Peter Möhring

Homo Diabolus

Über Glauben, Unglauben und Aberglauben

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8379-2988-1, ISBN online: 978-3-8379-7731-8, https://doi.org/10.30820/9783837977318

Series: Imago

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Peter Möhring HomoDiabolus IMAGO Peter Möhring HomoDiabolus Über Glauben, Unglauben und Aberglauben Psychosozial-Verlag Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Originalausgabe © 2020 Psychosozial-Verlag, Gießen E-Mail: info@psychosozial-verlag.de www.psychosozial-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil desWerkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Umschlagabbildung: Teufelsdarstellung aus dem Codex Gigas; Foto: National Library of Sweden (CC BY 4.0) Umschlaggestaltung & Innenlayout nach Entwürfen von Hanspeter Ludwig, Wetzlar Satz: metiTec-Software, me-ti GmbH, Berlin www.me-ti.de ISBN 978-3-8379-2988-1 (Print) ISBN 978-3-8379-7731-8 (E-Book-PDF) Inhalt Einleitung 7 1 Mephistopheles und seine Freunde 13 2 Anmerkungen zur Geschichte des Teufels 21 3 Biblische Mythen als Bezugssystem 29 4 Glaube, Unglaube und Aberglaube: Ein Spiel mit Projektionen 37 5 Satan ist gelandet 45 6 Das Böse in der Kunst 63 7 Mephistopheles in der Literatur 73 8 Post-faustisch Aufgeklärtes 81 9 Das Bedürfnis zu glauben im Diskurs 85 10 Aufklärung im Dilemma 99 11 Aufklärung der Aufklärung! 107 12 Sigmund Freud und die Aufklärung 115 13 Aufklärung und Ressentiment 125 14 Das unglaublich intensive Bedürfnis zu glauben 135 15 Dementalisierung und Urteilsdependenz 147 16 Horizontale und vertikale psychische Spaltung 155 5 17 Eine Hardware für den Glauben 169 18 Über Denken denken 177 19 Ein Teufel für das 21. Jahrhundert? 191 20 Digitale Information und Dataismus 197 21 Homo Diabolus – Des Teufels alte neue Kleider 211 Literatur 217 Abbildungsnachweise 223 Inhalt 6 Einleitung Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen, so sagt man. Manchmal führen solche Reisen, auch wenn sie nur in Gedanken stattfinden, dennoch zu einem Ziel. Dass die Reise selbst das Ziel sei, ist nicht viel mehr als ein intellektueller Kalauer. Aber es gibt auch Reisen, die sich in einer Bücherei oder Bibliothek abspielen, weitgehend ohne negative CO2-Bilanz, oder – noch umweltfreundlicher – teilweise sogar im eigenen Kopf. Um eine solche Reise handelt es sich hier. Aber unter dieser Voraussetzung bin ich nochmehr auf meine Fabulierkünste angewiesen, als wenn ich aus demVollen von unterwegs Erlebtem schöpfen könnte. Da wäre man doch gerne ein begabter Literat, der gut erzählen kann und nicht ein mehrfach Dilettierender. Dennoch habe ich während der Jahre, in denen ich mich mit meinem Sujet – dem Teufel und Einigem, was damit zu tun hat – befasst habe, etwas für mich Neues erlebt; mehr als nur die vorsichtig besorgten Kommentare von Kolleginnen und Kollegen, die sich nicht vorstellen konnten, was ich mit dem Thema bezwecken will, und die ziemlich ratlos blieben. Fürmichhat sichdurchaus einePerspektive geöffnet, die auf anthropologischkulturelle Dimensionen abzielt. Teufel, Dämonen und Götter, die auf vergleichbare Weise in allen Kulturen anzutreffen sind, mögen uns auf kindliche Seiten verweisen, auf Illusionen, Ängste und Hoffnungen. Gleichzeitig enthalten sie kulturelle Bestände von Wissen: einerseits Wissen aus der physischen Welt und andererseits Wissen in Form von Übereinkünften über in einer Gesellschaft als verbindlich geltende Regeln und Verhaltensvorschriften. Das ist nicht neu, aber eher selten, wenn man sich klarmacht, mit welcher Kraft, mit welcher Wucht, diese Einflussgrößen auf den Einzelnen wirken. Von Kindheit an unterliegt der Einzelne formenden gesellschaftlichen Kräften, die den ethnischen Anteil seiner Persönlichkeit bilden. Wenn wir erst einmal erwachsen sind, haben wir basale RegelnunseresVerhaltens, derArt,wiewirmiteinanderumgehen, schonverinnerlicht. Um es vorwegzunehmen:Das hat seinGutes, weil es unser Zusammenleben vereinfacht, denn, wie der Ethnopsychoanalytiker Paul Parin (1977) gezeigt hat, erleichtern unbewusste Anpassungsmechanismen das Zusammenleben in einer Gesellschaft und entlasten das Ich des Einzelnen. Für Peter Sloterdijk (2002) grenzt es ohnehin geradezu an ein Wunder, dass die Menschen es schaffen, ihre 7 Neidgefühle, ihre eifersüchtigen Konkurrenzbedürfnisse so weit im Zaum zu halten, dass sie sich nicht ständig gegenseitig bekämpfen. Inseln gesellschaftlichen Friedens können zwar auch jenseits von Zerstörung eine Zeit lang existieren, aber gewiss ist das weder im Großen noch im Kleinen ein anhaltender Zustand. Blicken wir nur in die Geschichte der letztenGenerationen zurück, dann stellen wir fest, dass – gewiss bedauerlicherweise –‚ die Zeit nach dem Krieg immer auch die Zeit vor dem Krieg ist, und auch wenn wir in Westeuropa nun schon über sieben Jahrzehnte in einer Phase des Friedens leben, spürt man zunehmend, wie es im Gebälk zu ächzen beginnt, wie die Bedeutung demokratischer Tugenden verblasst und die Kultur dialogischer Auseinandersetzungen zugunsten rechthaberischen Geschreis geschwächt wird. Die Möglichkeiten der sogenannten sozialen Medien scheinen sich oft darin zu erschöpfen, ihre verführerische Anonymität zur Verbreitung von Hass zu missbrauchen, zu Schmähungen und Gemeinheiten, welche die meisten Menschen, wenn sie nur ein wenig zivilisierten Anstand behalten haben, niemandem direkt ins Gesicht sagen würden. Jahrzehntelang durften radikal antidemokratische Zeitgenossen ihren Schmutz nahezu unkontrolliert verbreiten, und man bemerkte kaum, wie eine raubtierkapitalistische Leitkultur allmählich die vermeintlich sicheren Fundamente unserer Gesellschaft unterspülte. Der politische Mord scheint sich wie eine echte Alternative zur demokratischen Streitkultur zu entwickeln.Dabei brauchenMenschen politische Bildung und praktische Ethik, um auf dem Boden der Menschenrechte gedeihliche Verkehrsformen zu entwickeln und zu erhalten. Das beschränkt sich gewiss nicht auf das Christentum. Wenn der iranische Ajatollah Ruhollah Musawi Chomenei von den USA als »dem großen Satan« sprach, wusste jeder, dass dieser Religionsführer von »god’s own counrty« und dessen Leitfigur sein eigenes Bild hatte. Menschen sind Kultur schaffende Wesen. Sie ersinnen gerne Geschichten, beginnen daran zu glauben und messen sich schließlich daran. Verkürzt lässt sich nicht nur unterscheiden, welche Arten vonGeschichtenMenschen ersinnen, sondern auch, wie intensiv sie daran glauben und als wie verbindlich sie diese nehmen. Dass mich meine Reise an Orte führen würde, an denen sich solche Einsichten mit Eindrücklichkeit aufdrängen, war für mich anfangs nicht zu erkennen. Zu Beginn war mir nur vage bewusst, warum ich mich auf dieses Thema einlassen wollte. Der Teufel hatte es mir angetan, diese alte Schreckensfigur aus Kindertagen, die so neugierig macht. Es ist bemerkenswert, dass man als Kind zunächst solche Figuren gänzlich zur Externalisierung verwendet. Der Teufel – oder der Dämon – ist außen. Überall kann er sitzen, und es ist besser, man begegnet ihm nicht. Für Reflexion ist anfangs noch wenig Raum. Klar war dennoch, dass es Einleitung 8 auch um das Böse geht. Das Böse springt uns ja heute geradezu an.Maximales Interesse anVerbrechensangelegenheiten kann einem sicher sein, wennman sich gar als Kriminologe zu erkennen gibt. Ob man Serienkiller kenne und/oder Sexualverbrecher.Wasmanmit Kinderschändernmachen solle, wirdman gerne gefragt. Plötzlich zeigt sich spontan im Alltag, wie dünn die Decke der Zivilisation ist, sowohl seitens der Täter als auch vonseiten der sogenannten Unbescholtenen. Spontan entdecke ich einen Bezug meines Buchs Verbrecher, Bürger und das Unbewusste (2014) zum Thema des Teufels: Der Weg vom Teufel zum Bösen (und retour) ist generell nicht weit. Manch einer hörte schon als Kind, dass er ein Teufel sei oder dass er den Teufel im Leib habe. Und schon bewegt man sich vom bösen Gedanken in Richtung der bösen Tat! Eine böse Tat, sei sie anfangs auch nur ein Gedanke, scheint der Inbegriff des Bösen zu sein. Damit die Aufmerksamkeit darauf gerichtet bleibt,muss die seelischeAktivität bewahrtwerden. Aber wie hält sich das Interesse an etwas wirklich Bösem so frisch, dass es nicht bald schal wird und sich nicht schon im ersten Anlauf verbraucht in Formulierungen wie »das sogenannte Böse«, »das ganz normale Böse«, »die Banalität des Bösen« usw. Eine Horrorfilmreihe brachte es sogar bis Das Böse III, dann war der Stoff wohl nicht mehr gruselig genug, um noch mehr Geld damit zu verdienen. Immerhin feierte kürzlich im Film Der Joker das Böse eine gelungene Auferstehung.Manmag beunruhigt-beruhigt sein – das Böse und die Bösen sterben stirbt so rasch nicht aus. Dennoch gibt es einen naheliegenden Unterschied: Eine Filmreihe verbraucht sich ebenso wie die vielen Romane und Sachbücher über das Böse, aber es gibt Orte, an denen die Symbolik von Teufel, Satan und gewiss auch von Gott emotional noch so stark aufgeladen ist, dass die Substanz der darin enthaltenen Kernaussagen länger vorzuhalten scheint. Das konnten die Alten noch besser, wobei sich dies gewiss nicht auf das Christentum beschränkt, wie das bereits erwähnte Zitat von Chomenei zeigt. Allerdings verlieren solche Kernaussagen zunehmend an Gewicht. Das ist eher als Feststellung gemeint und nicht als nostalgisches Bedauern. Dass die Menschen nicht mehr an den Teufel glauben wollen und sie religiöse Dogmatik zunehmend hinterfragen, ist ein Zeichen dafür, dass sie bereit sind, ihren eigenen Verstand zu gebrauchen. Wenn sie sich gegen intellektuelle Zumutungen wehren und aus naheliegenden Gründen das, was man sie glauben lassen will, mehr auf dem Boden reliablen Wissens fundieren möchten als auf alten Büchern, geschrieben von alten Männern, die behaupteten, ihre Botschaften wurden ihnen direkt von den Göttern in die Feder diktiert, so ist das sicher kein Fehler. Gleichzeitig manifestiert sich hierin insofern ein Dilemma, dass nicht wenige als einige Inhalte dieser Schriften zwar viel wertvolles soziales und kulturelles Wissens ent- Einleitung 9 halten mögen, das allerdings in Formulierungen daherkommt, die zum Teil auf den ersten Blick als unsinnig erkannt werden und daher zunächst von abergläubischem Ballast befreit werden müssen. Erst dann lässt sich ihnen ein tieferer Sinn zuerkennen, der in die heutige Zeit übertragen werden kann. DerWert solcher Schriften kann vorher kaum für moderne Bedingungen erschlossen werden, wenn er sich obligat mit religiös dogmatischen Aussagen über sogenannte Glaubenstatsachen verknüpft. Das ist, als wollte man die Bereitschaft, Erkenntnisse zu formulieren und anzuwenden, gleich wieder dadurch annullieren, dass man an anderer Stelle darauf beharrt, dass esWunder wie die unbefleckte Empfängnis und die Auferstehung von den Toten gibt. Aber wer ist schon so unbestechlich, dass er bereit wäre, sich von seinen Lieblingsirrtümern zu befreien? So bewegt sich der Teufel, oder Satan, wie ich ihn lieber nenne, weil dieser Begriff noch mehr akzentuiert, welcher Schaden von dem, was damit gemeint ist, angerichtet wird, in meiner Diktion nach wie vor und bis auf Weiteres als die zerstörerische Kraft unter uns bzw., so die These, als ein wirksamer Teil von uns in uns. Dabei wird mich meine Reise durch die Disziplinen zu einigen Gedanken führen, die nicht nur mit intellektuellen Zumutungen aufräumen, sondern es sollen auch kulturelle Einsichten, die schon sehr lange in biblischem Gewand daherkommen, vor Ignoranz und Unverständnis gerettet werden. Exemplarisch werde ich dies an einem Thema verdeutlichen, mit dem die meisten Christen – oder ehemaligen Christen – pädagogisch gequält worden sind, ohne das, was es bedeutet, auch nur ansatzweise verstehen zu können. Ich spreche von der Erbsünde, mit der wir alle behaftet sein sollen. Es war ein Anthropologe vom Rang René Girards, der dafür plädierte, erhellende Gedanken zu der vermeintlichen Schuldhaftigkeit des Menschen nicht auf der Ebene des Religiösen, sondern auf der Ebene der Anthropologie nutzbar zu machen. Heute haben wir die sogenannte »decade of the brain« schon hinter uns, aber damit sind dieMöglichkeiten, dieNeurowissenschaften als Erkenntnisquelle für andere Wissensbereiche zu nutzen, noch lange nicht ausgeschöpft. Darüber, wo, wie und warum der Mensch denkt, haben Neurobiologen viel Neues ans Licht gebracht. Sie machten dabei auch nicht vor der Frage Halt, ob Gott seinen Sitz im Gehirn hat. Ein weiteres »Hochlicht« der Erkenntnis entdeckte ich in Andrew Newbergs Einsichten über das, was bei und mit dem Titel Der gedachte Gott. Wie Glaube im Gehirn entsteht (Newberg et al., 2003) bekanntgeworden ist: Menschen können einen Gott oder mehrere Götter denken. Das heißt nicht, dass es etwas wie »Gott« materiell geben muss, und dies ist etwas völlig anderes als eine Vorstellung, die als Gottesbeweis daherkommen will. Zwar scheut auch Newberg in letzter Konsequenz davor zurück, Einsichten über einen wie auch Einleitung 10 immer gearteten Gott wie diesen Gott der Christen ebenfalls als »nur«Gedachtes und nicht als real Existierendes klar zu benennen, aber er liefert sehr plausible Argumente dafür, warumMenschen denken, was sie zumDenkenmotiviert, und Gründe dafür, warum sie meinen, immer verstehen zu müssen, was um sie herum vorgeht – zumindest in einigen Grundzügen. Erhellend ist, wenn er begründet, was geschieht, wennMenschen ihre mentalen Kräfte nach innen anstatt nach au- ßen richten, was dazu führen kann, dass sie Gedanken, die sonst dem Verstehen des Außen dienen, zur unvermuteten Wahrnehmung einer inneren Dimension verwenden. Das geschieht auf diese Weise ganz ohne Spiritismus (der nicht als »Spiritualität« misszuverstehen ist), ohneWunder, Dämonen, Teufel und Gott. Newberg bemüht hier nicht SigmundFreud, der»Gott« als kaum auszurottende Illusion ansah, aber er vertritt eine Art spannender neurobiologischer Triebtheorie, die dasMotivationssystemderMenschen erhellt, sodass Sigmund Freud daran seine Freude gehabt hätte. Meine Bemühungen, Aspekte des Bösen als eine Conditio humana, als Conditio sine qua non zu erfassen –magman eine solche Sicht desMenschen auch aus humanistischer Gesinnung heraus bedauern –, runden das Bild philosophischanthropologisch ab. Ich schließe mich Paul Ricœur (2006) an, der am Ende feststellt, dass man das Phänomen des Bösen philosophisch nicht erschöpfend wird verstehen können, dass aber jeder Mensch etwas gegen das Böse unternehmen kann. Einleitung 11 1 Mephistopheles und seine Freunde Das Museo Nacional de Arte de Cataluña in Barcelona ist ein prächtiger klassizistischer Bau in traumhafter Aussichtslage. Im obersten Stockwerk befindet sich ein mehr als passables Restaurant. Wie gut das Essen ist, spielt für diejenigen eine untergeordnete Rolle, die vor allem die Aussicht genießen wollen, die für die Augenmenschen noch den kulinarischen Genuss übertrifft. Vor dem Gebäude vergnügt sich bei gutem Wetter viel Volk: Touristen, Flaneure, Paare – langjährig eingespielte ebenso wie junge, die noch in der Leidenschaft des Tastens und Testens gefangen sind. Musiker und Gaukler streichen ganz gut Geld ein. Vorsicht vor Taschendieben wird empfohlen! Aber niemand verlässt ohne Bedauern die Terrassen mit der grandiosen Aussicht über die Stadt. Die Atmosphäre ist gelöst und heiter, ohne museale Ehrfurcht. Das riesige Gebäude ist ein Tempel katalonischen künstlerischen Selbstbewusstseins. Es enthält unter anderem eine große und berühmte Sammlung katalonischer romanischer und gotischer sakraler Malerei, wunderbare Stücke, ästhetisch und geschmackvoll komponiert und historisch präzise angeordnet – ebenfalls eine Aufforderung zur genussvollen Betrachtung in kontemplativerMuße. Leuchtende Farbenstrahlen Erhabenheit aus; es wurde viel Goldfarbe benutzt. Gewiss hatte ich schon früher Motive des Teufels in der Malerei gesehen, wie zumBeispiel das bekannte Bild vonMichael Pacher,Kirchenvater Augustinus und der Teufel (1471–1475), das zeigt, wie ein Teufel einen edlen Frommenmit einer Lektüre bedrängt, in der unverkennbaren Absicht, ihn zu etwas Unheiligem und Unfrommen zu verführen; oder eine der zahlreichen Darstellungen desheiligen Antonius (1195–1231), dessen bebilderte Vita mit Teufeln prall gefüllt ist. In dieser Galerie sprangen mich gleich mehrere dieser Teufel und Teufelchen an: Hier hefteten sie sich an einen Talar, wohl um Einfluss auf dessen Träger zu bekommen, dort hingen sie an einem Bein, andernorts versuchten sie, eine Seele zu ergreifen, bevor sie der Engel erwischt, der daneben wartet, oder sie wurden von einem ihrer Bezwinger, zum Beispiel dem Ritter mit dem Schwert, dem Erzengel Michael oder dem heiligen Georg (3. Jh. n. Chr.), erlegt, mit einer Lanze oder einem Schwert durchstoßen, mit Füßen in den Staub getreten oder dort festgehalten. Ich fand die kleineren oder größeren braunen oder grünen Gnome mit 13 ihren Krallenhänden und -füßen und ihren Fledermausflügelchen eher niedlich als Furcht einflößend. Auch als Drachen konnten sie nicht richtig auf den Ernst einer Lage hinweisen und erschrecken. Ein riesenhafter Erzengel Michael zielt mit seiner Lanze auf ein Teufelchen mit roten Flügeln undHunde-Löwen-Kopf, das eben imBegriff ist, sich als Beute einen Mann an Schulter und Fuß zu packen, während jener Mann sich Schutz suchend an den Oberschenkel eines Riesen lehnt. Michael, der »englische Ritter« mit Kreuz und Lanze, hat viel zu tun, denn auf dem nächsten Bild scheint er einen Teufel auszutreiben, und zwar aus einem schwebenden Mann, wohl einem Verstorbenen, aus dessen Kopf ein hässlicher Geselle nach oben entweicht, braun und gnomenhaft, mit kleinen, irgendwie verkrüppelt wirkenden Flügeln. Die Flügel der insgesamt zahlreichen Engel sind, nebenbei bemerkt, durchweg schöner, größer, im Schwung eleganter. Auch derKampf zwischen englischen und teuflischen Figuren findet sich aufwendig gemalt: Die teuflischen Dämonen, grüne und rote hässliche Kreaturen, sind oft nur grob ausgestaltet und wenig koloriert. Sie werden aus dem Himmel geworfen. Ein Teufel mit dunklemLöwenkopf ist präzise und differenziert dargestellt und könnte elegant wirken, wäre da nicht das Schwert, das ihm der Erzengel Michael eben durch den Schädel gerammt hat, sodass es über der Stirn wieder austritt. Auf einem der Bilder hat der Teufel schon ein potenzielles Opfer amWickel, aber dann hält ein heiligerMann ihm dieHostie entgegen, und deshalb wird es wohl nichts mehr mit der Beute geworden sein. Satan geht in diesem Fall leer aus. Der Teufel wird auch als ein vielköpfiger Drache dargestellt. Ein Lindwurm mit sich kunstvoll verästelndem Feuerschwanz versucht eine Lesende zu verführen, zumindest legt das sein lüsterner Blick nahe. Er ist ebenfalls recht kunstvoll angelegt, gerade anmutig in seiner verschraubten Bewegung.Ob er sein Ziel erreichen wird, die Jungfrau vom Lesen der heiligen Schrift abzuhalten? Einige Male verlassen teuflische Figuren die Körper ihrerOpfer. In einemBild verlassen gleich zwei Dämonen den Körper eines Säuglings, in einem anderen verlässt ein Teufel den Körper einer betenden Frau, wobei auch dieses Motiv öfter auftaucht: Beten hilft eben gegen den Teufel. Auf einem der Gemälde mit diesemMotiv wirkt der Teufel irgendwie enttäuscht. Kein Wunder, wenn er sein Heim gerade verlassen musste. Und auf einem anderen Bild kann man, wenngleich undeutlich, das Genitale des Teufels erkennen. Es ist ziemlich groß geraten. Die Präsenz dieser mystischen Figuren in den Bildern suggeriert große Selbstverständlichkeit. Sie sind ein Teil der Werke, Teil der Aussage: So ist es, so war es, so wird es sein. Die Teufel und Teufelchen und die Drachen gehören zu den 1 Mephistopheles und seine Freunde 14 Szenen genauso real dazuwie alle anderen Figuren: die Priester, die Pferde und die Hunde. Wir betrachten das im 21. Jahrhundert aus der historischen Perspektive: Es ist ja schon einige Jahrhunderte her, seit das gemalt wurde. Dennoch löst das Betrachten der Bilder – zumindest beimir – Befremden aus.Was soll das, wiemag das gemeint sein?Das wirkt nicht wie eine Allegorie, sondern es ist gemalt, als wäre es aus dem Leben gegriffen – also als drastischer Realismus! Solche Szenen sind ja kein Comic, sondern sie sind todernst gemeint. Für den modernen Menschen ist der Vergleich mit dem Comic aber gar nicht schlecht, denn diese Gemälde möchten wie die Comics etwas erzählen. Sie wirken wie Bildergeschichten, ihre Aussagen erfolgen in einer Bildsprache, wieman sie zumBeispiel vonWaltDisney, aber auch aus indischen Bildergeschichten mit sakralem Inhalt kennt, in denen die Legende vonRama undKrishna erzählt wird, die auf uns ebenfalls wieComics wirken. Hier werden ebenfalls Fantasiegeschichten wie Alltagsszenen präsentiert und vieles, was nicht existent ist, wird wie selbstverständlich abgebildet. Und so ungewöhnlich ist das auch grundsätzlich nicht, denn schließlich werden in der sakralenMalerei fast immerDinge undWesen abgebildet, die einerÜberprüfung in der Wirklichkeit nicht standhalten, zum Beispiel Heiligenscheine, Engel, in den Himmel auffahrende und aufgefahrene Figuren, zur Hölle fahrende oder in ihr schmorende Personen oder furchterregende Dämonen und Götter einerseits als fantastische Gestalten oder andererseits etwas langweilig als alte bärtige Männer. An der künstlerischen Gestaltung der Bilder, dem Einfallsreichtum ihrer Urheber, den Ergebnissen menschlicher Schöpfungskraft in diesen phantasmatischen Kompositionen konnte ich mich im Prinzip schon erfreuen, aber nur, wenn ich diese Darstellungen ähnlich wie Comics las, also gerade nicht als Realismus. Für die Teufelsdarstellungen muss der griechische Hirtengott Pan mit seinen Hörnern und Bocksfüßen als Vorlage gedient haben. Dann hat man ihm, damit er zum Teufel werden konnte, noch Flügel gegeben, ihn aber im christlichsakralen Zusammenhang der sonst üblichen stattlichen Dauererektion beraubt, welche die antiken Hellenen ihm oft verpasst hatten. Die Darstellungen von Engeln wirken meist intersexuell, auch wenn die Erzengel in ihren Rollen eigentlich männlich sind undmännliche Vornamen als Namen tragen (Rafael,Michael, Gabriel usw.). Sie sind auf den Gemälden meist mit mächtigen Flügeln ausgestattet. Der Heiligenschein ist oft in Gold oder in zartemWeiß-Grau gehalten. Die Teufel kommen schlechter weg. Sie müssen deutlich entmenschlicht sein, damit der Betrachter davor abgeschreckt wird, sich mit ihnen zu identifizieren. Die Engel sind zu entrückt und zu wenig von dieserWelt, um als Rollenvorbild zu dienen. Und der Gott der Christen? Die Abbildungen Gottes wirken idealisiert, weise und allwissend, sodass die meisten Normalmenschen kaum als Modell für sie 1 Mephistopheles und seine Freunde 15 taugen. Das war bei den Künstlern der Antike noch anders, deren Götterdarstellungen dem Menschen ähnlicher waren. Deren Idealität drückte sich in der Vollkommenheit des wohlgeformtenKörpers aus. Bei denChristen hingegen soll auch eine ausreichende Differenz zu einem »Oben« erhalten bleiben, ist die Hybris doch eine der Ursünden – neben dem Begehren – derentwegen wir Menschen aus dem Paradies vertrieben wurden. So weit so gut, aber ein erhebliches Befremden blieb bei mir zurück: Haben die Leute das alles damals wirklich geglaubt, sozusagen eins zu eins? Das konnte ich mir erst einmal nicht vorstellen, aber andererseits: Wenn die Menschen in den Kirchen und in der Passionsgeschichte mit den Stationen des Kreuzweges abgebildet fanden, sollten das doch auch Darstellungen von realen Ereignissen sein, an die Stationen des Leidensweges Christi gemahnend, und sie sollten die Gläubigen an die Kernsubstanz ihres Glaubens erinnern. Sie sollten glauben, was sie da sahen, und sich daran erinnern, was sie dazu wussten. Dass es neben der sichtbaren Welt magische unsichtbare Überwelten und Unterwelten gibt, ist lange eine feste Glaubensüberzeugung gewesen, die auch heute noch viele Zeitgenossen teilen. So gab es auch Vorstellungen von Welten jenseits des Sichtbaren. Diese konnten als natürlich gelten wie im Atomismus und seiner Annahme von nicht sichtbaren kleinsten Einheiten, aber auch metaphysisch verortet werden als Geister- oder Götterwelten. Seit jeher bewegten Grundfragen die Menschen: Was ist die Welt? Wo kommen wir her? Was geschieht nach dem Tod? Die Vorstellung einer Unterwelt im Sinne eines Totenreichs etwa beschäftigt seit jeher die Völker. Orte, an denen sich Verstorbene oder ihre Seelen aufhalten sollen, stellte man sich häufig räumlich unten (Hölle) oder oben (Himmel) vor. Für europäische Verhältnisse haben wir seit der Antike über solche Vorstellungen Kenntnisse. Für die alten Griechen galt Hades als Gott, aber auch die ihm zugeordnete Welt, die »Unter«welt der Verstorbenen, wurde so genannt. Es gab auch schon die Vorstellung von Gerichten, welche die Leistungen der Verstorbenen beurteilten und diese daraufhin Orten verschiedener Qualität zuordneten. Wer als rein galt, konnte ins Elysium kommen, einen Ort ewiger Glückseligkeit, die Übeltäter gelangten in den Orkus oder den Tartaros und waren bis in alle Ewigkeit zum Leiden verdammt. Die Seelen der Verstorbenen hatten kein dem der Lebenden vergleichbares Dasein. Man stellte sie sich eher als eine blasse Existenz in einer Art Schattenreich vor. Jedenfalls hatten die Vorstellungen über das Leben nach demTod, wie sie in der Bibel, also imAlten Testament und danach bei denChristen, formuliert wurden, Vorläufer. Dass es in der christlichen Vorstellungswelt eine Hölle gibt, ist seit dem sogenannten Sündenfall bekannt. Das geht zum Beispiel aus dem Bartholomäus- 1 Mephistopheles und seine Freunde 16 Evangelium hervor, einer apokryphen Schrift, entstanden etwa 250 Jahre nach Christus, in welcher der Apostel den auferstandenen Jesus über dessenAufenthalt in der Unterwelt befragt, wo dieser seine Art von Ordnung geschaffen hat. Das Evangelium des Bartholomäus ist als ein Gespräch zwischen Bartholomäus und Jesus angelegt, in dem der Apostel Jesus Fragen stellt. Auch Petrus, Maria, Hades (der griechische Gott des Todes) und der Teufel als Höllenfürst haben darin Auftritte. Der Teufel unterliegt und wird zuletzt mit unlösbaren Fesseln gebunden. Bartholomäus bittet Jesus um Erläuterungen, wie seine Empfängnis geschehen sei, was er in der Hölle getan habe, was zum Himmelssturz des Teufelsgeführt habe. Der Sinn der Geschichte dürfte darin liegen, dass der Geltungsbereich und die Gültigkeit der christlichen Lehre auch auf die Vergangenheit ausgedehnt werden sollte – eine vertraute Denkfigur, von der auch der Islam Gebrauch macht, der ebenfalls die Gültigkeit vom Beginn aller Zeiten für sich beansprucht. Ein erstes antikes Epos über eine Reise in die Unterwelt stammt von dem römischenDichterVergil (70–19 v.Chr.), derAeneas in dieUnterwelt hinabsteigen lässt. Auf ihn verweist der italienischer Dichter und Philosoph Dante Alighieri (1265–1321) in derGöttlichen Komödie (1963 [1320]), demVergil zum Jenseits- Führer und zum Begleiter auf seiner Reise durch Himmel, Hölle und Fegefeuer wird. Die Hölle wurde von Dante in Form eines Trichters mit konzentrischen Kreisen dargestellt, mit sich steigernden Qualen für die Sünder zur Mitte hin, die gleichzeitig auch die Mitte der Erde bedeutet. Die Entstehung der Hölle als Ort der Verdammten wird mit dem sogenannten Höllensturz – oder auch Engel(s)sturz – in Verbindung gebracht. Im Zuge der gewaltsamen Entfernung des ehemaligen Erzengels Luzifer aus dem Himmel, der auf die Erde geschleudert wurde, entstand in dieser Erzählung die Hölle als Ort für die Verdammten. Der Himmelsturz, den zum Beispiel Gustave Doré in seinem Bild Sturz des Satan (1865) dargestellt hat, ist ein alter Mythos, der zurückreicht in die Zeit vor demNeuen Testament, wobei das Motiv des gefallenen Engels stets der Kern der Geschichten einer Auseinandersetzung zwischen Gott und den Engeln ist, bei der die Verlierer unfreiwillig und gewaltsam aus dem Himmel entfernt werden. Luzifer, der abtrünnige und gefallene Engel, der es Gott gleichtun wollte, hatte seineOhnmacht schmerzlich erfahrenmüssen, weil sein Streben nachGottgleichheit, sein Stolz, seine Weigerung, dem Menschen Respekt zu zollen oder seine sexuelle Triebhaftigkeit den Zorn des wahrenHerrn heraufbeschworen hatten. Solche Geschichten faszinierten dieMenschen seit ehedem. JohnMilton hat in seinem epischen Gedicht Paradise Lost (1667) einen mehrere Tage währenden Kampf aufständischer, abtrünniger Engel gegen den Allmächtigen ersonnen, deren Mühe jedoch vergeblich war, wie man in der Bilanz feststellen musste. In 1 Mephistopheles und seine Freunde 17 einer Version des grandiosen Scheiterns der Auflehnung der Abtrünnigen gegen Gott seien diese nicht nur wie ein Blitz zur Erde geschleudert worden, sondern an der Stelle des Einschlags sei die Hölle entstanden, als ewiger Aufenthaltsort für die Verlorenen, eben jene Welt aus Feuer und Schwefel, die seit jeher dem Teufel zugeordnet wird. Es muss Gründe für den Aufwand geben, ein solches Exempel zu statuieren. Der Himmelsturz sollte wohl ein für alle Mal den Sitz der Macht demonstrieren. Dazu wurde ein Szenario der Konzentration maximaler Macht ersonnen, wobei auch Bezüge zu anderen Teilen der Bibel hergestellt wurden, zum Beispiel zur Verheißung eines kommenden Himmelreichs auf Erden durch Jesus Christus in der Offenbarung des Johannes. Dort wird die Verkündung präsentiert, dass es das himmlische Jerusalem bereits gäbe, nur sei es auf Erden noch nicht verwirklicht. Als Aufgabe der Christen gilt seither, in der Nachfolge Christi ein gottgefälliges Leben zu führen, damit man am Jüngsten Tag erlöst werden kann, wenn das ReichGottes errichtet wird und der Teufel endgültig seineMacht verliert. Dante nutzte auf einmalige Weise Teile der Schöpfungsgeschichte zur polemischen Auseinandersetzung mit seiner Gegenwart. Zu Dantes Zeiten wirkt die himmlisch-politische Situation zwar nicht unproblematisch, aber stabil. Alle waren an ihrem Platz. Die Sünden der Verdammten traten deutlich hervor. Heute ist der früher gültige Kanon der Missetaten und Wohltaten kaum noch vermittelbar. Auch die Welten des Guten und des Bösen sind vielschichtiger geworden. Wovon wir erlöst werden sollen, ist nicht so deutlich, wenn es im Gebet heißt, es handele sich um das Übel oder um das Böse. Das Johannesevangelium enthält Darstellungen von Johannes des Täufers bis zu Erscheinungen des Auferstandenen, die ab etwa 70 Jahre nach Christus genannt werden (Beutler, 2013). Die Aufgabe von Jesus auf der Erde sei die Rettung der Welt durch die Liebe Gottes. Das Streben nach Erlösung war in den Zeiten der Entstehung dieses Evangeliums (im ersten bis zweitennachchristlichen Jahrhundert) ein verbreiteterWunsch und ist nur mit Mühe mit der Jetztzeit zu vereinbaren. Es geht uns Menschen ja bei Weitem nicht immer schlecht und vermutlich empfinden es die meisten nicht als Qual, dass sie leben. Mit tieferem Ernst betrachtet und in mehrfach übertragenem Sinn gäbe es natürlich mehr als genug Gründe für die Erlösung. Die Neigung der Menschen, jene noch lange nicht entschlüsselten Wunder der Natur, auf denen das Leben beruht, zu zerstören und sich gegenseitig und damit die ganze Art auszurotten erscheint ungebrochen. Jeder Einzelne kann sich fragen, welchen Beitrag er dazu leistet und was er dagegen tun kann. Das Ergebnis erleben wir Tag für Tag und allmählich scheint sich ein Denken durchzusetzen, das Sensibilität für das Bewahrenswerte entwickelt. 1 Mephistopheles und seine Freunde 18 Es war also von den Alten nicht schlecht ausgedacht, dem Herrn der Finsternis die Welt zuzuweisen. Er sollte, so heißt es, auf Erden herrschen dürfen bis der jüngste Tag anbricht, was er seither tut, und das wird wohl auch noch eineWeile so weitergehen. Vorerst bleibt die Apokalypse noch aus. Abgesehen davon, dass wir Menschen keinen Einfluss darauf haben, ob uns ein Meteorit trifft, sind wir offenbar nicht einmal willens oder fähig, die hausgemachten Katastrophen abzuwenden. Luzifer, der hinter alldem Unheil stecken soll, kann es dabei nicht schlecht gehen.Wir kennen ihn nicht erst seit JohannWolfgang Goethe und Faust (2014 [1808]) als den »Geist, der stets verneint« (ebd., Z. 1338), und der auch noch meint, das mit Recht zu tun, »denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht« (ebd., Z. 1339f.). Sein eigentliches Element ist gemäß seiner Selbst- Auskunft als Mephistopheles gegenüber Faust Sünde, Zerstörung und das Böse. Aber Satan ist nicht mit einem Schlag aus dem Himmel geschleudert worden. Die Menschen haben sich Geschichten ausgedacht und dabei verschwiegen, dass er sanft auf der Erde gelandet ist und schon immer unter uns gelebt hat, seit es Menschen gibt. Hier ist er eben in seinem Element. Für uns und zwischen uns geht es oft wenig sanft zu – und das auf der einzigenWelt, die es gibt.Wir tun uns das Schlechte zum Teil selbst und gegenseitig an, zum Teil sind wir Opfer, ausgeliefert undmachtlos. Das himmlische Jerusalem ist noch nicht zu uns gekommen, und niemand, der auf der Erde lebt, hat es erreicht und wird es erreichen. Dennoch bietet die Welt, in der wir leben, für die meisten Menschen auch schöne Seiten. Sie kann Liebe, Freude, Glück, Genuss und Schönheit schenken und die Möglichkeit geben, manche Freuden durch Teilen zu vermehren und Leid durch Mitleid zu lindern. Nur machen wir leider bei Weitem nicht das Beste daraus. 1 Mephistopheles und seine Freunde 19 2 Anmerkungen zur Geschichte des Teufels Wenn sich unser Denken zu entwickeln beginnt, verharren wir zunächst einige Zeit in einer Art naivem Realismus, der uns glauben lässt, was wir sehen und wie man uns die Welt erklärt. Es dauert eine Weile bis wir merken, dass es eine Wunschwelt und eine reale Welt gibt, dass man Gegenstände auf verschiedene Weisen verstehen und interpretieren kann, dass es mehr gibt als wir sehen, dass wir nicht alles glaubenmüssen, was uns erzählt wird und dassMenschen ihre Auffassungen ändern, sich irren und lügen können. Was heute Gültigkeit hat, muss nicht in Stein gemeißelt sein.Menschen habenGeschichte, sie machenGeschichte und sie werden Geschichte. Das gilt gleichermaßen für die Produkte unserer Fantasie, ob wir sie für wahr halten, glauben oder nicht: Auch Götter und Engel, Dämonen undTeufel haben eineGeschichte und –wennman sowill – sogar eine Geografie, weil sie nicht nur über Zeiten hinweg, sondern auch über verschiedene Länder und Regionen verteilt mit sehr verschiedenen Bedeutungen und Formen ausgestattet werden und im Laufe der Geschichte oft Bedeutungswandel durchmachen, sowohl Steigerungen ihrer Bedeutung als auch Bedeutungsverluste. In unterschiedlichen Regionen und Epochen weisen diese Figuren teilweise große Unterschiede auf. Sie können als Geister und Dämonen ihre Karriere begonnen haben und waren zunächst einige von vielen. Erst im Laufe der Zeit differenzierten sie sich und erwarben spezielle Eigenschaften bis hin zur Ausprägung personaler Charaktere, wobei Eigenschaften kumuliert werden konnten. Gut oder böse, streng oder gewährend, mächtig oder schwach sind nur einige der zugewiesenen Qualitäten und wir stellten (und stellen) uns ewig die Fragen: Woher stammt das Gute und woher das Böse und wie verhält es sich mit der Machtfrage? Wer ist wie stark, wer trägt woran Schuld und warum kann jemand zur Rechenschaft gezogen werden? So macht es nur bedingt Sinn, von »dem Teufel« zu sprechen, ohne ihn genauer zu bestimmen und zu verorten. Ich möchte hier die Geschichte des Teufels in aller Kürze nachzeichnen. Für die eingehendere Beschäftigungmit demThema sei auf die einschlägigen Standardwerke verwiesen, wie zum Beispiel von Alfonso di Nola (1993), Gerald Messadié (1999), Paul Metzger (2012), Kurt Flasch (2015) oder zuletzt Eugen Drewermann (2018). 21 Im Christentum, besonders im Katholizismus, ist der Teufel im Großen und Ganzen noch fester Bestandteil des Glaubens. Nur im aufgeklärten Protestantismus hat der Teufel nicht mehr die Qualität eines real existierenden Wesens, sondern er hatmittlerweile undnachdemderProtestantismus vonderAufklärung erfasst worden war, mehr und mehr die Bedeutung eines Symbols erhalten und sich seit Friedrich Schleiermacher (1995 [1820/1821]) weg von der Vorstellung einer realen personalen Existenz bewegt. Also:Woher stammt unser (christlicher) Teufel? Es gibt wohl kein Volk, das ohne Religion und in seinen Gründungsmythen, also in seinen Überlieferungen, Fabeln, Sagen und Märchen, ohne Dämonen auskommt, das heißt ohne Schicksalsmächte, die mit Göttern und Geistern verbunden werden, mit Kräften, die machtvollen Einfluss auf den Einzelnen nehmen können; wobei heute, im Gegensatz zur Anfangsbedeutung des Begriffs »Dämon«, diese eher so gesehen werden, dass sie Menschen Schaden zufügen möchten und sie bedrohen, dass sie also als böse Geister erscheinen. Das ist nicht überall gleich. Es gibt Dämonen, die gleichzeitig gute und böse Eigenschaften in sich vereinen. Wir schreiben ihnen häufig eine Wesensart zu, personalisieren sie also, was bis zu einem sicheren Glauben an ihre reale Existenz reicht. Häufig werden die Begriffe »Dämonen« und »Geister« synonym benutzt. Allem ansonsten Unerklärlichen können Geister attribuiert werden, was auch überall auf der Welt geschieht. So »gibt« es das Besondere, vom übrigen eines Kulturraumes herausgehobene Heilige, auf dessen Deutung Priester und Schamanen spezialisiert sind. Außerdem kennen wir Tiergeister, Pflanzengeister, Berggeister usw. in mehr oder weniger ausgearbeiteten Erzählungen, die wir unter anderem in der ägyptischen, persischen, griechischen, römischen, indischen und chinesischen Mythologie finden. Auch die abrahamitischen Weltregionen haben ihre jeweils eigene Dämonologie. Es ist eine Eigenschaft desMenschlichen, dass der bildnerischen, literarischen und auchmusikalischen Fantasie undAusdruckskunst hier keineGrenzen gesetzt sind. Der Mensch kann sich in seinen Gedanken mit seiner ganzen Kraft und Fantasie austoben, um gefährlicheMächte zu ersinnen, die sichmit Aussehen und Eigenschaften beliebig ausschmücken lassen. Nicht zu übersehen ist auch die Nähe zwischen Dämonen, Göttern und Teufeln,wobei sichderGlaubedaran gewiss nicht gegenseitig ausschließt. Buddhisten haben beispielsweise kein Problem damit, an unterschiedliche Götter zu glauben und sich unterschiedlichen Religionen anzuschließen. Man kann die verschiedenenKräfte inBeziehungen zueinander stellen, etwa in hierarchische.Dazu neigen besonders monotheistische Auffassungen. Bei dem Kirchenvater Augustinus von 2 Anmerkungen zur Geschichte des Teufels 22 Hippo (354–430 n. Chr.) finden wir zum Beispiel eine solche Ordnung, indem eine »civitas dei«, ein Gottesreich, von einer »civitas diaboli«, dem Dämonenreich (vgl. 2007 [426]), unterschiedenwurden.AuchwennAugustinus überzeugt war, dass die Dämonen, die er für gefallene Engel hielt, real waren und sie in den Lauf der Dinge eingreifen konnten, waren sie doch dem Reich Gottes unterstellt, das heißt, dass sie nur mit dem Einverständnis Gottes handeln konnten. So wurden die Geister und Dämonen, deren Herkunftsgeschichte gewiss aus vorchristlichen Zeiten stammte, allmählich in die christliche Lehre eingebaut. Grundsätzlich handelt es sich dabei um Formen der Personifizierung des Bösen. Wir verwenden die Begriffe »Satan« und »Teufel« äquivalent. »Teufel« leitet sich vom Griechischen »diabolos« ab und bedeutet demWortsinn nach der »Verdreher«, der »Durcheinanderbringer«. Der Teufel ist also jemand, der die Ordnung stört und aufzuheben trachtet. Das Wort »Satan« stammt aus dem Hebräischen undmeint als »satanas« den»Gegner«, den»Ankläger« vor dem Gerichtshof Gottes, der Eva schon in der Gestalt der Schlange im Garten Eden verführt hat. Der Teufel bringt das Böse in die Welt, als dessen Urheber ist er bis heute jedem Kind bekannt, wenn auch auf unterschiedlichen Niveaus der Differenzierung. Er wurde zunächst als Personifizierung des Bösen verstanden, bis sich im Verlauf der Jahrhunderte fortschrittlichere Denker der Aufklärung mühevoll davon distanzieren, dass es ihn dem Wortsinn nach geben soll. Es wäre jedoch ein Irrtum zu glauben, dass dieser Kampf ausgefochten sei: ImKatholizismus, bei den Evangelikalen, den Pfingstlern, denWiedertäufern usw. ist der Teufel so personal lebendig wie eh und je. Warum das so ist, vermag ich am ehesten entwicklungspsychologisch und sozialpsychologisch zu begründen: Jeder Mensch entwirft sich aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen und der kulturellen Einflüsse, denen er unterliegt, seine Welt. Er beginnt als Erkennender sehr naiv und durchläuft altersabhängige Phasen von Erkenntnisfähigkeit und Erkenntnissen. Er ist »aus […] so krummem Holze« (Kant, 2019 [1784], S. 13) und kämpft lebenslang mit den Widersprüchen zwischen dem Gewünschten und dem Möglichen und auch zwischen dem Erlaubten und demVerbotenen und kann sich eineWunschwelt erträumen, in der alles möglich ist und in der er alles vermag. Er durchläuft eine sogenannte magische Entwicklungsphase, in der, wie das Märchen vom Froschkönig besagt, »das Wünschen noch geholfen hat« (J. &W.Grimm, 1857).Mühsamund nie endgültig kommen wir davon los.Wir müssen immer wieder testen, was möglich ist und was nicht, und können unsere Kreativität dafür einsetzen. Ohne Anschluss an die magischeWelt, deren größter Teil imUnbewussten liegt, bleiben wir seelisch arm, 2 Anmerkungen zur Geschichte des Teufels 23 aber ohne die Fähigkeit zurUnterscheidung derWelten ist die Erprobung desMagischen an der Welt, in der wir unsere praktische Existenz sichern, nicht möglich und der Schritt, die Lebenswelt zu verfehlen und in ihr zu scheitern, nicht weit. Die magischeWelt bleibt in uns erhalten solange wir leben und die hier angedeuteten Unterschiede, von denen noch die Rede sein wird, müssen wir uns immer wieder aufs Neue erkämpfen, von Situation zu Situation und von Generation zu Generation. Ob und wie gut man das schafft, bleibt eine Frage der individuellen Reife, die gewiss Unterstützung finden kann durch Elemente der ethnischen Persönlichkeit eines Volkes, einer Gruppe, oder selbst einer Familie. Diese ethnopsychoanalytischen Gesichtspunkte werden an späterer Stelle noch eingeführt. Dämonen, genauso wie Geister und Gespenster und selbstverständlich auch der Teufel, haben selbst eine Geschichte, mögen sie für immerwährend gehalten werden oder für sterblich; und man kann, wie das im dualistischen Denken der Fall ist, von gleich starken jeweils guten und bösenKräften des Kosmos ausgehen, die in einem ewigen Widerstreit liegen. So sahen das die Zoroastristen und die Manichäer. Jahwe, der Gott Israels, mag historisch aus einem Berggott oder Gewittergott hervorgegangen sein. Im Christentum muss das Gute die Oberhand behalten, aber niemand weiß, ob das wirklich stimmt. Auch Götter haben eine Geschichte, die erfasst, erforscht und beschrieben wird (Messadié, 1998). Dem menschlichen Bedürfnis, Ewigkeit und Absolutheit zu denken, steht der Umstand nur theoretisch entgegen, dass auch Götter, Teufel und Dämonen bereits im Lauf der Menschheitsentwicklung jeweils ihre eigene Geschichte durch die Menschen erhalten haben. Gerald Messadié, Historiker, Autor und Verfasser sowohl einer Geschichte Gottes (1998) als auch einer der Dämonen (1999), hält dieGottesvorstellung generell für eine grundsätzlich unwiderstehliche und damit unvermeidliche Projektion des Ich, das seine Grenzen nun einmal nicht anerkennen könne.Menschen können aus seiner Sicht gar nicht anders, als einenGlauben zu suchen und an Götter zu glauben. Für ihn bleibt die Erwartung der Vorstellung einer Welt ohne Gott daher eine Illusion. Die Macht der Projektion sei zu stark. Er ist jedoch umsichtig genug, um zu bedenken zu geben: »DieÜberzeugung, imAlleinbesitzder göttlichenWahrheit zu sein, ist eine schändliche Bösartigkeit. […] DieWürde desMenschen liegt im Zweifel begründet; dieser ist zwar unbequem, doch Bequemlichkeit ist das Privileg der Wilden, der Verrückten und der Mörder« (Messadié, 1998, S. 652). So hat sich auch der Gott der Juden und der Christen erst im Laufe der Zeiten zu dem gewandelt, als den wir ihn kennengelernt haben und als dessen Gegenspieler 2 Anmerkungen zur Geschichte des Teufels 24 wir den Teufel kennen. In diesemZusammenhang zunächst Gott zu erwähnen ist sinnvoll, denn erst die Vorstellung einer einzigen positiven Kraft im Sinne eines allmächtigen Gottes verleiht der gegenteiligen Vorstellung einer einzigen oder wenigstens führenden negativen, also bösen Kraft Sinn. Es muss eine Zeit lang gedauert haben, bis zumindest in der Bibel im Alten und Neuen Testament die Rollen von Gut und Böse sowie die Hierarchien der Macht festgelegt waren. Der Begriff »Baal« zum Beispiel, der allgemein »Gott« oder »Herr« bezeichnen konnte und der ursprünglich für das Leben und gegen den Tod stand, wandelte sich in der jüdisch-christlichen Überlieferung zum Dämon (vgl. 2 Kön 1). Aus »Baal Zebul«,was»Hoher Fürst«bedeutet, wurde er zumGotteskonkurrenten, zum Beelzebub, der später (vgl. Mk 3,22) als Oberster der Dämonen verstanden wird. Auf dieseWeise kann der guteGott der einen Religion undRegion zum bösen Gott in einer anderen, der nächsten oder kommenden Religion werden, zum obersten Dämon, der sein Reich verlassen muss und dem sein Platz allmählich in der Unterwelt zugewiesen wird, im Totenreich, wo auch Gestalten wie zum Beispiel der Todesgott Mot als ursprünglicher Gegenspieler von Baal und Hades beheimatet sind. So lassen sich dichotome Bilder von Gut und Böse, oben und unten, hell und dunkel bereits früh in religiösen Vorstellungen und auch schon lange vor demAuftreten des Christentums differenzieren. Aus einer Vielzahl von Göttern, Geistern und Dämonen schält sich allmählich die uns bekannte Zweiheit heraus: Gott mit seinen himmlischen Heerscharen und der Teufel als Herr der Finsternis, als Herrscher der Welt mit seinem Gefolge, das besonders den Menschen Übles will. Das sind starke Figuren, denn sie stützen sich auf grundsätzliche menschliche Antriebe, die uns zu allen Zeiten bewegt haben. Ebenso als Figuren wie auch als Personen erreichen sie eine Lebendigkeit, die an die affektive Vitalität ihres Inhalts anknüpft. Sie verkörpern Begehren, Liebe oder Hass, Hingabe und Gewaltsamkeit. Im Theater wurde schon in der Antike in szenischen Darstellungen die Stellung des Menschen in der Welt anschaulich gemacht. Für den deutschen Sprachraumhat JohannWolfgangGoethe in einemWelt undZeit umspannenden Entwurf dieDichtung desFaust. Der Tragödie erster und zweiter Teil (1963 [1808, 1832]) geschaffen. Durch diese Dichtung und die dort geschaffenen Kunstfiguren hat nicht nur der aufgeklärte, wissensdurstige und kritischemoderneMensch, sondern auch der Teufel dauerhaft Eingang finden können in die literarische künstlerischeModerne.Wie zumBeispiel Flasch (2015) in seiner herausragenden Studie herausgearbeitet hat, haben erst der Rückzug und der ideelle Untergang des theologischen Teufels als Folgen der Aufklärung dazu geführt, dass Goethe den literarisch und kulturell so reichen Schatz dieser Figur, die Kulturgut gewor- 2 Anmerkungen zur Geschichte des Teufels 25 den ist, für alle heben und zugänglich machen konnte. Mit den Gestalten des Mephistopheles und des Dr. Faustus hat er imposante Kunstfiguren geschaffen, die wie in einem Panoptikum der abendländischen Kultur einen langen Reigen bilden, elegant eröffnet mit dem »Prolog im Himmel« im Faust (2014 [1808]), wo GoetheMephisto nach demDialog imHimmel über Gott sagen lässt: »Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern Und hüte mich, mit ihm zu brechen. Es ist gar hübsch von einem großen Herrn, So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen« (ebd., Z. 350–353). Wie ein altes Paar lässt Goethe sie auftreten, das weiß, was man voneinander zu halten hat. Aber bis dahin, bis der Teufel neben dem Herrn diesen Platz gefunden hatte, musste noch eine gute Strecke des Weges zurückgelegt werden. Dabei entwickelte sich der Teufel zu der Gestalt, die später für die abendländische Tradition prägend wurde (Metzger, 2012). Im Alten Testament wird Gott noch grundsätzlich für alles, auch für das Böse in der Welt, verantwortlich gemacht, wodurch sich die Grundfrage der Theodizee stellt, wie Gottmit und trotz seiner Allmacht und Güte zulassen konnte, dass es das Böse in der Welt gibt. Auch wenn man sich spätestens mit dem Buch Hiob von der Vorstellung löste, dass widerfahrenem Unrecht oder Unglück immer eine Sünde, eine Verfehlung des Betroffenen vorangegangen sein müsste, blieb doch die Frage, wie das Böse in die Welt kommt, (bis heute) theologisch nicht zufriedenstellend gelöst. Heute besteht keine Notwendigkeit mehr, auf die ungelösten Fragen der Menschheit absolute theologische Antworten zu finden, zumal diese jeweils sehr unterschiedlich ausfallen. So wurde zu Zeiten des Alten Testaments die Rolle des Teufels als permanentem Gegenspieler Gottes längst nicht so stringent wie im Christentum ausgeformt. Daher kannMetzger feststellen: »Im Alten Testament ist der Teufel nur eine Randfigur. Die Figur, die später zum Teufel fortentwickelt wird, tritt hier unter demNamen śãţãn auf. Da die griechische Übersetzung des Alten Testaments […] den Begriff fast ausschließlich mit diábolos übersetzt, scheint hier der Grund für die spätere Gleichsetzung von Satan und dem ins Lateinische übertragene diabolus zu liegen, von dem wiederum das deutsche Wort Teufel abgeleitet wird« (ebd., S. 19 [kursive Hervorheb. im Orig.]). ImBuchHiobwird Satan als derHauptankläger gegen dieMenschen imHimmel an Gottes Gerichtshof beschrieben. Satans Rolle haftet immer etwas Opponie- 2 Anmerkungen zur Geschichte des Teufels 26 rendes an. Von den Wortstämmen her bestehen Verbindungen zu Begriffen wie Revoltieren, Verfolgen oder Ungerecht-Sein. Damit ist auch eineHierarchie festgelegt: Satan ist der Ankläger, aber nur Gott kann verurteilen oder verzeihen. Für Satan gibt es verschiedene Bezeichnungen: Teufel, was praktisch synonym verwendet wird, Herrscher der Welt, Fürst der Hölle, Fürst der Finsternis, Herr der Fliegen oderMephistopheles. Auch Luzifer wird er genannt, was »Lichtbringer« oder »Lichtträger« bedeutet und auf den sogenannten Höllensturz oder Himmelsturz verweist, einen zentralen biblischen Mythos, demnach Luzifer einst ein Engel gewesen sein soll, derGott sehr nahestand, aber letztlich von ihm verstoßen und aus dem Himmel geworfen wurde, weil er sich versündigt hatte. Zwei alternative Gründe für Luzifers Verfehlung sind der Hochmut, der zu Ungehorsam gegen Gott führte und die Begierde, deren Folge die verbotene Ausübung von Sexualität war. Das Bedeutungsumfeld des Teufels, des Diabolos, erstreckt sich in Richtung des Verwirrers, des Verleumders, des Durcheinanderwerfers. Der Teufel taucht als Personifizierung des Bösen auf. Er versucht, die Menschen zur Sünde zu verführen und zu verleiten, um ihnen zu schaden und sie vom rechten Wege Gottes abzubringen, der sie zum ewigen Leben an seiner Seite führen könnte. So wird der Teufel allmählich – und endgültig im Mittelalter – zum Gegenspieler Gottes. Natürlich gibt es in denMythen der verschiedenenVölker bedeutendeUnterschiede. Jedoch ist es bemerkenswert, dass dieseMythen in den großenReligionen auch Ähnlichkeiten haben. Bei näherer Betrachtung ist das wenig verwunderlich, denn sie machen Anleihen an dasselbe inhaltliche Material, um den Dämonen Gestalt zu geben, nämlich an menschliche Eigenschaften. Im Buddhismus gibt es Mara, der ein Verführer ist und Unheil und Tod bringt. Er hat drei Töchter und ist so etwas wie der Teufel im Buddhismus. Ihm helfen seine drei Töchter Ratī, die Lust, Aratī, die Unzufriedenheit undTanhā, die Gier. Auch imHinduismus gibt es schädliche, denMenschen feindlich gesinnte Dämonen, zum Beispiel Asuras, deren Eigenschaften unter anderem als Prahlsucht, Anmaßung, Überheblichkeit, Zorn, Rauheit und Unwissen bezeichnet werden. Iblis ist der Teufel im Islam, dessenHochmut ihm zumVerhängnis wurde und der auch als »Durcheinanderbringer« und Feind des Menschen wirkt, wobei die Ähnlichkeiten zum Christentum unverkennbar sind. Im Judentum ist der Teufel der Ankläger. Dass ihm diese Funktion auch bei den Christen zuerkannt wird, braucht nicht zu verwundern, schließlich schöpfen sie aus der gleichen Quelle. 2 Anmerkungen zur Geschichte des Teufels 27 3 BiblischeMythen als Bezugssystem Drei Mythen werden im Christentum immer wieder genannt, ich sehe sie als Referenzmythen an, die das Verhältnis von Gott, Mensch und Teufel darstellen: der Höllensturz, die Vertreibung aus dem Paradies und die Geschichte des Hiob. Sie folgen keiner eindeutigen Chronologie und sind teilweise in sich widersprüchlich und nicht schlüssig. Beispielsweise soll in einer der Versionen des Höllensturzes dieser dadurch ausgelöst worden sein, dass lüsterne Engel zur Erde hinabstiegen, um sich mit schönen menschlichen Frauen zu paaren. Das lässt sich nicht mit dem Sündenfall im Paradies gleichsetzen, bei dem die Schlange, die im Alten Testament nicht selbst als Teufel bezeichnet worden war, diesem jedoch zugeordnet wurde, ihre bekannte Rolle gespielt hatte, um Eva zu verführen. Insofern kann die Schlange als ein Symbol des Teufels gedeutet werden.Wie aber, wenn es im Paradies eigentlich noch gar keinen Teufel gab? Die Schlange hatte es in den Erzählungen schon gegeben, sie war aber ursprünglich nicht dem Teufel gleichzusetzen. Anstatt an solchen Stellen spitzfindig zu werden, ist es sinnvoller, diese Geschichten als Gleichnisse aufzufassen, die allesamt um die Frage kreisen, wie das Böse mit dem Menschen in die Welt kam, die Sünde und der Tod. Dabei sind diese Geschichten an sich schnell erzählt. Sie stecken trotz ihrer Widersprüchlichkeiten voller tiefgründiger Weisheit, die den Menschen, seine Kultur und seine Psychologie betrifft. Die Kulturwissenschaftler Jan und Aleida Assmann haben dafür den gelungenen Begriff des »kulturellen Gedächtnisses« (J. Assmann, 1992) geprägt. Sie verstehen darunter den archäologischen und schriftlichen Nachlass der Angehörigen einer Kultur, der deren Zeit- und Geschichtsbewusstsein sowie deren Selbst- und Weltbild prägen. Sie beziehen sich auf Ursprungsmythen aus Urzeiten und vermitteln mithilfe ritueller und repetitiver Praxis sinnstiftende Lebensentwürfe in Form von Traditionen, die über Generationen weitergegeben werden. Jedes christlich erzogene Kind in unserem Kulturkreis lernt zum Beispiel solche Ursprungs-Geschichten, wobei es wichtig ist, dass sie als Wahrheit präsentiert werden, als wirkliche Ur-Ereignisse, die zur Erklärung des Unglücks aller Menschen herangezogen werden können, freilich verbundenmit jeweils eher schmalen Pfaden, auf denen sich die oder der Einzelne 29 bewegen kann. Der Sündenfall besteht bekanntermaßen darin, dass sich die erste Frau, Eva, von der Schlange dazu hat verführen lassen, Früchte vom einzigen verbotenen Baum im Paradies, dem Baum der Erkenntnis, zu essen. Sie sollte dessen Früchte essen, um sich dadurch gottgleiches Wissen anzueignen. So nimmt die Geschichte ihren Anfang und das Verhängnis der Vertreibung aus dem Paradies wird unvermeidlich. Die Rolle der Schlange kann man unterschiedlich interpretieren: als Symbol für Verführbarkeit, als Verweis auf die schwer zu zügelnde Sexualität oder als eine treibende Kraft, die dem Menschen grundsätzlich Schaden zufügt, indem sie ihn erfolgreich verleitet, sich über Gebote hinwegzusetzen. DieTragweite dieserGeschichte liegt besonders darin, dass sie als Ausgangspunkt für die grundsätzliche Sündhaftigkeit des Menschen dient, und dass diese Sündhaftigkeit von diesem Zeitpunkt an bis zum Jüngsten Gericht als Erbsünde für jeden Menschen in jeder neuen Generation fortgeschrieben wird: Jeder Mensch ist sündig, jeder Mensch ist schuldig, jeder Mensch trägt eine Last mit sich, nämlich die sogenannte Erbsünde, seine mit der Menschheitsgeschichte untrennbar verbundene Sündhaftigkeit und Fehlbarkeit. JederMensch ist schuldig, das ist die Botschaft, die aus dem Katechismus dringt und von der man weiß, wie schamlos sie immer wieder zur persönlichen Vorteilsnahme von Mächtigen missbraucht wurde.Mit dieser weitreichenden und rätselhaftenGeschichte der Erbsünde, mit der die meisten Christen auf ihre Weise ihre Last haben, solange sie gläubig sind, werde ich mich später noch eingehender befassen. Auch das Buch Hiob lässt sich als Gleichnis voller Anspielungen lesen. Die Glaubensfestigkeit des frommen, redlichen und gottesfürchtigen Mannes Hiob soll geprüft werden, wofür Satan in seiner Rolle des Anklägers die Aufgaben ersinnt. Damit ist Gott auf Betreiben und Drängen Satans einverstanden, der die Prüfungen ersinnt und auf ein Wanken dieses bislang gottergebenen Mannes hofft. Hiobmuss schlimme Leiden erdulden, die seine Gesundheit, seinenWohlstand und seine Familie betreffen. Er versteht nicht, wofür er büßen soll, beklagt sich darüber, bleibt aber in seinem Glauben an Gott standhaft, wenngleich er auch mit seinem Schicksal hadert. Hiob versteht nicht, warum ihm etwas widerfährt, aber weil Gottes Ratschluss unergründlich ist, beschließt er sich zu fügen und fällt nicht von seinem letztlich unerschütterlich Glauben an Gott ab. Die Geschichte vom letztlich im Glauben festen Menschen Hiob lässt sich auch als Abgesang auf ein zuvor angenommenes Prinzip verstehen, wonach jegliches Unheil, das einemMenschen widerfährt, als eine notwendige Strafe für eine zuvor verübte Missetat zu deuten ist. Eine solche archaisch anmutende Automatik von Verbrechen und Strafe gibt es in der Hiob-Geschichte nicht. Wenn man sowill, beschreibt sie ein Spiel, eine ArtWette zwischenGott und demTeufel, bei 3 Biblische Mythen als Bezugssystem 30 der einMensch auch angesichts der schlimmsten Schicksalsschläge auf sein Gottvertrauen und seine Gottestreue geprüft wird. Das Böse, das einem Menschen widerfährt, kann eine Strafe für eine Missetat sein, wie dies beim Sündenfall von Adam und Eva der Fall ist oder auch beim Höllensturz bzw. Himmelsturz, wo Gott aktiv eingreift und die gefallenen Engel (Luzifer, Satan oder den Teufel) unmittelbar bestraft, sei es wegen ihrer sündhaften sexuellen Begierden, ihresUngehorsams oder ihrer Verweigerung der Unterordnung. Das Böse muss aber nicht unbedingt eine Strafe für sündhaftes Tun sein. Es kann auch einfach geschehen, und der Geschädigte bleibt ratlos zurück. In dieser Geschichte hat sich die Teufelsfigur schon weiterentwickelt, indem der Repräsentant des Bösen sich zunehmend auf der Erde ausgebreitet hat und zu einer realen, gestaltenden Kraft wurde, die auf der Erde für das Böse verantwortlich ist. Über Zwischenstufen wird der Teufel allmählich zumHerrn und Fürsten der Welt, der es als seine Aufgabe betrachtet, zunehmend Übel in der Welt und unter denMenschen zu bereiten. Er bringtUnheil übermöglichst vieleMenschen und besonders über diejenigen, die ihm folgen und sich auf einen Pakt mit ihm einlassen. Er wird zu einem Verführer, der darauf lauert, die Menschen in seine Hand und in seine Gewalt zu bekommen. Deutlich wird diese Rolle des Teufels im Neuen Testament, wo er häufig als Gegner Jesu auftritt und schon bei den frühen Christen allgegenwärtig ist. Er versucht Jesus zu verführen und wo Jesus den Teufel entdeckt, treibt er diesen aus (z.B. im Matthäusevangelium, Kap. 8, Vers 16 oder auf demWeg von dem Ort der Grablegung und Auferstehung nach Jerusalem quasi en passant). Hier ist Satan bereits der Anführer all jener Mächte, die gegen Gott gewandt sind. Er wird der Fürst dieserWelt genannt, des Terrains, wo das Reich Gottes noch nicht begonnen hat und er herrschen kann. Sein Geltungsbereich ist jedoch eingeschränkt und wird mit der Finsternis gleichgesetzt, im Gegensatz zum Licht Gottes. Jesus ist, solange er auf Erden wirkt, in der Lage, die Macht des Teufels zu beschränken. Der Teufel kann jedoch in die Irre führen und Menschen davon abhalten, die christliche Botschaft anzunehmen. Jesus zeigt in seinem Leben, wie man demTeufel widersteht. Nach Johannes ist der Teufel ein Lügner undMörder von Anfang an (vgl. Joh 8,44). Insgesamt erscheint der Teufel im Neuen Testament dezidiert als ein Gegenspieler Gottes und Jesu, gegen dessen Macht aber stets der christliche Glaube eingesetzt werden kann, der wie ein Schutzschild gegen den Teufel wirkt und seine Angriffe abwehren kann. Am Ende wird das Wort Gottes über den Teufel triumphieren, aber zwischen ihm und den göttlichen Mächten herrscht ein ständiger Kampf, solange der Endzustand auf Erden mit dem Jüngsten Gericht noch nicht erreicht ist. So ist der Teufel imNeuen Tes- 3 Biblische Mythen als Bezugssystem 31 tament die Personifizierung des Bösen und allen moralischen Übels, verbunden mit Boshaftigkeit und in Feindschaft mit Gott, Christus und der Gemeinde der Christen. Hier ist schon eine deutliche, grundlegendeOpposition zwischenGott und dem Teufel zu erkennen, der stets versucht, die Gläubigen vom rechtenWeg abzubringen und sie dabei auch heimlich und unbemerkt in die Irre leitet. Wie Jesus den dreimaligen Versuchungen des Teufels widersteht, wird in den Evangelien von Matthäus und Lukas deutlich ausgeführt. Zunächst bemüht sich der Teufel, Jesus vom Fasten abzubringen. Dann will er Jesus dazu verführen, zur Demonstration seiner Stärke ein Wunder zu vollbringen. Zuletzt soll Jesus seine Kraft verwenden, um von weltlicher Macht Gebrauch zu machen. Diese Geschichten werden zum Beispiel in berührender Einfachheit auf den berühmten Bildtafeln aus dem zwölften Jahrhundert an der Decke der Kirche St. Martin in Zillis in Graubünden dargestellt. Jesus widersteht den drei Versuchungen und spürt, dass es dem Teufel darum geht, selbst von ihm angebetet zu werden. Jesus stellt jedoch sein Gelübde des Gehorsams gegenüber seinem Vater über alles und bekennt sich damit zur Alleinherrschaft Gottes. Jesus muss seine Identität nicht mittels Schauwundern beweisen, er strebt keine weltliche Macht an. Woher der Zorn des Teufels auf die Menschen rührt, der ihn zu einem so unermüdlichen Feind und unerbittlichen Seelenfänger macht, geht aus einer Version desHöllensturzes hervor, in welcher derMensch einen unmittelbarenAnteil daran hat, dass derTeufel zurHölle stürzte.Nach dieser Erzählung hatteGott den Menschen erschaffen und von Satan verlangt, dass dieser dem Menschen Ehrerbietung zeige. Dies verletzte jedoch den Teufel in seiner Ehre, weil er sich als ein höheres Geschöpf betrachtete als den Menschen, er fühlte sich dem Menschen überlegen. Dass er die Ehrerbietung verweigerte und sich damit gegen Gott stellte, war die Ursache dafür, dass die Erzengel, besonders Gabriel und Michael, auf Geheiß Gottes den Teufel und sein Gefolge, also diejenigen, die sich ihm angeschlossen hatten, aus dem Himmel stürzen ließen. Fortan hasste und beneidete der Teufel die Menschen, und er füllte mehr und mehr seine Rolle als Widersacher Gottes auf Erden aus. Diese Konstellation sollte andauern und in ewiger Auseinandersetzung fortgesetzt werden bis zum Jüngsten Tag, wenn Gott sein himmlisches Reich errichten würde und das Reich des Satans endgültig unterginge. DasMotiv desNeidswird uns später noch begegnen, denn auch imMenschen hat sich nach der biblischen Auslegung Neid eingenistet, sozusagen als Zeichen der ewigen Präsenz des Teufels auch imMenschen, der sich nur durch seinen festen praktizierten Glauben und das Befolgen der christlichen Lehren und Gebote dagegen schützen kann. 3 Biblische Mythen als Bezugssystem 32 Der Teufel kann jegliche Gestalt annehmen und kann sich die Masken des Guten, des Tugendhaften überziehen, er ist eben der Lügner, der Verführer, sogar der Mörder ( Jesu) und richtet im Neuen Testament all sein Wirken darauf, dem Menschen möglichst gründlich zu schaden, ihn vom Glauben abzubringen und ihn mit falschen Versprechungen zu locken. Er kann den Menschen von sich besessen machen, also quasi in ihn hineinfahren, und muss durch eindeutige Handlungen und Zeichen auf Abstand gehalten werden. Dazu gehört die Taufe, die den Menschen in die Gemeinschaft Gottes aufnimmt und den Einfluss des Teufels bannt, wenngleich nicht dauerhaft, sondern nur vorübergehend. Auch das Kreuzzeichen ist ein kleiner Exorzismus, denn indem der Gläubige das Zeichen des Kreuzes auf seinen Körper schreibt, vertreibt er den Teufel. Jesus hat, folgt man den Evangelien, in seiner Zeit auf Erden den Teufel (oder im Plural: mehrere Teufel) immer wieder ausgetrieben und ihn in die Schranken gewiesen und für die Durchsetzung des Reiches Gottes gekämpft, wobei das Lukasevangelium von einem visionären Bild eines letztlich erfolgreichen Kampfes Jesu und seiner Jünger gegen die Dämonen berichtet, von einer Entmachtung des Teufels, der sich (durch erfolgreichen Exorzismus) geschlagen geben musste, und der berühmte Satz fällt: »Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Seht, ich habe euchMacht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, undMacht über eine Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden« (Lk 10,18f.). Im Himmel ist der Satan also schon besiegt und gestürzt, aber auf der Erde muss der endgültige Sieg über das Böse noch errungen werden. Wer ein Jünger Jesu ist und imGlauben fest bleibt, ist gegen die Gefahr des Satans schon geschützt, auch wenn man, solange man auf der Erde weilt, noch im Kampf gegen das Böse steht. Der Teufel wütet also weiterhin bis zum heutigen Tage auf der Erde und wird als der »Mörder von Anbeginn« bezeichnet ( Joh 8,44: »Der ist einMörder von Anfang an. Und er steht nicht in der Wahrheit; denn es ist keine Wahrheit in ihm.«) und auch für denTodChristi verantwortlich gemacht. Jedochmacht dem Evangelisten Johannes zufolge nur das Christentum denMenschen wahrhaft frei, weil Christus durch seinen Tod die Welt von ihrem Leiden potenziell erlöst hat. So wird der Teufel zum permanenten Gegenspieler der christlichen Gemeinde und Jesus zum Vorbild aller Christen, die in ihrem Glauben an Gott standhaft bleiben wollen, bis zum Jüngsten Gericht, das den endgültigen Sieg über den Teufel markieren wird. In der Offenbarung des Johannes wird in der Vision des himmlischen Endkampfes, der am Ende auch zum Sturz des Teufels führt, eine Vermischung verschiedener Teufelsvorstellungen vollzogen. Darin erscheint der Teufel als Drache, als Schlange und als Satan, der die Welt verführt. Auf diese Weise werden nun auch Götter, Geister und Anhänger anderer religiöser Vor- 3 Biblische Mythen als Bezugssystem 33 stellungen »verteufelt«. Das Reich des Teufels erhält dadurch eine gewaltige Dimension. Der Teufel ist quasi überall, wo er nicht exorziert wurde. Der Mensch lebt sozusagen in ständiger und unmittelbarer Nähe des Teufels und seinen Verführungen, und das im Grunde bis in die Gegenwart. Seit die ersten Christen noch dachten, das Jüngste Gericht mit der Errichtung des Gottesreichs stünde unmittelbar bevor, sind inzwischen über 2.000 Jahre vergangen, und noch immer gab es keinen Weltuntergang. Aber die Vorstellung der Herrschaft des Fürsten der Finsternis über die Erde war und ist im christlichen Glauben weiterhin präsent. Der ursprünglich tiefe Ernst der Verkündungen Jesu hat sich freilich im Laufe der Geschichte nicht halten lassen, und das unbewegliche Beharren der christlichen Lehre auf dem Wahrheitsgehalt der Bibel dürfte ihm letztlich geschadet haben, sodass bis heute nicht wenige Christkinder mit dem Bade ausgeschüttet wurden. Um es mit demHumor einer neuzeitlichen Liedzeile auszudrücken, gilt zwar immer noch:»Das Böse ist immer und überall« (ErsteAllgemeineVerunsicherung: Ba-Ba Banküberfall [1985]) und dieWelt ist täglich voller neuer Schrecken, aber es gehört schon viel Naivität dazu, noch heute der Wirksamkeit der seit etwa 2.000 Jahren weitgehend unrenoviert gelassenen »frohen Botschaft« zu vertrauen, in der auch 2018 nach Auffassung des (katholischen) Stellvertreters Gottes auf Erden, Papst Franziskus, Abtreibung Auftragsmord ist und Homosexualität eine Mode. Im pädophilen Kindesmissbrauch durch Priester werde das Wirken des Teufels sichtbar, wie der Stellvertreter Gottes auf Erden feststellt. Wenn man bedenkt, dass die Dichotomie des Reichs Gottes und des Reichs des Teufels das Selbstverständnis der Christen jahrhundertelang und inzwischen über zwei Jahrtausende hinweg nachhaltig geprägt hat und die christliche Lehre bis heute beeinflusst, werden die Teufelsdarstellungen und die Heiligenscheine in der bildenden Kunst um Einiges plausibler. Dabei handelt es sich um Darstellungen, die gewiss der Vergangenheit entstammen, die aber bis in die Gegenwart hineinwirken. Täten sie das nicht, müsste man sie nicht darstellen, müsste man sich nicht wundern, müsste man nicht staunen oder sich belustigen. Glücklicherweise, muss man sagen, lösen die Darstellungen von Himmel, Hölle und dem dazwischenliegenden Fegefeuer bei Erwachsenen heute nicht mehr das angstvolle Entsetzen aus, das jemanden ergreifen sollte und ergriffen haben mag, der sich der unmittelbaren Gefahr ausgesetzt sah, eine Ewigkeit lang schlimmste Höllenqualen zu erleiden. Auch die Vorstellung paradiesischer Qualitäten eines ewigen Jenseits als Belohnung für ein gottgefälliges Leben rufen heute nicht mehr die frohlockende Begeisterung hervor. Dennoch sind all diese Bilder in uns präsent: einerseits als Teil unseres kulturellen Erbes, andererseits als assoziative Erinnerung 3 Biblische Mythen als Bezugssystem 34 an unsere eigene Vergangenheit im Sinne der in uns noch enthaltenen verbliebenen Kindhaftigkeit, der unvermeidlichen psychischen Unreife des Kindes, das wir trotz und neben unserer reifen Erwachsenheit unbewusst immer noch sind. War noch aus der Offenbarungsschrift des Johannes die Hoffnung zu entnehmen, dass, sobald das Römische Reich gefallen sei, das Tausendjährige Reich Gottes beginnen werde, wurde dieser Termin später auf unbestimmte Zeit verschoben. Bisher hat sich nicht vollzogen, was Johannes prophezeite: »Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre« (1 Joh 3,8). Die Kirche differenzierte derweil die Vorstellung von der Existenz böser Engel bzw. Dämonen und dem Teufel weiter aus. Dabei gewinnt der Teufel an Einfluss und wird als Gestalt immer konkreter und greifbarer (vgl. Metzger, 2012). Allmählich bilden sich Rangordnungen sowohl unter Teufeln als auch unter Engeln. DerTeufel bleibt der gefalleneGegenspielerGottes, weil erGott seinenRang hatte streitig machen wollen. So wird der Teufel zunehmend als Widerpart Gottes verstanden, der über ein eigenes Reich verfügt, aber letztlich vomWillen Gottes abhängig bleibt. Dem Menschen konstatiert man einen eigenen Willen und die Wahlfreiheit, sich für das Gute oder für das Böse zu entscheiden, den Versuchungen Satans zu erliegen oder sie standhaft zurückzuweisen. Für die christliche Lehre war es immer wichtig, ihre Auffassungen vom Manichäismus abzugrenzen, der sich als eine strikt dualistische Religion von zwei gleich starken kosmischen Kräften versteht. Der Manichäismus geht von einem ursprünglichen Reich des Lichts, des Guten auf der einen Seite und einem Reich der Finsternis auf der anderen Seite aus und wurde zuerst im persischen Zoroastrismus bzw. Zarathustrismus konzipiert. Der Seele, die zum Reich des Lichts gehört, wurde das (materielle) Reich der Finsternis entgegengesetzt, wobei der Mensch aus einer guten Seele und einem schlechten Leib besteht und das Ziel verfolgt, »die Seele aus dem Dunkel der irdischen Abgründigkeit zu befreien« (ebd., S. 70). Aus manchen alten heidnischen Göttern wurden aus christlicher Sicht ebenfalls Dämonen. Für Augustinus von Hippo war deren Verehrung bereits eine Art vonTeufelsverehrung. Auch ein Paktmit demTeufel wurde fürmöglich gehalten, wodurch magische Fähigkeiten erlangt werden sollten. Hier findet sich nicht nur der Ursprung des Faust-Motivs, sondern auch der des unseligen Hexen-Wahns, wodurch nicht nur Mythen entstanden, sondern auch Wegmarken für spätere Handlungen gesetzt wurden. Im Mittelalter des zehnten Jahrhunderts war die Kirche zu einer machtvollen Institution geworden, die nun die Möglichkeit hatte, den Teufel als Initiator dunkler Magie und Partner von Hexen mit Folter und letztlich tödlicher Gewalt zu bekämpfen, was später ab dem 13. Jahrhundert und 3 Biblische Mythen als Bezugssystem 35 dann mit dem Höhepunkt der Hexenverfolgungen im 16. Jahrhundert Praxis werden sollte. Der Teufel war nun zur ständigen Gefahr geworden, zum eigenständigen Gegenspieler Gottes, den es aufzuspüren und zu bekämpfen galt, auch in jenen Personen, deren Körper er sich bemächtigt hatte. Dadurch wurde auch die Angst vor der Verführung zumUnglauben und zur Sünde allmählich zum zuverlässigen Begleiter der Gläubigen. Das erfordert aus christliher Sicht bis heute, sich nicht nur der möglichen Gefahren stets bewusst zu sein, sondern auch, probate Abwehrmittel zur Verfügung zu haben. Zwei solcher Abwehrmittel habe ich bereits genannt: die Taufe und das Kreuzzeichen. Weil der Sohn Gottes auf die Erde gekommen ist, um die Werke des Teufels zu zerstören und den Menschen zu befreien, kann er den Menschen auch von der Sünde befreien. Wer aus Gott geboren ist, ist frei von Sünde. Wer getauft ist, wird von der Sünde befreit und aus den Händen des Teufels gerissen. Freilich ist der Mensch in der Lage, immer wieder aufs Neue zu sündigen. Der Taufe kommt jedoch eine existenzielle Bedeutung insofern zu, als durch diesen Ritus aus denjenigen, die ursprünglich Kinder des Teufels waren, jetzt Kinder Gottes werden, wodurch sie aus der Erbsünde befreit und mit Gott verbunden werden. Mit der Taufe hat sich ein Ritus gebildet, in dem der Täufling dem Teufel explizit abschwört. Der alte Mensch wird symbolisch ertränkt und der vom Teufel befreite neue Mensch kann auferstehen. Im orthodoxen Ritus wird sogar konkret formelhaft formuliert, dass der Täufling dem Satan entsagt. Auch wenn die endgültige Befreiung von den Versuchungen des Teufels noch aussteht, wird der Täufling durch den Ritus gereinigt. Das Kreuzzeichen dient dazu, in der konkreten Gefahrensituation den Teufel abzuwehren, indem das Ereignis der Kreuzigung assoziativ betont und damit an den Kreuzestod erinnert wird, mit dem Jesus die Sünden aller Menschen von derWelt genommen und damit die Macht des Teufels gebrochen hat. Das Kreuz ist ein Zeichen für Christus, sein Leiden und Sterben sowie seine Auferstehung. Auch der Glaube an den dreifaltigen Gott – den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist – soll damit zum Ausdruck gebracht werden. Das Kreuzzeichen hat die Bedeutung einer Segnung, wobei dasWort »Segnung« sich vom lateinischen »signare« ableitet, was signieren im Sinne von »mit einem Zeichen versehen« bedeutet. 3 Biblische Mythen als Bezugssystem 36 4 Glaube, Unglaube und Aberglaube: Ein Spiel mit Projektionen In unzähligen Varianten wurde das Motiv der teuflischen Verführungen künstlerisch, literarisch, bildnerisch und auch filmisch bearbeitet und dargestellt. Sehr häufig werden Mönche, Priester und Heilige, zum Beispiel der heilige Antonius (1195–1231) oder der heilige Benediktus (um 480–547 n.Chr.), als Opfer von Versuchungen durch ein irgendwie geartetes Böses dargestellt. Sie müssen meist mit Mühe ihre Standhaftigkeit unter Beweis stellen und sich der Versuchung durch den Teufel, der auch gerne Frauengestalt annimmt, erwehren. Der erstenVersuchung durch denTeufel inGestalt der Schlange erlag Eva imParadies, gefolgt von der Versuchung Adams durch Eva; das ist ein altes Motiv. Die Versuchung des frommen Asketen Antonius durch irdische Lüste wurde nicht nur von Matthias Grünewald und Hieronymus Bosch dargestellt, sondern ebenfalls von Max Ernst und Salvador Dalí. Auch die Versuchung Jesu ist ein beliebtes Motiv sowie die des heiligen Franz von Assisi (1182–1226) und vieler anderer. So schön, so kunstvoll diese beispielhaften Darstellungen auch ausgeführt sind, thematisch kreisen sie doch immer wieder um dieselben Angelegenheiten: die Sünde, die Versuchung, die Verführung, die gefährliche, Unheil und Leid bringende Allgegenwart des Teufels, vor dem man sich stets in Acht zu nehmen hat. In der mittelalterlichen Theologie wird die Frage relevant, inwieweit Gott für das Böse in der Welt verantwortlich sei. Nun gilt beispielsweise für Anselm von Canterbury (1033–1109), Theologe, Philosoph, Erzbischof und einer der Kirchenväter, der Teufel als der Urheber des Bösen – und nicht länger Gott, der demMenschenWillensfreiheit und damit Verantwortung geschenkt hat. Für das moralische Böse ist Gott daher nur indirekt verantwortlich. Im Bösen liegt insofern ebenfalls etwas Gutes, als Gott auch Schmerz und Leid benutzen kann, um seinen Heilsplan zu verwirklichen und Sünder zu bestrafen. Lange rang man um die Frage der Herkunft es Bösen und der Rolle Gottes und des Teufels dabei. Laut Thomas von Aquin (1255–1274), einem der einflussreichsten Philosophen und bedeutendsten katholischen Theologen und Kirchenlehrer, lassen sich die menschlichen Sünden nicht direkt auf den Teufel zurückführen, sondern auf den freienWillen, den Gott denMenschen geschenkt hat. Pakte mit dem Teufel werden durchmagischeHandlungen geschlossen, zumBeispiel durchKörperkontakt 37 oder heimliche, verborgene Teufelsbotschaften. So scheint amHorizont unheimlich schon das Hexenwesen auf. Da man Konzepte dafür benötigte, wo sich die Seelen der bereits Verstorbenen bis zum Jüngsten Gericht aufhalten, mussten dafür Orte konzipiert werden, in denen das, was mit ihnen in der Zwischenzeit, bis sie ihren endgültigen Bestimmungsort nach dem Gericht Gottes erhalten, geschieht. Zwar gab es auch die Vorstellung, dass die guten Seelen direkt in den Himmel getragen würden, während die bösen direkt in die Hölle wanderten. Dennoch gibt es im Neuen Testament noch keine ausgearbeitete Höllenvorstellung. Sünder, die aufrichtig bereuten und Buße taten, sollten freiwillig die Möglichkeit erhalten, vom Erzengel Michael nachträglich gereinigt, getauft und gerettet zu werden. Manche Menschen gelangen nach ihrem Tod nicht dauerhaft in die Hölle, sondern werden dort nur vorübergehend zur Läuterung bestraft, bevor sie in denGarten Eden einziehen dürfen. Die Höllenvorstellung des Mittelalters war von dem Gedanken geprägt, dass der größte Teil der Menschen der endgültigen Verdammung anheimfallen würde und nur wenige zum ewigen Leben bestimmt seien. In diesem Sinne äußerte zum Beispiel Johanna Rahner (2010), dass nach damaliger Auffassung ein gro- ßer Teil der vor Verurteilten für immer verloren sein wird. Als Gegenkräfte, um das zu verhindern, wurden Fürbitte, also Leistungen von Lebenden für bereits Verstorbene, sowie Buße der Lebenden für ihre eigenen, schon zu Lebzeiten begangenen Sünden zum Vorteil für ihr eigenes Leben nach dem Tod eingesetzt. Dabei bleibt der Tod eine Grenze, die nur von Gott überschritten werden kann. Es sollte noch lange dauern, bis auch Nicht-Katholiken oder überhaupt Nicht- Christen aus theologischer Sicht dieMöglichkeit eingeräumt wurde, als Ergebnis der Summe ihres Lebens nicht notwendigerweise in der Hölle zu landen. Und noch heute ist aus katholischer Sicht die Unordnung in der Gesellschaft nicht nur eine Folge der Erbsünde, sondern auch dasWerk Satans, der, wie bisher noch jeder Papst verkündet hat, lebt und in der Welt aktiv ist. Seine Bedeutung sei nicht zu verharmlosen. Er sei kein reines Symbol, sondern existiere wirklich, wie immer wieder betont wird. Deshalb gibt es auch nach wie vor den Exorzismus, der zwar von der Kirche eingeschränkt wurde, indem zum Beispiel Geisteskrankheiten als Ursache von Besessenheit vor der Durchführung eines Exorzismus definitiv ausgeschlossen werdenmüssen, aber der Vatikan veranstaltet immer noch ernsthafte Exorzismus- Seminare und die Nachfrage danach soll steigen (Kerner, 2018). Das bedeutet umgekehrt, dass es aus der Perspektive der Kirche eine Art »reiner« Besessenheit geben muss, die auf die Präsenz und das Wirken übersinnlicher Kräfte, 4 Glaube, Unglaube und Aberglaube: Ein Spiel mit Projektionen 38 des Teufels oder böser Geister zurückgeht, nur eben nicht mehr in jedem Falle. Ein »unschlagbares« Argument der von der Existenz des Teufels und von der Notwendigkeit des Exorzismus Überzeugten geht auf Charles Baudelaire (2019 [1869]) zurück und lautet sinngemäß, dass es die schönste List des Teufels sei, die Menschen davon zu überzeugen, dass es ihn nicht gebe (ebd., S. 369). Von einer ähnlichen religiösen Finte machen übrigens auch die Muslime Gebrauch, wenn sie behaupten, dass es ihren Gott Allah immer schon, bereits seit Anbeginn aller Zeiten gegeben habe. Allah habe aber davor nicht zugelassen, dass die Welt vor demAuftreten seines ersten Propheten von seiner ExistenzKenntnis erhielt. Gott kann auch im 21. Jahrhundert Gletscher schmelzen oder wachsen lassen, wie es ihm beliebt. Er kannmit den unsinnigsten Vorstellungen derMenschen von Zeit und Ewigkeit nach Belieben spielen wie mit Würfeln, und wer das nicht glauben will, kann froh sein, dass die Scheiterhaufen aus Gründen des Umweltschutzes heutzutage nicht mehr lodern. Dennoch, wer will bezweifeln, dass der Glaube in allen Religionen das zentrale Element ist.Gemeinschaften einigen sich auf bestimmte Inhalte ihresGlaubens. Man kann zwar, wie der Philosoph John Gray (2015), kritisch hinterfragen, inwieweit der persönliche Glaube für die Religion überhaupt relevant oder mehr im Sinne einer Zugehörigkeitsgemeinschaft zu verstehen ist, aber die Mitglieder einer Gemeinde wünschen sich gemeinsame Verbindlichkeiten, die in der Regel mit Praktiken, Ritualen und auch Inhalten verbunden sind, seien sie schriftlich gefasst oder nicht. Wenn etwas geglaubt werden soll, entsteht eine Notwendigkeit, sich auf bestimmte Inhalte zu beziehen, die im Sinne des Erlebens spezieller Innerlichkeit von allen geglaubt werden müssen, sonst kann keine Überzeugtheit aufkommen. In allenGesellschaften gibt es allgemeingültige Regeln, durch die sie letztlich konstituiert werden, damit Verbindlichkeit für alle geschaffen wird. Das sind zwar eher Einsichten aus der Gruppenpsychologie und Gruppendynamik, aber diese Einsichten waren und sind eher intuitiv als wissenschaftlich begründet und auch religiösen Führern vertraut. Daher werden und wurden immer enormeAnstrengungen unternommen,Menschen ihn ihremGlauben zu festigen und sie gleichzeitig von Inhalten abzuhalten, die dagegen sprechen könnten bzw. die Verbindlichkeit der Vermittlung zentraler Inhalte gefährden könnten. Beispiele dafür finden sich in großer Zahl im katholischen Katechismus. Zentral für den Erhalt und das Bestehen einer Religion ist es, den eigenen Glauben als verbindlich zu stellen, was häufig durch vorgeschriebene Verhaltensformen wie regelhafte und regelmäßige Rituale geschieht. Regelmäßigkeit im Sinne der allmählichen Einschreibung von Regeln in die Psyche ist wichtig. Das kann zum Beispiel das regelmäßige tägliche Gebet im Islam sein, das genauso we- 4 Glaube, Unglaube und Aberglaube: Ein Spiel mit Projektionen 39 sentlich demMachterhalt dient, wie im Christentum die immer wiederkehrende Abfolge des Kirchenjahres als Richtschnur, nach der sich zu richten und zu leben lange eine Forderung war, die aber gleichzeitig dem Einzelnen auch Sicherheit bot. Es war lange selbstverständlich, dass Menschen sich zu einem festen Glauben bekennen. Wenn sie in einen bestimmten Glauben hineingeboren wurden, war dieser eben verbindlich. Manchmal konnten sie einen anderen Glauben annehmen oder sich zu einem anderen Glauben bekehren lassen, was allerdings zu Problemen mit der Obrigkeit führen konnte. Oder die Obrigkeit gab vor, was zu glauben war und Tausende konnten auf einen Streich konvertieren bzw. konvertiert werden. Gewiss wollten die Menschen auch Dinge glauben, die sie als zutreffend anerkennen konnten, so wie Menschen auch heute noch glauben und die meisten auch glauben wollen. Es gibt sogar ein tiefes Bedürfnis zu glauben, darauf werde ich später noch ausführlicher eingehen. Den Glauben kann man auch aus der Perspektive der modernen Psychologie und Entwicklungspsychologie betrachten. Dann werden noch weitere Kategorien wichtig, zum Beispiel die Begrifflichkeit der Beziehungen mit Vertrauen und Liebe. Diese Beziehungs-Kategorien gibt es im Guten wie im Negativen, nicht nur in Verbindung mit Liebe, sondern auch als Versionen des Gegenteiligen, als Aversion, Misstrauen, Hass, Destruktion. Zu Beginn des Lebens und des Denkens und Fühlens sind wir Getriebene von Gefühlen, die wir suchen bzw. auch meiden, je nachdem, ob wir angetrieben werden von dem Bedürfnis nach Kontakt und Befriedigung oder von Angst, Unlust oder Lust, und zwar unmittelbar, ohne vieleWahlmöglichkeiten. Kinder fühlen anders, glauben anders, denken anders. Kindliche Ängste und Nöte und das kindliche Verlangen nach Befriedigung gehören zum Leben, sie sind ebenso nötig wie unvermeidbar. Kinder brauchen Personen, die auf sie eingehen, die ihnen eine ihrem Alter entsprechende Resonanz geben. Ihre ersten Beziehungspersonen sindmeistMutter undVater. So tritt die Kultur auf den Plan und mit ihren Reaktionen, Aktionen und Konnotationen formen die Eltern das Kind. Richtig und falsch, gut und böse werden als Kategorien eingeführt, auch wenn das Kind als Säugling nochmeilenweit davon entfernt ist, zu verstehen, was gemeint ist. Die Kategorien vermitteln nicht nur Resonanz, sondern auch eigenes, von der jeweiligen Lebensform bestimmtes kulturelles Material. So formen sich Komplexe von Kategorien, die als gut oder in Ordnung etikettiert werden und solche, bei denen eine Dissonanz besteht, bei denen etwas nicht stimmt, sozusagen die Urformen des Guten und des Bösen. Freilich können diese heute auf eine elaborierte, nachvollziehbareWeise jetzt in der wissenschaftlichen und über- 4 Glaube, Unglaube und Aberglaube: Ein Spiel mit Projektionen 40 prüfbaren Sprache der Entwicklungspsychologie formuliert werden; nicht mehr in der Sprache der Genesis und anderer Mythologien, die vielleicht poetischer und emotionaler sind, aber nicht überprüfbar. Diese Kategorien leiten eine Auseinandersetzung ein, die lebenslang anhalten wird. Symbol- und Bilderwelten des Guten wie des Bösen, des Angenehmen wie des Unangenehmen, des Gewünschten wie des Verpönten, des Erhofften wie des zu Fürchtenden gibt es viele. Unsere Welt wäre ärmer ohne sie. Notwendigerweise sind sie je nachAffekt-Qualität verführend, verheißend, aversiv, ängstigend usw. Sie treffen, wie sollte es anders sein, auf jeweils unterschiedlich ausgestattete Psychen. Deren Träger, also die Menschen, reagieren darauf je nach ihrer Fasson, und sie fühlen sich unterschiedlich angeregt je nach Reifegerad, Schwäche oder Robustheit, Wissen, Erfahrung usw. Wir kennen Situationen, in denen wir unterschiedlich empfänglich sind für solche Reize, und wir erleben sie entweder als ängstigend oder als ermutigend. Besonders empfänglich für seelische Reize sind Kinder, gerade wenn sie psychisch noch weitgehend unentwickelt sind – unbeschriebene Blätter – und eine ausreichend stabile Trennung von Fantasie undWirklichkeit noch nicht gelingt. Gerade in dieser Zeit können Eindrücke von Kindern noch verfremdet, verstärkt oder verharmlost, falsch verknüpft oder verleugnet werden. Im Kontext von Gut und Böse werden bald gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Zusammenhänge aufgenommen, wodurchmoralischeKategorien eingeführt werden.Umstände und Wertungen werden leicht für richtig oder wahr gehalten, auch ohne dass es gleichzeitig anspruchsvolle Realitätsprüfungen geben muss. Sigmund Freud hat den sehr wichtigen Begriff der »psychischen Realität« (1916–1917a [1915–1917]) geprägt, der auf die Innenseite derHerkunft unserer Überzeugungen zielt: Real ist am Ende das, was wir für real halten. Wie schaffen wir es jedoch, dabei nochmöglichst nahe an dem zu bleiben, was dasWahrscheinlichste ist? Wir verbinden positive und negative Konnotationen mit richtig oder falsch, gewünscht, gebilligt oder unerwünscht, Moralität mit Kultur und Religiosität, je nachdem, wie sie angeboten wird. Lernvorgänge mit Bestätigung und Lob oder mit Tadel und Ablehnung formen mit der Zeit ein System vonHaltungen und Eigenschaften. Religiöse Bilder, mit denen die meisten Kinder früh in Kontakt kommen und die somit früh in die Seelen der Kinder gepflanzt werden, passen mit ihrem grundsätzlich apodiktischen Charakter gut zur noch unreifen Psyche des Kindes und können innerlich ebenso mit guten wie mit schlechten Internalisierungen verbunden und auf dieseWeise ekklesiogen verstärkt werden. Das war in Zeiten, als die Religion noch stärker zur seelischen Grunsausstattung der Menschen gehörte und sie im Leben der Menschen eine weit stärkere Rolle im Leben der Menschen spielte, sicher noch deutlicher ausgeprägt als heu- 4 Glaube, Unglaube und Aberglaube: Ein Spiel mit Projektionen 41 te, wo sich traditionelle Gläubigkeit doch eher auf dem Rückzug befindet. Heute glauben wir eher an den Fortschritt, die Technik, das Paradigma der Information. Dennoch stellt sich für jeden Menschen die Frage, was er glauben will und was nicht, was er für wahr halten will und was nicht, und wie er sich generell zu religiöser Bindung und dem Glauben verhält. Für jeden, wie er diese Fragen auch beantworten mag, stellt sich das Problem einer Haltung sowohl zum Positiven, Guten als auch zumNegativen, Bösen.Wennman das Gute an Vorhandenes anlehnt und das Böse dazu in Opposition stellt, kann daraus ein Reiz des Verbotenen entstehen, der seine eigene Qualität hat. Für das negativ Konnotierte finden sich unzähligeNamen, Bilder undGestalten. Man kann es Verneinung, Nichtung nennen, man kann Böses in Gestalten unheimlicher, gefährlicherGeister auftreten lassen, sowie JohannWolfgangGoethedenTeufel imFaust als den»Geist, der stets verneint« (2014 [1808],Z. 1338) präsentiert und so Mephisto in das Drama einführt. Keine Sage, kein Märchen kommt ohne ein irgendwie personifiziertes Böses aus. Die Geschichten leben förmlich davon, dass ein Spannungsbogen bis zu einem Punkt geführt wird, an dem etwas Schlechtes, Feindseliges, Bedrohliches besiegt und überwunden wird. Sind diese Kräfte nicht selbst der Teufel, wie bei Mephisto, stehen sie mit ihm doch irgendwie im Bunde. Satan, Beelzebub, Gottseibeiuns, Sankt Velten – und welche schönen Namen wir ihm noch geben mögen – wurde zumindest von den Christen als der mächtigste Teufel konzipiert. Er ist der Demiurg, der die Macht über alles Weltliche hat. Ein böser und starker Typ, etwas salopp gesagt. Er fasziniert, ohne dass im Umkehrschluss das Gute langweilig sein müsste. Wir wissen aber, dass die Kräfte, die wir, aus welchem Grund auch immer, teuflisch nennen, gefährlich sind; wenn nicht für uns, dann doch für andere. Irgendetwas zerstören sie sogar für den an sich guten Zweck der Nahrungsaufnahme, und Psychoanalytiker nennen das dann orale Aggression. Uns drängt es zur Zerstörung von Lebendigem, zur Destruktion, ob wir das begrüßen, großartig finden oder eher abscheulich. Wir kommen nicht darum herum, neben unserer guten Seite, an uns auch das zu entdecken, was uns, und sei es, um eigene Not abzuwenden, dem anderen, den wir auch gerne unseren Nächsten nennen, Dinge antun lässt, die er nicht schätzt. Der Teufel, gäbe es ihn, könnte sich freuen, denn so gesehen geht er aus der Sache immer als Sieger hervor. Der Historiker Kurt Flasch (2015) hat den Teufel in einem geistreichen und ironischen Nekrolog Der Teufel und seine Engel. Die neue Biographie (2015), für tot erklärt, seit Goethe ihn im Faust (2014 [1808]) als Kunstfigur unsterblich gemacht habe, auch wenn die Kirche ihn immer noch argumentativ als Herrscher der Welt benötigen mag. Für Flasch fällt der Todestag des theologischen Satans 4 Glaube, Unglaube und Aberglaube: Ein Spiel mit Projektionen 42 mit der »Geburt« des Mephistopheles im Faust zusammen. Allein, ob dieser Abgesang auf die Personifizierung alles Bösen nicht doch etwas verfrüht war? Für Flasch, der keinen Groll gegen die Religion hegt, aber in seinem Buch Warum ich kein Christ bin (2013) ganz unaufgeregt erklärt, warum er seinen Glauben aufgegeben hat und kein Christ mehr sein will, dürfte der Abschied klar und konsequent sein, und sein mutiger Schritt verdient Respekt. Den Millionen von Menschen aber, die den Schwefelgeruch des Beelzebubs auch während seiner Abwesenheit noch zu riechen meinen und die an die Hand Gottes glauben, mit der dieser Auserwählte Wunder vollbringen lässt, die daraufhin heilig und selig gesprochen werden können, bleiben solche Denkbewegungen und Vernunftakte fremd, wie sehr die Kritiker auch darum gerungen haben mögen. Lässt man den Teufel sterben, gibt es auch einen triftigen Grund weniger, an Gott zu glauben. Das sehen manche Theologen freilich anders. Für den aus seiner eigenen Perspektive sich fortschrittlich nennenden Eugen Drewermann (1977, 2018), der sich mit den Gestalten des Bösen ausführlich befasst hat, ist der Teufel ein überkommenes Konzept, wobei er mit dieser Deutung in der Tradition Friedrich Schleiermachers (1995 [1820/1821]) steht. Man soll sich vom Teufel befreien, denn Drewermann (2018) vertritt die Überzeugung: Wenn wir die christliche Erlösungsbotschaft ernst nehmen, brauchen wir keine Höllendrohung und keinen Teufel mehr. Aber wir sollen nach dieser Auslegung zusammen mit dem Teufel auch und vor allem das verlieren, was Angst hervorruft. »In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden« (Joh 16,33). Drewermann scheint davon durchdrungen – und er mag froh darüber sein –, aber irgendwie wirkt seine Lösung, wie Menschen den Teufel überwinden und die Angst verlieren können, ohne gleichzeitig dieWelt zu überwinden, nicht richtig gelungen, sondern rationalistisch und gutgläubig. Vielleicht ist es ihm ja persönlich gelungen, die Angst als Movens hinter sich gelassen zu haben. Jedoch dürfte in seiner Überlegung eine entweder auf Rationalismus beruhende oder die Vernunftfähigkeit des Menschen überschätzende und damit die Naivität, Aggressivität und Bösartigkeit der Menschen unterschätzende Haltung verborgen liegen. Die christliche Botschaft der Liebe ist sicherlich äußerst wertvoll, und es ist eine wunderbare Gabe, dass Menschen Gefühle von Liebe empfinden können. Aber gäbe es überhaupt eine Erlösungsbotschaft ohne den Teufel und die Angst vor ihm? Jesus hat auf Erden viele Teufel ausgetrieben und sein Himmelreich wirkt heute ferner denn je. Er mag sie an der falschen Stelle ausgetrieben haben, denn der Teufel ist ein Teil des Menschen selbst und befindet sich nicht außerhalb. Gewiss kann man den Teufel als Person für eine intellektuelle Zumutung 4 Glaube, Unglaube und Aberglaube: Ein Spiel mit Projektionen 43 halten. Heutzutage sollten wir das sogar, da es gegenwärtig leichter ist als zu biblischen Zeiten, die Summe des vorhandenen, wenn auch begrenzten, Wissens zu verwenden, um im Sinne der Aufklärung klarer sehen zu können. Wenn wir heute Plagiate in Dissertationen enttarnen können, liegt es auch nahe, vielen anderen Unsinn zu entlarven, auch wenn er im religiösen Gewand daherkommt. Es muss nicht immer derjenige recht behalten, der die meiste Macht hat, nicht der König, nicht der Papst, nicht der Professor. Das Problem liegt für jeden Einzelnen eher dort, wo die persönlichen Schwachstellen sichtbar werden, die uns selbst als Wahrheitssucher diskreditieren oder zumindest infrage stellen: Unsere mentale, intellektuelle, emotionale und moralische Ausstattung dürfte sich seit dem Aufkommen der frühenKulturen und derWeltreligionen kaum verändert haben. Wir wissen zwar heute mehr, sind aber, auch nach diesemWimpernschlag in der menschlichen Evolution, nach wie vor eine mit viel Destruktivität ausgestattete Spezies, die dem schnellen Vorteil nachjagt und sich maßlos selbst überschätzt, um esmit demPhilosophen JohnGray (2015) zu sagen.Das ist einer derGründe, warum uns das Böse reizt und lockt und wir unsere Fantasiegebilde damit lustvoll ausschmücken:Weil wir ein Teil davon sind. Durch gutenWillen allein wirdman des Bösen nicht Herr. Die Stringenz der Gottesbeweise ist freilich ebenso wenig überzeugend wie die des Glaubens an den Teufel. Es gibt jedoch auch Formen des Glaubens, die solcher Überzeugung nicht bedürfen, weil ein Mensch auch ohne Verbohrtheit und Intoleranz fest in seinemGlauben sein kann, wie zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer, der zwar formulieren konnte »Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht« (1956 [1929], S. 94), der aber gleichzeitig eine differenzierte Theologie vertrat, in welcher der Gottesbegriff zentral war: nicht als Gott, den es geben soll, sondern als ein Bild, in dem Gott zu dem vom Glauben ergriffenen Menschen kommt. Denken tut Not, und Bonhoeffer war ein großartiger Denker und eindrucksvollerMensch, der sogar angesichts der bevorstehendenVernichtung durch dieNazis nie seine Zuversicht undMenschlichkeit verlor (vgl. Bonhoeffer, 2005 [1951]). 4 Glaube, Unglaube und Aberglaube: Ein Spiel mit Projektionen 44 5 Satan ist gelandet Im Lukasevangelium wird Jesus ein Satz zugeschrieben, der schon manche sonntägliche Predigt ausgelöst haben dürfte: »Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz (Lk 10,18)«. Satan war offenbar eben vom Erzengel Michael auf Befehl Gottes, seines Herrn, aus dem Himmel geworfen worden – aus den bekannten, wenn auch nicht ganz eindeutigen Gründen. Fortan durfte Satan jedenfalls als Fürst der Erde wirken und die Menschen zum Bösen anstiften, oft mit Erfolg. Es ist ja nicht immer so, dass ihm im letztenMoment noch der Bissen von der Gabel genommen wird, wie in Johann Wolfgang Goethes Faust (2014 [1808]) oder in Hugo von Hofmannsthals Jedermann (1991 [1911]). Dass der Teufel in der Religion und in der Kulturgeschichte eine feste Größe und nach wie vor beliebt ist und allen Versuchen, ihn abzuschaffen, bisher mit Erfolg getrotzt hat, dass ihn alle kennen, aber kaum jemand ein eindeutiges Bild von ihm hat und dass man ihn in allem und jedem erblicken kann, ist meinen vorangegangenen Ausführungen zu entnehmen. Der Assoziationsraum, der vom Begriff des Satans berührt wird, ist weit und verweist auf eine innige Verbindung mit allem, was als »böse« etikettiert wird und auf tiefe, unbewusste Verwurzelung.Und so darfMephisto beiGoethe sagen: »Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht, denn alles, was entsteht, Ist wert, daß es zugrunde geht« (2014 [1808], Z. 1338–1340). Was das Böse in den Menschen, also in uns selbst, betrifft, fällt es den meisten schwer, aufrichtig zu sein. Wie schön wäre es, könnte man es dabei belassen, den Teufel als eine uns äußerliche Entität zu behandeln, wie jemanden, der wirklich mit uns spricht, dessen Macht über uns zu bannen ist, wenn man Mittel- und Zeigefinger einer Hand überkreuzt, dessen Erscheinungen einen Schwefelgeruch im Raum hinterlassen usw. Aktuell ist der Teufel immer noch, sonst hätte zum Beispiel nicht vor Kurzem ein renommierter Historiker wie Kurt Flasch (2015) noch eine neue Biografie über ihn verfasst. Aber mit der Problematik des Bösen hat sich die Menschheit immer schon schwergetan, besonders mit dem eigenen 45 Bösen. Es sei denn, es wird positiv besetzt, als ein Wert, das heißt als etwas Gutes. Böses zu tun kann auch verherrlicht werden, wie zum Beispiel von Marquis de Sade (1972), hier auch noch sexualisiert und mit der Vorstellung verbunden, dass daraus ein besonders hoher Lustgewinn erzielt werden kann. So soll das Böse zumVergnügenwerden, undwenn das auf Kosten anderer geschieht, umso besser. Rechtfertigungen für die böse Tat haben sich bisher noch immer gefunden. De Sade propagiert, das Böse um seiner selbst willen zu tun, weil es Lust bereitet; das genügt ihm als Begründung. Es hatte schon immer seinen Reiz, die Möglichkeiten des Bösen auszuschöpfen, oder wenigstens davon zu kosten und alle Kulturen sahen sich vor die Aufgabe gestellt, diese Reize in ihrem Geltungsbereich nicht Überhand nehmen zu lassen. Der Anthropologe René Girard legte, mit dem Zitat aus dem Lukasevangelium Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz (2002 [1999]) als Titel, eine eindrucksvolle Studie zu seinem Hauptthema vor, nämlich zu dem von ihm so bezeichneten »mimetischen Begehren«. Dieser Begriff stellt für ihn eine Art Fundamentalkategorie dar und bezeichnet ein universelles Phänomen, das bei den Menschen an die Stelle der instinktgebundenen Verhaltensweisen getreten sei. Dabei handelt es sich darum, dass die Menschen, wenn sie bei ihrem Nächsten etwas wahrnehmen, sei es eine Fähigkeit oder ein Besitz, von dem Bedürfnis ergriffen werden, diese nachzuahmen bzw. diesen ebenfalls zu erwerben. FürWalter Benjamin (1991 [1933]) war dieses Begehren eine Fähigkeit. Er sprach von einem »mimetischen Vermögen«, als Fähigkeit zur Produktion von Ähnlichkeiten (ebd., S. 210), das ausgelöst werde durch ein Bedürfnis, Beobachtetes zu wiederholen. Dieses Vermögen könne man bereits bei Säuglingen beobachten, es sei im weiteren Sinne ein Begehren. Bei Girard bekommt der Begriff eine erweiterte Bedeutung. Dieses Begehren könne Girard (2002 [1999]) zufolge, zwar eine Möglichkeit sein, in konstruktiver Konkurrenz mit dem anderen in einen Wettstreit zutreten, jedoch treffe dieser Fall nur selten ein, denn, was aus seiner Sicht viel gefährlicher sei, das mimetische Begehren biete auch den Hintergrund fürNeid, Eifersucht und in der Folge auch für Aneignungswünsche, was zuDiebstahl, Raub, Mord, Ehebruch usw. führe. Daher sei es eine vorrangige Aufgabe der Kulturen, dieses Neid-und Eifersuchtspotenzial möglichst einzudämmen. In diesem Sinne versteht Girard die letzten beiden der zehn Gebote, wo es heißt: »Du sollst nicht begehren deines NächstenWeib« sowie »Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut« (2 Mose 20,17). Diese beiden Gebote berühren uns auf andereWeise als die übrigen. Sie gehen über Verhaltenskategorien hinaus, indem sieWünsche undHaltungen vorgeben bzw. untersagen. Es geht nicht mehr nur darum, im Bereich der Aktionen oder der Handlungen Begren- 5 Satan ist gelandet 46 zungen zu verlangen, das heißt etwas zu tun oder zu lassen, sondern im Bereich von Einstellungen und Wünschen: Der Begriff des Begehrens wird hier zentral. Es taucht in beidenGeboten auf und besetzt eine neue, zusätzliche Kategorie: die des Wünschens und Begehrens. Des Nächsten Hab und Gut (Besitz) und Weib (bzw. Partner) werden mit dem Tabu des Wünschens belegt. Natürlich wissen wir, dass die Übertretungen dieser Gebote endemisch sind, auch wenn sie mit den härtesten Strafen belegt sind. Wir bekommen so einen Eindruck davon, wie stark die hier wirkenden Kräfte sein dürften, wenn alleine schon das Begehren als Anlass genügt, um Verbote und Sanktionen auszulösen. Peter Sloterdijk (2002) bringt das sich als Apologie des Christentums verstehendeWerkGirards auf eine meta-religiöse Ebene, indem er in seinemNachwort (ebd., S. 246f.) feststellt, dass Menschen in fortschrittlichen Kulturen eine aktive Desintressierung gegenüber ihren Neid- und Eifersuchtsobjekten herbeiführen, indem sie stattdessen gemeinsame Wertfelder höherer Güter bilden, in denen Sympathie den Vorrang gegenüber Konkurrenz gewinnt und Konkurrenz auf Bereiche verlagertwerden kann, die nichtmateriell und quantitativ begrenzt sind. Er nennt darüber hinaus den Stoizismus und vor allem den Buddhismus als Ethiken der Desinteressierung, wobei er unter Ethiken moralische Strukturen versteht, die psychische Bildungen hervorrufen, die den Einzelnen dazu zu bringen, die Kraft des mimetischen Begehrens bei sich und in sich abzuschwächen. Neben Anthropologie, Religion und Philosophie gibt es noch weitere kulturwissenschaftliche Disziplinen, die hier anzuwenden ergiebig zu sein versprechen, nämlich Psychologie, Psychoanalyse und Entwicklungspsychologie, denn Neid, Konkurrenz, Gier und Hass und auch die Entfaltung dieser Gefühle innerhalb der menschlichen Entwicklung, in ihren Kulturen sowie die Frage, wie der Gefühlshaushalt des Menschen beschaffen ist, was den Entscheidungs- und Handlungsspielraum des Einzelnen stärkt, sind die Felder aller Kulturwissenschaften. Girard (2002 [1999]) nutzt in seinem Ansatz diese Felder nicht, weil er auf die Bedeutung von Opfern und Opferung fokussiert und dabei sakrifizielle Gewalt analysiert. Er bedient sich einer anthropologischen Argumentationsweise, wenn er sichmit derUbiquität des Sündenbock-Mechanismusbefasst undOpferungsrituale, die in allen Kulturen vorkommen, herausstellt.Mittels diesesMechanismus sei ein Ausweg aus der mimetischen Rivalität in Form der Ermordung eines unschuldigen Opfers gefunden worden. Auch wenn dieser Mechanismus ubiquitär sein sollte, hätte er doch eine differenziertere Betrachtungsweise verdient, wie dies etwa die Psychoanalyse für den Abwehrmechanismus der Projektion postuliert, der im Grunde der Mimetik des Begehrens, wie er das nennt, entspricht. Die feingliedrigenDifferenzierungen psychologischer und tiefenpsychologischer 5 Satan ist gelandet 47 Theorien beispielsweise bieten für das Verständnis der menschlichen Psyche so viel mehr an Variationen, sodass sie weit mehr als holzschnittartige Bilder von uns komplizierten Wesen entwerfen kann, als Girard sie in seiner psychologisch eher groben Anthropologie zeichnet. Für Girard ging es nicht um die Differenziertheit der Einzelwesen aufgrund ihres jeweiligen geschichtlichen Geworden-Seins, sondern um die Lösung eines kulturellen Dilemmas, das für alle gelten soll. Aus seiner Sicht bietet erst das Christentum einen echten Ausweg durch den Verzicht auf die Ausübung von materieller Gewalt. Peter Sloterdijk (2002) erkennt in Girards These eine wissenschaftliche Fassung der Lehre von der Erbsünde, indem er diese mit dem mimetischen Prinzip gleichstellt. Es handele sich dabei nach Girard um eine menschliche Grundeigenschaft. Jenseits der kulturellen oder religiösen Anthropologie dürfte sichdas bei ihm letztlich als einebiologischbegründeteEigenschaft des Menschen verstehen lassen – Genetik als Schicksal. Wie Girard (2002 [1999]) dies theologisch deutet, ist durchaus originell. Die Vorstellung des Bösen, des Satans, wie er ihn oft nennt, gelingt auf dieseWeise als ein universales Prinzip, das imGrunde leicht zu verstehen ist. Nicht als personale Größe, sondern als anthropologisches Prinzip bekommt der Satan plötzlich Sinn. Faktisch kann es den Teufel auch für Girard nicht real geben, wohl aber in dieser symbolischen Form. Der Teufel ist, auch wenn Girard den Begriff nicht benutzt, für ihn eine Art Phantasma. Im Grunde kommt bei ihm der Begriff der »psychischenRealität«,wie SigmundFreud (1916–1917a [1915–1917]) ihn verstanden hat, zu neuen Ehren. Der Teufel ist das mimetische Prinzip der destruktiven, eifersüchtigen und neidvollen Nachahmung, die, wenn sie nicht abgeschwächt wird indem sie begrenzt wird, eine Kultur zugrunde richten kann. Wenn Girard (2002 [1999]) vom Satan, von Gott oder dem Christentum spricht, haben seine Aussagen stark dogmatische Züge. Dass der Satan sich letztlich selbst austreibt und dass die Opferung Jesu einen Endpunkt des Opfermechanismus bedeutet, ist nach Girards Auffassung letztlich nur mittels überweltlicher Erkenntnisfähigkeit zu begreifen. Das ließe sich jedoch auch »normalpsychologisch« so deuten, dass Satan eine Kraft ist, die am Ende an ihrer eigenen Destruktivität zugrunde geht. Dabei vollzieht Girard eine Anlehnung an etwas Göttliches, eine ähnliche Argumentationsfigur, wie sie auch Peter Strasser (2016) verwendet, um die Notwendigkeit eines göttlichenPrinzips zubelegen, eine theologischeWende.Freilich wirkt dies bei Girard nicht wirklich schlüssig begründet, sondern eher wie ein frommerWunsch. Die Leserschaft ist überrascht, wenn sie entdeckt, dass Girard (2002 [1999]), der antrat, um ohne theologische Argumentation auszukommen, 5 Satan ist gelandet 48 an solchen Stellen einer Vorstellung des Göttlichen Raum gibt. Es müsse Gott geben, sonst hätte niemand auf die Idee kommen können, den Opfermechanismus zu überschreiten, ist ein Kern seiner Argumentation. Die Evangelien sind für ihn reale Erlebnisberichte, keineMythologie.Mythen seien aus seiner Sicht durch falsche Konsequenzen erzeugt worden, zum Beispiel seien bei der Opferung die Opfer als die Schuldigen, als die Verantwortlichen hingestellt worden und nicht diejenigen, die das Opfer in Gang setzten und ausführten. Die Sorge um das Opfer zählt für ihn zu den wichtigsten Errungenschaften des Christentums, die es vom Mythos dauerhaft trennt. Das Christentum ist für Girard die Religion, die, zumMitleid fähig, das Leiden der Opfer anerkennt. Satan hat bei ihm einen festen Platz als Verführer zum Bösen, als falscher Ankläger der Unschuldigen, also als Märtyrer, als »Mörder von Anfang an« (Joh 8,44), der das Zerstörerische im Menschen protegiert, als Antichrist, als Herrscher derWelt des mimetischen Begehrens, das nur über das Christentum überwunden werden kann, das für ihn die am höchsten entwickelte Religion ist. Girards Werk ist voller Polemik gegen die Moderne, die Aufklärung, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und falsche, verharmlosende Auslegungen der christlich-jüdischen Religionen. Mit seiner Radikalität überschreitet er eine Schmerzgrenze; vielleicht, um die Allgewalt des mimetischen Furors und seine Gefährlichkeit für Kulturen und Gesellschaften zu unterstreichen. Folgt man ihm, lauert – wie schon bei den frühen Christen – der Satan überall: in jeder Versuchung, dem allgegenwärtigen, konkurrierenden mimetischen Begehren zu erliegen, Sündenböcke zu konstruieren und zu opfern, ohne sich dessen gewahr zu werden. Satan ist das fleischgewordene Böse. Dadurch wird der Versuch verständlich, dem Bösen Gestalt zu geben. Inkarnation bedeutet ja »Fleisch-Werdung«, und so gesehen kann ein Anlass wegfallen, die kleinen Teufelchen und den großen Teufel, den wir ihn in Pachers Gemälde Kirchenvater Augustinus und der Teufel (1471–1475) zu sehen bekommen, niedlich zu finden.Wasmag in demMoment in dem Geistlichen vorgegangen sein, da sich ihm der Teufel ans Bein heftete? Vielleicht war er in seinen Gedanken auf irgendeine Weise gerade sündhaft abschweifend gewesen? Aus dieser Perspektive betrachtet wird es nebensächlich, ob jemand den Teufel tatsächlich als eigenes Wesen existierend betrachtet oder nicht. Es ist original christliche Lehre, dass der Teufel generell für das Böse steht, das eine Gestalt angenommen hat. In der Psychoanalyse sprechen wir von seelischer Präsenz, wenn ein Umstand oder eineÜberzeugung bei jemandem psychischmit Realitätscharakter repräsentiert ist. Zum Phantasma wird eine psychische Konstruktion, wenn ihr Inhalt 5 Satan ist gelandet 49 scheinbar in Realität überführt werden soll. Die während der heiligenMesse vollzogene Wandlung eines Teigstückchens – der Hostie – zum Leib Christi ist ein solches Phantasma. Oder der unzerstörbare Glaube wie der Hiobs oder wenn aus einem Gefühl von Liebe, die man mit jemandem teilt, einWir-sind-eins-Gefühl mit der Vorstellung eines Paar-Körpers wird. Ausreichend stark psychisch entsprechend besetzt, können auch falsche Kognitionen Realitätscharakter annehmen, wie dieWahrnehmung von Schwefelgeruch in der Luft, wenn zuvor die Gegenwart des Teufels angenommen wurde. Von einer solchen Teufels-ErscheinunghattenWallfahrer berichtet, diewie das spätereExorzismus-OpferAnneliese Michel einer spirituellen Sitzung beigewohnt hatten. Zu dem Fall äußerten sich zum Beispiel ausführlich und sachlich Uwe Wolff (1999), eher esoterisch und pseudo-wissenschaftlich Felicitas Goodman (2006) oder mittels des Studiums der Gerichtsakten geschichtswissenschaftlich Petra Ney-Hellmuth (2014). Sicher »gab« es auch für Girard (2002 [1999]) keinen Satan im konkretistischen Sinne, jedochhatte er eine sehr konkreteVorstellung vonder stets präsenten destruktiven menschlichen Gewaltbereitschaft, die er »mimetisch« nennt. Für ihn bot das Christentum »die beste Immunisierung der Seele gegen die Epidemien der mondänen Niedertracht« (Sloterdijk, 2002, S. 250). Girard (2002 [1999]) bezeichnet seine Interpretation zwar als anthropologische Analyse, die keine Bezugnahme auf etwas Übernatürliches benötige und dabei den Einfluss des Bösen auf die Menschen und deren Erlösungsbedürfnis nicht herunterspiele. In seinem Buch ist dennoch die christliche Glaubensüberzeugung mit Händen zu greifen. Satan existiert für ihn »in erster Linie als Subjekt der Strukturen der mimetischen Gewalt« (ebd., S. 238). Schön und gut, aber man hätte doch gerne gewusst, was mit »in erster Linie« gemeint ist und was dann die zweite Linie wäre usw. Wenn Girard in seinen mimetologischen Furor gerät, spricht er wie in einer Predigt gegen den Antichrist. Er lässt offen, ob es nicht doch eine göttliche Macht gibt, nämlich jene, die in der Lage ist, »die mimetische Einheit zu brechen« (ebd., S. 235). Das müsste aus seiner Sicht eine der mimetischen Ansteckung überlegene Macht sein, die er jedoch auf Erden nicht gefunden hat. Mit der Auferstehung Christi trete eine solche Macht jedoch auf die Bühne der Welt. Eine weltliche, menschliche Kraft kann das nach seiner Lesart nicht gewesen sein. Ist dies Girards indirekter Gottesbeweis? Die tiefe Ernsthaftigkeit, mit der er den Evangelien einen anthropologischen Sinn abringt, verdient sicher Respekt. Girard dringt in Sinnstrukturen des religiösen Denkens ein, die mittels eines rationalistischen Atheismus nicht zu erreichen und nachzuvollziehen sind. Für ihn ist das Christentum die einzige Religion, der es gelingt, den Mechanismus der Sündenbock-Logik zu überschreiten und eine Alternative jenseits von 5 Satan ist gelandet 50 Opferung undGewalt zu bieten. Religion ist aus seiner Sicht für eineGesellschaft unverzichtbar, um die Kräfte zu bannen, die ihren Bestand von innen her bedrohen können, das heißt durch das nicht zu beseitigende mimetische Begehren. Diese originelle Interpretation der Erbsünde ist sicher einige Gedanken wert, auch weil so vielleicht bessere Auswege aus dem Dilemma der menschlichen Destruktivität gefunden werden können, denn darum handelt es sich ja letztlich bei der Erbsünde oder bei Satan oder wie auch immer man das nennen möchte. Der Gedanke, dass der Mensch selbst die Quelle der Bedrohung der Kultur und der Gesellschaft – also der Ordnung – ist, die er sich geschaffen hat, ist nicht grundsätzlich neu; ihn kennen auchGesellschaftswissenschaftler wie die Kriminologen HennerHess und Sebastian Scherer (2003). SolcheGedanken aber imperativmit der Entstehung von Gesellschaften von Anfang an zu verbinden gibt der Kulturwissenschaft einen besonderen Akzent, der schlagartig erhellt, warum es wichtig ist, dassMenschen derartigeWissenschaften betreiben, nämlich um besser verstehen zu können, wieGesellschaften funktionieren, was sie leisten, welchen Risiken sie ausgesetzt sind und wie diese abgewendet werden können. Dass, wie Girard (2002 [1999])meint, es wirklich alleine die christliche Religion sei, die denKeim der Rettung von Gesellschaften enthält, ist eher unwahrscheinlich, und schon Peter Sloterdijk (2002) weist darauf hin, dass auch andere gedankliche Systeme dafür infrage kommen, wobei er auf den Buddhismus verweist und auf die Philosophie Friedrich Nietzsches, bei dem er den Versuch erkennt, in einem ethischen Projekt eine überweltliche Ethik der Desinteressierung mit einer Ethik des erneuerten Interesses an weltlicher Fülle zu verbinden (ebd., S. 252). Es ist fast überflüssig zu betonen, dass auch die »weltlichen« Rechtssysteme, die sich vermutlich im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung von den jeweiligen religiösen Rechtssystemen abgelöst und verselbstständigt haben, ein Eigengewicht bei der Regulierung des gesellschaftlichen Umgangs haben – zumindest in den westlichen Demokratien das stärkste. Man sollte Girards Projekt nicht nur anthropologisch, sondern auch genetisch-psychologisch deuten, denn in der mimetischen Formation sieht er einen dem Menschen eigenen Antrieb, der ihm von Beginn an gegeben ist, eine Art Trieb, der sich schicksalhaft vorwiegend sozial negativ äußert, als gefährliche Ausstattung. Dieser Antrieb ist für Girard eine lebenslang wirksame, zweifelhafte Gabe. Die Ähnlichkeiten zur Psychoanalyse sind unverkennbar. Girard formulierte eine Art Triebtheorie, die allerdings der Destruktion weit mehr Raum gibt als dem Eros, eine Theorie eines Ur-Mordes, wobei an die Stelle des Vaters (wie bei Freud) das unschuldige Opfer tritt. Sowohl Freud als auch Girard betrachten einen ursprünglichen Mord als ein Konstituens der Kultur. In beiden Modellen 5 Satan ist gelandet 51 erwächst eine Schuld daraus, die abgewehrt wird. Freuds dualistische Triebtheorie kennt Liebe und Hass. Er gewichtet die erotischen Kräfte höher als Girard. KonkurrierenderNeid, Eifersucht und Rivalität sind auch den Psychoanalytikern wohlbekannte Elemente der ödipalen Konstellation, wobei, wie der Psychoanalytiker EberhardHaas (2009) herausgearbeitet hat, der Sündenbock-Mythos und seineWeiterungen für Girard anthropologisch nicht weniger bedeutend sein sollen. Girard hätte es sich weniger schwer machen können, aber für einen gläubigen Christen dürfte es ein besonders starker Antrieb sein, das Christentum als geistigen und moralischen Höhepunkt religiösen Denkens herauszuheben. Jedoch haben in den letzten Jahren die Kulturwissenschaften ebenso wie die Psychoanalyse, die Entwicklungspsychologie und ebenfalls die Neurobiologie einiges zur Bedeutung von Nachahmung und Identifizierung in der menschlichen Entwicklung beitragen können. So werden auch die Chancenmimetischer Entwicklungsprozesse deutlicher. Selbst auf diese Weise kann man Satan aus dem Himmel kommen lassen. Er muss nicht immer hart aufschlagen, auch wenn Destruktivität (leider) regelmäßig ein Teil der biologischen Ausstattung des Menschen ist. Wir wissen, dass man in jedem Leben denHimmel der Liebe kennenlernen kann und dass andererseits kaum jemand von der Destruktion des Hasses verschont bleibt. So gesehen fällt Satan eher weich auf die Erde, also in die Höhen und Niederungen des Menschseins, jetzt aber nicht mehr in einen dornigen, phantasmatischen Kosmos religiöser Utopien und Menetekel, sondern in Erörterungen des Wahrscheinlichen vor dem Hintergrund der Wissenschaft der Kulturen und der Menschen. Das ist bei Weitem nicht nur Naturwissenschaft, sondern es ist wichtig, dasWissen der Kulturen zu berücksichtigen. Jahrtausende dauernde Kulturen enthalten große Schätze, wie die Arbeiten von Kulturwissenschaftlern wie Aleida und Jan Assmann eindrücklich belegen: »Diese Institutionen wie das Recht, die monogame Familie, das Eigentum sind selbst in keinem Sinne natürlich und sehr schnell zerstört« (Gehlen, 1961, S. 59; zit. nach J. Assmann, 1992, S. 145). Aus der Einsicht in solche Werte schöpften sicher auch Schriften wie die Bibel. Ein Problem ist nur, dass ihre Inhalte teilweise irrelevant werden, teilweise einem Wandel unterliegen und, wenn wir auf sie treffen, bestimmt und ausgewertet werden müssen. Das ist für Altertumsforscher undKulturwissenschaftler selbstverständlich, wenn sie sichmit untergegangenen Kulturen beschäftigen. Wenn man sich, wie etwa die heutigen Christen, mit den Aussagen ihrer Religion befasst, liegen die Dinge anders. Existierende Religionen unterliegen weiterhin Veränderungsprozessen und teilweise sind die Mitglieder einer Gemeinschaft ihrer Religion – wie wir heut- 5 Satan ist gelandet 52 zutage – entfremdet, wenden sich ab oder suchen einen neuen Bezug zu ihren Inhalten.Dies gehtbeispielsweise aus einerkürzlichdurchgeführtenBefragungder Zeitschrift Der Spiegel (Nr. 172019) hervor. Daran, dass Jesus Gott und Mensch in einer Person war, glaubt noch die knappe Mehrheit der Christen, zwei Drittel aller Befragten glauben an Wunder, 40 Prozent an ein Leben nach dem Tod und ein Viertel an die Existenz des Teufels. Die Erkenntnis auch für Nicht-Gläubige, dass Religion nicht nur intellektuelle Zumutungen enthält, sondern dass dem Leben abgerungene Einsichten über denMenschen ihrenWeg in Schriften gefunden haben, bleibt aufgeklärten Humanisten oft versperrt, wenn man sie zumGlauben hatte zwingen wollen. Dann haben sie oft ekklesiogene Widerstände bekämpfen müssen. Viele Inhalte einer Religion sind verklausuliert und für aufgeklärte Menschen von heute schwer genießbar, das darin angehäufte Wissen kann jedoch aus demVollen einer Kultur schöpfen. Freilich muss man, wie zum Beispiel Sloterdijk (2002), deren Inhalte und Erkenntnisse daraus destillieren. Das trifft für die Anthropologie auch auf die Einsichten Girards zu, der sich ja speziell darauf beruft. Aber er tut sich unnötig schwer und überfrachtet sein Thema mit einem letztlich nicht wissenschaftlich zu nennenden Anspruch, die Wahrheit der Bibel und die Überlegenheit des Christentums über andere Religionen nachzuweisen. Mythen seienGirard (2002 [1999]) zufolge eigentlich Schuldige exkulpierendeLügen und die Erzählungen der Bibel im Gegensatz dazu Ereignisberichte von Opfern. Dies ist eine ziemlich kühne Behauptung, die gewiss auchüberprüft werden müsste. Auf die Tiefgründigkeit von Girards Überlegungenverweisen die Spuren, die er verfolgt. Sie verdeutlichen basale und die Bedingungen des menschlichen Zusammenlebens konstituierende kulturelle Elemente, die aus seiner Sicht von kaum zu übertreffender Wichtigkeit sind. Diese Elemente des mimetischen Begehrens sind generell für Individuen und soziale Gruppen relevant, weil sie alleMenschen und die Formen ihres Zusammenlebens prägen. In seinem Buch Das Ende der Gewalt. Analyse des Menschheitsverhängnisses (2009 [1978]) über den Ursprung gesellschaftlicher Gewalt und den Umgang damit weist Girard auf die Bedeutung des Sündenbock-Prinzips für diemenschlicheKultur hin.Girard konstruiert die Menschen allerdings mit einem anthropologisch weiten, aber psychologisch kleinen Horizont: Als eine Art Blackbox mit einem Grundkonflikt entwirft er Menschen psychologisch doch recht naiv, weil er zum Beispiel die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie außen vor lässt. Seine Figuren erscheinen stereotyp auf einenGrundkonflikt reduziert, vergleichbarmitmittelalterlichenBildern, die das Jesuskind mit der Physiognomie eines Erwachsenen zeigen, nur kleiner. Aus Sicht der empirischen Befunde beginnen identifikatorische und imitatorische Prozesse sehr früh (vor der Sprachentwicklung) in der menschlichen 5 Satan ist gelandet 53 Entwicklung und setzen mit einem an den Stillvorgang angelehnten Vorgang ein, der ersten Interaktion zwischen Mutter und Kind, die lebensnotwendig und zutiefst biologisch ist. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass eine Substanz (Milch) von einem Körper in einen anderen übergeht. Auch dieser Vorgang wird schon zur Identifikation verwendet. Der Psychoanalytiker Eugenio Gaddini (2015) hat beobachtet, dass Säuglinge Rumination einsetzen, um eine Art Stillvorgang zu imitieren. Sie lassen Muttermilch aus der Speiseröhre hochsteigen, um damit im Mund sozusagen zu spielen und wiederholt zu schlucken. Man könnte das als eine Art Mundhöhlen-Schlund-Narzissmus bezeichnen. Dieses Verhalten läuft auf eine Abwendung vom Objekt hinaus und wird als Entwicklungsstörung betrachtet. Dabei wird der Vorgang, der sich aus dem trinken beim Stillakt ableitet, sozusagen autoerotisiert. Man kann das als eine Vorstufe zur Imitation betrachten, bei welcher der Magen mit der Brust gleichgesetzt wird und dessen Inhalt konsumiert wird. Säuglinge sind auf Interaktion angewiesen und nehmen auch von sich aus Interaktion auf. Man denke nur an die Folgen von Deprivation, wie sie seit den 1950er Jahren erforscht wurden (vgl. z.B. Spitz, 1965). Manches wird dabei als genetisch vorhandene Bereitschaft durch das Interaktionsangebot aktiviert, wie zumBeispiel das Lächeln imLächelspiel.Wie glücklich sind dieMütter, die in der Regel die ersten Interaktionspartnerinnen sind, wenn sie von ihrem Säugling angelächelt werden, der seinerseits zurücklächelt und ein irgendwann empfangenes Lächeln auch verspätet zurückgeben kann, sodass es dann vomAnlassunabhängig wirkt.Die Entstehung solcher Sequenzenwirdnur als Interaktionplausibel, in der das Erlebte nachgeahmt wird, weitgehend unabhängig davon, ob der Sinn, den ihm die oder der Erwachsene gibt, aufgenommen werden kann. Dass Nachahmung einwichtiger Teil vonBeziehung ist, erschließt sich jedem, der die bekannte Psychodrama-Übung macht, bei der die Bewegung eines Interaktionspartners nachzuahmen und dabei darauf zu achten ist, welche Empfindungen sich einstellen. Bei der Nachahmung stellen sich Emotionen spontan ein, als Ergänzung und wie ein Kommentar zu dem Bewegungsablauf, wie eine spontane Akzentuierung der Übertragung. Psychologisch feiner interpretiert Haas (2009) die Problematik des Sündenbock-Phänomens. Er geht von der strukturellen Gleichheit der Riten in Kulturen aus. Auf Krisen folge Verstoßung und später Vergöttlichung. Er verkennt aber auch nicht individuelle Entwicklungsschritte wie Symbolisierung und Integration als persönlicheWege aus derNeurose und öffnet dem Individuumdamit einen Weg zur Überwindung von neurotischen Fixierungen. Imitation, Introjektion und Identifizierung liegen in einer Reihe der Entwicklung der Übernahme von 5 Satan ist gelandet 54 psychischen Elementen der Beziehungsperson, wobei diese entlang der Möglichkeiten, die das kindliche Ich jeweils hat, entstehen. Dabei ist psychoanalytisch an Unterscheidungen zu denkenzwischen präsymbolisch und symbolisch, zwischen ganzheitlich, total (also das Objekt als Ganzes betreffend) und partiell (also nur einzelneAspekte betreffend), zwischen reifer undweniger reif, zwischenmitOmnipotenz-Gefühl und Vernichtungsangst verbunden. Diese Dinge sind vielfach beschrieben worden, denken wir nur an das vertraute, auf Melanie Klein (2001) zurückgehende, 4-Felder-Schema, das besonders Otto Kernberg verbreitet hat, oder an die guten versus bösen Selbst- versus Objektrepräsentanzen, in denen wir mühelos gut die Hälfte aller Selbst- und Beziehungsfantasien unterbringen können. Wenn die (tiefen-)psychologische Perspektive auch theoretisch weiterführt, erscheint doch Satanmit der Einführung derObjektrepräsentanzen aus religiöser Sicht wieder auf der Bühne, jetzt als Repräsentant des Neides und des Hasses, der Destruktion und der Vernichtungswünsche. Mag der (ver-)wünschende, neidende, hassende mimetisch Begehrende sich denWunsch zugestehen oder nicht, er ist der Trägereines anthropologischen Erbes, das Girard (2002 [1999]) beschrieben hat. Ist das die kulturwissenschaftliche Näherung an ein eherreligiöses Problem? Man muss sagen, im Prinzip ja, aber die Menschen gehen mit diesem Erbe unterschiedlich um. Zwar gibt es ethnische Vorgaben für Konfliktlösungen, aber nur wenn die oder der Einzelne die Struktur eines Konflikts erkennt und auflöst, findet sie oder er eine idiosynkratische Lösung. Diese Erkenntnis verdanken wir Sigmund Freud. Satan fällt also im übertragenen Sinne nicht aus dem Himmel auf die Erde hinab, sondern er steigt eher aus derHölle seinermimetischenundprojektiv-identifikatorischen, phantasmatischen Illusionsbildung, die er auch noch zur Hölle für die anderen macht, auf die Erde empor, um unter den Menschen zu wohnen, um seine Aufgabe als Verführer, Zerstörer und Durcheinanderbringer zu erledigen. Mit »unten« und »oben« ist gewiss die Tiefendimension der Psyche angesprochen, das nicht Bewusste, das auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist, das aberWirksamkeit entfaltet. Ich werde im 13. Kapitel noch auf eine Gedichtzeile des streitbaren Philosophen und Publizisten Theodor Lessing eingehen, der wie in einem Refrain in seinem Unglaubensbekenntniszu denken gibt: Den Teufel aber gibt es wirklich,»Ich glaube an den Teufel,/denn der Teufel, der bist Du!« (1924, S. 336). Das ist eine gute Formel, mit derman ergiebig weiterarbeiten kann. Der Vollständigkeit halber sei bereits hier angemerkt, dass sich vomAutor dieserGedichtzeilen jeder angesprochen fühlen kann, das heißt, dass aus »der bist du« ein »der bin 5 Satan ist gelandet 55 ich« werden kann. Lessing meinte jeden als potenziellen Täter. Gewiss erleiden viele Menschen ein Schicksal als Opfer. Aber wer kann von sich behaupten, immer nur Opfer zu sein oder gewesen zu sein und niemals Täter? Lessing konnte auch austeilen und hat das mit Genuss getan. Er mag in der Boshaftigkeit seiner Kritik der Kirchen und ihrer Vertreter übertrieben haben. Aber er war ein zivilisierterMensch, dermittels Polemik seine Liebe zumWort praktizierte und damit unendlich viel zivilisierter war als seine Mörder, die ihn erschossen, weil er in ihr Feindbild passte. Es gibt Menschen, die nicht nur Feinde brauchen, sondern auch Opfer, die sie zur physischen Vernichtung freigeben, und zwar nicht nur in ihren eigenen Gedanken, sondern manchmal auch durch ihre Taten und sie sind froh, wenn sie ihre Mordlust hinter breiteren Rücken verstecken können. Sind das Teufel? Waren die Nazi-Schergen, die Theodor Lessing erschlagen haben, Teufel? Und die vielen anderen, die in sich die Lust spüren zu töten, zu vergewaltigen, zu rauben, zu betrügen und andere Niederträchtigkeiten mehr? Es steckt nicht nur in jedem Menschen die Möglichkeit zur Gewalttätigkeit, die kleinzuhalten eine kulturelle Leistung ist, sondern jeder bildet in sich innere Hierarchen, die entscheidend dafür sind, welchenNeigungenVorrang zu geben ist.Wer verroht ist, gibt gegenüber der Menschlichkeit und der Zivilisiertheit der Neigung zur Befriedigung seines persönlichen Hasses leichter den Vorzug. Man mag zwar aus Gedankenlosigkeit Böses tun. Aber derWunsch, Böses nicht nur im Rahmen des sexuellen Sadismus zu tun, sondern auch ohne sexuellen Gewinn in der Absicht, jemandem Schaden zuzufügen, was wieder zuMissgunst und Rache führt, liegt näher. Menschen, die so etwas tun, teuflisch, »Teufel« oder gar »Satan« zu nennen, in dem Bewusstsein, dass kein Teufel hinter dem nächsten Busch hervorspringen wird, sondern höchstens ein Exhibitionist oder Räuber, ist die kraftvolleWürze für die Darstellung solcher Sachverhalte. Der emotionale Wert alter, starker Ausdrücke ist nicht leicht zu übertreffen. Daher wachen in den Kulturen so oft alte Gespenster auf, deren Gewicht in der kollektiven Sprache oft vergessen ist, obwohl sie noch Macht und einen hohen emotionalen Gehalt haben. Eine Möglichkeit, sie weiterleben zu lassen, ist ihre Degeneration zu Schimpfwörtern, was ich an dieser Stelle an demBegriff »Krüppel« kurz verdeutlichen möchte. Nach Kriegen mit vielen Verletzten, die einen Arm oder ein Bein verloren hatten, bildeten sich in den 1920er JahrenHilfsvereine, sogenannte »Krüppelvereine«, denen sowohl betroffene als auch hilfsbereite Menschen angehörten.Heute nenntman das»Invalidenverband«. Eine typische »Verschlimmbesserung«, denn »invalide« bedeutet »wertlos«, man könnte es sogar mit »unwert« übersetzen – mit einem freundlichen Gruß aus dem Wör- 5 Satan ist gelandet 56 terbuch des Unmenschen. Das Wort »Krüppel« hingegen leitet sich aus dem niederdeutschen Wort »kröpel« ab und bedeutet »der Gekrümmte«, was auf den Gang und die Haltung eines Menschen mit einer körperlichen Behinderung hindeutet. Kein Schimpf ist darin enthalten, keine Schande, keine Häme – nur Beschreibung. Ein anderer Aspirant auf einen guten Platz in der Rangliste der Unwörter ist »Opfer«, das heute für viele Kinder und Jugendliche schon zu einem Schimpfwort geworden ist, mit dem Schwache verhöhnt werden. Natürlich hat die Geschichte solcher Begriffe ihre Psychologie, auf die ich hier aber nicht näher eingehen will. An diesen Beispielen lässt sich sehr gut zeigen, dass der Teufel tatsächlich und nicht nur sprichwörtlich oder buchstäblich im Detail stecken kann. Anthropomorphisierend würde man sagen, dass der Teufel hier eine günstige Gelegenheit ergreift, mittels einer seiner Fallen unbemerkt doch das Böse zu verwirklichen, nämlich die Entwertung von etwas, die Assoziation mit etwas, das nicht gebraucht wird, mit demHauch eines Vernichtungsgedankens. Der psychoanalytischDenkende erkennt leicht dieWiederkehr des Verdrängten, den selbstbezogenen, rivalisierenden Vergleich, die demMenschen angeborene Aggression, aus der Girard seinen Begriff des mimetischen Begehrens bildet. So gesehen lässt sichmit demBegriff gut arbeiten. »DerGeist, der stets verneint« (Goethe, 2014 [1808], Z. 1338) ist niemals außer Dienst, weil er Teil unserer Triebwelt ist. Das kann auch ein Psychoanalytiker mit gutem Gewissen formulieren, sofern er Abstand davon genommen hat, dass der Mensch eigentlich gut sei. Wer hat das nicht schon alles leichtgläubig gesagt! Hierzu nur eine kleine Kostprobe der drastisch-schönenDementi aus derDreigroschenoper vonBertolt Brecht (2001 [1928], wo sich das in der Ballade von der sexuellen Hörigkeit so liest: »Da ist nun einer schon der Satan selber. Der Metzger: er! Und alle andern: Kälber! Der frechste Hund! Der schlimmste Hurentreiber! Wer kocht ihn ab, der alle abkocht?Weiber. Ob er will oder nicht – er ist bereit. Das ist die sexuelle Hörigkeit« (ebd., S. 51). Jemand ist der Satan selbst, weil er zu allem Bösen bereit und in der Lage ist, das man sich ausdenkt. Auf diese Weise, mittels einer Addition, wird die Summe aus demMetzger, dem frechstenHund und dem schlimmstenHurentreiber gebildet. In der Umgangssprache ist derMensch, genauso wie bei Theodor Lessing (1924), 5 Satan ist gelandet 57 der Satan, der diese Eigenschaften hat. Bei Brecht ist er außerdemnoch der Sklave seines eigenen sexuellen Begehrens, ob er will oder nicht. Wenn ich auch weit entfernt davon bin, behaupten zu wollen, dass die Bibel per se recht hat und noch weiter weg von der Behauptung, dass es göttliche, sogar von Gott in eine Feder diktierte Wahrheiten gibt, die besonderen Menschen unmittelbar als Offenbarung mitgeteilt wurden, lässt sich doch feststellen, dass die sogenannten heiligen Schriften zwar nicht heilig sind, aber doch eine Form von teils wertvoller Literatur darstellen. Zum Teil enthalten diese vonMenschen erdachten Geschichtenviel Unsinn. Sie umfassen aber auch verdichteteWahrheiten über dieMenschen, die in Schriften erhalten und damit bewahrt werden. Ihre Verfasser verwendeten die Formulierungen, die Sprache und den Kenntnisstand der jeweiligen Zeit und desOrtes ihres Entstehens. DiesenAusnahme-Menschen, wie Buddha, Jesus oder Mohammed, könnte sich (was natürlich als Annahme rein spekulativ ist) zum Beispiel eine Türe zu ihrem ethnischen Unbewussten geöffnet haben, wodurch sie psychische Inhalte benennen und formulieren konnten, die anderen Menschen unzugänglich waren. Dies gilt natürlich unter der Annahme, dass es sich dabei tatsächlich um historische Personen handelt. Nicht nur Religionen, sondern auch Mythen, Sagen usw. transportieren Wahrheiten über den Menschen und das Menschsein, über die jeweilige Kultur, der jemand angehört und über das Leben, in allgemeiner und spezieller Form. Daneben enthalten sie, und das darf nicht ausgeblendet werden, vieles, das mit Wahrheit im objektiven Sinne nichts zu tun hat, sondern mit Versuchen, partielle Interessen durchzusetzen. Die Trennung dieser beiden Kategorien ist schwierig. In diesem Sinne entbindenDogmen den Einzelnen von dieser Problematik, aber es mussten schon zu viele Menschen für Glaubenssätze ihr Leben lassen, als dass sich hier ein Weg zum gedeihlichen Zusammenlaben der Menschen öffnete. Das zu Bewahrende, das zum Beispiel in religiösen Überlieferungen enthalten ist, mag sich nicht unmittelbar erschließen, oft ist es auch versteckt in schwer verständlichen, komplizierten Systemen, geradezu impertinent verklausuliert, als gelte es, Unverständlichkeit zu bewahren, anstatt gewisse Zusammenhänge zu erhellen. Gewiss ist es provokant, solcheZusammenhänge anhand des Begriffs der Erbsünde aufzuzeigen, wie das Sloterdijk (2002) in seinem kurzen Kommentar zu Girards (2002 [1999])Werk getan hat: eine plausible Erklärung zu geben, anstatt moralisierend und herrisch mit Dogmatik zu verstören. Wenn das mimetische Begehren sozusagen die Erbsünde istbzw. ein anderer Begriff dafür, dann lassen sich auch Anschlüsse an andere Begriffe herstellen: Wenn das Böse an sich dem Menschen gewissermaßen eingefleischt ist, was nicht unwahrscheinlich ist, wie ein Blick auf Gegenwart und Geschichte vermuten lässt, haben wir es dann nicht 5 Satan ist gelandet 58 mit einem Problem zu tun, das üblicherweise in biologische Kategorien gefasst wird?Warum sind die Genetiker nicht auf die Idee gekommen, dass die Erbsünde ein Erbe des Neandertalers ist, wie Theodor Lessing das formuliert hätte? Und ist es der Genetik nicht bisher misslungen, die Konsequenzen solcher Einsichten für die Menschen und die Gesellschaft nutzbar zu machen? Es steckt ein tiefer Sinn darin, Kultur wie Sloterdijk (2002) auch als einen Versuch derMenschen zu verstehen, in dem Bemühen, gruppenfähig zu werden, also in mehr oder weniger großen Ansammlungen miteinander leben zu können, sowohl ihre Anmaßungen als auch ihre Niedertracht möglichst kleinzuhalten und nicht handlungsbestimmend werden zu lassen. Satan ist so gesehen schon seit Langem unter uns gelandet, er hat sogar seinen Platz in jedem von uns, in einer Spezies von Omnivoren, Allesfressern, die in seltenen Fällen homophag werden können. Gewiss muss das alles nicht handlungsleitend werden. Menschen sind flexibel. Sie sind zur Selbstgerechtigkeit, zum Hass, aber auch zur Liebe fähig, wollen lieben und geliebt werden. Sie wollen ihrem Leben Sinn geben und sie kennen Kunst, Schönheit und Harmonie. Wenn böse Absichten zu ausschlaggebenden Faktoren werden, ist das nicht nur für den Einzelnen gefährlich, sondern auch für die jeweilige Kultur. Daher haben Menschen dort, wo sie zusammenleben, Möglichkeiten ersonnen, den Einfluss von Eigenschaften, Haltungen und Handlungen, welche die Kultur destruierende Entwicklungen begünstigen, in einer Gesellschaft möglichst gering zu halten. Deshalb ist das Prinzip der Desinteressierung, wie Sloterdijk (ebd.) es hier entworfen hat, so bedeutsam. Dahinter stehen die notwendigen psychologischen Fragen, wie die Charaktere und Beziehungen in einer Gesellschaft geformt werden können: Welche Eigenschaften, Fähigkeiten und Problemlagen bringt der Mensch von Geburt an mit?Wie entfalten sich die Beziehungen, in die er eingebunden ist?Wie gestaltet sich das individuelle, jeweils einmalige Leben? Wie kann er beeinflusst, aufgeklärt, aber auchmanipuliert werden, indem seine Schwächen ausgenutzt werden? DieKulturwissenschaften ebensowie die Psychoanalyse unddie Soziologie haben daraufAntworten, in denen sich dieConditio humana zwischenTriebschicksalen und Sozialgeschichte entfaltet, zwischen Begabungen, Schwächen und Zufällen. Im Verlauf der Entwicklung entscheidet sich in einer Verbindung von dem, was uns von Geburt an mitgegeben ist und dem Erworbenen, wie wir werden. Wir wissen, wie unterschiedlich die Ergebnisse sind. Dabei gibt es Konstellationen, die sich für uns alle ergeben, die man Grundkonflikte nennen kann. Dazu gehört die Neigung, Egenes nicht bei sich selbst, sondern beim anderen wahrzunehmen, was in der Psychoanalyse Projektion genannt wird. Girard (2002 [1999]) hat 5 Satan ist gelandet 59 diese Theorie des Sündenbock-Mechanismus als ubiquitär wirksam angesehen. Ein weiterer Grundkonflikt besteht neben diesemVerlagern von eigenem psychischen Material nach außen im mimetischen Begehren, also im Neid auf das, was unser Nächster besitzt und kann, was uns drängt, es sich selbst anzueignen und ihmwegzunehmen. DerWunsch nach Sicherheit, aber auch der Drang, besser als andere sein zu wollen, führt zu der Neigung, seine Irrtümer zu lieben und daher nicht von ihnen ablassen zu wollen. Diese Variante des individuellen Narzissmus gehört ebenfalls in diese mimetische Reihe. So haben wir es mit beständigen Belastungen des Kulturmenschen zu tun, die geeignet sind, das Zusammenlaben zu stören. In der Sprache der Religionen hat man dieses Verhalten als Sünden bezeichnet, wohl wissend oder wenigstens ahnend, dass hier Störenfriede amWerke sind, gegen die Gegenmittel eingesetzt werden müssen. Jedoch sind die Einzelnen, auch wenn sie diese Grundkonflikte, zu denen man auch noch den Ödipuskonfliktzählen muss, lösen und überwinden können, davon in unterschiedlichem Ausmaß beeinträchtigt. Wir wissen heute, dass dafür sowohl psychologische und soziale Bedingungen für einen ausreichend guten Start ins Leben als auch komplizierende Belastungen ausschlaggebend sind. Es gibt zum Beispiel die nach dem ZweitenWeltkrieg noch sensationellen Erkenntnisse derDeprivationsforschung, wonach emotional unterversorgte Säuglinge ein stark erhöhtes Sterberisiko tragen. Es gibt die Trauma-Forschung, die bleibende psychische Verwundungen aufgrund früher Traumatisierung nachweist. Es gibt aber auchMöglichkeiten vonKompensation und Erkenntnisse über die hohe Bedeutung der Entwicklung einer ausgeglichenen Gefühlswelt für die psychische Gesundheit (vgl. z.B. Spitz, 1965). Daneben existieren viele weitere relevante Ergebnisse der Erforschung derUmstände frühkindlicher Entwicklung, zumBeispiel die wichtige Rolle von Bezugspersonen für einenMenschen, die Bindungen, die basale Sicherheit erfahren lassen, damit der Mensch dieMöglichkeit hat, Vertrauen zu entwickeln, die Grenzen anderer und die eigenen zu erkennen und anzuerkennen, ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen der Durchsetzung eigener Wünsche und demRespekt vor dem anderen alsMitmenschen zu finden usw.Die Liste ließe sich noch sehrweit fortsetzen. All das erlaubt festzustellen, auch wenn noch viele Fragen offenbleiben, dass wir zumindest teilweise Auskunft darüber geben können, unter welchen Bedingungen eine Existenz als gelungen betrachtet werden kann und welche Rolle die Gemeinschaft, in die jemand eingebettet ist, dabei spielt, inwiefern ein Mensch zu einem zufriedenstellenden Leben findet und warum er im moralischen Sinne »gut« oder »schlecht« wird, wobei die »Guten« in der Regel die Konformen und die »Bösen« die Regelverletzer sind, zumindest bis die Regeln selbst für ih- 5 Satan ist gelandet 60 re Anwender so viel Leid verursachen, dass ihre Einhaltung nicht mehr tragbar empfunden wird. Eine solche Vermischung von Moral und Pragmatismus kann sehr sinnvoll sein, denn sie führt eine Art rehabilitatives Prinzip in das Denken ein, das mit Ursachen und daraus resultierenden Veränderungen rechnet und auf analytisches Verstehen setzt, sowohl im Bereich des Rechts als auch in dem der Religion. Es ist schon erstaunlich, wie viel Psychologie aus dieser Perspektive in religiösen Inhalten auftaucht. Freilich ist das nicht auf den ersten Blick erkennbar, weil die christliche, kirchliche Nomenklatur vieles verdreht, verstellt, moralisiert, dogmatisiert. Die Begriffe Glaube, Hoffnung und Liebe, die aus religiöser Sicht als Tugenden betrachtet werden, klingen verstaubt und moralisierend, aber ein Entwicklungspsychologe oderPsychoanalytiker kann sichdenpsychischen Inhaltendieser Begriffe sofort anschließen, wenn er sie in seine Sprache übersetzt, wohl wissend, dass damit basale Kategorien der psychischen Entwicklung angesprochen sind. Überzeugend hat die Psychoanalytikerin und Philosophin Julia Kristeva (2014) dargelegt, wie wichtig es für einenMenschen ist, an etwas glauben zu können, für sein Leben wesentliche Inhalte zu suchen und zu finden und dass man dazu nicht aus sich selbst heraus in der Lage ist, sondern dafür durchaus auch auf Interaktionen mit anderen angewiesen ist, die Orientierung vermitteln. Das bedeutet ja nicht, dass die anderen dogmatischeGewalt ausübenmüssen oder sollen, sondern dass sie zu Kraft und Sicherheit verhelfen können. Ähnlich ist es mit der Hoffnung, einem positiven Gefühl, das in schwierigen Situationen die Erwartung nährt, dass es eine wie auch immer geartete Lösung gibt. Gewiss kann man auch auf Lösungen hoffen, die von außen kommen, aber im Erwachsenenalter noch daran zu glauben, dass es übernatürlicheMächte gibt, die uns lenken, uns aus der Patsche helfen oder uns im gegenteiligen Fall ins Unglück stoßen, ist im Grunde genommen albern. Um die Hoffnung zu behalten, braucht es auch keinenGlauben an ein ewiges oder über den Tod hinausgehendes Leben.MancheHoffnung geht leider nicht in Erfüllung, aber derjenige, der nicht hoffen kann, trägt von daher schon ein größeres Risiko, ein trauriges Leben zu führen als diejenigen, die selbst in äußerst schwierigen Situationen zuversichtlich bleiben und besser durchhalten. In diesem Zusammenhang möchte ich auch noch ein paar Worte zur Liebe äußern. Diese oft beschworene Kardinaltugend der Christen bezeichnet ein Bedürfnis, dass alle Menschen spüren. Man benötigt das Wort »Tugend« nicht, um die Wichtigkeit der Liebe zu beschreiben. Wir alle wollen geliebt werden und wir alle wollen lieben. Aber Liebe steht als Gefühl und Bedürfnis in einem komplizierten Verhältnis zu Egoismen und zur Selbstsucht. Ist daher der Gedan- 5 Satan ist gelandet 61 ke nicht sehr weise, dass man seinen Nächsten so lieben soll wie sich selbst (vgl. 3 Mose 19,18), was heißen kann, nicht mehr und nicht weniger? Problematisch wird es, wenn das als Forderung daherkommt. Damit kann – salopp gesagt – alles verdorben werden. Ein so schwieriges Gleichgewicht in seiner Gefühlswelt zu erreichen ist – wie wir wissen – eher eine lebenslange Pflicht, die man, wennman sie einmal für sich angenommen hat, immer wieder aufs Neue erarbeitenmuss. Dabei helfen kluge Bibelsprüche nicht. Auch wenn sich in solchen Bibelsprüchen, und in vielen anderen Schriften und Sprüchen, einiges an psychologischer und kultureller Weisheit angesammelt hat, versagt die Kirche heute in ihrer Vermittlung. In der Vergangenheit, als die Macht der Kirche noch größer war und auchUnwissenheit, Naivität undUnreife des größten Teils des sogenannten»Gottesvolkes« größer waren, mag das anders gewesen sein. Wenn heute immer weniger Menschen durch Bibelworte und religiöse Inhalte hinter ihren Smartphones hervorgelockt werden können, erleben wir vieltausendfach, dass »gut gemeint« nicht »gut« ist. Es stimmt zu vieles von dem nicht mehr, was die Kirche vermitteln will. Es ist für denkende Menschen in der heutigen Zeit eher einWitz, wie der Teufel dargestellt wird, als dass sie die Bedeutung dessen spüren, was auf kultureller Ebene dahintersteckt. Dass Kinder solchen Unsinn noch eher glauben, führt schlimmstenfalls dazu, dass sie mittels Angst manipuliert und psychisch fixiert werden. Dabei steckt zum Beispiel in den alten Mythen, auch in den christlichen, viel Substanz, die freilich – sozusagen modern – aufbereitet werden muss. Es ist das Verdienst von so gewaltigen, in ihrer apodiktischen Einseitigkeit schon fast gewalttätigen Autoren wie René Girard, daran zu erinnern, was kulturelle Essentials von Religion waren und vielleicht noch sein können. Es wäre unsere Aufgabe, dem eine der Situation des Menschen im 21. Jahrhundert gemäße Gestalt zu geben. Daraus folgt: Es gibt keine Erbsünde in dem Sinne, wie es den Christen 2.000 Jahre lang eingebläut wurde. Man richtet mehr Schaden an, wenn man den Begriff beibehält und damit weiter so verfährt, wie es gängige Praxis ist. Kaum jemand kann heute mit der »Erbsünde« noch etwas anfangen, man fühlt sich eher davon abgestoßen. Es gibt aber eine angeborene Neigung aller, teils stärker, teils schwächer ausgeprägt, die menschliche Fähigkeit zur Destruktion auszuleben, deren Ausgestaltung kulturellen Regeln unterliegen soll, damit die Menschen diese Kräfte kontrollieren lernen können. Man weiß auch inzwischen einiges über die Entwicklung der individuellen Aggression. Beispielsweise zeigt die Kleinkindforschung, dass zwischen dem zweiten und dem vierten Lebensjahr die Destruktivität am stärksten ausgeprägt ist, wenngleich die Kinder zu dieser Zeit noch wenig in der Lage sind, damit objektive Schäden anzurichten. 5 Satan ist gelandet 62 6 Das Böse in der Kunst Nachdem wir uns auf verschiedenen Ebenen mit dem Thema befasst haben, möchte ich nun zeigen, wie Teufel, Engel und Gott in der Kunst wiedergegeben werden. Für alles, wasMenschen sich einfallen lassen, suchen sie auch eine künstlerische Ausdrucksweise, um das ihnen Wesentliche in einem Bild, einem Text, einer Skulptur, in Klängen oder mit anderen Mitteln ihrer Kunstdarzustellen – auch den Teufel. Wunderbar gestaltet wird in der Kunst seit jeher das Schöne, Anmutige, Vergnügliche, Begehrenswerte, Reizvolle, aber auch Dämonen, böse Geister, schrecklicheGestalten und angsterregendeUngeheuer, wobei imAbendland zurDarstellung des Bösen besonders gerne vomTeufel und seiner Entourage Gebrauch gemacht wird. Der Teufel wird fantasievoll gestaltet und auch oft in der Volkskunst und im Brauchtum verwendet, zum Beispiel in den Alpenländern als eindrucksvolle Figur des Krampus, der AnfangDezember zusammenmit dem Nikolaus die Familien und Kinder besucht. Während der Nikolaus die braven Kinder beschenkt, werden die unartigen vom Krampus bestraft. Als kleiner Bub erlebte ich inWien, dass der Krampus am Nikolaustag an die Wohnungstüren kam und prüfte, ob die Kinder das Jahr über brav gewesen waren oder ob er sie im gegenteiligen Falle in einen Sack stecken undmitnehmenmusste. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass dies für kleine Kinder eine mit Angst besetzte Situation war. Der Krampus konnte in schwarzen Kleidern an die Türe klopfen, sozusagen als Sinnbild schwarzer Pädagogik, oder auch im feuerroten Mantel, wie ein Vorbote derHölle. So verbreitete er auf naheliegendeWeise Angst und Schrecken. Auf ein Kind, das noch zu klein ist, um den verkleideten Erwachsenen zu erkennen, wirkt diese Figur sehr beängstigend, aber auch faszinierend. Die Erinnerung an dieses Erlebnis mag einer der Gründe dafür gewesen sein, dass es mir der Teufel als Sinnbild der Fähigkeit zur Negation, zur Nichtung, zur Übertretung, zur bösen Tat besonders angetan hat. Solche Figuren machen neugierig, wie andere unheimliche und rätselhafte Erscheinungen auch, und das ängstigt, ob es sich dabei um Einbildung handelt oder nicht. Das spielt für ein kleines Kind noch keine Rolle. Dass es sich beim Krampus inWahrheit um einen verkleideten Nachbarn gehandelt hatte, musste ich erst noch lernen. Damit war und bin ich gewiss nicht alleine, denn sowohl die jeweiligen Kinderwelten als 63 auch die Darstellungen von Geschichte, Religion und Kultur in der Kunst, die großartig für die Erwachsenen gestaltet werden, sind prallvoll mit Bildern von Teufeln und bösen Geistern, die uns in ihren Bann ziehen, indem sie unsere Seelen an so mancher Stelle zum Klingen bringen und wir uns auch als Erwachsene noch berührt fühlen – mögen wir »Ach Unsinn!« denken oder nicht. Georges Bataille (2004) vertritt eineAmbivalenz vonAbscheu undBegehren, indem er behauptet, es gebe keinen Abscheu, in welchem er nicht die Spur eines Begehrens (Verlangens) entdecken kann. Das Abstoßende stößt nicht nur ab, es bannt und zieht auch den Beobachter an, der damit zum Teilhaber, zum Komplizen wird, dessen Unbewusstes jedes Mal angestoßen wird durch solche zwar unsinnigen, irrealen und rätselhaften, aber doch sehr ansprechenden Bilder und Gedanken. Bis heute faszinieren Gemälde, Romane und Filme in ihrer Zwiespältigkeit, wobei eine Auswahl aufgrund ihrer großen Zahl beliebig bleiben muss. Die hier dargestellten Beispiele für dieses Faszinosum mögen die Leserschaft dazu ermutigen, selbst mit Lust und Engagement weitere Exempel für die Kraft der Fantasie zusammenzutragen. Im Kloster Monte Oliveto Maggiore südlich von Siena in der Toskana befinden sich Fresken des Malers Giovanni Antonio Bassi, genannt Sodoma, aus dem angehenden 16. Jahrhundert zur Vita des heiligen Benedikt. Eines davon stellt die Versuchung Benedikts und deren Überwindung dar. Um die Bedeutung solcher Bilder sachkundig zu beschreiben, soll die Kunsthistorikerin Martina Medolago (2011) zuWort kommen: »Während seiner Einsamkeit wurde Benedikt durch verschiedeneVersuchungen geprüft. So wurde er beim Beten von einem schwarzen Vogel gestört, den er durch das Zeigen des Kreuzes verschwinden ließ. Sobald aber der Vogel weg war, wurde Benedikt von einer sinnlichenVersuchung erfasst, die er nochnie erlebt hatte.Umdiese zu überwinden, zog er sich aus undwarf sich in einDorngebüsch. […] [D]ieVerbindung zwischen der inneren Versuchung und dem äußeren Schmerz […] [setzt] Sodoma durch eine Simultandarstellungbildlichum[…].Links sitztBenedikt vor einigenFelsen; das geschlossene Buch weist darauf hin, dass er beim Beten von dem schwarzen Vogel gestört wurde, der fliegend vor den Felsen zu sehen ist. Rechts sieht man Benedikt, der sich demHimmel zuwendet, nachdem er sich fast nackt (erträgt noch die Unterhosen) in das Gebüsch geworfen hat. Sein Leib ist von Kratzern undWunden gezeichnet. Die zwei unterschiedlichen Benediktsdarstellungen sind im Bild durch die auf dem Boden liegende Kukulle getrennt, die Benedikt ausgezogen hat, um sich in die Dornen zu werfen. Der Charakter der Versuchung wurde vomKünstler durch die Darstellung einer leicht gekleideten, weiblichen, sich Benedikt zuwendenden Fi- 6 Das Böse in der Kunst 64 gur verkörpert, die im oberen Bildabschnitt durch den Erzengel Michael vertrieben wird. Seine Sündhaftigkeit ist durch die Hörnchen und die Flügel zu erkennen. Die Simultandarstellung Sodomas basiert auf der von Spinello Aretino in Florenz, die jedochdetaillierter ist […]. Spinello fügt nämlichdas Porträt vombetenden Benedikt links im Bild hinzu; die mittlere Szene zeigt Benedikt und den Vogel. Das Bildfeld ist in diesem Fall nicht vertikal geteilt, sondern diagonal. So sind die zwei bereits geschilderten Momente im oberen Abschnitt dargestellt, während im unteren Abschnitt der komplett nackte Benedikt imGebüsch zu sehen ist. Sodoma gibt aber den büßenden Benedikt im Gebüsch mit mehr Monumentalität wieder, obwohl er die traditionelle Komposition nicht verändert. Die Tatsache, dass diese beiden Zyklen der Szene ein eigenes Bildfeld widmen, und dass die Zyklen in der Badia Passignano und der Badia Fiorentina […] dieses Ereignis mit ähnlicher Prominenz darstellen, zeugt davon, dass sie und ihre Bedeutung dem Benediktinerorden sehr wichtig war« (ebd., S. 32f.). Der Kunsthistoriker Daniel Arasse (2012) ergänzt, dass es sich bei dem Vogel um eine Amsel handelt, was die Bedeutung des Vornamens »Merla« ist, einer Frau, die Benedikt in seinem weltlichen Leben begehrt hatte. Durch seinen Sprung in die Dornen ohne Kleider trieb er sich die Begierde aus. Dadurch wird verständlicher, warum er durch den Vogel von der Meditation abgelenkt und anschließend von sexuellerBegierde gepacktwurde.Wemwäre das in seinerLagenicht ebenso ergangen? Heute benötigtemankeinenTeufelmehr, umdiesen asketischenGewaltakt verstehen zu können, der Benedikt auf dem von ihm als imperativ eingeschätzten Pfad derTugend bleiben ließ.Dass es besser war, frommzumeditieren als sich sinnlichen Gedanken hinzugeben, ist wohl eine typisch christliche Definition davon, was gut und böse bzw. richtig und falsch ist. Aber man musste zu jener Zeit Gott und seine Erzengel Luzifer und Michael bemühen, um den psychischen Kräften Gestalt zu geben, die hier wirksamwaren. Arasse bemerkt dazu: »Der Christ steht täglich vor einer Entscheidung, bei der dieNiederlage des Teufels allein von seinemWillen abhängt; jeden Tag sieht sich der Christ wie Herkules am Scheideweg« (ebd., S. 21). Zuvor stellt er fest, dass der Mensch vor der Wahl stehe, »für die er voll und ganz selbst verantwortlich ist: entweder der temptatiodiaboli (der Versuchung durch den Teufel) zu erliegen oder der bona inspiratio angeli (der guten Eingebung des Engels) zu folgen« (ebd., S. 19 [kursiveHervorheb. imOrig.]).Demnach kann jederChrist den Teufel besiegen, indem er ihn durchGlauben undGebete in die Flucht schlägt. Das Bild des »Teufelsungeheuers«, einer zusammengesetzten Figur, diente dazu, etwas darzustellen, das zwar existent war, aber vom Protagonisten des Bildes nicht erkannt werden konnte, sondern nur vom Betrachter, der damit zur 6 Das Böse in der Kunst 65 Vorsicht gemahnt wurde: Der Teufel ist überall. Dabei ging es darum, ein Bild für den Feind zu entwerfen, der besiegt werden konnte, wenn man die Gemeinschaft der Erwählten nicht verließ.Wie leicht jedoch war der Pfad der Tugend zu verlassen! Jene Gestalten, denen auf den Bildern der Teufel so nahe kam, waren also hochgradig gefährdet, und dieMenschen sollten das sehen können, um selbst vergleichbaren Versuchungen zu entgehen. Die ganze Thematik der Verführung durch den biblischen und christlichen Teufel wird erst dann plausibler, wenn man sie mit dem Mythos des Sündenfalls und der Entstehung von Gut und Böse verknüpft. Zwar wurde die alttestamentarische »alte Schlange« auch als Verursacherin der Erbsünde angesehen, aber die »Erfindung« des Teufels im christlichen Verständnis taucht erst im neuen Testament griffig und substanziell auf und der Teufel wurde schließlich im Johannesevangelium als Herr der Welt inthronisiert. Dabei sind die Kategorien von Gut und Böse natürlich keine Schöpfung des Christentums. Im Alten Testament kann man sich über die »alte Schlange«, die schon in der Genesis eine wichtige Rolle gespielt hat, und über das Wirken des Teufels im Buch Hiob ein Bild machen. Des Teufels großen Zuwachs an Macht und Bedeutung, den zum Beispiel Johannes, Lukas und Markus beschreiben, lässt sich deren Evangelien, also dem NeuenTestament entnehmen.Hier tritt der Teufel definitiv alsHerr derWelt auf, als eine die Menschen ständig bedrohende Gefahr, die nur durch den Glauben und durch die Gestaltung des eigenen Lebens im Sinne Christi zu bezwingen ist. In Teufel, Satan, Luzifer. Zur Universalgeschichte des Bösen (1999) beschreibt beispielsweise GeraldMessadié (1999), wie die jeweils führenden Ideen von zeitbedingten Einflüssen abhängig sind und dass somit das Teufelsbild selbst in die jeweils aktuellen Leitgedanken eingepasst war. Es wird deutlich, dass es den Menschen in früheren Jahrhunderten durchaus sehr ernst mit dem Teufel und dem Bösen war und dass die Kirche eine Definitionsmacht beanspruchte, die in unserer Zeit – zumindest im legalen Sinne – gebrochen ist. Es gibt keine Scheiterhaufen mehr, das Kirchenrecht ist nicht justiziabel, aber bei unseren Nachbarn wird für den Glauben wenn auch nicht verbrannt, dann aber schon wieder geköpft. Was kommt da aus fremden Ländern und vergangenen Jahrhunderten zu uns herüber und was davon kommtwie an?Die gegenwärtige radikale religiös-politische Einstellung ist erschreckend, daneigenwir selbstwieder zumVerteufeln jener anachronistischenBarbaren. DasHistorische bedrängt uns nicht direkt, da kannman sich schon eher Befremden oder gar Belustigung leisten. So ist es mir zunächst auch mit den Teufeln und Teufelchen auf den Gemälden ergangen. Aber dabei sollte es nicht bleiben. Manchmal ist es gut, ein Thema etwas ruhen zu lassen, dann stellen sich mit der Zeit Einfälle und Verknüpfungen her, die sich inzwischen im Unbewussten gebildet haben. 6 Das Böse in der Kunst 66 Dementsprechend wandelten sich meine Empfindungen in den folgenden Monaten zu einem gedanklich-gefühlshaften Ertrag, der schwer inWorte zu fassen ist. Zunächst gingenmir die kleinen grünenMännchen immer wieder einmal durch den Kopf. Hoffentlich war ich nicht selbst schon besessen. Ein griechischer Kollege hatte mir einst erzählt, dass sich in seiner ländlichen Heimat alte Männer oft ganz konkret darüber unterhielten, dass einGeist desWeges gekommen sei. Für sie sei das »business as usual«.Was sollte überhauptdieseObsession?Washatte esmitmeinem neuen Spleen, dem Teufel, auf sich? »Unheimlich, anachronistisch, überflüssig«, so lauteten die Kommentare.Warum, zumTeufel, muss es denn der Teufel sein? Oft weiß man zunächst selbst nicht, warum einen etwas beschäftigt, aber ich blieb dem Spleen treu. Warum Menschen in alten Zeiten überhaupt an solchen abergläubischen Überzeugungen festhielten, ist nur scheinbar leichter zugänglich, denn wir tun es auch heute noch, gegen jegliche Vernunft: wie die alten Männer in Griechenland, Politiker, dieWahrsager befragen, Wissenschaftler, die anAstrologie glauben usw.DasmagischeDenken, so nenne ich das imGeiste SigmundFreuds, bleibt beimehr oderweniger jedemüber die gesamte Lebensspanne sowie durch die Zeiten und Völker hindurch erhalten. Sich davon komplett freizumachen gelingt auch dem Aufgeklärten kaum. Auch müsste der Wert oder Nutzen einer solchen Abkehr erörtert werden: Ist es überhaupt möglich, ist es sinnvoll? Und vor allem, was steckt in dem Aberglauben, das ihm auf irgendeine Weise Sinn gibt bzw. für die einzelnen Abergläubischen einenWert haben muss, angesichts solcher Konstanz seines Auftretens? Und im selben Zusammenhang liegt es dann nahe zu fragen, wie es mit dem religiösen Glauben steht, der so viele Menschen auf die eine oder andereWeise umtreibt. Darum kreisten meine Überlegungen – das ist gewiss ein weites Feld für das Nachdenken. Teufel und Dämonen halten sich in einem nicht zu ergründenden Kosmos auf, denGöttern darin nicht unähnlich, in dem alles möglich sein soll.Wir wissen von der Welt zwar einiges, aber doch nicht viel mehr, als dass sie insgesamt für unsere kurze Lebensspanne unergründlich bleibenwird, womit wir uns wohl oder übel abfinden müssen, was gewiss unbefriedigend ist und bleiben wird. Unsere Fantasie kann uns aber immer wieder aufs Neue überraschen und uns ungeahnte Räume erschließen.Welten, die von allen nur denkbarenGestalten bevölkert werden, wo Raum, Ort und Zeit sich auflösen können, wo das Nebeneinander von Unvereinbaremmöglich ist, kennen wir aus unseren Träumen, die uns zwar überraschen, derenWelt uns aber selbst in ihrer Fremdheit nicht unvertraut ist. Freud hat das als einen der seelischen Funktionsmodi bezeichnet, den Primärprozess. Dort gilt: anything goes! Nirgendwo sonst gibt es das, es sei denn, man bemüht einen metaphysischen Bereich des sogenannten Außer- und Übersinnlichen. 6 Das Böse in der Kunst 67 Jedoch auch sich selbst als religiös verstehendeDenker, wie der PhilosophGianni Vattimo, überschreiten die traditionelle Metaphysik zugunsten eines offenen Denkens jenseits von Metaphysik und Physik. Richard Rorty und Gianni Vattimo (2009) führten eine Diskussion, die dem aufgeklärten Menschen Wege aus dem Dogmatismus öffnet. Der Diskurs um den religiösen Glauben ist philosophisch kompliziert, geht über das allgemeinsprachliche Verständnis von Glauben hinaus und hat jahrhundertelang die Diskussionen bestimmt. Zu Zeiten der Metaphysik und des Essenzialismus stellte sich der Glaube als Gewissheit dar: nicht nur als einfachesGlauben, sondern als eine FormdesWissens, nämlich desWissens von sogenannten Glaubenstatsachen, die Absolutheit beanspruchten, verbundenmit dem alles bestimmenden Gefühl, im Besitzt von absoluter Wahrheit zu sein. Das sind Überzeugungen, gegen die heute noch keinKraut gewachsen ist, denn als solche gelten sie als gesichert; und zwar nicht durchVernunft, sonderndurchdenKanon eines Glaubens, der von scheinbar über alle Zweifel erhabenen, zuverlässigenQuellen vermittelt wird. Dieses Phänomen beschränkt sich nicht nur auf den Teufelsglauben. Abbildung 1: Darstellung des Teufels aus dem legendenumwobenen Codex Gigas (ca. 1245). Dieser gilt mit seinen Maßen von ca. 92 x 50 x 22 cm und einem Gewicht von ca. 75 kg als das größte handgeschriebene Buch der Welt. Ihm wurden magische Kräfte zugeschrieben. Heute wird es in der Königlichen Bibliothek in Stockholm aufbewahrt. 6 Das Böse in der Kunst 68 Abbildung 2: Die Hölle, Florenz, 13. Jahrhundert, San Giovanni, Baptisterium, Kuppelmosaik. Der Menschen verschlingende Teufel gibt den Sündern eine Vorstellung davon, was sie nach dem Tod erwartet. Abbildung3: Martin Schongauer,Versuchung des Antonius, 1470–1475. Die Versuchungen, denen auch der Sittsamste ausgesetzt ist, bearbeitete der Künstler mit viel Liebe zum Detail. 6 Das Böse in der Kunst 69 Abbildung 4: Michelangelo, Versuchung des Antonius. Kaum weniger strengen sich die Teufel bei Michelangelo an, den geplagten Antonius zu verführen. Abbildung 5: Altarbild des Maestro de Arguis (ca. 1440) (Ausschnitt). Auch eine Waage konnte als Folterinstrument für den verlorenen Sünder dienen. Abbildung 6: Il Sodoma (Giovanni Antonio Bazzi) (1477–1549), Leben des hl. Benedikt, Szene 13. Auch im Leben des hl. Benedikt war der Teufel eine ständige Bedrohung der Standhaftigkeit im Glauben. 6 Das Böse in der Kunst 70 Abbildung 7: Pieter Bruegel der Ältere, Sturz der rebellierenden Engel, 1562. Damit die Rebellion der gefallenen Engel letztlich vergeblich blieb, mussten die himmlischen Mächte die siegreichen bleiben. Das Paradies durfte nur auf regulärem Weg erreichbar sein, und den bestimmte (bis heute) eine Kirche. Abbildung 8: Krampus mit Kind, Postkarte Nummer542derWienerWerkstätte, anonymer Künstler, um 1911. Die Proportionen mussten auch beim Krampus, Angst-Inhalt für so manche Kinderseele, stimmen, damit der Effekt der Erregung von Angst erhalten blieb. 6 Das Böse in der Kunst 71 Abbildung 9: Soga Shōhaku, Blauer oni, Detail einer Darstellung der Legende des Knaben vom Schneeberg. Dämonen und Geister sind auch in asiatischen Kulturkreisen nicht unvertraut und dem Teufel recht ähnlich. (Sekizandōji) Oni gelten in Japan als Geister, sind von menschenähnlicher Gestalt, tragen jedoch Hörner, raubtierartige Zähne und Krallen. Abbildung 10: Thangkas sind Rollbilder des tantrischen Buddhismus, hier mit der Darstellung der Göttin Vajrabhairava (um 1740). Sie stellen oft göttliche, gefährliche wie den Menschen wohlgesinnte Wesen dar. Sie werden zur Meditation in Tempeln oder Hausaltären und bei Prozessionen mitgeführt. 6 Das Böse in der Kunst 72 7 Mephistopheles in der Literatur Dass der Teufel als Sinnbild des Bösen inMärchen und Sagen, in der Religionmit apodiktischem Gestus, in der Alltagssprache spielerisch zusammen mit seinem Wohnort, der Hölle, nach wie vor fasziniert und immer noch von Generation zu Generation in Kultur und Kunst weitergereicht wird, wird die Leserschaft nun nicht mehr überraschen. Mit einer gewissen Distanz kann man geradezu lustvoll davon Gebrauch machen. Daher hat die uralte Figur des Teufels, die auch kulturelle Grenzen überschreitet, eine nachwie vor hohe Präsenz selbst in den Idiomen des Alltags. Auch in diesem Sinne ist Satan eher sanft bei uns gelandet. Er hat seinen Platz ebenso in der Literatur, der bildenden und darstellenden Kunst wie auch in Sagen und Märchen. Zumindest den Erwachsenen muss er keine Angst mehr machen, es sei denn, er wird als Figur des Horror-Genres benutzt, oder ein christlicher TV-Prediger versucht ihn krampfhaft wiederzubeleben, um seine Botschaft aufzupeppen. Im Märchen wurde er sogar mit Familienanschluss ausgestattet, zum Beispiel von Jakob und Wilhelm Grimm in Der Teufel und seine Großmutter (1857), dieMeyers GroßemKonversations-Lexikon (1909, S. 445) zufolge als weibliche Begleiterin des Teufels vorkam. In Deutschland wurde uns der Teufel besonders in Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil von JohannWolfgang Goethe (2014 [1808]) mit so viel Kunstfertigkeit, Lust und auch mit Erfolg ans Herz gelegt, dass das Stück als größte deutsche Dichtung gilt: Mephistopheles, den kennen wir doch alle! Mephisto ist uns vertraut als verführerisch fördernder Gegenspieler des rastlosen Dr. Faustus, der einen Pakt mit ihm eingegangen war, um der Welt ihre Geheimnisse zu entreißen. In der Literatur hinterließ der Stoff ab 1587, damals anonymvon dem Buchdrucker Johann Spies alsHistoria von D. Johann Fausten veröffentlicht, seine Spuren. Diese Geschichte beruhte auf einer historischen Figur, einem fahrenden Alchimisten und Wahrsager, der allerlei Zauber vollbracht haben sollte und schließlich im Kerker endete. Sie wurde in verschiedenen Versionen verfasst und diente zunächst als Lehrstück, indem sie mit der Moral versehen wurde, dass es dem Menschen nicht gut bekomme, wenn er in seinem Wissensdurst durch kirchliche und weltliche Herrschaft gegebene Grenzen überschreite, wozu ihn der Teufel verführen wolle. Ewige Verdammnis sei die Strafe, befand die Kirche, 73 die damals in der beginnenden Neuzeit eine Gefahr für ihre bisherige Ordnung sah. Gewiss steckt im Teufelsglauben als Aberglauben der Einfältigen viel Unverstand, aber bei den Dichtern ist das Thema mit viel Erkenntnisvermögen in den kunstvollenDramen über den Teufelspakt undmit vielWissen um die Seelen der Menschen aufgenommen und verarbeitet worden. Der Stoff blieb durchaus populär, wie aus seiner erfolgreichen Verwendung in den folgenden Jahrhunderten ersichtlich ist, zum Beispiel der Oper Faust von Charles Gounod (1859) oder dem Roman Doktor Faustus. Das Leben des deutschenTonsetzers AdrianLeverkühn, erzählt von einemFreunde vonThomasMann (1947). Manch andere Versuche sind Fragmente geblieben. Mehr als 200 Jahre später als die Historia von D. Johann Fausten, nämlich im Jahr 1808, erschien Goethes Faust als zweibändige Tragödie. Wer über keine weitergehenden Informationen verfügt, für den ist das Stück des Dichterfürsten »unser« Faust. Goethes, des Aufklärers, Interpretation des Themas hebt sich freilich von der früh-neuzeitlichen Moritat ab, indem sie dem »Faustischen« eine positive Konnotation verleiht. Faust strebte und irrte, aber im letzten Moment seines Lebens darf er zumAugenblick endlich sagen: »Verweile doch, du bist so schön!« (Goethe, 1963 [1832], Z. 11582) und wird dennoch nicht des Teufels Beute, obwohl er ja eigentlich seinen Teil des Pakts gebrochen hatte. Auch sein Gretchen hatte am Ende des ersten Teils als eine für den Himmel knapp Gerettete sterben können. Mit der Wahl dieser optimistischen Ausgänge der beiden Teile seiner Tragödie nutzte Goethe eine theologische Variante der Interpretation der Bedeutung von Teufel und Hölle, die von einem der frühen Kirchenväter aus dem dritten Jahrhundert namens Origines (185–254 n. Chr.) stammte und bald verworfen worden war. Danach sollte selbst der Teufel am Ende Erlösung finden können. Der Bekanntheitsgrad von Faust und Mephisto als seinem Gegenspieler ist beeindruckend. Im Intelligenztest mit einemMinderbegabten mit einem IQ von unter 60 kam wie aus der Pistole geschossen die Antwort »der Goethe« auf die Frage, wer den Faust geschrieben habe. So wird Mephisto heute mehr als Alter Ego und Gegenspieler des Faust in der faszinierenden Tragödie verstanden denn als derjenige, der uns mit ewigen Höllenqualen droht, vor dem wir alle Angst haben und uns bewahrenmüssen, also als der wahre Leibhaftige, der uns vernichtet, wenn wir vom Pfad der Tugend abweichen. Vermutlich ist die Form, in die Goethe seine Faust-Tragödie gegossen hat, heute immernochDeutschlands bekanntestesTheaterstück,weil es einen schwierigen Stoff aufnimmt, der tiefe seelische Schichten anregt, aber gleichzeitig mit neuzeitlicher Distanz zu antiken und mittelalterlichen Schreckensbildern den 7 Mephistopheles in der Literatur 74 modernenMenschen Faust zu seinem Triumph des Strebens nach Erkenntnis gelangen lässt ist: »Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, Der täglich sie erobern muß« (ebd., 1963 [1832], Z. 11575f.). So mag die Beschäftigung mit Goethes Faust sich gut zu einer beispielhaften Bearbeitung der Thematik eignen, die aus moderner Distanz zu Teufelsglauben und anderem Aberglauben dem Phänomen zu Leibe rücken will, dass das magische Denken, in dem dieWelt voller Geister, Gespenster und Teufel ist, einerseits durchWissenschaft undAufklärung in die Schmutzecke der bildungsfernen Spinnereien gekehrt wurde, andererseits jedoch zäh und schwer auszurotten ist. In fast jedemMenschen steckt noch Aberglaube, was sich in unzähligen kleinen Szenen beobachten lässt: Wenn die schwarze Katze über die Straße läuft, wenn man im Hotel ein Zimmer mit der Nummer 13bekommt (wenn sie überhaupt in dem Haus vergeben wurde), wenn man an einem Freitag dem 13. eines Monats etwas Wichtiges entscheiden soll oder in Bekreuzigungen (kleinen Exorzismen), die Gläubige vor schwierigen Aufgaben vollziehen, wie zu Beginn eines Fußballspiels usw. Mephistopheles und seine Freunde stecken in all den unzähligen Geistern, Dämonen und anderen luziferischen Gestalten, die per Definition jedes Erscheinungsbild annehmen können. Sie können uns das Leben schwer machen, wenn und sofern wir an sie glauben. Gute Geister gibt es auch, sie sind imChristentum (im Gegensatz zu anderen Religionen) im Übrigen klar von den Bösen getrennt: Engel und Heilige, die, direkt in das weltliche Geschehen eingreifend, aus dem Jenseits Gutes für uns tun – aber natürlich auch nur, wennwir an sie glauben, zum Beispiel an den in der Alltagssprache verbreiteten und beliebten Schutzengel. Hier stellt sich die Frage: Wer glaubt denn heute noch an den Teufel? Niemand? Da sollte man sich nicht sicher sein. Laut einer aktuellen repräsentativen Umfrage der ZeitschriftDer Spiegel (2019) glauben noch 26 Prozent der Befragten an die Existenz des Teufels. Schließlich ist der real existierende Teufel nach wie vor fester Bestandteil des Glaubenskanons der katholischen Kirche. Wenngleich der aufgeklärte Protestantismus den Teufel als Wesen zurückweist und ihn nur noch als Symbol für das Böse gelten lässt, sieht das bei den Freikirchen, den Evangelikalen, den Pfingstlern, den Adventisten und ähnlichen Gruppen anders aus. Hier ist er noch so leibhaftig, wie man ihn mit einem seiner vielen Ehrennamen bezeichnet: »der Leibhaftige«. Auch im orthodoxen Christentum existiert er. Im Islam gibt es Shaitans, deren Anführer Iblis ist. Sie alle sind Dschinns, das 7 Mephistopheles in der Literatur 75 heißt gefallene Geister oder Dämonen. Ein muslimischer Londoner Taxifahrer zeigte sich im Frühjahr 2014 hocherfreut, als sein Gast sich aufgeschlossen für seine Auffassung erwies, dass es Dschinns tatsächlich gebe und dass sie überall in der Welt anzutreffen sein könnten. Sie waren für diesen Mann so real wie das Brot, das er kauft und dieGeister könnten imLaden sein, wenn er einkaufen geht. Der Teufels- und Geisterglauben ist eine gängige Erfahrung auch für christlich erzogene Kinder, wenn er ihnen früh eingeimpft wird. Er wird mit dem Konkretismus kindlicher Erfahrungen aufgenommen und bleibt selbstverständlich, und das umso länger, je stärker die Kinder zuvor in ihrem Aberglauben durch die Erwachsenen bestärkt wurden. Letzteres dürfte für viele Leser zutreffen. Es sei doch so schön für dieKinder, wenn sie das glaubten,wird argumentiert, zumBeispiel an das Christkind. InWahrheit ist es schön für die Eltern, wenn die Kinder glauben, wenn sie sich als ebenso manipulierbar erweisen wie man es selbst zumindest als Kind gewesen ist. Nun mag es ja dem kindlichen Denken entsprechen, Wunder, Geister, Engel, Teufel usw. für existent zu halten, aber es kommt einer Fixierung an diese Phase gleich, wenn die Eltern so tun, als ob sie diesenGlauben teilten. Sie schaffen damit bei den Kindern eine seelische Eintrittspforte für den Aberglauben, über den wir von Gotthold Ephraim Lessing aus seinem Nathan der Weise (2000 [1779]) lernen können, dass es nicht so leicht ist, ihn wieder loszuwerden: »Der Aberglaub’, in dem wir aufgewachsen, Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum Doch seine Macht nicht über uns. – Es sind Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten« (ebd., S. 109, 4. Aufzug, 4. Auftritt). Der symbolisch gemeinte und auch so verstandene Teufel ist weniger beängstigend als der, welcher hinter der nächsten Mauer lauern kann, um uns zu holen. Aber als Kinder haben doch alle an den Teufel, den schwarzenMann, den Krampus oder ähnliche Figuren, die ihnen eingeredet worden waren, geglaubt, und es ist immer noch gängige Praxis, Kindern Angst machende Geschichten zu erzählen, deren Unsinnigkeit diese noch nicht erkennen können. Deshalb und weil sie von der emotionalen Wucht des Vortrags und des Inhalts mitgerissen werden, reagieren sie ängstlich. Der Teufel als Charakter eines Theaterstücks stimmt fast vergnüglich, weil das Schauspiel gleichzeitig die Identifizierung mit und die Distanzierung von der Figur hervorruft. Damit das gelingt, muss das Kind aber die Hilfe von Erwachsenen erhalten, die ihm das Fiktive, das Gespielte, nahebringen und erläutern, was Kinder meist erst ab dem vierten bis fünften Lebensjahr zu verstehen in der Lage sind. 7 Mephistopheles in der Literatur 76 Es ist eine Kulturleistung, dass uns der Teufel heue nicht mehr so vertraut ist wie zum Beispiel im Mittelalter, wo es noch hieß, dass er (als Inkubus) Geschlechtsverkehr mit Hexen hatte (mit dem Erguss von Samen, den er zuvor Männern als Sukkubus geraubt hatte). Zu derartigen Geständnissen wurden überwiegend Frauen gezwungen, zuweilen aber auch Männer, die sehr oft während der peinlichen Befragung ihre Schuld einräumten, was in der Regel ihren Tod bedeutete. Aber auch heute ist der Teufel vielen Menschen überall auf der Welt noch nahe. Die Jesiden beispielsweise, die als »Teufelsanbeter« oft verfolgt werden, sprechen den Namen »Shaitan« nicht aus, weil das als Zweifel an der Allmacht Gottes gelten würde. Auch im Christentum gab es lange Zeit eine Scheu, den Teufel beim Namen zu nennen, damit er nicht am Ende doch noch kam und einen holte. Darum nannte man ihn »Gottseibeiuns«, den Herrn der Fliegen oder Sankt Velten. An die Wand malen durfte man ihn auch nicht, denn vielleicht wurde er dann lebendig und sprang aus der Zeichnung heraus. Und dennoch: Die Aufgeklärten sollen nicht in Hybris verfallen, denn wie oft stellt sich auch bei ihnen der Gedanke ein, dass es hoffentlich kein Unglück bedeutet, wenn die schwarze Katze von links nach rechts vor einem über die Straße läuft, oder war es doch von rechts nach links? Und wer freut sich nicht, wenn er ein vierblättriges Kleeblatt findet? Auch im Aberglauben wenig sattelfeste Rationalisten lässt solches nicht ganz kalt. Das ist ein Zeichen dafür, dass weder Wissen noch Nichtwissen vor latentem Aberglauben schützen. Da auch wir sogenannten »Aufgeklärten« noch Aberglauben in uns haben, vielfach in Form von Relikten und Überformungen von Kinderglauben, verfügt jeder Mensch selbst über die Schlüssel zu seinem Verständnis. Wir müssten sie nur benutzen. Dazu gehört Offenheit und die Bereitschaft zur Selbsterkenntnis, was uns wiederumGotthold Ephraim Lessing nahebringt: »Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen Für den erträglichern zu halten« (ebd., S. 109, 4. Aufzug, 4. Auftritt). Die Geschichte des Mannes, der den Pakt mit dem Teufel schloss, hat mehr als sechs Jahrzehnte das Leben Goethes begleitet. Faust und Mephisto gehen darin, was bereits eine Interpretation ist, Fausts Lebensweg gemeinsam durch Leidenschaften und Leiden bis zum Ende. Am Anfang steht eine Wette des Teufels mit Gott: Er wird es schaffen, Faust auf denWeg der Sünde zu führen. Goethe hatte keine Probleme damit, den Teufel bei einem seiner Namen zu nennen: »Mephistopheles«. Er ließ Mephisto mit Gott wetten und als menschlich-übermenschlichen Partner mit Faust sein Spiel treiben und er ließ die beiden 7 Mephistopheles in der Literatur 77 in dramatischen Szenarien auftreten, viele Register des Diabolischen ziehend, damit Gott dem Teufel am Ende doch noch den Bissen, den dieser schon auf der Gabel zu haben meinte, wegschnappen kann. Der betrogene Teufel, auch das ist ein beliebtes Motiv, das Goethe hier aufnahm, beschwert sich am Ende: »Doch leider hat man jetzt so viele Mittel, Dem Teufel Seelen zu entziehn« (Goethe, 1963 [1832], Z. 11614f.). Anfangs sah die Sache noch gut für den Teufel aus: »Mephistopheles. Was wettet ihr? Den sollt Ihr noch verlieren! Wenn ihr mir die Erlaubnis gebt, Ihn meine Straße sacht zu führen. Der Herr. Solang er auf der Erde lebt, So lange sei dir’s nicht verboten. Es irrt der Mensch, solang er strebt« (ebd., Z. 312–318). Also macht sich Mephisto auf, Fausts Seele zu stehlen. Der macht es dem Teufel nicht schwer. Am Anfang der Begegnung von Mephisto und Faust taucht ein Pudel auf. »Das also war des Pudels Kern!« (ebd., Z. 1323) lässt Goethe seinen Faust ausrufen, als dieser bemerkt, dass sich in demTier einDämonverbirgt: Es ist Mephisto höchstpersönlich, der sich ihm da beim Spaziergang angeschlossen hat. Der kennt Faust bereits als jemanden, der, unzufrieden mit seinem allzu menschlichen Schicksal, das ihn als ein in seinen Möglichkeiten begrenztes Wesen auf die Erde gesetzt hat, durch Allmachtsversprechen verführbar ist. Der Faust-Stoff ist für uns so interessant geblieben, weil er in Goethes Version dem Menschen der Aufklärung, der Fragen stellt und sich nicht mit den Antworten aus dem gängigen Wissensfundus oder der Obrigkeiten zufriedengibt, Raum verschafft und ihm am Ende eine Chance bietet, sein rastloses Leben nicht in ewigen Höllenqualen enden zu lassen. Dabei macht sich Faust, immer mit Mephistos Hilfe, einigeMale schuldig. Im ersten Teil der Tragödie verführt er Gretchen, die später das gemeinsame Kind tötet, ihre Mutter wird vergiftet, ihr Bruder im Duell getötet. Im zweiten Teil gehen Philemon und Baucis zugrunde, die sich als greises Paar der Zwangsumsiedelung durch Faust widersetzen wollen und deshalb umgebracht werden. Das hätte für die Verurteilung zu ewiger Höllenstrafe reichen können, aber Goethe lässt Faust diesem Schicksal entkommen. Er folgt damit einer Auslegung der Bedeutung des Teufels, die in der Kirchengeschichte schon im dritten Jahrhundert von Origines (wie bereits erwähnt) formuliert worden war. 7 Mephistopheles in der Literatur 78 Ewige Strafen kannte dieser Theologe nicht. Er war der Überzeugung, dass selbst der Teufel am Ende erlöst würde. Diese als »Apokatastasis panton« bezeichnete Lehre war immerhin bis ins sechste Jahrhundert anerkannt, bis sie auf dem zweiten Konzil von Konstantinopel (553 n.Chr.) verworfen wurde. Mephistopheles ist dabei ein Teufel, der sich als Herr des Reichs des Bösen als »Strafanstalt für die Verdammten und Angstapparat für die Lebenden« (Breuer, 1999, S. 80) versteht, der aber in Goethes Version im Gegensatz zu den Erzählungen seiner Vorgänger nicht zum Zuge kommt, weil Gott in seiner Funktion als Herr des Teufels das nicht will. Somit ist Goethes Mephisto in letzter Konsequenz ein entmachteter Teufel, ganz egal, wie sehr er auch während des Dramas seine Fähigkeiten ausspielt. Er passt auf diese Weise gut zum Geist der Aufklärung und auch gut zum Theaterpublikum, zu dem zu Beginn des ersten Teils der Theaterdirektor sagt: »Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus. Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; Und jeder geht zufrieden aus demHaus« (Goethe, 1963 [1832], Z. 96–98). Das klingt nach einem Spiel, auch wenn der Stoff insgesamt alles andere als seicht ist. Als aufgeklärter Mensch war man jedoch auch schon zu Goethes Zeiten eher Theaterpublikum als Mitspieler, als der sich der mittelalterliche Mensch noch empfand, und konnte daher zu der angsterregenden Aufführung Distanz schaffen. SeinenTiefgang erhält der Faust-Stoff dadurch, dass er als modernerMythos, wie er zum Beispiel von dem Literaturwissenschaftler Dieter Breuer (1999) bezeichnet wurde, den Menschen der Neuzeit in seinem Zwiespalt zwischen der erleuchtenden Suche nach Erkenntnis und der verbliebenen Angst vor den Dämonen des Dunkels zeigt. Die Faust-Sage soll erst in der Neuzeit, das heißt im 16. Jahrhundert, entstanden sein und enthielt alsMythos Verweise auf unbewusste Konflikt-Konstellationen. Erkennbar ist hier leicht der Kampf zwischen den Kräften des Guten und des Bösen, der Widerspruch zwischen psychischen Primär- und Sekundärprozessen, das emotionaleDrängen danach, dieWelt in richtig und falsch aufzuteilen und sich selbst dort zu positionieren, wo es gut und richtig ist. Den Rest sollen die Hunde beißen! Die Stimme des Intellekts sei leise, meinte Sigmund Freud inDie Zukunft einer Illusion (1927c, S. 377), aber sie werde sich am Ende durchsetzen. Zweifel an Letzterem seien erlaubt. Wenn die Stimmen der Vernunft nicht unterlegt sind von basalen guten Gefühlen, haben sie es schwer, beim Einzelnen ebenso wie bei der großenMehrheit. Da wir in unserer psychischen Entwicklung Phasen durchlaufen, die magisch, 7 Mephistopheles in der Literatur 79 mythisch oder paralogisch sind und die davon begleitet werden, dass wir gefühlsmäßige Bindungen eingehen, die wir als die wichtigstenMotive erfahren und die nicht derVernunft entspringen, bleibenwir lebenslang affin für die aus den frühen Zeiten der Entwicklung stammendenFormendesDenkens.Deshalb bleiben auch die Vertreter westlicher Kulturen trotz Neuzeit, trotz Aufklärung, im Denken und Handeln dem Archaischen, dem vor-wissenschaftlichen, dem vor-logischen noch so nahe, dass es uns im Einzelfall kaum gelingt zu trennen, wo die menschlichenAntworten auf existenzielle Fragen imaginär sind, wo sie mehr oder weniger beliebig, zufällig und damit variabel sind, wo sie Phantasmen produzieren undwo sie die Wirklichkeit so zuverlässig erfassen, dass sie einen Erkenntnisgewinn bieten und Infragestellungen standhalten. Der Faustische Konflikt ist der Moderne immanent, was zum Beispiel täglich in der Differenz zwischen der Evolutionstheorie und der Schöpfungsgeschichte der Bibel nachzuvollziehen ist. Solange wir als Kinder zuerst mit den biblischen Geschichten vertraut gemacht werden, die wir glauben sollen, und die somit mehr Möglichkeiten bekommen, uns zu prägen, haben diese die besserenChancen auf emotionale Verankerung in unserer Psyche. In diesem Sinnemacht es uns auch der Teufel leichter, ihn für bareMünze zu nehmen, das heißt seine Existenz törichterweise nicht zu bezweifeln. 7 Mephistopheles in der Literatur 80 8 Post-faustisch Aufgeklärtes Viel weitergekommen sind wir Menschen seit Johann Wolfgang Goethes Zeiten nicht. Zwar wissen wir heute mehr, aber zivilisatorisch drehen die Menschen sich in drängender Vorwärtsbewegung nur langsam fast im Kreis. Das ist der Stand: Weltweit könnten diejenigen, die an Teufel, Geister oder Götter glauben, eher in der Überzahl sein; ebenso diejenigen, die der Überzeugung sind, über ein allein gültiges und nicht zu suspendierendes religiöses oder politisches Wissen zu verfügen, das ihnen die Dominanz gegenüber allen anderen beschert. Dabei spielt es keine Rolle, dass sich solche Einstellungen in sich selbst und gegenseitig grob widersprechen mögen. Wenn man die Geschichte des moralischen menschlichen Fortschritts schreibt, schrumpfen tausend Jahre zu einemTag und über lange ZeiträumemühsamerworbeneFreiheitenkönnen inderHitze totalitärerRechthaberei und Selbstüberschätzung rasch wieder für Generationen einschmelzen. Selbst die Erfahrungen desDrittenReichs unddesZweitenWeltkriegs scheinen alsWarnung nicht auszureichen, um die nächste menschliche Katastrophe nur als eine Frage der Zeit aussehen zu lassen. Errungenschaften gelebter Menschlichkeit und humanitären Fortschritts, wie zum Beispiel die Charta der Menschenrechte, die bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 in Paris verkündet worden ist, haben noch nicht den Beweis erbracht, dass sie, historisch gesehen, viel mehr sind als das, was sie bislang sind, nämlich eine Episode in der Geschichte der Kultur, magman auch noch so sehr wünschen, dass es anders wäre. In der Psyche jedes Menschen gibt es die konkretistischen Relikte des primärprozesshaftenDenkens, das die eigeneFantasie unddieAndersartigkeit der äußeren Realität nicht unterscheidet. In den letzten Jahren haben theoretische Konzepte, zum Beispiel die Theory of Mind (Alan M. Leslie), das Mentalisierungskonzept (Peter Fonagy,MaryTarget), die Bindungstheorie (JohnBowlby, JamesRobertson, Mary Ainsworth) oder das Prinzip der Affektregulierung (Jon G. Allen), die der Entwicklungspsychologie entstammen, Erklärungen dafür geliefert, unter welchen BedingungenMenschen ihre Fähigkeiten zum differenzierteren Denken über sich und andere entwickeln können, undwas dagegen spricht.Dabei kann etwa die Ethnopsychoanalyse klären, welche kulturellen und ethnischen Bedingungen solche Fähigkeiten zurMentalisierung fördern und welche sie hemmen, wobei vorstellbar 81 ist, dass eine Gesellschaft und Kultur mit verschiedenen Bereichen ihres Fundus anGrundlagen (z.B. in Religion,Wissenschaft, Politik,Militär, Kunst, Geschichte oder Philosophie) jeweils unterschiedlich verfährt, sodass inmanchen dieser Bereiche reflektierendes Denken gesellschaftlich gestattet wird und in anderen nicht. An eine selbstständige, außerhalb der Welt liegende Kraft, die das Böse zu uns bringt, glauben Menschen noch an vielen Orten auf der Erde. Daher gibt es Teufel, die in den Gedanken und Vorstellungen derjenigen, die den Schritt vom Konkreten zum Symbolischen nicht vollzogen haben, eine leibhaftig-konkrete Gestalt annehmen. Sie treten auf als substanzielle, höchstpersönliche Teufel und Dämonen, als die sie, aus der Perspektive der Religionsgeschichte betrachtet, ihr Wirken begonnen haben, bevor sie vom reifenden Verstand im Laufe der Jahrtausende, zumindest im aufgeklärten protestantischenChristentum, verdienterweise zum Symbol degradiert wurden. Ich möchte hier aufzeigen, auf welche Weise Gestalten wie Mephistopheles und seine Freunde, die Geister, Teufel, Dämonen, Zauberer und Heiligen, die bei uns Schadenszauber verursachen, aber auch den Zahnschmerz nehmen können usw., als Personen Substanz erhalten und wie sie uns teilweise erfolgreich das Denken verderben. Viele Menschen sind bereit, an deren Existenz zu glauben, ebenso wie an die Gespenster der Nacht, des Waldes, des Meeres usw. Diese werden als Personen, alsWesenheiten, konzipiert, als das real existierende Böse, imGegensatz zum real existierenden Guten, dessen Protagonisten bei den Christen Engel und Heilige usw. sind und dessen Höchstem man den Namen »Gott« gegeben hat. Der real existierende Böse ist etwas anderes und mehr als das real existierende Böse. Es gibt ihn auch heute noch – als einen Jemand, eine Person – für diejenigen, die an ihn glauben. Er tritt im Katholizismus nicht verstaubt, sondern in alter, fast unverbrauchter und bedrohlicher Frische auf. Theodor Lessing hat hierüber ein anderes Lied gesungen, auf das ich im 13. Kapitel noch eingehen werde, und das plausibel macht, warum an Teufel geglaubt wird: »Den Teufel aber gibt es wirklich,/denn der Teufel, der bist du!« (1924, S. 336). An der Gültigkeit dieser Formel besteht für mich kein Zweifel. Sie gilt für jeden, schließt aber leider ein, dass die Menschen das ihnen eigene Teuflische nicht wahrhaben wollen. Statt in sich selbst sehen sie überall sonst die Teufel: in ihren Mitmenschen, in bösen geisterhaften Gestalten. Sigmund Freud hat das Projektion genannt. Gewiss hat der kulturelle Fortschritt dazu geführt, dass die Menschen heutzutage Formen des Glaubens suchen, in denen für Dämonen kein Platz mehr ist, sozusagen einen aufgeklärten Glauben. Diese Suche mag teilweise erfolgreich sein, wenn man zum Beispiel bedenkt, dass namhafte Theologen wie Friedrich Schleiermacher (1995 [1820/1821]) den Glauben an einWesen wie den Teufel im 8 Post-faustisch Aufgeklärtes 82 19. Jahrhundert als intellektuelleZumutung verstanden,was der heutigen, vomProtestantismus vertretenen, Vorstellung nahekommt. Ob solche Ansichten weltweit betrachtet mehrheitsfähig sind oder nicht doch vielleicht in der Minderzahl oder ob die Stimmen überwiegen, die von der realen Existenz übernatürlicher Wesen überzeugt sind – auch heute noch –, ist eine interessante Frage. Die schwächelnde Aufklärung, die sich selbst permanent aufklären müsste und das oft nicht tut, die unter einem Rationalismus-Vorwurf leidet und keine guten Antworten auf viele wichtige, emotionale Bedürfnisse derMenschen findet, ist sie nicht überfordertmit der Verteidigung ihres Relativismus gegen scheinbar absolut gültige Welterklärungen undmit der Bemühung, sich und den anderen dieWelt dennoch glaubhaft und schlüssig zu erklären? Sindnicht derzeit weltweit Radikalismen verschiedenerCouleur zumindest populistisch-politisch auf dem Vormarsch. Fühlen sich nicht viele Menschen überfordert durch eine Kombination von populistischen Manipulationen mit dem Ziel der bewussten Zerstörung vonWahrheitskriterien? Man könnte meinen, der Teufel als Urheber aller Lügen hätte in Kooperation mit dem derzeitigen (2019) US-Präsidenten (und noch einigen seiner Geistesgenossen) seine Weltherrschaft bereits angetreten, wie es der Evangelist Johannes prophezeit hatte: »Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang und steht nicht in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er die Lüge redet, so redet er von seinem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge« (Joh 8,44). Politisch entscheidend ist oft in der Geschichte, auch wenn Freud das in Die Zukunft einer Illusion (1927c) anders prophezeit und gewiss auch erhofft hatte, dass sich der Intellekt am Ende durchsetzt. Doch leider sind tatsächlich wohl eher die Kriterien der Macht entscheidend als die des Intellekts. Man möchte es gerne als Postulat setzen, dass dieMenschheit auf einNiveau zusteuert, auf dem der Intellekt sich am Ende durchsetzt. Derzeit ist nicht zu erkennen, dass sich ein abwägendes, relativierendes Denken als so stark erweisen wird, dass Menschen dazu bereit sein werden, die Grenzen unseres Erkenntnisvermögens einzuräumen und auf grundsätzlichenSchwächenderErkenntnisfähigkeit zubestehen.Das aufgeklärteDenken erfordert Nachdenken und kann oft nicht überzeugen, wenn es mit kurzfristigen Lösungsangeboten beiMenschen konkurriert, derenBereitschaft zumNachdenken eingeschränkt ist und gleichzeitig die Verführbarkeit durch absolute und fundamentalistische Setzungenhoch. SowerdenkognitiveDissonanzen gerne verleugnet. Justin Kruger und David Dunning (1999) stellten in ihren Studien fest, dass mangelndeKompetenz nicht etwa zur Selbstkritik führt, sondern imGegenteil zur 8 Post-faustisch Aufgeklärtes 83 Selbstüberschätzung, was der sogenannte »Dunning-Kruger-Effekt« beschreibt. Menschen hätten die Tendenz, das eigene Können zu überschätzen, und zwar je mehr, desto geringer ihreKompetenz sei.Wenn jemand inkompetent sei, dannkönne er nicht wissen, dass er inkompetent sei. Wissenschaftliche Einsicht hingegen führe nicht zur Selbstüberhöhung, sondern zur Selbsterkenntnis.Weniger kompetente Personen neigten also dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen und überlegene Fähigkeiten bei anderen nicht zu erkennen. Wenn inkompetente Personen nun aber das Ausmaß ihrer eigenen Inkompetenz nicht erkennen könnten, hätten sie auch keinen Anreiz, durch Bildung oder Übung nicht nur ihre Kompetenz zu steigern, sondern auch zu lernen, sich und andere besser einzuschätzen. Dunning und Kruger zeigten, dass diejenigen, die schwache Leistungen erbringen, größere Selbstüberschätzung zeigen als diejenigenmit stärkeren Leistungen (ebd.). Bei solch deprimierenden Befunden wundert es nicht, dass es noch nichts genutzt hat, dass tatsächlich kompetente Denker wie der postmoderne Philosoph Gianni Vattimo (1997) sein »schwaches Denken« zum Programm gemacht hat, mit dem er der Begrenztheit von Wissen Rechnung zu tragen versucht. Vattimo, der als Kommunist und Christ zwei jeweils apodiktische und sich wechselseitig relativierende Absolutismen für sich verarbeitet hat, ist zu einer postmodern zu nennenden Art des Denkens gekommen, welche die absoluten Wahrheiten suspendiert. Er ist sozusagen Don Camillo und Peppone in einer Person und könnte einiges beisteuern zu der Klärung des Verhältnisses von Relativismus zu absolutistischenFormen.Dieser bekennendeChristVattimoverstehtdie christlicheBotschaft weniger als Verweis auf die Ewigkeit, sondern eher so, dass es Christus darauf ankam, die Menschen auf das Diesseitige zu verweisen: Im Hier und Jetzt findet das statt, was wir bewegen können undwas uns bewegt. Besinnt euch auf das Diesseits, nicht auf das Jenseits.Das istVattimosAussage inGlauben–Philosophieren (1997). Diese kurze Erörterung ist eine philosophische und gleichzeitig sehr persönliche Darstellung des Sinns religiöser Erfahrung. Vattimo transkribiert die Menschwerdung Christi als Säkularisierung eines göttlichen Prinzips. Er rückt das Gebot der Nächstenliebe nicht naiv und dogmatisch, sondern sanft, anarchisch und ironischdekonstruktiv, wie der Klappentext den Leser wissen lässt, in denMittelpunkt seiner Betrachtung. Er schwächt die Anmaßung von der Letztgültigkeit sogenannter realerGegebenheit ab.Mit der Formulierung derTranszendenzGottes sei gemeint, dass die Realität letztlich nicht erkennbar wird. So sind philosophische Denkmodelle durchaus vorhanden, welche die geistige Entwicklung mittels Hermeneutik und Pragmatismus auch jenseits von Fundamentalontologie und Szientismus ergiebig fortschreiben, wie dies zum Beispiel Richard Rorty und Gianni Vattimo in Die Zukunft der Religion (2009) gemeinsammit Santiago Zabala getan haben. 8 Post-faustisch Aufgeklärtes 84 9 Das Bedürfnis zu glauben imDiskurs Dieser Diskurs legt nahe, existenzielle Seinsfragen, die das menschliche Leben berühren, darunter sowohl die des Glaubens als auch die des Glaubens ohne religiösenKontext und religiöseDogmatik, zu betrachten. So kann»glauben« einen Eigenwert auch außerhalb von Religiosität erhalten. Einem solchen Eigenwert des bereits erwähnten Bedürfnisses zu glauben widmet die Philosophin, Literaturwissenschaftlerin undPsychoanalytikerin JuliaKristeva ihr tiefgründiges Buch Dieses unglaubliche Bedürfnis zu glauben (2014). Kristeva, die sich nicht als gläubige Christin versteht, hat sich mit diesem Bedürfnis zu glauben, das sie für eine menschliche Notwendigkeit hält, eingehend beschäftigt. Für ihre Thesen zitiert sie aus ihrer Sicht wichtige Verse aus dem Markusevangelium über den Glauben und die Verkündung des Christentums. Christus zeigt sich nach seiner Auferstehung vor seinen Jüngern und spricht zu ihnen: »Gehet hin in alleWelt und prediget das Evangelium aller Kreatur.Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden. Die Zeichen aber, die da folgen werden denen, die da glauben, sind die: in meinem Namen werden sie Teufel austreiben, mit neuen Zungen reden« (Mk 16,15–17). Diese Sätze hat derVolksmund parodiert zu»wer’s glaubt, wird selig«, was die ursprüngliche Aussage auf den Kopf stellt. Geht es im Evangelium mit tiefem Ernst um (wenigstens sogenannte) ewigenWahrheiten, heißt es hier:Wer so einfältig ist, etwas ganz und gar Unwahrscheinliches zu glauben, weil er seinen Verstand nicht nutzt, dem wird man auch die Seligkeit im Himmel versprechen können, weil er mit großer Naivität gesegnet ist und an die Vorgaben von Autoritäten glaubt. Auch im Zusammenhang mit dem Teufel geht es um den Glauben. An den Teufel zu glauben in dem Sinne, ihn als Herrn anzusehen, konnte früher das eigene Leben gefährden. Die Jesiden wurden dessen fälschlicherweise von Muslimen verdächtigt undwerden von ihren islamistischenGläubigen noch bis heute als ungläubige Teufelsanbeter angefeindet, gejagt und ermordet. Im Verlauf des Lebens wird man oft angehalten, an etwas zu glauben und mehr oder weniger peinlich 85 befragt oder gefragt, woran man glaubt: an Gott, an den Teufel, an Geister oder an Gespenster. Es entspricht dem kindlichenDenken, zum Beispiel an denWeihnachtsmann zu glauben, wenn dem Kind dessen Existenz von den Erwachsenen nahegelegt wird. Der kindliche Verstand ist noch zu schwach, um nicht an Geister oder andere fantastischeWesen zu glauben. In dieser Phase ist es für das Kind auch schwierig, sich selbstständig Alternativen zu dem, was ihm eingeredet wird, zu schaffen – und zweifeln ohne zu verzweifeln will gelernt sein. Für jeden Menschen wird unter unseren Bedingungen jedoch, wenn es um glauben und den Glauben geht, erkennbar, dass es verschiedene Arten zu glauben gibt, und vielleicht stellt man auch fest, warum das so ist. Man merkt, dass es verschiedene Weisen des Glaubens gibt, wobei sich die Frage stellt, ob nur ein »richtiger« Glaube vorstellbar ist und was falscher Glaube, Irrglaube und Aberglaube sein könnten. Wer definiert das, wer stellt das fest? Natürlich wird dabei auch die Differenz zwischen Glauben und Wissen angesprochen. Eine im Wissenschaftsbetrieb beliebte Formel lautet »früher glaubtenwir […], heute wissen wir«, wobei etwas historische Distanz von wenigen Jahren meist genügt, um nachverfolgen zu können, wie sich hier innerhalb kurzer Zeit Wissen in Irrtum verwandelt, ein Mechanismus, der sich oft ganz ähnlich im Bereich des Religiösen vollzogen hat, nur sagt man dort, dass sich Glaube in Aberglaube verwandelt, also richtiger Glaube in falschen Glauben. So wird heute in vielen relativ aufgeklärten Institutionen, zum Beispiel in der modernen protestantischen Kirche, die Auffassung vertreten, dass derGlaube an denTeufel einAberglaube sei, undwenn man vom Teufel spreche, er nur noch als ein Symbol verwendet werden solle und nicht als reale Persönlichkeit. Andernorts wird der Teufel jedoch bis heute als sehr lebendige, leibhaftige Person angesehen, und man ist davon überzeugt, dass er nach Schwefel stinkt. Er soll in einenMenschen fahren können, und der Exorzist glaubt, er könne sichmit ihm unterhalten. Als Symbol für das Böse ist der Teufel seit seiner Erfindung präsent, aber vieleMenschen glauben– oder sind noch heute davon überzeugt –, dass es sich bei ihm nicht nur um ein Bild handelt, sondern um ein tatsächlich existierendes Wesen. Dennoch wird auf diese Weise schlagartig die Zwiespältigkeit des Glaubens sichtbar: Menschliches Bedürfnis, quasi Lebenselixier oder gefährliche Naivität. Zweifellos kommt beides vor. Als menschliches Bedürfnis kann der Wert des Glaubens kaum hoch genug angesetzt werden. Um uns vertrauensvoll in einer Gesellschaft zu bewegen, benötigen wir Menschen und Sachverhalte, an die wir und die wir in dem Sinne glauben können, dass wir sie für subjektiv glaubhaft und wahrhaftig halten. Das gibt uns mit der Zeit, also im Laufe der persönlichen Entwicklung und Reifung, 9 Das Bedürfnis zu glauben im Diskurs 86 einerseits die Kraft und die nötige Sicherheit, um uns in der Welt selbstständig und flexibel zu bewegen. Andererseits kann man sich irren, sich täuschen, was Sachverhalte betrifft, und vonMenschen kann man enttäuscht werden, wodurch die persönliche Seite der Angelegenheit berührt wird: der Bereich der Gefühle, der während der gesamten hier geschilderten Vorgänge mitschwingt und oft den Ausschlag gibt. So öffnet sich zwischen dem Bedürfnis zu glauben, naiver Gutgläubigkeit, Destruktivität, Nihilismus und der realistischen und der Wahrhaftigkeit verpflichteten Haltung ein weites Feld. Zeit heilt nicht nur Wunden, sie ändert auch den Blick auf die Dinge. Historische Distanz trägt viel zur Klärung der eigenen Position bei. Betrachten wir beispielsweise den Hexenhammer. Malleus Maleficarum (2000 [1486]) des Dominikaner-Mönchs Heinrich Kramer, ein Werk, das Ende des 15. Jahrhunderts in vielen Auflagen erschien und zur Legitimation derHexenverfolgung wurde. Es trug maßgeblich dazu bei, dass viele Tausend unschuldige Menschen, meist Frauen (die als Hexen angeklagt und verurteilt wurden), umgebracht wurden. Heute vergegenwärtigen wir uns fassungslos, was die Menschen damals alles glaubten (im Sinne von »mit Gewissheit annehmen«) und was für die davon Überzeugten handlungsleitend wurde bzw. wie heute an anderen Orten der Welt dazu analoge Denkmodelle angewendet werden, in deren Namen zum Beispiel Albinos ermordet und ihre Organe zu magischen Zwecken verwendet werden. Der Teufel als Repräsentant des Bösen spielte und spielt eine feste Rolle bei diesen Schauspielen, zwar tauchte er nicht leibhaftig auf, aber er war ein notwendiger Bestandteil des diabolischen Spektakels der Hexenverbrennungen. Er war mehr als ein Requisit, denn er wurde systematisch als scheinbarer Akteur eingesetzt. Er sollte es nämlich sein, der hinter den verführten und verdorbenen Frauen steckte. Sie wurden so lange gefoltert, man nannte das »peinlich befragt«, bis sie gestanden, dass sie die Buhlschaft des Teufels gewesen waren, das heißt, dass sie realen Geschlechtsverkehr mit dem Teufel hatten. Heute klingt das absurd, aber für viele Menschen in der damaligen Zeit war das nicht weniger real als die Erkenntnis, dass aus Geschlechtsverkehr Schwangerschaften entstehen können. Die Bereitschaft, den armen Frauen zu glauben, wenn sie erst einmal gestanden hatten, war groß, und ihr Schicksal damit in der Regel besiegelt. Man sollte nicht übersehen, dass viele, eigentlich ganz vernünftige Menschen, auch heute noch abergläubisch sind und dass zur Unwissenheit weitere Faktoren hinzukommen, wenn Generationen vonMenschen in einer Kultur an den Teufel glauben. Die Ursachen dafür sind nur teilweise geklärt. Fragen wir nun in die umgekehrte Richtung, wie es denn dazu kam, dass wir heute nicht mehr glauben, dass es Hexen gibt, die Geschlechtsverkehr mit dem 9 Das Bedürfnis zu glauben im Diskurs 87 Teufel haben, fällt der Begriff der Aufklärung. Gott sei Dank, sagen wir, lassen wir uns nichtmehr so sehr von derDogmatik des Glaubens und der Rechthaberei der Macht leiten, sondern von der Vernunft. Zumindest bilden wir uns das ein. Wir sagen, nach allem, was wir wissen und wissen können, kann es keinen Teufel geben. Allerdings ist das, was mit »Vernunft« gemeint ist, oft nicht eindeutig definiert, daher herrscht darüber in vielen Fällen Uneinigkeit. Derjenige, der sich am Ende durchsetzt, besitzt nicht notwendigerweise die besten Argumenten, sondern häufig die meiste Macht. Der freiwillige Verzicht auf die Durchsetzung eigener Machtansprüche fällt schwer, nicht nur in religiösen Belangen, sondern beispielsweise auch oft genug in der Kindererziehung. Unsere Sprache ist, wie sollte es anders sein, durchsetzt mit religiösen Anspielungen und Inhalten, die auch den Teufel einschließen. Mit Vergnügen sagen wir gerne »Geh doch zum Teufel«, unterstellen im Scherz, dass jemand »mit dem Teufel im Bunde« sei, oder »mal’ nicht den Teufel an dieWand«. In unzähligen Redensarten wir er lebendig. Zwei Jahrtausende Christentum hinterlassen mehr als Spuren, nämlich eingefleischte Konstruktionen von Wirklichkeit. Schon in einem unverfänglichen Ausruf wie »Gott sei Dank« steckt ein religiöser Bezug, denn wir danken Gott, weil wir einen Grund dafür haben. Ein Christ kann auch durch abergläubische Überzeugung von der Wirksamkeit der Anrufung einer höherenMacht seine Zugehörigkeit zum»Gottesvolk« demonstrieren, zum Beispiel durch die Taufe oder das Sich-Bekreuzigen usw. In beiden Fällen wird damit exorziert, man denkt nur üblicherweise nicht daran. Dass es sich hierbei um Exorzismus handelt, dass diese Form von Magie funktioniert, dessen kann sich auch der Gläubige jedoch nicht sicher sein. Oft steckt der Teufel im Detail, sagt man gerne. Schon ein kurzer Blick in die Zeitungen offenbart, dass es auch heute mit der Vernunft nicht weit her sein kann. Dazu wenden wir uns, vielleicht nach einer Phase wohltuender historischer Distanz, wieder der Jetztzeit zu und – horribile dictu – am Ende schließlich auch noch uns selbst im Versuch aufrichtiger Befragung. Da mag es für viele naheliegen, auf allen möglichen Unsinn zu hoffen, den zu glauben das Seelenkostüm weniger strapaziert als ein Nachdenken, das am Ende auch noch schmerzen könnte. Dabei gibt es durchaus feinere Mittel der Erkenntnis, mit denenBetroffene sich von fragwürdigenVorstellungen, beispielsweise vom Teufelsglauben, lösen können. Gewiss ist auch das mit seelischer und geistiger Arbeit verbunden. Das Zauberwort dafür habe ich bereits genannt, es heißt »Aufklärung«; allerdings gibt es dabei einigeHaken, wie noch zu erläutern sein wird. Betrachtet man die Aufklärung kritisch, stellt sich schnell die Frage, ob ihr Programm nicht eine Rechnung ohne den Wirt enthält, das heißt, ob es 9 Das Bedürfnis zu glauben im Diskurs 88 nicht vor allem der Überschätzung dieses Mängelwesens Mensch und seiner Vernunftfähigkeit zuzuschreiben ist, wenn ihre Bemühungen scheitern. Fragen wir denMenschenkennerMephisto, den JohannWolfgangGoethe (2014 [1808)] im »Prolog im Himmel« im Dialog mit Gott sinnieren lässt, was vom Menschen und seiner Vernunftfähigkeit zu halten sei: »Der kleine Gott derWelt bleibt stets von gleichem Schlag Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag. Ein wenig besser würd er leben, Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben; Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein, Nur tierischer als jedes Tier zu sein« (ebd., Z. 281–286). Gewiss ist Aufklärung ein Begriff, ohne den die Moderne nicht denkbar ist. Wir verbinden damit vor allem Positives: Mündigkeit, Selbstständigkeit im Denken, Fortschritt, Rationalität, Distanzierung von Aberglauben, Objektivität, Überprüfbarkeit, gegebenenfalls die Widerlegung und Zurückweisung der Gültigkeit von Aussagen usw. Im Englischen kommt in Begriffen wie »enlightenment« (Erleuchtung) und »elucidation« (Erhellung) mehr der Aspekt des Lichts zur Geltung. Auch uns geht sprichwörtlich ein Licht auf, wenn wir etwas verstehen. In der Aufklärung geht es um das Licht der Erkenntnis. Wenn wir das erringen, handelt es sich um einen Vorgang selbstständigen Denkens.Wenigstens in einem letzten Schritt muss sich dazu im eigenen Verstand etwas zusammengefügt und damit geklärt haben, als ein kreativer Vorgang, eine gedankliche Schöpfung dieses »kleinen Gottes der Welt«, über den Mephisto sich lustig macht. Müsste nicht Gott, der demMenschen diesen »Schein desHimmelslichts« gegeben hat, letztlich die Verantwortung für das Unglück desMenschen tragen, der seine Vernunft am Ende doch nur für irrationale Zwecke einsetzen kann, mit denen er der Befriedigung seiner (niederen) Triebe näherkommt, weil Gott ihn erschaffen haben soll? Diese Anspielung auf die Theodizee kommt so locker formuliert daher, dass man nur schmunzelnd zustimmen kann. Mephistos Kritik kann mit hochmodernen Auffassungen Schritt halten, wie sie zum Beispiel der pointiert, scharf und provokativ argumentierende Humanismus- und Fortschrittskritiker John Gray (2015) etwa 200 Jahre später in Worte fasst. Gray hält den Glauben an den Wert der Aufklärung, an die Entwicklung derMenschheit zumBesseren, an gesellschaftlichen Fortschritt undHumanismus grundsätzlich für einen modernen Aberglauben, für eine dem christlichen Erlösungsgedanken entlehnte Wunschfantasie. Der Mensch ist und bleibt auch für 9 Das Bedürfnis zu glauben im Diskurs 89 ihn »stets vom gleichen Schlag«, nämlich ein Raubtier, das sich zudem maßlos überschätzt und das zwar in der Lage ist, Wissen anzuhäufen, dabei aber unfähig ist, aus Erfahrung zu lernen. Daher beruht aus seiner Sicht der den Menschen über den Rest der Welt überhöhende Humanismus auf einem Fehlschluss. Gesellschaftlicher Fortschritt stehe Gray zufolge auf sehr trügerischem Grund. Er schätze zum Beispiel Sigmund Freud, weil dieser darauf hingewiesen habe. Die destruktive Natur des Menschen offenbare sich paradigmatisch beim krisenhaften Zusammenbruch von Zivilisationen. Dennoch ist Gray selbst ein Aufklärer in dem Sinne, als er die Menschen anregt, sich ihrer Begrenztheit zu stellen und diese in den Focus zu nehmen, denn dazu dienten Religionen, deren verächtliche Behandlung durch den Rationalismus ungerechtfertigt sei. Dennoch vermag Gray keinen vorgegebenen Sinn des Lebens zu erkennen, wie er für Religionen feststeht, und er warnt vor Ideologien, die aus seiner Sicht grundsätzlich zu nichts Gutem führen können. An Freud bewundert er, dass dieser den Menschen als triebbestimmtes und irrationales Wesen konzipierte, das sich mittels der Kultur und Gesellschaft quasi vor sich selbst, also vor seiner Gewalttätigkeit und seinen triebhaften Begierden, schützt. Immerhin – muss man entgegenhalten – steckt doch in diesem Selbstschutz Einsicht, welche die Menschen in die Lage versetzt hat, sich zu Gruppen zusammenschließen, was ihnen das Überleben erleichtert hat oder sogar erst ermöglichte. Auf dieseWeise haben sie sozusagenNischen von Kultur in der Natur gebildet, wie es Arnold Gehlen (1956) formuliert hat. Aus Grays (2015) Sicht ist auch der dialektische Materialismus ein naiver Rationalismus, weil er ebenfalls einen utopischen Fortschrittsoptimismus enthält und einen wesentlichen kausalen Faktor, nämlich die Triebnatur im Menschen, nicht angemessen würdigt. Zwar ist der berühmte Satz von Karl Marx: »Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt« (1971 [1859], S. 9), in vielen Zusammenhängen plausibel, jedoch nicht in allen, denn auch Marx hatte bei der Formulierung des dialektischenMaterialismus eine Rechnung ohne denWirt gemacht, denn er hat das unbewusste Seelenleben desMenschen nicht berücksichtigt, das zwar vielfältig formbar ist, ethnisch und individuell variabel, aber doch als Seelenleben eine eigene, rational nicht zu bändigende, gestaltende Kraft darstellt. DerMensch als grundsätzlich irrationalesWesen, das sich als apokalyptischer Reiter in Richtung seines eigenen Untergangs fortbewegt, weil es seine Schwächen und Grenzen nicht sehen und anerkennen will und daher kaum in der Lage ist, praktikable Gedanken über seine Zukunft zu entwickeln, steht nun als eine Antithese zum fortschrittsoptimistischenPrinzip derAufklärung imRaum.Diese Position, die auch der Historiker Philipp Blom (2017) vertritt, blieb selbstver- 9 Das Bedürfnis zu glauben im Diskurs 90 ständlich nicht ohneWiderspruch, richtet Blom sich doch, auchwenn er weniger krass formuliert als Gray (2015), gegen das Zentrum des Aufklärungsgedankens. Dies möchten in nachvollziehbarer Weise diejenigen entkräften und nicht unwidersprochen lassen, welche die Aufklärung nicht aufgegeben wollen, die sie sozusagen nicht mit dem Bade der Rationalismuskritik ausschütten wollen. So reizt die Vorstellung des rettungslos lernunfähigenMenschen zur Gegenposition, prominent formuliert zum Beispiel von dem unerschütterlich fortschrittsoptimistischen Psychologen Steven Pinker (2011), der nachgewiesen haben will, dass die Menschheit, auch wenn sie immer noch blutige Schlachtfelder produziert, in Relation zu anderen Epochen noch nie so friedliche Zeiten erlebt hat wie heute und dass sie insgesamt zivilisierter und toleranter wird, oder des Historikers Rudger Bregman, der denMenschen als »im Grunde gut« einschätzt (2020). Gewiss, wir wissen seit Langem, dass der Donner nicht von Jahwe gemacht wird, dem alten Donnergott, aber vielen Erwachsenen sind Blitz und Donner immer noch unheimlich, genauso wie in ihrer Kindheit. Lässt sich die psychische Kraft eines solchen Relikts aus der Kinderzeit verändern? Es ist ja nachvollziehbar, dass die Kraft des Blitzes und das Getöse des Donners große Angst auslösen können, auchwenn sich später durch dasWissen umdiewahrenZusammenhänge und gemeinsam mit anderen psychischen Reifungsprozessen diese Angst verringern lässt. Dabei bleibt die Angst als Signalwirkung durch den Blitz im Prinzip sinnvoll, denn die Mittel gegen Blitze sind begrenzt und auch bei aller Vorsicht kann der Blitz Menschen erschlagen. Viele erhalten sich jedoch etwas von der alten Angst auch noch ins Erwachsenenalter; wir sagen dann, es bleibt davon etwas in der Seele hängen. Wir sprechen in solchen Fällen von einer verbliebenen psychischen Fixierung, einem von vielen dem klinisch arbeitenden Psychoanalytiker vertrauten Phänomenen und einem Beispiel für die Wirkungslosigkeit bzw. die zu schwacheWirkung von Verstandesarbeit, wenn es darum geht, Einfluss auf die Gefühlswelt zu nehmen. Auch tiefe religiöse Gefühlsbindungen verweisen auf Fixierungen, wobei diese vom Einzelnen als sehr erfüllend und bestätigend erlebt werden können. Psychische Fixierungen wirken wie ein Ankerplatz in der Seele, was als unverbrüchliche, rettende Sicherheit erlebt werden kann, wie dies zum Beispiel bewegend als Glaubensüberzeugung aus den Schriften Dietrich Bonhoeffers (2005 [1951]) hervorgeht. Im klinischen Alltag kennen wir freilich psychische Fixierungen als Hemmnis für mögliche Weiterentwicklung und Reifung, das auf einen ungelösten unbewussten Konflikt zurückgeht und das in der psychoanalytischen Arbeit aufgelöst werden soll. Angst mithilfe der Früchte der Erkenntnis abzuwenden ist zudem ein für die Demonstration des Wirkens von Prinzipien der Aufklärung problematisches 9 Das Bedürfnis zu glauben im Diskurs 91 Beispiel, denn, wie Kurt Eissler (1962) zu bedenken gab, es ist den Menschen meist das wichtigere Anliegen, Angst zu vermeiden, als ihre Quelle zu beseitigen. Es genügt in vielen Fällen, wenn das Angstsignal im Ergebnis verschwindet. Das heißt im Klartext: Die übliche Praxis ist, potenziell angsterregende Situationen zu vermeiden, zu ignorieren und so lange wegzusehen, bis das nicht mehr geht – wie etwa bei der Umweltzerstörung, was zu Zeiten von Eissler noch keine Thema war. Der Umgang mit der Angst ist also kaum als Beispiel für vernunftgeleitetes Handeln geeignet, womit wir wieder beim Irrationalen, in diesem Fall als Strategie, landen: Letztlich wird, um eine Lösung für eine Problemlage zu finden, alles ins Feld geführt, was den Menschen einfällt. Menschen sind nicht nur in ihren Handlungen und Entscheidungen weitgehend entbunden von ihren Instinkten, mittels derer Tiere Handlungsoptionen spontan wählen, sondern teilweise auch noch von einem Primat der Vernunft, also von dem Vorrang der Frage, welche konkreten Mittel einen unerwünschten Umstand abwehren oder einen erwünschten herbeiführen könnten. Dabei wissen wir, dass auch Tiere zu Denkoperationen fähig sind, wenn auch nicht in der Komplexität wieMenschen. Unsre innere Hierarchie von Antworten ist dennoch nur in Grenzen lösungsorientiert. Es ist wahrscheinlich, dass jeder Mensch für sich solche Hierarchien bildet, deren Praxis jedoch von verschiedenen Umständen abhängig ist: einmal werden sie von logischem Kalkül, ein anderes Mal von emotionalen Kräften gesteuert, wobei dies dem Protagonisten nicht bewusst sein muss. Es muss nicht eine bewusst auf fundierten Daten aufbauende Problemlösung am Horizont sichtbar werden; es gibt viele Menschen, die intuitiv handeln und für die rationalistische Erklärungen irrelevant sind. Doch nun zurück zum potenziell ängstigenden Donner: Es mündet in eine Frage des Glaubens, wie man sich dem Phänomen »Donner«, genauso wie auch anderen zunächst unerklärlichen Phänomenen, nähern will: mystisch, rational, furchtsam, hoffnungsvoll, gleichgültig usw., also mit den menschlichen Möglichkeiten des Verstandes und der Gefühle. Entweder man glaubt dabei, dass das Phänomen – und sei es irgendwann – einer nachvollziehbaren, vernünftigen, also fürMenschen verständlichen, Erklärung zugänglich sein wird, was einen Erwartungshorizont eröffnet, der kein Wunderglaube ist. Oder ein Mensch ist davon überzeugt, dass er von für sich und für andere letztlich unzugänglichen und in ihren Handlungsmöglichkeiten allmächtigen, überweltlichen Kräften bestimmt wird. Man kann diesen Kräften moralische Prinzipien unterstellen und zum Beispiel einen Blitzschlag als göttliche Strafe auffassen, was sie potenziell durch eigenes Verhalten beeinflussbarmacht, allerdings in einemmagischenRahmen. Um noch für die Möglichkeit einer eigenen, mit eigenen Verstandeskräften 9 Das Bedürfnis zu glauben im Diskurs 92 erarbeiteten Erklärung offen zu bleiben, muss man Zuversicht haben und in der Lage sein, viel innerpsychische Spannung auszuhalten, was erleichtert wird, wenn es auch noch andere gibt, die ebenfalls diese Vorstellungen vertreten, wenn es sich also um ethnisch geteilte Vorstellungen handelt. Das ist zumindest in gewissen gesellschaftlichen Schichten in den westlichen Demokratien dort der Fall, wo Menschen sich in Bezug auf die Abwehr von Aberglauben einig sind. Steht man mit seiner Vorstellung hingegen mehr oder weniger alleine, erfordert das große individuelle Stärke. Wunderglaube ist in naiven, kindlich gebliebenen Gemütern präsent. Das lässt bereits Rückschlüsse zu über die Herkunft von oder das Beharren auf magischem Denken. Es verweist auf die Kindheit als die magische Zeit, »in der das Wünschen noch geholfen hat«, wie es bei den Brüdern Grimm (1857) im Märchen vom Froschkönigheißt, als die Zeit großer Gefühlsbewegungen und begrenzter Mittel des Verstehens und der selbstständigen Verwendung der Logik. In gewisser Weise reimt sich jeder Mensch seineWelt zusammen, solange er lebt. Jedoch wird man beim Erwerb der Mittel, dem Zusammengereimten Kohärenz und Sinn zu verleihen, mit den Jahren sicherer und die Urteilsfähigkeit nimmt zu, ebenso wie die Geduld, die Spannungstoleranz und die Erfahrung. Wunschdenken, Wunderglaube und Aberglaube kann es natürlich immer geben, diese stets und beliebig einsetzbare Form der Gedankentätigkeit passt überall hin und erfordert weniger Spannungstoleranz. Wird dieses Mittel eingesetzt, erweitert sich damit sofort der Horizont möglicher Erklärungen ins Unendliche. Die Zuverlässigkeit der Vorhersage, wo und wann Wunder gewirkt habensollen, geht dabei freilich gegen Null, denn es ist doch ein Merkmal von Wundern, dass sie zusammenmit ihrem Schöpfer unergründlich sind. Aber vielleicht lassen sich die Götter beeinflussen und sich gnädig stimmen durch gefälliges Verhalten – und alles wird doch noch gut. »Während der Aletschgletscher imOberwallis für die Einwohner der GomserOrtschaft Fiesch während einigen hundert JahrenGefahr brachte, wären sie heute froh, wenn der Gletscher, das Weltnaturerbe und damit als Sehenswürdigkeit in aller Welt bekannt, wieder etwas anwachsen würde. Während die Fiescher früher Jahr für Jahr für die Gletscherschmelze beteten, dürfen sie nun mit päpstlichem Segen für dasWachstum des Gletschers beten« (Tages-Anzeiger, 2012). Während die Fiescher früher Angst vor dem Gletscher hatten, dessen Gefährlichkeit im Laufe seines Schrumpfungsprozesses mit der Zeit abnahm, bangen sie heute um seine Attraktion für die Touristen und um die Urlauber, deren Strom 9 Das Bedürfnis zu glauben im Diskurs 93 auch schrumpfen und schließlich ausbleiben könnte. Beten hilft bekanntlich in allen Lebenslagen. Auch die sogenannten Cargo-Kulte, die als oberflächliche, einfache Nachahmungen der technisch überlegenen US-Amerikaner durch zum Beispiel native (eingeborene) Einwohner von Melanesien in der Hoffnung auf Erfolge im 20. Jahrhundert entstanden, nachdemdieUS-ArmeedasAbwerfen vonFrachtgut auf den Inseln wieder eingestellt hatte, sind gute Beispiele für solche hoffnungsvollen, aber kurzschlüssigen und sinnlosen Aktionen. Die Melanesier bauten auf ihren InselnFlugzeug-LandepistenundVorratsräume, trugenKopfhörer ausHolz und ahmten die Bewegungen von Flugzeuglotsen nach, um durch diese symbolischen Ersatzhandlungen die »Götter« dazu zu bringen, mit ihren Flugzeugen zurückzukommen (Rice, 1974). Die Inselbewohner, die das taten, hatten sicher kein Intelligenz-Defizit, es fehlte ihnen aber an Übersicht, Bildung und Wissen. Die Fiescher hätten mehr Möglichkeiten, sich von ihrem Prozessions-Unsinn zu distanzieren, und vermutlich tun das auch einige. Wir wissen jedoch nicht, ob wir in den vielen anderen komplizierten Einzelfällen, mit denen wir es zu tun haben, jeweils die erforderliche Bildung, das Wissen, die Geduld, um nachzudenken und schließlich den Mut zum erfolgversprechenden Handeln aufweisen oder ob wir im gegenteiligen Fall über die Einsicht verfügen, dass unsere Handlungsmöglichkeiten keinen Erfolg versprechen. Solche Situationen, repräsentiert wie »Orte« in der Psyche, werden auch heute noch leicht zu Eintrittspforten für magisches Denken. Auch die Vorstellung, es sei dem Menschen grundsätzlich möglich, alles, was die Welt und das All beinhalten, zu verstehen, kann magisch sein. Vielleicht ist das Gehirn des Menschen mit seinem Volumen von etwa 1,2 Litern schlicht zu klein, um alles verstehen zu können, was das Universum zu bieten hat. Aber der wissenschaftlich denkende Mensch, der merkt, dass wir derzeit mit dem, was wir wissen können, noch lange nicht am Ende sind und dass wir die Grenze des Wissens noch nicht erreicht haben, wird weitermachen und mehr wissen wollen – und wir können nicht wissen, was uns an Verständnismöglichkeiten noch gegeben ist. Wilfred Bion (1990) hat wohl nicht zu Unrecht das Wissen-Wollen, das er als Kraft mit »K« wie »knowledge« bezeichnete, auf eine Stufe mit den beiden anderen großen menschlichen Antrieben, Liebe und Hass (»L« und »H«), gestellt. Für den Einzelnen wird es immer mehr als genug geben, was er wissen möchte. Und schließlich hat Bions »knowledge« tatsächlich einen Befriedigungscharakter, was jeder weiß, wenn er merkt, dass er etwas verstanden hat. Ich halte es eher für unwahrscheinlich, dass der gesamte Fortschrittsglaube nichts als magisches Denken ist, wie Gray (2015) meint, der zum Beispiel jegli- 9 Das Bedürfnis zu glauben im Diskurs 94 chen zivilisatorischen Fortschritt im Sinne des Humanismus bezweifelt, ebenso wie die relative Verringerung kriegerischer Auseinandersetzungen im Laufe der Entwicklung der Zivilisationen.Was den Grad des erreichtenWissen und die Fähigkeit zummoralischenHandeln (auchwenndieBereitschaft dafür zuwünschen übrig lassenmag) betrifft, dürfte dieMenschheit etwa in der letzten einenMillion Jahren seit ihrer Entstehung schon ein wenig weitergekommen sein. Beschädigt ist der aufgeklärte Humanismus jedoch allemal, wenn er in dem vorherrschenden rationalistischenMenschenbildwesentlicheMotivationszusammenhänge des Menschlichen ignoriert. Wir sehen doch täglich, wie weltweit Irrationalität an Raum gewinnt und wie Menschen sich gedanklichenWelten verschreiben, deren hauptsächlich emotionaleMotive zu handgreiflichen und buchstäblich schlagenden Argumenten werden. Dabei können sich Konflikte bis zu einem Ausmaß steigern, nach dem es keine Möglichkeit zur Umkehr mehr gibt. Der Konfliktforscher Friedrich Glasl (1980) hat die Eskalation von Konflikten in Stufen beschrieben, in denen sich zur Abwehr von Kränkungen, der Schädigung des Ansehens und Gesichtsverlust wechselseitig die Bereitschaft zum Angriff steigert, sodass schließlich eine ursprünglich lösbare Situation so entgleist, dass es nur noch Verlierer gibt. Gier, Stolz, Kränkung, Angst undAggression werden hier zu einem giftigen Gebräu zusammengemischt. Bei emotional so hoch aufgeladenen Vorgängen finden ab einem bestimmten Grad der Aggressionen, Kränkungen und Verletzungen Appelle an die Vernunft kein Gehör mehr. Der seit Jahrzehnten aktive Friedensforscher und -aktivist JohanGaltung (1972, 1982, 2000, 2007) entwickelte eine Methode theoriegeleiteter und lösungsorientierter Konfliktmediation auf der Grundlage von Empathie, Gewaltlosigkeit und Kreativität. Er nannte sie»transcend«und versuchte, Konfliktparteienwieder zurück zumMiteinander-Sprechen und zurDialogbereitschaft zu bringen, um denGang in den Abgrund zu stoppen, was ihm häufig, auch in internationalen Zusammenhängen, erfolgreich gelungen ist. Dass Menschen zur Grausamkeit fähig sind, dass sie teilweise über monströse Fantasiewelten verfügen, dass sie sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen können und von den negativen Eigenschaften tief geprägt sind, die zum Beispiel Gray (2015) nennt, das muss man hinnehmen, dem muss man sich ohne Beschönigung stellen. Diese Tatsachen mögen einen Humanismus schwächen, der nicht dahinter zurücktreten möchte, dass der Mensch im Prinzip edel, hilfreich und gut ist, die jedoch eine Haltung stärken, die sich Wachsamkeit auf die Fahnen schreibt, eine Wachsamkeit, welche die Verführungen und Gefahren der Jetztzeit ernst nimmt: zum Beispiel eine individuelle Passivität bei gleichzeitig wahrgenommener, zunehmender gesellschaftlicher Unruhe, die wachsende 9 Das Bedürfnis zu glauben im Diskurs 95 Verbreitung politisch extremer undemokratischer Positionen, stattfindende Entsolidarisierungsprozesse in der Gesellschaft oder ein fehlender politischer Wille zur Übernahme von Verantwortung für die Abfederung der durch rücksichtslose Profitmaximierung verursachten sozialen Ungleichheit. All dies sind zum Greifen nahe gegenwärtige Gefahren, auf die wir freilich nach über 70 Jahren mit mehr oder weniger funktionierenden demokratischen Verhältnissen kaum vorbereitet sind. Um denTeufel nicht aus demBlick zu verlieren:Wennwir von ihm sprechen, haben wir nicht nur das maximal Böse, sondern auch das übliche, das alltägliche Böse vor uns, das Menschen kurzsichtig und egozentrisch werden lässt. Man kann das gewiss sinnvoll sozialpsychologisch und psychologisch deuten, betrachtet man es jedoch aus der Perspektive des traditionellen Christentums, sah und siehtman imBösen denTeufel amWerke. Jesus hätte, wäre er noch auf Erden und hätte er denTeufel angetroffen, auch die alltäglichenTeufel sicher austreibenwollen.Modernere und auch heute wirksamere Antworten hierauf lassen sich finden, wenn man politische Bildung und praktische Ethik, also Tugenden, die einem Demokraten gut zu Gesichte stehen, als für eine funktionierende, auf Gleichheit beruhende, gerechte Gesellschaft erhalten möchte. So gibt es dann doch ausreichend Anlass, die Hoffnung auf zivilisatorischen, humanistischen Fortschritt nicht zu begraben, sie aber insofern zu relativieren, als man ein stets präsentes Risiko des Rückfalls auch zivilisierter Gesellschaften in Barbarei anerkennenmuss – und das leider auch bei uns, hier und jetzt –, aber doch auf die Erweiterung sozialer Bereiche zur Verringerung solcher Gefahren setzt, in denen das Leben fairer, gerechter und einfacher wird. Natürlich sind solche Fragen nicht mit einigen wenigen Sätzen angemessen zu erörtern, aber so wird ein politisches Programm angedeutet, das sich auch auf Prinzipien der Aufklärung mit Gewinn anwenden lässt. Der Mensch ist so gesehen nicht lediglich als eine Art triebgesteuertes Tier anzusehen, aber er besitzt diese Eigenschaften und macht Gebrauch davon. Er ist als nicht allzu frustrationstolerant einzuschätzen, sondern eher geneigt, sich von seinen Emotionen steuern zu lassen, was manchmal sein Gutes hat, aber nicht selten auch zu Nachteilen führt, was durch Bildung und Vernunft nur sehr begrenzt einzudämmen ist. Wer ist nicht gerührt von ergreifenden Liebesgeschichten, die ein gutes Ende haben und wer sehnt sich nicht nach Erzählungen, deren Lektüre ein befriedigendes Gefühl hinterlässt? Menschen sind jedoch auch dazu fähig, die Grausamkeiten, derer sie ansichtig werden und die sie selbst begehen, in manchen Fällen genießen zu können und ihnen sogar eine erotische Qualität abzugewinnen. Der Sadismus und insbesondere der sexuelle Sadismus ist eines der 9 Das Bedürfnis zu glauben im Diskurs 96 Phänomene, die sich dem aufgeklärten Humanismus entziehen (vgl. z.B. Berner, 2011). Auch die Definitionen der Biologie haben eingeschränkten Erklärungswert. Der Sadismus entzieht sich nicht grundsätzlich dem psychoanalytischen Verständnis der menschlichen Triebwelt, also dem Verständnis der seelischen Kräfte, deren Spiel zum Ergebnis sadistischer Vorgänge führen – allerdings meist erst im Nachhinein. Was zu Freuds Zeiten noch als Perversion bezeichnet wurde, kommt heute umbenannt als Paraphilie daher. Der Wechsel des Triebziels zur Befriedigung der sexuellen Erregung und die Handlung der Zufügung von körperlichem und/oder seelischem Leid zur sexuellen Befriedigung, man kann sie Erotisierung oder Sexualisierung nennen, sind aus Sicht der Psychoanalyse idiosynkratische Erfindungen, zu denen der Einzelne durch unbewusste Arbeit in seiner Seele gelangt ist, durch Improvisationen, durch Ergebnisse rätselhafter psychischer Sprünge, die nach wie vor eineHerausforderung auch für die psychoanalytische Theorie darstellen. Früher hätte man als Urheber solcher Neigungen sicher den Teufel identifiziert, der aus der jüngsten katholischen Perspektive auch noch beim sexuellenMissbrauch seine Finger im Spiel haben soll. Jedenfalls stellt sich die Psychoanalyse der Aufgabe, eine Theorie für das gesamte menschliche Seelenleben zu formen, besonders für die unbewussten Strebungen, die sie erhellen möchte. Psychologie, Biologie und gesellschaftliche Erfahrung, Wissbegierde, Liebe und Hass, Bewusstes und Unbewusstes, das alles unter einen Hut zu bringen schreibt sie sich auf ihre Fahnen. Wenn das kein anspruchsvolles, aufklärerisches Projekt ist. Wenn man die Formel, dass der Teufel noch unter uns weilt, umschreibt, kann diemenschlicheDestruktivität als Gefahr für uns alle sichtbar werden. Daher gilt: Besser, als sich über den Teufel lustig zu machen ist, die heutigen kleinen und großen »Teufel« zu erkennen und etwas Mühe in die Übersetzungsarbeit zu verwenden, damit Menschlichkeit und Unmenschlichkeit klarer zu erkennen sind. 9 Das Bedürfnis zu glauben im Diskurs 97 10 Aufklärung imDilemma DasDilemma der Aufklärung lässt sich gut anhand eines Satzes aus denAufzeichnungen aus dem Kellerloch von Fjodor Dostojewski (2013 [1864]) auf den Punkt bringen. Er lässt seinen Protagonisten gleich auf der ersten Seite sagen: »Ich bin gebildet genug, umnicht abergläubisch zu sein, aber ich bin abergläubisch« (ebd. S. 3). Der Verfasser dieser »Aufzeichnungen« ist ein grandioser Egomane und zynischer Verweigerer, aber auch ein »Jedermann«, in dem sich ein immanenter Widerspruch derConditio humana abbildet. Seine Isolation hat er selbst gewählt, um sich seiner Realität in der Interaktion mit anderen nicht stellen zu müssen. Etwas hat ihn angehalten, geradezu gezwungen, trotz aller Bildung abergläubisch geblieben zu sein. Hierin zeigt sich neben einem bewussten Widerstand gegen seine gesellschaftliche Teilhabe, die aus dem Text spricht, auch eine Schwäche, aufgrund derer er sich selbst ausgeliefert ist und bleibt – einAnteil von sich selbst, über den auch dieser grandiose Verweigerer keine Macht hat. Die inneren psychischen Instanzen, die hier wirksam werden, hat Sigmund Freud (das Unbewusste genannt. Das sind die Anteile eines Menschen und damit seiner Persönlichkeit, deren Antriebe ihm nicht bewusst sind, die jedoch wirksam werden. Dostojewski und Freud haben die Existenz jener Kräfte sehr wohl gekannt, aber Immanuel Kant hat seine Rechnung ohne dasUnbewusste gemacht, wie auch viele andere allzu fortschrittsoptimistische Rationalisten. Kant lehnte es generell ab, sein Denken undHandeln von willkürlichen Gefühlen und Triebregungen bestimmen zu lassen und nicht gemäß der vernünftigen Gesetze des Universums zu leben. Damit musste sein Verständnis vomMenschen unvollständig bleiben, im Gegensatz zu Freud und Dostojewski, welche die Bedeutung dynamischwirksamer Kräfte imMenschen kannten (Dostojewski, 2013 [1864]). Bei Freud erhält die Einsicht immer wieder die Stimme, dass rationales Denken keinen entscheidenden Einfluss auf das Verhalten hat. Dabei hat er selbst, wie nur wenige andere, auf die Kraft der Vernunft gesetzt. Wenn der Schlaf der Vernunft Ungeheuer gebiert (jeder hat wohl das entsprechende Bild [1797–1799] von Francisco de Goya vor Augen), und die Vernunft schläft nicht selten, können die Ungeheuer nur aus dem Träumer selbst hervorgegangen sein. Sie sind seine psychischen Inhalte, die de Goya in verschiedenen Versionen zeichnete. In der 99 endgültigen Version seiner Grafik stellte er sie als wohlgeformte, kleine und grö- ßere Monster dar. So hat jeder Mensch seine Ungeheuer, und die meisten wissen nicht, woher sie kommen. Von außen betrachtet geben dieUngeheuer unterUmständen demFachmann wenigerRätsel auf. IhreGestalt, ihreBedeutunggewinnensie ausSichtderPsychoanalyse und Ethnopsychoanalyse (vgl. Devereux,1978 [1972]) aus verschiedenen Quellen: sie sind einerseits idiosynkratisch, das heißt aus der jeweiligen Einmaligkeit der Person, aus persönlichen Erlebnissen und deren Verarbeitung entstanden und andererseits ethnisch erworben, das heißt jeder Mensch setzt seine ethnisch erworbenen Stereotypen von Kognition, Moralität und Triebbewältigung ein, um in seiner jeweils spezifischen, durch kulturell geprägte Sozialisation bedingten Umgebung zu leben. Dafür sind gesellschaftlich tradierte, psychische Formationen bedeutsam, die im Zusammenhang mit den Erfahrungen entstanden sind, die jeder in seinerUmwelt in der Interaktionmit anderen vonKindheit anmacht. In den ersten Jahren seiner Entwicklung ist der Mensch, wie ich später noch erläutern werde, mit seinem noch relativ schwach ausgeprägten Ich der Gefahr ausgesetzt, von seinen Gefühlen überwältigt zu werden, anstatt zu lernen, mit ihnen umzugehen, also unangenehmeGefühle auszuhalten und zu beherrschen und angenehme Gefühle zu genießen. Dass die Vernunft in diesem Spiel jemals handlungsleitend sein wird oder sich nicht doch letztlich von einem wirkmächtigeren Triebgeschehen steuern oder verwenden lässt, ist letztlich unwahrscheinlich.Kurt Vonnegut (1963) brachte dies in ein paar Gedichtzeilen auf den Punkt: »Tiger got to hunt, bird got to fly; Man got to sit and wonder ›why, why, why?‹ Tiger got to sleep, bird got to land; Man got to tell himself he understand« (ebd., S. 130). »Der Tiger muss jagen, der Vogel muss fliegen, der Mensch muss sitzen und fragen ›warum, warum, warum?‹ Der Tiger muss schlafen, der Vogel muss landen; der Mensch muss sich sagen, er versteht« (dt. Übers. d.A.). So wird das Verstehen anstelle einer zurObjektivität führendenKategorie zur angeborenen Notwendigkeit wie schlafen, rasten oder jagen. Man muss verstehen, dass der Tiger nicht nur jagen kann, sondern auch schlafen muss und dass der Vogel nicht immer fliegen kann.Wie viel wir im objektiven Sinne verstanden haben, wenn wir sagen, dass wir verstehen, bleibt ungewiss. 10 Aufklärung im Dilemma 100 Vor dem Hintergrund dieser Gedanken wird die Besinnung auf die »Vernunft« nochmals relativiert zu einer zumindest partiellen Absage an die Vernunft als das maßgebliche, allgemeine Movens. Und es bleibt viel Raum für Zweifel an der vorherrschenden Ideologie, der zufolge Menschen vornehmlich von rationalem Egoismus, Erwerbsstreben und Konkurrenz getrieben sind, wie es der moderne marktwirtschaftliche Liberalismus predigt, der ja wiederum als Kind der Aufklärung gelten kann. Eine solche Verbindung von Aufklärung mit marktwirtschaftlichem Liberalismus, die Pankaj Mishra (2017) für wie selbstverständlich gegeben hält, ist eineMischung, welche für die in den letzten 20 bis 30 Jahren erwachsen gewordenenMenschen viel Selbstverständlichkeit besitzen mag, aber eben auch nur für diese. In der Tat ist sie nämlich erst eine Entwicklung der letzten Jahrzehnte, vermutlich befeuert seit dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums, und ebenso wenig eine geschichtliche Notwendigkeit wie ein notwendiges Übel. Denn diese Kombination von Aufklärung und Marktwirtschaft wendet keine Not ab, sondern führt Not herbei, indem sie die Menschen bestimmenden Affekte ausschließen und deren Relevanz leugnen will. Dass der auf diese Weise erstandene Humanismus der Aufklärung die Welt, in der wir leben, zu erklären vermag, wird dabei insgesamt zunehmend fraglich, besonders wenn man die spürbaren Veränderungen der jüngeren Zeit betrachtet: Wurde nicht bei der derzeit gültigen Konstruktion des Menschenbildes einiges vergessen, zum Beispiel wichtige und die Handlungen teilweise bestimmende, motivierende Aspekte? Viele Menschen haben doch immer stärker das Gefühl, dass sie wie Figuren auf einem Schachbrett bewegt werden, ohne auf die Züge selbst Einfluss zu haben. Zu spüren ist eine zunehmende gesellschaftliche Unruhe, eineAngst vor uns vielleicht entgleitendenVerhältnissen in einer vornehmlich intellektuell und westlich geprägten, demokratisch ausgerichteten gesellschaftlichenMittelschicht, die mehr undmehr in den Sog von politischen und religiösen Radikalisierungsprozessen und für den Einzelnen nicht länger regulierbaren Ver- änderungen globaler ökonomischer Entwicklungen gerät. In vielen Ländern kommt es zu Umschichtungen der Zusammensetzung der Bevölkerung mit der Folge des Verlusts der Bereitschaft der Menschen, Wahrheit und Objektivität zu suchen und sich mit den Ansichten Andersdenkender auseinanderzusetzen. Stattdessen wird die Wahl der vom Einzelnen präferierten sozialen Medien oft nach den bekannten dort vorauszusetzenden Vorurteilen getroffen, die man ungeprüft als »alternative Wahrheit« mit anderen teilen kann. Diese gefährliche Degeneration der politischen Kultur hat im Jahr 2019 sogar imWeißen Haus in Washington mit einem Ehrenplatz . Zwar ist es (nicht 10 Aufklärung im Dilemma 101 nur in den USA) auch schon früher Teil der politischen (und leider auch der theologischen [Deschner, 1972]) Kultur gewesen, schlichte Unwahrheiten als Gewissheiten aufzutischen, um damit Einfluss undMacht zu gewinnen (z.B. um Kriege anzuzetteln), aber die Schamlosigkeit, mit der jetzt jeglicher Unterschied zwischenWahrheit und Unwahrheit suspendiert wird, erinnert an Praktiken aus den schlimmsten Zeiten in Diktaturen. Die Wahrheit zu suchen ist ein seriöses und ehrenhaftes Unterfangen. Aber wennmanmeint,man hätte sie gefunden, hat sie doch oft keinen Bestand oder sie unterliegt selbst einemWandel. An dieser Stelle ist es hilfreich, sich den in vielen Zusammenhägen nützlichen Satz aus der Bibel ins Gedächtnis zu rufen: »Der Teufel ist ein Lügner von Anfang an« (Joh 8,44). Lügen als Phänomen ist alt; es existiert, seit es Menschen gibt. Das mag seinen Grund darin haben, dass es zwar in der Tierwelt Phänomene wieMimikry gibt undman herausgefunden hat, dass zum Beispiel Schimpansen durchaus in der Lage sind, andere zu täuschen, aber dennoch die ausformulierte Lüge eine Domäne der Menschen bleibt. Es ist verdächtig, wennMenschen nicht zulassen wollen, dass man sich selbst, solangeman es für nötig hält, von etwas überzeugen möchte. Das betrifft unstrittig besonders die sogenannten Glaubensüberzeugungen, die innerhalb ihres Geltungsbereichs oft niemand anzweifeln darf. Sie infrage zu stellen, wird mit Strafen bis hin zur Todesstrafe bewehrt. Diese Dogmatik ist gewiss aus der Perspektive des aufgeklärten Wahrheitssuchenden höchst verdächtig. Wenn dann noch mit Vorhaltungen argumentiert wird, dassUnglauben oderGotteslästerung imSpiel seien, ist dies aus der Perspektive des Erkenntnissuchenden klar zurückzuweisen. Religion anthropologisch zu verstehen heißt, sich mit Glaubenslehren zu befassen, »ohne dabei die Realität des christlichen Gottes vorauszusetzen« (Girard, 2002 [1999], S. 239), was bestimmt auch für andere Götter zu gelten hat. Wenn man solche Fragen angeht, muss nicht auf etwas Übernatürliches Bezug genommen werden. René Girard, ein kritischer Denker, der das Sündenbock-Phänomen kulturanthropologisch erklärt und den Menschen eine unauslöschbare, nur kulturell beherrschbare Neigung zum – wie er das nennt –»mimetischen Begehren« (ebd.) der materiellen und immateriellen Güter des Nächsten unterstellt, ist der Auffassung, dass im Christentum, im Gegensatz zu nicht-christlichen Theologien, dabei der Einfluss des Bösen auf die Menschen und deren Erlösungsbedürfnis nicht heruntergespielt wird. Girard undGianni Vattimo sindDenker, die – sicher nach langemRingenmit sich selbst –Lösungen gefundenhaben, umBotschaften, die das Christentum enthält, fruchtbar zu machen, ohne selbst im traditionellen Sinne gläubig sein zu müssen. 10 Aufklärung im Dilemma 102 Damit nähern sie sich stark Positionen an, wie sie von Philipp Blom (2017) und John Gray (2015) vertreten werden, die ihre Auffassungen nicht aus der Beschäftigung mit christlich-religiösen Anschauungen herleiten. Dazu ist es erforderlich, sich von der Vorstellung des Glaubens als bindendem Gehorsam grundsätzlich zu befreien. Dass dies eine Grundvoraussetzung dafür ist, sich auf der Höhe der Zeit mit Fragen der Religion und des Glaubens zu befassen, kommt auch derAuffassung des sich selbst als gläubig verstehenden Philosophen Hans Joas (2011) nahe, der Brücken zwischen Gläubigen und nicht Gläubigen baut. Vattimo (1997), der als Kommunist undChrist selbst auf sehr originelleWeise gläubig ist, bietet eine Interpretation zentraler Begriffe des Christentums an, mittels derer Anschlüsse von Transzendenz zum Weltlichen hergestellt werden. Seine Themen sind Säkularisierung, die Menschwerdung Gottes, Kenosis, Nihilismus, Schwächung und »schwaches Denken«, also Begriffe, mit deren Hilfe er zentrale Botschaften des Christentums auf seine Weise fasst, sodass es möglich wird, verblüffend und plausibel christliche Traditionen auch für eine vom Christentum distanzierte Moderne aufarbeiten. Girard (2002 [1999]) betont den Zusammenhang zwischen dem mimetischen Begehren, Nachahmung und Gewalt. Seine kulturanthropologische These ist, dass Gesellschaften, um überleben zu können, in der Lage sein müssen, der Ausbreitung von Gewalt etwas entgegenzusetzen. Rivalität, Neid und Eifersucht führen andernfalls zur Eskalation vonGewalt. Nach seiner Theorie ist das Böse in Gestalt des Satans indieBibel aufgenommenwordenundderKampf gegendie für die Gesellschaft destruktiven Kräfte wird als Kampf gegen den Satan dargestellt. Ausschlaggebend ist für Girard die Auseinandersetzung mit der wechselseitigen Nachahmung (Mimesis) in der Gewaltausübung. Wird diese zugelassen, führt das zu Eskalation von Gewalt und Zerfall der Gesellschaft. So beziehen sich sowohl Vattimo als auch Girard bei ihren Studien vielfach auf die Erörterung von Glaubensfragen. Sie landen jedoch beide bei anthropologischen Deutungen, deren Tiefgang kulturelle Dimensionen erreicht. Girard versucht dabei die Art und Weise anthropologisch zu erfassen, wie im Christentum die Bewältigung des Problems des Bösen versucht wird, ohne dass er dabei zwingend auf religiöse Dogmatik rekurrieren muss. Vattimo lotet die Möglichkeit eines christlichen Glaubens aus, der ohne Fundamentalontologie, ohne dogmatische, objektiveMetaphysik auskommt und orientiert sich dabei stark an den Schriften des Neuen Testaments, den Evangelien. Vattimo (1997) greift dabei einige Begriffe auf, die für ihn zentral werden. Grundsätzlich betrachtet er die Botschaft und dasWirken Jesu als etwas, das das 10 Aufklärung im Dilemma 103 Christentum auf das Diesseits verweist; er nennt es »Säkularisierung«. Die moderne weltliche Kultur drifte von ihren sakralen Ursprüngen ab. Damit löse sie sich gleichzeitig von den gewalttätigen Ursprüngen des Religiösen, weil diese mit der metaphysischen Allgewalt eines totalitären Gottesbildes verbunden sind. So betrachtet wird die Säkularisierung zu einer Fortsetzung von Religion mit einem Gewinn der Autonomie der Vernunft gegenüber einem absoluten Gott. Unter Kenosis versteht Vattimo dieHerablassung Gottes auf die Ebenen desMenschen, unter Verzicht auf seine göttlichenAttribute (z.B. seine göttlicheAllmacht). Dieser nicht absolute und nicht gewaltsame post-metaphysische Gott ist durch eine Schwächung charakterisiert. Diese Schwächung findet Vattimo im Denken der Postmoderne wieder, die Abschied von den großen Erzählungen genommen hat. So schließt sich für ihn ein Kreis und es wird ihm wieder möglich, sich einer Religion zuzuwenden, die ohne Metaphysik auskommt. Er findet persönlichen Zugang zu einer wiedergekehrten Religion, einer »schwachen Ontologie« als reinigende Transkription der christlichen Botschaft. Eine solche verzichtet auf dieVerabsolutierung von geschichtlich kontingentenLehren. Vermiedenwird aus Vattimos Sicht sowohl die Gefahr der Beliebigkeit von Interpretationen in der schwachen Ontologie als auch die Fixierung auf Moralvorstellungen durch zwei Faktoren: erstens durch das Liebesgebot des Neuen Testaments und zweitens, damit einhergehend, durch den Verzicht auf Gewalt jeglicher Art. Gewaltverzicht und Liebesgebot sind die neutestamentarischen Anker, durch die der Glaube fixiert wird. Darin liege Vattimo zufolge auch der grundsätzliche Unterschied zwischen Religion an sich, deren Formulierungen fundamental bleiben, und der Besonderheit der christlichen Botschaft. Schon Freud hatte sich inDie Zukunft einer Illusion (1927c) ausführlich mit dem Glauben und dem Widersinn religiöser Dogmatik auseinandergesetzt. Er war der Auffassung, dass der Verstand ein schwächliches und abhängigesDing sei, ein Spielball undWerkzeug menschlicher Triebneigungen und Affekte (ebd.; vgl. Mishra,2017, S. 178). Gewiss wäre es verkehrt, die Prinzipien der Aufklärung, die sich doch in vielen Bereichen bewährt haben, mit dem Bade auszuschütten, wie Mishra das leider tut. Aber derAufklärungsgedanke ist in den letzten Jahrzehnten selbst geschädigt worden, indem einerseits in einer Art von Hyperrationalismus darauf verzichtet wurde, den Affekten und Antrieben theoretisch im Denken und Sein der Menschen den ihnen zukommenden Raum zu geben und wir andererseits gleichzeitig erleben, dass in Gesellschaften Handlungen und Haltungen zunehmend von Irrationalität bestimmt werden. Mishra (2017) fragt zu Recht, ob es nicht einer Erweiterung des Verständnisses dessen bedarf, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Eine solche Form der Aufklärung muss Begriffe aufnehmen 10 Aufklärung im Dilemma 104 wie das Bedürfnis nach Sicherheit, Liebe und Hass, Würde und Ehre, Geltung und Status sowie die Angst, dies alles zu verlieren. Auf solche Gedanken kommen in jüngerer Zeit auch Gehirnforscher wie Gerald Hüther (2018), der sich des Begriffs der Würde annimmt und diesen nicht nur als ethisches Prinzip und philosophisch begründetesMenschenrecht versteht, sondern dieWürde aus neurobiologischer Perspektivewie einen innerenKompass betrachtet, der Menschen befähigt, sich in der Vielfalt äußerer Anforderungen und Zwänge in ihrer hochkomplexen Welt nicht zu verlieren. Die Gefühlswelt des Menschen ist also eine ernsthafte Kraft, die ihm Orientierung geben soll wie ein innerer Kompass. Es soll um die Würdigung von Grundbedürfnissen gehen, und das nicht nur mit dem Ziel der Optimierung von Möglichkeiten der Ausbeutung. Das heißt nicht, dass die Befriedigung der Grundbedürfnisse wie ein Lebensrecht zu fordern ist, denn jeder Mensch wird sich in seinem Leben damit abfinden müssen, dass nicht alles, was er sich wünscht, möglich ist. Dabei ist es jedoch immer wichtig, zu erkennen, was man als relevantes Ziel erkennt und ob man sich damit ernst genommen fühlt. Zwar ist materieller Besitz bereits an sich eineWährung, mit der man an vielen Orten im Seelenleben bezahlen kann, aber der Homo oeconomicus ist nicht alles, weder in seinem grundsätzlichen Streben noch mit der Aussicht, alleine dadurch ein ausgeglichenes und zufriedenstellendes Gefühlsleben zu erreichen. Im Grunde wäre es für ein aufgeklärtes Denken selbstverständlich, denMenschen als Ganzen anzunehmen, ob wir uns nun Gefühlswesen mit Verstand oder Verstandeswesen mit Gefühl nennen. Jedoch werden sich die Politik, die Werbung und die ganze profitorientierte Wirtschaft die Verführbarkeit des Menschen so lange wie möglich zunutze machen, damit sie sich gegenseitig möglichst gründlich ausbeuten können. 10 Aufklärung im Dilemma 105 11 Aufklärung der Aufklärung! Aus der Sicht ihrer Ausgangsintention war die Aufklärung eine wegweisende Bewegung, von respektablemGeist getragen,Hoffnung verheißend auf eine bessere, ehrlichere Welt. Welche Loblieder lassen sich nicht auf die Aufklärung singen und wurden schon zu Recht auf sie gesungen? Nicht nur hob sich besonders in Europa und denUSAmit ihrerHilfe ein Schleier, der über demDenken derWelt gelegen und dazu geführt hatte, dass die Entscheidung über richtig oder falsch sehr lange Zeit ausschließlich als Machtfrage hatte getroffen werden können und nicht nach objektiven Kriterien: Wer die Macht hatte zu bestimmen, der hatte recht. Die Berufung auf die Vernunft, die Logik und den Verstand als Urteilsinstanzen war das Kriterium der aufgeklärten Haltung schlechthin. Der Beginn der Epoche der Aufklärung wird auf etwa 1650 datiert mit demGrundgedanken, dass eine vernunftorientierte Gesellschaft die Hauptprobleme menschlichen Zusammenlebens schrittweise wird lösen können. Die Revolutionen in Frankreich und den USA waren ebenso vom Gedankengut der Aufklärung inspiriert, wie auch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948 in Paris. Skepsis kam nicht erst als Folge der Weltkriege im 20. Jahrhundert auf, aber die Formulierung der Menschenrechte und Persönlichkeiten wie der Philosoph Karl Popper (2003 [1945]) und der Philosoph undMathematiker Bertrand Russell (1967), die mit gedanklicher Strenge an die Überprüfung von Sachverhalten herangingen und unter Verwendung von demokratischem, tolerantem und liberalemGedankengut, das sich die universale Achtung der Menschenrechte auf die Fahnen geschrieben hatte, bereiteten den Boden für die Möglichkeit eines gedeihlichen und friedlichen Zusammenwirkens und Zusammenlebens der Völker. So wurde die Aufklärung eine starke Kraft, die uns auffordert, nicht nur den Verstand zu benutzen, sondern auch universale Prinzipien wie die Menschenrechte anzuerkennen. UmdemMenschen dabei aber tatsächlich gerecht zuwerden, darf dessen Bild nicht einseitig, das heißt von Partikularinteressen, dominiert sein. Die Koppelungmit Partikularinteressen hat denAufklärungsgedanken desavouiert, sodass es für Autoren wie Pankaj Mishra (2017) selbstverständlich geworden ist, dass Aufklärung und neoliberales Kommerzdenken quasi zu einem Block verschmelzen. 107 Diese Verbindung ist jedoch keineswegs zwingend.Mishra macht das Schwinden religiöser Inhalte in Kultur und Gesellschaft für diese Entwicklung verantwortlich,wasmit einemVerlust anLebenssinn einhergeheundmit demGefühl innerer Leere. Die unablässige Aufforderung zumErwerb undKonsummateriellerWerte könne dieses Gefühl nicht kompensieren. Das werde zwar nicht von den Trendsettern der Marktwirtschaft verstanden, führe aber bei vielen Menschen dazu, dass sie anfällig würden für andere Ideologien mit fragwürdigen Werten, gegen die Religionen Puffer bildeten. So gesehen geht es Mishra in seiner Kritik mehr umdenVerlust vorbildlicherWerte als um eineKritik der Aufklärung an sich, was er jedoch nicht genauer ausarbeitet. In seiner Argumentation inDas Zeitalter des Zorns (2017) spricht er sich durchaus zum Beispiel gegen engstirnige, familiale Intoleranz aus, auch wenn diese traditionell gewachsen sein mag. Ein Nostalgiker ist er also nicht, aber vielleicht hat er an dieser Stelle nicht weitergedacht, sonst hätte er die ganze Engstirnigkeit berücksichtigen müssen, die in den Religionen (auch in den sogenannten Weltreligionen), im Aberglauben, den sie verbreiten und in der Verkürzung der Problematik des Bösen, die sie in Form der Aufteilung der Menschen und derWelt in Gut und Böse vornimmt, steckt. Eher wäre zu fragen, warum die Aufklärung es nicht geschafft hat, dem Teufel den Garaus zu machen. Hätte nicht ihre intellektuelle Ausstattung dafür ausreichen können? Was fehlte auf der Rechnung? Was hatte der Wirt noch anzumahnen? Die Kräfte, die mit dieser Begrifflichkeit angesprochen sind, also die zahlreichen Spielarten des Bösen, wird man so nicht los. Das weiß zum Beispiel die Kirche, für die der Teufel immer noch der Fürst der Welt ist. Sie weiß jedoch offenbar nicht oder will nicht wahrhaben, dass ihr Remedium untauglich ist, dass sie in einer ganz eng gefassten Dogmatik gefangen ist und dass sie alle Menschen, die Jesus nicht nachfolgen, immer noch nur einen winzigen Schritt von der Verdammnis entfernt platziert. So gesehen wären nahezu alle Menschen des Teufels, denen die christliche »frohe Botschaft« in Teilen oder gänzlich fremd bleibt, weil sie nicht weniger intellektuelle Zumutungen enthält als die weiland von Friedrich Schleiermacher (1995 [1820/1821]) beklagten, der die Existenz desTeufels verwarf.Das soll nicht heißen, dass das Liebesgebot unddasGebot des Gewaltverzichts wertlos sind – imGegenteil. Aber das sind Schätze, die fast völlig unter Bergen von atavistischenGebäudenmit goldenenDächern und schmucken Türmen verborgen sind, die aufgrund des Einflusses alter, rechthaberischer Kirchenmänner erhalten und gepflegt werden, und bei denen – zumindest in der katholischen Variante – die reale Existenz des Teufels unverdrossen immer wieder aufs Neue beschworen wird. Zwar liegt historisch gesehen eine Wurzel der Menschenrechte, die verbunden ist mit den Prinzipien der Aufklärung in dem 11 Aufklärung der Aufklärung! 108 Wunsch nach freier Ausübung der Religion in den USA, dennoch wurden diese gerade von den Kirchen lange Zeit immer wieder geschmäht, bekämpft und verfolgt – und das auch noch lange nach Galileo Galilei (vgl. Deschner, 1987). Man kann nicht sagen, dass sich die Kirchen als Verfechterinnen der Aufklärung profiliert haben. Eher bedienten sie seit jeher dieMentalität vonUntertanen und nutzten ein Bedürfnis aus, das jedem von uns innewohnt, wenn auch oft als ungebetener Gast: den Wunsch nach Sicherheit, der aus dem Bedürfnis nach Geborgenheit hervorgeht und leicht in die Abhängigkeit führt. »Herr, in Deine Hände lege ichmeinSchicksal« ist eineGebetsformel, die durchaus Sicherheit geben kann. Dabei wird derMensch doch erst als fühlendes und denkendesWesen, mit starker, oft handlungsleitender Emotionalität, zum ganzen Menschen. Freilich muss er seine Grenzen kennen. Im Geiste einer so verstandenen Aufklärung könnten Utopien eines Tages Orte erhalten, die ihrer Bedeutung entsprechen. Derzeit sieht es so aus, dass dafür weder die Demokratie als Lebensform noch die Vernunft guteKarten haben, denn dieMenschen scheinen emotional nicht ausgeglichener zu werden, sondern eher unruhig. Sigmund Freuds (1927c) Hoffnung war, dass der Intellekt, auch wenn er mit leiser Stimme spricht, sich irgendwann einmal durchsetzen und Gehör finden wird, und sei es auch in ferner Zukunft: »Die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sichGehör verschafft hat. Am Ende, nach unzähligen oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch. Dies ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf« (ebd., S. 377). Dieser bekannte Satz aus Die Zukunft einer Illusion (ebd.) suggeriert zwar, dass Kräfte wirksam sind, die für den Intellekt arbeiten. Aber wenn die Kräfte, die dagegen arbeiten, weiter erstarken, könnte sich diese Hoffnung selbst als eine Illusion erweisen, die auf einem Irrtum imMenschenbild der Aufklärung beruht. Der Historiker und Kulturwissenschaftler Philipp Blom (2017) vergleicht den destruktiven Ressourcenverbrauch der Menschen auf der Erde – wenig poetisch – sogar mit Hefepilzen, die sich in einer Zuckerlösung befinden, sich von ihr ernähren und dabei so lange Alkohol produzieren, bis dieser eine Konzentration erreicht, die sie vergiftet (ebd., S. 21). In seinem wichtigen politischen Buch Was auf dem Spiel steht (2017) konfrontiert er uns mit einer auf verschiedenen Ebenen wenig angenehmen Zeitdiagnose. Dabei geht es um Fragen wie: Warum leben die Menschen so wie sie leben?Warum stellen sie sich nur sehr träge auf sich anbahnende Veränderungen ein? Warum reagieren sie nicht auf den kommenden Klimawandel? Warum halten sie an einem unsinnigen, Ressourcen 11 Aufklärung der Aufklärung! 109 ausbeutenden und verschwenderischen System der Wirtschaft fest und ziehen keine Konsequenzen aus dem, was sie gesehen haben? Bloms Schlussfolgerung ist, dass die reichen demokratischen Länder in ein reaktionäres Zeitalter abrutschen und keine Zukunft wollen, sondern sich in Nostalgie ergehen. Dabei sei nichts an der gegenwärtigen Situation natürlich und notwendig: nicht die freiheitlich-demokratische Grundordnung mit ihren ausformulierten Menschenrechten, nicht die Digitalisierung der menschlichen Arbeit, nicht der Klimawandel. Vieles in der Welt sei menschengemacht – und könnte auch anders sein. Nur die Naturgesetze seien so, wie sie nun einmal sind. »Gesellschaften sind nicht notwendig so geworden, wie sie sind. […] Was sie überhaupt zu Gesellschaften macht, sind die Geschichten, die sie über sich selbst erzählen« (ebd., S. 20). Diese Geschichten bestimmten, wer ihre Helden und ihre Feinde seien, was Tugend bedeute, was erstrebenswert und erlaubt sei. Mythen und heilige Bücher sind Bloms einleuchtender Sichtweise zufolge die Mittel, mit denen Gesellschaften über sich erzählen. »Die Geschichte, in der wir zufällig gerade stecken, mit einer objektivenWahrheit und Notwendigkeit zu verwechseln, wäre ein fataler Irrtum« (ebd., S. 21). Für Blom sindMenschen »Primaten, die sichGeschichten über sich selbst erzählen. In diesem einfachen Satz liegt das ganze Geheimnis der Kultur, die Homo sapiens über viele Jahrtausende hinweg entwickelt hat. Geschichten sind kontrafaktische Weltentwürfe: Sie schaffen aus der Zufälligkeit, aus den Ungerechtigkeiten und der Kontingenz der Welt einen höheren Sinn, eine Orientierung und einenWertekanon. Sie schaffen, Selbstbilder und Haltungen, die in Handlungen übersetzt werden« (ebd., S. 65f.). »Menschen sind die Produkte der Geschichten, die sie über sich selbst erzählen, die ihre Gemeinschaft über sich erzählt« (ebd., S. 67). Dabei spielten Fakten eine untergeordnete Rolle, schreibt Blom. Diese würden meistens »entweder ignoriert oder nach Bedarf nutzbar gemacht, verzerrt, uminterpretiert, geleugnet oder erfunden« (ebd.). Aus dem Blickwinkel der ubiquitären Aufnahme der Kategorien von Gut und Böse in die Erzählungen aller Kulturen ist daraus zu folgern, dass zu den Geschichten, die wir erzählen, oder vielleicht besser gesagt, zu unseren großen und kleinen Erzählungen, die wir erfinden und erfunden haben, selbstverständlich auch Gott, der Teufel und die Dämonen gehören. Wir sind Menschen mit bestimmten Eigenschaften, aber wir haben diese Rollen geschaffen und ihnen Formen gegeben. Wir erfreuen uns an ihnen und sie können uns erschrecken. In ihnen leben wir unsere fantastischen geistigen Möglichkeiten aus, unseren schier 11 Aufklärung der Aufklärung! 110 grenzenlosen Erfindungsreichtum, erkennen manches und spielen dabei mit Begriffen wie All und Ewigkeit, die jedoch unerreichbar bleibt. Die Gedankenwelt wird niemals komplett sein, denn für denkende Menschen bleiben immer noch Fragen offen, auch wennmanche Denker uns sogar Lösungen für ein Leben nach dem Tod suggerieren. Wir können Geschichten erfinden, die uns Angst machen, aber den wenigstenMenschen gelingt es, alle Angst zu überwinden. Es sei wichtig, meint Blom, die Entstehung und die Struktur solcher Geschichten zu verstehen, um der Frage, wie Menschen sich in der Zukunft verhalten könnten, etwas näherzukommen. Schließlich münden die Geschichten ja in Handlungen. Blom nennt als Beispiel den Werbefachmann Edward Bernays, einen Neffen Freuds, dessen Frau eine geborene Bernays war, als Zeugen für die Begabung, Menschen zu manipulieren. Dazu scheine dieser Gebrauch von dem Gedanken seines Onkels gemacht zu haben, dass Menschen keine rationalen Wesen seien, sondern voller unterdrückter destruktiver Emotionen steckten, die durch Erziehung unterdrückt, geleugnet und sublimiert würden, bis sie wie Vernunft und Zivilisation aussähen. Das zugrunde legend, gelte es aus kommerziellen Gründen, sozusagen wider die Vernunft, dem Menschen etwas begehrenswert erscheinen zu lassen, ihm jedes Produkt zum Objekt seiner Sehnsucht zu machen, zum Ausdruck seiner individuellen Persönlichkeit, zu seinem persönlichen Zugang zu einer interessanten Welt der Eleganz und des Wohlstands. Auf diese Weise angelegt werde jeder Verkauf zu einem sakralen Akt (ebd., S. 69f.). Bernays hatte das Zeug zum Demagogen, denn er schrieb in seinem Buch Propaganda. Die Kunst der Public Relations (2016 [1928]): »In fast jeder Handlung unseres täglichen Lebens, ob im Bereich von Politik und Geschäft, in unserem sozialenVerhaltenoder unseremmoralischenDenken,werden wir von einer relativ kleinen Anzahl von Personen dominiert, welche die mentalen Prozesse und die sozialenMuster der Masse verstehen. Sie sind die Drahtzieher, die unsere öffentliche Meinung kontrollieren« (ebd.; zit. nach Blom, S. 71). Blom (ebd., S. 72f.) zufolge gelinge es auf dieseWeise, Konsum zumLebensinhalt zu machen. Der Kauf und der Gebrauch von Waren mündeten in Rituale und spirituelle und triebhafte Befriedigung würde im Konsum gesucht. Die industrielle Revolution habe dem Konsum einen ersten großen Schub gegeben. Es gebe Konsum, seit es Märkte gebe. Ohne Markt seien Handel, Austausch, Toleranz oder Demokratie nicht möglich. Konsum sei ein wunderbares Instrument, das aber zumMonster werde, wenn es zum Selbstzweck geriete. Es gehe eher darum, ein anthropologisches Licht auf diese Vorgänge zu werfen als umKonsumschelte. 11 Aufklärung der Aufklärung! 111 Jedoch sei diese neoklassische oder marktfundamentalistische Theorie reine Fiktion, die»nichtsmit irgendeiner beobachtbaren sozialenWirklichkeit zu tunhat. Sie ist reine Theologie« (ebd., S. 74) und benutze sogar Denkfiguren und Konzepte des Christentums. Die Idee vom rationalen Teilnehmer an ökonomischen Transaktionen sei fiktional und absurd. Der Mensch sei kein rational Handelnder. Das alles ist noch keine Kritik der Aufklärung an sich, sondern hier wird die Frage aufgeworfen, ob Menschen überhaupt in der Lage sind zu realisieren, was die Aufklärung versprochen hat. Wenn JohannWolfgang Goethe schreibt: »Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag« (2014 [1808], Z. 281), meint er, dass der »kleine Gott« kein Gott ist, sondern ein Mensch, der von Überheblichkeit geplagt ist. Goethe berührt die Frage, wie es weitergegangen wäre, wenn sich diese lebenspraktischen, reflexiven und selbstreflexiven Begabungen im Menschen nicht in der Fähigkeit zum Nachdenken verdichtet hätten: Gewiss wären wir andere, wäre uns nicht jener »Schein des Himmelslichts« (ebd., Z. 284) gegeben, der doch nur ein kleiner Schein sein gewesen sein kann und nicht das Licht als Ganzes. Und wer wollte bestreiten, dass die Menschen ihre Vernunftfähigkeit dazu verwenden, sie in den Dienst von Dingen zu stellen, die mit Vernunft wenig zu tun haben? Die Frage, ob das Konstrukt »Aufklärung« überhaupt zukunftsträchtig ist, mag das über das Ziel hinausschießen, denn vieles von dem, was die Menschen vorangebracht hat, geht auf das Werk von Aufklärern zurück. Das Problem ist eher, was an dem von der Aufklärung vermittelten Menschenbild nicht zutrifft, was von verschiedenen Seiten kritisch hinterfragt wird: Ist es sozusagen untrennbar mit dem ökonomischen Liberalismus verbunden?Oder mit der Demokratie? Oder mit dem Kolonialismus, in dem die Kehrseite der Aufklärung, ihre dunkle Seite: die Ausbeutung und das In-Kauf-Nehmen von Unfreiheit und Unterdrückung, sichtbar wurde? Für die marxistische Kritik ist die Aufklärung nur eine Etappe auf dem Weg zum utopischen Sozialismus. Für Max Horkheimer und Theodor W. Adorno (1969 [1944]) ist die Aufklärung ein Projekt, das immer wieder aufs Neue vollzogen und verändert werden muss. Zu welchen Schlüssen kommt man, wenn man die Gedanken von Kritikern wie John Gray, Philipp Blom und Pankaj Mishra mit einbezieht? Immerhin sind auch deren Aufrufe zu Bescheidenheit bei der Einschätzung möglicher Erkenntnis und Selbsterkenntnis eine Form von Aufklärungstätigkeit, die freilich fordert, dass das erkennende Subjekt sich stets selbst als zwar erkennendes, aber gleichzeitig potenziell fehlbares einschließt. Wenn diese Autoren darüber schreiben, was mittels der Aufklärung nicht zu erreichen ist, wo ihre Möglichkeiten 11 Aufklärung der Aufklärung! 112 falsch eingeschätzt wurden und wo das aus ihren Prämissen abzuleitende Projekt nicht gelingen kann, dann gewinnen wir Bezugsgrößen und Ansätze, die uns weiterbringen können, indem wir jetzt das einführen, was die rationalistische, utilitaristische Aufklärung ausgelassen hat. Dabei stoßen wir auf die genannten Begriffe, die jeweils bedeutsame emotionale Bereiche des menschlichen Daseins benennen: das Bedürfnis nach Sicherheit, Zuwendung undLiebe, Zorn undHass, Stolz, Würde, Ehre, Geltung, Status, aber auch Angst, eingeschlossen die Angst vor dem Verlust solcher Merkmale. Es wird deutlich, dass hier der Mensch in seinen Gefühlszusammenhängen benannt und sein Recht gefordert wird, in diesen Bereichen seines Daseins ernst genommen zu werden. Auch das Bedürfnis zu glauben ist hier angesprochen sowie das Bedürfnis vom anderen erkannt und anerkannt zu werden und ihn als einen anderen zu erkennen. Da kann man sich freuen, dass es Psychologie und Psychoanalyse gibt. Der Teufel spielt in diesen Überlegungen nur scheinbar keine Rolle, denn man kann im Sinne des Johannesevangeliums eine Fülle von Anspielungen auf ihn entdecken. »Der Lügner und Mörder von Anfang an« (vgl. Joh 8,44), der den Menschen schaden will, wird nicht aus derWand springen. Er kommt nicht, auch wenn wir ihn an die Wand malen. Dennoch ist er schon da, eingewebt in die Wertsysteme, die uns täglich suggerieren, dass wir im Mangel leben, obwohl bei uns materieller Überfluss herrscht. Als Symbol lässt er sich ideal und geradezu universal einsetzen, eben auch als Lügner und Mörder, als derjenige, der für die Destruktion von Ausgleich und Zufriedenheit steht: »Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht, denn alles was entsteht, Ist wert, daß es zugrunde geht« (Goethe, 2014 [1808], Z. 1338–1340). Das gilt besonders fürMenschen, die ihreWichtigkeit und ihren Platz in derWelt überschätzen, die um ihres Vorteils willen die Zerstörung anderer in Kauf nehmen, die ihren Vorteil auch zum Schaden anderer suchen, die – wie man sagt – über Leichen gehen, bis hin zum wortwörtlichen Vollzug, die betrügen und lügen, die sich nichts und niemandem unterordnen, die kein Maß kennen. Solche Menschen sind jedem bekannt. Treiben sie es zu weit, landen sie nicht selten im Gefängnis. Sind das nicht Menschen, von denen man sagen kann, dass sie des Teufels sind? Der eigentliche Mangel liegt in den bis zur Unverbindlichkeit verwässerten ethischen Prinzipien. René Girard (2002 [1999]) müsste feststellen, dass die eine Gesellschaft ordnenden Prinzipien dem »mimetischen Begehren« in Form eines überbordendenKapitalismus zu erliegen drohen.Umdas aufzuhal- 11 Aufklärung der Aufklärung! 113 ten, müsste man sich von Zeit zu Zeit fragen, welchen menschlichen Schwächen man selbst erliegt.Wir sind es so sehr gewohnt, täglich aufsNeue verführt zuwerden, dasswir das imEinzelnen überhaupt nichtmehr registrieren.Diese»Teufel« sind sanfte Verführer, die in uns ständig neue Bedürfnisse wecken und uns suggerieren, was wir scheinbar brauchen, nicht, damit wir Konsumenten glücklicher werden, sondern damit durch Glücksvorstellungen Gewinne generiert werden. Diese Mechanismen sind uns zwar vertraut, aber wie viel manipulatives Kalkül dahintersteckt, ist für den durchschnittlichen Konsumenten kaum zu erkennen. Das Gefährliche daran ist die Hinterlist, Freundlichkeit und offenen Austausch vorzutäuschen, jedoch in Wahrheit kompromisslose Gewinnabsichten zu verfolgen. Freud wusste von den inneren Stimmen, mit denen der Mensch zu verführen ist und hat in einer Schrift Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert (1923d) ausgearbeitet, wie innere psychische Mechanismen die Gestalt scheinbar äußerer Instanzen annehmen. Freuds Neffe Edward Bernays kann als einer der Väter der Theorien über erfolgreiche Massenmanipulation durch sein Buch Propaganda. Die Kunst der Public Relations (2016 [1928]) gelten. 11 Aufklärung der Aufklärung! 114 12 Sigmund Freud und die Aufklärung Sehr häufigwird die Psychoanalyse als ein Produkt derAufklärung verstanden. Ihr Begründer Sigmund Freud war fraglos ein Mensch, der seine Vorstellungen vom Wesen derWelt und den Funktionsweisen der Psyche auf einen aufgeklärten Rationalismus gründete. Dessen Grundannahme lautet bekanntlich, dass die Welt, und auch die Psyche, wissenschaftlichemVerstehen zugänglich sei. An dieser Stelle muss sich freilich Kritik regen, und zwar von zwei Seiten: Die Psychoanalyse sieht sich selbst häufig dem Vorwurf des Obskurantismus ausgesetzt, also der Unwissenschaftlichkeit und Unbeweisbarkeit, indem sie beispielsweise von Karl Popper (2003 [1945]) als potenziell gefährliche Ideologie verkannt wurde. Zudem konnte sich Karl Jaspers (vgl. z.B. Bormuth, 2017) mit dem Menschenbild der Psychoanalyse, wo der Mensch als ein letztlich irrationales triebgesteuertes Wesen konzipiert worden ist, nicht anfreunden. Für Jaspers war derMensch wohl etwas Edleres. Freud, der Rationalist, hat der Menschheit ihr hartnäckiges Festhalten an Illusionen vorgehalten, das sich zum Beispiel in verschiedenen Glaubenslehren zeigt. Seine Theorie, seine Version von Aufklärung, ist an eine Schnittstelle platziert, die sich gleichzeitig auch als Kritik der Aufklärung liest. Freud hatte auf der einen Seite die Hoffnung, dass sich die Funktionsweisen des Psychischen in einer fernen Zukunft vor dem Hintergrund von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen erklären und noch Unbekanntes sich so auflösen lassen würde. Das ist zwar eine biologistische und rationalistische Position, die imGrunde von den meisten Wissenschaftsparadigmen geteilt wird, in seinem Denken ließ er dachte jedoch Spielräume. Dabei wird seine Lehre vom Unbewussten, das er auch als prinzipiell wissenschaftlich erklärbar verstand, bis heute nicht generell anerkannt. Jedoch hat Freud auch einen großartigen Beitrag zum kulturwissenschaftlichenVerständnis desMenschen geliefert, indem er denMenschen von vornherein als ein soziales Wesen konzipierte, das Gesellschaft schafft, Gesellschaft braucht und doch gleichzeitig auch lebenslang unter den Beschränkungen leidet, die dem Einzelnen von der Gesellschaft und der Kultur abverlangt werden, damit er gesellschaftsfähig sein kann. 115 Diese Schnittstelle hat schließlich noch eine dritte Seite, auf der Freud den Menschen auch als ein irrationales Wesen konzipierte, bei dem sich immer wieder eine Triebwelt handlungsleitend in den Vordergrund schiebt, deren Macht jenseits der Vernunft liegt, die nicht der Logik folgt, nicht dem Prinzip der Endlichkeit und Begrenzung, sondern diemaßlos sein kann in ihrenAnsprüchen und Vorstellungen von sich selbst und den eigenenMöglichkeiten. Freud sah den Menschen lebenslang in der Auseinandersetzung mit seiner egoistischen Triebwelt einerseits und den Ansprüchen der kulturellen Welt andererseits, die unter einen Hut gebracht werden müssen. Dabei wirken Eros und Thanatosmiteinanderundgegeneinander,derLebens-undderTodestrieb, ebenso wie derPrimär- undder Sekundärprozess als FunktionsprinzipiendesPsychischen im psychischen Apparat ihreWirkungsbereiche haben. Diese Funktionsprinzipien arbeiten auf unterschiedliche Weise: Während den Sekundärprozess Logik, Vernunft und Akzeptanz von Endlichkeit auszeichnen, gelten im Primärprozess Zeitlosigkeit und Grenzenlosigkeit, das Lustprinzip und das Nebeneinander von Widersprüchen. In seinemGedicht »Ecce homo«hat FriedrichNietzsche (1980 [1882]) diese faszinierenden und zerstörerischen Kräfte der Leidenschaft inWorte gefasst: »Ja! Ich weiß woher ich stamme! Ungesättigt gleich der Flamme Glühe und verzehr’ ich mich. Licht wird alles, was ich fasse, Kohle alles, was ich lasse: Flamme bin ich sicherlich« (ebd., S. 367). Das ist ein sehr poetisches Bild für die Flamme der Leidenschaft, die gleichzeitig zerstörerisch ist. Es ist diese Flamme, von der auch Freudwusste, wie von derNotwendigkeit, solcheKräfte zu bändigen, damit bei dem ewigen Spiel vonLiebe und Hass, Werden und Vergehen, Schaffen, Bewahren und Zerstören, die Menschen kulturelle Räume, Nischen von Kultur, der eigenen Natur abringen, wodurch sich Zivilisation ausbreitet, in der kulturelle Regeln entstehen. So ähnlich hätte das auch Arnold Gehlen (1956) formulieren können, aber Freud konzipiert den Menschen nicht nur wie ein Psychologe, Soziologe oder Naturwissenschaftler, sondern er hat dabei immer auch den Einzelmenschen, sein bewusstes und unbewusstes Innenleben und die ihn umgebende Gesellschaft im Blick. Bei ihm geht es um die Schaffung von Raum, und zwar von innerem Raum im gesellschaftlichen Raum, in dem es möglich wird, allmählich zu einer Person zu werden, 12 Sigmund Freud und die Aufklärung 116 welche die jeweiligen Möglichkeiten ihres Menschseins in einem gegebenen gesellschaftlichen Rahmen auszuschöpfen lernt. Dazu bedarf es der Gemeinschaft, der Kultur, der Zivilisation und der Entwicklung einer Balance von Freiheit und Abhängigkeit, denn umMensch zuwerden brauchtman den anderen von Beginn an, körperlich und geistig, als Muttermilch und Sprache, als Liebespartner und am Ende als Totengräber. Gewiss war Freud einerseits der rationalistische Aufklärer, der an die Stimme des Intellekts glaubte: »[D]ie Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat« (1927c, S. 377). In ferner Zukunft könne sie sich vielleicht Geltung verschaffen. Freud war durch und durch ein Wissenschaftler, der Dinge hinterfragte und sie verstehen wollte. Für ihn war der Wahrheitsgehalt der Psychoanalyse dasWesentliche und dieMöglichkeit, mittels ihrer Erkenntnisse psychische Leiden undKonflikte aufzulösen,mehr einNebenprodukt als ihr Hauptzweck. Freilich hat Freud von diesem »Nebenprodukt« seinen Lebensunterhalt in seiner Praxis verdient, aber es war der Forschergeist, der ihn antrieb, wissen, verstehen, analysieren zu wollen. »Sapere aude«, »Erkenne dich selbst« und »Triebverzicht schafft Kultur« sind Schlagworte oder vielleicht eher Leitprinzipien, welche die Verpflichtung zur Wahrheitssuche bei gleichzeitiger Bereitschaft markieren – wenn es ausreichend Gründe dafür gibt – eine einmal gewonnene Erkenntnis durch eine bessere, die einer Wahrheit nähere, gegebenenfalls zu ersetzen. Es besteht keinZweifel darüber, dass Freuddamit, auchwenner inderNeue[n] Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1933a [1932], S. 101) seine Trieblehre als seine Mythologie bezeichnete, sich gegen ein Eintauchen in denMythos aussprach. Er blieb ein aufklärungskritischer Aufklärer, der dieMenschen darauf hinwies, dass in ihremUnbewusstenKräfte wirken, diemit Vernunft und Rationalität wenig zu tun haben und durch die man sich selbst nicht endlich und begrenzt, sondern allmächtig und unsterblich wähnt. Menschen werden von Bedürftigkeit, Gier, Not oder Zorn angetrieben und die menschliche Triebnatur droht die dünne Kruste der Zivilisation ständig zu durchbrechen. Letzteres erscheint demzeitgenössischenPhilosophenundFortschrittsskeptiker John Gray als wichtigste Erkenntnis der Psychoanalyse. Für ihn gibt es keinen menschlichen Fortschritt, sondern nur das sich selbst überschätzende »Raubtier Mensch« (2015). Für ihn ist Fortschritt ein Mythos, der sich einordnen lässt in den Kanon der vielen Geschichten, die Menschen sich zu erzählen lieben und an die sie schließlich glauben. So gesehen handelt es sich bei Kulturen um Lebensund Glaubensgemeinschaften, die gemeinsame Grundüberzeugungen teilen und diese dabei in etwas, das sie »Transzendenz« nennen, verankern – und nicht in 12 Sigmund Freud und die Aufklärung 117 einem Diesseits. Damit versuchen sie diese Glaubenssysteme in einem weniger unzuverlässigen Bereich zu platzieren, der über die individuellen Unbestimmtheiten und Launen hinaus in ein Ewiges weisen soll. Hier lässt sich dann auch das tiefe menschliche Bedürfnis nach Spiritualität suchen, das den Menschen als ein Impuls eigen ist, über das Gegebene in Richtung eines Absoluten hinauszudenken. Dieses Bedürfnis kann sich nicht beschränken und lässt sich auch nicht beschränken, weder durch starre Dogmatik, noch durch den Kommunismus, noch durch rationalistische Aufklärung. Nicht nur Max Horkheimer und Theodor W. Adorno (1969 [1944]) haben in der Debatte um die Aufklärung kritische Akzente gesetzt, sondern eben auch Freud. Meinten Horkheimer und Adorno, dass die Aufklärung sich einem ständigen Erneuerungsprozess unterziehen müsse, um ihrem Ziel gerecht zu werden, hat Freud darauf hingewiesen, wie stark die Kräfte nicht nur in der umgebenden Gesellschaft, sondern auch in uns selbst wirken und wie sie es uns immer wieder aufs Neue schwer machen, aufgeklärt zu sein. Das ist eine unangenehmmoderne Perspektive, der man sich als sich aufgeklärt zu verstehender Bürger stellen muss. Massive Veränderungen finden in den westlichen Gesellschaften in den letzten Jahren statt und machen viele ratlos, nachdenklich, verstört. Öffentliche Diskurse verrohen, zentrale Elemente der Aufklärung wie Wahrhaftigkeit, Objektivität und Überprüfbarkeit von Fakten verlieren ihre Bedeutung. Die Ausbreitung dieser modernen Barbarei macht vielenMenschen Angst. Der Anglist undÖkonom Pankaj Mishra (2017) bringt die aktuelle Kritik der Aufklärung auf den Punkt: »Die verblüffenden Revolutionen unserer Zeit und unser Erstaunen über sie machen es erforderlich, das Denken wieder im Bereich der Triebe und Affekte zu verankern. Diese Umbrüche verlangen nicht weniger als eine radikale Erweiterung unseres Verständnisses dessen, was es heißt, ein Mensch zu sein« (ebd., S. 178). Der Humanismus der Aufklärung vermöge die Welt, in der wir leben, nicht zu erklären, schreibt Mishra. Gewiss können diese »Revolutionen« zwar nicht die Ursache, aber doch der Auslöser dafür sein, über den Humanismus und die Aufklärung erneut nachzudenken.Wenn JohannWolfgang Goethe (1783, S. 1317), der gewiss auch anders konnte, in der OdeDas Göttliche dichtete: »Edel sey der Mensch, Hülfreich und gut! Denn das allein 12 Sigmund Freud und die Aufklärung 118 Unterscheidet ihn, Von allenWesen, Die wir kennen«, hatte er trotz seines Spotts über den »kleine[n] Gott der Welt« (2014 [1808], Z. 281) zumindest indiesenZeilen seine typische aufgeklärt-humanistischeRechnung ohne den Menschen als Wirt gemacht, denn der Mensch kommt diesem Ideal immer nur in kleinen Ausschnitten seiner Existenz – und nur dann, wenn es ihm gut geht – nahe, oder als gedanklichem Idealtypus, den es halt nur als Typus gibt. Peter Kropotkin hatte damals noch nicht über die [G]egenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt (2018 [1902]) geschrieben und Gray noch nicht über das Raubtier Mensch (2015). Eine weitere Perspektive der Begrenztheit vonAufgeklärtheit und Erkenntnis trug der Ethnopsychoanalytiker Paul Parin (1977) bei: Unsere Erkenntnis- und Vernunftmöglichkeiten finden eine Begrenzung in dem, was die jeweiligen gesellschaftlich und kulturell vorgegebenen Normen verlangen. Zwar gibt es auch den Bereich des jeweils unabhängigen Denkens, in dem sich Neues formulieren und finden lässt, aber unsere psychischen Inhalte sind insgesamt kulturell vermittelt. In zwei starken, für Soziologen nicht unverständlichen, aber für Psychoanalytiker ketzerisch anmutenden Sätzen Parins (ebd.) liest sich das so: »DerMensch ist nicht Meister im sozialen Haus, sondern gehorcht bewußtlos den Imperativen sozialer Institutionen. Soll die Psychoanalyse dazu beitragen, daß drückende Sozialverhältnisse verändert werden, muß sie den Individuen dabei helfen, die Automatik unbewußt wirkender Anpassungsmechanismen zu brechen« (ebd., S. 481). Damit umriss Parin zugleich sein politisches Programm: Er wollte denMenschen helfen, mündig zu werden und sich ihrer Fesseln gewahr zu werden; nicht nur derer, die sie im individuell konflikthaften Unbewussten gefangen halten, sondern auch derer, die von sozialen Institutionen ausgehen. Damit soll nicht gesagt werden, dass Anpassungsmechanismen lediglich Fesseln sind. Tatsächlich können sie das Ich entlasten, Befriedigungserlebnisse bereitstellen und das Leben erleichtern. Wichtig war Parin der Umgang mit Identifizierungsvorgängen, denn man könne soziale Rollen auch einnehmen, wenn man nicht mit ihnen identifiziert sei. Ein pathologischer Zug zeige sich bei ihrem Gebrauch erst dann, wenn die Identifikation mit ihnen so zwingend sei, dass ihr Wegfallen den Protagonisten schwer beeinträchtige. Das sei als Zeichen dafür zu werten, dass die Rollenidentifizie- 12 Sigmund Freud und die Aufklärung 119 rung kompensatorisch eingesprungen sei. Die Psychoanalyse solle demMenschen nicht nur seine Verdrängungen bewusst machen, »sondern auch, welche Gewalten seiner Umwelt automatisch über ihn herrschen, weil sein Ich sich, zumeist unbewußt, über diverse Rollenmuster mit ihnen identifiziert hat« (ebd., S. 501). War Freud selbst eher ein rationalerCharakter, hat er doch gezeigt, welch gro- ße Rolle das Gefühlsleben spielt. Warum lieben wir Kunst? Warum entwickeln ein Gefühl für Ästhetik, für das Schöne, auch wenn es im Einzelfall ethnisch vorgeformt sein mag, zum Beispiel für Musik, Literatur, Tanz oder Theater in der darstellenden Kunst und für Malerei, Bildhauerei oder Architektur in der bildenden Kunst? Das sind kulturelle Schöpfungen, mit denen Menschen ihr Menschsein feiern, ihre Kreativität entfalten. Sie stellen sich unlösbare Fragen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn der Welt? Und sie sind miteinander verbunden über die Antworten, die sie sich geben. Wenn diese Antworten verbindlich für alle werden sollen, ergeben sich daraus Zwänge, die eine Gesellschaft formen. Dabei inspirieren religiöse und andere intensive Bindungen, zum Beispiel die Liebe oder intensiver Glaube, die Menschen zu den größten künstlerischen und anderen Leistungen. Sie geben ihr Bestes, wenn sie ergriffen sind. Sie schöpfen aus ihrem Unbewussten, sind schöpferisch, wie es nur Menschen sein können. Wovon sie jeweils ergriffen sind, ist eine andere Frage. Ein um einen Schrein herumgehender und dabei mit vergeistigtem Blick die Hände faltender Buddhist strahlt die gleiche Intensität des Glaubens aus wie ein in das Beten des Rosenkranzes versunkener Christ. Ein tiefgläubiger Künstler mag die Qualität seines gestalterischen Schaffens steigern können, indem er seiner Frömmigkeit einen besonderen Ausdruck verleiht. Jedoch ist auch ohne Religion, ohne Glauben, eine ähnliche Intensität des künstlerischen Schaffens möglich. Dabei können jeder stark affektiv, libidinös oder auch aggressiv besetzte Antrieb und Wunsch oder jede Thematik die Menschen so ergreifen, dass sie ihr Leben darauf zentrieren und sich dieser Sache, ihrer Aufgabe, die sie als Sendung empfinden, widmen. Natürlich kennen wir auch den einsamen Kampf, das Ringen um die künstlerische Aussage oder um ein anderes entsprechend wichtiges Ziel als subjektiv intensiv erlebte Zustände, die uns zurückführen an einen der Ausgangspunkte meiner Ausführungen, nämlich das Primat der Emotionalität als Movens für Absichten undHandlungen. Aus dieser Perspektive erscheint, ähnlich der Fähigkeit zur Hingabe und Leidenschaft, die Rationalität als einMittel zu denZwecken, die uns inWirklichkeit antreiben und motivieren, und nicht als der Zweck selbst. Auch wenn wir uns selbst immer ein Rätsel bleiben werden und niemals alles von uns verstehen werden, wollen wir uns doch auf diverse Weisen fühlen: als 12 Sigmund Freud und die Aufklärung 120 gut, als geliebt, als ganz wir selbst. Diese Widersprüche müssen wir bewältigen, denn weil wir so stark in die uns umgebende Gesellschaft eingebettet sind, sind wir doch ein Teil von ihr, so wie sie ein Teil von uns ist. Es gibt noch weitere schwierige Lebensaufgaben, denn seit jeher fällt es uns sehr schwer, an den Tod zu denken, von dem wir zwar wissen, dass er kommen wird, gegen den aber unser Gefühl des nicht Endlichen, des Kontinuums im Sein, im Widerspruch zu stehen scheint. Wenn man dem Leben nicht seinen Lauf lassen will, ohne den Tod zu bedenken (wenn man dazu überhaupt in der Lage ist), muss man eine Haltung dazu finden. Nur am Rande sei darauf hingewiesen, dass der Tod seit jeher, gerne auch im Verein mit dem Teufel, als Angstbild gedient hat, um Menschen willfährig zu machen. Dir Kirche hatte Lösungen, die ewige Verdammnis abzuwenden. Zum Beispiel dürfen die schönen Bilder mit veritablen Teufeln in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier auf der Klaviatur der Angst vor dem Tod gespielt wird. Schließlich wussten sowohl die Künstler als auch ihre Auftraggeber, dass Menschen mit dem Ansprechen der »letzten Dinge« im höchstenMaße emotional bewegt werden können und dass diese Fragen alleine mit Verstandesmitteln nicht lösbar sind. Das Verhältnis zu sich selbst, auch in Bezug auf das Ende des Lebens, das hier nur angedeutet werden soll, ist vielschichtig und hat eine unbekannte, unbewusste Seite, weil wir für uns selbst Fremde sind und bleiben, ob wir das gutheißen oder nicht (Kristeva, 2001). Wir sind Wesen voller Zwiespalt, können das Ende des Lebens kaum denken und erfinden daher ein Leben nach dem Tod.Wir wollen recht haben und davon möglichst mehr als viele andere. Und wenn wir auf die anderen herabblicken, wollen wir nicht, dass es Besserwisserei genannt wird, sondern es soll uns das Gefühl von Rechtschaffenheit vermitteln. Erst über den Umweg der Einsicht auch in eigene, weniger schmeichelhafte menschliche Antriebe erwächst die Chance, Änderungen im Sinne von Aufklärung zu erreichen, die mehr ist, als nicht mehr an den Donnergott zu glauben. Es soll gelten, den Wunsch nach Befriedigung und Zufriedenheit als Triebfeder anzuerkennen, wobei wir unsere Neigung in Kauf nehmen müssen, uns zu erhöhen und es mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nehmen zu wollen. Wennman sich dieser Art vonDenken aussetzt, müssen damit nicht Ziele wie Wahrhaftigkeit suspendiert werden, im Gegenteil. Es bedeutet geistig-seelische Arbeit und – um einen derzeit gerne verwendeten Begriff aus der Entwicklungspsychologie aufzugreifen –Mentalisieren auf allen Ebenen, verbunden mit dem Glauben daran und der Hoffnung darauf, dass dadurch die Einsichtsfähigkeit gestärkt, aber die Genussfähigkeit nicht verringert wird. Es gilt, dem Bedürfnis etwas glauben zuwollen und auch glauben zu können, nachzugeben, aber verbun- 12 Sigmund Freud und die Aufklärung 121 den mit der Bereitschaft, es auch gegebenenfalls wieder zu verändern. Menschen erzählen sich gerne Geschichten – über Religion, Philosophie und letztlich auch Wissenschaften. Letztere lassen sich fundieren, die anderen nur glauben. Der ungläubige Thomas ist eigentlich ein Held des neuen Testaments, weil er es gewagt hat, zu hinterfragen (Joh 20,19–29). Heutzutage hätte er vermutlich herausfinden können, dass die Geschichte von der Auferstehung und der Wiederkehr des lebendigen, zuvor gekreuzigten Jesus auf ErdenUnsinn seinmuss.Wenndas nicht ein Beweis für Fortschritt ist. Um gleich wieder einige Zweifel zu streuen: Am 8. Dezember 2018 ging die Meldung durch die Presse, dass in den USA ein Mann verhaftet worden sei, weil er öffentlich verkündet hatte, es gebe keinen Weihnachtsmann. Drei Tage zuvor war, ebenfalls im gelobten Land der westlichen Moderne, eine Lehrerin entlassen worden, die ihren Kindern erzählt hatte, dass es den Weihnachtsmann nicht wirklich gibt. Da muss man sich nicht darüber wundern, dass es in »God’s own country«Millionen vonMenschen gibt, die davon überzeugt sind, dass die Erde erst vor etwa 6.000 Jahren vonGott erschaffen wurde. Angesichts des heutemöglichenWissens kommt die Verbreitung dieser »Überzeugung« der Kreationisten bewusstem Lügen sehr nahe. Für gläubige moderne Christen, welche die Existenz der Dinosaurier vor mehrerenMillionen Jahren nicht leugnen, müsste soviel Ignoranz streng genommen unter den Begriff der Sünde fallen. Mir als Kriminologen liegt es näher, das als Verbrechen gegen die Wahrhaftigkeit zu bezeichnen. In der Sprache der Bibel tritt hier der Teufel wieder auf die Bühne. Ist er nicht »der Lügner von Anfang an« (Joh 8,44), der sich einen Dreck um Objektivität schert? Mit den so erkennbaren Widersprüchen und den berechtigten, aber nicht grundsätzlichenZweifeln an der Aufklärung sindwir in derGegenwart angekommen. Um es mit einem Rückgriff auf den Teufel zu sagen: Dass es ihn für viele MillionenMenschen immer noch »gibt«, ist geradezu ein Beweis dafür, wie viel Angst vor den Frösten der Freiheit auch des Denkens existiert. Das Höllenfeuer ist eine Angstquelle, deren Verwendung durch die Mächtigen und deren Handhabung zur Manipulation von Mitmenschen lange Traditionen haben. Man hat Regeln erfunden, mit deren Hilfe die Gläubigen sich retten konnten, damit sie nicht vom Höllenfeuer verschlungen werden. Ein wenig aufregende, wärmende und erregendeNähe zumTeufel in Verbindungmit demVersprechen der Rettung für den Fall, dass man den Schoß der Kirche nicht verlässt, ist doch vielen Menschen stets ein tröstlicher Gedanke gewesen – und daher nicht nur unangenehm. Es gibt Rettung, jeder Mensch kann die Kurve im Ernstfall noch kriegen. So sparen sich viele lieber einenTeil desNachdenkens und versuchen, ihrenWissens- 12 Sigmund Freud und die Aufklärung 122 durst zu stillen, ohne dass ihre Fragen einen angstbesetzten und strafbewehrten Kanon tangieren könnten und damit unangenehm berühren und den Fragesteller von seinen gewohnten Kreisen und denjenigen mächtiger Kritiker entfernen könnten. AlsWarnung kann hier der italienischer Priester, Dichter, Philosoph und Astronom Giordano Bruno dienen, der dem Feuer zu nah gekommen war, das ihm allerdings nicht der Höllenfürst bereitete, sondern die Wächter der Inquisition. Er wurde der Ketzerei und Magie für schuldig befunden und starb 1600 in Rom auf dem Scheiterhaufen. »Initium sapientiae timor Domini« heißt es in Psalm 111,10: »Der Anfang der Weisheit ist die Furcht vor dem Herrn«, nicht etwa das mühevoll dem Leben abgerungene Wissen. Auf dieser Grundlage ist es leicht, sich gehorsam zu fügen. Und falls man sich nicht auf den dazugehörigen Herrn berufenwill, finden sich womöglich genügend seiner Stellvertreter, die nur darauf warten, dass man sich ihnen unterordnen will. ImmanuelKant schrieb in seinemberühmtenEssayWas istAufklärung? (1999 [1784]): »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! HabeMut, dich deines eigenenVerstandes zu bedienen! ist also derWahlspruch der Aufklärung« (ebd., S. 20 [kursive Hervorheb. im Orig.]). So gesehen ist es eine zwar selbst verschuldete, aber – noch wichtiger – eine selbst gewollte Unmündigkeit, eine aktive Entscheidung dafür, was in demWort »Entschließung« enthalten ist. Giordano Bruno wurdeOpfer der Teufel, der Inquisitoren, die ihn verbrannt haben.Hätteman es ihm verübeln können, wenn er, wie zum Beispiel Galileo Galilei, widerrufen hätte, um seine Haut zu retten? Nur wenigeMenschenwerden nichtweich, wenn es umdas eigene Leben geht.Glaube ist aus dieser Perspektive das, was denen, die das Sagen haben, nützt; Aberglaube ist das, was ihnen vielleicht schaden könnte. Der soziale Aspekt des Ausbleibens von Aufklärung besteht darin, dass die Wahrheitssuche nicht nur gegen die eigenen Vorurteile erkämpft werden muss, sondern meistens gegen eine machtvolle und leider nicht schweigende Mehrheit, die sicher blind sein mag, die aber über die Mittel verfügt, sich durchzusetzen und zu behaupten.Wie wohltuend war da die Konsequenz der Aufklärung, dass sich eine Alternative auftat in Form von 12 Sigmund Freud und die Aufklärung 123 Wissen, das zwar Macht bedeutete, dessen Inhalt aber jenseits der Machtfrage zu beantworten war, nämlich über den Versuch, Objektivität und Wissenschaftlichkeit entscheiden zu lassen. Freilich scheint sich derzeit die Waage wieder in Richtung der Machtfrage zu neigen, weil man versucht, Lügen als »alternative Wahrheiten« zu verkaufen, aber die Hoffnung ist nicht unbegründet, dass es nicht soweit kommt. Auch ein Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika kann nicht 250 Jahre Erkenntnisarbeit ungeschehen machen. 12 Sigmund Freud und die Aufklärung 124 13 Aufklärung und Ressentiment Dennoch kann kein Zweifel darüber bestehen, dass von Irrationalität als Wahrheitsersatz bzw. als Ersatz fürWahrheitssuche ein starker Reiz ausgeht. Der in den USA lebende russische Kulturhistoriker und Zeichentheoretiker Michail Jampolsky hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2014) einen interessanten Gedanken formuliert, den er zwar auf die russischeGesellschaft und ihren Führer Wladimir Putin münzt, der aber auch in vielen weiteren Zusammenhängen von unangenehmer, gegenwärtiger Aktualität ist: Es geht um die leichtsinnige und unbedachte Suspendierung der Suche nachWahrheiten im Sinne von Akzeptanz von Umständen, die dem eigenen Horizont des Gewünschten eher fernliegen, wobei die Bereitschaft zur eingehendenPrüfung vonTatsachen undArgumenten, und gegebenenfalls zur Änderung vorhandener Auffassungen, aufgegeben wird. Jampolskys Gedanke ist, dass das Gefühl eigener Machtlosigkeit dazu verführt, einen »Aufstand der Imagination gegen die Wirklichkeit« (ebd.) zu vollziehen. Er bezieht sich dabei auf FriedrichNietzsches Erörterungen zur»Sklavenmoral« der Machtlosen in Zur Genealogie der Moral (1999 [1887], S. 247–412). Nietzsche bezeichnet das Ressentiment alsMerkmal derMoral von Sklaven, die infolge ihrer Lebenssituation die Welt in keiner Weise verändern können« (Jampolsky, 2014) und sich nur durch eine imaginäre Rache schadlos halten könnten. Diese imaginäreRache ist eineArt Schlüsselbegriff, der hervorragend auf einige Phänomene derGegenwart zutrifft:Die vorschnelle Bereitschaft zum generalisiertenVorwurf der »Lüge« anAndersdenkende, die grundsätzlicheAuflehnung gegen sogenannte »Mächtige«, denen man unterstellt, dass sie grundsätzlich zum Betrug gegen die »Machtlosen« neigen und dazu von gefälligen Medien Gebrauch machen (»Lügenpresse«) oder die Erhebung des Vorurteils zur – auch politischen – handlungsleitenden Kategorie, zum Beispiel das Erstarken von rechtsnationalistischer Hetze. Rassismus läuft auf generelle Ablehnung und Diskriminierung von Fremden hinaus und soll als Erklärungsmodell für gesellschaftliche Probleme herhalten. Sogenannte Denkzettel-Wahlen gegen demokratische Parteien, welche die Schwächen der Demokratie beängstigend deutlich werden lassen und der Verzicht auf Prüfung von sich verbreitenden Gerüchten lassen einen Mangel an 125 Denkfähigkeit erkennen. Das ist der gegenwärtige Aufstand der Imagination gegen die Wirklichkeit, der heute mehr Anteile von destruktiven Akten aufweist als Jampolsky beschrieb, der darin Ähnlichkeiten mit einem schöpferischen Akt festzustellen meinte: »Der Sklavenaufstand in der Moral beginnt damit, dass das Ressentiment selbst schöpferisch wird und Werte gebiert. […] Während alle vornehme Moral aus einem triumphierenden Ja-sagen zu sich selbst herauswächst, sagt die Sklaven-Moral von vornhereinNein zu einem ›Außerhalb‹, zu einem ›Anders‹, zu einem ›Nichtselbst‹: und dies Nein ist ihre schöpferische Tat« (Nietzsche, 1999 [1887], S. 270). Die derzeitig zu beobachtende Renaissance autoritärer Werte verneint allerdings den Freiheitsbegriff selbst und damit solche Werte, durch die es erst möglich wird, unabhängig zu denken. »Diese Umkehrung des werte-setzenden Blicks – diese notwendige Richtung nach außen statt zurück auf sich selbst – gehört eben zum Ressentiment: die Sklaven-Moral bedarf, um zu entstehen, immer zuerst einer Gegen- und Außenwelt« (ebd.) und schafft damit erst nach Abhängigkeit suchende Sklaven. Ihren überindividuellen Wert erhält die Sklavenmoral dann, wenn sie von einflussreichen Personen gebündelt wird. Erst dann kann aus der »Sklavenmoral« ein »Sklavenaufstand« hervorgehen. Diese Bündelung ist die Aufgabe von Verführern und Populisten. Gewiss ist der Begriff zu relativieren, aber es macht Sinn, die Idee der Macht des Ressentiments zu verfolgen, wenn man in Jampolskys Artikel die Namen austauscht und durch die der heute erfolgreichen Verführer ersetzt und derenWeg an die Macht verfolgt. Die Prinzipien des von Philipp Blom (2017) erwähnten Buchs Propaganda. Die Kunst der Public Relations (2016 [1928]) von Edward Bernays lassen sich sowohl für die politische Manipulation zur Zerstörung demokratischer Institutionen als auch zu ihrer Erhaltung einsetzen, denn Bernays schreibt zu Beginn des ersten Kapitels »Die Ordnung des Chaos«: »Die bewusste und intelligenteManipulation der organisiertenGewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Wer die ungesehenen Gesellschaftsmechanismen manipuliert, bildet eine unsichtbare Regierung, welche die wahre Herrschermacht unseres Landes ist. Wir werden regiert, unser Verstand geformt, unsere Geschmäcker gebildet, unsere Ideen größtenteils von Männern suggeriert, von denen wir nie gehört haben. […] In beinahe jeder Handlung unseres Lebens, ob in der Sphäre der Politik oder bei Geschäften, in unserem sozialen Verhalten und unserem ethischenDenkenwerdenwir 13 Aufklärung und Ressentiment 126 durch eine relativ geringe Zahl an Personen dominiert, welche die mentalen Prozesse und Verhaltensmuster der Massen verstehen. Sie sind es, die die Fäden ziehen, welche das öffentliche Denken kontrollieren« (ebd., S. 11). Über diese Zusammenhänge hatte auch schon Antonio Gramsci nachgedacht (vgl. Gefängnishefte [1991–2002 (1948–1951)]). Eine der bevorzugten Techniken Bernays zur Manipulation der öffentlichen Meinung war die indirekte Nutzung prominenterDritter: »Wennman die Führer beeinflussen kann, entwedermit oder ohne deren bewusste Zusammenarbeit, beeinflusst man automatisch deren Gruppe« (Bernays, (2016 [1928], S. 50). Diese Verknüpfungen waren sowohl demKapitalistenBernays als auch demKommunistenGramsci bekannt, der überlegt hatte, wie eine kommunistische Gesellschaft gewaltfrei zu gründen sei. Bereits der »lange Marsch durch die Institutionen«, welcher der antiautoritären Bewegung der 1960er und 1970er Jahre vorschwebte, sollte einen gewaltfreien Weg markieren. Heutzutage lässt sich allerdings beobachten, wie auch in der eigentlich demokratischen Europäischen Union Gruppen nach Macht streben, die sich demokratische Prinzipien nicht zu eigen gemacht haben (von der demokratischen Überzeugung des derzeitigen Präsidenten der USA ganz zu schweigen). Vorzugsweise handelt es sich dabei um antiliberale, antidemokratische und antiintellektuelle Personen,meistmachohafteMänner, die sich demokratischen Prinzipien nicht unterwerfen. Silvio Berlusconi hätte gut zu ihnen gepasst, weil auch er sich keinen übergeordneten, zum Beispiel demokratischen, Prinzipien hatte unterordnen wollen. Zu diesen Grundsätzen gehört unter anderem die demokratische Kontrolle von Herrschaft und Gewaltenteilung als grundlegendes Prinzip einer Gesellschaftsordnung, die inzwischen in vielen Ländern (z.B. in Russland und in der Türkei) bedroht ist. Der aktuelle Präsident der USA, Donald Trump, bewegt sich in dieselbe Richtung. Solche Führer müssenMacht demonstrieren, sonst können sich die Machtlosen nicht mit ihnen identifizieren. Sie sind objektiv gesehen keinesfalls machtlos, aber sie müssen Macht anhäufen, um sich nicht doch zu klein, zu schwach zu fühlen. Sie streben so lange nach Macht, bis sie die Welt beherrschen. Dazu müssen sie den Menschen etwas nehmen, das zum Wertvollsten gehört, das sie haben: die Gabe, den eigenen Verstand selbstständig zu gebrauchen. Sie müssen die Menschen bearbeiten und können dabei auf Methoden zurückgreifen, die etwa die Kirchen schon lange anwenden: Das Denken verbieten, das Glauben fordern. Credo quia absurdum est (Ich glaube, weil es unvernünftig ist), ist ein geflügeltes Wort im Diskurs der christlichen Theologie. Man kann mit dem Tod 13 Aufklärung und Ressentiment 127 drohen, falls sich jemand entziehen will. Auf die inneren Prozesse bezogen lässt sich das als »Dementalisierung« (Möhring, 2014) bezeichnen, wozu Demagogie, Manipulation und das Ausnutzen von persönlichen Schwächen im Sinne unbewusster Fixierungen dienen. Dabei ist die begriffliche Nähe zu »Demenz« durchaus erwünscht. Die Schwächen der Manipulierten resultieren teilweise aus ihrem Gefühl der Machtlosigkeit, ihrer »Sklavenmoral«, die sie anfällig macht für Formulierungen wie »gegen die Mächtigen« oder »gegen mächtige Feinde des Landes oder »gegen mächtige Feinde der Religion« usw. Man kann die Arbeit derMächtigen auch und treffendmit Jampolsky (2014) als »Entwirklichung« bezeichnen, im Sinne von »Entkernung«, bei der einer Sache das Innere genommen wird. Die Fassade bleibt, aber das Innere besteht nicht mehr. Die Rhetorik bleibt, aber die Wirklichkeit als Bezug ist nicht mehr leitend oder gar verpflichtend. Es wirkt zersetzend, eine Gesellschaft zerstörend, wenn der Realitätsbezug und somit auch der Wahrheitsbezug nicht mehr gelten, weil dies Tür und Tor öffnet für die Legitimierung jedweder Manipulation. Den Menschen wird das Denken und die Vernunft genommen, und jedes Gefühl als wertvoller hingestellt, egal, worum es geht. Daraus resultiert der postfaktische Diskurs, in dem die Bedeutung der Suche nach der Wahrheit einer Aussage hinter ihren Effekt auf eine Gruppe, die man beeinflussen möchte, zurücktritt. Dies steht in krassem Gegensatz zu einem demokratischen und aufklärerischen Diskurs, bei dem mittels belegbarer Fakten Schlussfolgerungen gezogen werden. In einem postfaktischen Diskurs kann gelogen oder abgelenkt werden, ohne dass dies das Zielpublikum stört. Entscheidend ist dann nur noch, ob die angebotenen Erklärungsmodelle eine ausreichend starke Nähe zur Gefühlswelt haben. Diese Formen der Argumentation hat es schon immer gegeben, aber die völlige Schamlosigkeit, mit der nach diesem Muster in der Politik verfahren wird, dürfte ein seit demZweitenWeltkrieg neues Phänomen sein, vielleichtmit Edward Bernays, dem Neffen Sigmund Freuds, als Vordenker, der offenbar sehr viel von Manipulation verstand (vgl. Bernays, 2016 [1928]). Die heutigen scheindemokratischen Führer sind herausragende Repräsentanten dieser Richtung. Sie binden ihre Anhänger mit Emotionen undmachen auch vor der totalen Lüge nicht halt, die bei den Anhängern, und vielleicht auch bei den Exponenten der Lügen, den Glauben an die eigenen Phantasmen erzeugt und unterhält. »Wollt ihr die totalen Lügen?«, wird das Volk gefragt. Auf diese Weise um sich greifende Illusionen machen noch unfähiger, echte Probleme zu bewältigen. Ein Grundcharakter des Glaubens ist, vorliegende Beweise zu ignorieren, wenn sie mit der vorgebildeten Meinung nicht übereinstimmen. Ein Glaube ist 13 Aufklärung und Ressentiment 128 eine Art in der Kindheit eingepflanztes Vorurteil. Daraus resultierende Vorurteile im Erwachsenenalter sind leider sehr schwer zu bekämpfen, wenn sie als solche nicht erkannt werden. Seit der Aufklärung sei die gläubige Überzeugung vieler Menschen als gesellschaftlich bestimmende Kraft zum großen Teil verloren gegangen, ist eine häufig vertretene Auffassung. Tatsächlich haben die naiv geglaubten Überzeugungen der Kindheit es jedoch bei Weitem nicht so schwer, ihre bleibende Wirkung zu behalten. Sie treiben, einmal verdrängt, ihr Unwesen in den Seelenweiter. So bleiben sie zumBeispiel imRessentiment lebendig, gegen das kein vernünftiges Kraut gewachsen ist. Ein interessanter und zugleich sehr gefährlicher Begriff Jampolskys (2014) ist »Entwirklichung«, der Zerstörung verheißt, denn er meint die Tilgung des Unterschieds zwischen der aufrichtigen Bemühung umWahrheit und der bewussten Lüge, zwischenWahrheitssuche undManipulation, zwischen demAnspruch von Wahrhaftigkeit und dem Wunsch, Dinge passend zu machen. Vor dem Hintergrund des weltweit erstarkenden politischen Rechtspopulismus ist zu ergänzen, dass dieser Aufstand auch von denjenigenMächtigen vollzogenwird, die glauben, mithilfe ihrerMacht der Lüge zurAdelung alsWahrheit verhelfen zu können. Auf diese Weise korrespondieren die nach starken Führern suchenden und sich mit ihnen identifizierenden Ohnmächtigen mit jenen grandiosen, von der eigenen Machtbesessenheit korrumpierten Mächtigen. Dafür stehen heutzutage gewählte Führer wie Recep Tayyip Erdoğan, Wladimir Putin, Donald Trump, Rodrigo RoaDuterte sowie JairMessias Bolsonaro, deren (durchaus demokratische)Wahl nicht eben als Zeichen für die Besonnenheit ihrer Wähler betrachtet werden kann. Und leider kommen ständig neue Protagonisten hinzu. Dabei ist »Wahrheit« ein großesWort, und wer sich Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Diktum von der fortgesetzten Verpflichtung zur Fortführung immer neuer Bewegungen der Aufklärung über sich selbst in immer neuen Spiralbewegungen hinaus zu eigen macht, die sie in Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (1969 [1944]) beschreiben, für den ergibt sich daraus eine Selbstverpflichtung zur Wahrhaftigkeit, zur intellektuellen Redlichkeit, zur Wahrheitssuche.Wennmandem folgt, hat jedeWahrheit nur solangeBestand, bis sie nach genauer und vorurteilsfreier Prüfungwiderlegtwird. EwigeWahrheit gibt es nicht, ebenso wenig wie sogenannte Glaubenswahrheiten und Glaubenstatsachen. Das sind Wortschöpfungen, die so viele Widersprüche in sich beinhalten, dass sie zumindest in der westlichen Welt zunehmend infrage gestellt werden (vgl. z.B.Der Spiegel, 2019). Es ist keinWunder, dass Dogmen wie die unbefleckte Empfängnis, die leibhaftige Himmelfahrt Mariens oder die Auferstehung und Himmelfahrt Christi von immer mehr Menschen als intellektuelle Zumutung 13 Aufklärung und Ressentiment 129 betrachtet werden, so, wie im 19. Jahrhundert Friedrich Schleiermacher (1995 [1820/1821]) sein Votum gegen eine faktische Realpräsenz des Teufels eingelegt hatte. Sehr weit geht es jedochmit demWunsch nachObjektivität dann doch nicht. Wie viele Menschen waren bei Donald Trumps Inauguration dabei? 250.000, 500.000 oder, wie er selbst behauptet, 1,5 Millionen und damit mehr als jemals bei einer anderen Vereidigung eines US-Präsidenten? Es gibt genügend Video- Material, dasman zumnachzählen verwenden könnte.Und es könnte sich herausstellen, dass dieMedien untertrieben haben und dassTrump grandios übertrieben hat. Redliche Menschen würden das fordern, dieser Präsident jedoch erfindet »alternative Fakten«alsAntwort,womit er sich zwar bei denen lächerlichmacht, die wissen, dass es diese nicht gibt, er aber Zuspruch von denjenigen erhält, die es mit der Wahrheit ohnehin nicht so genau nehmen, wenn sie nicht dem eigenen Vorteil dient. Damit befindet er sich in Gesellschaft der unzähligen undemokratischenMachtmenschen, welche die Geschichte gesehen hat. In der postfaktischen Zeit ist man es leid, auch nur zu versuchen, objektiv zu sein; und Leute, denen Skrupel fremd sind, selbst wenn die Balken von ihren Lügen schon krachen, dienen als Vorbild. Sie machen Schule, sagt man. Der Satz »Der Teufel ist ein Lügner von Anfang an« (Joh 8,44), aus dem Johannesevangelium kann helfen. Jesus hat nicht nur Teufel ausgetrieben, wie auch immer er das getan haben mag, er hat sich auch gegen die Lüge an sich gewandt, für die jeder verantwortlich ist. Mögen auch die Geschichten über die drei vergeblich gebliebenen Versuchungen des Teufels heute albern wirken, haben sie in ihrem Kern als Substanz die Suche nach derWahrhaftigkeit. Man kann irren, aber auch in der Absicht lügen, sich einen Vorteil zu verschaffen. Dort, wo das geschieht, findet man heute im übertragenen Sinne Orte des Teufels. Moralität ist kein Selbstzweck. Moralisch, und damit letztlich auch pragmatisch, weil den Menschen dienend, ist es, nachWahrhaftigkeit streben. Das Lebenwird letztlich doch einfacher, wenn weniger Lügen verbreitet werden. Es gibt immer einen politischen Aspekt von Wahrheiten, auch wenn sie unerfreulich sind, in dem Sinne, dass Einsichten, wie evident sie auch sein mögen, Anreize für den Einzelnen haben müssen, um sich etablieren zu können. Wahrheiten sollen nicht nur sinnvoll, sondern auchTräger von etwas Begehrenswertem sein. Freilich dürfen sie nicht zu unbequem sein, also in ihrer Konsequenz keinen Verzicht fordern, um eine Chance zu haben, sich durchzusetzen. Illusionäre Politiker verwenden eine Anti-Verzichts-Rhetorik derzeit wie einMantra, um sie wirklichkeitsfremden Wählern einzureden: Niemand soll sich bescheiden müssen, niemand braucht auf Wohlstand usw. zu verzichten. Dabei vergeht kein 13 Aufklärung und Ressentiment 130 Tag, an dem die westlichen Länder nicht wegen ihrer maßlosen Ressourcen-Verschwendung und ihres Konsums, der die Umwelt zerstört und meist auf Profit und Bequemlichkeit ausgelegt ist, zu Recht kritisiert werden, wobei kritische Stimmen aus den eigenen Reihen diese Verhaltensweisen selbst an den Pranger stellen. Früher waren es die Religionen, die Maßlosigkeit, Gier, Neid und auch die übrigen »Todsünden« verdammten und mit Höllenstrafen versahen. Sie gaben denTeufelnNamen, die eine Bedrohung für die ausgleichendenKräfte der Zivilisationen darstellten. Es waren jedoch seit jeher dieMenschen selbst, die Teufel im Leib hatten in Form ihrer egoistischenTriebe und egozentrierten Leidenschaften. Erst Freud musste uns zeigen, dass wir mehr Spielbälle unserer Triebwelt, unserer Leidenschaften, Bösartigkeit und überheblicher Einbildung sind als Herren unserer selbst oder sogar die Herren derWelt. Heute treten an die Stelle ehemaliger religiöser Lehrgebäude gesellschaftliche Bewegungen, deren Besinnung auf die Natur und das drängende Bedürfnis nach der Bewahrung derWelt für dieMenschen derGegenwart und der Zukunft sicher religiöse Aspekte beinhalten. Sie mögen das Gute, das Religion auch verkörpern kann, aufnehmen, jedoch sind die Inhalte, die sie vertreten, keine Religion mit autoritärer Dogmatik. Eine Voraussetzung für Zivilisation ist die Bereitschaft des Einzelnen, zwar seine eigenen Interessen zu vertreten, sie aber nicht zum Absolutum zu machen in dem Sinne, dass er seinem Ich alles andere unterordnet (z.B. die Gesellschaft, die Gesetze usw.) und er darauf verzichtet, so zu tun, als wäre er der Stärkste überhaupt, dem sich nichts und niemand erfolgreich in den Weg stellen kann. Nach dieser Definition sind dieMaulhelden, die sich pseudologisch Demokraten nennen, unzivilisierteMenschen, die nachHerrschaft streben – koste es was es wolle. Sie benutzen demokratische Regeln, um sich Bedingungen zu verschaffen, mit denen sie diese außer Kraft setzen und unkontrollierte Alleinherrschaft errichten können. Sie tragen Gewalt und Lügen in sich und wollen herrschen. Aus dem Blickwinkel der Geschichte betrachtet ist Zivilisiertheit ein eher seltenes Gut. In der heutigen Zeit sind zumindest wir Westeuropäer durch den langen Frieden derNachkriegszeit verwöhnt.Wir kennen dieGefahren autoritärerHerrschaft nicht mehr und wissen nicht, wie schnell sie sich gegebenenfalls bis zu einem Punkt entwickeln können, an dem es schon zu spät ist, um sie noch zu verhindern. Man braucht sich jedoch nur die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zu erinnern, um der Barbarei ins Gesicht zu blicken. Es waren gewalttätige, böse Kräfte, die sich in den letzten beiden großen Kriegen so reichlich an den Zivilisationen bedient haben. Sind die Bedingungen günstig, findet das Böse überall 13 Aufklärung und Ressentiment 131 und in JedemNahrung. Die Bereitschaft, die vorhandeneMoral zu suspendieren, steigt mit den Gelegenheiten. Der Blick zurück auf die Zerstörungen mag nach 1945 schockiert haben. Heute erschüttert es uns eher, wenn Menschen, die nur in Friedenszeiten gelebt haben, äußern, dass ein politischer Mord alle zwei bis drei Jahre doch nichts Außergewöhnliches sei, und das umso mehr, wenn wenige Monate später in Deutschland weitere politische Morde geschehen. Wo ist das Bewusstsein dafür geblieben, dass jedes Gewaltverbrechen, jeder Mord, aus welchen Gründen auch immer, zu verurteilen und daher überflüssig ist im Sinne einer grundsätzlichen Verletzung menschlicher Grundrechte? Die Gefährdung des Rechts auf Leben wurde nicht nur durch die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke am 2. Juni 2019 offenkundig. Die Ermordung von Andersdenkenden oder Widersachern war in der Geschichte schon lange Praxis, wie die Studie von Ford (1990) zeigt. Der streitbare Philosoph und Publizist Theodor Lessing hat vor einem Jahrhundert in seinem Gedicht Das Unglaubensbekenntnis (1924) eine knappe Formulierung des Problems des gewalttätigen Bösen gefunden, es auf die Religion gemünzt und dabei keine Rücksicht darauf genommen, ob seine Einsicht unbequem sei. Im Gegenteil, er hat es darauf angelegt, zu provozieren und das Böse ganz traditionell mit dem Teufel gleichgesetzt, der als König der Lüge gilt. Wie für einen Refrain ist darin die Zeile gesetzt: »denn der Teufel, der bist Du!« »Es gibt keinenWeihnachtsmann. Es gibt keinen Osterhasen. Es gibt keinen Gott. Der Klapperstorch bringt auch keine Kinder undMaria hat gefickt, sonst wäre sie nicht dick geworden. Jesus Christus ist nicht auferstanden von den Toten und all euer christliches Zeugnis ist eitel. Gott ist nur eine Maske die der Teufel trägt. Den Teufel aber gibt es wirklich, denn der Teufel, der bist Du! Der Teufel, das ist die Erbschaft des Neandertalers in uns allen. Der liebte seinen Nächsten in guter Butter gebraten zum Frühstück. Religion ist Reklame für den Tod, Religion ist die raffinierteste Mordmethode, 13 Aufklärung und Ressentiment 132 mit der Menschen sich gegenseitig umbringen. Die Jäger reden ihr Jägerlatein, die Seeleute spinnen ihr Seemannsgarn, und die Pfaffen predigen ihren Glauben. Daß es keinen Gott gibt wird schon dadurch bewiesen, daß nicht jeder Pfaffe vom Blitz erschlagen ist. »Pastor« heißt »Hirte«. Jeder Hirte hat zwei Gründe, gut für seine Schäfchen zu sorgen: erstens, er will sie scheren, zweitens, er will sie fressen« (ebd., S. 336). Die zentrale Zeile sollte man paraphrasieren, um allenMenschen gerecht zu werden: »Denn der Teufel, der sind wir!« Theodor Lessing hätte vermutlich keine Einwände gegen diese Erweiterung gehabt, denn die kleine Akzentverschiebung verstärkt die Aussage, dass der Teufel »die Erbschaft des Neandertalers in uns allen« ist, was zwar biologisch nicht korrekt ist, aber anthropologisch zutreffend. Die Zeile enthält polemische und sicher auch ungerechte Invektiven gegen die Religion, aber ebenso eine unbequemeWahrheit über denMenschen. Freud (1915c) bemühte gerne den Satz von Seneca (1–65 n. Chr.): »Si vis pacem, para bellum« (Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor). Hier könnte es heißen: »Si vis bonum, para malum« (Wenn du das Gute willst, bereite das Böse vor). Das gilt in diesem Fall für die Innenperspektive: Verleugne nicht das eigene Böse, sondern erkenne es an und lasse es dadurch nicht zu wirksam und gefährlich werden. Im Sinne Theodor Lessings an den Teufel zu glauben, ist die Form einer hohen Kunst von Aufklärung. 13 Aufklärung und Ressentiment 133 14 Das unglaublich intensive Bedürfnis zu glauben Als Kinder glauben wir fast alles, was bleibt uns auch anderes übrig? Wenn wir zu zweifeln beginnen, lässt sichpotenziell alles infrage stellen, aber das kann einemühsame und ängstigende Angelegenheit werden. Wer will schon an rein gar nichts glauben, als Nihilist oder wie auch immer? Sind Nihilisten nicht noch schlimmer als gottlose Gesellen? Sie sind Oben ohne, wie Karlheinz Deschner (1997) sein Buchbetitelte, jedoch irgendwie nochweniger, also die größtenVerneiner, die auch noch den Sinn der Existenz in Zweifel ziehen, die eigene und die der anderen. Sind sieNichtende schlechthin, die Vernichter jeglichen Sinns, den jemand der Existenz abringen will? Will nicht letztlich jeder Mensch einen wenigstens winzigen Platz in der Schöpfung einnehmen, auch wennman ihn sich selbst zuweisen muss? So ganz umsonst soll es doch nicht gewesen sein, dieses bisschen Leben, das man in den paar Jahren hier auf der Erde hat und im dem man nicht alleine sein will. Man will sein Leben mit anderen verbringen und es vielleicht sogar genießen, ein wenig Hilfe zu bekommen. Das kann doch ganz schön sein, weil im menschlichen Leben – vom Anfang bis zum Ende – sowieso ohne Hilfe fast nichts geht und diese Hilfe, was auch immer man darunter versteht, einen Menschen eigentlich erst zumMenschen macht. Das heißt aber nicht, dass man jeden Unsinn glauben muss, der einem als Wahrheit verkauft wird, zum Beispiel das, was von den Offenbarungsreligionen als göttliche Offenbarung bezeichnet wird. Auch dieseOffenbarungen werden hochgradig hinterfragbar, wennman zu zweifeln beginnt. Was bleibt, wenn man ein Glaubensgerüst zur Gänze infrage stellt? Es wird dann weiterhin sogenannte Glaubenstatsachen geben für diejenigen, für die das wirklich Tatsachen, also Fakten, sind. Für die anderen sind es Geschichten von vielen verschiedenenGöttern, oft ohne personalen Gott, ohne ewiges Leben, ohne Sündenfall usw. Solche Denkbewegungen müssen sich (ehemals) Gläubige erarbeiten. Um dahin zu kommen, müssen die meisten eigenen Erfahrungen hinter sich lassen, was ein oft schmerzhafter Prozess ist, weil in jedenMenschen eine religiöse Geschichte eingeschrieben ist, man könnte sagen, »mit einem besonderen Saft«. Wenn dieses »Eingeschriebene« aufgelöst oder transformiert wird, bedeutet das viel geistige und seelische Arbeit und am Ende eines Prozesses kann viel Neues und Gutes verbleiben. 135 Johann Wolfgang Goethe hat in seinemWest-östlichen Divan (1999 [1819]) der Frage des Glaubens höchsten Stellenwert gegeben: »Das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Welt- und Menschengeschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind, bleibt der Konflikt des Unglaubens und Glaubens« (S. 256). Er meinte, dass die Epochen, in denen es Glauben gibt, für die Menschen fruchtbar werden, dass aber die Zeiten des Unglaubens vor der Nachwelt vergehen. Die Phasen und Gedanken des Unglaubens sind nicht nur unfruchtbar, sie können auch eigene Kreativität entfalten. Aber zweifellos haben die Religionen die Menschen zu allen Zeiten stimuliert, inspiriert, zu tiefen Gedanken angeregt und das Schaffen vonKultur gefördert – trotz Denkverboten, Unterdrückung undMord. Auch als Gläubige werden sie keine besseren Menschen, aber ihr Instrumentarium wird verfeinert und sie können Zuwächse an Bildung erreichen, was dann allerdings mit Glaubensvorstellungen kollidieren kann. Die meisten Christen hierzulande sind keine Gläubigen im strengen Sinne mehr (vgl. Der Spiegel, 2019), weil sie den intellektuellen Zumutungen des dogmatischen Christentums, wobei für die Einhaltung deren Regeln und Gesetze früher manchmal Köpfe rollten, nicht mehr folgen wollen und können.Manches wertet sich um. Es wird kein Frohlocken Satans geben, aber es wird weiterhin das geben, was Theodor Lessing mit »der Teufel, der bist du!« (1924, S. 336) meinte. Freilich hinterlässt der Unglaube, auch wenn damit nur das Aufgeben der traditionellen Glaubensvorstellungen gemeint ist, Lücken, insbesondere bei Ethik und Moral. Auch wenn sich die Kirchen und Kirchenlehrer selbst nicht scheuten, alle denkbaren Übertretungen zu begehen (z.B. in den Bereichen von Hybris, Macht, Missbrauch und jeder Form der Triebhaftigkeit), gaben sie doch Gerüste von kulturellen Regeln vor, die zivilisierte Gesellschaften möglich machten. Daher empfinde ich zum Beispiel Dankbarkeit und Freude darüber, dass ich in einem Land leben kann, wo ich dies schreiben darf, ohne dafür eingesperrt oder getötet zu werden. Und ich empfinde die Verpflichtung dafür einzutreten, dass dies auch so bleibt, weil ich davon überzeugt bin, dass es leider nicht selbstverständlich, aber gut ist. Ich darf meinen fragenden skeptischen Blick auch auf Phänomene des Glaubens behalten und vertiefen. Das ist auch eine Form von Ethik, die verpflichtet. Was mag die Basis dafür sein, dass dies zum Beispiel in Europa weitgehend der Fall ist? Sind es die Demokratie als gesellschaftliche Grundordnung und die Verfassung? Sind es die Menschenrechte, die Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Solidarität? Finde ich das richtig, weil es vernünftig ist oder gibt es mehr, das mir den Gedanken wichtigmacht? Zum Beispiel klingt utilitaristische Ethik zunächst durchaus vernünftig, wenn es darum geht, das 14 Das unglaublich intensive Bedürfnis zu glauben 136 größtmögliche Glück für eine möglichst große Zahl vonMenschen zu erreichen. Das hört sich recht trocken und abstrakt an und enthält nicht die im Zusammenhang mit der Entwicklung der Menschenrechte relevanten Kategorien der Entfaltung humanistischer Ideale des Menschseins wie Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde. Dass solche Kategorien in dem Sinne wenig zu begeistern vermögen, dass sie – etwas pathetisch gesagt – Herz und Verstand nicht gleichzeitig ansprechen, mag daran liegen, dass ihnen spirituelle Aufladung fehlt. Der PhilosophHans Joas (2011) benutzt den Begriff der »Sakralisierung der Person«, um auf den Bezug des Menschenrechts zum Begriff des Heiligen hinzuweisen. Man mag hier die Gefahr von Verführung argwöhnen, aber wenn man überlegt, welche großen Kräfte durch den Glauben mobilisiert werden können, verschieben sich die Relationen. So ist es eine in der Psychotherapieforschung gesicherte Erkenntnis, dass erst die Verbindung von Kognition und emotionaler Bewegung, genannt emotionale Einsicht, zu Veränderung führt und nicht Erkenntnis oder emotionale Bewegung alleine. Erst durch diese Verbindung dürfte ein Prozess zustande kommen, bei dem sich Erkenntnis mit der Vorstellung von Wert zur wertvollen Erkenntnis verbindet (vgl. z.B. Fischer, 2011) Wir suchen Erkenntnisse, die uns etwas wert sind. Wenn wir nicht den Überblick über das haben, das den Wert ausmacht, richten wir uns gerne danach, was uns emotional anspricht. Wir haben Bedürfnisse und wir begehren.Wir haben Gefühle von Würde und Stolz.Ohne emotionale Verankerung in der Psyche finden keine emotionalen libidinösen und auch aggressiven Besetzungen statt. Ist man sich dessen nicht bewusst, handelt aber dennoch, wird so einWeg frei für Manipulation. Weil Menschen ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit haben und Verunsicherungen in wichtigen Angelegenheiten vermeiden möchten, lieben wir viele unserer Irrtümer und Fehler so sehr, dass es großer Anstrengungen bedarf, sie zu revidieren (vgl. Castoriadis, 2012). Es gibt ein starkes Bedürfnis nach der Überzeugung, etwas Gültiges zu finden, eine tragende Basis, und sei es durch gegenseitige Bestätigung, durch Affirmation, die emotional und sozial tragen soll. Das ist ein Grund für die Existenz der Religion, seit Menschen Kultur entwickelt haben: VieleMenschen suchen einenGlauben odermeinen, ihn in einer Religion gefunden zu haben. Daher ist es ein Fehler, das Phänomen »Glauben« zu vernachlässigen. Die meisten Menschen wollen an etwas glauben, um ihrem Leben Sinn zu geben. Julia Kristeva (2014) befasst sich mit diesem sehr menschlichen Bedürfnis zu glauben, das bei ihr zu einer Art Fundamentalkategorie, einem Movens, einem menschlichen Antrieb wird. Dieses Bedürfnis gehe, wie sie schreibt, dem Glauben im religiösen Sinne voran, es sei daher präreligiös. Man habe seine Kraft 14 Das unglaublich intensive Bedürfnis zu glauben 137 und Bedeutung bislang deutlich unterschätzt. Dass man an etwas glaube, gehe demHandeln voraus: »Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet« (ebd., S. 12), zitiert sie aus dem zweiten Brief des Paulus an die Korinther (1 Kor 4,13). Sie beruft sich auf DonaldW.Winnicotts (1969) Theorie des Übergangsraums, der dieMöglichkeit zur Selbsterkenntnis über den (Um)weg des anderen bietet, über denWeg des Vaters als Drittem neben sich selbst und der Mutter. An dieser Stelle sollte man ergänzend die »erste Triangulierung« nach Ernest Abelin (1986) nennen, die im Zusammenhang mit der Interaktion mit der Mutter entsteht. Kristeva (2014) stellt einen Bezug zur psychoanalytischen Kur her: Die Besonderheit des Sprechens in der Psychoanalyse bestehe darin, dass es einem ermöglicht, zu sagen: »Ich glaube, dass ich wissen kann« (ebd., S. 15). Dass sie das Wort »wissen« an dieser Stelle einführt ist interessant und riskant, denn was soll dieses Wissen sein? »Wissen« drängt nach Verabsolutierung, nach Sicherheit. Man kann es teilen, aber nur schwer relativieren. »Ein wenig wissen« geht nicht, dafür haben wir andere Worte, nämlich »annehmen«, »vermuten« und auch »glauben« im relativierenden Sinne. Glauben im religiösen Sinne relativiert jedoch nicht. Und wenn ich glaube, dass ich wissen kann und schließlich das Wort »wissen« auch noch in verschiedenen Zusammenhängen verwende, wo ist dann der Spielraum für das Wissen des anderen, das sich von meinem unvermeidlich unterscheidet? »Früher glaubten wir […], heute wissen wir«, ist eine beliebte Formel in wissenschaftlichen Zusammenhängen, wenn jemand meint, einen anderen widerlegt zu haben, wobei man sicher sein kann, dass der nächste widerlegungsbereite Konkurrent schon die Messer wetzt. Wie rar sicheres Wissen ist, lehren uns die Philosophen schon seit Tausenden von Jahren. Als Psychoanalytikerinmeint Kristevamit »Wissen« etwas anderes, nämlich Wissen im Sinne der inneren Gewissheit, dass etwas für einen selbst richtig ist, stimmig ist, zutrifft. Wer diese Art von Wissen besitzt, muss sich nicht mit dem anderen wie in einem Duell streiten, er ist für sich und in sich sicher genug, um dieses wertvolle Gut für sich selbst behalten zu können. Er kann den anderen ihr Wissen lassen und niemand muss abschwören oder sich unterwerfen. So gesehen gebiert Sicherheit Kristeva (ebd.) zufolge Toleranz, wie umgekehrt aus Unsicherheit Intoleranz entsteht. Dadurch verwandelt sich das Bedürfnis zu glauben in ein Bedürfnis zu wissen, das heißt, eben jenen Glauben zu besitzen, dass man für sich weiß, und nicht nur, dass man wissen kann. Das starke Bedürfnis nach dieser Art Sicherheit ist typisch für die Adoleszenz, meint Kristeva (ebd.). So wird auch das tiefe Bedürfnis der Adoleszenten zu glauben auf andere Weise plausibel. Die Behauptung, dass man schon weiß, kann auf eine gefährliche Bereitschaft zur kurzschlüssigen Entscheidung auf dün- 14 Das unglaublich intensive Bedürfnis zu glauben 138 ner Grundlage hinweisen, was einen Akzent auf die psychische Situation der Adoleszenten setzt: Deren Grundgefühl ist ihr noch schwaches emotionales und rationales persönliches Fundament, das sie zwar überall spüren, das aber doch niemand sehen undwissen soll. Auchwer das nicht zeigt, wird doch von demGefühl eines Suchenden bedrängt, der Orientierung für das Leben in jenemMoment des Lebens sucht, in dem er merkt, dass er frei wird und nicht so denken muss, wie die vertrauten Denkfiguren es vorgeben. Die dafür nötige Offenheit aufrechtzuerhalten ist für noch persönlich nicht ausgereifte Heranwachsende schwer. Die Adoleszenten brauchen Lösungen für den Ernstfall, der neben jedem Infragestellen entstehen kann. Dies führe leicht zu Abortivformen von Glauben, der sich seine Kraft in scheinbaremWissen besorgen möchte. Kristevas (ebd.) Glaube ist ein liebevoller Glaube, der seine Erfahrung daraus schöpft, dass man sich begegnen und sich austauschen kann. In ihrer Theorie des präreligiösenGlaubens lässt sie ständig eine Vorstellung von gelingendenObjektbeziehungen mitlaufen. Zwischen dem Bedürfnis zu sprechen, sich anderen mitzuteilen, also imAustausch zu sein und dem Bedürfnis zu lieben gibt es für sie einen engenBezug.DieUrform ihresGlaubens ist derGlaube an dieMöglichkeit, ein liebendes Objekt zu finden, das ihr zu einer Hoffnung auslösenden Haltung gegenüber einer noch unbekannten Welt führt. Freilich kann dieses Bedürfnis, wenn es gekränkt wird, weil es unerfüllt bleibt, umschlagen in den Antrieb zu hassen. Kristeva (ebd.) sieht in der Gesellschaft die Gefahr, dass destruktive Kräfte überhandnehmen könnten, die sie dem Todestrieb zuordnet. Ihr Anliegen ist es, den Humanismus neu zu begründen und zu definieren, um eine moderne, der Vielfalt ihrer Möglichkeiten – mit oder ohne Religion – gerecht werdende Gesellschaft zu gestalten und Chancen für ein friedliches Zusammenleben zu schaffen. Man könne, um dies zu erreichen, das Bedürfnis zu glauben neu und anders formulieren, als die Religionen es tun. Kritische Gedanken zum Glauben sind ihr, die sich selbst als nicht gläubig bezeichnet, gewiss nicht fremd, sie drückt sie jedoch vorsichtig aus.Wenn sie beispielsweise auf das Zwingende desGlaubens eingeht, spricht sie von einer Art des Glaubens, die sie bei Michel de Montaigne fand. Dieser hatte es als ein Merkmal der Christen bezeichnet, dass diese gerade angesichts desUnglaublichenGelegenheit zu glauben suchen (1992 [1754]) oder bei Blaise Pascal »Der Geist glaubt von Natur, und der Wille liebt von Natur; und so müssen sie sich in Ermangelung wahrhaftiger Objekte an falsche Objekte hängen, wenn die wahren fehlen« (2016 [1669], II, 81) . Das gilt aus Kristevas (2014) Sicht sowohl für Gebildete als auch für die sogenannten einfachen Leute in ihrer Volksgläubigkeit. Sie unterscheidet, was dieses Bedürfnis zu glauben be- 14 Das unglaublich intensive Bedürfnis zu glauben 139 trifft, hier nicht grundsätzlich. Die gesamtenHumanwissenschaften seien aus der Ontotheologie entstanden und hätten sich daraus differenziert. Dies beinhaltet notwendige Bedingungen möglicher Erkenntnis und bedeutet, dass ein höchstes Seiendes, sofern es gedacht wird, auf unterschiedliche Weise gedacht werden kann. Wenn man meint, dass ein Absolutes als Garant für die Ordnung der Welt notwendig ist, was als ontotheologische Form der Metaphysik zu bezeichnen ist, muss man mit dem Problem zurechtkommen, dass dieses, auch wenn es absolut gedacht ist, auf verschiedeneWeise benannt werden kann. Ein Problem des Glaubens ist es, dass der Gläubige seinen Glauben subjektiv als zutreffend, wahr und richtig empfindet, dass dies objektiv jedoch von Glaubensfremden als unzureichend empfunden wird. Glauben scheint sich aus der Zugehörigkeit zur jeweiligen Tradition und letztlich aus sich selbst heraus zu legitimieren, aus dem Glaubensgefühl, das sich in die Glaubensgewissheit steigert. Nicht glaubende Menschen werden aus dieser Perspektive als fremd, gefährlich und – in gewissen Religionen – sogar als nicht lebenswert angesehen. Die tödliche Konsequenz, die daraus folgt, ist bekannt. Aus dieser Einsicht könnte vor demHintergrund des Zugewinns an Überblick über das religiöseWeltgeschehen im Prinzip Toleranz entstehen, wenn der exklusive Monotheismus aufgegeben würde und man grundsätzlich jedem Menschen ein Bedürfnis zum Zugang zu etwas Absolutem zubilligen würde, was es auch sein mag. Andernfalls führt das engstirnige Beharren auf dem eigenen Glaubens-Unsinn, der zurzeit zunimmt, zur tödlichen Konsequenz ausgetragener Glaubenskämpfe. Die Psychoanalyse habe, wie die gesamte Aufklärung bisher, die Überzeugtheit, die aus einem Glauben entspringt, als motivierende Kraft unterschätzt, meint Kristeva (ebd.). Ein Glaube sei nicht notwendigerweise religiös. Aber Religiosität sei eine psychische Realität und die Glaubensüberzeugung sei eine starke unerschütterliche Gewissheit, die sich auf ein prä-linguistisches Erleben stütze. Hier argumentiert sie als Sprachwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin entwicklungspsychologisch auf der Ebene des frühesten Denkens und dessen Entwicklung in den Objektbeziehungen. Sie bringt diese Denkformen mit dem »endogenen Autismus« (vgl. z.B. Tustin, 2008) in Verbindung. Diesen muss ein Mensch überwinden, damit er als Person interagierend zu einem Anteil nehmendenMenschen in einer Gemeinschaft werden kann. Der endogene Autismus werde überwunden, wenn ein Mensch zur Sprache finde. Dort lokalisiert Kristeva (2014) denGlauben und gleichzeitig auch die Rede, die Kommunikation.Wer glaubt, dass er das Objekt erreicht (man könnte hinzufügen, ohne dass er in der Fantasie von diesem zerstört wird), findet zur Sprache, indem er das »ozeanische Gefühl« vor die Auflösung des Selbst stellend, für das »grenzenlose Eintauchen 14 Das unglaublich intensive Bedürfnis zu glauben 140 des Ichs in dieWelt« (ebd., S. 22) eine Sprache findet, es also benennen kann und dies als »jubelnde Osmose des Subjekts im gemeinsamen Fleisch eines ›Nochnicht-Selbst‹, das von einer ›Noch-nicht-Welt‹ verschlungenwird« (ebd., S. 23) erlebt. Insofern ist die Glaubensüberzeugung ebenfalls eine psychische Realität, mit der man rechnen und arbeiten muss, indem man auch als Agnostiker anerkennt, dass auch dies eine Dimension des Menschlichen ist. In dem Bedürfnis zu glauben suche man Kristeva (2014) zufolge unbewusst ununterbrochen nach solchen primären Bestandteilen seiner Identität. Religiosität gibt also, so verstanden, primären Bestandteilen der Identität Nahrung, erhält und regeneriert sie. Auf diese Weise nähert man sich einer tiefen, unbewussten Bedeutung von Religiosität und kann die Bedrohung, die von ihrer Infragestellung ausgeht, nachvollziehen und ebenso die negativen Affekte und zerstörerischen Impulse nachvollziehen, die durch Zweifel von außen ausgelöst werden. »Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet« (ebd., S. 12) ist der Satz, der Sprache und Beziehung zusammenfügt. Die Konstruktion der Basis des jeweils individuellenNarzissmus ist jedoch fragil, vielleicht besonders dann, wenn die Konstruktion des eigenen Selbst durch vereinnahmende Eingriffe erschwert wurde. Andererseits muss einMensch wichtige Elemente der Kultur, in die er hineingeboren wird, assimilieren, um in der Gemeinschaft leben zu können und um die jeweils üblichen Abwehr- und Anpassungsformen auszubilden. Er ist in anfangs in hohemMaße abhängig aber im Laufe des Lebens verringert sich diese Abhängigkeit. Die richtige Form und den richtigen Zeitpunkt in der Entwicklung zu finden, um das Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen und gleichzeitig zu vertreten, dass das jeweils Gegebene nur eine von vielen möglichen Formen des Lebens in einer Kultur ist, dass es aber auch anders sein könnte, besser und/oder schlechter, ist eine hohe Kunst: So ist es, aber es könnte auch anders sein, und anderswo ist es auch anders.Was gut und richtig ist, wird jeweils Gegenstand von Erörterungen und Entscheidungen. Auch Kristev (2014) folgt der utilitaristischen Logik, dass das Bemühen die jeweilige Basis sein soll, für eine möglichst große Zahl von Menschen das jeweils Beste zu erreichen. Dann könne man sich fundamentalistischen Entgleisungen des Religiösen besser entgegenstellen. Mehrere Fragen bleiben jedoch ungelöst, weil für die Form vonHumanismus, den Kristeva entwickeln will, zumindest der Verzicht auf Alleinvertretungsansprüche der eigenen Glaubensüberzeugungen nötig ist. Zwischen der Notwendigkeit der wehrhaften Verteidigung der eigenen Haltung und der Akzeptanz der Differenz zum anderen öffnet sich das Feld der Toleranz. Dazu müssen beide Akteure beitragen, beide müssen mitspielen.Wenn 14 Das unglaublich intensive Bedürfnis zu glauben 141 jemand immer weiter Macht ausüben und andere unterdrücken möchte, gibt es keine Lösung. Like friends with those who need enimies? Eine Aufgabe für Friedenspolitiker, deren Lösung nicht immer gelingt. Wenn die Problematik des Glaubens in dem Sinne annulliert werde, dass Glauben grundsätzlich keine wertvolle Kategorie sei, fehle es an moralischen Fundamenten und einem allgemeinen Konsens, der sich über den Glauben herstellen könnte, schreibt Kristeva (ebd.). Wenn man bereit ist zu akzeptieren, dass die Kategorie des Glaubens diese überragende Bedeutung hat, und dies auch für sich selbst akzeptiert, kannman danach auch an dieMenschenrechte »glauben«, in dem Sinne, dass sie etwas sehr Wertvolles und eine bindende Orientierung sind. Wenn das der Fall wäre, könnten die Menschenrechte als weniger abstrakt empfunden bzw. mit dem gefüllt werden, was Glauben ist. Menschenrechte als Religion? Warum eigentlich nicht? Joas (2011) vertritt die Auffassung, dass das wesentliche Element der Menschenrechte in der »Sakralität der Person« liegt. Autorität, schreibt Kristeva (2014), werde durch eine primäre Identifizierung begründet, die in der liebevollen Anerkennung des Dritten bestehe. Sie initiiere die Kultur. Das ist folglich eine ganz wichtige Kategorie, weil Autorität etwas ist, das einerseits jederMensch beanspruchenmöchte, imBeruf, in der Familie, in der sozialen Welt, und das andererseits dem Einzelnen, also mir als Person, Sicherheit gibt. Mit Autorität ist hier nicht gemeint, dass Menschen andere Menschen beherrschen, wie in autoritären Gesellschaftssystemen. Es geht vielmehr darum, jemandem Sicherheit und Orientierung zu bieten, einschließlich der Fähigkeit, Unsicherheit, sofern sie auftritt, einzuräumen und angemessen damit umzugehen. Dazu braucht man Personen mit Vorbildfunktion, die Sicherheit geben, die aber dem Einzelnen auch die Freiheit zur Entfaltung seiner Persönlichkeit lassen. Besonders für die Lebensphase derAdoleszenz bestehe einBedürfnis nachVorbildern. Ein Klima von Angst gebiert keine Freiheit, eines von Denkhemmung und Dementalisierung keine Originalität und die Anstachelung individueller Gier keine Solidarität. Die gesellschaftliche Dimension dieser Angelegenheit mündet dahinein, dass demokratische Prinzipien vertreten werden, sich erhalten und regenerieren – also in Politik. Vorbildfunktionen tragen dazu bei, dass Menschen sich identifizieren können. Vorbilder werden von jeder Generation immer wieder aufs Neue gesucht und häufig werden Ansichten vertreten, die einer freiheitlichen Ordnung in dem Sinne, dass Freiheit jeweils die Freiheit der Andersdenkenden ist, völlig widersprechen. Haben Heranwachsende einerseits ein feines Gespür für falsche Töne, sind sie andererseits doch auch verführbar. Der Adoleszent ist ein Glaubender, sagt Kristeva (ebd.). Er glaubt, dass das ideale Objekt existiert. Der Schatten 14 Das unglaublich intensive Bedürfnis zu glauben 142 des Ideals falle auf den adoleszentären Trieb, um sich im Bedürfnis zu glauben zu kristallisieren. Der Glaube sei im 20. Jahrhundert vom ideologischen Enthusiasmus abgelöst worden. Jugendliche sollten in ihren Bedürfnissen zu glauben begleitet werden, was heute zwar in der Schule geschieht, aber wenn es um die Vermittlung demokratischer Werte geht bezweifelt Kristeva, dass die dafür zuständigen Personen genügend Vorbildcharakter und Überzeugungskraft haben. Es ist in diesem Zusammenhang hilfreich, sich an die eigene Adoleszenz zu erinnern, an das Schwärmerische, die Neigung zur Absolutheit, zur Idealität und an die sehnsüchtige Suche nach etwas, das perfekt ist, verbunden mit der übertriebenen Ambivalenz zwischen der eigenen Unsicherheit und dem Anspruch, über das Bisherige hinauszugehen. Was kann man gelten lassen in der Adoleszenz? Der Schatten des Ideals fällt nicht nur auf den Trieb, sondern das Ideal nimmt den Trieb auf, bemächtigt sich seiner. UmderUnerträglichkeit des Anspruchs zu entgehen, dessen Forderungen, denen man selbst noch nicht gewachsen ist, wird projiziert, negativ wie positiv. Den jeweils neuen Helden der Jugendkultur, die sich schnell verbrauchen, werden plötzlich alte Idole entgegengestellt. Das Absolute wird gesucht, das allen anderen überlegene Argument: das Ewige. Kristeva (ebd.) zufolge sei eine liebevolle Identifizierung vonnöten, um eine Identifizierung mit dem Phantasma des Mächtigsten zu vermeiden, die eine unheilvolle Allianz mit der Destruktivität eingehen könne. Sie konzeptualisiert Destruktivität in der Metapher des Todestriebs, den sie als etwas Allgegenwärtiges betrachtet, als eine ständige Gefahr, die überall lauert. Nicht nur der Tod ist überall und ständig präsent, sondern auch die Möglichkeit zur Destruktivität, zum Umkippen der Verhältnisse ins Zerstörerische, die stets wartet, bis ihr Moment gekommen ist. Zur Destruktivität zählt Kristeva auch das Auftreten des Nihilismus, wobei sich hier Übergänge zu ihrer Theorie des Abjekts (1980) finden, das für sie eine Kultur destruktiver Kraft der Verwerfung und Abstoßung ist, eine gefährliche Kraft, weniger im Sinne der Areligiosität, sondern vielmehr wegen der darunterliegenden Kündigung der basalen Übereinkunft des menschlichen Zusammenlebens.Hintergrund des Erstarkens desNihilismus und lebensfeindlicher Kräfte könnte sein, dass menschliche Werte zunehmend in Warenwerte umgewandelt werden. Alles wird dem Diktat potenziell zu schöpfenden Mehrwerts untergeordnet. Dass daraus letztlich kein befriedigender Lebenssinn erwachsen kann, ist klar. Und dennoch rennen alle hinterher, als läge das Heil in Firmen wie Apple oder Nike. Oder als wäre der eigene Wert durch das Tragen von Kleidung mit einem kleinen Krokodil als Aufnäher zu erhöhen oder durch den Besitz heillos überteuerter Armbanduhren. Das ist die Religiosität unserer Tage. 14 Das unglaublich intensive Bedürfnis zu glauben 143 Der zumMenschen gewordene Sohn Gottes und Gottes Rettung durch den Tod und die Auferstehung Jesu seien Besonderheiten des Christentums, meint Kristeva (2014). Sie könnten als Bild dafür gelten, dass die Identifizierung der Menschen mit der Allmacht in die Irre führe. Es gehe bei der Bestimmung der eigenen Position um ein den Religionen weder feindseliges noch gefälliges Denken. Kristeva ist davon überzeugt, dass die heutigeModernität ein entscheidender Moment in der Geschichte des Denkens sei und es darum gehe, weder dem Anstieg des Obskurantismus noch der technischen Verwaltung des Menschlichen Vorschub zu leisten. In einemKapitel über dieGlaubwürdigkeit der symbolischen Autorität (ebd., S. 91–100) berührt sie einen wunden Punkt der Gegenwart. Damit spricht sie das Thema eines Wissens an, das gegenwärtige Konventionen erschüttert, wobei sie zeigt, dass auch sie Utopien denken kann. Ihre Hoffnung auf eine Neubegründung der menschlichen Existenz ist jedochmit einem großen Fragezeichen zu versehen. Um dem Teufel in solch differenzierten Überlegungen einen eigenen Platz zu geben, braucht man nicht lange zu suchen. Dann ist er leicht als zwar unmodernes, und verglichen mit Kristevas Denken sehr grobschlächtiges, Konzept des Bösen auszumachen, aber gleichzeitig ist er im kulturellen Gedächtnis der Menschen nach wie vor ein präsentes Konzept. Anhand Kristevas Gedanken lässt sich zwar zeigen, dass sich die Vorstellungen über das Böse in den letzten 2.000 Jahren doch weiterentwickelt haben, aber Mephistos Feststellung: »Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht, denn alles, was entsteht, Ist wert, daß es zugrunde geht« (Goethe, 2014 [1808], Z. 1338–1340), zeigt uns Satan in nihilistischer Frische, kein bisschen überwunden. Die psychoanalytischen Theorien des Narzissmus und der Triebnatur des Menschen lassen sich unschwer als heutige und angemessenere Aussagen über das Böse identifizieren, als jene aus der Bibel, wo der Teufel seit jeher als Platzhalter des Triebes und des Narzissmus konzipiert wurde. So ist es kein Zufall, dass Satans Fall als Folge seines Hochmuts und seiner nicht gezügelten Triebe bezeichnet wurde. Triebverzicht schafft Kultur und der Hochmut des Einzelnen schadet der Gemeinschaft aller Menschen. Inzwischen sind diese Konzepte jedoch ungleich differenzierter geworden und man muss nicht mehr die Bürde einer speziellen Religion wie der des Christentums tragen, um die Tiefe dieser Gedanken für sich auszuwerten. Wir können jedoch feststellen, dass schon die Alten um die Schwächen des Kulturmenschen wussten und sich jener Wesenszüge und Eigenschaften annahmen, 14 Das unglaublich intensive Bedürfnis zu glauben 144 mittels derer dieser Kulturmensch (und damit sind beide Geschlechter gemeint) ein gedeihliches Zusammenleben beeinträchtigt und gefährdet. Daher ging es beim Teufel schon immer um das Böse schlechthin. Was ihm dazu noch alles angedichtet wurde, als Verursacher allenÜbels in derWelt, der Katastrophen herbeiführt, der Hexen bei SchadenszaubernMacht verleiht, der Frauen als Inkubus verführt und Männern als Sukkubus den Samen raubt und was die menschliche Fantasie noch alles hergegeben hat, ist überflüssiges Beiwerk. Aber Menschen aller Kulturen haben gewisse Eigenschaften und Wesenszüge gemeinsam. Daher existieren auch in anderen Religionen Analogien zum Teufel, heißen sie nun Ahriman (Zoroastrismus), Mara (Buddhismus) oder Asura (Hinduismus). Gewiss gibt es zwischen diesen Fantasiegestalten Unterschiede, aber sie streuen wie der Teufel Missgunst, Eifersucht, Gier und andere Untugenden. Über diese Eigenschaften der Menschen besteht seit Jahrtausenden Wissen; das Problem ist allerdings, dass wir uns selbst als Träger dieser Eigenschaften nur sehr ungern sehen und diese bereitwillig anderen zuschreiben – oder eben fremden Mächten. Man kann sagen, dass der Teufelsglaube im Laufe der Zeiten schon reifere und erwachsenere, den Möglichkeiten des Menschseins angemessenere und würdigere Vertreter hervorgebracht hat. Leider sind hier die selbstreflexiven Philosophen und Psychologen in der Minderheit. Der Gedanke des vorreligiösen Bedürfnisses zu glauben, wie Kristeva (2014) ihn in ihre Theorie einführt, ist sehr wertvoll. Wenn man eine Art Entwicklungspsychologie des Glaubens entwerfen würde, käme man von dem kindlichen Glauben an den Schöpfer zu immer differenzierteren Formen des Nachdenkens über das Leben, seinenUrsprung, seinen Sinnund seineZukunft.Dasmüssteman nichtmehr»Religion«nennen, sondern es ließe sich auchmit einer atheistischen Position vereinbaren. Es lässt sich jedoch nicht mit einemGlaubenssystemen vereinbaren, das eine apodiktische Position einnimmt. In dem berühmten Drama Nathan der Weise geht es um religiöse Toleranz. Es erweist sich darin, dass zeigt Lessing darin eindrucksvoll (1779), wie Religiosität und Toleranz verbunden werden können. Ein Kind muss nicht notwendig im Glauben seines Vormunds erzogen werden. Die Macht von Eltern über ihre Kinder muss nicht in Form derer religiösen Glauben gleichsam im Paket weitergegeben werden. Stattdessen wird bei Lessing gefragt, was sich als das Beste für ein Kind erweist. Im Regelfall wollen die Leitfiguren seit jeher beherrschen, weltliche wie geistige Führer, und sie benutzen dafür, was gerade daherkommt. Eine evolutionäre Entwicklungspsychologie des Glaubens müsste berücksichtigen, dass es sich bei dieser Art von Evolution nicht um eine kontinuierlicheWeiterentwicklung handelt, sondern um ein System von 14 Das unglaublich intensive Bedürfnis zu glauben 145 Parallelwelten. Das frühe, vorreligiöse Bedürfnis zu glauben kann dann ebenso präsent bleiben wie seine religiösen Nachfolger, und die gedankliche Auseinandersetzungmit philosophischen Fragen ebenso wie der Kinderglaube anWunder. Wie wäre es sonst zu erklären, dass etwa die katholische Kirche auf der Existenz von Wundern beharrt und sie jedes Jahr aufs Neue argumentativ für Selig- und Heiligsprechungen strapaziert?DiesesNebeneinander von Parallelwelten ermöglicht es dem Einzelnen, im Bedarfsfall jederzeit von elaborierteren Stufen der Erkenntnis auf die einfacheren, aber Emotionalität und Phantasmen bedienenden und zweifellos bereitliegenden vorrationalenGlaubensinhalte zu regredieren. 14 Das unglaublich intensive Bedürfnis zu glauben 146 15 Dementalisierung und Urteilsdependenz Der Teufel steckt in vielen Details, besonders in unerkannter eigener Naivität. Stefan Schmitt, Ulrich Schnabel und Andreas Sentker schrieben in ihremArtikel »Bis zum Besserwissen« in der Wochenzeitung Die Zeit vom 4. Mai 2017 über die Fehlbarkeit der Menschen bei ihren Überzeugungen. »Wir neigen prinzipiell dazu, uns zu überschätzen. So halten sich rund 90 Prozent aller Autofahrer für überdurchschnittlich gute Fahrer. Auch ist dieMehrheit davon überzeugt, sie sei deutlich klüger als die Mehrheit. Und statt uns die viel zitierte eigene Meinung zu bilden, unvoreingenommen und nach Lage der Fakten, suchen wir oft nur nach jenen Argumenten, die unsere Vorurteile bestätigen.« InKapitel 8wurde der sogenannte»Dunning-Kruger-Effekt«beschrieben (Kruger & Dunning, 1999). Dieser besagt, dass mangelnde Kompetenz nicht etwa zur Selbstkritik führt, sondern im Gegenteil zur Selbstüberschätzung, was in hohem Maß alarmierend ist. »Wenn jemand inkompetent ist, dann könne er nicht wissen, dass er inkompetent ist« (ebd., zit. nach Schmitt et al., 2017). Nimmt man diesen Befund ernst, dass wissenschaftliche Einsicht nicht zur Selbstüberhöhung, sondern zur Selbsterkenntnis führt, und umgekehrt weniger kompetente Personen dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen und daher überlegene Fähigkeiten bei anderen nicht zu erkennen vermögen, so folgt daraus ein erstrangiges Bildungsproblem. Bions (1990) »knowledge«, also die angeborene natürliche Wissbegierde, müsste bei den Menschen schon als Kinder gefördert und als Bedürfnis anerkannt werden, damit ein Anreiz entsteht, durch Bildung oder Übung nicht nur ihre Kompetenz zu steigern, sondern auch zu lernen, sich und andere besser einzuschätzen (vgl. Kruger & Dunning, 1999). Dies zeigt einmal mehr, wie unverzichtbar der Faktor »Bildung« ist. Diese Fähigkeit zur zutreffenden Selbst-Einschätzung ist als ein Teil dessen zu verstehen, was in der Entwicklungspsychologie unter Mentalisierung verstanden wird, nämlich die Fähigkeit, das eigene Verhalten oder das Verhalten anderer MenschendurchZuschreibungmentalerZustände zu interpretieren.Das ist nicht in erster Linie auf Kompetenz undWissen bezogen, sondern auf eine allgemeine 147 Vorstellung über die psychischen Vorgänge bei sich selbst und bei anderen, worunter die Einschätzungder eigenenFähigkeiten sicher zählt.Kruger undDunning (ebd.) zeigten in ihrer Studie, dass diejenigen, die schwache Leistungen erbringen, größere Selbstüberschätzung zeigen als diejenigen mit stärkeren Leistungen. Sie wurden im Jahr 2000 mit einem satirischen Preis, dem sogenannten Ig-Nobelpreis (http://www.improbable.com/ig/) ausgezeichnet, der für Erkenntnisse, die Menschen zuerst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen sollen, verliehen wird. Die Ergebnisse dieser Studie sind jedoch bei genauer Betrachtung überhaupt nicht zum Lachen. Es ist eher beschämend, besonders wenn man sich bei dieser Einsicht an die eigene Nase fasst, und auch nicht eben schmeichelhaft für uns und unsere Nächsten. Was bedeutet dies nun für das Denken? Wenn man den eigenen Verstand von der Verpflichtung entbindet, Rechenschaft darüber abzulegen, was zutrifft und was nicht, öffnen sich breite Pfade zu »alternativen Wahrheiten«, wie sie dieser Tage gepredigt werden, und letztlich kann jegliche Aussage mit der goldenen Krone der Wahrheit geschmückt werden. Wissenschaftlich geprägte Restunsicherheit und der Wunsch nach absoluten Wahrheiten vertragen sich nicht. Potenziell könnten wir lernen, dass wir stets Gefahr laufen, unsere Denkund Kritikfähigkeit der Überheblichkeit, der Eitelkeit, falschem Stolz und dem »Narzissmus der kleinen Differenzen«, wie Sigmund Freud (1930a [1929]) dies nannte, zu opfern. In unserer Neigung, besser sein zu wollen als die anderen, lassen wir unsere Fantasie spielen und bilden uns gerne ein, dass unsereWunschwelt dieWirklichkeit sei. Fantasiespiele sind anregend, bereichernd und stehen oft am Anfang von Denkbewegungen, die später in wichtige Einsichten und weiterführende Erkenntnisse münden. Fantasieren kann lustvoll oder auch mit Angst und anderen unguten Gefühlen verbunden sein. Problematisch wird es in dem Moment, wenn Fantasie für Realität gehalten wird, wenn also nicht ausreichend zwischen Fantasie für Realität unterschieden wird, wie wir das sowohl aus der Entwicklungspsychologie als auch aus der Psychopathologie kennen. Damit geht einher, dass wir, um die Verleugnung der eigenen Realität aufrechtzuerhalten, Abwehrbewegungen vollziehen, in die wir andere mit einbeziehen. Der andere wird dann sozusagen per eigenemDekret als der dümmere oder schlechtere Autofahrer, der Unwissende, der Ungläubige usw. bestimmt. Und wehe, er versucht sich dagegen zu wehren. Dann wird ein Kampf geführt, der einzig den Sinn hat, die eigene psychische Abwehrbewegung zu erhalten und zu beweisen, dass man selbst auf der richtigen Seite steht. Gewiss hat es einen überheblichen Zug, wenn man sagt, dass der Dumme dumm bleibt, weil er zu dumm ist einzusehen, dass er dumm ist und daher nicht bereit ist, etwas da- 15 Dementalisierung und Urteilsdependenz 148 gegen zu tun (vgl. Kruger & Dunning, 1999). Wenn man diese Befunde jedoch ernst nimmt und von dem Vergnügen absieht, andere als dumm zu etikettieren, sondern die eigene Beschränktheit mit auf die Rechnung setzt, können weitreichende Erkenntnisse daraus gewonnen werden. Hat nicht Sokrates, der einer der klügsten Köpfe überhaupt, gewesen sein soll, einst gesagt: »Ich weiß, dass ich nichts weiß«? Es geht ja nicht – oder nicht nur – um Bildungsmangel, der Entwicklung und Erkenntnis hemmt und natürlich in vielen Fällen existiert, sondern es geht generell um das Phänomen, dass Menschen dazu neigen, zumindest in gewissen Bereichen das logischeDenken auszublenden, was selbstverständlich auch den Intelligentesten passiert. Auch die klügstenMenschen können in Teilen ihrer Seele unterentwickelt sein. Das mag insbesondere für den emotionalen Bereich zutreffen. Die affektive und emotionale Entwicklung kann in ihrer Bedeutung für das Seelenleben überhaupt nicht überschätzt werden. Wie ich an anderer Stelle bereits ausgeführt habe, ist dieWahrnehmung desMenschen sowohl von sich selbst als auch in Bezug auf seine Umwelt von Beginn an ein zutiefst emotionaler Prozess. Es wird unterschieden zwischen angenehm und unangenehm, lustvoll und nicht lustvoll, Freude, Angst oder Wut hervorrufend, stimulierend oder beruhigend. Auch der Mensch selbst erlebt sich als wertvoll oder wertlos, entlang der Zuneigung und Aufmerksamkeit, die er erfährt und der Wichtigkeit, die er für andere hat. Diese narzisstische Dimension ist ebenfalls hochgradig emotional besetzt und aufgeladen. Das Gefühl, als Person nicht ernst genommen zu werden, den Beziehungspersonen gleichgültig zu sein und mit seinen passiven ebenso wiemit seinen aktiven Liebesbedürfnissen nicht angenommen zuwerden, kann Verzweiflung oder narzisstische Wut hervorrufen, das heißt, Gefühle mit überwältigender Qualität, so wie sich jemand im siebentenHimmel fühlen kann, wenn er sich geliebt fühlt und seine Liebe angenommen wird. Erkenntnisse hierzu hat in den letzten Jahrzehnten die Entwicklungspsychologie, insbesondere die Bindungsforschung, mit der Konzeption qualitativer Unterschiede in den Bereichen der Bindung und der Mentalisierung geliefert. Dies schließt gewiss das Bedürfnis des Menschen zu erkennen, zu prüfen und zu verstehen ein. Wilfred Bion (1990) hat das Bedürfnis des Wissen-Wollens (»knowledge«) mit den beiden anderen großen menschlichen Trieben, Liebe und Hass, gleichgestellt. Freilich kann dieses Bedürfnis, ebenso wie andere, verkümmern. Wissen zu wollen setzt die Anerkennung des Umstandes voraus, dass wir nicht wissen.DieseAnerkennung ist nicht selbstverständlich, denn es ist doch stets ein Makel, nicht zu wissen, ein Defizit, das am Selbstbewusstsein nagen kann – und nicht nur daran. 15 Dementalisierung und Urteilsdependenz 149 Ein Kollege berichtete mir einst von einem Jungen in der psychoanalytischen Therapie, der einenWutanfall erlitt, als er seinArbeitszimmer betrat. Als Begründung hatte der Junge angegeben, dass ihn die vielen Bücher imRegal an derWand wütend machten, weil er sich vorstellte, dass der Therapeut sie gelesen habe und ihren Inhalt kenne, und er selbst nicht. Der Junge war ehrlich. Eine zumindest vorübergehend erfolgreiche Abwehrstrategie hätte darin bestehen können, den Inhalt dieser Bücher für irrelevant zu erklären. Vergleichbares geschieht sehr oft, zum Beispiel wenn man sagt, die Kenntnis eines einzigen Buches, des sogenannten Heiligen Buches, genüge. Wissen ist kein Selbstzweck; es ist nicht nur nützlich, sondern auch ein wichtiger Pfeiler des Selbstwertgefühls. Natürlich nicht der einzige, denn materieller Besitz, physische Stärke, persönlicher und politischer Einfluss, physische Attraktivität, also Schönheit und Anmut usw. sind, mit individuellen Variationen, ebensolche Pfeiler. Das Wort »Pfeiler« suggeriert Stabilität. Tatsächlich sind Selbstbewusstsein und ein gutes positives Selbstwertgefühl eher fragile Angelegenheiten, und je fragiler sie sind, destomehrmuss der einzelne darum ringen. Ihre Stärke habenMenschen imVerlauf der Geschichte immer wieder in Auseinandersetzungen bis hin zu Kriegen gemessen; es ist zu hoffen, dass es mit zunehmender zivilisatorischer Entwicklung vermehrt dazu kommt, dass dieses vermutlich nicht auszurottende Bedürfnis nach Machtdemonstration in Form von sportlichen und anderen unblutigen Übungen, Ausscheidungen und Wettkämpfen sublimiert wird. Ein Vorteil des sich Messens besteht darin, dass es zu einem klaren Ergebnis führt: »Der Gewinner ist …«Der Sieg muss dann nur noch Anerkennung finden. Aber selbst das geschieht leider nicht immer, weil Überlegenheit auch in diesemBereich nicht immer anerkanntwird. ZumBeispiel werden unfaire Bedingungen reklamiert, unlautere Vorteilsnahmen, falscheMessungen usw. Es gibt den schlechten Verlierer, der sich dadurch auszeichnet, dass er die Realität nicht anerkennen will. Nationen oder Verlierer einerWahl können schlechte Verlierer sein. Zu verlieren bedeutet eine Kränkung, die man »verdauen«, also in das eigene Selbstbild integrierenmuss. Fragtman große Sportler nach einer Erklärung für ihre Leistung, hörtmanmanchmal die Antwort: »Weil ich so oft verloren habe«. Der gute Verlierer findet vermutlich leichter eine Antwort, die ihn weiterbringt. Was wird jedoch nicht alles beschworen, um erfolgreicher, besser, stärker, schöner zu sein? Selbst gestandene erwachsene Menschen bemühen nicht selten die Magie, um mittels übersinnlicher Kräfte Aufgaben oder Probleme zu lösen und konsultierenWahrsager,Handleser oder andere spirituelleMedien. Ein absoluter, grundsätzlicher Unterschied zu den Praktiken der Zeichendeutung bei der 15 Dementalisierung und Urteilsdependenz 150 Eingeweideschau vonOpfertieren, an dieman im antiken Rom geglaubt hatte, ist hierbei nicht zu erkennen. Freilich haben die potenziell aufgeklärten Menschen aus den Ländern des westlichen Kulturkreises im Prinzip eine größere Chance, ihrer selbstgewähltenUnmündigkeit zu entkommen und sich vonVernunft leiten zu lassen, als dies an vielen anderen Orten der Welt der Fall ist, aber die Chance wird weit weniger ergriffen als es möglich wäre, denn die menschliche Psyche beruht nun einmal nicht auf Vernunft. Die Werbeindustrie weiß schon lange, wie verführbar wir sind – und zwar nicht mithilfe guter Argumente. Wenn unsere Psyche sich entwickelt, taucht sie auf aus einem Urgrund von Emotionen und ist mit Vorstellungen von Allmacht und Ohnmacht verbunden. Sie ist getragen, ja getrieben, von dem Bedürfnis nachWunscherfüllung und nur zu leicht bereit, die Unterscheidung zwischen unserer eigenen Wunschwelt und der Welt aller anderen, mit der die eigeneWelt kollidiert, nicht ernst zu nehmen und auf der primitiven Vorstellung zu beharren, dass die Wunschwelt und der Rest der Welt in Übereinstimmung zu bringen ist. Dies alles wird plausibler und leichter nachvollziehbar, wenn man sich die Entwicklungspsychologie vergegenwärtigt und dabei berücksichtigt, wie sehr sich die Psyche des Kindes von der Psyche des Erwachsenen unterscheidet, die sich erst im Laufe vieler Jahre entwickelt. Vieles fällt der kindlichen Amnesie anheim, aber Spuren des Erlebten bleiben in Form von psychischen Strukturen in der Psyche erhalten und wirken vielfach prägend. Affektive Verarbeitung von Erlebnissen und Tätigkeiten führt zu Vorlieben, Sympathien und Antipathien. Der erste Ort, an demMenschen erfahren, wie die Welt zu verstehen ist, wie man Befriedigung erhält und welche Regeln gelten, sind die Familien. Psychoanalytiker und Familientherapeuten wie Helm Stierlin (1982) und Horst-Eberhard Richter (1962) erkannten Bindungskräfte in diesen Geflechten, in denen sich diese Prozesse entwickeln. Richter entdeckte, dass Kindern in Familien unbewusst Rollen zugewiesenwerden und Stierlin unterschied Bindungen als Ich-Bindung, Es-Bindung und Über-Ich-Bindung, was später ins Zentrum der Bindungsforschung rückte: das Gelingen versus Misslingen einer Sicherheit gebenden, zuverlässigen, tragfähigen und liebevollen Bindung zwischen einem Kind und seinen nächsten Bezugspersonen. Stierlin (1980) hat gezeigt, mittels welcher psychischen Prozesse und Instanzen diese Bindungsvorgänge ablaufen. Er unterschied auch Bindungsstile voneinander, je nachdem, auf welche psychischen Instanzen des Kindes sie einwirken, die er »Bindungsmodi« (ebd.) nannte. Bindungsmodi beeinflussen die Kognition, indem sie Vorgaben dafür setzen, was wie gelernt werden soll, welches Wissen wichtig ist und nach welchen Mustern und Prinzipien dieWelt geordnet werden soll. Außerdem wirken Bindungsmodi 15 Dementalisierung und Urteilsdependenz 151 über die Triebbefriedigung, indem sie Formen vorgeben, wie diese Triebbefriedigung zu erreichen ist – oder eben auch nicht, das heißt, wie die Triebbefriedigung erfolgreich vonstattengehen kann und welche Voraussetzungen dafür nötig sind. Schließlich wird auch noch das moralische Wertesystem einer Familie auf das Kind übertragen; es werden Einschränkungen gesetzt und Hemmungen erzeugt.Dabei ist zu berücksichtigen, dass dieseVorgänge imEinzelnen kompliziert ablaufen können, weil verschiedenen Familienmitgliedern innerhalb von Familien im Verlauf ihrer Entwicklung unbewusst unterschiedliche Rollen zugewiesen werden (vgl. Richter, 1962). Solche Rollenerwartungen und der jeweils individuelle Umgang damit tragen ebenfalls zur Bildung der Persönlichkeit bei. Die Rollenzuweisungen beinhalten narzisstischeAspekte und Elemente wichtiger Bezugspersonen. Sie geschehen unbewusst und nehmen dabei Konfliktlagen der vorangegangenen Generationen wieder auf. Dabei ist außerdem zu berücksichtigen, dass die Kinder auf das, was familiär und natürlich auch gesellschaftlich auf sie einwirkt, altersentsprechend unterschiedlich reagieren, entsprechend ihres eigenen Reifungs- und Entwicklungsstandes. DieKognition und die Emotionalität eines Säuglings, eines Zweijährigen und eines Vierjährigen unterscheiden sich bereits beträchtlich und bis zur voll entwickelten Psyche werden noch viele weiter Schritte vollzogen. Bis zum Alter von vier oder fünf Jahren sind Kinder beispielsweise noch nicht in der Lage zu unterscheiden, ob etwas, das Erwachsene sagen, zutrifft oder nicht, das heißt, sie können nicht unterscheiden, was in einer das Subjektive überschreitenden Perspektive wahr oder falsch ist. Zunächst können sie die Meinung eines anderen von der eigenen nicht korrekt trennen undAuffassungen von Sachverhalten nicht als falsch erkennen. Wenn es schließlich gelingt, das eigene Verhalten oder das Verhalten anderer Menschen durch Zuschreibung mentaler Zustände zu interpretieren, hat sich das entwickelt, was die »Theory of Mind« (vgl. z.B. Fonagy et al., 2004) genannt wird. Dann erst können Kinder die Perspektive anderer einnehmen und zwischen Wirklichkeit und Schein differenzieren, weil das eine eigenständige Perspektive fordert. Diese Prozesse sind kulturabhängig. Eine Untersuchung zeigte, dass weltweit Kinder im Alter zwischen vier und neun Jahren diese Fähigkeit erwerben, wobei die Kinder der westlichen Industriestaaten dies am frühesten lernen (Henrich et al., 2010). Aus dieser Untersuchung geht hervor, dass bis zum Alter von etwa vier Jahren, also bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein Kind zu erkennen vermag, dass es zu einer Tatsache verschiedene Auffassungen geben kann, die kindliche Psyche ein völlig ungeschütztes Feld ist. Dies ist aus verschiedenen Perspektiven betrachtet ein ungemein wichtiger Befund. Er liefert nämlich eine Erklärung 15 Dementalisierung und Urteilsdependenz 152 dafür, warum bei kleinen Kindern und in der Folge, wenn daraus psychische Fixierungen entstehen, der Realitätscharakter von Erfahrungen, und teilweise auch vonWahrnehmungen und Erinnerungen, in der Psyche als solcher stehen bleibt. Das betrifft natürlich auch den religiösen Glauben, besonders wenn dessen Inhalte apodiktisch mit Wahrheit gleichgesetzt werden. Komplizierte und aus meiner Sicht teilweise obsolete Konzepte wie die Himmelfahrten Christi und Mariens, Marias unbefleckte Empfängnis usw. sind aus der Sicht der kindlichen Psyche noch nicht hinterfragbar und sollten oft auch aus der Sicht der Lehrenden nicht hinterfragt werden. Es ist fatal, wenn alles, was in den ersten Jahren in der kindlichen Psyche an Inhalten deponiert wird, Realitätscharakter erhält. Man sollte hier von einer kindlichen Vier-Jahres-Urteilsdependenz sprechen. Sobald die Dependenz sich mit einer Gehorsamspflicht verbindet, tritt diese als ein weiterer bestimmender Faktor hinzu. Wenn es bis zum vierten Lebensjahr kaum möglich ist, die Aussagen der Eltern infrage zu stellen, kann danach mittels einer Gehorsamspflicht verhindert werden, dass auch später noch gewisse Aussagen, Gebote, Regeln usw. angezweifelt werden. Mit ausreichend psychischem Druck, der in der Regel durch die Erzeugung von Angst vor Strafe oder Liebesverlust zustande kommt, wird erreicht, dass weiterhin gewisse kognitive Inhalte, die als sakrosankt vermittelt werden, geglaubt werden müssen – und zwar als emotional verankerte Einschreibung in die Psyche. Solche Einschreibungen können, wie wir als Psychoanalytiker – die in ihrer Arbeit Menschen dabei helfen, einmal festgeschriebene, unbewusste psychische Inhalte zu bearbeiten – wissen, unter Umständen lebenslang vorhalten und wirksam bleiben. Selbstverständlich ist es auch möglich, dass sie zu psychischen Vorgängen mit psychopathologisch relevantem Charakter führen, also zu dem, was in einer Gesellschaft als psychische Störung verstanden wird. Sie können aber auch zu anderen Beschränkungen des Denkens beitragen, zur Einschränkung der geistigen Freiheit, zu Denkhemmungen, zu psychischer Regression und Fixierung in Zusammenhängen, die nicht notwendigerweise als Krankheit etikettiert werden. Ich möchte diesen Vorgang »Dementalisierung« nennen, als genaues Gegenteil zur Mentalisierung, bei der die psychische Repräsentation eines Inhalts, eines Sachverhalts, einer Denkbewegung oder eines Gefühls bewusst werden soll. Dabei ist die assoziative Nähe zu »Demenz« willkommen. BeiderDementalisierungkommtes geradedarauf an,dassDenkvorgängeoder auch das Bewusstwerden von bestimmten Gefühlen verhindert werden sollen, damit der psychische Apparat keine selbstständigen Schlüsse zieht. Dementalisierung und Urteilsdependenz gehören zusammen. Sie wirken gleichsinnig gegen das Verstehen von Zusammenhängen und evozieren Affekte, die das Denken 15 Dementalisierung und Urteilsdependenz 153 mittels Angst, Scham oderWut stören.Wenn solche Vorgänge über negativ konnotierte Affekte gesteuert werden, können unerwünschte Konsequenzen für das einem solchen Vorgang ausgesetzte Individuum entstehen. Insgesamt bedeutet dies eine Beeinträchtigung oder einer Schwächung seines psychischen Apparates, der an seiner ungestörten Funktion gehindert wird. Kindliche Urteilsdependenz und Dementalisierung verbinden sich mit Gebotsstrukturen, die geeignet sind, die Psyche in bestimmte Richtungen zu lenken. Stierlin (1982) nannte das »Ich- Bindung«, bei Richter (1962) ging dieser Aspekt ein in seinen Begriff der »unbewussten Rolle«. Dass selbstständigesDenkenderUntertanendieMachthaber inderAusübung ihrer Macht behindern kann, wussten alle Diktatoren (z.B. die Nationalsozialisten), die beispielsweise die Kindergärten zum Vehikel für ihre nationalsozialistische Menschenführung machten. »Menschenführung« ist ein wichtiges Wort für Diktatoren, die gehorsame Untertanen brauchen, die bloß nicht kritisch und selbstständig denken lernen sollen.1Kindernwurde zumBeispiel ein dem»Vaterunser« analoges Satzgebilde beigebracht, in demAdolf Hitler als oberster, weiser Führer gepriesenwurde, demFolge zu leisten ist, was imNS-Dokumentationszentrum2 in Berlin nachzulesen ist. Gerade ist in der Türkei ein ähnlicher Vorgang zu beobachten, wo die Evolutionstheorie Charles Darwins aus den Lehrplänen der Grundschulen gestrichen und der religiösen (islamischen) Unterweisung mehr Platz eingeräumt wird. Auch Recep Tayyip Erdoğanmöchte eine unkritische Generation heranziehen, die sich stärker seinen traditionellen Werten verpflichtet fühlt. Und auch der nordkoreanische Diktator Kim Jong-Un lässt sich heutzutage als geliebter, weiser Führer feiern. Aufklärung ade. 1 Beispiele finden sich auf www.kindergartenpaedagogik.de 2 Die Stiftung »Topographie des Terrors« ist ein seit 1987 in Berlin auf dem ehemaligen Gelände des Hauptquartiers der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) bestehendes Projekt zur Dokumentation und Aufarbeitung des Terrors durch den Nationalsozialismus in Deutschland. 15 Dementalisierung und Urteilsdependenz 154 16 Horizontale und vertikale psychische Spaltung Es ist ein interessantes Phänomen, dass esmöglich ist, durchVerdrängungundVerleugnung nicht nur horizontale Spaltungen im Seelenleben hervorzurufen, die zur Folge haben, dass psychische Inhalte teilweise nicht bewusst werden und fortan, ins Bewusstsein drängend, dort aufUmwegen eineWirkung entfalten oder sich in Form von psychopathologischen oder psychosomatischen Symptomen äußern. Es gibt auch vertikale Spaltungen, bei denen ein Nebeneinander von unterschiedlichen Entwicklungs- und Reifungsstufen in verschiedenen Bereichen oder – etwas technischer ausgedrückt – Sektoren der Psyche vorliegt. So kann einMensch beispielsweise über ein hochdifferenziertes geistiges Talent im musischen Bereich verfügen, daneben aber eine brutal aggressive Seite haben, die es ihm ohne Probleme ermöglicht, im Berufsalltag sozusagen und auch real über Leichen zu gehen. AuchdieReligionbietet einweitesFeld fürdas Studiumsolcher Spaltungsvorgänge: Menschen, selbst große Geister und erfolgreicheWissenschaftler, können sich zu den Dogmen ihrer Religion bekennen, auch wenn diese sie zum Glauben an Inhalte bringen, die bei wissenschaftlicher, vernünftiger und logischer Betrachtung nur barer Unsinn sein können. Die Veränderung religiöser Anschauungen imLaufe der Zeit kann auch zur Entlastung beitragen. Ein Protestantmuss heute nicht mehr, wie zu Luthers Zeiten, an die reale Existenz des Teufels glauben, wozu sein katholischer Bruder in Christo durchaus immer noch angehalten ist. Einerseits muss man ja froh sein, dass es den Menschen dermaßen leicht gelingt, für die verschiedenen Bereiche ihrer Existenz ein so unterschiedliches Maß anzulegen. Andererseits ermöglicht und unterhält diese Eigenschaft erst solche Spaltungsvorgänge. Auf der einen Seite wären viele der großartigen Leistungen, die imNamen der Kirche im Bereich vonWissenschaft undKultur erbracht worden sind, undenkbar gewesen, wäre man nicht in der Lage gewesen, den naiven Kinderglauben in eine adulte Form zu übertragen und in der Gemeinschaft der Glaubensbrüder und -schwesternWerke zu vollbringen, diemandann ihremGott zuschreiben konnte. Auf der anderen Seite wäre den Menschen auch viel erspart geblieben, würden sie sich nicht immerwieder gegenseitigmittels der Apologeten an ihren exklusiven monotheistischen Göttern aufhetzen (wobei diese Formulierung es besser trifft als zu sagen: sich aufhetzen zu lassen). 155 DasBöse kann,wieHannahArendt (2006 [1986, 1963]) ausführte, in solcher Weise banal sein, dass die Vermeidung des Denkens im Sinne von Nachdenken seine Freisetzung erst ermöglicht. Es muss aber aus unbewussten Quellen von gewaltiger Tiefe und Kraft, aus gegebenenfalls abrufbaren Triebkräften schöpfen können, um Zerstörungswerke in Gang zu setzen, wie wir sie immer wieder in der Menschheitsgeschichte erleben. Sich in eine Art von religiös motiviertem Berserker-Zustand zu bringen, enthält auch ein starkes Befriedigungserlebnis. Es kann, wie schrecklicherweise heute häufig zu beobachten ist, hochgradig befriedigen, einem sogenannten Höchsten zu dienen und dabei Massaker anzurichten. Mit denken im Sinne von nachdenken haben derart fanatische Zustände freilich nichts zu tun, aber die Vermutung scheint angebracht, dass bei vielen Menschen, die sich fanatisieren und radikalisieren, die bereits erwähnte These, dass mangelnde Kompetenz zur Selbstüberschätzung führt (vgl. Kruger & Dunning, 1999), vielleicht umso mehr zutrifft, als die Aufladung mittels besonders religiöser Überzeugung ein probates Mittel gegen etwaige verbliebene Selbstzweifel liefern kann. Dabei kann es nicht nur um den Bereich der Kognition gehen, wie der »Dunning-Kruger-Effekt« (ebd.) nahelegt, sondern es dürfte sich um eine eingeschränkte psychischeKapazität desHaltens vonDifferenzen imBereich von Emotionen handeln, die dazu führen, dass dem Drängen narzisstischer Bedürfnisse und aggressiver Triebe nachgegeben wird, bevor ein gedanklicher Prozess zu einer Abwägung, zu einem dialektischen Prozess führt. Verschiedene Jargons der Eigentlichkeit suggerieren das Vorhandensein von ewigen und unabdingbaren Wahrheiten, in deren Besitz ihre Verkünder sich wähnen. Sie bedienen die Sehnsuchtswünsche des nach Sicherheit suchenden Menschen. Betrachtet man dies aus der Perspektive der Entwicklungspsychologie, wird der Grund dafür deutlich: Weil man (nicht nur) als Kind Sicherheit braucht und immer ein Mangel bleibt. Sicherheits-Versprecher verkünden Ewiges, Übersinnliches undHöheres. Beim Besuch vonWallfahrtskirchen kannman feststellen, dass viele Menschen sowohl dankbar in dem Glauben sind, von jenen höheren Mächten eine besondere Gnade erhalten zu haben, als auch (wie Hiob), die Auffassung vertreten, sie seien auf eine besondereWeise in Ungnade gefallen. In den Wallfahrtskirchen sind die Wunder zu Hause. Die hier durch die Gnade Beschenkten befanden sich zuvor in einer Notlage, die abgewendet worden ist, zum Beispiel durch die Erfüllung des Schwangerschaftswunsches oder die erstaunliche Heilung einer Krankheit. »Not lehrt beten«, dieses Sprichwort hat mancher schon gehört. Später sagt man dann: »Der Mensch hat zu Gott zurückgefunden«. Aber welche Form von »Zurück« ist das? Es handelt sich dabei um Rückschritte im Wortsinn: um ei- 16 Horizontale und vertikale psychische Spaltung 156 ne Rückwärts-Entwicklung, bei der jemand wieder an der Stelle landet, die er schon einmal überwunden zu haben glaubte. Psychoanalytisch gesehen geht es um Regression auf eine magische Stufe der Erkenntnis. Das ist einer der psychischen Mechanismen, die dazu führen, dass wir im Konfliktfall, also auch in dem Gefühl der Ausweglosigkeit sowie in Not und Angst, zu Lösungsversuchen greifen, die einen psychischen Rückschritt bedeuten. Menschen in Not können zur Hochform auflaufen, was sie zu außergewöhnlichen Leistungen befähigt. Nicht selten klammern sie sich aber aus Unsicherheit und Angst auch an Strohhalme, also an untauglicheMittel, die dann häufig demArsenal derMagie oder Zauberei entstammen. Die Kindheit lässt grüßen, in diesem Fall in Form der verbliebenen Kindhaftigkeit, die in der Not aktiviert wird. Kindliche Hoffnungen sind gute Zeugen für die magischen Ordnungen der KinderseelenundkindlicheÄngste sindeinWiderscheindesunbewusstenSeelenlebens und seiner Fähigkeit phantasmatischer Konfliktkompetenz. Was machen die Erwachsenen damit? Sie fördern die kindliche Angstbereitschaft, wenn es ihnen in denKrampasst, indem sie denKindernweismachen, dieWelt der Feen und Zauberer, der guten und bösenGeister, der Götter, Engel undTeufel gäbe es wirklich. Eine tiefschwarze Pädagogik mit einem Arsenal von nicht selten sinnfreien Belohnungs- und Bestrafungsszenarien lässt sich gut unterfüttern mit der Anrufung irrealer Mächte und dem Schüren damit zusammenhängender Ängste. Mit dem schwarzen Mann wird gedroht, mit der Frau vom Kinderheim, die das unfolgsame Kind gleich abholt, mit demKrampus oder demNikolaus, der das Kind in den Sack stecken wird und mit der Schwindsucht als Preis für die Masturbation. Kinder sind, wie bereits inKap. 15 erwähnt, kulturabhängig bis zumAlter von vier bis fünf Jahren aufgrund ihrer noch eingeschränkten Möglichkeiten nicht in der Lage zu unterscheiden, ob sie angelogen werden oder nicht. Geraten sie in eine Regression, können ihre kognitiven Fähigkeiten weiter geschwächt werden, sodass sie unter Umständen in Situationen, in denen ihnen Angst gemacht wird, noch an Dinge glauben, die sie in vergleichbaren Situationen, die sie nicht ängstigen, ohne weiteres zurückweisen könnten. Dass die Erwachsenen auf diesen Klaviaturen spielen, um zu suggerieren, es handele sich dabei um die Realität, trägt zu den psychischen Fixierungen bei. So entstehen psychische Realitäten, die Teil der Kulturbildung sind, wobei der Einzelne so sehr in soziale Prozesse eingebunden ist, dass es ihm schließlich schwerfällt zu unterscheiden, was von dem, das er glaubt, Folge seiner kulturellen Stereotype und was idiosynkratisch ist, also seine eigene geistige Errungenschaft und charakteristisch für seine Person. Wermeint, solcheFixierungengehörtenderVergangenheit an, kann sichnoch heute durch existierenden Aberglauben belehren lassen. Aus Anneliese Michel 16 Horizontale und vertikale psychische Spaltung 157 (vgl.Wolff, 1999;Ney-Hellmuth, 2014) sprachder Satanhöchstpersönlich–mittels Tonträger aufgezeichnet. Der Psychoanalytiker und Psychosomatiker Gerd Overbeck und der Jesuit und Psychiater Ulrich Niemann haben in ihrem Buch Stigmata. Geschichte und Psychosomatik eines religiösen Phänomens (2012) die Psychosomatik der Verbindungsglieder zwischen Glauben und Körper bis hin zu Stigmata als realen körperlichen Phänomenen anhand von historischen und aktuellen Fällen schlüssig nachgezeichnet. Das Wort wird in der Psychosomatik Fleisch, weil der Leib nicht zumWort findet.Damit es zuErscheinungenwie Stigmata kommt, bedarf es tranceähnlicher Zustände, in die sich die Stigmatisierten entweder selbst versetzen oder in die sie versetzt werden. Das sind Phänomene, die zwar an Formen des Glaubens, aber nicht an den christlichenGlauben gebunden sind. Gewiss bedarf es auch desGlaubens an denTeufel, wie im Fall Anneliese Michel, von dessen Realität sie, ihre Eltern und in voller Verblendung auch der exorzierende Priester überzeugt waren. Nicht alle Stigmatisierten sind Scharlatane. Auch Heilige können Stigmata tragen und manche Exorzisten sind Opfer ihres eigenen Glaubens. Gewiss sind kulturelle Stereotype, zu denen man auch religiöse Stigmatisierung zählen kann, in dem Sinne brauchbar, als sie Kommunikationsformen sind, die von einer großen Zahl von Individuen geteilt werden und das Gemeinschaftsleben strukturieren. Aber die Protagonisten sollten der Wahrhaftigkeit verpflichtet bleiben, damit die Schäden, die dabei angerichtet werden, klein bleiben. Grundsätzlich sind Strukturierungsvorgänge variierbarer kultureller Gegebenheiten unverzichtbar, denn der Einzelne kann nicht stets damit beschäftigt sein, ihn umgebende Dinge auf ihren Sinn- und Wahrheitsgehalt zu prüfen. So könnte keine Gesellschaft funktionieren. Was der Einzelne am Ende wahrnimmt, ist ein phantasmatisches Konstrukt, eine Art Amalgam aus kulturellem und idiosynkratischem Inhalt, zusammengesetzt aus für das Überleben wichtigen Erkenntnissen und im Grunde beliebigem kulturellem Usus. Wenn zum Beispiel in den Alpen Almabtrieb ist, spielt der richtige Termin dafür eine große Rolle, weil die Almwiesen zwar möglichst lange als Futterquelle ausgenutzt werden sollen, aber der Abtrieb auch nicht zu spät erfolgen darf, damit die Tiere sicher ins Tal kommen und nicht von Schnee und Kälte überrascht werden. Dass die Tiere für diesenAnlass festlich geschmückt werden, ist ein schöner Brauch, aber für den eigentlichen Zweck der Sache nebensächlich. Es kann aber in der gestaltenden Gesellschaft Gedankenarbeit fordern, zu Streit oder Diskussionen über die exakte Ausgestaltung eines kulturellen Inhalts führen oder zum Streit um die richtige Weitergabe von Tradition usw.: »Wie schmückt man die Tiere für den Almabtrieb richtig?« 16 Horizontale und vertikale psychische Spaltung 158 Was praktisch wichtig ist und was unwichtig, kann ein kleines Kind noch nicht unterscheiden, es kann aber auch von den Erwachsenen aus den Augen verloren werden, was sich später rächen kann. Es gab auf manchen Inseln, die gelegentlich von Tsunamis getroffen wurden, die alte Regel, dass die Bewohner auf einen Hügel gehen sollten, wenn sich das Meer plötzlich zurückzog. Das beruhte auf dem Erfahrungswissen, dass der Rückzug desWassers der Vorbote eines Tsunamis ist. Da dieses Ereignis aber selten vorkommt, konnte es geschehen, dass über Generationen das Wissen über den Grund dieses Brauchs verloren ging. Man kannte aber die Regel. Natürlich waren im Ernstfall diejenigen im Vorteil, die sich sozusagen blind an den Brauch hielten, anstatt zu glauben, man könne ebenso gut am Strand sitzen bleiben, also nicht zu handeln, wenn das Meer sich zurückzog. Das gilt aber bei Weitem nicht für alle Bräuche. Es besänftigt beispielsweise die Stürme und Wellen nicht, wenn man wie Medea menschliche Körperteile in die tosenden Fluten wirft, wie einem antike Mythen weismachen wollten, es schafft aber zwischenmenschliche Probleme. Die Frage, was richtig ist und was falsch, wird somit auf viele verschiedene Arten beantwortet: emotional oder rational, kulturell tradiert oder wissenschaftlich begründet, wobei bei der traditionsgebundenen Weise ein Abgleich mit kulturellen Inhalten vollzogenwird.Dabei wird in der Regel der kulturelle Inhalt als die gültige Schablone betrachtet, wobei es viel Flexibilität erfordert, Veränderungsbedarf zu erkennen und zuzulassen. Die psychischen Fixierungen, die bei diesem Vorgang wirksam werden und weit ins Unbewusste reichen, machen keinen Unterschied, um welche Kategorie von Inhalten es sich handelt. So lässt sich zum Beispiel verstehen, dass ein erwachsener, intelligenter, psychisch weit entwickelter Mensch auch noch im hohen Alter glauben kann, dass er in die Hölle kommt, wenn er eine schwere Sünde auf sich geladen hat. In solchen Fällen wirkt sich die kindliche Fixierung bis ins hohe Alter aus. Dabei wäre es aus meiner Sicht angemessener, daran zu arbeiten, psychische Stärke zu gewinnen, um die Endlichkeit des Lebens und den Gedanken an den eigenen Tod ertragen zu können, ebenso wie die Tatsache, dass es nach dem Tod kein Weiterleben geben wird. Wie viel wertvoller könnte das Leben sein, wie viel leichter könnte es fallen, die Mitmenschen zu schonen, wenn der Gedanke mehr Raum bekäme, dass dieses kurze Leben, das einzige ist, das wir haben und dass es die einzige Zeit ist, die wir als lebendige Geschöpfe auf Erden verbringen werden? Es liegt an uns, den lohnenswerten Versuch zu unternehmen, die Erde nicht zu einem Jammertal, einer ubile mundus, werden zu lassen und das Menschenmögliche dafür zu tun. Es sollte unser Ziel sein, dieWelt für möglichst vieleMenschen so angenehm 16 Horizontale und vertikale psychische Spaltung 159 zu gestalten, dass ein menschenwürdiges Leben möglich wird. Unsere Erziehung trägt allerdings nicht viel dazu bei. Metakulturelle Perspektiven, mit denen es leichter wird, sich auch Umständen zu nähern, die schockierend und erklärungsbedürftig sind, könnten dazu beitragen. Wie will man es zum Beispiel erklären, dass die Frauen der älteren Generation eines Stammes, in dem die weibliche Beschneidung üblich ist, sich dafür einsetzen, dass dieser Brauch beibehalten wird? Weiterzuverfolgen, wie sich die alten Frauen von Generation zu Generation mit ihren Aggressoren identifizieren, würde hier zu weit führen; dass es solche psychischenMechanismen überhaupt gibt, sagt jedoch viel über die Menschen aus. Auf diese Weise gewinnt man einen Eindruck davon, wie machtvoll Identifizierungen sind, die als kulturelle Traditionen von einer Generation zur nächsten weitergegebenwerden. Imitation und Identifizierung sind zentraleMechanismen zur Weitergabe von Kultur, denn damit beginnt ein lebenslanger Vorgang des kulturellen Lernens. Zunächst kann sich der Einzelne nur mit dem identifizieren, was seine primären Bezugspersonen anbieten. Alternativen ergeben sich erst später. Über Imitation und reifere Formen der Identifizierung wird auch in einer Kultur lebensnotwendiges Wissen weitergegeben. Jeder Mensch, der ein Kind hat aufwachsen sehen, weiß, wie wichtig die Fähigkeit zurNachahmung ist.Wenn man die Vier-Jahres-Urteilsdependenz (vgl. Kap. 15) in seine Überlegungen mit aufnimmt, versteht man, wie machtvoll der Einfluss auf die Kinder besonders in den ersten vier Lebensjahren ist, wenn die wirksamsten Prägungen entstehen, die familiär und kulturell vermittelt werden. Kinder wollen das aufnehmen, was ihnen angeboten wird, sie sind gierig danach und haben dazu oft keine guten Alternativen. Auch die Frage von Traumatisierungen und Fehlentwicklungen ist an dieser Stelle wichtig. Jedenfalls muss sich auch das Denken entlang der Entwicklungslinien bilden, die man als Imitations- und Identifikationslinie bezeichnen kann. Daneben gibt es noch einen weiteren Strang, eine weitere Entwicklungslinie, die das jeweils Individuelle aufnimmt, das, was die Person von sich aus entdeckt, die man auch Explorationslinie nennen kann (vgl. Tomasello, 2002). Kinder entdecken Dinge für sich und machen in dem jeweiligen Bezugsrahmen ihrer Interaktion und Kommunikation Erfahrungen, die sie gedanklich aufnehmen, verarbeiten und, wenn sie dazu in der Lage sind, sprachlich kommunizieren. Bei der Sprache spielen Imitations- und Identifizierungsvorgänge die wichtigste Rolle. Daneben lässt sich beobachten, dass Kinder Dingen eigene Namen geben, was man als ein Ergebnis der Explorationslinie ansehen kann. Während der Sprachentwicklung kommt es förmlich zu explosionsartigen Entwicklungsschüben. Das zeugt von intensiven emotionalen Besetzungsvorgängen. Das Kommunikationsbedürf- 16 Horizontale und vertikale psychische Spaltung 160 nis führt dazu, Sprache zu lernen, um mit den zentralen Bezugspersonen besser interagieren zu können. Außerdem führt das Bedürfnis nach Wissen zu Bemühungen um die Aneignung der Welt der Begriffe und damit des Symbolischen. Denn auch die Welt der Dinge ist interessant, und das Denken entwickelt sich ebenfalls entlang der Aneignung von Fertigkeiten, vor allem im kindlichen Spiel. Die Bereitschaft, die belebte und unbelebte Welt emotional zu besetzen, ist groß. Freilich können auch negative Besetzungen infolge der Konnotation mit Angst, Ärger, Überforderung usw. entstehen und folglich individuelle Vorlieben bzw. auch Aversionen. Diese können im Einzelfall als echte idiosynkratische Bildungen schwer nachzuvollziehen sein. Ohne affektive Besetzungsvorgänge ist jedenfalls keine kognitive Entwicklung, kein Denken möglich. Eine Erinnerungsspur besteht, wie Alfred Lorenzer (1974) es formuliert hat, aus einem Subjekt, einem Objekt und einem Affekt. Wunsch und Begehren, Freude, Hoffnung und Liebe, aber auch Hass, Angst, Not, Abscheu und Zorn sind solche Affekte, mit denen Objekte besetzt werden, wobei mit dem Begriff »Objekte« in der Psychoanalyse Beziehungsobjekte gemeint sind, und zwar in erster Linie die familiären Bezugspersonen. Das Bedürfnis des Kindes, sich mit seinerWelt zu beschäftigen, ist eigentlich von Geburt an stark. Natürlich darf es nicht überreizt oder überfordert werden. Und freilich sind bei den vielfältigen Bemühungen des Kindes, dieWelt zu verstehen, sie sich anzueignen und in ihr seineMenschen, seine Liebesobjekte zu finden, Misslingen und Scheitern unvermeidlich. Der Traum von oder derWunsch nach demglattenGelingen kollidiertmit demRauen,mit derWirklichkeit, an derman anstößt, mit dem Erleben nicht nur des Erfolgs, sondern auch der Vergeblichkeit des Bemühens. Der Umgang mit dem Scheitern wird auch zu einer zentralen Kategorie der kognitiven Entwicklung, also desDenkens. Allerdingsmuss genügend Selbstvertrauen vorhanden sein, um angesichts eines Problems nicht gleich aufzugeben oder sich für unfähig zu halten.Hierbei werden Fragen des individuellen Narzissmus berührt, der wiederum in Beziehung steht zur Qualität der Bindung. Vereinfacht ausgedrückt kannman sagen, dass den Ergebnissen der Bindungsforschung zufolge sicher gebundene Kinder differenzierter denken können, über ein besseres Selbstbewusstsein verfügen und mehr psychische Belastungen aushalten als nicht sicher gebundene Kinder. Aber jeder ist ein Zwerg auf den Schultern der unzähligen Riesen der vorangegangenen Generationen. Wir haben zunächst keine Alternative dafür, uns das Wissen anzueignen, das die Kultur bereithält. Entscheidend ist, uns in die Lage zu versetzen, das Angebotene nicht nur zu rezipieren, sondern auch zu relativieren, wozu vergleichendeErkenntnisse jederArtwertvoll sind, seien sie kulturell, religi- 16 Horizontale und vertikale psychische Spaltung 161 ös oder wissenschaftlich. Die Fähigkeit zum unabhängigenUrteil wird erworben, und zwar ab etwa dem vierten Lebensjahr (vgl. oben). Wir erleben in unserer Entwicklung Einflüsse, die diese Fähigkeit fördern, aber auch solche, die sie einschränken.Diese Einschränkungen sind kultureller Art, insbesondere ideologisch und religiös, und können zu Denkhemmungen und zu unbewussten Fixierungspunkten in der Psyche führen, die uns anfällig machen für Regression aus Angst. Hier finden sich gewiss auch die Eintrittspforten in die Seelen der Menschen für den Aberglauben, für den Glauben an Magie und übernatürliche Kräfte, für den Glauben an übersinnliche Wesen, die von außen Einfluss auf uns nehmen oder für denGlauben an die Sterne oder Gestirne, die unserenCharakter formen. Übersinnliche »Wesen« wohnen jedoch nicht außerhalb, wie die Esoterik uns glauben machen will, sondern im Menschen selbst, der sie sich hat einfallen lassen, der seine Fantasie arbeiten lässt und schließlich nicht mehr erkennen kann, wann er es mit einemHirngespinst, einer Schimäre zu tun hat, und wann nicht. »Gott« und »Götter« entstehen, ebenso wie Teufel und böse Geister, im Kopf, im Inneren des Menschen. Wir neigen jedoch generell dazu, psychische Inhalte, also eigene, innere Bedeutungen, die uns ins Bewusstsein steigen, nach außen zu projizieren. Für die Psychoanalytikerin Melanie Klein (1934) stellt die »Urprojektion« des eigenen Todestriebs nach außen, auf die uns umgebenden Objekte, den Anfang der Seelentätigkeit dar. Das mag gewagt und sehr spekulativ sein, aber der psychische Mechanismus der Projektion ist so ubiquitär, dass man keine Beispiele dafür bemühen muss. Wegen solcher und andererWahrnehmungsverzerrungen ist und bleibt der menschliche Verstand beschränkt, wie viel Mühe wir uns auch geben mögen. Wir sind suggestibel, stehen unter dem Einfluss unseres Unbewussten und der jeweiligen Gesellschaft und Kultur, in der wir in einer bestimmten Epoche leben. Herakles und Sisyphos sind in ihremSchicksal wie tragische Brüder. Auch der Held bleibt besser nur ein sterblicherMensch. Da hilft es nichts, sich Götter oder Halbgötter einfallen zu lassen. Albert Camus (1950 [1942]) hat sich Sisyphos als glücklichenMenschen vorgestellt. Das tägliche, beschwerliche und immer wieder vergebliche Aufwärts-Rollen des Steines ist eine existenzialistische Metapher für das Leben. Es gibt als menschlichen Antrieb ein vielleicht demWunsch zu überleben entstammendes Urbedürfnis, Dinge anzustreben. Und was derMensch tut, muss für ihn wichtig genug sein, um sich dafür anzustrengen – für sich selbst und oft auch für andere, wodurch das Gefühl von Sinn entstehen kann. Auch aus der Tat selbst kann Sinn entstehen, aus der Freude am Schaffen, Funktionslust. Jeder Mensch möchte seinem Leben Sinn geben können, etwas hervorbringen, das bleibt, wenn man selbst nicht mehr am Leben ist. Das könnte man, biologistisch 16 Horizontale und vertikale psychische Spaltung 162 gesagt, als geistigenAbleger des Fortpflanzungstriebs betrachten. Die Vorstellung des ewigen Lebens enthebt uns einer solchen Aufgabe. Wenn es ohnehin nach dem Tod weitergeht, braucht man sich bis dahin nur den jeweiligen Regeln entsprechend gut zu benehmen. Aber dafür muss man in einem religiösen Sinne erst einmal an das ewige Leben glauben können,was nicht jeder kann und auch nicht jederwill.Umzu einem solchen Glauben finden zu können, muss man schon sehr überzeugt sein, insbesondere dann, wenn es sich dabei um eine Auferstehung des Fleisches handeln soll. Die abnehmende Bereitschaft, an derlei Dinge zu glauben, zeigte kürzlich eine repräsentative Befragung der ZeitschriftDer Spiegel (2019). Heute werden die sogenannten Glaubenstatschen oder Glaubensüberzeugungen zum großen Teil für intellektuelle Zumutungen gehalten, genauso wie Friedrich Schleiermacher (1995 [1820/1821]) den Glauben an die reale Existenz des Teufels als intellektuelle Zumutung empfunden hatte. Aber Inbrunst ist ein Merkmal »wahren« Glaubens: tief empfundene Sicherheit, demütigeHingabe anGedanken, die man gerade nicht überprüft, Furcht vor möglicher Rache, wenn manWiderstand leistet, durch welche die ohnehin drängende Angst vor dem Tod in den weltlichen Bereich verschoben wird. »Timor domini initium sapientiae« (Die Angst vor dem Herrn ist der Anfang der Weisheit), mit diesem Satz wurden die Gehirne von Generationen von Gläubigen gewaschen. Kritisch betrachtet sollte es eher »Timor domini finis sapientiae« (Die Angst vor dem Herrn ist das Ende der Weisheit) heißen. Es wird kein Zufall sein, dass das Wort »glauben« auf der einen Seite eine alltagssprachliche Unbestimmtheit hat, die auch wissenschaftlich im Sinne von »nicht wissen« gilt, die aber Anstoß geben kann zu weiteren Überlegungen, zu einer Prüfung von Wahrscheinlichkeit, zum Herantasten an Wissen, aber auch zum Eingeständnis von verbleibenden Unklarheiten. Auf der anderen Seite ist »glauben« im Bereich der Religion Ausdruck höchster Gewissheit, eben einer Glaubensgewissheit, die ihreAnhänger per se insRecht setzt und in den Status der Wissenden. Wer den richtigen Glauben hat, kann in dessen Namen die größten Untaten begehen und es gibt keine höhere Instanz, vor der er sich verantworten müsste. Der »Ungläubige« verfügt nicht über diese richtige religiöse Erkenntnis, was ihn in den Augen der sogenannten Gläubigen sogar vogelfrei machen kann und sein Leben wertlos. Gewiss lässt sich das psychologisch deuten als Abwehr von Zweifel und Unsicherheit. Wer es dermaßen nötig hat, seine Vorstellung von der Welt zu verteidigen, indem er über Leichen geht, in dessen Unbewusstem muss als Gegenseite die Angst existieren, dass die heutige Welt seine Position zu Recht bei klarem Verstand als Unsinn bezeichnen muss. Aber solange es möglich 16 Horizontale und vertikale psychische Spaltung 163 ist, wird man versuchen, die Frage, wer recht hat, über die Machtfrage zu entscheiden. Recht hat bei den Ideologen nur der Stärkere. Auch andere Ideologien, deren moralischer Wert hinter dem religiöser Systeme weit zurückbleiben mag, machen sich den Umstand zu eigen, dass Menschen suggestibel sind. Man muss sich immer vor Augen halten, dass Kinder bis zum Alter von etwa vier Jahren ohnehin keine Alternative haben, als das zu glauben, was ihnen vorgegeben wird (vgl. oben). Später greifen dann andere Mechanismen. Mithilfe der auf die kindliche Urteilsdependenz aufbauende, spätere Internalisierung von Denkverboten und der Androhung übler Konsequenzen für den Fall des Widerstands, also mittels Drucks von innen und außen, kann man in Abhängigkeit gehalten werden. Auf diese Art wird sowohl hierzulande der Glaube an den Teufel produziert, als auch weltweit der an Dämonen. Außerdem sollen die Bewohner eines Landes an »große Führer« glauben und sie auch noch lieben. Ihre zwingende, für das Denken und auch am Ende oft für die Gesellschaft zerstörerische Kraft entfalten solche Systeme dann mit größterWirkung, wenn ihre Kritiker erst einmal ausgeschaltet sind. Daher gilt in der Politik, dass potenziellen DiktatorenWiderstand entgegengesetzt werden muss, solange sie noch keine sind, denn danach ist es oft dafür zu spät. Das Phänomen, dass zahlreiche Menschen viele und teilweise auch noch gegensätzliche Dinge tief, innig, inbrünstig und überzeugt glauben können, unbeirrt durch Widersprüche, die sich für die Vorstellung der eigenen, dann oft monotheistischen, Exklusivität ergeben, ist dringend erklärungsbedürftig, wenn man auf das Tableau der in der Welt vorhandenen Religionen blickt. Politische Systeme, darunter auch Religionen, soweit sie als politische Systeme agieren, versuchen, Zweifelsfragen über den FaktorMacht zu regulieren: Der Stärkere behält recht, notfalls um den Preis des Lebens. Dass es dabei nur scheinbar auf Inhalte ankommt, belegen unzählige Beispiele. Die dabei tangierten Fragen berühren die Menschen auf Ebenen, die jenseits des kognitiven Inhalts liegen. Der Inhalt ist einer Überzeugung angeheftet, die dazu zwingt, die eigene Vorstellung durchzusetzen. Mittels Macht sollen Fragen gelöst werden, die im Grunde nicht zu lösen sind. Die Fragen sind an sich gewiss bedeutsam und beschäftigen jeden Menschen: Warum gibt es uns und die Welt? Wie entstehen wir? Wo kommen wir her?Warummüssen wir sterben?Wo gehen wir dann hin? usw. Die apodiktische Überzeugung der Auffassung wehrt verschiedene Arten von Unsicherheit ab, besonders die existenzielle Unsicherheit, die daher rührt, dass die eigene Existenz im Dunkeln liegt. Entwicklungspsychologisch betrachtet beginnt diese Unsicherheit in den ersten Lebensjahren mit dem Ringen um die psychische und soziale Entwicklung, 16 Horizontale und vertikale psychische Spaltung 164 wenn die Abhängigkeit des Kindes von seinen Bezugspersonen wahrhaft existenziell ist. Daher ist ein Sicherheitsgefühl Voraussetzung dafür, dass sich die entstehende Psyche, die in jener Zeit noch sehr formbar ist, gut entwickeln kann. In der Soziologie stellen sich vergleichbare Fragen auch auf der Ebene der Gesellschaften. Der Mensch kann ohne Gesellschaft, ohne Kultur nur sehr kümmerlich existieren – wenn überhaupt. Damit er jedoch in seiner jeweiligen Gesellschaft und Kultur leben kann, muss er sich in diese einpassen, wozu die Sozialisation dient. Die Vorgänge sind dabei sehr variabel. Gemeinsamkeiten werden darin gesehen, dass die Gerüste dieser Gesellschaften aus verschiedenen Elementen geformt werden, zum Beispiel Religion, Bilder von Gottheiten, Schöpfungsmythen, Zugang zu spirituellenWelten sowieRegelwerke undRituale für das ethisch richtige Leben, Heiratsregeln und Familienordnungen, politische Ordnungen, Militärwesen oder Kunst. Damit deren Einhaltung gewährleistet ist, gibt es Rechtssysteme mit Sanktionen. Der Einzelne, der in einem Rechtssystem aufwächst, hat zunächst keine Alternative dazu, seine jeweilige Welt als gegeben hinzunehmen. Er bildet, angepasst an diese Gesellschaft, seine Sprache und seine psychische Struktur und ist unbewusst so in diese Welt eingepasst, dass er mittels unbewusster Anpassungsmechanismen, wie sie von Paul Parin (1977) beschrieben wurden, gut partizipieren kann. Es kann in einer Gesellschaft nicht jede Zweifelsfrage neu ausgehandelt werden, daher sind ritualisierte und über unbewusste Prozesse automatisierte Verkehrsformen und Lösungen für immer wiederkehrende Konstellationen entlastend und erforderlich. Die jeweilige Gesellschaft kann in unterschiedlichem Ausmaß rigide oder tolerant sein, aber in jedem Fall muss sie Verbindlichkeit herstellen können, was nicht nur durch Gesetze, sondern auch durch unbewusste Einschreibung von Regeln in die Psyche geschieht. Dazu verwendet sie Rituale, die stark auf die Psyche einwirken und die mithilfe der Erzeugung von Angst, aber auch durch die Gewährung von Vergünstigungen, Prämien und anderer Bestätigungen, zwingende psychische Einschreibungen vornehmen, also psychische Fixierungen. EineGesellschaft vermittelt und verlangt gemeinsame Grundüberzeugungen. Der Glaube steht in den meisten Gesellschaften als ein für alle Menschen verbindliches, normatives Systemmit übernatürlicher Kopplung an prominenter Stelle in der Psyche, an einer Schnittstelle von innerpsychischemund gesellschaftlichem Zwang. Frühe Verlassenheit bedeutet den physischen Tod, Ausstoßung aus der Gesellschaft den sozialen Tod. Das jeweilige religiöse System stellt für die daraus entstehendenProblemeLösungen bereit, die freilichGefolgschaft fordern, unter Umständen bis in den Tod. Es gäbe auch andere Lösungen, mit anderem Kontext und anderer Ideologie, zumBeispiel Sozialismus undKommunismus, die 16 Horizontale und vertikale psychische Spaltung 165 Ideale der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit [Solidarität]) oder die Besinnung auf für alle Menschen verbindliche Grundrechte und demokratische Verkehrsformen mit der Verpflichtung auf die Charta der Menschenrechte (1948). Aber dabei fehlen noch weitgehend die Verankerungen der Inhalte im Unbewussten, die sich entwicklungspsychologisch sozusagen aus einem royalistischen Weltverständnis des Kleinkindes, in dem es Könige und Königinnen,Mächtige undUntertanen gibt, zu einem demokratischen Selbstverständnis des Erwachsenen, in dem eine grundsätzlicheGleichheit allerMenschen gelten kann und soll, entwickeln. Demokratische Pädagogik steckt noch in den Kinderschuhen. Nicht zufällig lassen wir es immer noch zu, dass das erste Weltbild, mit dem die Kinder zunächst im Kindergarten und später dann in der Schule – und oft auch zu Hause – in Berührung kommen, das religiöse ist, welches ihnen apodiktische Glaubensüberzeugungen vermittelt (um es milde auszudrücken) ohne Zweifel zuzulassen, anstatt sie früh zu selbstständigem und kritischemDenken zu ermuntern, natürlich jeweils im Rahmen ihres Entwicklungsstandes und der daraus erwachsenden Möglichkeiten, den Verstand zu benutzen. Warum sollten wir nicht die wissenschaftlichen und beweisbaren Vorstellungen über die Entstehung der Welt (Urknall) und der Arten (Evolution) vermitteln, die doch tausendmal stichhaltiger sind als die kindliche Vorstellung der Erschaffung der Welt durch einen Gott in sieben Tagen, vielleicht vor genau 7.000 Jahren, wie es religiöse Ideologen druckvoll und gerne mit erhobenem Zeigefinger tun? Warum sollten wir nicht von der großartigen Schönheit und Unergründbarkeit der Welt erzählen und die Freude amDasein propagieren?Warum sollten wir nicht von Beginn an vergleichende Theologie heranziehen? Religion ist wichtig und kann bereichernd sein, aber die kindliche Psyche ist noch zu unreif dafür, ihre Inhalte zu verarbeiten. Zweifellos gibt es ein starkes Bedürfnis zu glauben, das sich immer wieder, in jeder Epoche, durchsetzen kann und vor nichts, vor keiner Modernität und Aufgeklärtheit haltmacht. Bei der Lektüre von Julia KristevasDieses unglaubliche Bedürfnis zu glauben (2014) wird deutlich, dass es sich dabei um ein menschliches Urbedürfnis handelt, das uns Geborgenheit und Lebenssinn vermittelt. Man will lieben und geliebt werden und glaubt, dass etwas Gutes eintreten wird, das den Mangel beseitigt, das Wärme gibt, das uns Kontakt spüren lässt, das uns das Gefühl von Erfahrungen gibt und Hoffnung macht auf gelingende primäre Beziehungen und auf Kräfte, die Verzweiflung, Mutlosigkeit und das Gefühl, verloren zu sein, bannen sollen. In der Welt der frühen Erfahrungen hat der Glückliche Anteil an einer allumfassenden Seligkeit, aber dem Leidenden bleibt 16 Horizontale und vertikale psychische Spaltung 166 in seiner zeitlosenWelt nicht viel mehr als die Hoffnung auf Erlösung. Er behält die Verbindung zu der Welt über die Vorstellung eines Objekts. Er hängt wie an einer seelischen Nabelschnur, die ihn mit dem Leben verbindet. Der Glaube daran, dass es doch noch gut werden kann und die Hoffnung darauf, dass ein schlimmer Zustand aufhört sind das Klebemittel, das die Verbindung zur Welt der Objekte erhält. Oft genug reißt die Bindung, Verzweiflung nimmt überhand, Wunden bleiben offen. Dann entwickelt sich das Fühlen auf gestörte Weise, das Denken wird in Mitleidenschaft gezogen und die Beziehung zu sich selbst und seinem Körper gerät ins Hintertreffen. Oder die Beziehung zu den Menschen wird instrumentalisiert und die einst ersehnte Liebe wird suspendiert. Es sind mächtige Kräfte, die beim Vorgang des Glaubens wirken. Ursprünglich werden sie wohl eingesetzt, um uns psychisch in derWelt der Objekte zu halten, wobei es zu Beginn um Alles oder Nichts, um Leben oder Nicht-Überleben geht. Die Absolutheit des Anspruchs auf Gewissheit, den Religion vertritt, ist aus dieser Perspektive der frühen Erfahrung darin begründet ist, dass hierbei eine psychische Regression auf eine so frühe Stufe eintritt, bei der es um die Existenz bzw. die Nicht-Existenz geht, um die Abwehr von Angst. »In der Welt habt ihr Angst, aber seid ohne Sorge, ich habe die Welt überwunden«, sprach Jesus laut Neuem Testament ( Joh 16,33). Wie überwindet man die Angst? Indemman die Welt überwindet, gibt Jesus als Antwort. Aber warum soll man die einzige Welt überwinden, die es für uns gibt? Es mag bessere Wege geben, die Angst zu besiegen. Wir haben keine christliche Tradition des sich Abfindens mit der Endlichkeit. Man kann aber Neues schaffen, das auch Tradition werden kann. Gewiss sind die Denkvorgänge im Unbewussten zeitlos, vermutlich stammen die Vorstellungen vom ewigen Leben dorther. Wir betrachten es in der Psychoanalyse schon immer als wichtigen Entwicklungsschritt, Endlichkeit und Grenzen anzunehmen. Geschähe das konsequent, gäbe es mehr Möglichkeiten, angesichts der unausweichlichen Endlichkeit des Lebens Versöhnlichkeit zu entwickeln, die der Kraft und der Reife des Erwachsenen entspricht und die der Frühzeit des Leidens eines jeden Anfangs damals noch nicht hatte entgegengesetzt werden können, solange man hilflos und ausgeliefert ist. Angesichts der Vielgestaltigkeit derWelt und der riesigen Zahl der Möglichkeiten, sein Leben zu leben, könnten Gesellschaften die Toleranz zu ihrer Basis machen und eine durchaus geordnete Welt schaffen, in der die Freiheit die Freiheit eines jeden Andersdenkenden wird, ist und bleibt. 16 Horizontale und vertikale psychische Spaltung 167 17 Eine Hardware für den Glauben Der Gedanke des vorreligiösen Bedürfnisses zu glauben ist sehr wertvoll. Wenn man eineArt Entwicklungspsychologie desGlaubens entwerfenwill, kommtman von dem kindlichen Glauben an einen Schöpfer der Welt zu immer differenzierteren Formen des Nachdenkens über das Leben, seinen Ursprung, seinen Sinn und seine Zukunft. Ein solcherGlaube könnte letztlich in eine Formmünden, die Werte religiöser Einsichten zwar nicht verneint, aber die allgegenwärtigenMachtansprüche von Gläubigen, und dabei häufig von denen, die in diesen Systemen meinungsbildend sind, scharf zurückweisen würde. Es ist, als würde die Macht von Eltern über ihre Kindermit demGlauben gleichsam imPaket weitergegeben, wenn jemand eine Religion vertritt. Alle wollen seit jeher Herrschaft ausüben, weltliche wie geistige Führer, und sie benutzen dafür, was an Gelegenheiten daherkommt. Es gibt auch Versuche, durch die Verbindung von Theologie und den Neurowissenschaften eine eigene Disziplin zu formen, die Neurotheologie, wo religiöses Empfinden und Verhalten mit den Methoden der Neurobiologie (z.B. Blume, 2009) erforscht wird, wo eine evolutionäre Entwicklungspsychologie des Glaubens formuliert wird. Eine solche muss berücksichtigen, dass es sich bei dieser Art von Evolution nicht um eine kontinuierlicheWeiterentwicklung handelt, sondern um ein System von Parallelwelten. Die Spuren des frühen, vorreligiösen Bedürfnisses zu glauben bleiben in uns ebenso präsent wie seine religiösen Nachfolger, und die gedankliche Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen hat ebenso wie der Kinderglaube an Wunder ihren Platz in der Psyche. Beispiele dafür gibt es genug. Wie wäre sonst das Beharren der katholische Kirche auf der Existenz vonWundern zu erklären, was jedes Jahr aufs Neue argumentativ für Selig- und Heiligsprechungen strapaziert wird? Der inzwischen heiliggesprochene Papst Johannes Paul II hielt an der Überzeugung fest, Maria, die »Mutter Gottes«, habe ihm zur Seite gestanden, damit er 1981 das auf ihn verübte Attentat überleben konnte. Dieses Nebeneinander von Parallelwelten ermöglicht es dem Einzelnen, im Bedarfsfall jederzeit von elaborierteren Stufen der Erkenntnis auf die einfacheren, aber Emotionalität und Phantasmen bedienenden und zweifellos bereitliegenden vorrationalen Glaubensinhalte zu regredieren, beeinträchtigt jedoch die Fähigkeit zu denken. 169 Der Unterschied zwischen Julia Kristevas (2014) Denken und den neurobiologischen Theorien kann grundsätzlich bezeichnet werden, jedoch befassen sich auch Neurowissenschaftler mit dem Glauben (Newberg et al., 2003) sowie auf der Grundlage von Neurobiologie und Evolutionsbiologie auch mit der Frage, wie Erfahrungen entstehen, die jenseits der »normalen« Sinneswahrnehmung lokalisiert werden, zum Beispiel Meditationen über Gott und die Auflösung des Empfindens von Zeit und Raum. Inzwischen hat sich die »Neurotheologie« sogar zu einem eigenen Wissenschaftszweig entwickelt (vgl. z.B. Blume, 2005, 2009). Andrew Newberg ging in seinem BuchDer gedachte Gott. Wie Glaube im Gehirn entsteht (Newberg et al., 2003), das damals einiges Aufsehen erregte, von der Frage aus, ob manGott imGehirn lokalisieren kann. Er befasste sich mit Spiritualität und dabei mit dem Realitätsgehalt des Gefühls des Verschmelzens des Einzelnen mit derWelt in der Meditation. »Wer spirituelle Erfahrungen als ›bloße‹ neurologische Aktivität abtun wollte, müsste auch all denWahrnehmungen dermateriellenWelt durch das eigeneGehirn misstrauen. Wenn wir aber unseren Wahrnehmungen der dinglichen Welt trauen, haben wir keinen triftigen Grund, spirituelle Erfahrung zu einer Fiktion zu erklären, die ›nur‹ im Kopf existiert« (Blume, 2009, S. 81). Dass »Menschen […] daher ›eigentlich von Natur aus Mystiker [sind], Wesen mit einer angeborenenGabe zurmühelosen Selbsttranszendenz‹« (Blume, 2005, S. 66) tut demDenkenNewbergs zunächst keinenAbbruch, dennNewberg argumentiert konsequent als neurobiologischer Forscher, wenn er originell erörtert, wie Funktionen des Gehirns sich verstehen lassen, wenn er neurobiologische Erkenntnisse auf religiöseGedanken undGefühle anwendet.Man kann diese Perspektive auf Denken und Fühlen als eine materiell-stoffliche betrachten, aus der auf verblüffende Weise etwa die Neigung des Menschen zur Ursachenforschung begründet wird, also dazu, Dinge verstehen zu wollen. Die Gehirnfunktionen, die das leisten, werden von Newberg als »kausale Operatoren« bezeichnet. Dies seien sehr komplexe Gehirnfunktionen und hätten schlicht »die Aufgabe, das Überleben zu sichern, und nicht unbedingt, die Wahrheit zu ermitteln« (ebd., S. 63) haben. Aus dieser Perspektive wird der dazugehörige mentale Drang, den Newberg und Kollegen als »kognitiven Imperativ« bezeichnen, zu einem unfreiwilligen Drang, nämlich »das beinahe unwiderstehliche, biologisch bedingte Bestreben, mit Hilfe der kognitiven Analyse der Realität Sinn zu stiften« (Newberg et al., 2003; zit. nach Blume, 2005, S. 64). Das Gehirn sei folgendermaßen angelegt: 17 Eine Hardware für den Glauben 170 »Ohne eine gewisse Form von Scheitellappen kann kein Gehirn in Gegensätzen denken und könnte daher auch nicht die Grundbestandteile des mythischen Erzählungsaufbaus hervorbringen. Es verstünde auch den Begriff der Ursache nicht, wodurch sich die Notwendigkeit der Mythenbildung höchstwahrscheinlich überhaupt erübrigen würde« (ebd.). Dieses Potenzial wird vom Gehirn dazu eingesetzt, seine Erfahrungen zu analysieren.Wenn derMensch in seiner Existenz bedroht ist, hält diese Bedrohung sein Gehirn »in einem fortwährenden Zustand ängstlicher Erregung« (ebd., S. 65). Das Gehirn hat »auch die Möglichkeit, Ängste durch Phantasie und Einfallsgabe zu bannen. Die Menschen entwickelten Werkzeuge, Waffen und einfache Techniken. […] Gesetz, Kultur, Religion und Wissenschaft ermöglichten es ihnen, sich mehr undmehr auf ihreWelt einzustellen« (ebd.). Newberg ist hierbei, Cornelius Castoriadis (2012) nicht unähnlich, der Auffassung, dass Menschen sozusagen Überschüsse an gedanklichen Operationen produzieren, mittels derer sie versuchen, sich selbst zu überschreiten, über sich hinauszudenken. Dabei erweisen sich Castoriadis zufolge viele dieser Gedankengänge als beliebig und entbehrlich. Wenn Menschen, so Newberg, »eigentlich von Natur aus Mystiker, Wesen mit einer angeborenen Gabe zur mühelosen Selbsttranszendenz« (Newberg et al., 2003; zit. nach Blume, 2005, S. 66) sind, dürfte die Zahl möglicher Täuschungen und Irrtümer erheblich sein. Ein weiterer wichtiger Begriff Newbergs ist das »Orientierungsfeld« (vgl. Newberg et al., 2003). So nennt er Systemzusammenhänge des Gehirns, welche die aus der Umgebung auf den Menschen einströmenden sensorischen Daten (neuronale Reize) sammeln und auswerten und zu dem Bewusstsein des Selbst koordinieren. Dieser Zustrom neuronaler Reize zumOrientierungsfeld kann unterbunden werden, zum Beispiel durch Drogen, Meditation oder andere geistige Übungen, vielleicht auch durch Traumata und psychische Erkrankungen. Ein entscheidender Gedanke ist, dass das Gehirn bei dieser Unterbrechung in einen Zustand gerät, in dem es sozusagen auf Außenreize wartet, aber keine erhält und dadurch plötzlich angewiesen ist auf die Reize, die von innen kommen. Für die Dauer dieses Zustandes verliere das Gehirn die Fähigkeit, zwischen dem, was von außen kommt und dem, was von innen kommt, zu unterscheiden. Das Ergebnis ist ein Zustand, in dem der Eindruck entsteht, innen und außen seien eins, was den Menschen wiederum zu einer Form von Erfahrung bringt, die dem was wir »spirituell« nennen, ähnlich ist und zu einemVerschmelzungserlebnis führt. Hierin liege die Verbindung zur Mystik, und hierin liege auch der Ursprung von Erfahrungenmit religiösemCharakter,meintNewberg (vgl. ebd.). »Religiöse Er- 17 Eine Hardware für den Glauben 171 fahrungen sind auf demselben Kontinuum angesiedelt, und ihre Intensität hängt, wie die aller nichtspirituellen Einheitszustände, davon ab, in welchem Maße der Zustrom neuronaler Reize zum Orientierungsfeld unterbunden wird« (Blume, 2005, S. 69). »Der kognitive Imperativ veranlasst die höheren Geistesfunktionen, dieWahrnehmungsergebnisse desGehirns zu analysieren und in eineWelt voller SinnundZweck umzuformen. Damit verleiht er dem Menschen die unübertroffene Gabe, sich anzupassen und zu überleben. Diese kognitiven Fähigkeiten haben jedoch auch eine Kehrseite. Bei seinem unablässigen Bestreben, jede mögliche Gefahrenquelle zu erkennen und auszuschließen, hat der Geist auch die eine große, beängstigende Sorge entdeckt, die sich auf keine natürliche Weise beruhigen lässt – die ernüchternde Erkenntnis, dass jeder stirbt« (ebd., S. 72f.). Hier könnte eine der Wurzeln des so fundamentalen Bedürfnisses zu glauben liegen. Es ist bekanntermaßen schwierig, an den Tod zu denken. Und es ist unbestreitbar, dass man erhebliche Mühen auf sich nimmt, dies nicht mit aller Konsequenz tun zu müssen. Die Neurobiologie alleine führt hier nicht viel weiter. Stattdessen sind ergiebige psychologische und insbesondere psychoanalytische Begründungszusammenhänge, wie sie von Kristeva (2014) genannt werden, hinzuzuziehen. Der Mensch gründet seine Kommunikation, seine Beziehungsfähigkeit und -bereitschaft darauf, dass er an den bedeutsamen anderen glaubt, als Voraussetzung dafür, dass er auch an sich selbst glauben kann. Dass ihn der Tod aus diesem Netz herausreißen wird, ist auch deshalb ein großer Verlust, weil es dann keine Nächsten mehr geben wird. Interessanterweise heben auch Anthropologen wie Michael Tomasello (2014) auf ihre Weise die Bedeutung der Sprache und Kultur für die menschliche Entwicklung hervor. Man kann sagen, dass der Mensch glauben muss, weil und wenn er sich in Überzeugungsgemeinschaften mit anderen finden will und weil diese Gemeinschaften auf einvernehmlichen Überzeugungen beruhen, zumal der Mensch seinem Leben Sinn geben will – nicht zuletzt, weil ihn seine kognitive Ausstattung dazu zwingt – und er zumindest vorübergehend zur Ruhe kommen kann, wenn er meint, dass er etwas versteht. Kurt Vonnegut (1963) könnte sich an dieser Stelle verstanden fühlen. Newberg (vgl. Newberg et al., 2003) zufolge verstärke die Erfahrung des »Absoluten Einsseins« das Gefühl der Verbundenheit mit allem, was mit einer intensiven Aktivierung des zerebralen Belohnungssystems einhergehe, wie Michael Blume (2005) schreibt. 17 Eine Hardware für den Glauben 172 »Dieses habe sich aus jenen neuronalen Schaltsystemen herausgebildet, die mit Sexualität und Paarung verbunden seien. Darauf deute hin: 1. Mystiker aller Zeiten und Kulturen hätten ihre Erfahrungen in den Termini von Liebe, Glück, Erfüllung und Ekstase beschrieben. 2. Sowohl der Orgasmus wie auch das Ritual würden durch rhythmische Stimulation in Gang gesetzt und zeichneten sich durch die gleichzeitige Stimulation des Erregungs- und Beruhigungssystems aus. 3. Die sexuelle Beglückung werde vom Hypothalamus erzeugt […]. An Transzendenzerfahrungen dürften dagegen, […], ›höhere kognitive Strukturen‹ vor allem im (später hinzu entwickelten) Stirnlappen beteiligt sein. Deswegen reichten auch die feinen und komplexen mentalen Rhythmen der Meditation und des besinnlichen Gebets‹, um den Prozess der Transzendenzerfahrung in Gang zu setzen« (ebd., S. 87). Newberg gehört sicher zu den wenigen, die der Sexualität und dem Aspekt der Befriedigung (»Belohnungssystem«) im Zusammenhang mit gedanklichen Operationen eine solche Bedeutung zuweisen, womit er an Sigmund Freud erinnert, der die Bedeutung des Triebgeschehens gar nicht hoch genug ansetzen konnte. Belohnung, Befriedigung, Orgasmus, Transzendenz rücken bei Newberg ebenso zusammen wie es uns im psychoanalytischen Denken geläufig ist. Was den kommunikativen Aspekt betrifft, vermögen Vorgänge, die zur Erfahrung der Selbsttranszendenz führen, dieMenschen intensiver als logischeOperationen aneinanderzubinden. Zur Gehirntätigkeit gehört die Befassung mit Religion, wobei Newberg dem Gehirn in dieser Beziehung gleichsinnige Funktionen zuweist: »Diese beiden Funktionen lauten Selbst-Erhaltung und Selbst-Transzendenz. Das Gehirn vollbringt diese beiden Funktionen durch unser gesamtes Leben. Und es zeigt sich, dass auch Religion diese Funktionen erfüllt« (ebd. S. 111). Selbsterhaltung und Selbsttranszendenz sind für Newberg also zentrale Funktionen des menschlichen Gehirns, weil die Fähigkeit zur Selbsttranszendenz, deren Nachteile Newberg durchaus bewusst sind, für spezifische Leistungen steht, die Tiere (auch Nicht- Primaten) nicht vollbringen können: sozusagen die Selbsterhaltung unter zuvor noch nicht gedachten Voraussetzungen. Menschen sind in der Lage, solche gedanklichen Operationen durchzuführen, womit sie über sich hinaus denken können. In diesem Rahmen bleibt Newberg s Denken ein konsequent naturwissenschaftliches. Natürlich wurde Newberg kritisiert. Evolutionsbiologen monierten, dass er Religion nicht dezidiert auf durch evolutionäre Vorteile erworbene Gehirn- 17 Eine Hardware für den Glauben 173 funktionen zurückführt, andere kritisierten die Lokalisation mystischer Empfindungen in einem einzigen Hirnareal. Beeindruckend ist jedoch, dass Newberg Lösungen für einige Probleme des Denkens, religiöser Empfindungen undmystischen Erlebens anbietet, die religiöse Phänomene schlüssig erklären können, ohne dassman auf göttliche Eingebungen rekurrierenmuss und die für Phänomenewie Meditation, Versenkung, Verschmelzungserlebnisse, Selbsterhaltung und Selbsttranszendenz sinnvolle Erklärungen anbieten, mit denen Anschluss an andere wissenschaftliche Fragestellungen ermöglicht wird. Diese Zusammenhänge mit dem Belohnungssystem des Gehirns zu verbinden, ist ein eleganter Schritt, mit demNewberg eine Kategorie der Befriedigung als originellenMotivationszusammenhang einführt, was nicht nur einem psychoanalytisch denkenden Menschen unmittelbar einleuchtet, sondern auch kognitionspsychologisch nachvollziehbar ist. Menschen sind also deshalb Mystiker, weil sie sich selbst durch die Produktion gedanklicher Überschüsse überschreiten können. Dabei erweisen sich, wie nicht nur Castoriadis (2012) annimmt, viele dieser Gedankengänge als beliebig. Dass Menschen, wie Newberg betont, »eigentlich von Natur aus Mystiker, Wesen mit einer angeborenen Gabe zur mühelosen Selbsttranszendenz« (Newberg et al., 2003; zit. nach Blume, 2005, S. 66) sind, kann zum Problem werden, wenn sie die Ergebnisse ihrer Erkundungen verabsolutieren und wenn dann, anstelle von Objektivität und Wissenschaftlichkeit, Rechthaberei und Aggression als gültig eingeschätzte, verbindliche Kriterien eingesetzt werden, um sich zu behaupten. Man kann unbeweisbare Behauptungen wie zum Beispiel Bertrand Russels Teekannen-Gedankenspiel3 aufstellen, aber was geschieht, wenn es dem Zufall überlassen bleibt, wie die Sache ausgeht? DerMensch beschränkt sich nicht darauf, sich selbst zu sagen, dass er versteht. Als Gemeinschaftswesen will er nicht nur das Eigene mitteilen, er braucht die anderen alsMitglieder derselbenGemeinschaft, die ein Set basaler Auffassungen als kulturell bindendeÜberzeugungen teilen, denn andernfalls ist keine gemeinsame Kultur möglich. Wie einsam und verloren und auch wie bedroht wäre jeder von uns, wüsste er nicht um sich herum Menschen, mit denen er eine Basis hat, von der aus er sprechen kann? Man könnte den Apostel Paulus mit Kristeva (2014) paraphrasieren: »Ich glaube an den Anderen, daher kann ich sprechen«. Die Ge- 3 Russell hatte 1927 im Zuge seiner Religionskritik behauptet, die Sonne werde imWeltall von einer hypothetischen Teekanne umkreist, die so klein sei, das sie mit den vorhandenen Teleskopen nicht zu entdecken sei (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/ Russells_Teekanne). 17 Eine Hardware für den Glauben 174 sellschaft ist darauf angewiesen, dass verbindliche Regeln bestehen, andernfalls würde sie auseinanderfallen. Diese Regeln enthalten im Kern die Religion und der Kitt, der die Mitglieder der Gesellschaft zusammenhält, ist ein Glaube, der seine Kraft nicht daraus schöpft, dass er ein rationales Element ist. Das muss sich nicht Religion nennen; es ist jedoch Bekenntnis und Ideologie im Sinne gemeinsamer, starker, oft nicht zu hinterfragender und daher und dadurch jedoch auch umso mehr fragwürdig werdender Überzeugung. So kann der Glaube durch die ihm innewohnende Emotionalität zum Sieg des Verstehen-Wollens über das Verstehen-Können werden, zum scheinbar starken Denken aus Angst vor Schwäche. »Man got to tell himself he understand«, heißt es bei Vonnegut (1963, S. 130). Der Mensch muss verstehen im Sinne eines kognitiven Imperativs. Gedanken, Gefühle und Erinnerungen sind fürNewberg (vgl. Newberg et al., 2003) Hilfskonstruktionen, um die sensorischen Daten zu ordnen. Der Geist versuche geradezu zwanghaft, einen Sinn aus der Masse der Datenflüsse zu konstruieren und herauszufiltern, was sich in die Sinn-Konstruktionen nicht einfügt. Newberg bezeichnet diese Mechanismen des Gehirns als »kognitive Operatoren«. Offenbar gebe es ein neurobiologisches »Bedürfnis«, die engen Grenzen des eigenen Selbst zu transzendieren. »Orientierungsfeld« nennt er die Strukturen des Gehirns, welche die aus der Umgebung auf denMenschen einströmenden sensorische Daten zu dem Bewusstsein des Selbst koordinieren (wie oben bereits erwähnt). Das Selbst entsteht nach Tomasello (2014) erst im Laufe der Entwicklung des kindlichenGehirns. So entsteht einKonzept des Selbst aus koordinierten Erfahrungen und Handlungen in Abgrenzung eigener Intentionen zu denen anderer. Alle mystischen religiösen Kulturen haben ihre meditativen Praktiken, vom Sufi-Tanz bis zu mantrischen Gebetsritualen, um das Empfinden des Selbst zu blockieren. Die Sprache der Mystik ähnelt in allen Kulturen derjenigen Sprache, mit der sexuelle Erfüllung beschrieben wird. Beide Erfahrungen, so Newberg, basieren auf einer gleichzeitigen Stimulation des Erregungs- und des Beruhigungssystems des »Orientierungsfeldes« und beide zeigen sich in Form der Aktivierung »ähnlicher neurologischer Bahnen« (Blume, 2005, S. 85f.). Allerdings erhärtet die Erforschung der »neurobiologischen Aspekte der spirituellen Erfahrung«Newberg zufolge nur »das Gefühl derWirklichkeit Gottes« (Newberg et al., 2003). Denn was unter solchen Voraussetzungen biologisch gezeigt werden kann, ist nicht, dass Gott unmöglich verschwinden kann – also dass er existieren muss –, sondern bestenfalls, dass eine Art religiöses Bewusstsein, wenn man es so nennen will, im menschlichen Gehirn verankert sein muss. Das könnte aber auch als einen biologischen Nachweis dafür betrachtet werden, dass ein 17 Eine Hardware für den Glauben 175 bestimmtesWunschdenken unverzichtbar ist. Auch die Neurotheologen können keine Beweise für die Existenz eines Gottes liefern. Die Ergebnisse Newbergs können also nicht nur die Grundlage einer Neurotheologie, sondern auch die einer neurobiologischen Religionskritik liefern, einer Naturalisierung des von Ludwig Feuerbach (2016 [1841]) und Sigmund Freud (1927) formulierten Verdachts, dass Religion nichts anders sei, als das Produkt tiefsitzender menschlicher Denkweisen. Aus der bloßen Tatsache, dass Menschen an Gott denken, folgt trivialerweise nicht, dass Gott auch wirklich existiert. Schon Immanuel Kant (1784) hat in seiner einflussreichen Kritik der philosophischenGottesbeweise betont, dass daran auch derAspekt derNotwendigkeit eines Denkens an Gott nichts ändert. Selbst wenn gezeigt werden kann, dass Gott ein notwendiges Objekt des Denkens ist, dass wir also gewissermaßen gezwungen sind, Gott zu denken, dann folgt daraus Kant zufolge noch nicht, dass Gott wirklich, in der empirischen Realität, existiert. Trotz aller aufwendigen und teurenHightech-Apparaturen gelangt der neurobiologischeGottesbeweis keinen Millimeter über diese vonKant bestimmtenGrenzen der traditionellenmetaphysischen Gottesbeweise hinaus. Stattdessen muss oder kann man eben an die Existenz Gottes glauben – oder auch nicht. Aber nicht überall gilt, was als Inschrift am Portal des Collegium Sapientiae, der alten Sapienz, dem ältesten Studentenwohnheim in Freiburg im Breisgau, zu lesen ist: »Initium Sapientiae Timor Domini« (Der Anfang der Weisheit ist die Furcht vor dem Herrn) oder auch, wie es in der Bibel heißt: »Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis« (vgl. Ps 111,10; Sir 1,16; Spr 1,7). 17 Eine Hardware für den Glauben 176 18 Über Denken denken Folgt manNeurobiologen wie AndrewNewberg (vgl. Newberg et al., 2003), sind wir für das Denken von der Natur nicht schlecht ausgestattet, aber das hat Grenzen.Wir haben einenmentalenDrang, einen»kognitiven Imperativ« (ebd.), ein biologisch bedingtes Bestreben, mittels Analyse der Realität Sinn zu stiften. Ohne unseren Scheitellappen könnten wir nicht in Gegensätzen denken und nicht die Grundbestandteile vonmythischen Erzählungen hervorbringen.Wir können uns, schlicht gesagt, etwas einbilden. Das tun wir reichlich. Für die Unterscheidung, was stimmt und was nicht, haben wir die Vorstellung vonObjektivität und den wissenschaftlichen Verstand erfunden. Aber Menschen sind Newberg zufolge eigentlich von Natur aus Mystiker mit der Gabe zur Selbsttranszendenz (vgl. Blume, 2005, S. 66) sowie zur Ursachenforschung, sie haben also den Drang, Dinge verstehen zu wollen. Dies diene der »Aufgabe, das Überleben zu sichern, und nicht unbedingt, die Wahrheit zu ermitteln (ebd., S. 63). Was als zutreffend erlebt wird, muss nicht in einem objektiven Sinne wahr sein. Trotzdem ist es doch eine Freude zu denken! Unsere Erzählungen können wir doch lieben und als wertvoll erachten. Wir konnten magisches Denken als solches erkennen, weil es auch ein nichtmagisches Denken gibt, über das sich etwas sagen lässt. Alleine die Unterscheidung zu treffen ist einDifferenzierungsschritt, der zeigt, dass wir auf verschiedene Weise denken können. Aber wie entsteht überhaupt das Denken bis zu dem Niveau, auf dem dasMagische und das Profane unterschieden werden können?Wir suchen Antworten in der Wissenschaft und sehen nach, wie weit uns die Psychoanalyse bringen kann. Eine Stärke der psychoanalytischen Theorie liegt in der Würdigung der Bedeutung der frühen Objektbeziehungen in der Entwicklung zum kulturellen Wesen. Dazu gehören auch die Einschätzung körperlicher Vorgänge und derenWahrnehmung sowie die Zentrierung der ersten Interaktionen mit dem Objekt um den Umgang mit körperlichen Bedürfnissen. Denken entsteigt, so gesehen, zunächst aus unreflektiert und automatisch entstehenden körperlichen Vorgängen in Interaktionen mit den führen Interaktionspartnern. Sigmund Freud hatte schon festgestellt, dass »nichts anderes als ein Wunsch unseren seelischen Apparat zur Arbeit anzutreiben vermag« (1900a, S. 556). Ein 177 Wunsch erzeuge als dessen früher Niederschlag eine halluzinatorische Wunscherfüllung. Eine höhere Entwicklungsstufe dieses Apparates werde in der Folge durch die Fähigkeit zur Realitätsprüfung erreicht. Diese Fähigkeit entwickele sich quasi als Ersatz für die halluzinatorische Wunscherfüllung (Freud, 1916–1917a [1915–1917]), S. 188), was wiederumdieNotwendigkeit einerObjektbeziehung impliziere. Mit den Interaktionen seien körperliche Vorgänge verbunden, die ihren Niederschlag bei der Entstehung eines psychisch-körperlichen Apparates bildeten. Nach Freuds Theorie sind die halluzinatorische Wunscherfüllung und die Realitätsprüfung in der Psyche ganz nahe nebeneinander angelegt. Zwar sei die Realitätsprüfung die höhere Entwicklungsstufe, aber das garantiert ja in keiner Weise, dass das Denken dieses Prinzip bevorzugen würde. Realitätsprüfung ist der kompliziertere Vorgang, die halluzinatorische Wunscherfüllung mag dem einfachen Denken näherliegen. Ein Blick in sich und um sich herum offenbart, dass Realitätsprüfung keineswegs einen grundsätzlichen Vorzug erhalte. Das Ergebnis von Realitätsprüfung kann auch unbefriedigend ausfallen, was betrüblich ist, ängstigenmag oder zur Verärgerung führen kann.HalluzinatorischeWunscherfüllung hingegen ist zwar, vomRealitätsprinzip aus betrachtet, eine Täuschung, muss aber im Ergebnis dabei nicht enttäuschend sein, denn es erfüllt doch den ursprünglich gehegtenWunsch zumindest scheinbar. Außerdem erscheint es Freud keineswegs zwingend, dass im ganz frühen DenkenWunscherfüllung und Realitätsprüfung schon verlässlich getrennt werden können. So sollenbeispielsweiseEugenioGaddini (2015) zufolgeSäuglingemit schwer erträglichen Frustrationen umgehen, indem sie versuchen, diese über einen Imitationsvorgang zu bewältigen. Gaddini betrachtet die Imitation als einen frühen Abwehrvorgang, welcher der Identifizierung vorangeht. Alfred Lorenzer (1970) nahm an, dass sich frühe Interaktionserfahrungen unbewusst in sensomotorische Reaktionsweisen des Körpers einprägen und spätere Informationsverarbeitungsprozesse determinieren. Solche Erfahrungenwerden emotional und nicht sprachlich erinnert. Auf diese Weise erhalten Erinnerungsspuren besondere, sehr individuelle Prägungen. Weil diese Prägungen von Person zu Person unterschiedlich ausfallen, ist es zu erklären, dass Menschen auf faktisch sehr ähnliche Situationen emotional sehr unterschiedlich reagieren können, je nachdem, auf welchen unbewussten affektiven »Erinnerungshintergrund« die Prägung trifft. Die Erinnerung ist abhängig von einem inneren oder äußeren Dialog mit einem Objekt, einem interaktiven Prozess, einem ganzheitlichen sensomotorischaffektiven undkognitivenGeschehen in und zwischen zwei Personen.Dabeimuss man sich die frühen Austauschprozesse zwischen Mutter und Kind als Vorgänge vorstellen, die durch den in dieser Zeit vorherrschenden projektiven und identifi- 18 Über Denken denken 178 katorischenModus der Selbst- undWeltaneignung äußerst stark verzerrt werden. Die Basis dafür wird durch den oralen Modus gebildet. Ausschlaggebend für die Wahrnehmung wird also weniger ein Gegenstand an sich als vielmehr das Verhältnis der wahrnehmenden Person zudem Gegenstand, also die Inszenierung, welche die wahrnehmende Person in Gang gesetzt hat. Erinnerungsspuren bilden sich demnach als Niederschläge real erfahrener Interaktionen. Einen weiteren wichtigen Baustein zum Verständnis der Entwicklung des Denkens trug Freud bei, indem er bewusste und unbewusste Erinnerungen unterschied. Damit Erinnerungen bewusst werden können, müssen sie an das Wahrnehmungssystem (SystemW) angefügt werden, andernfalls bleiben sie unbewusst. Es gebe also ein sprachloses Bewusstwerden von Gefühlen, wobei die Gefühle wiederum an das Vegetativum gekoppelt seien. Das bedeutet in der Konsequenz, dass ein Sachverhalt, ein Gedanke, eine Sachvorstellung, für den Menschen seinenWert letztlich dadurch erhält, weil er affektiv besetzt wird, also in Gefühle eingebunden wird. Es handelt sich dabei um jene Gefühle, die bei der Entstehung derWahrnehmung eine Rolle gespielt haben. So gesehen handelt es sich also bei derWahrnehmung um einen aktiven Lernprozess. Aus diesem Grund sind auch Lernen und Bildung aktive Prozesse. Das kleine Kind ist in ungleich höheremMaße sein eigener Lehrmeister, als es später der Schüler sein wird. »Wenn es beim Kind um Sinn geht, dann steht ein subjektiver Sinn voran. Erst wenn das Kind einen solchen erfahren hat, dann wird es auch bereit sein, sich den objektiven Sinndimensionen zuzuwenden. Erst wenn Kinder eine emotionale Beziehung zu Tieren oder Pflanzen entwickelt haben, die sie gesehen, erlebt, vielleicht sogar gehegt und gepflegt haben, können wir davon ausgehen, daß es ihnen auch wichtig wird, Tiere und Pflanzen in ihrer Vielfalt zu erhalten« (Schäfer, 2005, S. 23). »Im Bildungsprozeß begegnen sich die Geschichte eines Subjekts und die Geschichte einer Sache bzw. eines Ereignisses (die auch die wechselhaften Schicksale ihrer sozialen Bedeutungsgebung enthält) mit dem Ziel, eine neue Geschichte zu bilden, die aus beiden Perspektiven zusammengefügt ist« (ebd., S. 114). Denken ist für uns selbstverständlich. Das Gehirn ist unser Leben lang ständig aktiv, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und auf unterschiedliche Weise. Das Gehirn ruht nie, es ist auch dann aktiv, wenn wir schlafen oder Aufgaben bewältigen. Wir sind also ständig in denkerische Aktivitäten verwoben, wobei 18 Über Denken denken 179 in Ruhe spezielle »Ruhezustandsnetzwerke« im Gehirn aktiviert werden. Die von den Zen-Meistern und Yogis beschworene, gewünschte und durchMeditation erreichbare Leere des Denkens ist tatsächlich keine Leere, sondern mehr eine Art Leerlauf des Bewusstseins, währenddessen in einem Sinne gedacht wird, in dem das Gehirn sich sogar in erhöhter Aktivität befindet, aber ohne konkrete bewusste Inhalte zu produzieren. Denken ist eine komplizierte und verwirrende Angelegenheit, weshalb man auch schon empfohlen hat, es lieber Tierenmit grö- ßeren Köpfen als denen der Menschen zu überlassen. Das liegt daran, dass wir es nicht richtig unter Kontrolle bekommen. Auch bringt es uns oft beileibe nicht so weit, wie wir es gerne hätten. Wir bleiben dann irgendwo auf halber Strecke stecken und kommen nicht zu dem Ziel, das wir erhofft hatten. Dann haben wir uns getäuscht. Es kann mühselig sein, unproduktiv und auch noch fehlerhaft. Schließlich kann Denken uns an Orte bringen, die wir nicht erwartet haben und es erweist sich als ein weiterer Teil unseres Lebens, das insgesamt nur in kleinen Stücken berechenbar ist und oft Wege nimmt, die uns überraschen, freuen, verstören oder empören können. Nicht nur im Wahnsinn machen sich die Gedanken selbstständig und beginnen eine Art Eigenleben zu führen. Wir wissen aus unseren Träumen, die uns manche Rätsel aufgeben, dass wir ein reichhaltiges inneres Leben haben – und daran schuld ist natürlich unser Denkvermögen. »Es irrt der Mensch, solang er strebt« lässt Johann Wolfgang Goethe (2014 [1808], Z. 317) Gott im »Prolog im Himmel« im Faust sagen. Diese Teile psychischer Aktivität, die Irrtümer, sind im Zusammenhang mit der Beschäftigung mit dem Aberglauben natürlich besonders interessant. Aberglaube ist schon per Definition ein irrtümlicher, gleichwohl geglaubter, mit Überzeugung vertretener Glaube. Abhängig davon, wie vielMacht und Einfluss einMensch hat, ist er in der Lage, mithilfe des Aberglaubens Irrtümer unter das Volk zu bringen. Aber der Glaube von heute ist der Aberglaube von morgen, das hat die Geschichte oft gezeigt. Auch wissenschaftliche Überzeugungen erweisen sich nicht selten als falsch, sie können sich aber trotzdem in der wissenschaftlichen Welt oft lange halten. Aberglaube beruht auf Denkfehlern, in der Regel auf von anderen übernommenenDenkfehlern.Daraus erwachsen zwei Fragen:Wie unterlaufen solche Fehler? Wie und warum werden solche Fehler übernommen? Diesen beiden Fragen gelten meine nächsten Überlegungen, wie fehlerhaft sie auch sein mögen. Zunächst halte ich es aber für angebracht, einige grundsätzliche Anmerkungen über das Denken und seine Störungen zu machen, denn wenn ich nicht etwas genauer darauf eingehe, wie das Denken überhaupt entsteht, kann ich auch kaum zuverlässig über Störungen und Fehler des Denkens nachdenken. Wissen- 18 Über Denken denken 180 schaftliche Redlichkeit soll mich bei dem Versuch leiten, beim Schreiben über das Denken Fehler zu vermeiden oder wenigstens möglichst gering zu halten. Eine Krux des menschlichen Verstandes ist, dass der Mensch sich auch dann seines Verstandes bedienen muss, wenn über das Denken geschrieben werden soll. Wie entwickelt sich das Denken des Menschen von seinen Anfängen hin zu dem sogenannten symbolischen Denken, bei dem beim Menschen Verknüpfungen von Sachverhalten entstehen und damit Freiheitsgrade im Denken, die den Tieren unmöglich sind? So kann auch nachvollzogen werden, warumMenschen Fantasie haben, jenen »ontologischen Überschuss«, von dem unterschiedliche Denker wie Peter Strasser, Cornelius Castoriadis und Andrew Newberg überzeugt sind, also die Freiheit, die uns von Tieren undMaschinen unterscheidet. Die ersten von außen registrierbaren gedanklichen Operationen des Säuglings sind die, welche die sogenannten Zeigebewegungen hervorrufen. Säuglinge zeigen, wenn sie etwa sechs Monate alt sind, bewusst auf alles Mögliche, was sie selbst sehen und später auch auf das, worauf andere zeigen. Das mag der vermutlich angeborenen Neigung zur Imitation geschuldet sein, wie das Lächeln, das schon im zweiten Lebensmonat einsetzen kann. Die Zeigebewegung hat aber den Charakter einer Mitteilung, sodass manche Kinderpsychologen der Ansicht sind, es handele sich dabei um Vorformen sprachlicher Äußerungen. Menschen sind kommunikative Wesen, sie befinden sie sich von Anfang ihres Lebens an in einer kommunikativen Matrix, auch bereits weit in der vorsprachlichen Zeit. Zunächst teilen Säuglinge Befindlichkeiten mit, gefolgt von Bedürfnissen, was hoch emotionale Vorgänge sind.Wie schwer die nicht-sprachlichen Äußerungen zu entziffern sind, davon wissen Kleinkind-Eltern ein Lied zu singen. Die Mitteilungen sind so stark affektiv getönt, dass der Affekt das beherrschendeElementwird.AffektiveBesetzungensind sozusagendieVoraussetzungen für Äußerungen und werden selbst kommuniziert. Erst das Gefühl, dann der Gedanke, das ist die Reihenfolge der psychischen Besetzung, der auch später beim Lernen bedeutsam ist: Zuerst muss etwas emotional besetzt werden, damit es in einen Lernvorgang eingebunden werden kann. Subjekt–Affekt–Objekt, das ist die erste Formel der Interaktion und die Spur des Gedankens. Dinge werden von verschiedenenMenschen unterschiedlich emotional besetzt, dadurch entstehen individuelle Assoziationsfelder, Differenzen und persönliche Vorlieben, auch schon in der Zeit der frühen Entwicklung. Denken entsteht in Interaktion, daher haben andere einen so großen Einfluss auf die individuelle Entwicklung. Der mit den Bezugspersonen gemeinsame Fühl- und Handlungsraum wird für das Baby zur Wiege des Denkens. Über die Kontaktaufnahme wird die Haltung erfasst, welche die anderen zu Dingen und Ereignissen einnehmen. So kommt es 18 Über Denken denken 181 verstärkt zum Nachahmen der Bezugspersonen. Danach, im zweiten Lebensjahr, entwickelt das Kind ein Bewusstsein von sich selbst. Damit eihergehend entdeckt es die Möglichkeit des So-tun-als-ob. In einem Beispiel von Peter Hobson (2003, S. 91) gibt ein eineinhalbjähriges Kind einem Löffel die Bedeutung eines Autos. EinDing steht für ein anderes, das ist symbolisches Denken. Damit ist derWeg frei, um bei dem anderen ein eigenes Bewusstsein zu erkennen.Auch die Sprache als symbolischesAusdrucksmittel per se zeigt, wie das Kind auf das Bewusstsein und das Handeln anderer Menschen einwirkt und imGegenzug dafür Botschaften empfängt. Symbolisieren und Sprache bilden eine Schnittstelle zwischenDenken und Kommunikation im Rahmen emotionaler Beziehungen, über die eine gemeinsame emotionale Welt entsteht. Die Entwicklung des Denkens wird entscheidend von der Beziehung des Kindes zuMenschen und zu Objekten geprägt. Dabei entsteht allerdings auch ein Problem, denn das Wesen des symbolischen Denkens ist, dass sich, indem alles mit allem verknüpft werden kann, ein großer Raum öffnet, der im letzten Glied der Gedankenkette autark ist: Ich, der Denker, lege den letzten Schritt der Verknüpfung fest, auch wenn die anderen Glieder Produkte unzähliger gemachter Erfahrungen in Interaktionen sind. Ich adaptiere teilweise die gedanklichen Operationen der anderen, wobei ich nicht entscheiden kann, ob sie in einem objektiven Sinne zutreffend sind, weil mein Wissen dazu nicht ausreicht. Gleichzeitig unterziehe ich sie auch meinem inneren Diskurs, der entlang meiner psychischen Struktur abläuft. Das heißt, je nachdem, wie der Einzelne »gebaut ist«, ist er bereit, manche Inhalte anzunehmen und andere zu verwerfen. Dabei mag er emotionalen Kriterien folgen und sich fragen: Was passt zu mir? Was kann daran anknüpfen? Was hat sich früher schon bewährt? Dabei wird es für das Ergebnis wichtig sein, ob und inwieweit jemand in der Lage ist, offen zu sein für Inhalte, die ihm prima vista nicht »passen« und die sich als inkongruent mit seinem Erfahrungshintergrund erweisen oder ob er bereit ist, diese Inhalte weiteren Überprüfungen zu unterziehen oder eben auch nicht und das Material gleich verwirft. Als Folge vereinfachender psychischer Operationen sind Denkstörungen möglich. Aus der Perspektive des Denkens betrachtet, also danach, was Erkenntnismöglichkeiten erweitert oder einengt, lassen sich die aus der Psychopathologie vertrauten Abwehrmechanismen als Denkhemmnisse verstehen: Verdichtung, Verschiebung, Ersetzung durch das Gegenteil usw. Je nachdem, wie die unbewusste Situation es erfordert, stabilisieren sie das psychische System, beschädigen aber das Denkvermögen zumindest partiell. Der Primärprozess kann seine Feste im Bewusstsein schöner feiern, wenn er mit Phantasmen gefüttert wird, mit 18 Über Denken denken 182 Verknüpfungen von Realitätsanteilen mit unbewussten Konfliktbereichen und Fixierungen. Dazu wird gewiss auch Verdrängung und Verleugnung verwendet, um die entsprechenden psychischen Gebilde zu produzieren. Der Wahrheitsfindung werden sie nicht dienen. Auch wer seine eigenen Regungen auf andere Menschen projiziert, beeinträchtigtdadurch seineigenesDenkvermögen.Traditionen sindkeinSelbstzweck. Sie werden schädlich, wenn sie die Freiheit unnötig einschränken, denn auch wenn das Kind in gewisser Weise sein eigener Lehrmeister ist, wie diejenigen umsichtigen Pädagogen meinen, die der Kreativität und Eigeninitiative von Kindern genügend Raum lassen möchten, folgt die frühkindliche Entwicklung des Denkens anderen Regeln. Denken an sich, wie die Forschung über die frühe Entwicklung des Denkens zeigt, wird in Interaktionen gelernt. »Das Denken kann nur dann zu einem flexiblen und schöpferischen Medium […] werden, wenn seine Entwicklung den Weg über das Bewußtsein anderer nimmt« sagt Hobson (2003, S. 197), nachdem er entwickelt hat, wie sich die erlebte Sicherheit von Bindungen zu Bezugspersonen positiv auf die Fähigkeit des Kindes auswirkt, sich in andere hineinzuversetzen und schließlich auch die eigene Perspektive auf die Welt sozusagen von außen zu betrachten. Das geschieht, wenn das Kind mit seinem Gegenüber in einen intensiven emotionalen Austauschprozess tritt, wodurch es zur Aneignung symbolischen Denkens kommt. Dabei wird ein Ding für ein anderes gesetzt, im Spiel beispielsweise ein Stöckchen für eine Pistole. Das stöckchenhafte wird außer Funktion gesetzt, damit es eine Waffe werden kann. Damit einher geht die Fähigkeit zu erkennen, dass gleiche Dinge für verschiedene Menschen unterschiedliche Bedeutungen haben können. Damit das Stöckchen auch für einen Mitspieler die Bedeutung »Waffe« bekommt, muss er sozusagenmitmachen, er muss sich identifizieren. Dazu kann auf die lange Tradition der Nachahmung zurückgegriffen werden, die mit der Zeigebewegung beginnt und über die Imitation zur Identifizierung findet. Für all diese Schritte werden andere Personen benötigt. Sie werden in Anspruch genommen und von ihnen werden Dinge übernommen, eben auch psychische Inhalte.Dazumuss keinePädagogik bemühtwerden. Imitationslernen ist ein natürlicher Vorgang, der auch bei Tieren regelmäßig vorkommt. Bei der Übermittlung von kulturellen Inhalten wird viel Wertvolles transportieret, aber auch viel Entbehrliches, Nachteiliges und – besonders in schnelllebigen Zeiten – Überkommenes. Daher ist für ein Fortschreiten der kulturellen Entwicklung, sowohl auf wissenschaftlichem als auch auf soziokulturellem Gebiet, nicht nur wichtig, wie Wissen weitergegeben und vermehrt wird, sondern auch, wie man bestimmte psychische Inhalte wieder loswird. 18 Über Denken denken 183 Es bleibt also trotz aller Neurobiologie und auch Neurotheologie eine Frage der Perspektive, des Standpunktes, ob etwas zumBeispiel als Aberglaube betrachtet wird. Wir ringen darum, Kriterien für Dinge zu entwickeln, die wir als wahr einschätzen und täuschen uns doch oft. Glaubensinhalte, die wir für falsch halten, nennen wir Aberglaube. Die Bezeichnung impliziert, dass wir uns über einen Glaubensinhalt hinwegsetzen, sei es vom Standpunkt einer Wissenschaft oder einer religiösen Bindung aus. Ist das Religiöse in feste Formen gefasst, werden Abweichungen von diesen als Aberglaube definiert, als falscher Glaube, dem ein richtiger Glaube entgegensteht, der durch die Dogmatik bestimmt wird. Darum ist die Kirchengeschichte voll von Auseinandersetzungen darüber, was richtiger undwas falscher Glaube ist (vgl. Betz et al., 2008, S. 266), wobei solche Unterscheidungen entlang von Machtverhältnissen innerhalb einer Religion oder zwischen Religionen vollzogen werden. Aus naturwissenschaftlicher, rationalistischer Sicht (die den Verfassern der Religion inGeschichte undGegenwart [ebd.] sichtlich zu weit geht) schließt der Begriff alles Übernatürliche und auch Religionen ein. Volksglaube impliziert Aberglaube, aber auch Erfahrungswissen (z.B. die Bauernregeln für dieWettervorhersage). Vielfach sindAnalogieschlüsseHintergrund abergläubischerHaltungen. Beispielsweise soll eine Schwangere nicht unter einer Wäscheleine hindurchgehen, damit das Ungeborene sich nicht in der Nabelschnur verwickelt. Ein anderer Hintergrund ist der Glaube an dämonische Gestalten (z.B. Werwölfe, Geister usw.). Auch die mögliche Vorhersage zukünftiger Ereignisse oder die Beeinflussung der Zukunft im guten oder bösen Sinne zählen hierzu, wobei Vollzugsregeln von Ritualen die korrekte und damit »wirksame« Vorgehensweise bezeichnen. Selbst wenn die Verwendung des Wortes »Aberglaube« bei uns erst ab dem 15. Jahrhundert belegt ist (ebd., S. 265), gab es bereits in der römischen und griechischen Antike vergleichbare Grundanschauungen. Sie seien »geschichtslos« (ebd., S. 275), eine Eigenschaft des Aberglaubens, die im Zusammenhang mit meiner Argumentation große Bedeutung hat. So gesehen gehört Aberglaube sozusagen unausrottbar nämlich zum Menschlichen dazu, egal, wo und wann er auftritt. Geschichtlich sind abergläubischeHaltungenundHandlungenhäufig Spuren früheren Glaubens, der einer Veränderung unterlag. Christliche Symbole werden zum Beispiel nicht selten in einem Sinne eingesetzt, der sich nicht grundsätzlich von der Verwendung von Zauberformeln unterscheidet, etwa das rituell wiederholte Gebet oder das Schlagen des Kreuzzeichens als magisches Abwehrmittel gegen das Böse, das noch heute (im Jahr 2019) im bischöflich zu genehmigenden Exorzismus zur Austreibung von Dämonen vollzogen wird. Nimmt man noch 18 Über Denken denken 184 einige der für Katholiken bindenden Glaubensüberzeugungen hinzu (z.B. die jungfräuliche Geburt Jesu, Jesu Menschwerdung und leibliche Auferstehung, die AuferstehungMariens usw.), wird deutlich, dass es innerhalb von Religionen keine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Glaube und Aberglaube gibt, es sei denn eine dogmatische. So wundert es auch nicht, dass die Vermischung von Glaube und Aberglaube endemisch ist. Ist das Kreuzzeichen nun im Rahmen des Glaubens oder des Aberglaubens wirksam? Das ist eine nicht zu entscheidende Frage, weil die dem Aberglauben oder dem Volksglauben oft (und zu Recht) unterstellte Eigenheit, Abstraktes zu konkretisieren, auch im christlichen Glauben zentral ist (z.B. in der Wandlung während der Messe: »Dies ist mein Leib … Dies ist mein Blut …« usw.), das heißt, Glaubensdinge werden als tatsächlich angesehen und nicht symbolisch genommen. Tiefenpsychologisch betrachtet entsprechen solche Bildungen dem Phantasma, einer für real gehaltenenpsychischenBildung.Teufel, Sukkubus, Inkubusoder Wiedergänger sind einige dieser phantasmatischenGestalten, mit denenmanBücher füllen kann.Wem oder wofür dient das? Es soll dem eigenenNutzen dienen, der Abwehr von Unheil sowie eventuell der Zufügung von Schaden. Man will Gefahren abwenden, Angst und Tod bannen, das Schicksal (z.B. durch Glücksbringer) oder andere Menschen (z.B. durch Schadenszauber, Liebeszauber) beeinflussen, Sicherheit in ungewissen Situationen erreichen usw. »Magisch« ist dasWort, mit dem sich dieses Denken undHandeln bezeichnen lässt. MagischesDenken sei keinRelikt derGeschichte, nichts historischÜberwundenes, sondern lebendige Gegenwart, meinen auch dieHerausgeber von Religion in Geschichte und Gegenwart (Betz et al., 2008). Der Aberglaube bilde eine beachtliche Unterströmung, die alle gesellschaftlichen Bereiche erfasse und zum Beispiel in der Inanspruchnahme vonWahrsagern, Rutengängern undAstrologen ihren Niederschlag finde. Auch vor der Gefahr eines »verkirchlichten« Aberglaubens wird gewarnt, der die ganze Bibel durchziehe. Rationale Aufklärung alleine erziele keine tieferen Wirkungen. Daher müsse die Wirkung nüchterner und kritischer Wissenschaftlichkeit ergänzt werden durch echte Gottesfurcht und rechtes Gottvertrauen. Die Macht Christi, der die Dämonen bezwungen habe, müsse im Menschen aufgehen. Dazu gehörten die Hilfen und die Geborgenheit echter Gemeinschaft, denn der Abergläubische sei immer ein einsamer Mensch. Bei der Einbeziehung der (Tiefen-)Psychologie gelte es zu unterscheiden: »dort die Heilung krankhafter Zustände und der Ruf desMenschen zurück zu sich selbst, hier der Ruf zur Umkehr zuGott, die Anerkenntnis der Schuld […] und das Angebot der Vergebung« (ebd., S. 62f.). 18 Über Denken denken 185 Wenngleich Hans Dieter Betz und Kollegen dahingehend zuzustimmen ist, dass derWert rationaler Aufklärung leider oft überschätzt worden ist und immer noch überschätzt wird (man denke an die imZusammenhangmit fast verschwunden geglaubten Erkrankungen oder einer aktuell noch nicht beherrschbaren Virusinfektion wieder aufflammende Impfdebatte), hinterlassen die Heilmittel, auf die sie sich besinnen, doch große Skepsis. Kann, wer sich sündig und schuldig bekennt, den Aberglauben hinter sich lassen, indem er den sogenannten wahren Glauben ansteuert? Oder tauscht er auf diese Weise nicht eher eine vermutlich in der Tat kindliche und egozentrische singuläre Glaubensüberzeugung, nämlich den sogenannten Aberglauben, gegen eine differenziertere und umfassendere Haltung, die aber nicht weniger auf durch nichts außer eben diesen Glauben selbst zu verifizierenden Glauben beruht und die sich auf Begriffe wie »Gott«, »Schuld« und »Vergebung« beruft, also letztlich auf einen Solipsismus? Man muss eben an den wahren Glauben glauben, wird gegen den Skeptiker eingewendet. Das ist ein unheimlicher Einwand, bedenkt man die Abermillionen Toten, die für oder gegen den einen oder anderen wahren Glauben schon ihr Leben lassen mussten. Dennoch, es gibt doch beim Glauben enorme qualitative Unterschiede. Bei Weitem ist nicht alles gleich, was geglaubt wird. Die Dinge werden dadurch sehr kompliziert, weil und wenn es den wahren Glauben geben soll. Wenn aber, was jeder Gläubige bestätigen wird, es gerade Kategorien wie Überzeugtheit und Inbrunst sind, welche die Stärke eines Glaubensgefühls ausmachen, dann wird der daneben verbleibende Raum für Toleranz vonDifferenz klein. Denn durchGlauben werden starke Kräfte mobilisiert und das Phänomen der Religionen zeigt, dass ein Bedürfnis zu glauben auf der ganzen Welt präsent ist, überall da, wo es Menschen gibt. Handelt es sich beim Glauben um das, was Blaise Pascal meinte, als er sagte: »Der Geist glaubt von Natur, und der Wille liebt von Natur; und so müssen sie sich an falsche Objekte hängen, wenn wahre fehlen« (2016 [1669]; vgl. Kristeva, 2014, S. 19)? Oder geht es darum, wie Thomas Münzer (1489–1525) – weniger wohlwollend – die Gläubigen charakterisierte, wenn er schrieb: »Das Volk gläubet jetzt so leichthin, wie eine Sau ins Wasser brunzet« (vgl. Deschner, 1997, S. 174), wenn also der Mensch auf eineWeise, durch die er den Glauben, der ihm in reiner Form guttun könnte, verunreinigt? Wenn ich sage »ich glaube«, kann ich das, was ich meine, für wahr oder für wahrscheinlich halten. Als Bekenntnis ausgedrückt gilt natürlich, dass ich das, was ich glaube auch für wahr halte. Allerdings ist für Menschen mit einem Absolutheitsanspruch schlicht das wahr, was sie glauben. Wenn ich aus tiefster Seele von etwas überzeugt bin, wie soll ich meinem Nachbarn zuzugestehen, mit glei- 18 Über Denken denken 186 cher Inbrunst etwas vielleicht ganz anderes zu glauben, das dann für ihn genauso gilt, wie mein Glaube für mich? Das ist wahrlich viel verlangt und wäre dennoch ein Schlüssel zur Koexistenz. Glaube ist ein brisantes Thema, denn bei kaum etwas habenMenschen weniger Humor als bei Glaubensüberzeugungen. Man mag zwar die Aufklärung für das größte Geschenk halten, das sich die Menschheit in ihrer Denk-Geschichte gemacht hat, dennoch ist sie offenbar in der letzten Zeit ins Stottern gekommen. Liegt es an dem Versäumnis hinreichenden Vorantreibens des Aufklärungsprozesses in Form einer Dialektik der Aufklärung, wie das Max Horkheimer und Theodor W. Adorno (1969 [1944]) vor Jahrzehnten gefordert haben? Ist die Aufklärung zu rationalistisch gedacht worden? Wenn der »religious turn« der 1990er Jahre unerwartet frischen religiösen Wind in die geisteswissenschaftliche Debatte des Westens gebracht hat, droht nun ein islamistisch-fundamentalistischer Sturm daraus zu werden, der den Ertrag von einigen Hundert Jahren Kulturgeschichte mit dem intellektuell bescheidenen Argument hinwegfegen möchte, dass Allah stärker sein soll als das, was die Vertreter dieser Auffassung unter der Substanz verstehen, die sie bei ihren Gegnern wahrzunehmen in der Lage sind. Darin ist die alte, schon im vor-aufgeklärtenChristentum gültige Vorstellung enthalten, dass derGlaube grundsätzlich stärker ist als das rationale Wissen Wenn angesichts und nach der Aufklärung dieser Grundsatz nicht mehr gilt, ist das Christentum aus der Sicht des religiösen Fundamentalismus »geschwächt« und der Urwüchsigkeit eines fremden, zum Beispiel nichtwestlichen, kontaminiertenGlaubensnicht gewachsen. Fundamentalistische Ideologen wissen das, daher soll gelten: »Boko Haram« (»Westliches Wissen [Erziehung, Bildung] ist eine Sünde«). Denkverbote auszusprechen und ihre Einhaltung zu kontrollieren ist nicht schwer, wenn ein religiöses (oder politisches) System mit der Indoktrination der Betroffenen in deren jungen Jahren beginnt und ein wirksames Überwachungssystem hat. Das alles ist imWerkzeugkasten von Diktaturen, auch von denen des sogenannten Proletariats, enthalten. Allerdings hat auch der Islam und hatte das Christentum, zumindest solange es noch über ausreichend faktische Macht verfügte, diese Möglichkeiten. Glücklicherweise sind Alternativen denkbar, solange das nicht verboten ist, und zwar als ein die Aufklärung nicht suspendierendes, sondern erweiterndes Denken, das dem Bedürfnis zu glauben einen Platz einräumt, indem es dieses akzeptiert und darüber aufklärt. Man mag das Gespenst des Islam, wie es seit einigen Jahren nicht nur in Europa mit wachsender Militanz umgeht, in stringenten Begründungszusammenhängen (z.B. ökonomischen und politischen) zu fassen bekommen, aber das Religiöse hat auch einen Eigenwert, der lange vernachlässigt worden ist. Manmag auch dem für wichtige islamische Länder in den 18 Über Denken denken 187 letzten Jahrzehnten entstandenen ungeheuren Reichtum durch die Ölförderung als Machtfaktor Gewicht geben und hoffen, dass der islamistische Spuk zusammenmit den leerer werdenden Ölfeldern seineMacht verliert, wenn keine Petro- Dollars mehr umgesetzt werden. Man mag ebenfalls die Hybris beklagen, mit der jahrhundertelang die technische und militärische Überlegenheit westlicher Länder zur Ausbeutung schwächerer Länder undVölker missbraucht wurde, aber die potenzielle Vernachlässigung und die Schwächung eines für den Menschen vielleicht essenziellen Bedürfnisses, nämlich dem Bedürfnis zu glauben, könnte eine Perspektive eröffnen, die einerseits den Blick dafür freigibt, was denn nun der Rationalismus amMenschen vernachlässigt (um es auf diese kurze Formel zu bringen) und andererseits auch dafür, wie von einem durch die Aufklärung hindurch geführten anerkannten Bedürfnisses zu glauben zu profitieren sein könnte, und zwar auf eine umfassende, gründliche und damit dem Menschen, der auch imWesten spürt, dass kapitalistischer Konsumismus zwar durchaus Spaßmachen kann, aber nicht befriedigt, bereicherndeWeise. Menschen haben bei denVersuchen, Regeln zu formulieren undÜberzeugungen zu bilden, die universelle Gültigkeit beanspruchen können und ein gedeihliches Zusammensein für alle denkbarmachen, bereits zu Zeiten der Französischen Revolution gemeinsame Regeln formuliert, nämlich Solidarität, Freiheit und Gleichheit für alle vor dem Gesetz. Ist das zu gut gemeint? Rechnet das die Fähigkeit zur Destruktion und denNarzissmus der kleinen und großenDifferenzen nicht genügend ein? Bedarf es eines Menschenbildes, das würziger und saftiger zu sein verspricht als die doch eher trocken und abstrakt daherkommendenMenschenrechte? Auf dieseWeise fantasieren wir, auch wenn wir es anders nennen, immer wieder geheimnisvoll wirkende Kräfte. Das gilt auch für diejenigen, die das bewusst zurückweisen und sich vom Glauben an den Teufel und die Hölle weit entfernt wähnen. Aber wie konzipieren diese Menschen die Relation von Vernunft und Glauben? Als kleine Inseln von Rationalität und lebenspraktischer Kompetenz, schwimmend auf einemMeer desUnverstandes?Oder als stetigen Zugewinn von immer gewaltigerem Reichtum an Wissen über die Natur, das potenziell zu einem Ende zu bringen ist, indem irgendwann die Welt tatsächlich in ihrer Gänze begriffen sein wird? Der moderne Rationalismus neigt zu Letzterem. Außerdem gab und gibt es Menschen, die davon überzeugt sind, dass das Wesentliche, das man über die Welt wissen müsse, bereits in den Schriften der göttlichenOffenbarung stehe. Auch das ist ein bestaunenswertes Phänomene, das unglaubliche Blüten treibt. Der Exorzismus ist eine solche Blüte und sie erhält immer noch neues Wasser. Der Fall der 1976 infolge eines Exorzismus gestorbe- 18 Über Denken denken 188 nen Anneliese Michel aus Klingenberg (vgl. Wolff, 1999; Ney-Hellmuth, 2014) ist noch nicht aus der Erinnerung verschwunden, und Ende 2015 beschäftigte ein Exorzismus mit tödlichem Ausgang in Frankfurt am Main die Gemüter. Die Beschäftigung mit dem Fall aus Klingenberg beschert Einblicke in die Praxis des Exorzismus und in die Besessenheit, ebenso wie die geistreiche Publikation Stigmata. Geschichte und Psychosomatik eines religiösen Phänomens (2012) von Gerd Overbeck und Ulrich Niemann über Besessenheit und Stigmatisierung, die eine Brücke zur modernen Psychosomatik schlägt und religiös-okkultistische Phänomene nachvollziehbar wissenschaftlich plausibel macht. Die Autoren weisen unter anderem darauf hin, dass die Praxis des Exorzismus nur im Zusammenhang mit Religiosität wirken. Ein weiteres dunkles Kapitel christlicher Religiosität ist das der Hexen und derHexerei, prall mit Psychopathologie gefüllte Phantasmen,Wahnähnliche psychischeGebilde, die ideologisch aufs Innigstemit demTeufel verbundenwurden, und die etwa eine MillionMenschen, vorwiegend Frauen, das Leben kosteten. 18 Über Denken denken 189 19 Ein Teufel für das 21. Jahrhundert? Was ist nun der bisherige Ertrag unserer Beschäftigung mit dem Teufel? Diese Kapitelüberschrift kann nur ironisch verstanden werden, denn der Teufel war nie mehr als eine Art Pappkamerad, der benutzt wurde, um Angst zu verbreiten und Macht auszuüben. Es kann weder Teufel und Dämonen noch einen Gott oder Götter in dem Sinne geben, wie es Gegenstände, Substanzen und Lebewesen gibt. Gott und Teufel sind jedoch kulturelle Symbole; sie sind zwar nicht konkret, sagen aber viel über den Menschen aus. Es gibt Ideen, gedankliche und praktische Schöpfungen von Menschen, die in der Fantasie Universen entwerfen können, die auch zu Erkenntnissen fähig sind, die aber mit ihren Fragen nicht zu Ende kommen werden. Wir fragen uns, woher wir kommen und was es mit dem Tod auf sich hat undmöchten unseremDasein einen Sinn geben.Wir habenMöglichkeiten des Denkens, mit denen wir die restliche animalische Welt überschreiten. Das Wissen differenziert und erweitert sich, die Kultivierung des Gefühlslebens erweist sich als kompliziert. Die menschliche Fantasie lässt uns nachdenken, antizipieren, uns Dinge ausdenken, die es im materiellen Sinn nicht geben muss und die dennoch wie eine Realität verstanden werden können. Das gilt auch für ein Konzept wie »Gott«, über den Dietrich Bonhoeffers bekanntes Zitat lautet: »Einen Gott, den ›es gibt‹, gibt es nicht« (1956 [1931], S. 94). Dabei war der Theologe Bonhoeffer ein tief religiöser Mensch, der sich sehr häufig in seinen Werken, Gedichte, Predigten usw. auf Gott berief. So brachte er sein Gottesverständnis auf den Punkt. Er hat sich mit seinem Gott befasst, der für ihn durchaus eine reale Größe darstellte, wobei für ihn das Göttliche ein Prinzip war, aus dem er eine ungeheure Kraft schöpfte. Sein Glaube an Gott und seine Einbindung in die Kirche hielten die Menschen zu Demut vor der Größe der Schöpfung, an, zu Liebe und Bescheidenheit und zum Verzicht auf egoistische Aggression. Bonhoeffer verwies auch auf Satan als eine der Schöpfung innewohnende destruktive Kraft (ebd., S. 111). Er hatte zu dieser Formulierung gefunden. Der Teufel roch für ihn gewiss nicht nach Schwefel, aber ebenso wie in dem Begriff »Gott« die Geheimnisse der Schöpfung und des Guten enthalten sind, steht bei ihm der Teufel für die Möglichkeiten des Bösen oder der Destruktion. 191 Die starken Sätze aus JohannWolfgang Goethes Faust: »Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht, denn alles was entsteht, Ist wert, daß es zugrunde geht« (2014 [1808], Z. 1338–1340). beschreiben eine Art selbstbewusster Verneinung, die das Destruktive zum nihilistischen Lebensprinzip erhebt. Goethe war ein Humanist, der das Leben liebte, vielleicht auch Atheist, aber ein weitsichtiger Mann der uns mittels seiner Kunst viel über den »kleine[n] Gott der Welt« (ebd., Z. 281) erzählen konnte. Dieser sich selbst überschätzende Mensch ist ein Thema, das, wie ich versucht habe zu zeigen, auf direktem Weg zum Teufel führt. Im Grunde sind Gott und Teufel eindrucksvolle Erfindungen, aber wir dürfen ihre Ursprünge nicht im Weltganzen suchen, sondern bei uns selbst: »Den Teufel aber gibt es wirklich,/denn der Teufel, der bist Du!« (T. Lessing, 1924, S. 336) – und der bin ich auch, was ich hinzufüge! Auf die menschliche Neigung, das Böse nach außen zu projizieren, hat uns eindrücklich Sigmund Freud aufmerksam gemacht. Es ist wichtig, diesen Neigungen starke Kräfte entgegenzusetzen, weil sie, ungehemmt, uns selbst zu Helden machen und alle anderen zu Feinden, Idioten und allem Negativen, was uns einfällt. Davon, wie sanft und unbeschädigt Satan nach seinem»Höllensturz« gelandet ist, wie komfortabel er unter uns wohnt und wie mächtig er sich ausgebreitet hat, kann man bei der Lektüre von Peter Strassers Ontologie des Teufels (2016) eine Ahnung bekommen. Dort hat dieser Philosoph, der in Graz an einer theologischen Fakultät gelehrt hatte, getragen von der zur Gewissheit gewordenen Auffassung, das von ihm so bezeichnete »Radikalböse« beschrieben, dem er das »Radikalgute« gegenüberstellt, das uns darin bestärkt, als beseelte Wesen nach Lebendigkeit zu streben. Dieser radikale Manichäismus ist einer der Stränge, mithilfe derer Strasser für die Notwendigkeit einer religiösen Dimension des Menschlichen plädiert, in der sich der »ontologische Überschuss« des menschlichen Denkens und die Besonderheit seines Daseins artikulieren. Beim ontologischen Überschuss geht es bei Strasser (2016) darum, dass der Mensch stets über die Möglichkeit verfügt, immer über das Bestehende hinauszudenken und es nicht dabei belassen muss, an ein Ende imDenken zu kommen. Strasser erwähnt die neurobiologischen Überlegungen Andrew Newbergs (vgl. Newberg et al., 2003) nicht, aber es liegt auf der Hand, dass beide Autoren von zwei unterschiedlichen Blickwinkeln auf ähnliche Phänomene verweisen: hier der Neurobiologe Newberg, der die Fähigkeit des Gehirns, gewisse gedankliche 19 Ein Teufel für das 21. Jahrhundert? 192 Operationen durchzuführen beschreibt, dort der Philosoph Strasser, für den der verbleibende ontologischeÜberschuss desmenschlichenDenkensmit einer göttlichen Dimension in Verbindung stehen soll. Die Endlosschleifen des Denkens, energetisch angereichert oder befeuert durch denWunsch nach Intensität, führen sowohl bei Strasser als auch bei Newberg immer wieder über das Bestehende hinaus, wobei sie aus verschiedenen Denktraditionen heraus argumentieren. Dabei erreicht Strasser nicht die StringenzderArgumentationNewbergs, der auf diemetaphysisch-transzendentale Dimension verzichten und das Metaphysische selbst »zwanglos« im Zusammenhang mit den Funktionen des Gehirns als Fähigkeit zu einem Denken präsentieren kann, das Menschen auch aus seiner Perspektive zu geborenen Mystikern und Metaphysikern macht. Bei Strasser bleibt das Sein allen Bemühungen zum Trotz unergründlich, es hat selbst sozusagen einen ontologischenÜberschuss in sich.Manmag die dem innewohnende Transzendenz als metaphysisch oder sogar göttlich verstehen und so nennen. Das gilt für Strasser, und das ist ein wichtiger Gedanke, auch für das Böse. Auch beimBösen postuliert er jenen Seinsüberschuss, der es unausrottbarmacht. So revitalisiert er den Begriff des Teufels als ein Böses schlechthin, was in dieser Hinsicht vergleichbar mit den Ansichten René Girards (2002 [1999]) ist. Es ist unverkennbar, wie sehr dieMacht der Projektionen in jedemMenschen, privat, familiär oder politisch, wirkt und dass es einer Gegenkraft menschlicher Bezogenheit bedarf, um sich wirksam dagegenzustellen. Sollte jemand einwenden, es handele sich bei dem, was ich hier vertrete, doch um christliche Werte, kann ich nicht widersprechen. Aber sind zu deren Feinden heute nicht die Kirchen selbst geworden, sodass es Zeit wird, dass das, was an diesenWerten kostbar ist, umso mehr von anderen vertreten werden muss? Hierzu zählen zum einen Girards (ebd.) imMenschen verankertes »mimetisches Begehren«, ein imGrunde psychologisches Konzept menschlicher Destruktivität mit seinen Folgen, das er freilich aus den biblischen Überlieferungen ableitet, indem er seine eigene Deutung hinzufügt, außerdem Peter Sloterdijks (2002) eindrucksvolle Idee der säkularenWendung der Erbsünden-Hypothese, verbundenmit demKonzept der Desinteressierung sowie Peter Strassers (2016) These des ontologischen Überschusses im Denken des Menschen, der von Grund auf böse und nicht fähig sei, alleine, aus eigener Kraft, zum Guten zu finden. Mit Desinteressierung meint Sloterdijk (2002) die Verlagerung sinn- und wertvoller Lebensziele aus dem materiellen Bereich hinaus. Ein Porsche für alle wirkt im ersten Moment für viele attraktiv, ein solches Fahrzeug haben zu wollen ist aber als Ziel für die meisten Menschen irrational und unsinnig, und das Streben danach kann für viele nur misslingen. Damit nicht Neid und Missgunst 19 Ein Teufel für das 21. Jahrhundert? 193 verstärkt werden, ist es eine kluge Lösung, wenn solches Besitzstreben an sich für alle uninteressant wird, wofür Sloterdijk den Begriff der Desinteressierung prägte. Die Gestaltung unserer heutigen Lebenswelt und unsere Tagesabläufe zeigen eher das Gegenteil. Nach Besitz zu streben soll möglichst erstrebenswert sein. Die Werbung heizt, angetrieben von einem maßlosen Kapitalismus, gerade das Streben nach Konsum an, was jedoch nicht zu Zufriedenheit führen kann. Es lässt lediglich unendlich viel Raum für Neid undMissgunst, also für Girards »mimetisches Begehren« (2002 [1999]). Natürlich sind materielle Bedürfnisse wichtig und zumTeil unverzichtbar, aber Konsumismus führt in einem suchtartigenMechanismus zu einem Zustand, in dem ein Gefühl von Sättigung nicht erreicht wird, sondern ein Bedürfnis nachMehr, wie in der Sucht, entsteht. Desinteressierung würde in diesem Zusammenhang bedeuten, dass Menschen erkennen, dass sie andere Möglichkeiten haben, um ihrem Leben Sinn zu geben, dass sie mehr Zufriedenheit erreichen, wenn sie auf nicht-materielle Art zu Reichtum finden und dass sie Themen entdecken können, die sie interessieren und bewegen. Die sozialwissenschaftliche Erbsünden-Hypothese hat großen heuristischen Wert, weil sie eine einleuchtende Antwort auf Fragen gibt, denen man sich bisher nur durch apodiktische Setzungen – und das gewiss unbefriedigend – nähern konnte. Es ist nicht verwunderlich, dass die christliche Setzung der Erbsünde als eine Art Grundausstattung aller Menschen heute nicht mehr akzeptiert wird, sondern eher als intellektuelle Zumutung empfundenwird, als kirchlichesMachtmittel, umMenschen mit Schuldgefühlen an gewisse religiöse Auffassungen und Praktiken zu binden. So waren die Verhältnisse schließlich auch für lange Zeit. Völlig anders ist es aber einzuschätzen,wennmandas, was dieKirche als Erbsünde bezeichnet, als den Niederschlag von Wissen und Erfahrung über die menschliche Psyche deutet: Wenn ein Mensch etwas besitzt oder kann, löst das bei seinen Mitmenschen den Reiz aus, es ihm gleichtun zu wollen oder ihn zu übertreffen. Menschen neigen zur Konkurrenz, die anspornen kann und dadurch durchaus bereichernd wird, die aber auch zerstörerische Kräfte freisetzt, wenn es dabei zu Aggression, Neid und Gier sowie zur gegenseitigen Bekämpfung bis hin zur Vernichtung kommt. Ist das nicht eine eindrucksvolle Variation des Teufels-Motivs? Der Teufel steckt eben in jedem von uns. »Den Teufel aber gibt es wirklich, denn der Teufel, der bist du!« (T. Lessing, 1924, S. 336) bedeutet, er steckt in dir und auch in mir. Neben der Erbsünde sind Menschen mit der Neigung zu weiteren Sünden behaftet, den sogenannten Todsünden, die es wert sind, ihnen eine ethisch und praktisch ausgerichtete Psychologie zu widmen. Wollust, Zorn, Neid, Völlerei, Hochmut, Trägheit und Habgier ließen sich allesamt als nahe Verwandtschaft 19 Ein Teufel für das 21. Jahrhundert? 194 Satans gut in die Reihe der vonGirard (2002 [1999]) angeprangertenNeigungen des Menschen stellen, jedoch finden wir heute vielleicht bessereWege damit umzugehen als triebfeindliche Verbote auszusprechen und Strafen zu fordern. Mit ihrem Kulturpessimismus sind Strasser und Girard nicht alleine. Auch John Gray (2015) fügt seine wenig schmeichelhafte These vom Menschen als sich maßlos überschätzendes Raubtier als animalische Anthropologie hinzu, ohne Hoffnung auf ein wirksames Gegenmittel zu wecken. Aus kulturtheoretischer Sicht ist dazu die soziologische These hinzufügen, dass der Mensch für seine eigene Kultur, obwohl er sie selbst geschaffen hat, immer wieder zum Risiko wird in dem Sinne, dass es ihn ständig dazu treibt, diese zu zerstören. Sowohl Strasser (2016) als auch Girard (2002 [1999]) zaubern am Ende ihrer Erwägungen doch einen Gott aus dem Hut: Es muss ihn einfach geben! Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn es einen Gott gäbe. Auf der Welt wird er nicht sichtbar, was die Menschen nicht daran hindert, an ihm zu glauben. Was wir geschaffen haben, sind Vorstellungen von Göttern, Engeln und Teufeln. Im Philosophie Magazin (2013) wurde als Thema die Frage gestellt: »Gott – Eine gute Idee?« »Teils, teils« wäre aus meiner Sicht zu antworten. Man sollte an dieser Stelle nicht vergessen, Theodor Lessings Gedichtzeile »DenTeufel aber gibt es wirklich, denn der Teufel, der bis du!« (1924, S. 336) dagegenzusetzen, denn die menschliche Destruktion ist weder gut noch eine Idee, sondern zerstörerische Realität, von der man seit Urzeiten Kenntnis hat. Wir schaffen es immer nur eine Zeit lang, ein gedeihliches und einigermaßen friedvolles Zusammenleben zu schaffen. Dann brechen sich zerstörerische Kräfte wieder eine Bahn. Wie und warum Kulturen untergehen, ist oft beschrieben worden. Es ist gut, die Kräfte, die dazu führen, zu erkennen und zu versuchen, sie solange es geht zu bannen oder aufzuhalten und Möglichkeiten zu finden, um sie zu neutralisieren oder zu sublimieren. Das könnte eine Hoffnung sein, die menschliche – und nicht das Menschliche überschreitende – Kräfte ins Spiel bringt. Die menschliche Destruktivität ist gefährlich. Sie ist der Teufel bzw. das Teuflische in uns, das wir kennen, aber oft bagatellisieren. Das ist die eigentliche Erbsünde, mit der wir geboren werden. Davon erlöst uns keine Taufe. Inzwischen fragen sich nicht wenige, ob der Mensch nicht nur Gefahr läuft, Kulturen zu zerstören, sondern ob er auch das Überleben der Menschen auf diesem Planeten gefährdet, also die menschliche Kultur insgesamt. Jeder Mensch sollte sich aufgerufen fühlen, zu überlegen, was dagegen unternommen werden kann und es dann auch tun. 19 Ein Teufel für das 21. Jahrhundert? 195 20 Digitale Information und Dataismus Wenn der Kioskbesitzer Zeitungen bestellt, weiß er aus Erfahrung ungefähr, wie viele Exemplare der Zeitschrift Der Spiegel er für seine Kundschaft für die nächste Woche ordern muss. Na und? Er muss doch die Kundenwünsche in seinem Viertel kennen. Es klingt banal, aber wir sind doch zu einem Gutteil »Gewohnheitstiere«. Natürlich ist man zum Teil berechenbar. Bestimmte Haltungen undMeinungen, Formen von Befriedigung, Vorlieben und Abneigungen müssen sich ja im Verhalten abbilden. Im Jahr 2018 machte das BuchHomo Deus. Eine Geschichte von Morgen (2017) des israelischen Historikers Yuval Noah Harari Furore, das die Menschen als »Homo Deus« auf eine Konfliktkonstellation in der Zukunft einstimmt: Die Menschen werden im 21. Jahrhundert Glück, Unsterblichkeit und gottähnlicheMacht anstreben. Die Seele habe in diesem Szenario ausgespielt, schreibt Harari. Er spricht vom neuen Glaubenssystem »Dataismus«, das humanistische Kategorien wie die Seele und den freienWillen ablöse. Die Datensammler entwickeln ein Kontrollsystem, das die menschlichen Gewohnheiten schließlich zur Vorhersage dafür verwenden kann, wie sich jemand verhalten wird. Hier wird doch ein neuer »Deus ex Machina« suggeriert, denn dass Menschen in gewisserWeise durchschaubar sind, ist längt bekannt. Menschen sind kulturfähig und passen sich immer in ihren Kulturen an, wie das Paul Parin aus Sicht der Ethnopsychoanalyse mittels seiner »Anpassungs- Mechanismen« (1977) beschrieben hat. Gewiss läuft das Leben für alle Menschen in teilweise sehr uniformen Bahnen und es ist kein großes Wunder, wenn diese sich berechnen und als Algorithmen darstellen lassen. Wenn man einmal seine Befriedigungsmöglichkeiten gefunden hat, will man sie nicht gleich wieder ändern. Aber man könnte es tun – und darauf kommt es an. Die Fantasie des darin enthaltenen Machtgewinns ist illusionär, solange mithilfe der Informationen nicht tatsächlich politische Macht ausgeübt wird. Bei einer Gesellschaft wie der chinesischen dürfte das schon der Fall sein. Dort haben die Menschen die Kontrolle an ein politisches System abgegeben, das sich die Beherrschung der Massen auf die Fahnen geschrieben hat. Die Chinesen verlieren aber die Kontrolle über dieWelt nicht, weil sie diese an Algorithmen abgegeben haben, sondern weil die über sie Herrschenden die Daten zur 197 Kontrolle jedes Einzelnen verwenden. Der Gewinn durch die Information des Kühlschranks, wie lange die frischen Eier darin noch reichen werden, ist kaum geeignet, um die Mitglieder einer Gesellschaft an der Kandare zu halten, aber eine Software, die Gesichtskontrolle mit Emotionskontrolle zu verbinden vermag, um an die Mitglieder einer Gesellschaft Plus- und Minus-Punkte zu vergeben, nach deren Summe sie Privilegien oder Sanktionen erhalten, ist sehr wohl zur Verwendung als Regulations- undMachtausübungsmittel geeignet. Die Menschen steuern »darauf zu, dass sich die Grenzen zwischen Körper, Stadt und Technologie auflösen. […] Das Individuum werde zu einem Chip in einem Computernetz, Intelligenz löse sich vom Bewusstsein, die Umgebungsintelligenz [sei] voller Maschinen, die [aber] kein Bewusstsein haben«, warnt Adrian Lobe (2017) in Zeit online mit Bezug auf Harari (2017) und macht in seinem Buch Speichern und Strafen. Die Gesellschaft im Datengefängnis (2019) eindrücklich deutlich, dass jedes Speichern unserer Daten eine Art von Arrest sei und jede biometrische Erkennung wie eine erkennungsdienstliche Behandlung. Als Ausweg, als Gegenmittel, setzt er auf die Unberechenbarkeit des Einzelnen. Die Biowissenschaften stellen die Entscheidungsfreiheit infrage.Wahlenwerden letztlich obsolet, weil das System der Algorithmen, wie es die großen Datensammler wie Google entwickeln, den Einzelnen, seine Gewohnheiten und Wünsche und letztlich sogar seine Überzeugungen besser kennen als das Individuum selbst. Wenn das nicht der moderne Satan ist! Ist es naiv sich vorzustellen, dass der ganze Spuk vorbei ist, wenn ich mein Smartphone zu Hause lasse und in denWald gehe? Vielleicht ja, denn vielleicht gibt mein Smartphone dann weiterhin Auskunft über seinen Standort, seine Bewegung oder einen Ruhezustand, der verrät, dass es zuHause liegt, ich aber irgendwo unterwegs bin. In Diktaturen kann das sicher gefährlich werden, bei uns ist es bisher »nur« ärgerlich. Dabei handelt es sich dennoch bis jetzt nur um eine neue Variante der unendlichen Rede von dem Verlust einer Freiheit, die wir ohnehin noch nie so hatten, wie wir es uns einbilden. Die Stärke der Anpassungsmechanismen, die den Einzelnen sowieso an der Kandare halten, wird unterschätzt, ohne dass es ihm bewusst ist. Die Kategorie des Unbewussten kann hier schon hilfreich sein, um die Dimension der Abhängigkeit einzuschätzen, die nicht nur uns als Einzelnen in verträglichen Bahnen hält. Parin (1977) hat zusätzlich zu den psychischen, nach innen wirkenden Abwehrmechanismen die »Anpassungs-Mechanismen« als deren Gegenstück postuliert, als gängige,AnerkennungundBefriedigungvermittelndeRollenstereotype in den Interaktionen, also nach außen, die teilweise unbewusst ablaufen und den Individuen die Kommunikation erleichtern. Er verstand darunter zum Beispiel 20 Digitale Information und Dataismus 198 die Identifikation mit der Rolle, sowohl mit der Elternrolle als auch mit der Berufsrolle. Solche Rollen liegen in der Gesellschaft gleichsam bereit, um ausgefüllt zu werden und sie erzeugen notwendigerweise viel (berechenbare) Redundanz. Man mag die Frage stellen, wie sich das mit den sogenannten negativen sozialen Rollen verhält. Diese zeugen zwar von negativen gesellschaftlichen Identifizierungen, die aber ebenfalls oft redundant sind. Der Gewohnheitsdieb, der Betrüger mit dem Enkeltrick, der Heiratsschwindler, der Straßenräuber – viel Neues fällt denen nicht ein. Selbst wenn die Verführte auf den Trick hereinfällt, er wäre vorhersehbar gewesen. Auch negative soziale Rollen liegen gewissermaßen bereit: der Abweichler, der Versager, der Verweigerer, der Räuber, der Zuhälter, der Geldwäscher. Die Chinesen werden dafür charakteristische Muster in ihren Bildern oder Videos finden. Man kann sich nicht ständig neu erfinden, das ist viel zu mühsam. Die Redundanz wird im Algorithmus identifiziert. Das wird nicht unter allen Voraussetzungen gefährlich. WennMenschen, besonders wenn sie sich in die Enge getrieben, bedroht oder anders angestachelt und gereizt fühlen, Individualität entwickeln, Eigenes, das noch nicht in Algorithmen gebunden ist. Sonst würde die Gesellschaft ja immer gleichbleiben. Das ist aber nicht der Fall. Menschen lassen sich aus Not, aber auch aus Neugierde immer wieder etwas Neues einfallen. Besonders, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen, sind sie in der Lage, zuvor Ungedachtes zu entwickeln. Vital werden Gefahren dann, wenn am Anfang einer Entwicklung Denkverbote stehen oder – was fast dasselbe ist – Gebote, in gewisse Richtungen zu denken, an deren Ende die Strafe, die Zelle, der Kerker, die Folter, der Tod warten. Daraus können auch politische Gefahren entstehen. Eigentlich müsste man speziell in Deutschland die Unterschiede kennen. Die neuen faschistoiden Tendenzen, die Flucht in den Autoritarismus sind nicht ungefährlich. Es ist nicht falsch daran zu erinnern, dass es, wenn so etwas wie Ermächtigungsgesetze daraus geworden sind, zum Gegensteuern zu spät sein wird. Diktaturen muss man bekanntermaßen bekämpfen, bevor sie sich etablieren. Ist damit dann der Teufel dingfest? Noch nicht, aber wenn man sich an René Girards (2002 [1999]) kompromissloser Deutung des »mimetischen Begehrens« als Fundamentalkategorie schult, diesem universalen Phänomen unausrottbaren Neides angesichts der Wahrnehmung einer Fähigkeit oder eines Besitzes, der in das Bedürfnis mündet, es ihm nachzumachen oder abzujagen, dann wird man wachsam und spürt die Notwendigkeit von gesellschaftlichenMechanismen, um diese Kräfte im Zaum zu halten. Diese Formen von Gewalt waren in dem Begriff des Satans, der emotionale Wucht hat, besser aufgehoben als in der heute nicht selten zu vernehmenden, verharmlosenden Formal, jemand sei »aggressiv« oder man habe sich über etwas geärgert. 20 Digitale Information und Dataismus 199 Peter Strasser (2016) argumentiert in dieselbe Richtung, wenn er postuliert, dass Menschen als Vernunftwesen zu schwach seien, um aus sich selbst eine Moral zu entwickeln, die von allen aus guten Gründen angenommen werden sollte. Er hat den Gedanken ausgearbeitet, dass »wir von Grund auf böse sind« (ebd., S. 33). Jene Neigung zum Bösen entziehe sich der empirischen Erklärung. Für Strasser gilt, dass in uns ein »Radikalböses« lauere, das auf den rechten Augenblick warte, um uns in seelenlose Wesen zu verwandeln, uns zu »Zombies« mit einem Totalverlust von Lebendigkeit werden zu lassen. Wenn es keine Götter gibt, sind wir jedoch auf innerweltliche Transzendenz umso nötiger angewiesen und auf die Möglichkeit, gedankliche Alternativen zu entwickeln, die auf jenes »Böse«mit Konzepten reagieren, die es nicht, wie Strassers Argumentation suggeriert, ohneAlternative dastehen lassen.Gegen dieMörder vonTheodor Lessing hätte es ihrer bedurft. Er hat das Teuflische derer erahnt, die ihn ermordeten, »denn der Teufel, der bist du!« (1924, S. 336). Das Cover von Strassers Buch Ontologie des Teufels (2016) ziert ein rotes »Smiley«-Piktogramm, das aus der TV-Serie The Mentalist stammt, in der ein Serienkiller dieses mit dem Blut seiner Opfer gemalte Piktogramm bei jedem seiner Opfer hinterlässt und daher »Red John« genannt wird. An den Enden verläuft die Farbe der Grafik, der Schwerkraft folgend. Letzteres soll suggerieren, dass das »Smiley« weint. Wenn Strasser dieses Bild verwendet, um dem »Radikalbösen« ein Gesicht zu geben, bezeichnet er etwas Böses, das um seiner selbst getan wird, als prinzipiell schädigendes Tun bis hin zur Absicht der Vernichtung. Der Serienkiller erlebt Genugtuung beim Morden, was steigerungsfähig ist bis zur sexuellen Lust. Er mag ein grandioses Selbstbild haben und um dieses immer wieder aufs Neue zu bestätigen, wird er alles, das schlimmstmögliche, zu tun bereit sein. Der Psychoanalytiker versteht, dass dieser Mensch von einem malignen destruktiven Narzissmus ergriffen ist, der wichtiger wird als alles andere. Eine frühe und für die kritische Kriminologie wichtige Publikation Strassers warVerbrechermenschen. Zur kriminalwissenschaftlichen Erzeugung des Bösen (1984), in der er entwickelte, wie sehr Verbrecher gesellschaftlich »gemacht« werden und dass dieser ontologisiernde Begriff ein Konstrukt ist. In seinem Buch über das »Radikalböse« (2016) nähert er sich aber selbst mit der Konstruktion des Radikalbösen einer Hyper-Konstruktion des Superverbrechers an: Gestalten wie jener »Red John«, aber auch Adolf Eichmann, Adolf Hitler usw. Für Strasser haben die Taten dieser Menschen eine metaphysische Dimension, die sie auf eine Ebene hebt, vor welcher der menschliche Verstand aus seiner Perspektive kapitulieren muss. Biologen würden an dieser Stelle mit Genetik argumentieren, Strasser führt das Transzendentale ins Feld. Er selbst würde dieser Formulierung 20 Digitale Information und Dataismus 200 vermutlich deutlich widersprechen, weil ihm darin die Dimension fehlt, auf die es ihm ankommt: das Unerreichbare, das Numinose, das Jenseits dessen, was dem Menschenmöglich ist zu begreifen. Dabei wird jedoch von ihm»dasMenschenmögliche« (1996) letztlich unterWert verkauft. Gewiss bildet die »Natur mit ihren Orgien des Fressens und Gefressen-Werdens […] ein satanisches Tableau. Dessen Entzauberung durch die Theorie der Evolution verstärkt bloß den Zauber des Bösen, was ein weiterer Titel dieses Autors ist (Strasser, 2016, Klappentext). Aber warum sollten wir diesen Zauber bemühen, auch noch als verstärkende Verstärkung? Da wirken die Gedanken von Julia Kristeva (1980) plausibler, wenn sie mit dem Begriff der Verwerfung arbeitet. Bei ihr hat das »Abjekt« durchaus die Qualität des absolut Negativen, der Ablehnung, Verwerfung und Suspendierung. Es ist eine nihilistische Kategorie. Bei ihr geht es jedoch um den kulturellen Zusammenhang, in dem sich Menschen erst in interagierenden Gemeinschaften konstituieren. Sie sieht auch dann den Menschen noch argumentativ im Zusammenhang mit und in der Kultur, wenn sie deren Verneinung mit aufnimmt. Schließlich haben die Menschen auch die Götter entsonnen, um ihrer ihrem Wesen inhärenten Schwäche etwas entgegenzusetzen. Auch Kristeva kennt kulturelle Zusammenhänge verneinende Kontexte, ohne sich dabei mittels der Begrifflichkeit des »absolut Bösen«, das sich jenseits des Menschlichen befinden soll, auf argumentative Irrwege zu begeben. Dieses absolut Böse, selbst wenn man den Begriff beibehält, ist nicht au- ßerhalb des Menschlichen anzusiedeln. Es gehört – bedauerlicherweise – zu den menschlichen Möglichkeiten, sich außerhalb der Kultur und all ihrer Zusammenhänge zu stellen. Die entsprechenden kulturellen Elemente lassen sich den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zuordnen: dem Verbrechen, der Geisteskrankheit, dem Sadismus, dem Autismus. Sie stehen allesamt im Zusammenhang mit schweren kulturellen Defiziten, nämlich dem Fehlen bzw. der Einschränkung der Fähigkeit zumMitleid. Mitleid provozierende Szenen werden den Menschen medial heutzutage oft angeboten. Wenn es sich dabei um das Leiden von Tieren handelt, könnenMenschen ebenfalls Mitleid empfinden. Das ist weniger Menschlichkeit am falschen Objekt, als vielmehr Verantwortlichkeit gegenüber dem Leben selbst. Zwar übertrumpft der Affekt hier die Kognition – wieder einmal –, aber was wäre der Gewinn davon, dies wie Strasser (2016) ein »satanisches Tableau« zu nennen? Gewiss sind Raubtiere, die andere Tiere töten und fressen, keine Teufel, aber für ein Kind, das solche Szenen sieht, ist das nicht selten ein traumatisches Erlebnis. Zu viel Empfindlichkeit kann schädlich sein. Ein Mensch kann am Traumati- 20 Digitale Information und Dataismus 201 schen, das bei einem jeweils speziellen Verhältnis von Erlebnis und Kapazität entsteht, zerbrechen. Eine Möglichkeit, das Bewusstwerden von Traumata abzuwehren, besteht darin, eine potenzielle Verletzung von den Orten in der Seele, wo sie wirken können, fernzuhalten. Auf der Ebene des Bewusstseins kann das durchaus durch Verdrängung oder Verleugnung gelingen, aber wir wissen, dass Traumata eine unbewussteWirkung entfalten. Auch Abhärtung ist ein Versuch der Abwehr, wobei das Fühlen unterdrückt wird, wozu die Lösung des Denkens von der Emotionalität helfen kann. Jegliche Nivellierung des Denkens durch Gleichgültigkeit und die Verschiebung der Prioritäten von bedeutsam zu unbedeutend muss für Strasser (ebd.) Teufelswerk sein, wenn und weil es auf Kosten der Lebendigkeit des Menschen geht. Alles, was entseelt und den Menschen von möglicher Lebensund Erlebnisfülle entfernt, weist für ihn in Richtung des »Radikalbösen«. Paradigmatisch hierfür setzt Strasser die »Banalität des Bösen« ein, wieHannahArendt (2006 [1986, 1963]) sie herausgearbeitet hat. Adolf Eichmannwurde vonAhrendt als ein seelenlosesWesen beschrieben, sie hätte ihn auch»Zombie« nennen können. Er hat zigtausend Menschen in den Tod geschickt und war dabei vordergründig mit der Rolle eines pflichtbewussten Beamten identifiziert. Er war sich dennoch dessen bewusst, dass die anderen ihn als Schuldigen betrachten würden. Eichmann war gewiss kein mit erkennbaren Leidenschaften ausgestatteter bekennender Sadist. Seine Erotik muss tief verborgen gewesen sein. Als gewissenhafter Buchhalter des Todes rechnete er in seinem Prozess zwar damit, verurteilt zu werden, aber ein eigentliches Schuldgefühl konnte oder wollte er nicht artikulieren. Er war kein offen praktizierender Sadist, aber Psychoanalytiker werden sich gewiss fragen, welche Energie ihn angetrieben habenmag und ob das Bewusstsein, zigtausend Tode organisiert und herbei zu führt zu haben, für ihn unbewusst dennoch eine belebende undmotivierende Kraft war. Seine Kälte hatte jegliches Mitleid für die Opfer eingefroren, auf dieser Seite schien seine Seele stummzu bleiben. InwieweitHass undRachegefühle bei ihmunbewusst wirksam waren, blieb unzugänglich.Die»Erotisierung desHasses« (Stoller, 2014 [1975]) schien bei Eichmann völlig entsexualisiert zu sein, ja sogar von bewussten Gefühlsregungen befreit. Dennoch hatte auch dieserMensch eine Trieb-Geschichte jenseits der Verdrängung. Das Böse wird auch dann banal, wenn es der Emotionalität entkleidet wird. Am Abend eines Arbeitstages, wenn Eichmann wieder ganze Todesarbeit geleistet hatte, hat er sich nicht heimlich und stolz die Hände gerieben. Er hat sich selbst als einen Teil der Todesmaschinerie verstanden. Seine in allen Bereichen mangelnde Emotionalität war ein Preis, den er für die Schrecklichkeit seiner Ta- 20 Digitale Information und Dataismus 202 ten bezahlt hat. Seine Verbrechen waren jenseits dessen, wo noch Sühne denkbar ist, ganz anders als bei Rodion Raskolnikow, dem Protagonisten in Fjodor Dostojewskis Schuld und Sühne (2007, [1866]), diesem herzlosen Einfach-Täter, der durch die Erfahrung der Liebe einen emotionalen Zugang zu seiner Tat fand, wodurch er bei Dostojewski noch menschlich werden durfte. Strassers »Radikalböses« (2016) zeichnet sich nicht dadurch aus, dass es jenseits des Vorstellungsvermögens liegt. Es liegt jenseits der Möglichkeit, es noch emotional ermessen zu können. War Eichmann ein Teufel? Viele mögen ihn schon als solchen bezeichnet haben, trotz und wegen der Banalität seines Bösen, das sich durch die Abwesenheit einfühlendenDenkens auszeichnete, durch einen Mangel an Lebendigkeit. Vielleicht hatte Eichmann in Strassers Sinn seine Seele verloren. Millionen von Zeitzeugen und nachfolgende Generationen haben keinen Zweifel daran gelassen, dass es sich bei den Taten, die Menschen wie Hitler und Eichmann zu verantworten haben, um emotional kaum zu ermessende, zutiefst verstörende Vorgänge handelte. Aber die menschliche Psyche ist dazu fähig und sie hat dieMöglichkeit, den emotionalenGehalt dieserTaten auszublenden– solche Täter machten keinen verstörten Eindruck. Wenn jemandeinen»ontologischenÜberschuss«bemühenmöchte, umdem nicht mehr auszulotenden menschlichen Destruktionspotenzial einen Raum zu geben, um es damit im Jenseits des Menschenmöglichen unterzubringen, setzt er sich leicht der Kritik aus, denn die Kombinationsmöglichkeiten imGuten wie im Bösen mögen noch nicht ausgeschöpft sein. Sie werden aber – leider – menschliche Möglichkeiten bleiben, diesseitige Transzendenz. Dazu gehört – wiederum leider – auch die Möglichkeit, dass die Menschen sich eines Tages selbst ausrotten. Dann habenwir weniger ontologischenÜberschuss, als vielmehr»ontischen Überschuss« at it’s best: Seiendes ohne seiende Menschen. Dann könnte kein Mensch mehr über etwas nachdenken und etwas von dem, das um uns herum und in uns ist, verstehen – so wie wir heute, sei es auch noch so unzulänglich. Dass man niemals ganz wird begreifen können, was Menschen wie den Prostituierten-Serienmörder Jack Unterweger (1950–1994), der die Ermittler in Europa und in den USA lange narren konnte, antrieb, ist für jemanden, der sein ganzes Arbeitsleben damit verbracht hat, das Seelenleben von Menschen – möglichst mit ihnen zusammen – allmählich zu entdecken und der um die Begrenzungen des Erkenntnisprozesses weiß, nicht weiter verwunderlich. Dazu bedarf es keiner Konstruktion von Idealbildern wie des »Radikalguten« und des »Radikalbösen«. In jedem von uns bleibt für uns selbst und für andere Rätselhaftes, soviel Mühe wir uns auch geben mögen. Fremde sind wir uns selbst, stellte Kristeva (2001) in ihrem Buch mit dem gleichlautenden Titel fest. Dieses Rät- 20 Digitale Information und Dataismus 203 selhafte kann sich möglicherweise infolge ernsthafter Bemühungen verringern, manch einer mag aber auch das Interesse daran verlieren, Einsichten mögen wieder verloren gehen oder aufs Neue verdrängt werden. Dass die meistenMenschen eher ihr Böses nicht wahrhaben möchten, den potenziellen Verbrecher undMörder in sich nicht kennenlernen möchten, wer sollte es ihnen verdenken? Und doch ist es eine wertvolle Erfahrung, zu entdecken, was alles zu tun man in der Lage wäre – auch an Bösem. Das kann eine Entdeckung von emotionaler Wucht sein, die einem vielleicht dieAugen darüber öffnet, dassman gegebenenfalls selbst der Teufel ist. Der Historiker Kurt Flasch hat ein wunderbares Buch mit dem Titel Der Teufel und seine Engel. Die neue Biographie (2015) über den Teufel geschrieben, kenntnisreich und mit klarer, aber doch freundlicher Distanz zum Glauben. Er lässt Satan am Ende zumindest für Europa sterben, weil er nur noch symbolische Rollen spiele und als personale Existenz nicht mehr glaubwürdig sei. Johann Wolfgang Goethe habe ihn dauerhaft zu einer literarischen Figur gemacht. Mephisto »ist fortan der Satan der Kunstwelt« (ebd., S. 379). Die Frage nach der physischen oder psychischen Existenz des Teufels sei irrelevant geworden. Dafür trete er seit dem 19. Jahrhundert zunehmend freier im Theater und in der Literatur auf. Auch wenn Prediger den Teufel und den Kreuzestod brauchen mögen, um ihrer Rede den letzten Ernst zu geben, hat hier und heute jeder Mensch – in weit größeremUmfang und freier als in der Zeit vor derAufklärung – dieMöglichkeit, solche Aussagen, auchwenn sie als Verbalinspiration daherkommen, als Literatur, als von Menschen Gemachtes, als Geschichten aufzufassen, ohne Gefahr zu laufen, dafür auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Ihren anthropologischpsychologischen Gehalt bewahren die Kategorien von Teufel und Gott sowie Himmel und Hölle am ehesten, wenn man sie, wie Girard (2002 [1999]), als Formulierungen eines ehemals festgeschriebenen Moralismus von Gut und Böse versteht. Strasser (2016) genügt das nicht. Gegen die Möglichkeit des Unmenschen in sich bleibe der gottlose Humanist wehrlos. Er setzt das Mitleid dagegen, die »Misericordia«. Deren Werke erlösen Strasser zufolge das Übel von sich selbst (ebd., S. 119). Das Mitleid ist jedoch nichts Übermenschliches, sondern eine neuropsychologisch plausible menschliche Gabe. Auch wenn der Mensch »Unmenschliches« tut, bleibt er darin menschlich. Er verfügt jedoch über die Möglichkeit, seine Empathiefähigkeit einzusetzen oder auszusetzen. StrassersGedanke, es sei die menschliche Anmaßung, radikal gut zu sein sei, die uns böse werden lasse, trifft nicht zu. Wir alle seien gut nur unter der Bedingung des 20 Digitale Information und Dataismus 204 Übels (ebd., S. 123). »Wir alle bedürfen des Erbarmens. Wir alle bedürfen der Erlösung vom Übel, das wir sind. Das ist der Gnadensinn von ›Misericordia‹« (ebd.). »Misericordia, das ist keine Erdentugend; ihr Ursprung liegt außerhalb der Welt« (ebd., S. 122). Das »Radikalgute«, ebenso wie das »Radikalböse«, liegt aber nicht außerhalb derWelt, sondern ist reine Fantasie, semantischerÜberschuss, undMisericordia ist nicht außerhalb derWelt. Auch Strasser kann einen wirklichen Fixpunkt außerhalb des Universums nicht ausmachen, sondern ihn nur immer wieder behaupten. Dennoch liegt hier der Kern all seiner transzendentalen Äußerungen. Er sucht das, was nicht aus dieser Welt kommen kann, wobei dies eine der Stellen ist, wo er mythisch bleibt bzw. phantasmatisch, um es in der Sprache der psychoanalytischen Sozialpsychologie auszudrücken. Er konstruiert Phantasmen.Da gibt die diesseitige Freud’sche Transzendenz mehr Raum zum Verstehen. Würde man Strasser konkret fragen, sagte er vermutlich, das sei allegorisch gemeint oder symbolisch, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass ein Geistwesen seineHand im Spiel habe. Aber sein Zwischenreich ist nicht weniger konstruiert, als es der Begriff des Göttlichen ohnehin ist. Einen der Bereiche, die nicht von dieser Welt sind, nennt er denTeufel. Ohne Freiheit sei kein Seelenfunke, ohne denTeufel keine Freiheit denkbar. Die »dunkle« Energie des Bösen verwandle denGeist in leblose Naturgesetzlichkeit (Strasser, 2016, S. 107). Mit einer Strategie der Diabolisierung ohne realen Diabolos möchte sich Strasser in außerliterarischen Zusammenhängen nicht anfreunden. Er möchte denWahrheitsgehalt zeigen, der in denmythischenBildern rundumdenDiabolos steckt. Jedoch ist dieser»Wahrheitsgehalt« phantasmatisch. »Wir dürfen es nicht verinnerweltlichen, sondern müssen dem Unbegreiflichen Rechnung tragen. Dieses ›Unbegreifliche‹, bildlich gesprochen, […] seine Wurzeln außerhalb der Welt« (ebd., S. 116f. [kursive Hervorheb. im Orig.]). An dieser Stelle müssen wir uns fragen, wie bildlich das denn nun gemeint ist, denn hier verschwimmt vermutlich nicht nur für den Leser das Bildlichemit dem Wirklichen; wie bei einem Phantasma, das genau davon lebt, dass zwischen den Dimensionen keine klare Grenze gezogen wird. Damit wird wieder auf den ontologischen Überschuss Bezug genommen, der sich auch auf das Unbegreifliche bezieht, auf das StückWahrheit, das gegenüber demmenschenmöglichen Erkennen immer eine Nasenlänge voraus ist. Sigmund Freud zitierte gerne Mephisto aus Goethes Faust: »Das Beste, was du wissen kannst, Darfst du den Buben doch nicht sagen« (2014 [1808], Z. 1840f.). Aber auch das »Radikalgute« kann, ebenso wie das »Radikalböse«, seinen Ursprung nur in der Welt und in uns haben, als menschliche gedankliche Schöpfung, als Konstruktion. 20 Digitale Information und Dataismus 205 Dieses humanistisch-atheistische Denken lehnt Strasser ab. Es ist für ihn geradezu ein Albtraum, weil der gottlose Humanist seinen Humanismus nicht zu begründen vermag. Kann das wirklich nur der Christ und muss er dazu Begriffe wie die »Barmherzigkeit Gottes« verwenden? Gewiss, die Papierform einer Barmherzigkeit ohne Gott mag schwächer sein und der Manichäismus, der offenlässt, wie der ewige Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen ausgeht, hat nicht jenen letzten Pfeil der Christen im Köcher, dass das Gute eigentlich schon gewonnen hat, aber der Manichäer muss an diesen konstruierten Unsinn auch nicht glauben und ist so freier – freier, sich dafür einzusetzen, dass dieWelt besser werden kann, solange es Menschen gibt. Neben der Fähigkeit und dem zeitweisenDrang desMenschen, seinenNächsten auszurotten, gibt es ja auch noch die Liebe, die nicht nur im Christentum, aber dort doch wesentlich (zumindest in der Theorie) enthalten ist. Der Teufel konnte im Christentum enormen Bedeutungszuwachs erreichen, weil er auch als Joker für alles Niederträchtige und Böse gesetzt wurde, das die Verbreitung der christlichen Lehre beschränken wollte. Der Begründer des Christentums war ein kompetenter Teufelsaustreiber, aber die Hauptgebote der Lehre, der Gewaltverzicht und das Liebesgebot, sind und bleiben starke Trümpfe, auch wenn sie des Übersinnlichen, der überweltlichen Transzendenz, beraubt werden. Im Prinzip können diese Trümpfe daher auch imDiesseits stechen.Wenn ich Gianni Vattimo (1997) richtig verstanden habe, ruft er, vereinfacht ausgedrückt: »Leute, hier spielt die Musik! Hier sollen wir unser Leben ordnen, nicht erst im ungewissen Jenseits. Christus war kein Gott, der über euch steht, sondern ein Freund!« Dadurch wird nichts in der Welt einfacher oder besser, aber die Blickrichtung stimmt eher. Das Leben wird nicht leichter, das Fremde nicht weniger unheimlich, aber wir können besser damit umgehen. Man könnte doch auf manche der verwirrendenWidersprüche desChristentums, ohne Schaden verzichten! Zahlreiche schwer lösbare theologische Gleichungen werden doch viel einfacher, wenn »Gott« daraus gestrichen wird, zum Beispiel die Theodizee. Wenn es keinen Gott gibt, kann er an nichts Schuld tragen und kein Übel zulassen. Wenn er nicht existiert, ist er nicht gut und nicht böse oder schlecht. Er ist Fiktion, eine vielleicht gut ausgedachte Erfindung. Es gibt Übel, ja, leider, aber wir müssen Wege finden, sie möglichst wenig unangenehm werden zu lassen. Strasser, der gewiss auch pro domo spricht, ist es nicht recht, dass Flasch (2015) den Teufel sterben lässt. Strasser (2016, S. 115) ist sich mit dem Kirchenkritiker und Rezensentenvon Strassers Ontologie des Teufels, Adolf Holl (2016), darüber einig, dass Flasch, wenn er eine wirklichkeitsnahe Auffassung von der Vergangenheit des Teufels präsentiert, den es aus seiner Sicht nicht gibt, auch 20 Digitale Information und Dataismus 206 wenn Worte wie »diabolisch« ihren Sinn behalten, das unerhörte in dem, was der Teufel »ist«, nicht angemessen würdigt. Er würde wohl auch einen Begriff wie »darstellt« zurückweisen, weil der Teufel im Sprachgebrauch nur echt ist, wenn er nichts darstellt, sondern ist. Ermeint, vermutlichmüssemanGott fahren lassen, wenn man Satan wirklich loswerden wolle. Recht hat er, und auch damit, dass auch wenn der Teufel weg sei, das Diabolische bleibe: »Der Teufel ist weg«, meinte Adolf Holl, »das Diabolische ist geblieben« (Strasser, 2016, S. 115). Wie gut, dass das Unheimliche geblieben ist, das wir nicht loswerden, weil es, wie Freud (1919h) gezeigt hat, nicht nur das Unvertraute, das wegen seiner Fremdheit Ängstigende ist, sondern weil sein Kern im Geheimnis liegt, in dem, was in ihm verborgen ist. Auf einem längeren Weg über Kastrationsangst und die Angst vor Ich-Verlust und Tod, die sich im Bild des Doppelgängers verbirgt, führt Freud uns in dieser Arbeit schließlich dahin, das Unheimliche im unbewussten Widerholungszwang sowie in der unbewussten Fantasie der Allmacht der Gedanken zu orten. So wird das Unheimliche zum eigenen, scheinbar wahr gewordenen, heimlichen Gedanken. Dieser hätte im Verborgenen bleiben sollen, und nun, da er offen geworden ist, wird auch sein Wesen offener, mit seiner Beziehung zu Animismus, Magie und Zauberei und der Allmacht der Gedanken. Freud kommt auf den unbewusstenWiederholungszwang, denTod und denKastrationskomplex zu sprechen. Der Teufel ist beim Unheimlichen mit im Bunde, das spürte schon Gretchen, als sie Mephisto kennenlernte. »Sie fühlt, daß ich ganz sicher ein Genie, Vielleicht wohl gar der Teufel bin« (Goethe, 2014 [1808], Z. 3540f. Das Unheimliche bleibt, ebenso wie das Diabolische. Wie sollte es denn anders sein, denn wir bestehen nun einmal nur zu einem kleinen Teil aus Vernunft. Auch wenn die magische Zeit im Leben, »in der das Wünschen noch geholfen hat«, wie es bei den Brüdern Grimm (1857) im Märchen vom Froschkönig heißt, vergeht, bleibt doch einiges davon in der Seele hängen, bei den meisten Menschen sogar lebenslang. Auf das Unheimliche bleiben wir ansprechbar. Wir können ängstlich reagieren bei unerwarteten Ereignissen in undurchschaubaren Situationen, zum Beispiel bei Geräuschen in der Dunkelheit und bizarr oder gefährlich wirkenden Bildern. Mit Zutaten aus der magischen Welt kann es so ziemlich jedem mulmig werden, nicht nur Kindern und abergläubischenAlten.Natürlich trifft es die Einzelnen in unterschiedlichem Ausmaß, aber dennoch geht auch vom Unheimlichen eine Art Zauber aus, der uns in seinen Bann zieht und eine Stimmung verbreitet, die sich durch Vernunft nicht gleich vertreiben lässt und uns suggestibel macht. Es ist eine Art negativer Verführung, die nicht etwas Begehrenswertes verspricht, sondern etwas Ängstigendes erahnen lässt. Mit der Ahnung werden 20 Digitale Information und Dataismus 207 seelische Schichten angesprochen, die im Bewusstsein nicht oben liegen, sondern wenigstens vorbewusst sind. Sie müssen unbewusst an eine Angst oder an ein Begehren anknüpfen, daher haben sie eine starke Wirkung und können Vernunft und Verstand glatt übertrumpfen. Verführung enthält ein Lustversprechen, das Unheimliche berührt in uns einen Angstkomplex. Es bleibt eine große Differenz zwischen dem theologischen Teufel, der nicht von dieser Welt, aber zumindest einmal gewesen sein soll, dem man Substanz zugewiesen hatte und dem symbolischen (psychologischen, literarischen usw.) Teufel, der nicht in den Sphären schwebt, der keine Erfindung und Luftnummer ist, sondern den es auf andere Weise gibt: Der Teufel ist innerweltliche Transzendenz, eine wirksame Kraft, die jedem von uns nähersteht, als wir meinen. Freud nannte das den »Destruktionstrieb« (1930a [1929]). Auch hier gilt wieder Theodor Lessings Zeile: »Den Teufel aber gibt es wirklich, denn der Teufel, der bist du!« (1924, S. 336). Und wieder muss sie ergänzt werden durch: »der bin ich!« Freud hat uns nachhaltiger als andere Psychoanalytiker mit der Nase auf das Unbewusste mit seinen libidinösen, aber eben auch aggressiven und destruktiven Inhalten gestoßen, auf unsere Triebseite, die der Bearbeitung, der Kultivierung, der Sublimierung bedarf, damit der Mensch nicht zu der größten Bedrohung der Kultur oder der Kulturenwird, die er geschaffen hat. Er hat es zwar nicht in dieser Deutlichkeit gesagt, aber sinngemäß bedeutet es nichts anderes, als dass wir alle den Teufel im Leib haben. Natürlich sind wir auch die Engel, das Gute, das Göttliche, die Liebe, die Schöpfer des Schönen und was uns an Begriffen sonst noch dafür einfallen mag, aber in Zeiten des weltweit zunehmenden brutalisierenden Autoritarismus fällt es schwerer, diese Seite der Medaille zu betrachten. Es mag ja sein, das der Teufel für Menschen wie Kurt Flasch (2015) gestorben ist, weil er ihn nicht mehr braucht. Aus meiner Sicht ist der Teufel jedoch weniger ein Problem der Geistesgeschichte, Philosophie und Religion, sondern vielmehr ein psychologisches Konstrukt, keineswegs im materiellen Sinne real, aber doch mit Eigenschaften versehen, die Freud »psychische Realität« (1916–1917a [1915–1917]) nannte. Letzteres hat Folgen, und um diese einzuschätzen, sind die psychoanalytische Entwicklungspsychologie und das Konzept derMentalisierung von großemWert, weil damit Elemente wie eine partielle Persistenz des magischenDenkens bzw. die Problematik um die Differenzierung von Wunschwelt und Realität plausibel werden. Den Begriff der psychischen Realität hat Freud (ebd.) verwendet, um durch unbewusste Prozesse beeinflusste psychische Erfahrungen zu bezeichnen, die dann für das Subjekt Wahrheitscharakter haben. Wie kann, wie soll ein Mensch entscheiden, was stimmt und was nicht? Das ist eine lebenslange, schwierige Auf- 20 Digitale Information und Dataismus 208 gabe, besonders, wenn man noch ein kleines Kind ist. Anfangs, bis etwa zum vierten Lebensjahr, lebt das Kleinkind im und erlebt den sogenannten »psychischen Äquivalenzmodus« (Fonagy et al., 2004), in dem die innere Welt mit der äußeren Welt identisch ist. Eigene Gedanken werden als real und mit den Gedanken anderer identisch wahrgenommen. Alles ist konkret. Aus der Sicht der Erwachsenen erscheint dies konkretistischund egozentrisch.DasKindkannnoch nicht verstehen, dass Denken undWünschen Abbilder und Interpretationen der Umwelt sind und nicht die Realität selbst. Eigenen Affekten oder Fantasien, die nur in der kindlichen Vorstellung existieren, werden Auswirkungen in der Realität zugeschrieben und als furchteinflößend erlebt. Im günstigen Fall nehmen Eltern dieWahrnehmung des Kindes ernst, stellen aber eine andere Perspektive zur Verfügung und lassen erkennen, dass sie selbst im Einzelfall nicht geängstigt sind. Das fördert allmählich die eigenständige Realitätswahrnehmung und -interpretation des Kindes und ermöglicht mit der Zeit eine Entkoppelung von innerer und äußerer Welt in einem sogenannten »Alsob-Modus« (ebd.), demModus des Spiels und der Fantasie. Dabei werden zu der Gleichsetzung von innerer und äußerer Welt auf durchaus lustvolle Weise Alternativen eingesetzt, was Kontrolle und Modifikation ermöglicht. Die physische Welt ist eine eigene Welt und die imaginierte Welt (z.B. im Spiel) ist ebenfalls eine eigene Realität. Als Folge bleiben die in der fantasierten Welt auftretenden Gedanken, Wünsche und Handlungen ungefährlich. Normalerweise werden dabei auch destruktive Fantasien undWünsche im Spiel durchgearbeitet, wobei das Kind dazu einen mitspielenden Erwachsenen oder ein älteres Kind an seiner Seite braucht, die ihm verdeutlichen, dass eine Idee nur eine Idee ist, die sich nicht direkt auf die Realität auswirkt. Diese Erfahrungen organisieren und vermitteln zwischen den Modi des psychischen Funktionierens, sodass das Kind nach und nach seine im Spiel bestehende mentalisierende Haltung beibehalten kann. Es kann kaum verwundern, dass diese Phase der kindlichen Entwicklung die magische Phase genannt wird. Im magischen Denken kann es alles Mögliche oder Unmögliche geben: Geister, Zauberer, Zwerge, sprechende Tiere, natürlich auch Teufel und Götter. Allerdings ist diese Phase mit etwa dem fünften Lebensjahr noch nicht abgeschlossen, wie manche Ratgeber behaupten. Diese Einfallstore in die Seele, besonders, wenn sie einmal gebahnt und durch emsiges Bangemachen mittels schwarzer Pädagogik verstärkt wurden, bleiben lebenslange Schwachstellen der Psyche, die in regressivenZuständenwieder aus derVerdrängung auferstehen.Die magische Phase bleibt, so gesehen, zwar als leitendes Prinzip derGedankenwelt an eine bestimmte Zeit und an dieDominanz gewisser psychischer Funktionsweisen 20 Digitale Information und Dataismus 209 gebunden, sowohl beim Individuum als auch auf den Entwicklungsstand einer Gesellschaft und Kultur bezogen, aber ihre psychischen Inhalte bleiben erhalten. Sie sterben nicht. Das Diabolische und das Unheimliche bleiben, auch wenn der Leibhaftige, der alte Satan, sich für viele sogenannte moderne Menschen in ein substanzielles Nichts aufgelöst hat, infolge der oft anstrengenden Arbeit auf einem hohen geistigen Niveau. Kurt Flasch ist ein gutes Beispiel dafür. Er hat sich mit seiner Entwicklung im Christentum differenziert auseinandergesetzt und schließlich wohlbegründet seinen Abschied daraus erklärt (2013). Und es war für ihn ein weiterer, naheliegender Schritt, sich auch vom Teufel zu verabschieden (2015). Solche Entwicklungen sind jedoch nur wenigen Menschen möglich. Okkultismus und Aberglaube bevölkern große Sumpfgebiete überall auf der Welt und es spricht nichts für deren baldiges austrocknen; es ist zu befürchten, dass eher das Gegenteil eintritt. Alle Menschen durchleben eine psychische Entwicklung, jeweils spezifisch für ihre Kultur und ihre Persönlichkeit, während der sich Kognition und Emotionalität verschränken und entfalten. Sie bleiben daher empfänglich für Fehlerhaftes, Dummes und Skurriles. 20 Digitale Information und Dataismus 210 21 HomoDiabolus – Des Teufels alte neue Kleider HomoDeus ist vomHochmut befallen, von der Selbstüberschätzung.Dannmuss man ihn gewiss zugleich Homo Diabolus nennen. Das ist in unseren Tagen der Teufel! Es heißt ja zumindest in einer Version der Herkunft Luzifers, der Hochmut des »Lichtträgers« habe die Abkehr von Gott und infolgedessen den Sturz aus dem Himmel bewirkt. Hochmut ist jedoch eine menschliche Eigenschaft. Daher wird umgekehrt ein Schuh daraus, wenn nämlich Teufel, Satan, Höllenfürst usw. Namen für des Menschen Hochmut und Niedertracht sind. Wenn es keine Götter gibt, brauchen wir das, was ich als »innerweltliche Transzendenz« bezeichne, umso nötiger. Damit solche Existenzen wie die Mörder Theodor Lessings kein gesellschaftliches Gewicht und keine Macht bekommen, hätte es einer Haltung bedurft, die deren Böses neutralisiert. Lessing hat das Teuflische derer erahnt, die ihn ermordeten: »Den Teufel aber gibt es wirklich, denn der Teufel, der bist du!« (1924, S. 336). René Girard (2002 [1999]) hat, um der Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit seines Anliegens eine Form zu geben, Formeln aus der Bibel aufgegriffen, die durchaus als gehaltvoll empfunden werden können, wenn man dafür offen ist, zu Beispiel: »Der Teufel ist ein Lügner von Anfang an« oder »Der Teufel ist ein Mörder von Anfang an« (Joh 8,44), je nach Übersetzung. Heute wirken diese Aussagen jedoch sehr fremd, unsinnig und frömmelnd und können keinenHund mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Dafür ist kaum noch jemand offen, vermutlich, weil die ursprüngliche innere Substanz der Kirchensprache nicht mehr erkannt werden kann. Das muss nicht sehr verwundern, denn der apodiktische, autoritäre, dogmatische Stil der Kirchenmänner und -frauen wird als entleert und antiquiert empfunden. Es würde keinen Sinn machen, den alten Formeln wieder Leben einzuflößen. Wer soll heute noch etwas damit anfangen, dass der Teufel ein Mörder und Lügner von Anfang an ist, wenn das Konzept nicht plausibel gemacht wird? Grundsätzlich anders verhält es sich bei den Aussagen und Angeboten von Peter Strasser (1984, 1996, 2016) nicht, auch wenn seine Bücher viel moderner wirken.Girard (2002 [1999]) kommt in seinerArgumentation trotz gegenteiliger Beteuerung ohne Gott nicht aus. Auch StrassersOntologie des Teufels (2016) hin- 211 terlässt großeVerständnislücken, wenn er postuliert, dass das»Radikalböse« sich ohnehindemVerständnis entziehe.Letztlich seienderTeufel unddasRadikalböse eine für denVerstand unzugängliche, gleichwohl aber existenteGröße.Dabei sind das Radikalgute und das Radikalböse absolute Kategorien, die eher meditative Endpunkte des Denkens des mythopoetischenWesens Mensch sein können, der mühelos transzendental werden kann, als praktische Kategorien. Für die Bildung von Mythen eignen sie sich sicherlich, ganz im Sinne Andrew Newbergs (Newberg et al., 2003), der ähnlich wie Strasser einen »ontologischen Überschuss« im menschlichen Denken feststellt, mittels dessen wir Freiheiten gewinnen können, wodurch noch nie Gedachtes erzeugt wird. Peter Sloterdijks (2002) Idee der Desinteressierung verdient Aufmerksamkeit, aber die aktuellen Ereignisse weisen eher ins Gegenteil. Wir erleben gerade heute unter demokratischen Bedingungen, wie manipulierbar Menschen sind, als hätten sie alle bei Edward Bernays (2016 [1928]) »Propaganda« studiert. Hier wird mit Macht aufgeheizte »Interessierung« nach den Regeln des Kapitalismus betrieben, jedoch fehlen die ideellen Werte, die in Bewegungen aufgegriffen und emotional besetzt werden, zum Beispiel Umwelt, Ressourcenverbrauch, Frieden oder Bewahrung der Welt. Religionen könnten aus Anregungen wie denen Gianni Vattimos (1997) schöpfen, kreativ sein und anstelle intellektueller Zumutungen Neues schaffen. Auch das ewige Leben ist heute nicht mehr das, was uns einmal versprochen wurde. Ganz ohne Jenseits und Gott kommen übrigens die Kriminalitätstheorien aus, die makro- undmikrosoziologische Ansätze zu demErgebnis zusammenführen, dass derMensch infolge des untilgbarenWiderspruchs zwischen Individuum und Gesellschaft zum Risiko für die Ordnung werde, die er sich selbst gegeben habe (vgl. Hess & Scheerer, 2003). Ähnlich sah es auch Sigmund Freud, der den Widerspruch zwischen den divergierenden Interessen und Motiven von Familie und Gesellschaft ansiedelte. Gemeinsamkeiten mit Girard (2002 [1999]) und Strasser (2016) finden sich dort, wo alle Autoren unlösbare Problemkonstellationen sehen unddieMenschenGeneration umGeneration aufsNeue umLösungen ringen müssen. Insgesamt versprechen eher die Sozialpsychologie und die Psychoanalyse zumindest Teileinsichten in das Wesen des »Radikalbösen«, wenn man es so nennen will, zu vermitteln, ohne mit Kategorien wie dem»Radikalguten« oder seinem Gegenteil operieren zu müssen, wie es die Theologie vermag. Für jemanden, der wie ich unter anderem einiges an Gedankenarbeit aufwendet, um als forensischer Gutachter zu verstehen, warum Menschen böse werden und dabei durchaus auch eine Ahnung davon bekommt, wie sich diese Destruktivität im Menschen allmählich bis zu den schlimmsten Taten hochschraubt, ist es äußerst befremdlich, wenn dabei die Psychologie ausgeklammert werden soll. 21 HomoDiabolus – Des Teufels alte neue Kleider 212 Dann bleibt, dass das Radikalböse der Teufel ist und das Radikalgute ist Gott. Getragen von einer zur Gewissheit gewordenen Auffassung stellt zum Beispiel Strasser (ebd.) dem Bösen apodiktisch ein göttliches Radikalgutes gegenüber, das uns darin bestärkt, als beseelteWesen nach Lebendigkeit zu streben. Darin steckt sicher eine gute und wichtige Idee, aber man muss hier keine Geistwesen mobilisieren. Behalten wir doch Begriffe wie das Göttliche und das Teuflische, weil sie einen kulturellen Wert haben, aber verzichten wir auf Gott und Teufel, die ja doch niemand zu Gesicht bekommen wird. Andieser Stelle kommtmanmit der Entwicklungspsychologie, der Bindungstheorie und dem Mentalisierungskonzept, also mit fundierten Gedanken und Theorien über das Denken und Fühlen und deren Entwicklung, weiter als mit dem alten und neuen Testament. Was wie ein radikaler Manichäismus wirkt, der in dieser Gegenüberstellung von Gut und Böse steckt, ist einer der Stränge, mittels derer Strasser (ebd.) für die Notwendigkeit einer religiösen Dimension des Menschlichen argumentiert, in der sich der »ontologische Überschuss« des menschlichen Denkens und die Besonderheit seines Daseins artikuliere. Der ontologischeÜberschuss ist ein komplizierter Begriff. Agnostizismus ist für Strasser (2008) derAusdruck einer»Selbstbescheidung, die nichtAusdruckwahrerGeistigkeit, sondern deren Verkümmerung bedeutet« (ebd., S. 17). Sie trete ein, »[s]obald der Pfeil des Geistes nicht mehr aufs Absolute zielt, also über dasMenschenmögliche hinaus« (ebd.). DerMensch verfüge immer über dieMöglichkeit, über das Bestehende hinauszudenken und es nicht dabei zu belassen, an ein Ende im Denken zu kommen. Die Endlosschleifen des Denkens, energetisch angereichert oder befeuert durch den Wunsch nach Intensität, führen immer wieder über das Bestehende hinaus. Gleichzeitig bleibt das Sein allen Bemühungen zumTrotz unergründlich, es hat selbst seinen ontologischen Überschuss. Man mag die dem innewohnende Transzendenz, die Strasser zufolge auch für das Böse gilt, metaphysisch oder sogar göttlich denken und nennen. Auch beim Bösen postuliert er jenen Seins- Überschuss, der es unausrottbar macht. So revitalisiert er den Begriff, in dieser Hinsicht vergleichbar mit Girard. Ein ontologischer (ich würde sagen, ein ontischer) Überschuss steckt jedoch im Sein, auch wenn es diesseitig bleibt, in der Möglichkeit zur Verneinung jeglichenMitgefühls, wie ich bereits dargelegt habe. Die in der fantasierten Welt auftretenden Gedanken, Wünsche und Handlungen bleiben als symbolische ungefährlich. Dabei werden auch destruktive Fantasien und Wünsche im Spiel durchgearbeitet, wobei das Kind dazu einen mitspielenden Erwachsenen oder ein älteres Kind an seiner Seite braucht, die ihm verdeutlichen, dass eine Idee nur eine Idee ist, die sich nicht direkt auf die Realität 21 HomoDiabolus – Des Teufels alte neue Kleider 213 auswirkt. Diese Erfahrungen organisieren und vermitteln zwischen denModi des psychischen Funktionierens, sodass das Kind nach und nach seine im Spiel bestehende mentalisierende Haltung beibehalten kann. Diese Phase der kindlichen Entwicklung wird die magische Phase genannt. Im magischen Denken kann es alles Mögliche oder Unmögliche geben: Geister, Zauberer, Zwerge, sprechende Tiere, natürlich auch Teufel und Götter. Allerdings ist diese Zeit mit etwa dem fünften Lebensjahr nicht abgeschlossen, wie manche Ratgeber behaupten. Diese Einfallstore in die Seele, besonders, wenn sie einmal gebahnt und durch emsiges Bangemachen mittels schwarzer Pädagogik verstärkt wurden, bleiben lebenslange Schwachstellen der Psyche, die in regressiven Zuständen wieder aus der Verdrängung auferstehen. Die magische Phase bleibt, so gesehen, zwar als leitendes Prinzip der Gedankenwelt an eine bestimmte Zeit und an dieDominanz gewisser psychischer Funktionsweisen gebunden, sowohl beim Individuum als auch auf den Entwicklungsstand einer Gesellschaft und Kultur bezogen, aber ihre psychischen Inhalte bleiben erhalten. Sie sterben nicht. Das Diabolische und das Unheimliche bleiben, auch wenn der Leibhaftige, der alte Satan, sich für viele sogenannte heutigen Menschen in ein substanzielles Nichts aufgelöst hat, infolge der oft anstrengenden Arbeit auf einem hohen geistigen Niveau. Kurt Flasch ist ein gutes Beispiel dafür. Er hat sich mit seiner Entwicklung im Christentum differenziert auseinandergesetzt und schließlich wohlbegründet seinen Abschied daraus erklärt (2013). Und es war für ihn ein weiterer, naheliegender Schritt, sich auch vom Teufel zu verabschieden (2015). Solche Entwicklungen sind jedoch nur wenigen Menschen möglich. Okkultismus und Aberglaube bevölkern große Sumpfgebiete überall auf der Welt, und es spricht nichts für deren baldiges austrocknen; es ist zu befürchten, dass eher das Gegenteil eintritt. Alle Menschen durchleben eine psychische Entwicklung, jeweils spezifisch für ihre Kultur und ihre Persönlichkeit, während der sich Kognition und Emotionalität verschränken und entfalten. Wir wissen alle, wie unterschiedlich die Ergebnisse sein können. Einfache Menschen ohne große Intelligenz können Herzensgüte besitzen, weitblickende Wissenschaftler können abergläubisch sein, sensible Väter und differenzierte Künstler können Mörder sein. Das Bild des Teufels hat sich im Laufe der Geschichte verändert.Vomanfänglichen jahrtausendealtenKonkretismus führte der Weg zum Symbolischen, zum Gewahrwerden des Unterschieds von psychischer und äußerer Realität. Vom bereits beschriebenen »psychischen Äquivalenzmodus« (Fonagy et al., 2004) desDenkens und Fühlens (vgl. Kap. 20) haben sich die Menschen aber nur zum Teil, und besonders gut im rational-kognitiven Denken, 21 HomoDiabolus – Des Teufels alte neue Kleider 214 freimachen können. Ihr Denken kann in einer frühen kindlichen Entwicklungsund Durchgangsphase der ersten vier bis fünf Lebensjahre selbst nur konkretistisch sein. Man kann sich später davon distanzieren, aber unvollkommen und auch nur auf bestimmte seelische Bereiche beschränkt. In Zeiten psychischer Not regredieren die meistenMenschen wieder auf kindliche Niveaus. Außerdem bleiben wir, wenn auch auf unterschiedliche Weise, doch stets in die Kultur eingebunden, der wir entstammen, in der wir wesentliche Lernschritte machen oder in der wir uns heimisch fühlen. So bleiben Elemente unsers Denkens wie die Sprache, die sozialen Rollen bzw. – um mit Paul Parin (1977) zu sprechen – unsere AnpassungsmechanismenTeile von uns, in denenwir abhängig und beschränkt sind. Darin sind die Gründe dafür zu erkennen, dass sich das, was theoretisch als Freiheit des Denkens möglich erscheint, imMenschenleben nicht erfüllt.Man kannnur sehen, wieweitman kommt. Einige verabschieden sich vom Teufel, andere verabschieden sich von Gott gleich mit, wofür aus meiner Sicht vieles spricht. Wieder andere sind überzeugt davon, das zu tun, wäre der größte Fehler, den man begehen kann. Auch wenn die von den Religionen beschworenen Verbalinspirationen keine absoluten Wahrheiten sind, sondern »nur« von begabten Menschen stammen dürften, sind sie psychologisch, anthropologisch und philosophisch wertvoll als kulturelles Erbe einer Gesellschaft. Deren Erbe gilt es zu bewahren, aber nicht blind affirmativ, sondern trotz seiner sinnstiftenden Kraft mit kreativer Gestaltungsbereitschaft. Eine Arbeit wie diese, die bei Satan beginnt und bei einer philosophischen Betrachtung des Bösen endet, ist nicht wirklich eine Überraschung. Freilich sind nicht erst seit heute Publikationen über das Böse Legion und es wird auch schwerer, diesen mit der dem Thema angemessenen Tiefe zu folgen; zu schnell sind sie katalogisiert und in dieser oder jener Schublade eingeordnet. Dabei ist das Thema des Bösen viel zu ernst, um leicht weggelegt zu werden. Eine feinsinnige Auslegung erfährt das Böse bei Paul Ricœur (2006). Er entwickelt eine existenzielle Zugangsweise zum Bösen, indem er ein historisches Grundgerüst zugrunde legt, das denUmgangmit der Erfahrung des Bösen generalisiert. Er unterscheidet verschiedene Diskursebenen in der Spekulation über das Böse: vom mythischen Denken zum Stadium derWeisheit. Das Problem des Bösen verlangt Konvergenz zwischen Denken und moralischem sowie politischem Handeln mit einer spirituellen Veränderung der Gefühle. Bei Ricœur ist nicht die Rede vomTeufel, aber als Quintessenz gibt er als Empfehlung eine Aufforderung zum Handeln: Man könne das Böse bei allen philosophischen Bemühungen nicht verstehen im Sinne von Problemlösung. Man könne aber versuchen, gegen das Wirken des Bösen selbst etwas zu tun. 21 HomoDiabolus – Des Teufels alte neue Kleider 215 Ricœur beginnt seinen kurzen und dichten Essay mit einer Phänomenologie, in deren Zentrum er die verschiedenen Erfahrungsweisen des Bösen stellt. Danach zeichnet er die Diskursebenen des Denkens über das Böse nach. Sie enden jedes Mal in einer Aporie, weil sie keinen Platz für die Figur des »leidenden Gerechten« finden. Deshalb formuliert Ricœur abschließend eine Antwort auf der Ebene des Denkens, Handelns und Fühlens. Gemessen an dessen eigenen Ansprüchen finde sich keine hinreichende Erklärung für das Böse. Man solle den aporetischen Charakter des Denkens über das Böse anerkennen, so Ricœur. Für ihn liegt derWert der Befassung mit dem Bösen darin, dass er sich imMoment derAnerkennung seinerVergeblichkeit (nicht seiner Nutzlosigkeit) im »praktischen Kampf gegen das Böse« und in der individuellen Trauerarbeit fruchtbar machen lasse. Es verbleibe, die Existenz trotz des Bösen zu bejahen und ihm Antworten handelnd und fühlend entgegenzusetzen. So sei der Einzelne gegen das Böse nicht machtlos, auch wenn es nicht auszurotten sei. Dieser im Vergleich zur Ankündigung des »Jüngsten Tages«mit seinen Segnungen für die Guten und der Vernichtung des Bösen vielleicht eher schwache Trost ist realistischer als der ganze Verkündungsunsinn und muss niemanden ratlos zurücklassen. Die Erkenntnis der Unvermeidbarkeit von Endlichkeit und Leiden ist für den Einzelnen schwer genug zu ertragen. Vielleicht lassen sich nicht-phantasmatische Wege finden, die es dem Einzelnen – denn jeder ist ja trotz all seiner Beziehungen allein –, der ungefragt ins Leben kommt und alleine stirbt, leichter machen. Auch der weise Paul Ricœur meinte wohl, dassMenschen etwas dafür tun können, damit dieWelt kein Jammertal wird. Das Leben kann ja auch sehr schön sein und es ist und bleibt das einzige Leben, das jeder von uns hat. Himmel und Hölle gibt es nur auf Erden, wenn wir sie dazu machen. Und so werden wir auch weiterhin mit Satan hier auf der Erde weiterleben müssen. Die Menschen haben den Teufel erfunden, um mit ihm das Schlechte zu verkörpern. Wir haben ihn als Figur geschaffen und ihn mit einer Art Leben ausgestattet. Wir können nur für das Schlechte, das Menschen anrichten, verantwortlich sein. Manche Katastrophen sind selbst gemacht, andere nicht. Das kann zu Verwechslungen führen. Ein gewisses Verantwortungsgefühl für das Leben an sich kommt uns als kreativen und zumindest partiell vorausschauenden Lebewesen, derenGehirn sich durch besondere Fähigkeiten und Funktionen auszeichnet (vgl. Newberg et al., 2003), dennoch zu. Satan wird, soweit wir es sehen können, seitdem und solange es Menschen gibt, in unseren Köpfen weiterleben – und das vermutlich nicht schlecht. Wir wissen alle nicht, wie das Spiel insgesamt ausgehen wird. Aber weil einer der untauglichen Versuche, die Zukunft vorauszusagen, das wetten ist: Wetten werden weiterhin angenommen. 21 HomoDiabolus – Des Teufels alte neue Kleider 216 Literatur Abelin, E. L. (1986). Die Theorie der frühkindlichen Triangulation. Von der Psychologie zur Psychoanalyse. In J. 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Benedikt, Szene 13. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/dd/Sodoma_-_Lif e_of_St_Benedict%2C_Scene_13_-_Benedict_Frees_a_Monk_-_WGA21575.jpg Abbildung 7: Pieter Bruegel der Ältere, Sturz der rebellierenden Engel, 1562, Königlichen Museen der Schönen Künste Brüssel. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/co mmons/thumb/9/9d/Pieter_Bruegel_the_Elder_-_The_Fall_of_the_Rebel_Angels_-_ Google_Art_Project.jpg/1280px-Pieter_Bruegel_the_Elder_-_The_Fall_of_the_Rebel _Angels_-_Google_Art_Project.jpg Abbildung 8: Krampus mit Kind, Postkarte Nummer 542 der Wiener Werkstätte, anonymer Künstler, um 1911. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons /f/f8/1911_circa_anonymer_K%C3%BCnstler_Wiener_Werkst%C3%A4tte_Postkarte_ No._542%2C_Krampus_mit_Kind.jpg Abbildung 9: Soga Shōhaku, Blauer oni, Detail einer Darstellung der Legende des Knaben vom Schneeberg. Quelle: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen/Oni_und_Kappa Abbildung 10: Thangka mit der Darstellung der Göttin Vajrabhairava (um 1740). Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b1/Thangka_Depicting_Vajr abhairava%2C_ca._1740%2C_Sotheby%27s.jpg 223 2015 · 166 Seiten · Broschur ISBN 978-3-8379-2329-2 »Nur hier gewährt Julia Kristeva einen so umfassenden Einblick in ihre Ansichten zu Religion. Ein unverzichtbares Werk für ihre Schülerinnen und Schüler.« Noelle McAfee, George Mason University Für Julia Kristeva ist Religion nicht nur Illusion und Quelle für Neurosen. Vielmehr geht »das unglaubliche Bedürfnis zu glauben« jeglicher religiöser Konstruktion voraus: Menschen werden durch dieses Glaubensverlangen geprägt, das mit der Erwartung eines liebenden Dritten beginnt, sich im ersten Sprechen äußert und sich in der Identitätssuche der Jugendlichen fortsetzt, die für Kristeva gläubige Zweifl er sind. In Gesprächen und Essays analysiert Kristeva dieses Bedürfnis und veranschaulicht ihre Gedanken anhand von Texten des Heiligen Paulus, Aristoteles, Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche, Hannah Arendt, Karol Wojtyla, Jürgen Habermas und Joseph Ratzinger. Dabei behandelt sie Themen wie die Vater- und Mutterfunktion, Autorität, Idealsucht der Jugend und Feminismus. Ihre Einsichten erhellen gegenwärtige religiöse Konfl ikte. Auch wenn wir nicht länger an Gott glauben, argumentiert Kristeva, müssen wir an einer kreativen Bestimmung der Menschheit festhalten, die wesentliche Quellen in der christlichen Anthropologie hat. Walltorstr. 10 · 35390 Gießen · Tel. 0641-969978-18 · Fax 0641-969978-19 bestellung@psychosozial-verlag.de · www.psychosozial-verlag.de Psychosozial-Verlag Julia Kristeva Dieses unglaubliche Bedürfnis zu glauben

Zusammenfassung

Die Gestalt des Teufels gilt seit jeher als Personifizierung des Bösen. Um ihn kreisen viele Geschichten und Mythen: Die einen beten ihn an, andere fürchten ihn und wieder andere bezweifeln seine Existenz. Er findet sich in vielen Kulturen, verweist auf Illusionen, Ängste und Hoffnungen, verkörpert kulturelles Wissen und steht gleichzeitig für gesellschaftlich geltende Regeln und Normen.

Peter Möhring betrachtet die Figur des Teufels aus religiöser, psychoanalytischer, psychologischer und neurobiologischer Sicht und geht der Frage nach: Wie viel vom Teufel steckt eigentlich in jedem Menschen?

Schlagworte

Anthropologie, Aberglauben, Psychoanalyse, Theologie, Teufel, Satan, Religion, Kulturkritik, Destruktivität, Das Böse Anthropologie, Aberglauben, Psychoanalyse, Theologie, Teufel, Satan, Religion, Kulturkritik, Destruktivität, Das Böse

References

Zusammenfassung

Die Gestalt des Teufels gilt seit jeher als Personifizierung des Bösen. Um ihn kreisen viele Geschichten und Mythen: Die einen beten ihn an, andere fürchten ihn und wieder andere bezweifeln seine Existenz. Er findet sich in vielen Kulturen, verweist auf Illusionen, Ängste und Hoffnungen, verkörpert kulturelles Wissen und steht gleichzeitig für gesellschaftlich geltende Regeln und Normen.

Peter Möhring betrachtet die Figur des Teufels aus religiöser, psychoanalytischer, psychologischer und neurobiologischer Sicht und geht der Frage nach: Wie viel vom Teufel steckt eigentlich in jedem Menschen?

Schlagworte

Anthropologie, Aberglauben, Psychoanalyse, Theologie, Teufel, Satan, Religion, Kulturkritik, Destruktivität, Das Böse