untersuchung des Politischen dominant in Anschlag gebracht wird und sich dabei potenziell als Erkenntnisblockade auswirken kann. Unter Rekurs auf Hannah Arendt und Bruno Latour arbeiten wir schließlich zwei alternative Erkenntnisfiguren heraus, welche die Untersuchung des Politischen bereichern können: die Figur der Oberfläche und die Figur der Landkarte. Stichworte: sozialwissenschaftliche Theorie, Politische Theorie, Verschwörungstheorie, Erkenntnistheorie, Politik Why we wish to look »behind« things can be a problem. Ways of knowing politics beyond conspiracy theory Summary: Both social scientific theories and conspiracy theories claim that they »look behind« the manifold ways in which the world appears to us. Both claim to make the deeper forces and principles that explain what goes on in the world visible. Our article utilizes the metaphor of »looking behind« as a tool of cognition. The problems of this tool are illustrated by our experiences as researchers and with two classic works of social theory, namely Milton Friedman’s »The Methodology of Positive Economics«, and Max Horkheimer and Theodor Adorno’s »Dialectics of Enlightenment«. In all these cases, the metaphor of »looking behind« plays a tremendously important role for knowing the political. Turning to Hannah Arendt and Bruno Latour, we then outline two radically different metaphors of cognition: the valuation of the surface (Arendt) and the mapping of social relations (Latour). While these two alternative figures have some important differences, they both shed light on the genuinely political nature of (human) social affairs – the kind of »politics« that necessarily remains unknown to those who rely on »looking behind«. Keywords: social sciences, political theory, conspiracy theories, theory of cognition, politics Warum es ein Problem ist, immer »hinter« die Dinge blicken zu wollen 601 Leviathan, 46. Jg., 4/2018 AutorInnen Jenni Brichzin Technische Universität Chemnitz Institut für Soziologie Thüringer Weg 9 09126 Chemnitz jennifer.brichzin@soziologie.tu-chemnitz.de Sebastian Schindler Goethe-Universität Frankfurt am Main Institut für Politikwissenschaft Max-Horkheimer-Straße 2 60629 Frankfurt am Main s.schindler@soz.uni-frankfurt.de 602 Jenni Brichzin und Sebastian Schindler

Abstract

Both social scientific theories and conspiracy theories claim that they »look behind« the manifold ways in which the world appears to us. Both claim to make the deeper forces and principles that explain what goes on in the world visible. Our article utilizes the metaphor of »looking behind« as a tool of cognition. The problems of this tool are illustrated by our experiences as researchers and with two classic works of social theory, namely Milton Friedman’s »The Methodology of Positive Economics«, and Max Horkheimer and Theodor Adorno’s »Dialectics of Enlightenment«. In all these cases, the metaphor of »looking behind« plays a tremendously important role for knowing the political. Turning to Hannah Arendt and Bruno Latour, we then outline two radically different metaphors of cognition: the valuation of the surface (Arendt) and the mapping of social relations (Latour). While these two alternative figures have some important differences, they both shed light on the genuinely political nature of (human) social affairs - the kind of »politics« that necessarily remains unknown to those who rely on »looking behind«.

Zusammenfassung

Ausgangspunkt unserer Argumentation ist die Feststellung, dass die systematische Unterscheidung zwischen Verschwörungstheorien und sozialwissenschaftlichen Theorien erstaunlich schwierig ist. Beide gehen von der Annahme aus, dass sich die Welt durch Kräfte und Mechanismen erklären lässt, die hinter der Oberfläche sichtbarer Erscheinungen wirken. Wie tief diese Erkenntnisfigur des »Dahinter« in viele Theoriearchitekturen eingelassen ist (und damit zugleich: wie wirkmächtig sie ist), rekonstruieren wir anhand der Gegenüberstellung von Rational-Choice-Theorie und Kritischer Theorie. Zwar unterscheiden sich beide auf konzeptioneller Ebene radikal, auf epistemologischer Ebene jedoch ähneln sie sich darin, dass sie für die Konstitution der Welt Kräfte im »Dahinter« - nämlich Interessen beziehungsweise Macht - verantwortlich machen. Wir zeigen, dass die Erkenntnisfigur des »Dahinter« insbesondere bei der Untersuchung des Politischen dominant in Anschlag gebracht wird und sich dabei potenziell als Erkenntnisblockade auswirken kann. Unter Rekurs auf Hannah Arendt und Bruno Latour arbeiten wir schließlich zwei alternative Erkenntnisfiguren heraus, welche die Untersuchung des Politischen bereichern können: die Figur der Oberfläche und die Figur der Landkarte.

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Abstract

The journal Leviathan devotes itself to enlightenment and criticism in the social sciences. It publishes current research and debate on topics drawn from politics, culture, economics, philosophy, law and society.

The journal is read by practitioners from academic research and education, politics and administration as well as communication and media. With its cross-disciplinary and cross-methodological approach it bridges the gap between theory, empirical evidence and political practice.

website: www.leviathan.nomos.de

Zusammenfassung

Die Zeitschrift Leviathan ist der Idee sozialwissenschaftlicher Aufklärung und Kritik verpflichtet. Sie veröffentlicht aktuelle Forschungsbeiträge und Debatten zu Themen aus Politik, Kultur, Wirtschaft, Philosophie, Recht und Gesellschaft.

Sie richtet sich an eine breite Leserschaft aus Lehre und Forschung, Politik und Verwaltung, Publizistik und Medien. Im Zeichen eines methodologischen, disziplinären und politischen Pluralismus schlägt sie Brücken zwischen Theorie, Empirie und politischer Praxis.

Homepage: www.leviathan.nomos.de