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Alexander Godulla, Geliebtes Monster. Die Bedeutung und Wirkung parasozialer Beziehungen im Quality TV in:

ComSoc Communicatio Socialis, page 431 - 444

ComSoc, Volume 52 (2019), Issue 4, ISSN: 0010-3497, ISSN online: 0010-3497, https://doi.org/10.5771/0010-3497-2019-4-431

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431 Abstract Bei Quality TV handelt es sich um fiktionale Serienformate, die sich durch besonders hohe Komplexität auszeichnen. Die dort dargestellten Figuren sind vielschichtig und authentisch. Daher bieten sie sich in besonderer Weise als Anknüpfungspunkte für sogenannte parasoziale Interaktionen (PSI) und parasoziale Beziehungen (PSB) an. Damit wird die menschliche Bereitschaft beschrieben, mit unerreichbaren Personen oder inexistenten Wesen kurz- oder langfristige Bindungen einzugehen. Dieser Beitrag stellt neben diversen Forschungsergebnissen zu dieser Thematik auch ausgewählte Resultate von zwei neuen Studien vor. Diese setzen sich mit den Fragen auseinander, wie wichtig dem Publikum das Erleben von PSB im Verhältnis zu anderen Aspekten von Quality TV ist und ob dadurch die Zustimmung zu ethisch bedenklichen Verhaltensweisen zunimmt. m 4. August 2018 versetzte der Tweet eines 68-jährigen Schauspielers das Internet in Aufruhr. Es habe ihn in den vergangenen Jahren mit Demut erfüllt, wie seine Arbeit Menschen durch schwere Zeiten in ihren Leben begleitet habe und sie angeregt hätte, sich Zielen wie Wissenschaft und der Erforschung des Unbekannten zu verschreiben. Es sei daher an der Zeit, diese Arbeit wiederaufzunehmen, die vor immerhin 16 Jahren ihr Ende gefunden hatte. Konkret handelt es sich dabei um die Verkörperung eines Raumschiffkapitäns, der seine Crew zwischen 1987 und 2002 als versierter Diplomat und loyaler Anführer durch immerhin 178 Folgen und vier Kinofilme der Science-Fiction-Fernsehserie „Star Trek – The Next Generation“ geführt hatte. Patrick Stewart hatte so in Gestalt von Jean-Luc Picard zur Rolle seines Lebens gefunden. Auf dieser Basis gelang es dem US-amerikanischen Medienunternehmen CBS, Stewart für eine Anfang 2020 erscheinende Serie („Star Trek: Picard“) Geliebtes Monster Die Bedeutung und Wirkung parasozialer Beziehungen im Quality TV. Von Alexander Godulla Prof. Dr. Alexander Godulla ist Professor für empirische Kommunikations- und Medienforschung am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft (IfKMW) der Universität Leipzig. Communicatio Socialis (4/2019) 52: 431-444. DOI: 10.5771/0010-3497-2019-4-431 A ETHIK AUF DEM BILDSCHIRM ComSoc_4_19_Final_Grafiken-neu 431 11.11.2019 13:42:06 432 erneut vor die Kamera zu locken. Während der Schauspieler eher bescheiden von “unexpected but delightful surprise“ (Stewart 2018) twitterte, ließen seine Fans ihrer Begeisterung freien Lauf. So finden sich unter seiner Nachricht zuhauf Kommentare, in denen Menschen schwärmen, dass sie Picards Abenteuer schon als Kinder gemeinsam mit ihren Eltern erlebt hätten, von der Entwicklung seines Charakters fasziniert gewesen seien oder in ihm ein Beispiel für Empathie, Diversität, Inklusion und einer Hoffnung auf die Zukunft sähen. Wil Wheaton (2018), seines Zeichens selbst einstiger Star Trek-Darsteller und profilierter Geek, twitterte: “As a fan, I don’t even have the words to express what this means to me.” Parasoziale Interaktion, parasoziale Beziehungen Doch wie ist es überhaupt möglich, dass Menschen über die Rückkehr eines offenkundig fiktiven Kapitäns eines ebenso fiktiven Raumschiffs derart außer sich geraten? Was bindet uns an Charaktere, die – wie in diesem Fall – nur auf dem Bildschirm existieren und umgekehrt überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen können, welche Gefühle ihnen ihr Publikum entgegenbringt? Die Grundlage all dessen bildet ein Essay aus dem Jahr 1956. Damals beschrieben Donald Horton und R. Richard Wohl unter dem Titel „Mass Communication and Para-Social Interaction: Observations on Intimacy at a Distance“ erstmals parasoziale Interaktionen (PSI) und parasoziale Beziehungen (PSB). Gemeint ist damit im kommunikationswissenschaftlichen Kontext die menschliche Bereitschaft mit wahlweise unerreichbaren Personen (etwa Stars) oder auch inexistenten Wesen (fiktionale Figuren in Fernsehsendungen, Filmen, Romanen, Computerspielen etc.) zu interagieren und sich emotional dauerhaft an diese zu binden. Eine Ursache für diese Bereitschaft mag in der meist zu beobachtenden Konsistenz liegen, die Horton und Wohl ebenfalls beschrieben: Da die Anspielstationen parasozialer Beziehungen weitgehend verlässlich agieren, sind unangenehme Überraschungen in ihrem Verlauf in der Regel ausgeschlossen. Für die Kommunikationswissenschaft, enger gefasst für die Rezeptions- und Wirkungsforschung, stellt dieses Phänomen aus naheliegenden Gründen einen attraktiven Forschungsgegenstand dar, mangelt es doch in der öffentlichen Kommunikation nicht an potenziellen Auslösern für PSI und PSB. In einer Alexander Godulla Die Bereitschaft eine emotionale Bindung zu inexistenten oder unerreichbaren Wesen aufzubauen, bezeichnet man als parasoziale Beziehung. ComSoc_4_19_Final_Grafiken-neu 432 11.11.2019 13:42:06 433 Systematisierung bisheriger Forschungsergebnisse stellen Nicole Liebers und Holger Schramm (2017, S. 30) dementsprechend fest, dass die Zahl der Publikationen zum Thema in den letzten Jahren stark angestiegen ist. Auf das fiktionale Fernsehen bezogen wurde beispielsweise gezeigt, dass Lieblings-Fernsehcharaktere ähnlich positiv bewertet werden wie Menschen in guter Nachbarschaft. Bei der Dimension „Leidenschaft“ hatten die Mediencharaktere sogar die Nase vorn (vgl. Gleich/Burst 1996). Dysfunktionale Figuren im Quality TV Bei eingehender Betrachtung dieser Charaktere zeigt sich jedoch, dass sich fiktive Figuren in Fernsehserien nicht zwangsläufig als reale Ergänzung des erweiterten Bekanntenkreises aufdrängen würden. Es ist nämlich bei weitem nicht so, dass stets wohlwollende Lichtgestalten – allenfalls am Rande einmal verzeihliche Fehltritte begehend – durch die Dramaturgie schweben. Stattdessen sind Serien wie „Downton Abbey“ (2010- 2015), immerhin 2011 zur am besten bewerteten Serie des Jahres gekürt (vgl. The Telegraph 2011), mit ihrer alles durchdringenden Herzlichkeit eher die Ausnahme statt die Regel. Das Kleinstadtidyll der „Gilmore Girls“ (2000-2007) stellt ebenso eine Rarität dar wie schwülstig-mystische Eskapismusangebote im Stil von „Outlander“ (seit 2014). Stattdessen wimmelt es in modernen Serienformaten regelrecht von allerlei amoralischen, gewaltbereiten, korrupten, psychotischen oder auch mordlustigen Ungeheuern, die kaum jemand freiwillig zu seinen Nachbarn zählen würde. Eine keineswegs erschöpfende Auswahl ebenso beliebter wie dysfunktionaler Figuren: Anthony „Tony“ Soprano („Die Sopranos“, 1999-2007) und Thomas „Tommy“ Shelby („Peaky Blinders“, seit 2013) sind die Oberhäupter krimineller Banden, die Widersacher bei Bedarf mit äußerster Brutalität um die Ecke bringen. Francis „Frank“ Underwood und seine Ehefrau Claire („House of Cards“, 2013-2018) bilden ein ebenso machthungriges wie durchtriebenes Politikerpaar, das wie zwei Spinnen in einem Netz aus Intrigen, Korruption und Mord sitzt. Dexter Morgan („Dexter“, 2006-2013) und Dr. Hannibal Lecter („Hannibal“, 2013-2015) töten ihre Opfer gleich scharenweise, der eine aus Selbstjustiz, der andere um seine unersättliche Leidenschaft am Kannibalismus zu befriedigen. Den genannten Figuren ist allesamt gemein, dass sie einer TV-Nische namens Quality Television entspringen. Der Begriff ist traditionell mit einem definitorischen Defizit behaftet, worauf In modernen Serienformaten gibt es zahlreiche amoralische, gewaltbereite, korrupte, psychotische oder auch mordlustige Ungeheuer. Geliebtes Monster ComSoc_4_19_Final_Grafiken-neu 433 11.11.2019 13:42:06 434 Formulierungen wie „people just seemed to know it when they saw it“ (Thompson 1996, S. 12f.) hindeuten. Aufgekommen in den 1970er Jahren, beschreibt er inhaltlich und formal überproportional aufwändige Serien für ein anspruchsvolles Publikum (vgl. Blanchet 2011). Daniela Schlütz ist es 2016 mit ihrer Schrift „Quality TV“ gelungen, den mittlerweile gewandelten Begriff für die Kommunikationswissenschaft verort- und nutzbar zu machen. Sie definiert serielles, fiktionales Quality-TV als „strukturell hoch komplex“, was sich aus „der flexiblen Narrationsstruktur, dem großen Ensemble, den zahlreichen Leerstellen im Text sowie der intertextuellen Vernetzung“ ergebe. Ein weiterer Aspekt sei eine Authentizität, die „durch realistische Machart, kontroverse Themen und vielschichtige Charaktere“ entstehe (Schlütz 2016, S. 153). Für moderne Streaminganbieter, derzeit allen voran Netflix (vgl. Columbus 2018), sind hochwertige Serien wichtige Werkzeuge, um ihre Reichweite zu vergrößern und Reputation aufzubauen. Es liegt daher in ihrem ureigenen Interesse, parasoziale Beziehungen zwischen Publikum und Serienfiguren zu etablieren. Mit unserem Einverständnis beliefern sie uns daher unablässig mit Geschichten über ebenso gute wie böse Menschen, ganz nach Wunsch und Nachfrage. Die potentiellen Probleme liegen auf der Hand, etwa in Gestalt der seit Jahrzehnten diskutierten Kultivierungshypothese (vgl. Gerbner/Gross 1976), laut der insbesondere ein hoher Fernsehkonsum zu nachhaltig verzerrten Vorstellungen von Wirklichkeit beim Publikum führt. Doch welche mögliche Rolle spielen PSI und PSB bei diesem Prozess? Stand der Forschung Zu diesem Thema liegen zahlreiche Teilstudien vor. Viele verfügen über vergleichsweise spezifische Rahmenbedingungen, eher kleine Fallzahlen oder andere Limitationen. Dennoch zeichnen sie in der Summe ein differenziertes Bild über den Stellenwert von PSI und PSB im Kontext fiktionaler Fernsehformate. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass Menschen tatsächlich an den von ihnen gemochten Figuren hängen: Auch wenn die Qualität von Beziehungen zu echten Personen im Freundeskreis höher eingeschätzt wird (vgl. Gleich 1996), verursacht die Absetzung der Sendung eines Lieblingscharakters emotionalen Stress (vgl. Lather/Moyer-Gusé 2012). Je stärker Neurozentrismus, also emotionale Labilität, bei männlichen Rezipienten aus- Alexander Godulla Für moderne Streaminganbieter sind hochwertige Serien wichtige Werkzeuge, um ihre Reichweite zu vergrößern und Reputation aufzubauen. ComSoc_4_19_Final_Grafiken-neu 434 11.11.2019 13:42:06 435 geprägt ist, desto eher gehen sie parasoziale Beziehungen ein. Kognitive Empathie, also das Verstehen mentaler Zustände, spielt dabei eine größere Rolle als affektive Empathie, also die emotionale Reaktion auf den Gemütszustand der anderen Person (vgl. Tsao 1996). Sympathie ist dabei nicht ausschlaggebend: Wir können eine PSB auch zu einem Charakter unterhalten, den wir nicht mögen (vgl. Dibble/Rosaen 2011). Je lieber wir einen Charakter jedoch mögen, desto ähnlicher fühlen wir uns ihm (vgl. Tian/Hoffner 2010). Auch das Geschlecht spielt eine Rolle: Frauen neigen zu stärkeren PSB als Männer, wobei bei Frauen eher ein sicherer Bindungsstil begünstigend ist, bei Männern eher ein ängstlicher (vgl. Cohen 1997). Generell fallen PSB stärker und intensiver aus, wenn viele Serien konsumiert werden (vgl. Vorderer 1996) und die betrachteten Personen in der Regel alleine vor dem Bildschirm sitzen (vgl. Gleich 1997). Umgekehrt ist der Abbruch einer PSB unter anderem intensiver, wenn zu der Serie eine starke Verbundenheit besteht (vgl. Eyal/Cohen 2006). Über eine PSB kann ein Gefühl von Zugehörigkeit erzeugt werden. Wer über die Charaktere seiner Lieblings-Fernsehsendung nachdenkt, kann unter Umständen sein Selbstwertgefühl und seine Stimmung verbessern (vgl. Derrick et al. 2009). Ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit wirkt sich insbesondere bei älteren Menschen positiv auf eine PSB zu ihren Lieblingsfiguren aus (vgl. Chory-Assad/ Yanen 2005). Bei einer Abneigung gegen ein bestimmtes Format kommt wahrscheinlich keine PSB zu Stande (vgl. Kim/Rubin 1997). Gegenüber Lieblingscharakteren sind wir bei ärgerlichem Verhalten toleranter als bei uns unbekannten Personen (vgl. Six/Gleich 2000). Empirische Befunde: Die Relevanz von parasozialen Beziehungen und ihre Wirkung Wie die vorhergehenden Ausführungen nahelegen, ist es aus Sicht der Content-Anbieter in hohem Maße wünschenswert, das Publikum langfristig an Eigenproduktionen zu binden. Die bereits referierten Forschungsergebnisse zeigen, dass PSB hierbei eine besondere Rolle spielen könnten. Daraus ergibt sich die erste in diesem Text zu diskutierende Forschungsfrage: Wie relevant ist eine parasoziale Beziehung für die langfristige Serienrezeption im Vergleich zu anderen Merkmalen von Quality TV? Wer über die Charaktere seiner Lieblingssendung nachdenkt, kann sein Selbstwertgefühl und seine Stimmung verbessern. Geliebtes Monster ComSoc_4_19_Final_Grafiken-neu 435 11.11.2019 13:42:07 436 Um diese Frage1 zu beantworten, wurden mithilfe einer quantitativen Online-Befragung nach Bereinigung der Daten insgesamt 384 Personen befragt.2 Sie wurden gebeten, sich bei ihren Antworten ausschließlich an einer von zehn besonders relevanten und ihnen bekannten Quality TV-Serie zu orientieren.3 Konkret bezogen sich die Antwortkategorien auf eine dort vorkommende Figur, die die befragten Personen sich selbst aussuchten und die sie aus beliebigen Gründen favorisierten. Erhoben wurden in diesem Zusammenhang neben Fragen nach der bisherigen Dauer der Serienrezeption auch Aspekte von PSB und Quality TV, um diese in ihrer Bedeutung in ein Verhältnis zueinander setzen zu können. Bei den Items zur Messung von Quality TV-Kriterien diente eine Studie von Michael Harnischmacher und Benjamin Lux (2015) als Ausgangspunkt. Die Autoren haben, basierend auf einem für das Thema einflussreichen Text von Robert J. Thompson (1996) sowie einer eigenen empirischen Studie, neun Kriterien herausgearbeitet, die aus Publikumssicht bei der Rezeption von Quality TV von Relevanz sind. Aus diesem Katalog wurden im Interesse der Handhabbarkeit der Studie vier Kriterien herausgegriffen, die sich als zentral herausgestellt hatten. Dabei handelt es sich um Fundament, Charakter und Handlungsbogen, Partizipation und Ehrlichkeit. Operationalisiert wurden diese vier Kriterien mit jeweils zwei bis vier Items, die mittels einer fünfstufigen Likert-Skala abgefragt wurden. Daraus ergaben sich in Anlehnung an Harnischmacher und Lux die in nebenstehender Tabelle dargelegten Formulierungen. 1 Entwickelt und durchgeführt wurde die Studie unter Leitung des Autors von Ann-Kathrin Kling, Antonia Mielke Möglich, Luisa Pastau und Leonie Wahlmann im Rahmen eines Seminars zur empirischen Forschung an der Universität Leipzig. 2 264 identifizierten sich als weiblich, 114 als männlich, vier als divers sowie zwei als keiner der genannten Kategorien zugehörig. Das Durchschnittsalter betrug 26,51 Jahre (SD = 8,392). 40,1 Prozent verfügen über ein Abitur, 26,8 Prozent über einen Bachelorabschluss, 8,3 Prozent haben eine Lehre bzw. eine Berufsausbildung im dualen System abgeschlossen. Erhebungszeitraum: 8.-29.1.2019. Selbstselektive Stichprobe, kontaktiert über Facebook (primär) sowie YouTube, Twitter, WhatsApp und einen E-Mail- Verteiler der HAW Hamburg. 3 Zur Wahl standen: Breaking Bad, Downton Abbey, Game of Thrones, House of Cards, Mad Men, Orange is the New Black, Sherlock, Stranger Things, The Walking Dead und The Wire. Alexander Godulla ComSoc_4_19_Final_Grafiken-neu 436 11.11.2019 13:42:07 437 Um darüber hinaus den Grad der PSB zu messen, wurde eine Studie aufgegriffen, die ursprünglich die PSI4 mit Seifenoper-Figuren thematisierte (vgl. Rubin/Perse 1987). Die dort verwendeten Items stellen eine reduzierte Version eines Messinstruments dar, mit dem zuvor die PSI mit lokalen Lieblings-Fernseh-Nachrichtensprechern gemessen worden war (vgl. Rubin et al. 1985). Die Items wurden ins Deutsche übersetzt und auf moderne Figuren im Quality TV angepasst. Um die Stärke der PSB zu messen, wurde aus den Items am Ende ein Index errechnet. Sie lauten5: 4 Die PSI-Scale stellt trotz ihrer Bezeichnung ein gängiges Instrument zur Messung von PSB dar. 5 Frage: Inwiefern treffen folgende Aussagen auf Dich zu? Fünfstufige Likert-Skala, 1 = stimme gar nicht zu, 5 = stimme voll zu. Messung Kriterien Quality TV In den folgenden Aussagen geht es darum, was du an deiner ausgewählten Serie besonders magst. Bewerte bitte, wie wichtig für dich die jeweiligen Kriterien sind. (1 = stimme gar nicht zu, 5 = stimme voll zu) Kriterium Items Fundament Die schauspielerische Leistung insgesamt. Ein einleuchtender Plot und ein gelungenes Drehbuch. Charakterund Handlungsbogen Die einzelnen Folgen bauen auf vorherige Ereignisse innerhalb der Serie auf. Die Serie hat eine spannende Handlung. Die Charaktere, die dargestellt werden, entwickeln sich in ihrer Persönlichkeit episodenübergreifend weiter. Die Serie hat eine Handlung, die sich episodenübergreifend weiterentwickelt. Partizipation Beim Schauen wird meine komplette Aufmerksamkeit gefordert. Die Serie regt mich dazu an, aktiv mitzudenken. Die Serie löst Emotionen in mir aus. Ehrlichkeit Die Serie weist einen vollständigen und logischen Inhalt auf. Die Geschichten werden glaubwürdig erzählt. Die Kulissen und Requisiten, die verwendet werden, wirken echt. Die Serie vermittelt nicht das Gefühl, etwas verkaufen zu wollen. Tabelle 1: Messung der Kriterien von Quality TV. Geliebtes Monster ComSoc_4_19_Final_Grafiken-neu 437 11.11.2019 13:42:07 438 Die Serienfigur gibt mir ein ähnliches Gefühl, wie wenn ich Zeit mit Freund_innen verbringe. Die Serienfigur nehme ich als natürlich und bodenständig wahr. Ich freue mich darauf, die Serienfigur in der nächsten Folge zu sehen. Wenn die Serienfigur in einer anderen Serie auftauchen würde, würde ich mir diese Serie wahrscheinlich anschauen. Die Serienfigur scheint die Dinge, die mich in der Serie interessieren, aufzugreifen. Wenn ich einen Artikel über die Serienfigur finden würde, würde ich diesen gerne lesen. Ich vermisse die Serienfigur, wenn sie in einer Episode nicht oder nur wenig auftaucht. Wenn die Serienfigur ein echter Mensch wäre, würde ich sie gerne persönlich treffen. Ich fühle mit der Serienfigur, wenn sie Fehler macht. Ich finde die Serienfigur attraktiv. Bei der Auswertung der Studie wird deutlich, dass die befragten Personen, die alle Staffeln einer Serie gesehen haben, eine stärkere PSB aufweisen als jene, auf die dies nicht zutrifft (Gruppe der Alles-Seher: PSB: M = 3,57, SD = 0,63, n = 302. Gruppe der Nicht-Alles-Seher: PSB: M = 3,35, SD = 0,66, n = 82). Das Ergebnis legt statistisch gesehen jedoch nur eine geringe Effektstärke nahe. Eine PSB zu einer der Serienfiguren stellt demnach einen begünstigenden Faktor dar, dessen Bedeutung als isolierter Faktor nicht überschätzt werden sollte. Weitaus relevanter erscheint indes die Erkenntnis, dass die gemessenen Kriterien des Quality TV weitaus höhere Zustimmungswerte erzielen. Das Fundament (M = 4,58, SD = 0,526) schneidet am stärksten ab, gefolgt von Charakter und Handlungsbogen (M = 4,52, SD = 0,546), der Ehrlichkeit (M = 4,26, SD = 0,59) und der Partizipation (M = 4,17, SD = 0,647). Dies stellt nicht nur eine empirische Bestätigung von Harnischmacher und Lux dar (obwohl dort die Reihenfolge geringfügig anders ausfällt), sondern zeigt auch, dass die hier ermittelten Werte jene der PSB deutlich übertreffen. Obwohl die Vergleichbarkeit aufgrund der unterschiedlichen Fragestellung sowie der Indexbildung nur bedingt gegeben ist, wird so deutlich, dass Formate im Quality TV offenbar auch ohne ausgeprägte PSB funktionieren können. Anders lässt sich der Erfolg von Anthologie-Formaten wie bei- Alexander Godulla Formate im Quality-TV können auch ohne ausgeprägte parasoziale Bindung funktionieren, was etwa im Erfolg von Anthologie-Formaten deutlich wird. ComSoc_4_19_Final_Grafiken-neu 438 11.11.2019 13:42:07 439 spielsweise „Black Mirror“ (seit 2011) nicht erklären, deren Ensemble von Folge zu Folge wechselt. Möglicherweise hängt die vergleichsweise geringe, in absoluten Zahlen jedoch immer noch hohe, Bedeutung von PSB mit dem Umstand zusammen, dass sich Quality TV durch den inhärenten Qualitätsanspruch nicht primär an den Figuren, sondern eher an deren Konstellation orientiert. Auf dieser Grundlage ist festzuhalten, dass sich ein Produkt ohne einleuchtenden Plot, spannende Handlung, intellektuell wie emotional fordernder Darbietung und logische Struktur wohl kaum beim in diesem Fall anspruchsvollen Publikum behaupten wird – selbst dann nicht, wenn sich Figuren ansonsten für eine PSB anböten. Kultivierungseffekte, ob im positiven wie im negativen Sinne, wären bei Quality TV aufgrund einer PSB also nur dann denkbar, wenn auch die narrative Qualität sehr hoch ausfiele. Dies soll nun anhand der zweiten Forschungsfrage dieses Textes im Rahmen eines konkreten Beispiels diskutiert werden. Viele Facetten problematischen Verhaltens manifestieren sich in der Netflix- Serie „Narcos“ (2015-2017), die sich wegen ihres vergleichsweise geringen Alters, der durch Streaming bedingten hohen Reichweite und der abgeschlossenen Handlung aus pragmatischer Sicht als gutes Beispiel anbietet. Im Mittelpunkt steht die Geschichte des Medellín-Kartells, konkret von Pablo Escobar, der in der Rückschau als einer der mächtigsten und brutalsten Drogenhändler aller Zeiten gewertet wird. Insofern ist er ein plausibles Anschauungsobjekt, um anhand einer ausgewählten Figur möglicherweise negative Effekte einer PSB zu messen. Die Forschungsfrage6 lautet daher: Inwiefern beeinflusst eine parasoziale Beziehung zu der Medienfigur Pablo Escobar in der Quality TV Serie „Narcos“ die Akzeptanz von gesellschaftlich negativ bewertetem Verhalten? Mit Hilfe qualitativer Leitfadeninterviews wurden fünf Männer und fünf Frauen im Durchschnittsalter von 22 Jahren im 6 Entwickelt und durchgeführt wurde die Studie unter Leitung des Autors von Alessandra Brüchner, Laura Camboni, Dana Abu Dayyeh, Dennis Eckert und Tugba Soybelli im Rahmen eines Seminars zur empirischen Forschung an der Universität Leipzig. Kultivierungseffekte wären bei Quality TV aufgrund einer PSB nur dann denkbar, wenn auch die narrative Qualität sehr hoch ausfiele. Geliebtes Monster ComSoc_4_19_Final_Grafiken-neu 439 11.11.2019 13:42:08 440 Januar 2019 zu ihrem Verhältnis zu Pablo Escobar befragt. Au- ßerdem wurden in diesem Kontext Fragen zu weichen Drogen (Marihuana) und harten Drogen (Kokain) sowie Ausprägungen von Gewalt gestellt. Den befragten Personen wurden während der Interviews jeweils drei Ausschnitte aus der Serie gezeigt, in denen Escobar entweder Gewalttaten verübt oder Drogen konsumiert. Die Antworten zeichnen ein differenziertes Bild, in dem deutlich zwischen der Figur Pablo Escobar und ihrem Verhalten unterschieden wird. Für die dargestellte Gewalt bringen die befragten Personen selbst dann kein Verständnis auf, wenn sie zum fiktiven Escobar eine PSB unterhalten. Er wird ihnen dadurch jedoch auch nicht unsympathisch. In den Interviews wird gleichzeitig reale Gewalt konsequent von fiktionaler abgegrenzt. Erstere wird durchweg abgelehnt, so dass zumindest bei der befragten Gruppe nicht von Kultivierungseffekten auszugehen ist. Beim Verhältnis zu Marihuana ist es ähnlich, wobei an dieser Stelle die Einschränkung vorzunehmen ist, dass alle Personen im Gespräch erklärten, bereits Erfahrung mit dem Rauschmittel gesammelt zu haben. Konsonant zu bereits erwähnten Forschungsergebnissen ist hier die Tatsache, dass mit der Stärke der PSB auch die Toleranz für Escobars Marihuanakonsum ansteigt. Bei Kokain verhalten sich die befragten Personen ähnlich wie Escobar: Persönlich konsumieren sie wie die Figur kein Kokain, erklären jedoch, den Konsum durch Fremde grundsätzlich zu akzeptieren. Im Freundeskreis oder bei Minderjährigen wird das gleiche Verhalten mit Skepsis bewertet. Da auch diese Einstellung ursächlich nicht auf eine PSB zurückzuführen ist, kann zumindest durch diese Studie keine Einstellungsveränderung festgestellt werden. Vielmehr wird deutlich, dass die zu beobachtenden Effekte eher kurzfristig, kommunikativer Natur und positiv sind: So erklärten die befragten Personen, intensive Anschlusskommunikation im Freundeskreis zur Thematik erlebt zu haben. Sie lasen entsprechende Artikel in journalistischen und sozialen Medien, suchten aktiv nach Informationen über reale Aspekte des Drogenhandels, rezipierten die Musik der Serie oder nutzten Google, um Bilder des echten Pablo Escobar zu betrachten. Aus der Vielzahl reflektierter Antworten lässt sich aus dieser Studie die Hypothese ableiten, dass eine PSB zu ambivalenten und auch verbrecherisch handelnden Figuren im Quality TV für die Gesellschaft als Denkanstoß durchaus positive Folgen haben kann. Die vorliegende Studie zeigt, dass eine PSB zu ambivalenten Figuren im Quality TV für die Gesellschaft als Denkanstoß positive Folgen haben kann. Alexander Godulla ComSoc_4_19_Final_Grafiken-neu 440 11.11.2019 13:42:08 441 Fazit Die vorgestellten Forschungsergebnisse zeigen, dass die erlebte Qualität parasozialer Beziehungen einen Beurteilungsfaktor für eine gute, im Sinne von zufriedenstellende, Serie darstellen kann. Noch wichtiger scheint es jedoch zu sein, den impliziten Regeln von Quality TV gerecht zu werden. Zugleich wird deutlich, dass eine eingegangene Beziehung zu einem amoralischen Charakter keineswegs dazu führt, dass seine Taten allesamt gutgeheißen werden oder dass ihnen gar nachgeeifert wird. Stattdessen scheint eine PSB hier für das meist überdurchschnittlich gebildete Publikum von Quality TV eher ein inspirierender Denk- und Kommunikationsanstoß zu sein. Mit etwas Nachdenken wird deutlich, dass dieser Befund durch die Erwartungshaltung des Publikums untermauert wird: Wer sich einem fiktionalen Programm aus der Welt des Quality TV zuwendet, wünscht dort wohl kaum ein exaktes Abbild des Alltags wiederzufinden. Das Publikum weiß um die Fiktionalität der Darstellung, die zudem oft ambivalent ausfällt. Selbst die Schurken und vom Weg Abgekommenen weisen in ihrer Amoralität fast immer noch moralische Züge auf, was sie in letzter Konsequenz zu Menschen macht, die im guten wie im schlechten Sinne übersteigert dargestellt, also passend zum fiktionalen Erzählen dramatisiert werden. Darin liegt offenbar ein wesentlicher Teil ihres Reizes, da ihre erdachte Biografie in jeder Hinsicht extremer ausfallen dürfte als es der Zielgruppe in ihrem realen Leben recht sein könnte. Ein Paradebeispiel für diese Beobachtung stellt Walter White (Breaking Bad, 2008-2013) dar, der sich vom biederen an Lungenkrebs erkrankten Chemielehrer zum ruchlosen Drogenbaron aufschwingt. Auch wenn Walter mit voranschreitender Dauer der Serie sprichwörtlich über Leichen geht, schwingt in der Serie auch immer die ursprüngliche Motivation mit, seine Familie nicht mittellos zurückzulassen. Diese Differenziertheit führt regelmäßig zu der Einschätzung, dass „Breaking Bad“ „arguably the best show on TV“ (Martin 2013, S. 264) sei. Aus medienethischer Perspektive wäre das Problem mit Blick auf parasoziale Beziehungen weitaus größer, wenn dargestellte Figuren ausschließlich böse und der narrative Rahmen für ihr Handeln ausschließlich affirmativ wären. Doch so etwas wäre aufgrund der damit einhergehenden Eindimensionalität kein Quality TV, sondern schlicht und einfach Schund – und damit zumindest in diesem Segment chancenlos. Aus medienethischer Perspektive wäre das Problem mit Blick auf PSB weitaus größer, wenn die dargestellten Figuren ausschließlich böse wären. Geliebtes Monster ComSoc_4_19_Final_Grafiken-neu 441 11.11.2019 13:42:08 442 Literatur Blanchet, Robert (2011): Quality-TV: Eine kurze Einführung in die Geschichte und Ästhetik neuer amerikanischer TV-Serien. In: Ders. et al. (Hg.): Serielle Formen: Von den frühen Film-Serials zu aktuellen Quality-TV- und Online- Serien. Marburg, S. 37-70. Chory‐Assad, Rebecca/Yanen, Ashley (2005): Hopelessness and Loneliness as Predictors of Older Adults' Involvement With Favorite Television Performers. In: Journal of Broadcasting & Electronic Media, 49. Jg., H. 2, S. 182- 201, DOI: 10.1207/s15506878jobem4902_3. Cohen, Jonathan (1997): Parasocial relations and romantic attraction: Gender and dating status differences. In: Journal of Broadcasting & Electronic Media, 41. Jg., H. 4, S. 516-529., DOI: 10.1080/08838159709364424. 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Abstract

Quality TV is a fictional serial format, which is characterized by a particularly high level of complexity. The depicted characters are multi-layered and authentic. Therefore, they are very suitable as starting points for so-called Parasocial Interactions (PSI) and Parasocial Relationships (PSR). These concepts describe the human willingness to enter into short-term or long-term commitments with unattainable individuals or nonexistent beings. In addition to various research results on this topic, this article also presents selected results from two new studies. These address the issues of how important it is for the public to experience PSR in relation to other aspects of Quality TV, and whether this increases their acceptance of ethically questionable behavior.

Zusammenfassung

Bei Quality TV handelt es sich um fiktionale Serienformate, die sich durch besonders hohe Komplexität auszeichnen. Die dort dargestellten Figuren sind vielschichtig und authentisch. Daher bieten sie sich in besonderer Weise als Anknüpfungspunkte für sogenannte parasoziale Interaktionen (PSI) und parasoziale Beziehungen (PSB) an. Damit wird die menschliche Bereitschaft beschrieben, mit unerreichbaren Personen oder inexistenten Wesen kurz- oder langfristige Bindungen einzugehen. Dieser Beitrag stellt neben diversen Forschungsergebnissen zu dieser Thematik auch ausgewählte Resultate von zwei neuen Studien vor. Diese setzen sich mit den Fragen auseinander, wie wichtig dem Publikum das Erleben von PSB im Verhältnis zu anderen Aspekten von Quality TV ist und ob dadurch die Zustimmung zu ethisch bedenklichen Verhaltensweisen zunimmt.

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Zusammenfassung

Communicatio Socialis ist eine medienethische Zeitschrift

  • um der wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung von Kommunikations- und Medienethik gerecht zu werden,

  • um der Mediatisierung und Digitalisierung gesellschaftlicher Kommunikation und der Rolle des Internets eine ethische Reflexion entgegen zu setzen,

  • um den steigenden wissenschaftlichen Bemühungen in diesem Feld (Tagungen, Gründungen von Netzwerken und Fachgruppen sowie Einrichtung von Professuren) einen kommunikativen Raum zu geben,

  • um der aktuellen und gesellschaftlichen Verantwortung von Wissenschaft gerecht zu werden.