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Ayline Heller, Oliver Decker, Elmar Brähler (Ed.)

Prekärer Zusammenhalt

Die Bedrohung des demokratischen Miteinanders in Deutschland

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8379-3050-4, ISBN online: 978-3-8379-7733-2, https://doi.org/10.30820/9783837930504

Series: Forum Psychosozial

Bibliographic information
Ayline Heller, Oliver Decker, Elmar Brähler (Hg.) Prekärer Zusammenhalt Forum Psychosozial Psychosozial-Verlag Ayline Heller, Oliver Decker, Elmar Brähler (Hg.) Prekärer Zusammenhalt Die Bedrohung des demokratischen Miteinanders in Deutschland Mit Beiträgen von Marc Allroggen, Laura Beckmann, Hendrik Berth, Manfred Beutel, Elmar Brähler, Johanna Brückner, Oliver Decker, Jörg M. Fegert, Daniel Gloris, Ayline Heller, Johannes Kiess, Sören Kliem, Yvonne Krieg, Dominic Kudlacek, Lars Rensmann, Peter Schmidt, Silke Schmidt, Julia Schuler, Yve Stöbel-Richter, Ana Nanette Tibubos, Wolf Wagner, Stefan Weick, Hans-Jürgen Wirth, Andreas Witt, Alexander Yendell, Markus Zenger und Carolin-Theresa Ziemer Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Originalausgabe © 2020 Psychosozial-Verlag, Gießen E-Mail: info@psychosozial-verlag.de www.psychosozial-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Umschlagabbildung: Paul Klee, In der Strömung sechs Schwellen, 1929 Umschlaggestaltung und Innenlayout nach Entwürfen von Hanspeter Ludwig, Wetzlar ISBN 978-3-8379-3050-4 (Print) ISBN 978-3-8379-7733-2 (E-Book-PDF) 5 Inhalt Vorwort 9 Teil 1 Perspektiven aus Ost- und Westdeutschland Die Mauer in den Köpfen 19 Die Einheitsmentalität in Ost und West in den letzten 30 Jahren Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler 30 Jahre Wiedervereinigung 57 Ein neuer Blick auf Ost und West Wolf Wagner, Ayline Heller, Hendrik Berth & Elmar Brähler Bedingungen außerfamiliärer Kleinkindbetreuung in der DDR 79 Gibt es fassbare Einflüsse im Erwachsenenalter? Ergebnisse einer Untersuchung Johanna Brückner, Silke Schmidt, Elmar Brähler & Oliver Decker Wer sind die BefürworterInnen von PEGIDA? 101 Eine Analyse von Daten der Sächsischen Längsschnittstudie Hendrik Berth, Markus Zenger, Yve Stöbel-Richter & Elmar Brähler Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell 115 Erklärungsmodelle zum Verhältnis Ost-West nach der Wiedervereinigung Deutschlands Wolf Wagner 6 Inhalt Teil 2 Rechtsextremismus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus Rechtsextremismus – ein einheitliches Konstrukt? 151 Der Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung – Leipziger Form (FR-LF) Ayline Heller, Elmar Brähler & Oliver Decker Vorurteile und vorurteilsgeleitete Straftaten 173 Ergebnisse der REX-Studie aus Schleswig-Holstein, 2018 Sören Kliem, Laura Beckmann, Dominic Kudlacek & Yvonne Krieg Kontakte und Bedrohungswahrnehmung als Determinanten der Einstellung zu Migranten 189 Einstellungen der deutschen Bevölkerung zu Zuwanderern von 1980 bis 2016 Peter Schmidt & Stefan Weick Wann wirken Kontakte zwischen Migranten und Mehrheitsgesellschaft? 207 Längsschnittanalysen zu Erfahrungen mit Kontakten und zur Bewertung von Flüchtlingen und Muslimen durch die deutsche Bevölkerung Peter Schmidt, Stefan Weick & Daniel Gloris Antisemitismus in Baden-Württemberg 221 Carolin-Theresa Ziemer, Oliver Decker & Elmar Brähler  Teil 3 Parteipräferenz und demokratischer Zusammenhalt Verbreitung antidemokratischer Einstellungen und Parteipräferenz 247 Julia Schuler, Johannes Kiess, Oliver Decker & Elmar Brähler 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 7 Inhalt AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder 273 Empirische Daten und sozialpsychologische Interpretationen Hans-Jürgen Wirth Die Mobilisierung des Ressentiments 309 Zur Analyse des Antisemitismus in der AfD Lars Rensmann Anhang Die Parteien und das Wählerherz 2018 345 Alexander Yendell, Elmar Brähler, Andreas Witt, Jörg M. Fegert, Marc Allroggen & Oliver Decker 9 Vorwort Die Demokratie steht unter Druck. Einerseits gibt es seit dem Ende der Systemkonfrontation keine andere Gesellschaftsform mehr, die eine derart hohe Akzeptanz erfährt. Selbst autokratische Systeme können auf Elemente demokratischer Legitimation nicht verzichten: In Russland wird die Duma gewählt, in China tagt der Volkskongress oder in Ungarn das Parlament, auch wenn gleichzeitig wesentliche Elemente wie Presse- und Versammlungsfreiheit, eine unabhängige Justiz oder Schutzrechte der Bürger_innen1 eingeschränkt werden. Andererseits zeigt sich nicht nur in diesen Ländern, sondern auch in Deutschland, dass mit den Mitteln demokratischer Verfahren auch anti-demokratische Parteien und Bewegungen sehr erfolgreich sein können und mit ihren autoritären Ressentiments die Debatten der Politik mitbestimmen. Auch wenn die Krisendiagnostik der Demokratie eine lange Tradition hat und für die Gegenwart sehr unterschiedliche Befunde vorliegen – eines lässt sich für die letzte Dekade feststellen: Soziale und kulturelle Ungleichheiten führen weltweit zu gesellschaftlichen Spaltungsprozessen, es kommt zu einer wachsenden Polarisierung der Gesellschaften und Radikalisierung der extrem rechten Milieus. Die Gefahr, die von rechtsextremen Parteien und Bewegungen ausgeht, kann nur dann richtig eingeschätzt werden, wenn berücksichtigt wird, dass schon lange anti-demokratische und rechtsextreme Positionen auch in der »Mitte der Gesellschaft« zu finden sind. Deshalb können rechtsextreme Parteien, wie die Alternative für Deutschland, Rassemblement National in Frankreich oder Fidesz in Ungarn vielerorts Erfolge feiern, und erstarkende autoritäre Tendenzen stellen die liberale und pluralistische Grundlage der Gesellschaftsordnung grundlegend infrage. 1 Wir bemühen uns in diesem Sammelband um eine geschlechtergerechte Sprache. Die konkrete Umsetzung wurde den einzelnen Beiträger_innen überlassen. 10 Vorwort Die Fragilität des demokratischen Zusammenhaltes tritt in Deutschland auf eine besondere Weise zutage; die Zeit des Nationalsozialismus und die anschließende Teilung Deutschlands wirken bis heute nach. Historische Kontinuitäten und Bruchlinien werden in aktuellen Debatten wie der um die Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland deutlich und drohen in Slogans wie »Vollende die Wende!« oder »Wende 2.0« anti-demokratisch aufgegriffen und umgemünzt zu werden. Sachliche politische Auseinandersetzungen, die auf demokratischen Kompromiss aus sind, müssen so nicht selten hoch emotionalisierten Diskussionen weichen, und rationale Argumentationslinien werden zugunsten einer ideologisch aufgeladenen Identitätspolitik verlassen. Darin liegt die Gefahr, dass Zusammenhalt völkisch umgedeutet und Gruppenzugehörigkeit nicht demokratisch, sondern qua Geburt oder Herkunft definiert wird. In Form von Fake-News, Hasspostings bis hin zu gewalttätigen Übergriffen gegen Geflüchtete und soziale Minderheiten wird eine der fundamentalen Voraussetzungen der Demokratie infrage gestellt: die Anerkennung gesellschaftlicher Pluralität, wie sie sich in verschiedenen Lebensweisen, Hintergründen und Ansichten äußert. Um einen demokratischen Zusammenhalt in Deutschland zu stärken, der eben diese Diversität für sich nutzbar macht, ist es notwendig, soziale Ausgrenzungsprozesse und deren Äußerungsformen in Vorurteilen und Ressentiments zu analysieren, miteinander in Beziehung zu setzen und historisch adäquat einzuordnen. Ein Hauptanliegen des vorliegenden Bandes stellt daher eine Analyse anti-demokratischer Tendenzen in Deutschland vor dem Hintergrund des deutsch-deutschen Annäherungsprozesses dar. Auch wenn sich drei Jahrzehnte nach der deutschen Einheit Anzeichen eines wachsenden Zusammengehörigkeitsgefühls der Bewohner_innen der beiden deutschen Gebiete abzeichnen, sind die Gefahren für den demokratischen Zusammenhalt nach wie vor virulent und nehmen in den beiden deutschen Teilen unterschiedliche Ausprägungen an. Der erste Teil des Buches beschäftigt sich daher mit dem demokratischen Zusammenhalt, wie er sich in den alten und neuen Bundesländern ausdrückt und setzt ihn in Verbindung mit den historischen Ereignissen seit der deutschen Teilung. Heller, Tibubos, Beutel und Brähler geben in ihrem Artikel über die Einheitsmentalität in Ost- und Westdeutschland einen Überblick über die Einstellungen zur Wiedervereinigung der beiden Bevölkerungsteile im Zeitverlauf der letzten dreißig Jahre. Ein Schwerpunkt wird dabei auf verschiedene Geburtenjahrgänge gelegt, um zu zeigen, wie das Heranwach- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 11 Vorwort sen einer neuen Generation ohne Teilungserfahrung die Ansichten auf die deutsche Einheit verändert hat. Ein wachsender demokratischer Zusammenhalt zeichnet sich ab; mit zeitlichem Abstand zur Wiedervereinigung und besonders in den jungen Geburtskohorten wird der je andere Teil Deutschlands als weniger fremd und die Wiedervereinigung insgesamt als positiver bewertet. Nichtsdestotrotz sind die Unterschiede in den Wahrnehmungen des Vereinigungsprozesses in der ost- im Vergleich zur westdeutschen Bevölkerung nach wie vor groß und es bleibt die Gefahr einer nationalistischen Umdeutung des beobachteten Zusammengehörigkeitsgefühls. Wagner, Heller, Berth und Brähler legen den Fokus auf zeitlich andauernde Effekte der DDR-Vergangenheit, die in der heutigen Gesellschaft nachwirken. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die Gruppe derer gerichtet, die ihren Wohnsitz schon einmal vom einen Teil Deutschlands in den jeweils anderen verlegt haben. Dieses Phänomen der Binnenmigration wird genutzt, um »Erbschaften« der DDR zu untersuchen. Während sich die Ost-West-Migrant_innen in der Einkommensverteilung an den Westen angepasst haben, befinden sie sich bei den untersuchten Einstellungsdimensionen in einer mittleren Position. Sie liegen mit ihren Ansichten zu Rollenbildern, Selbstbestimmung der Frau, Gerechtigkeitsempfinden aber auch zu Demokratiefeindlichkeit, Autoritarismus und Fremdenfeindlichkeit genau zwischen den beiden Gruppen ohne Binnenmigrationserfahrung. Auch diejenigen, die vom Westen in den Osten gezogen sind, zeichnen sich durch eine besondere Stellung aus. Sie stehen in ihren Einstellungen denen, die im Osten aufgewachsen und dort geblieben sind, diametral entgegen. Eine Untersuchung von Brückner, Schmidt, Brähler und Decker beschäftigt sich mit einem anderen Erbe der DDR-Vergangenheit; sie untersuchten die Gruppe derer, die während der Zeit der DDR in Tagesoder Wochenkrippen untergebracht waren. Es wird ein Überblick über die Krippensituation in der DDR gegeben, die parallel zum Westen noch lange von einem autoritären Erziehungsideal geprägt war. In einer empirischen Studie mit Studierenden, die zu einer der letzten Generationen gehörten, welche in der DDR in Krippen betreut worden waren, konnten sie zeigen, dass ehemalige Krippenkinder auf allen betrachteten Rechtsextremismus-Skalen (mit Ausnahme der des Antisemitismus) höhere Werte aufwiesen als Studierende aus Ost und West, die keine Krippe besuchten. Die Tatsache, dass in den letzten Jahren der DDR über die Hälfte der 12 Vorwort Kinder in Krippen untergebracht war, verleiht diesem Ergebnis zusätzliche Brisanz. Berth, Zenger, Stöbel-Richter und Brähler beschäftigen sich mit einem aktuellen Phänomen, welches verstärkt in den neuen Bundesländern Zustimmung findet. Anhand von Daten der Sächsischen Längsschnittstudie aus den Jahren 2015, 2016 und 2017/18 wird die Befürwortung der antidemokratischen Bewegung PEGIDA untersucht. Neben soziodemografischen Unterschieden, wie männlichem Geschlecht, niedriger Bildung und geringerem Einkommen, ging die Zustimmung für PEGIDA u. a. einher mit einer erhöhten individuellen Wahrnehmung als Ostdeutsche_r, einer erhöhten Unzufriedenheit mit dem politischen System der Bundesrepublik und der Flüchtlingspolitik sowie einer wahrgenommenen Bedrohung durch die nach Deutschland kommenden Geflüchteten. Es ist somit davon auszugehen, dass von dieser Personengruppe ein erhöhtes anti-demokratisches Potenzial ausgeht. Diese empirischen Beiträge machen die anhaltenden Einstellungsunterschiede zwischen ost- und westdeutscher Bevölkerung deutlich und zeigen Kontinuitäten sowie Bruchlinien seit der Vereinigung Deutschlands auf. Es bleibt jedoch die Frage, wie sich diese Unterschiede theoretisch einordnen lassen. Der Beitrag von Wagner rundet den ersten Teil des Buches ab und versucht sich an einer solchen Erklärung der Entwicklungen nach der Wende, die insbesondere das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland in den Blick nimmt. Anhand eines historischen Vergleichs mit anderen nationalen Vereinigungsprozessen und unter Bezugnahme auf Theorien von Nobert Elias und Pierre Bourdieu argumentiert der Autor, dass die Wiedervereinigung für Ostdeutschland weniger als »Kulturschock« interpretiert werden sollte. Er stellt vielmehr die Aufstiegsblockaden in den Vordergrund, die bei den Bürger_innen der ehemaligen DDR zu wahrgenommenen Formen von Ausschluss und Benachteiligung geführt haben und anhaltende Differenzen in Einstellungen und Wahrnehmungen (mit-)erklären können. Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen widmet sich der zweite Teil des Buches einer Bestandsaufnahme der verschiedenen Ausprägungen, in denen sich anti-demokratische Tendenzen in der Bundesrepublik äußern: Rechtsextremismus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus. Der Gleichheitsgrundsatz, wie er in jeder demokratisch verfassten Gesellschaft zu finden ist, wird in diesen Ressentiments über eine Aufwertung der Eigengruppe qua Abwertung einer Fremdgruppe infrage gestellt. Nur wenn sich die unterschiedlichen sozialen Gruppierungen als gleichwertig 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 13 Vorwort gegenüberstehen, können jedoch Andersartigkeit akzeptiert und Pluralität gefördert werden. Der Beitrag von Heller, Decker und Brähler untersucht die unterschiedlichen Dimensionen rechtsextremer Einstellungen, indem ein prominenter Fragebogen einer psychometrischen Analyse unterzogen wird. Die aus der Theorie abgeleiteten sechs Facetten – Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus – können anhand der Daten bestätigt werden und lassen sich auf einen gemeinsamen, zugrundeliegenden Faktor zurückführen. Damit zeigt sich der Fragebogen als geeignetes Erhebungsinstrument für diese Dimensionen rechtsextremer Einstellungen. Welches Verhältnis zwischen rechtsextremen Einstellungen einerseits und tatsächlichen Gewalthandlungen andererseits besteht, wird in der Studie von Kliem, Beckmann, Kudlacek und Krieg untersucht. Anhand der Daten einer repräsentativen Schüler_innenbefragung in Schleswig-Holstein können die Autor_innen zeigen, dass ein starker Zusammenhang zwischen gruppenbezogenen Vorurteilen und entsprechenden Handlungen und Straftaten gegen diese Gruppen besteht. Die Schule als prägende Sozialisationsinstanz wird dabei in die Pflicht genommen, sich stärker für die Vermittlung demokratischer Grundwerte einzusetzen. Weitere Möglichkeiten zum Abbau anti-demokratischer Einstellungen werden in Beiträgen von Schmidt und Weick sowie von Schmidt, Weick und Gloris aufgezeigt. Ersterer beschäftigt sich mit der Entwicklung von Vorbehalten gegen Zuwanderung in Ost- und Westdeutschland seit 1990. Die Autoren stellen fest, dass es zu einer deutlichen Abnahme von Vorurteilen gekommen ist – positive Kontakte und Interaktionserfahrungen zwischen Migrant_innen und Einheimischen werden als fördernde Faktoren zum Abbau von Vorbehalten identifiziert. Im zweiten Beitrag gehen Schmidt, Weick und Gloris sodann mithilfe längsschnittlicher Analysen auf die Wirkungsrichtung von Intergruppenkontakten ein. Die Qualität der Kontakterfahrungen stellt sich dabei als substanziell heraus. Mit ähnlicher Effektstärke führen positive Kontakterfahrungen zu einem Abbau von Vorurteilen während negative Erfahrungen zu einer Zunahme derselben führen. Gleichzeitig können bestehende Vorurteile Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Kontakte als positiv oder negativ haben. Ein weiterer zentraler Bestandteil anti-demokratischer und rechtsextremer Einstellungsaspekte sind die verschiedenen Dimensionen antisemi- 14 Vorwort tischer Ressentiments. Diese werden im Beitrag von Ziemer, Decker und Brähler theoretisch hergeleitet und anhand von Befunden aus verschiedenen repräsentativen Umfragen untersucht, die deutschlandweit sowie im Auftrag der Landesregierung Baden-Württemberg durchgeführt wurden. Zwar zeigt sich ein genereller Rückgang in der Zustimmung zu antisemitischen Aussagen. Dieser unterliegt jedoch jahresspezifischen Schwankungen und steht einer Zunahme tatsächlicher antisemitischer Gewalttaten gegenüber. Dies kann als Anzeichen für die Herausbildung radikalisierter, gewaltbereiter Milieus einerseits sowie für eine weite Verbreitung antisemitischer Ressentiments in der demokratischen Mehrheitsgesellschaft andererseits gewertet werden. Demokratie in Deutschland stützt sich auf die Idee von Repräsentation: In demokratischen Wahlen wird das individuelle Entscheidungsrecht an Abgeordnete verschiedener Parteien delegiert, die niemals ganz die eigenen Positionen widerspiegeln. In den letzten Jahren hat sich die Parteienlandschaft in Deutschland stark gewandelt; die rechtspopulistische, völkischnationale Alternative für Deutschland (AfD) konnte vielerorts rasante Gewinne verbuchen, während die klassischen Volksparteien SPD und CDU ihre Basis zu verlieren drohen. Welche Rolle diese Entwicklungen für den demokratischen Zusammenhalt in Deutschland haben, wird im letzten Teil des Bandes untersucht. Der Beitrag von Schuler, Kiess, Decker und Brähler untersucht die Einstellungen der Wählerschaft der AfD und kommt zu dem Schluss, dass demokratiefeindliche, rechtsextreme Einstellungen dort besonders häufig vertreten sind. Befürworter_innen anti-demokratischer Positionen finden in dieser Partei eine parlamentarische Repräsentanz und könnten sich somit in ihren Ansichten bestätigt und legitimiert fühlen. Vor dem Hintergrund zunehmender rechter, politisch motivierter Kriminalität sind diese Entwicklungen alarmierend. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt der Beitrag von Wirth, der die Wählerschaft der AfD und die der Grünen gegenüberstellt und feststellt, dass sich Welt- und Menschenbilder dieser beiden Gruppen diametral gegen- überstehen. Um diese Analyse zu untermauern, werden die Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage mit sozialpsychologischen Interpretationen verknüpft und in den historischen Kontext des geteilten Nachkriegsdeutschlands eingebettet. Der Aufsatz von Rensmann widmet sich schließlich einem Phänomen, das bisher im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs kaum thema- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 15 Vorwort tisiert wurde: dem Antisemitismus innerhalb der AfD. Eine Analyse der politischen Ideologie der AfD stellt diese in Zusammenhang zu bekannten Elementen rechtspopulistischer Ideologien. Die parteipolitische Mobilisierung anti-jüdischer Ressentiments wird den vorgeblichen philosemitischen und pro-israelischen Positionen innerhalb der Partei gegenübergestellt. Dabei werden die autoritär-nationalistischen Strömungen und deren Verknüpfung mit Verschwörungsdenken auch in deren Bezug zu aktuellen Krisensituationen offengelegt. Zuletzt gibt der Beitrag von Yendell, Brähler, Witt, Fegert, Allroggen und Decker einen Überblick über den Zusammenhang der Wahlpräferenz mit zentralen soziodemographischen Variablen – wie Nettoeinkommen, Arbeitslosigkeit, Geschlecht, Bildung und Konfession – sowie Aussagen zu Autoritarismus und Narzissmus. Die einzelnen Beiträge dieses Bandes machen deutlich, in welcher komplexen Gemengelage sich der Versuch eines demokratischen Miteinanders in Deutschland bewegt. In aktuellen Ereignissen, allen voran der Corona- Pandemie, aber auch in den Protesten nach dem gewaltsamen Tod George Floyds, treten gesellschaftliche Antinomien und Spaltungstendenzen besonders eindrücklich zutage. Die Demokratie in Deutschland sieht sich somit auch nach dreißig Jahren deutscher Einheit mit Herausforderungen konfrontiert, die es zu benennen gilt und mit denen ein adäquater Umgang gefunden werden muss. Ayline Heller, Oliver Decker und Elmar Brähler Mainz, im August 2020 Teil 1 Perspektiven aus Ost- und Westdeutschland 19 Die Mauer in den Köpfen Die Einheitsmentalität in Ost und West in den letzten 30 Jahren1 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler 1 Die Zeit nach dem Umbruch Auch 30  Jahre nach der Wiedervereinigung spielen die Aufteilung Deutschlands durch die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges, die daraus resultierende jahrzehntelange Existenz zweier deutscher Staaten sowie die Umbrüche im Prozess der deutschen Einheit eine zentrale Rolle im kollektiven Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland. Dies lässt sich nicht nur durch die mediale Aufbereitung der DDR-Zeit und der anschlie- ßenden Umbrucherfahrungen in Fernsehfilmen und Serien, wie beispielsweise dem oscarprämierten Drama Das Leben der Anderen, der tragischen Komödie Good Bye Lenin oder der ARD-Serie Weissensee, belegen. Auch die wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Relevanz der Ereignisse, die durch den Mauerfall 1989 eingeleitet und formal mit dem Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 abgeschlossen wurden, wird durch die jährlichen Berichte der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit sowie zahlreiche wissenschaftliche Publikationen, die sich mit den Nachwirkungen der DDR und der Wiedervereinigung beschäftigen, eindrücklich deutlich (Brähler & Wagner, 2014). Seit 2019 werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung 14 Forschungsverbünde mit bis zu 40 Millionen Euro über vier Jahre gefördert, um Wissenslücken, die im Hinblick auf die DDR-Vergangenheit noch immer bestehen, zu schließen und Nachwirkungen in der heutigen Gesellschaft zu untersuchen, die das DDR-System selbst sowie die anschließenden Transformationsprozesse hinterlassen 1 Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte Version eines Arbeitsberichtes, der 2020 für die Otto Brenner Stiftung verfasst wurde. Er wurde zudem durch das BMBF-Projekt »DDR-PSYCH« gefördert (Az.: 01UJ1911AY-FY). 20 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler haben (BMBF-Internetredaktion, 2018). Die deutlichen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland in Bezug auf die Zustimmung und Unterstützung rechtspopulistischer und -extremer Bewegungen und Parteien unterstreichen die Relevanz der Thematik zusätzlich (vgl. Schmidt & Weick, 2020; Berth et al., 2020, beide im vorliegenden Band). Innerhalb der aktuellen Forschung zur Ost-West-Thematik liegt der Schwerpunkt meist auf der Untersuchung der wirtschaftlichen Annährung der beiden deutschen Gebiete. Die strukturellen Unterschiede, die in den vergangenen drei Jahrzehnten zwar eine rückläufige Tendenz aufwiesen, sind für die Bewohner_innen der neuen Bundesländer nach wie vor »deutlich spürbar« (Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, 2018). Beispielsweise stehen den ostdeutschen Haushalten, gemessen am westdeutschen Einkommen, immer noch nur 85 % der Finanzmittel zur Verfügung. Zusätzlich ist die Arbeitslosenquote in den ostdeutschen Gebieten deutlich höher als in Westdeutschland und das Lohnniveau ist niedriger. Hinzu kommt eine insgesamt geringere Wirtschaftskraft sowie eine niedrigere Forschungs- und Innovationsaktivität. Die kleinteilige Wirtschaftsstruktur setzt die Attraktivität der neuen Bundesländer als Lebensmittelpunkt und Unternehmensstandort zusätzlich herab. Auch in der Altersstruktur sowie der Besiedlungsdichte der neuen Bundesländer machen sich Unterschiede bemerkbar. Der Anteil von alten Menschen an der Bevölkerung nimmt in den neuen Bundesländern schneller zu als in den alten Bundesländern, und die Zahl der Einwohner_innen insgesamt, allen voran die der Erwerbsfähigen, nimmt stetig ab. Dies liegt mitunter daran, dass die neuen Bundesländer weniger von der Zuwanderung von Fachkräften profitieren. Hinzu kommt, dass sich viele, zumeist junge Ostdeutsche, entschließen, in die alten Bundesländer oder ins Ausland zu migrieren, da sie sich dort bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen erhoffen (vgl. Wagner et al., 2020, im vorliegenden Band). Oftmals wird der Vergleich zwischen den neuen Bundesländern und dem »westdeutschen Standard« jedoch kritisiert, da bei solch einer Betrachtung positive Entwicklungen, seien sie wirtschaftlicher oder gesellschaftspolitischer Art, häufig unter den Tisch fallen. So wird den neuen Bundesländern aufgrund der realsozialistischen Vergangenheit ein progressiveres Geschlechterrollenverständnis nachgesagt (vgl. ebd.). Tatsächlich war und ist der sogenannte »Gender-Pay-Gap«, also der Entgeltunterschied zwischen Männern und Frauen, in den neuen Bundesländern deutlich geringer als in den alten; Frauen bekleiden außerdem häufiger Führungspositionen, 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 21 Die Mauer in den Köpfen und die Vollzeitbeschäftigung von Müttern ist bedeutend weiter verbreitet, was u. a. auf die gute Infrastruktur der Kinderbetreuung zu DDR-Zeiten zurückgeführt wird, die bis heute Auswirkungen zeigt (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – BMFSFJ, 2015). Auch in Sachen Partnerschaftsvorstellungen spricht sich die ostdeutsche Bevölkerung mit 55,3 % häufiger für eine gleichgestellte Partnerschaft aus, in der Frauen und Männer in gleichem Maße am Einkommen beteiligt sind. In Westdeutschland sind es lediglich 43 % (ebd.). Neben diesen strukturellen Unterschieden zwischen alten und neuen Bundesländern ist für die Bewertung der Entwicklung nach der Wiedervereinigung vor allem auch die Frage der wahrgenommenen Unterschiede, der »Einheitsmentalität«, von Relevanz, da soziale Benachteiligung gesellschaftliche Spaltung begünstigt kann und sich als Prädiktor für verschiedene Verhaltensweisen herausgestellt hat, die das Zusammenleben maßgeblich beeinflussen, beispielsweise Wahlverhalten, soziales Engagement, aber auch Gewalt gegenüber Andersdenkenden. Viele Forschungsergebnisse zeigen dabei, dass der Systemumbruch der Wende und die von vielen als forciert erlebten Veränderungen im öffentlichen und privaten Raum nicht spurlos an den Menschen in Ostdeutschland vorübergegangen sind. So wurden die großen Erwartungen und Hoffnungen, die mit der Wiedervereinigung verbunden waren, an vielen Stellen enttäuscht. Dies führte in einigen Fällen zu einer melancholisch-idealisierten Aufwertung der Zustände in der DDR, die unter den Begriffen »DDR-Nostalgie« oder »Ostalgie« Eingang in die öffentliche Debatte fand (Neller, 2006). Eine Studie von Foroutan und Kolleg_innen (2019) ging so weit, die Erfahrungen und Lebenschancen von Personen aus Ostdeutschland mit denen von Migrant_innen zu vergleichen; beide Gruppen erlebten eine soziale und strukturelle »Chancen-Lücke«. Im Bildungssystem, am Arbeitsmarkt aber auch in sozialen Situationen würden sie häufig ungleich behandelt und abgewertet. Auch wenn diese Position den spezifischen Kontext von Migrations- und Fluchterfahrungen nivelliert, so scheint eine Beobachtung dennoch zutreffend zu sein: Die ostdeutsche Bevölkerung fühlt sich in ihrer Lebensrealität nicht ernstgenommen und gegenüber der westdeutschen Bevölkerung häufig benachteiligt. Diese Ergebnisse werden auch durch verschiedene aktuelle Studien zur ostdeutschen Bevölkerung gestützt, die in Abschnitt 1.1 aufgegriffen werden. Die Herausbildung negativer Stereotype über »die Ostdeutschen« verstärkt diese Beobachtung. Das bekannteste Beispiel dürfte das primär 22 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler durch Westdeutsche gepflegte Klischee des »Jammer-Ossis« sein, der sich stets über die Zustände beklagt und als faul, »abgehängt« und rückschrittlich gilt. Auf der anderen Seite werden die Westdeutschen im Zuge einer polarisierenden Klischeebildung durch die Bewohner_innen der neuen Bundesländer zu »Besser-Wessis« stilisiert, die sich als moralisch und praktisch überlegen geben. Die Gruppenzugehörigkeit zum jeweiligen Bevölkerungsteil erweist sich dabei als identitätsstiftend, während der je andere Teil als fremdartig diffamiert wird. Für den demokratischen Gesellschaftszusammenhalt sind die Akzeptanz verschiedener Gruppenidentitäten und ein Bewusstsein dafür, dass Individuen niemals ganz in diesen Gruppenidentitäten und -klischees aufgehen, jedoch zentral. Eine differenzierte Bestandsaufnahme der Entwicklungen empfundener Unterschiede innerhalb der beiden Bevölkerungsgruppen in den letzten 30 Jahren erweist sich deshalb als zwingend notwendig. 1.1 Bisherige Studien zur Bewertung der deutschen Einheit Die Bewertung der deutschen Einheit sowie das Fremdheitserleben zwischen den beiden deutschen Gebieten können als Indikatoren für einen demokratischen Zusammenhalt, wie er im vorherigen Teil beschrieben wurde, herangezogen werden. Im Folgenden werden deshalb zunächst die wichtigsten Studien zu diesem Thema und deren zentrale Ergebnisse präsentiert. Auch auf die Schwachstellen der einzelnen Untersuchungen soll kurz rekurriert werden, um die Notwendigkeit einer differenzierten Analyse der Kohorten- und Zeiteffekte in der ost- und westdeutschen Bevölkerung zu verdeutlichen. Wie bereits angedeutet, legten bisherige Studien ihren Schwerpunkt zumeist darauf, dass viele Bewohner_innen der neuen Bundesländer sich benachteiligt fühlen. So gaben in der von der FAZ in Auftrag gegebenen Allensbach-Analyse zum 20. Jahrestag des Mauerfalls immer noch mehr als zwei Drittel der Ostdeutschen an, sich als »Bürger zweiter Klasse« behandelt zu fühlen (Petersen, 2009). Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch Bevölkerungsumfragen, die regelmäßig in verschiedenen ostdeutschen Bundesländern von den jeweiligen Landesregierungen in Auftrag gegeben werden. Eine der bekanntesten dieser Studien ist der Thüringen-Monitor, der sich seit 2000 mit den politischen Einstellungen der Bevölkerung dieses Bundeslandes befasst (Landesregierung des Freistaats Thüringen, 2019). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 23 Die Mauer in den Köpfen Die Bewertung der deutschen Einheit spielt in diesen Studien traditionell eine wichtige Rolle. Neben Gefühlen individueller sozioökonomischer Benachteiligung, sogenannter »individueller Deprivation«, wird im Thüringen-Monitor ein spezifisch ostdeutscher Typus kollektiver Deprivationserfahrungen erfasst, der sich durch eine negative Bewertung der Wiedervereinigung sowie durch die Wahrnehmung, Ostdeutsche würden von Westdeutschen als Menschen zweiter Klasse behandelt, auszeichnet (Reiser et al., 2018, S. 85). Personen, die in diese Kategorie fallen, zeigen eine erhöhte Gewaltbereitschaft (ebd., S. 94). Außerdem hat sich diese Wahrnehmung wiederholt als Prädiktor für rechtsextreme Einstellungen erwiesen (ebd., S. 114). Im Jahr 2019 wurde in Thüringen darüber hinaus eine spezifische Diskriminierungserfahrung erhoben, die auf individuelle Benachteiligungssituationen aufgrund der eigenen ostdeutschen Herkunft abzielte. Hier zeigt sich zusammen mit den kollektiven Deprivationserfahrungen ein negativer Zusammenhang mit Demokratiezufriedenheit; Befragte, die sich als Ostdeutsche individuell wie kollektiv benachteiligt fühlten, waren somit auch weniger zufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie. Obwohl durch die regelmäßigen Erhebungen der Monitore der verschiedenen neuen Bundesländer interessante Zeitreihen entstanden sind, die durch die Ähnlichkeit der Frageformulierungen eine fundierte Datengrundlage bilden, wurden die verschiedenen Erhebungszeitpunkte bisher nur selten in Bezug zueinander gesetzt. Ein Vergleich zwischen den einzelnen ostdeutschen Bundesländern fehlt bisher weitestgehend, ebenso wie ein Vergleich mit der Einschätzung der westdeutschen Bevölkerung. Die Sozialreport-Folge unter der Leitung von Gunnar Winkler setzte sich mit dem Verhältnis zwischen objektiven wirtschaftlichen Entwicklungen in den neuen Bundesländern und dem subjektiven Erleben der eigenen Situation auseinander (Ferchland, 2004). Die Studienreihe untersuchte seit der Vereinigung über mehrere Jahre hinweg die sozialen Veränderungen und Entwicklungen in den neuen Bundesländern aus einer dezidiert ostdeutschen Perspektive. Die Forscher_innen haben dabei u. a. die Herausbildung einer Ost-Identität beobachtet, die sich weder auf die geteilten DDR-Erfahrungen noch auf eine negative Bewertung der Wiedervereinigung reduzieren lässt. Vielmehr spielten die aktuelle Lebenssituation, individuelles und kollektives Deprivationserleben sowie die geteilten Transformationserfahrungen, insbesondere die weitverbreitete und langanhaltende Arbeitslosigkeit, für die Herausbildung einer solchen Identität eine Rolle. 24 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler Eine weitere, für die Folgen und Bewertungen der deutschen Einheit relevante, großangelegte Studie ist die Sächsische Längsschnittstudie, die seit 1987, also bereits vor Wende und Wiedervereinigung, eine Gruppe damals 14-Jähriger begleitet und mittlerweile zum 31.  Mal zu politischen Einstellungen und psychosozialen Themen und Aspekten befragt (siehe auch Berth et al., 2020, im vorliegenden Band). Die Zahl der Teilnehmenden an der Studie schwankt von Erhebungswelle zu Erhebungswelle. Von den ursprünglich 1.407 Schüler_innen nahmen im letzten Jahr noch 322 Personen teil. Eine Fortsetzung ist geplant (siehe Berth et al., 2019). Auch wenn sich die Zahl der Teilnehmenden stark reduziert hat, bietet die Sächsische Längsschnittstudie durch ihr auf lange Zeiträume angelegtes Design die Möglichkeit, zeitliche Trends in der Bewertung der Vereinigung einer über die Jahre identischen Gruppe zu untersuchen und in Verbindung zu externen (sozial-)politischen Entwicklungen zu setzen. In Bezug zur Wiedervereinigung zeigt sich dabei eine durchweg hohe Zustimmung, die zwischen 71 % im Jahr  1991 und 91 % im Jahr  2015 schwankt. Nichtsdestotrotz sehen die Befragten den Prozess der Einheit noch nicht als abgeschlossen an. Auf die Frage, wie viele Jahre es noch dauern mag, bis die wirtschaftliche und innere Einheit erreicht wird, werden die von den Befragten angegebenen Zeiträume seit 1990 kontinuierlich länger (ebd.). Auch die eigene Identität als Bürger_in der ehemaligen DDR sieht die Mehrheit der Teilnehmenden als gegeben; 2016 stimmten knapp 92 % der entsprechenden Aussage etwas oder vollkommen zu: »Ich fühle mich als BürgerIn [sic!] der ehemaligen DDR« (ebd.). Darüber hinaus wird in der Sächsischen Längsschnittstudie auch die Selbsteinschätzung als Gewinner_in oder Verlierer_in der Einheit regelmäßig erfragt. Hier zeigt sich ein interessantes Bild: Weibliche Befragte schätzen sich grundsätzlich weniger häufig als Gewinner_innen ein als die männlichen Befragten. Ostdeutsche Frauen sehen sich in ihrer Position seit der Wiedervereinigung somit eher geschwächt. Insgesamt ist jedoch ein positiver Trend bei beiden Geschlechtern zu verzeichnen: Während sich 2005 lediglich 32,2 % der Frauen und 57,8 % der Männer als Gewinner_innen der Einheit einstuften, sind es 2017/18 66,0 % der Frauen und 80,7 % der Männer. Neben dem Geschlecht fanden sich in Abhängigkeit vom Messzeitpunkt auch verschiedene andere Einflussfaktoren auf eine negative Bewertung der Einheit, die auch in der vorliegenden Studie Berücksichtigung finden werden (siehe Abschn. 3.3). Die Wahrnehmung als Verlierer_in der Einheit hatte ihrerseits Auswirkungen auf viele private und 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 25 Die Mauer in den Köpfen politische Lebensbereiche, u. a. auf die eigene Wahrnehmung als Bundesbürger_in – ein wichtiger Indikator für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zwischen den beiden Teilen Deutschlands (vgl. Berth et al., 2014; Berth et al., 2019). Auch wenn diese Analysen Anhaltspunkte für mögliche zeitliche Trends sowie Einflussfaktoren auf die Bewertung der deutschen Einheit geben, liegt der Fokus der Sächsischen Längsschnittstudie wie auch derjenige der Monitore der Landesregierungen ausschließlich auf der Sichtweise der Bürger_innen der neuen Bundesländer. Faus und Storks setzen in ihrer Studie für die Otto Brenner Stiftung die westdeutsche Perspektive mit der ostdeutschen in Beziehung. In einer Befragung der Nachwendegeneration konnten die Autoren zeigen, dass 74 % der westdeutschen und 61 % der ostdeutschen Teilnehmenden die Wiedervereinigung insgesamt als gelungen empfinden (Faus & Storks, 2019). Es zeigten sich jedoch immer noch Unterschiede in der Wahrnehmung der wirtschaftlichen Situation und in den Einstellungen zu Politik und Gesellschaft. Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist es deshalb, im Zeitverlauf zu betrachten, wie die Auswirkungen der Wiedervereinigung sowohl für die alten wie auch für die neuen Bundesländer bewertet werden. Dabei soll analysiert werden, ob sich die Annäherungstendenzen, die auf wirtschaftlich-struktureller Ebene zu vermerken sind, auch auf der Einstellungsebene und in den Wahrnehmungen der Bewohner_innen niederschlagen. Es soll nicht nur darauf eingegangen werden, wie die Nachwirkungen der Vereinigung für den je eigenen Teil Deutschlands bewertet werden, sondern vor allem auch, wie die Entwicklung im je anderen Teil gesehen wird. Um den Prozess der Annäherung nachverfolgen zu können, ist es in diesem Kontext außerdem von Interesse, als wie fremd die Bewohner_innen des je anderen Teil Deutschlands gesehen werden. Dies dient als Hauptindikator für den wahrgenommenen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ein besonderes Augenmerk gilt neben dem Zeitverlauf auch den verschiedenen Alterskohorten. Es wird dabei die Fragestellung untersucht, ob zusätzlich zum zeitlichen Effekt über verschiedene Messzeitpunkte hinweg ein Kohorteneffekt in den Einstellungen der Befragten vorliegt. Die Ergebnisse der Studie der Nachwendegeneration von Faus und Storks (2019) sollen so um weitere Generationen ergänzt werden und einen Vergleich zwischen diesen ermöglichen. Annäherungstendenzen in den jüngeren Generationen würden dabei für eine positive Entwicklung der Transformationsprozesse in der Folge der Wiedervereinigung sprechen. 26 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler 2 Methode Der vorliegende Beitrag zielt auf eine Analyse konstanter und variabler Aspekte bestehender Einstellungsunterschiede in der ost- und westdeutschen Bevölkerung, die durch eine Auswertung der Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) realisiert wird. Durch eine differenzierte Betrachtung verschiedener Alterskohorten zu unterschiedlichen Messzeitpunkten kann nicht nur ein detailliertes Bild der jeweils bestehenden Unterschiede geschaffen werden; es wird außerdem verdeutlicht, in welche Richtung sich die jeweiligen Geburtenjahrgänge in den letzten 30 Jahren entwickelt haben. Diese umfassende Bestandsaufnahme verschiedener Einstellungen im Osten und Westen kann bisher unbekannte Trends offenlegen und somit als fundierte Grundlage für spätere Bedingungsanalysen gesehen werden. 2.1 Datengrundlage und Vorgehen Grundlage der Untersuchung bilden, wie erwähnt, Daten der ALLBUS, die 1980 erstmalig durchgeführt wurde. Das Vorhaben wurde zunächst von der DFG in Form von Einzelanträgen gefördert und wird seit 1986 in Kooperation mit der Gesellschaft für Sozialwissenschaften (GESIS) realisiert (GESIS-Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, 2011, 2012, 2014 und 2019). In dieser Umfrage, die alle zwei Jahre stattfindet, werden erwachsene Personen ab 18 Jahren mit Wohnsitz in Deutschland zu ihren Einstellungen interviewt. Die Interviews fanden mündlich-persönlich, zunächst in Form von klassischen Papierfragebögen, dann als computergestützte Befragungen mit dem Laptop statt. Dabei sind die Themen größtenteils politischer und soziologischer, teilweise psychologischer Natur. Oft werden auch Fragen zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen aufgenommen. Die Auswahl der Befragten erfolgte zunächst mithilfe mehrstufiger Auswahlverfahren, sodass ein Höchstmaß an Zufälligkeit der Stichprobenziehung und damit auch an Repräsentativität der Stichprobe zu erwarten ist. Durch den langen Erhebungszeitraum und die sorgfältige Durchführung der Befragung unter Verwendung ähnlicher oder gleicher Items sind mit der ALLBUS Zeitreihen entstanden, die Vergleiche über lange Zeiträume ermöglichen und sich deswegen in besonderem Maße für empirische Sozial- und Einstellungsforschung eignen. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 27 Die Mauer in den Köpfen In der vorliegenden Untersuchung wurden Daten von vier verschiedenen Messzeitpunkten aus den letzten 30 Jahren (1991, 2000, 2010 und 2018) ausgewertet, um den Verlauf von Einstellungsunterschieden nachzuvollziehen. Da nicht alle Items zu allen Zeitpunkten erhoben wurden, war eine einheitliche Auswahl der Intervalle der auszuwertenden Messungen nicht immer möglich. Es wurde jedoch ein möglichst gleichmäßiger Abstand angestrebt. Außerdem wurden acht Alterskohorten nach Geburtenjahrgängen im Zehnjahresabstand gebildet (bis 1930, 1931–1940, 1941–1950, 1951– 1960, 1961–1970, 1971–1980, 1981–1989 und nach 1989), um Unterschiede in verschiedenen Geburtenjahrgängen aufzudecken. Auf diese Weise können Unterschiede zu einzelnen Messzeitpunkten sowie Verläufe über die Zeit hinweg analysiert werden. Folgende drei Fragebogenitems wurden für die Analyse berücksichtigt: 1. Einstellung zum jeweils anderen Teil Deutschlands: Dies wird durch das Item »Die Bürger im anderen Teil Deutschlands sind mir in Vielem fremder als die Bürger anderer Staaten« operationalisiert. 2. Einstellung zur Wiedervereinigung: Hier werden die beiden Items a. »Die Wiedervereinigung hat für die Bürger in den alten Bundesländern mehr Vorteile als Nachteile gebracht« und b. »Die Wiedervereinigung hat für die Bürger in den neuen Bundesländern mehr Vorteile als Nachteile gebracht« untersucht. Alle drei Items werden von den Befragten auf einer vierstufigen Skala von »stimme gar nicht« zu bis »stimme voll zu« beantwortet. Auf diese Weise können Unterschiede in der Zustimmungsrate abgebildet werden. Darüber hinaus erfolgt eine statistische Signifikanzprüfung anhand von Mittelwertsvergleichen. Da es sich bei der Stichprobe um einen vergleichsweise großen Datensatz handelt, ist es aus verschiedenen statistischen Gründen nicht ungewöhnlich, dass auch kleine Unterschiede in den Zustimmungswerten zu einem signifikanten Ergebnis führen. Aufgrund dieses Sachverhaltes sowie zur Erhöhung der Vergleichbarkeit werden in der Auswertung zusätzlich zur Signifikanz zwei weitere Maße berücksichtigt, die eine Unterscheidung zwischen kleinen, mittleren und großen Effekten ermöglichen: die Effektstärke Cohens d und das partielle η². Beide Größen erlauben Rückschlüsse auf die Bedeutsamkeit und die 28 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler Relevanz der beobachteten Unterschiede. Dabei wird nach Cohen (1988) von einem kleinen Effekt gesprochen, wenn d über 0,2 liegt. Bei Werten ab 0,5 spricht man von mittleren Effekten, während Werte ab 0,8 als große Effekte interpretiert werden. Für das partielle η² gelten Werte ab 0,01 als kleiner Effekt, ab 0,06 wird von einem mittleren Effekt ausgegangen und Werte über 0,14 gelten als großer Effekt. In einem letzten Schritt wird der Einfluss sozio-demografischer Daten wie Geschlecht, Bildungsgrad und Gemeindegröße analysiert. Um zu verhindern, dass die festgestellten Unterschiede gar keinen Ost-West-Effekt messen, sondern z. B. einen Alters-, Geschlechts- oder Bildungseffekt, müssen diese Möglichkeiten statistisch kontrolliert werden. Im Sinne einer kritischen Überprüfung wird durch eine Kontrolle dieser Variablen erkennbar, ob die beobachteten Unterschiede und ihre jeweiligen Effektstärken bestehen bleiben und tatsächlich auf Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen zurückgeführt werden können – oder ob andere Strukturvariablen einen maßgeblichen Beitrag zur Erklärung von Einstellungsunterschieden leisten. Denn die genannten maßgeblichen Strukturvariablen in den alten und neuen Bundesländern sind bekanntermaßen – wie in Abschnitt 1 erläutert – unterschiedlich verteilt. 2.2 Stichprobe Zu den vier Messzeitpunkten nahmen insgesamt 11.561 Personen an der Befragung teil. Damit handelt es sich um einen der größten Datensätze, der bisher zu dieser Fragestellung ausgewertet wurde. Da die Fragen einzeln ausgewertet wurden, konnten nur die Personen berücksichtigt werden, die mindestens eines der relevanten Items beantwortet hatten. 191 Personen mussten aufgrund fehlender Werte von der Auswertung ausgeschlossen werden, da sie keine der Fragen beantwortet hatten. Somit ergab sich für die Hauptanalyse eine Gesamtstichprobengröße von 11.370 (siehe Tab.  1). Für die Analysen wurden immer all jene Personen berücksichtigt, die die jeweilige Fragestellung bearbeitet hatten. Alle Prozentangaben im Ergebnisteil beziehen sich demnach auf die gültigen Antworten. Über die Erhebungszeitpunkte hinweg schwankte die Zahl der Teilnehmenden zwischen 2.160 im Jahr 2000 und 3.392 im Jahr 2018. Dabei hatten insgesamt 7.131 Personen (62,7 %) ihren Wohnsitz in den alten und 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 29 Die Mauer in den Köpfen 4.239 Personen (37,3 %) in den neuen Bundesländern. Die Bevölkerung der ostdeutschen Bundesländer ist somit überrepräsentiert.2 Dies stellt eine der Stärken des Datensatzes dar, da die hohe Fallzahl genutzt werden kann, um besonders aussagekräftige Ergebnisse auch für die ostdeutsche Bevölkerung zu erzielen. Tabelle 1: Anzahl der Befragten aus Ost- und Westdeutschland zu den einzelnen Messzeitpunkten Gesamt Ost West Messzeitpunkt 11.370 100 % 4.239 37,3 % 7.131 62,7 % 1991 3.037 100 % 1.536 50,6 % 1.501 49,4 % 2000 2.160 100 % 767 35,5 % 1.393 64,5 % 2010 2.781 100 % 864 31,1 % 1.917 68,9 % 2018 3.392 100 % 1.072 31,6 % 2.320 68,4 % Tabelle 2: Verteilung der Alterskohorten in der ost- und westdeutschen Bevölkerung Geburtskohorten Gesamt Ost West bis 1930 1.099 9,7 % 463 10,9 % 636 8,9 % 1931 bis 1940 1.464 12,9 % 617 14,6 % 847 11,9 % 1941 bis 1950 1.727 15,2 % 690 16,3 % 1.037 14,5 % 1951 bis 1960 2.243 19,7 % 941 22,2 % 1.302 18,3 % 1961 bis 1970 2.305 20,3 % 789 18,6 % 1.516 21,3 % 1971 bis 1980 1.222 10,7 % 368 8,7 % 854 12,0 % 1981 bis 1989 841 7,4 % 275 6,5 % 566 7,9 % nach 1989 451 4,0 % 95 2,2 % 359 5,0 % Keine Angabe 18 0,2 % 4 0,1 % 14 0,2 % 11.370 100 % 4.239 100 % 7.131 100 % 2 Laut Statistischem Bundesamt (2019b) lebten im Jahr 2018 ca. 80,5% der Bevölkerung in den alten Bundesländern, während es in den neuen Bundesländern entsprechend weniger als 20% waren. 30 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler Die Analyse der sozio-demografischen Daten ergab, dass 51,0 % der Befragten weiblich waren, der Rest war männlich. Das mittlere Alter über alle Befragungen hinweg betrug 48,77 Jahre, wobei das Durchschnittsalter bei den späteren Messzeitpunkten ebenso wie das Durchschnittsalter der Gesamtbevölkerung in Deutschland (2018: 44,4 Jahre) zunahm, jedoch insgesamt aufgrund des Befragungsalters ab 18 Jahren leicht über diesem lag (Statistisches Bundesamt, 2019a). Die Alters- und Geschlechtsverteilungen der ost- und westdeutschen Bevölkerung waren jeweils annähernd identisch, und auch innerhalb der Geburtskohorten ergab sich eine ähnliche Verteilung zwischen ost- und westdeutschen Bundesländern (Tab. 2). Die Geburtenjahrgänge 1951–1960 und 1961–1970 waren mit jeweils über 2.500 Befragten insgesamt am häufigsten vertreten, während die jüngeren Generationen ab 1981 am wenigsten häufig befragt wurden. 2.3 Annahmen und Hypothesen 2.3.1 Fremdheitsempfinden Das Fremdheitsempfinden gegenüber dem je anderen Teil Deutschlands wurde als Indikator für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt herangezogen. Das Augenmerk lag bei den zu überprüfenden Annahmen weniger auf den Ost-West-Unterschieden als vielmehr auf den Unterschieden zwischen den einzelnen Erhebungszeitpunkten sowie den möglichen Differenzen zwischen den Geburtenjahrgängen. Folgende Hypothesen wurden getestet: 1. Das Erleben der Bewohner_innen des jeweils anderen Teils Deutschlands als fremd ist zum ersten Erhebungszeitpunkt am größten und zeigt dann eine rückläufige Tendenz. Mit der Zeit wird die ehemalige Spaltung Deutschlands – und mit ihr die Kategorien »ostdeutsch« und »westdeutsch« – für die Menschen also immer weniger wichtig. 2. Über alle Messzeitpunkte hinweg empfinden die älteren Geburtenjahrgänge, die die Teilung Deutschlands aktiv miterlebt haben, den je anderen Teil Deutschlands als fremder als die Kohorten, die die Teilung Deutschlands nicht selbst miterlebt haben. Je jünger die Kohorten, desto geringer das Fremdheitsempfinden – es ist maßgeblich die junge Generation, für die die Spaltung und die Kategorien »Ost« und »West« an Relevanz verlieren. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 31 Die Mauer in den Köpfen Können diese Hypothesen bestätigt werden, so spräche dies für einen wachsenden gesellschaftlichen Zusammenhalt der beiden deutschen Gebiete, der maßgeblich durch die jüngere Generation mitbestimmt wird. Dies könnte als positives Zeichen für die Entwicklung der Demokratie in Deutschland gewertet werden. 2.3.2 Bewertung der Wiedervereinigung In Bezug auf die Bewertung der Wiedervereinigung galt es auf der Basis der bisherigen Studienlage folgende Annahmen zu überprüfen: Zum einen sind Differenzen zwischen Fremd- und Selbsteinschätzung der Wiedervereinigung infolge des Wohngebietes (Ost- oder Westdeutschland) zu erwarten. Auf die Frage, ob die Wiedervereinigung dem Osten bzw. dem Westen mehr Vor- als Nachteile gebracht hat, wird in Bezug auf die Zustimmung erwartet, dass die Befragten die Vorteile für das eigene Wohngebiet geringer einschätzen, als dies die Bewohner_innen des je anderen Wohngebietes tun. Daraus ergeben sich die ersten beiden Hypothesen, die Ost- und Westdeutsche miteinander vergleichen: 1. Die Bewohner_innen der ost- im Vergleich zu den westdeutschen Bundesländern stimmen weniger stark zu, dass die Wiedervereinigung für den Osten mehr Vorteile als Nachteile gebracht hat. Die Vorteile der Wiedervereinigung für den Osten werden im Osten also weniger gesehen als im Westen. 2. Im Gegenzug stimmen die Bewohner_innen Westdeutschlands im Vergleich zu denen Ostdeutschlands weniger stark zu, dass die Wiedervereinigung für den Westen mehr Vor- als Nachteile gebracht hat. Die Vorteile der Wiedervereinigung für den Westen werden im Westen also weniger gesehen als im Osten. Darüber hinaus ist anzunehmen, dass die Wiedervereinigungsbewertung für den eigenen Teil schlechter ausfällt als für den anderen Teil Deutschlands. Folgende zwei Hypothesen leiten sich daraus ab: 1. Die ostdeutsche Bevölkerung bewertet die Vorteile der Wiedervereinigung für die westdeutschen Bundesländer im Mittel als größer als die Vorteile für die ostdeutschen Bundesländer. 2. Die westdeutsche Bevölkerung bewertet im Gegenzug die Vorteile der Wiedervereinigung für die ostdeutschen Bundesländer im Mittel als größer als für die westdeutschen Bundesländer. 32 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler Diese vier Hypothesen greifen vielfach konstatierte Brüche zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen auf. Werden die Vorteile für die eigene Gruppe tatsächlich weniger gesehen als für die je andere, stellt dies ein starkes Indiz nicht nur für immer noch wahrgenommene Unterschiede, sondern vor allem auch für eine wahrgenommene soziale Benachteiligung dar. Soziale Gerechtigkeit und die Vergleichbarkeit der Lebensverhältnisse, zwei Grundvoraussetzungen für demokratischen Zusammenhalt, wären somit in den Augen der Bürger_innen beider deutschen Gebiete noch nicht erreicht. Einige Analysen des ALLBUS-Datensatzes zu einzelnen Erhebungszeitpunkten, zuletzt Ragnitz (2019), konnten die vier Hypothesen zur Bewertung der Wiedervereinigung der Tendenz nach bestätigen. Die zeitlichen Effekte auf diese Einstellungsdimensionen wurden bisher jedoch noch nie anhand eines derart großen Datensatzes differenziert analysiert. Deshalb geht es in der vorliegenden Untersuchung auch darum, Effekte zwischen den Erhebungszeitpunkten sowie zwischen den betrachteten Kohorten aufzudecken. Dafür wurden die folgenden Annahmen getestet: 1. Die Gruppenunterschiede zwischen ostdeutscher und westdeutscher Bevölkerung in Bezug auf die Bewertung der Wiedervereinigung sind kurz nach der Wende (zum ersten Messzeitpunkt) am höchsten und zeigen dann eine rückläufige Tendenz. Ost- und Westdeutschland nähern sich, so die Annahme, mit der Zeit in der Bewertung der Wiedervereinigung also an. 2. Über alle Erhebungszeitpunkte hinweg zeigen die älteren Geburtenjahrgänge größere Differenzen in der Bewertung der Wiedervereinigung als jüngere Kohorten. Es ist maßgeblich die junge Generation, die zur Annäherung beiträgt. Eine Bestätigung dieser Annahmen würde die erwarteten Ergebnisse und vielfach konstatierten wahrgenommenen Unterschiede zwischen ost- und westdeutscher Bevölkerung relativieren. Sie würden auf ein stetiges Zusammenwachsen der beiden deutschen Gebiete hindeuten, angetrieben von den jungen Generationen, die zu wichtigen Stimmen in der Gesellschaft heranwachsen. 2.3.3 Sozio-demografische und subjektive Einflussfaktoren Wie in Abschnitt 1 gezeigt werden konnte, unterscheidet sich die ost- und westdeutsche Bevölkerung in vielen strukturellen Aspekten. Berth und 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 33 Die Mauer in den Köpfen Kolleg_innen (2014; 2019) konnten demonstrieren, dass solche Strukturmerkmale, allen voran das Geschlecht, maßgeblichen Einfluss auf die Bewertung der Wiedervereinigung nehmen können. Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (Belitz et al., 2019) konnte außerdem zeigen, dass zumindest in der Produktivität die Unterschiede zwischen Stadt und Land maßgeblicher sind als die zwischen Ost- und Westdeutschland. Es ist durchaus denkbar, dass dieser Aspekt auch einen Einfluss auf Einstellungen hat, und die Bewertung der Wiedervereinigung in ländlichen, strukturschwächeren Regionen deshalb schlechter ausfällt als in urbanen Gebieten. Ein weiterer relevanter Aspekt könnte der Bildungsstatus sein. Dieser übt bekanntermaßen einen entscheidenden Einfluss auf viele Bereiche soziopolitischer Einstellungen aus, insbesondere im Bereich der Vorurteilsbildung (Hopf, 1991, 1999; Rippl, 2006), und könnte deshalb auch in der Selbst- und Fremdbeurteilung der Wiedervereinigung sowie dem Fremdheitsempfinden gegenüber dem je anderen Teil Deutschlands relevant werden. In einem weiteren Untersuchungsschritt wurden deshalb diese drei objektiven sozioökonomischen Faktoren, Geschlecht, Ortsgröße und Bildungshintergrund, als Kovariate in die Analyse aufgenommen, und damit ihr Einfluss auf die Einstellungen zur Wiedervereinigung und das Fremdheitsempfinden analysiert. Damit wurde überprüft, ob sich der Ost-West-Haupteffekt, also die Größe des beobachteten Unterschiedes, durch die Berücksichtigung dieser Variablen verändert, um sicherzustellen, dass es sich bei den beobachteten Unterschieden tatsächlich um Ost-West-Effekte, und nicht etwa um Geschlechts-, Bildungs- oder Gemeindegrößeneffekte handelt. Neben diesen objektiven Faktoren konnte gezeigt werden, dass besonders auch subjektive wirtschaftspolitische Einschätzungen einen Einfluss auf sozialpolitische Einstellungsaspekte ausüben. Als relevante Bereiche wurden deshalb in einem zweiten Schritt die individuelle, subjektive Wirtschaftslage der Befragten, die eigene Schichteinstufung, das politische Interesse und die politische Selbsteinschätzung als rechts oder links kontrolliert.3 3 Die subjektive Wirtschaftslage wurde auf einer fünfstufigen Skala von »sehr gut« bis »sehr schlecht« durch die Frage »Wie beurteilen Sie Ihre eigene wirtschaftliche Lage heute?« erfasst. Die Schichteinstufung wurde durch die Frage »Es wird heute viel über die verschiedenen Bevölkerungsschichten gesprochen. Welcher Schicht rechnen Sie sich selbst eher zu?« erfasst. Die Antwortkategorien waren Unterschicht, Arbeiterschicht, Mittelschicht, obere Mittelschicht und Oberschicht. 34 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler 3 Ergebnisse 3.1 Wir kommen uns immer näher Das Fremdheitsempfinden gegenüber den Bewohner_innen des je anderen Teil Deutschlands stellt als Indikator für demokratischen Zusammenhalt einen zentralen Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit dar. Ein großes Fremdheitsempfinden zwischen den beiden Gruppen würde dabei für große wahrgenommene Differenzen und eine fehlende soziale Kohäsion sprechen. Die vorab formulierten Hypothesen konnten nur teilweise bestätigt werden. Wie erwartet, konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen der ost- und westdeutschen Bevölkerung gefunden werden; 21,2 % der Westdeutschen und 21,6 % der Ostdeutschen gaben an, dass ihnen die Bürger_innen des je anderen Teil Deutschlands fremder seien als die Bürger_innen anderer Staaten. Unter Berücksichtigung dieser recht drastischen Formulierung der Fragestellung muss diese Zustimmungsrate als hoch eingestuft werden – immerhin jede_r Fünfte stimmte zu. In Abbildung 1 ist die prozentuale Zustimmung der beiden Gruppen zu den einzelnen Messzeitpunkten abgetragen. Es ergibt sich das erwartete Bild; die Zustimmung ist über die Jahre hinweg rückläufig. Es lässt sich ein Einbruch des Fremdheitsempfindens zwischen den Jahren 2000 und 2010 verzeichnen. Während die Zustimmung im Jahr 2000 noch bei 26,8 % lag, sank sie im Jahr 2010 auf 19,2 % ab. Dabei lässt sich zeigen, dass sich die beiden früheren Erhebungsjahre tatsächlich signifikant von den beiden späteren unterscheiden und auf nicht zufällige Schwankungen zurückzuführen sind. Zwischen den Jahren 1991 und 2000 sowie den Jahren 2010 und 2018 konnte jedoch kein Unterschied ermittelt werden. Mit anderen Worten: Der Rückgang in der Zustimmung zu dieser Aussage des Fremdheitsempfindens fand besonders in den Jahren zwischen 2000 und 2010 statt. Insgesamt ist die Stärke dieses Effektes jedoch als gering einzustufen (η² = 0,010). Bemerkenswerterweise lässt sich, entgegen der Erwartung, auch in Bezug auf die Geburtskohorten kein signifikanter Unterschied feststellen. Dies widerlegt die Hypothese, dass die älteren Generationen die Bewohner_innen des anderen Teils als fremder wahrnehmen als die jüngeren Generationen. Das aktive Miterleben der Teilung Deutschlands sowie der darauffolgenden Prozesse der Wiedervereinigung prägt das Fremdheitserleben 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 35 Die Mauer in den Köpfen im Gegensatz zum reinen zeitlichen Abstand demnach nicht in relevantem Maße mit. Dies könnte aber auch ein Hinweis sein, dass aktuelle politische Entwicklungen für den demokratischen Zusammenhalt als wichtiger einzustufen sind als Generationeneffekte. Zuletzt wurde der Einfluss der verschiedenen sozio-demografischen und subjektiven Einflussfaktoren auf das Fremdheitserleben untersucht. Da sich in der vorliegenden Untersuchung keine Ost-West-Unterschiede fanden, ist es umso interessanter, welche Faktoren darüber hinaus für diese Bewertung bedeutsam sind. Bei den objektiven Strukturmerkmalen zeigen Geschlecht, Ortsgröße und Bildungsstand einen signifikanten, jedoch nur marginalen bis kleinen Effekt. Männliche Befragte mit niedrigerem Bildungsstand aus ländlichen Regionen bewerteten die Bewohner_innen des je anderen Teils Deutschlands tendenziell als fremder, wobei der Effekt der Bildung zwar am größten ausfiel, jedoch immer noch als klein einzustufen ist (η² = 0,011). Abbildung 1: Prozentuale Zustimmung zum Item »Die Bürger des anderen Teils Deutschlands sind mir in vielem fremder als die Bürger anderer Staaten« in Ost- und Westdeutschland zu den verschiedenen Messzeitpunkten (Es handelt sich hier um die gültigen Prozentwerte [vgl. aggregierter Datensatz des ALLBUS 1991, 2000, 2010 und 2018 (GESIS, 2011, 2012, 2014 und 2019)] [N = 10.859]). 36 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler Auch im Bereich der subjektiven Einflussfaktoren leisteten alle betrachteten Größen einen signifikanten, jedoch sehr kleinen Beitrag zur Erklärung der Unterschiede im Fremdheitsempfinden. Tendenziell erleben besonders solche Personen die Bewohner_innen des je anderen Teils Deutschlands als fremd, die ihre eigene Wirtschaftslage als schlechter, ihr politisches Interesse als geringer und ihre eigene Schichtzugehörigkeit als niedriger einschätzen. Politisch sehen sich diese Personen tendenziell eher als linksgerichtet. Alle Effektstärken sind als marginal einzustufen. Unabhängig vom aktuellen Wohnort und vom Geburtenjahrgang wachsen die beiden Teile Deutschlands im Erleben der Bewohner_innen demnach stetig zusammen. Auch heute, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, ist das Fremdheitserleben jedoch als hoch einzustufen. Neben der zeitlichen Distanz zur Wiedervereinigung wirkt sich der Bildungsstand der Befragten am stärksten auf das Fremdheitserleben aus. Um den demokratischen Zusammenhalt in Deutschland weiter zu fördern, ist es daher naheliegend, über Bildungsarbeit den innerdeutschen Austausch zu fördern und das Verständnis für die Geschichte und Auswirkungen der deutschen Teilung zu stärken. 3.2 Selbst- und Fremdeinschätzung der Vorteile der Wiedervereinigung Neben dem Fremdheitserleben des je anderen Teil Deutschlands wurde die Bewertung der Wiedervereinigung als zentrales Maß der empfundenen sozialen Kohäsion herangezogen. Tabelle 3 gibt einen Überblick über die prozentuale Zustimmung der Bewohner_innen der alten und neuen Bundesländer zu den Vorteilen der Wiedervereinigung für die jeweiligen Regionen. In den folgenden Abschnitten wird zunächst auf die Einschätzung der Vorteile für die neuen Bundesländer durch die ost- und westdeutsche Bevölkerung eingegangen (Zeile  1). Danach werden die Ergebnisse aus Zeile  2, also die unterschiedlichen Blickwinkel auf die Vorteile für die alten Bundesländer analysiert. Zuletzt erfolgt eine Analyse der Selbst- im Vergleich zur Fremdeinschätzung (Spalte 1 und 2), bei der die Frage im Mittelpunkt steht, welche der beiden Gruppen sich selbst im Vergleich zur je anderen Gruppe im Nachteil sieht. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 37 Die Mauer in den Köpfen Tabelle 3: Prozentuale Zustimmung zu den beiden Fragen nach den Vorteilen der Wiedervereinigung für die alten und neuen Bundesländer nach Erhebungsgebiet Ost West Die Wiedervereinigung hat für die Bürger in den neuen Bundesländern mehr Vorteile als Nachteile gebracht 53,6 % 81,6 % Die Wiedervereinigung hat für die Bürger in den alten Bundesländern mehr Vorteile als Nachteile gebracht 74,5 % 40,7 % Quelle: aggregierter Datensatz des ALLBUS 1991, 2000, 2010 und 2018 3.2.1 Der Osten profitiert mehr Betrachtet man die Bewertung der Vor- und Nachteile der Wiedervereinigung für die neuen Bundesländer aufgeteilt nach dem jeweiligen Erhebungsgebiet in Ost- oder Westdeutschland (Tab. 3, Zeile 1) ergibt sich das prognostizierte Bild. Über alle Erhebungszeitpunkte hinweg stimmt die ostdeutsche Bevölkerung der Aussage, dass die Wiedervereinigung für die neuen Bundesländer mehr Vor- als Nachteile bedeutete, in 53,6 % der Fälle zu. Innerhalb der westdeutschen Bevölkerung lag die Zustimmung sogar bei 81,6 % – deutlich mehr West- als Ostdeutsche denken also, dass der Osten von der Wiedervereinigung profitiert hat. Damit ergibt sich, wie erwartet, eine deutlich positivere Fremd- als Eigenbewertung. Die Unterschiede in der Bewertung der Vorteile für die neuen Bundesländer in der ostdeutschen und westdeutschen Bevölkerung können inferenzstatistisch insgesamt als bedeutsam eingestuft werden. Betrachtet man lediglich die Unterschiede der beiden Wohngebiete, ergibt sich ein mittlerer Effekt (η² = 0,107). Abbildung  2 trägt die prozentuale Zustimmung der beiden Gruppen zu den unterschiedlichen Erhebungszeitpunkten ab. Inferenzstatistisch ergibt sich in den Jahren 1991 und 2000 jeweils ein mittelgradiger Gruppeneffekt (η² = 0,128). Hier unterscheidet sich die westdeutsche Einschätzung also besonders stark von der Ostdeutschen. Im Jahr 2000 ist eine sprunghafte Annäherung der Bewertungen zu verzeichnen. Schließlich schlägt der Effekt im Jahr 2018 nur noch schwach zu Buche (η² = 0,047). Prozentual lässt sich dieser Effekt der Tendenz nach weiter untersuchen. Auch deskriptiv zeigt sich in der ostdeutschen Bevölkerung der größte Bewertungsunterschied zwischen 1991 und 2000. Die Zustimmung zur Aus- 38 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler sage, dass »die Wiedervereinigung für die Bürger der neuen Bundesländer mehr Vorteile als Nachteile gebracht hat« erhöht sich hier von 37,9 % auf 59,6 %. In den folgenden Jahren nimmt die Zustimmungsrate zwar weiter zu, aber selbst im Jahr 2018 sehen nur knapp zwei Drittel der befragten Bewohner_innen der neuen Bundesländer mehr Vor- als Nachteile in der Wiedervereinigung. Dies zeigt zweierlei: Einerseits wird deutlich, dass unmittelbar nach dem Zusammenbruch der DDR kaum ein_e Ostdeutsche_r an positive Folgen der Wiedervereinigung glaubte; mit der Zeit ist diese Sicht aber zur Mehrheitsmeinung geworden. Andererseits gibt auch heute noch grob ein Drittel der ostdeutschen Bevölkerung an, dieser Aussage nicht zuzustimmen – ein deutliches Zeichen gegen allzu positive Einschätzungen über das Zusammenwachsen der deutschen Gesellschaft. Auch in der westdeutschen Bevölkerung zeichnen sich Unterschiede zwischen den Erhebungszeitpunkten ab. Während die Zustimmung zwischen 1991 und 2000 ansteigt (von 71,7 % auf 86,1 %), ist die Rate seither leicht rückläufig und liegt 2018 bei 82,5 %. Westdeutsche hatten demnach auch kurz nach der Wende schon positivere Ansichten als Ostdeutsche auf die Frage der Vorteile für den Osten und behielten diese auch weitestgehend bei. Abbildung 2: Prozentuale Zustimmung zum Item »Die Wiedervereinigung hat für die Bürger der neuen Bundesländer mehr Vorteile als Nachteile gebracht« in Ost- bzw. Westdeutschland zu den verschiedenen Messzeitpunkten (Quelle: aggregierter Datensatz des ALLBUS 1991, 2000, 2010 und 2018 [GESIS, 2011, 2012, 2014 und 2019]; N = 10.861) 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 Die Mauer in den Köpfen Die separate Analyse der Geburtenjahrgänge ermöglicht eine weitere Spezifikation dieser Annäherungstendenz. Abbildung 3 gibt die prozentuale Zustimmung der jeweiligen Geburtenjahrgänge in Ost- bzw. Westdeutschland an. Auch hier ergibt sich das vorhergesagte Bild: Insgesamt bestehen die größten Unterschiede in den älteren Generationen; sie verringern sich, mit leichten Schwankungen, stetig bei jüngeren Jahrgängen. Die Tendenz spiegelt sich im Effektstärkemaß η² wider; zwar finden sich in allen Jahrgängen signifikante Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, die Effektstärke nimmt jedoch kontinuierlich ab.4 Die Vorteile der Wiedervereinigung für die neuen Bundesländer werden demnach auch von der Nachwendegeneration der Bewohner_innen der beiden Gebiete unterschiedlich beurteilt. Nach Aufnahme der Variablen Erhebungszeitpunkt und Geburtenjahrgang als Faktoren in das Modell reduziert sich die Stärke des Gruppeneffektes drastisch und kann nunmehr als klein bewertet werden (η² = 0,036). Diese deutliche Verringerung der Effektstärke spricht dafür, dass es besonders in der Bewertung der Vorteile für den Osten eine zeitliche Annäherungstendenz gegeben hat, die sowohl vom Messzeitpunkt als auch vom Geburtenjahrgang abhängt: Je größer der zeitliche Abstand zur Wiedervereinigung und je jünger die Befragten, desto ähnlicher beurteilt die ost- und westdeutsche Bevölkerung die Vorteile für die Bewohner_innen der neuen Bundesländer. Eine Analyse der sozio-demografischen Daten ergibt, dass sowohl Geschlecht als auch Bildungsabschluss bei der Bewertung der Vorteile durch die Wiedervereinigung für die neuen Bundesländer eine signifikante, aber marginale Rolle spielen. In Einklang mit den Ergebnissen der Sächsischen Längsschnittstudie sehen Männer und Personen mit einem höheren Bildungsabschluss in der Wiedervereinigung für die neuen Bundesländer mehr Vorteile. Die Gemeindegröße fällt als Einflussfaktor gar nicht ins Gewicht, womit auch ein Stadt-Land-Effekt ausgeschlossen werden kann. Insgesamt zeigt sich, dass der Effekt des Ost-West-Unterschiedes wesentlich bedeutsamer ist als Unterschiede in Geschlecht und Bildungsabschluss. Auch unter Berücksichtigung dieser Faktoren bleiben die entsprechenden Effektstärken mit minimalen Schwankungen erhalten. Die subjektiven Merkmale zeigen ebenfalls durchweg signifikante, 4 Die deskriptiv geringere Zustimmung der ostdeutschen Bevölkerung bei der jüngsten Geburtskohorte kann auf zufällige Schwankungen zurückgeführt werden. 40 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler jedoch insgesamt nur kleine Effekte. Befragte, die ein höheres politisches Interesse angeben und sich eher den höheren Schichten zuordnen, bewerten die Vorteile der Wiedervereinigung für den Osten in der Tendenz positiver, während Personen, die die eigene Wirtschaftslage als schlecht einschätzen und sich politisch eher links verorten, weniger Vorteile in der Wiedervereinigung für die ostdeutsche Bevölkerung sehen. Diese Ergebnisse sind besonders vor dem Hintergrund bemerkenswert, dass sich die subjektive Wirtschaftslage und politische Selbstverortung im Fall der Bewertung der Vorteile für die alten Bundesländer nicht als signifikante Einflussfaktoren herausstellen (s. Absch. 3.2.2). Bei der Bewertung der Vorteile der Wiedervereinigung für den Osten scheint es sich somit um ein stärker subjektiv und politisch aufgeladenes Thema zu handeln als im Fall der Einschätzung der Vorteile für den Westen. Außerdem könnte eine Verneinung der Vorteile der Wiedervereinigung für die ostdeutsche Bevölkerung bei den politisch eher Linksgerichteten als Indiz für eine gewisse Trauer um das verlorene sozialistische System und die damit einhergehenden sozialpolitischen Vorteile gewertet werden. Möglich wäre jedoch auch die Interpretation, dass wirtschaftliche und kulturelle Benachteiligungen – wie sie für das heutige Ostdeutschland gut doku- Abbildung 3: Prozentuale Zustimmung zu den Vorteilen der Wiedervereinigung für die neuen Bundesländer in Ost- und Westdeutschland bei den verschiedenen Geburtenjahrgängen (Quelle: aggregierter Datensatz des ALLBUS 1991, 2000, 2010 und 2018 [GESIS, 2011, 2012, 2014 und 2019]; N = 10.843) 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 41 Die Mauer in den Köpfen mentiert sind – von politisch links eingestellten Personen in besonderem Maße als Ausdruck eines gescheiterten Wiedervereinigungsprozesses gewertet werden. Bei der Bewertung der Vorteile der Wiedervereinigung für die neuen Bundesländer handelt es sich somit nach wie vor um ein politisch brisantes Thema, das ein nicht zu unterschätzendes Potenzial für gesellschaftliche Spaltungsprozesse aufweist. Die Ergebnisse zeigen jedoch auch, dass sich unter Berücksichtigung der zeitlichen Effekte eine klare Annäherungstendenz offenbart, die von den jüngeren Generationen maßgeblich mitgetragen wird und die Ost-West-Unterschiede drastisch verringert. 3.2.2 Die späte Einsicht des Westens Nun gilt es, die Bewertung der Wiedervereinigung für die alten Bundesländer im Detail zu untersuchen (Tab. 3, Zeile 2). Auch hier zeigen sich deskriptiv die prognostizierten Unterschiede. Interessanterweise fallen diese hier sogar noch größer aus als im Fall der neuen Bundesländer. Knapp 41 % der Bevölkerung Westdeutschlands stimmten über die Zeit hinweg der Aussage zu, dass die Wiedervereinigung für die alten Bundesländer mehr Vorteile als Nachteile gebracht hat. In der ostdeutschen Bevölkerung lag die Zustimmung entsprechend höher, bei 74,5 %. Dieser Unterschied spiegelt sich inferenzstatistisch auch in der Effektstärke wider. In der Auswertung nach Wohngebiet ergibt sich ein mittlerer Effekt (η² = 0,139). Abbildung 4 zeigt die prozentuale Zustimmung in der ost- und westdeutschen Bevölkerung zu den vier Erhebungszeitpunkten. Die vorhergesagte Tendenz tritt hier ebenfalls ein: In den Jahren  1991 und 2000 zeigt der Ost-West-Unterschied noch einen außerordentlich hohen Effekt (η² = 0,226 bzw. 0,215). Bemerkenswert ist an dieser Stelle der zeitgleiche drastische Rückgang der Effektstärke im Jahr 2010. Dieser Rückgang vom Jahr 2000 auf 2010 war bereits im Fremdheitsempfinden des je anderen Teils Deutschlands sowie in der Bewertung der Wiedervereinigung für die neuen Bundesländer zu verzeichnen. Dies spricht dafür, dass besonders dieser Zeitraum für das Zusammenwachsen der ost- und westdeutschen Bevölkerung bedeutsam ist. Hierfür kommen verschiedene externe Ereignisse als Erklärungsfaktoren infrage; besonders die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2006 sowie die überstandene Bankenkrise 2008 könnten zu einem stärkeren Gefühl des Zusammenhalts in der Gesellschaft geführt haben. 42 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler Die rückläufige Effektstärke lässt sich einerseits auf eine (späte) Verbesserung der Bewertung der Wiedervereinigung durch die westdeutsche Bevölkerung selbst zurückführen. In den Jahren 1991 bis 2010 sahen nur ungefähr ein Drittel der Befragten Westdeutschen in der Wiedervereinigung mehr Vor- als Nachteile für den Westen. Erst 2018 kam es zu einem sprunghaften Anstieg: 56,6 %, weit mehr als die Hälfte der westdeutschen Bevölkerung, stimmen nun zu. Bei den Bewohner_innen der neuen Bundesländer schwankt die Zustimmung nur leicht zwischen 64,9 % im Jahr 2010 und 77,7 % im Jahr  1991. Zuletzt konnte eine Zustimmungsrate von 77,1 % verzeichnet werden. Der Rückgang der Effektstärken erschließt sich andererseits, wie zuvor, durch eine Betrachtung der Geburtenjahrgänge: Abbildung 5 bildet die prozentuale Zustimmung in den jeweiligen Kohorten in Ost- und Westdeutschland ab. Während es in den älteren Generationen noch offensichtliche Unterschiede zwischen ostdeutscher und westdeutscher Bevölkerung gibt, wird sichtbar, dass diese für die Generationen ab 1981 kaum mehr ins Gewicht fallen. Dies zeigt sich inferenzstatistisch in den Abbildung 4: Prozentuale Zustimmung zum Item »Die Wiedervereinigung hat für die Bürger der alten Bundesländer mehr Vorteile als Nachteile gebracht« in Ost- bzw. Westdeutschland zu den verschiedenen Messzeitpunkten (Quelle: aggregierter Datensatz des ALLBUS 1991, 2000, 2010 und 2018 [GESIS, 2011, 2012, 2014 und 2019], N = 10.587) 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 43 Die Mauer in den Köpfen Effektstärken; in den Generationen bis 1940 ist der Effekt zwischen ostund westdeutscher Bevölkerung außerordentlich groß (η² beträgt jeweils über 0,2), in den Jahrgängen 1981 bis 1989 zeigt sich schließlich kaum noch ein Effekt (η² = 0,06). Die Generation nach 1989 weist gar keine signifikanten Ost-West-Unterschiede mehr auf; 69,7 % der ostdeutschen und 67,5 % der westdeutschen Bürger_innen sehen in der Wiedervereinigung für die alten Bundesländer mehr Vor- als Nachteile. Die späte Einsicht der westdeutschen Bevölkerung in die eigenen Vorteile durch die Wiedervereinigung kann demnach nicht nur auf die zeitliche Distanz zur Wiedervereinigung zurückgeführt werden. Auch die Stichprobenzusammensetzung des letzten Erhebungszeitpunktes ist für den Anstieg der Zustimmung mitverantwortlich: 2018 nimmt der Anteil der Angehörigen der »Nachwendegeneration« in der Stichprobe stark zu. Anscheinend bedurfte es in der westdeutschen Bevölkerung einer ganz neuen Generation ohne Teilungserfahrung, um die eigenen Vorteile in der Wiedervereinigung zu sehen. In Bezug auf den Einfluss sozio-demografischer Faktoren auf die Bewertung der Wiedervereinigung für die alten Bundesländer ergibt sich dasselbe Bild wie zuvor: Geschlecht und Bildungsabschluss bilden signifi- Abbildung 5: Mittlere Zustimmung zu den Vorteilen der Wiedervereinigung für die alten Bundesländer in Ost- und Westdeutschland in den verschiedenen Geburtenjahrgängen (Quelle: aggregierter Datensatz des ALLBUS 1991, 2000, 2010 und 2018 [GESIS, 2011, 2012, 2014 und 2019]; N = 10.570) 44 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler kante, aber marginale Einflussgrößen, die die gleiche Tendenz wie zuvor aufweisen; Männer und Personen mit höherem Bildungsabschluss sehen mehr Vorteile der Wiedervereinigung für die westdeutschen Bundesländer. Die Gemeindegröße fällt auch hier als Einflussfaktor nicht ins Gewicht, und der Ost-West-Unterschied verändert sich unter Berücksichtigung der entsprechenden Faktoren nicht. Im Gegensatz dazu weisen die subjektiven Faktoren, wie bereits erwähnt, Unterschiede zur vorherigen Analyse auf. Zwar geht auch hier ein höheres politisches Interesse mit einer besseren Bewertung der Wiedervereinigung einher. In Bezug auf die Schichteinstufung fällt allerdings eine bemerkenswerte Ost-West-Divergenz ins Auge: Während eine positive Bewertung der Wiedervereinigung für die alten Bundesländer insgesamt mit einer niedrigeren subjektiven Schichteinstufung einhergeht, wird die Wiedervereinigung für die neuen Bundesländer eher von den Angehörigen der höheren Schichten positiv bewertet. Weder die politische Selbsteinschätzung als rechts oder links noch die subjektive Wirtschaftslage fallen bei der Bewertung der Vorteile für die alten Bundesländer ins Gewicht. Insgesamt bildet die Bewertung der Vorteile für die alten Bundesländer damit ein Spiegelbild der zuvor betrachteten Bewertung der Vorteile für die neuen Bundesländer. Die westdeutsche Bevölkerung zeichnet sich durch eine schlechtere Bewertung aus als die ostdeutsche, wobei die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen hier noch stärker ausgeprägt sind als zuvor. Die Generationen- und Zeiteffekte reduzieren die Ost-West-Differenz stark, was primär auf einen drastischen Anstieg der positiven Bewertungen innerhalb der westdeutschen Bevölkerung zum letzten Messzeitpunkt zurückzuführen ist. Die Einsicht, dass auch die alten Bundesländer von der Vereinigung profitierten, kam in der westdeutschen Bevölkerung damit erst eine ganze Generation nach dem Mauerfall an. 3.2.3 Der Mythos des »Jammer-Ossis« In einem weiteren Analyseschritt wurde untersucht, wie stark sich die Bewertung der Wiedervereinigung für die eigenen Bundesländer im Vergleich zu der Bewertung des je anderen Teils unterscheidet (Tab. 3, Spalte 1 und 2). Die Untersuchung des Stereotyps des »Jammer-Ossis«, der die eigenen Vorteile nicht sehen möchte, stand dabei ebenso im Zentrum wie die allgemein vermutete Tendenz, die eigenen Vorteile weniger zu sehen als die 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 45 Die Mauer in den Köpfen der anderen. Letzteres konnte wie erwartet statistisch bestätigt werden. Sowohl in der ostdeutschen als auch in der westdeutschen Bevölkerung gestaltet sich die Bewertung der Vorteile für die Eigengruppe signifikant negativer als die Bewertung der Vorteile für die je andere Gruppe. Prozentual sehen dabei 53,6 % der ostdeutschen Bevölkerung mehr Vor- als Nachteile für die neuen Bundesländer, während nur 41 % der westdeutschen diese für die alten Bundesländer sehen. Damit bewertete die ostdeutsche Bevölkerung die eigenen Vorteile der Wiedervereinigung aber insgesamt positiver als die westdeutsche Bevölkerung. Entgegen des Stereotyps sieht die ostdeutsche Bevölkerung die eigenen Vorteile demnach eher, als es in der westdeutschen Bevölkerung der Fall ist. Diese Divergenz bestätigt sich bei einer Gegenüberstellung der Selbstbewertung, also den empfundenen Vorteilen für die eigene Region, im Vergleich zur Fremdbewertung, also den empfundenen Vorteilen für den je anderen Teil Deutschlands. Sie ist in der westdeutschen Bevölkerung bedeutend größer als in der ostdeutschen Bevölkerung; prozentual liegt der Unterschied in der westdeutschen Bevölkerung bei knapp 40 %, während er in Ostdeutschland lediglich 20 % beträgt. Das Effektmaß kann diese Tendenz inferenzstatistisch bestätigen. Cohen’s d erreicht bei der Einschätzung der westdeutschen Bevölkerung sehr hohe Werte (d = 0,934), während die ostdeutsche Bevölkerung nur einen mittleren Effekt im Unterschied zwischen Selbst- und Fremdbewertung zeigt (d = 0,614). Obwohl beide Gruppen die Vorteile der Wiedervereinigung tendenziell im je anderen Teil Deutschlands verorten, entpuppt sich die westdeutsche Bevölkerung also eher – entgegen dem Stereotyp des »Jammer-Ossis« – als »Jammerer«: Wenngleich bisherige Forschungsergebnisse zeigen konnten, dass bis heute eher die ostdeutsche Bevölkerung aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt wird, ist die westdeutsche Bevölkerung offensichtlich viel weniger bereit, die eigenen Vorteile der Wiedervereinigung einzugestehen; eine Einsicht, die dem Annäherungsprozess zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen sicherlich zugutekommen würde.5 5 Dies steht im Einklang mit Ergebnissen einer Umfrage der Universität Leipzig aus dem Jahr 1994. Die ostdeutsche Bevölkerung zeichnete sich dort im Gegensatz zur westdeutschen durch ein starkes Selbstbewusstsein aus, das sich vor allem in der Bewertung der zwischenmenschlichen Beziehungen äußerte. Ostdeutsche spürten stärkere soziale Unterstützung und schätzten sich selbst als warmherziger und liebevoller ein (Redaktion Neues Deutschland, 1996). 46 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler Um diesem Phänomen des »Jammer-Wessis« genauer auf den Grund zu gehen, können die Selbstbewertungen der ost- und westdeutschen Bevölkerung zu den unterschiedlichen Messzeitpunkten analysiert werden.6 Abbildung 6 zeigt die prozentuale Zustimmung zu der Frage, ob die Wiedervereinigung für die Bevölkerung des je eigenen Teils Deutschlands mehr Vorteile als Nachteile gebracht hat. Im Zeitverlauf ergibt sich dabei ein unerwarteter Befund: Unter Berücksichtigung des Erhebungszeitpunktes ist die Effektstärke der Unterschiede der Selbstbewertung in ostdeutscher und westdeutscher Bevölkerung als gering einzustufen (η² = 0,022). Es zeigt sich, dass sich die Bewertung der eigenen Vorteile im Jahr 1991 bei den Bewohner_innen der alten und neuen Bundesländer nicht signifikant unterscheidet. Im Jahr 2000 findet sich dann der größte Unterschied, der eine mittlere Effektstärke aufweist (η² = 0,066). Seither ist die Tendenz wieder rückläufig mit einer verschwindend geringen Effektstärke im Jahr  2018 (η² = 0,005). Diese Ergebnisse sprechen für eine anfängliche Skepsis in Bezug auf die eigenen Vorteile durch die Wiedervereinigung, die in der ostdeutschen Bevölkerung schneller als in der westdeutschen Bevölkerung einer weitverbreiteten Zustimmung gewichen ist. Entgegen der bekannten These, dass auf die Wiedervereinigung eine gewisse Ernüchterung und ein Hoffnungsverlust folgten, zeigt sich hier, dass die empfundenen eigenen Vorteile der Wiedervereinigung mit wachsendem zeitlichen Abstand in beiden Teilen Deutschlands zunehmen. Beim »Jammer-Wessi« scheint es sich somit um ein aussterbendes Phänomen zu handeln; in den Jahren nach der Wende blieb die Skepsis in der westdeutschen Bevölkerung länger erhalten und wich erst spät einer überwiegenden Zustimmung. Mit dem Heranwachsen einer neuen Generation geht damit eine neue Sichtweise auf den Wiedervereinigungsprozess einher. Betrachtet man nun die Bewertung der Vorteile der Wiedervereinigung für die Bevölkerung des je eigenen Teils Deutschlands, ergibt sich in Bezug auf die objektiven Strukturmerkmale ein unerwartetes Bild: Geschlecht und Ortsgröße üben einen zwar signifikanten, aber vernachlässigbaren Effekt aus, wobei Männer und Personen, die in urbaneren Regionen leben, die eigenen Vorteile aus der Wiedervereinigung als größer einschätzen. Im Fall 6 Zur Untersuchung dieses Aspekts wurden die Antworten aus den beiden vorherigen Fragen in eine neue Variable überführt, die die Einstellung zum je eigenen Teil Deutschlands enthielt. Die Frage war demnach nicht im Originaldatensatz enthalten, konnte jedoch durch diese Transformation ohne inhaltliche oder statistische Einbußen erstellt werden. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 47 Die Mauer in den Köpfen der Bildung zeigt sich, dass diese für die Bewertung der eigenen Vorteile gegenüber dem Ost-West-Unterschied als relevanterer Einflussfaktor zu bewerten ist. Um die eigenen Vorteile der Wiedervereinigung zu sehen, ist es demnach nicht nur maßgeblich, in welchem Teil Deutschlands man lebt, sondern vor allem, welchen Bildungshintergrund man mitbringt. Auch wenn alle Effekte nur als klein einzustufen sind, so spricht dieses Ergebnis dennoch dafür, dass Bildung einen wesentlichen Faktor bei der Bewertung der eigenen Vorteile durch die Wiedervereinigung darstellt. Vor allem vor dem Hintergrund eines durch Schulschließungen beeinträchtigten Bildungsangebotes in vielen ostdeutschen Regionen (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2018) erhält dieser Befund weitere politische Brisanz. Ein ähnlich überraschender Effekt zeigt sich auch bei den subjektiven Einflussfaktoren: Alle betrachteten Dimensionen haben einen signifikanten Einfluss auf die Bewertung der eigenen Vorteile, wobei hier die Bewertung der eigenen Wirtschaftslage sowie das politische Interesse am stärksten ins Gewicht fielen. Befragte, die ihre eigene Wirtschaftslage positiver bewerteten und ihr politisches Interesse als stärker beschrieben, sahen auch mehr Vorteile in der Wiedervereinigung für den eigenen Teil Deutschlands. Politische Bildung kann also als wichtiger Ansatzpunkt für das Vorantreiben des Wiedervereinigungsprozesses gesehen werden. Wie dieser Abschnitt zeigen konnte, stellen sich die Unterschiede zwi- Abbildung 6: Prozentuale Zustimmung zu den Vorteilen der Wiedervereinigung für den je eigenen Teil Deutschlands zu den verschiedenen Messzeitpunkten (Quelle: aggregierter Datensatz des ALLBUS 1991, 2000, 2010 und 2018 [GESIS, 2011, 2012, 2014 und 2019]; N = 10.586) 48 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler schen der Bewertung der eigenen Vorteile durch die Wiedervereinigung im Vergleich zur Bewertung der Vorteile des je anderen Teils Deutschlands in der westdeutschen Bevölkerung als besonders stark dar. Dennoch scheint das Phänomen des »Jammer-Wessis«, der die Vorteile stets beim Anderen verortet, nur von relativ kurzer Dauer. Im Jahr 2018 sind die Bewertungen in Ost und West wieder beinahe identisch und nähern sich der Tendenz nach weiter an. 4 Fazit Auch knapp 30  Jahre nach der Wiedervereinigung spielt die Teilung Deutschlands im öffentlichen Diskurs und in den Köpfen der Menschen eine wichtige Rolle. Während die Berichte der Bundesregierung jährlich die wirtschaftliche Annäherung bekanntgeben, fehlten bisher Studien, die die »Einheitsmentalität«, also die Einstellungen der Bewohner_innen zum je anderen Teil Deutschlands sowie zur Wiedervereinigung im Zeitverlauf und in verschiedenen Geburtenjahrgängen, differenziert untersuchten. Eine Aufarbeitung des mentalen Annäherungsprozesses ist jedoch zentral, da eine fehlende soziale Kohäsion zu Spaltungsprozessen innerhalb der Gesellschaft führt, Vorurteile schüren kann und somit den demokratischen Zusammenhalt nachhaltig gefährdet. Ziel der vorliegenden Studie war es daher, zu untersuchen, welche Rolle die Mauer in den Köpfen der Menschen nach wie vor spielt. Dafür wurden Daten von über 10.000 Befragten zu vier Erhebungszeitpunkten der letzten 30 Jahre herangezogen und anhand mehrerer Indikatoren analysiert. Es handelt sich dabei um einen der größten bisher betrachteten Datensätze. Als zentrales Maß für die soziale Kohäsion, das Zusammengehörigkeitsgefühl, wurde das Fremdheitsempfinden gegenüber dem je anderen Teil Deutschlands ausgewertet. Auch die individuelle Bewertung der Wiedervereinigung wurde herangezogen, wie groß also die entstandenen Vorteile für die ost- und westdeutschen Bundesländer eingestuft wurden. Die Aufteilung der Befragten in acht Alterskohorten ermöglichte es, zusätzlich zum allgemeinen Zeittrend, die Veränderungen über die verschiedenen Generationen hinweg zu beurteilen und zueinander in Beziehung zu setzen. Insgesamt sprachen alle Indikatoren für einen wachsenden gesellschaftlichen Zusammenhalt der beiden Teile Deutschlands, wenngleich auch nach wie vor Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen zu verzeichnen sind. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 49 Die Mauer in den Köpfen Im Fremdheitsempfinden gegenüber dem je anderen Teil fanden sich zwischen den beiden Teilen Deutschlands wie erwartet keine Unterschiede. Die Bevölkerung in den neuen Bundesländern empfindet die westdeutsche Bevölkerung ähnlich fremd, wie es die Bevölkerung der neuen Bundesländer im Falle der ostdeutschen Bevölkerung tut. Es konnte jedoch ein positiver Zeittrend aufgedeckt werden: In beiden Teilen Deutschlands nimmt das Fremdheitsempfinden des je anderen Teils seit der Wiedervereinigung stetig ab. Die Analyse der Bewertung der Wiedervereinigung ergab eine starke Annäherungstendenz in den Einstellungen der ost- und westdeutschen Bevölkerung. Zwar wurden nach wie vor Unterschiede zwischen den beiden Gruppen gefunden; unter Berücksichtigung des Erhebungszeitpunktes, also der zeitlichen Distanz zur Wiedervereinigung, sowie des Geburtenjahrgangs, reduzierte sich die Stärke dieser Effekte jedoch drastisch. Je größer der zeitliche Abstand zur Wiedervereinigung und je jünger die Befragten, desto ähnlicher die Beurteilung der entstandenen Vorteile durch die Wiedervereinigung in ost- und westdeutscher Bevölkerung. In beiden Fällen, sowohl bei der Bewertung der Vorteile der Wiedervereinigung für die alten als auch bei der Bewertung der Vorteile für die neuen Bundesländer, war dieser Effekt auf eine Annäherung in der Bewertung der eigenen Vorteile und der Vorteile der je anderen Gruppe mit der wachsenden zeitlichen Distanz über die Messzeitpunkte sowie zwischen den Kohorten zurückzuführen. Mit der Zeit sind ost- wie westdeutsche Bevölkerung immer häufiger der Meinung, dass der »eigene« Landesteil vielleicht doch mehr profitiert hat als gedacht und der »andere« Landesteil vermutlich weniger. In Bezug auf diese Bewertung der eigenen Vorteile im Vergleich zu den Vorteilen der anderen ergab sich ein weiterer bemerkenswerter Befund: Entgegen dem weitverbreiteten Stereotyp des »Jammer-Ossis« konnte gezeigt werden, dass die westdeutsche Bevölkerung die eigenen Vorteile eher ausblendete als der ostdeutsche Bevölkerungsteil. Zwar bewerteten beide Gruppen die Wiedervereinigung für den je anderen Teil Deutschlands durchweg als positiver als für sich selbst, der Effekt war jedoch im Osten konstant schwächer. Die eigentlichen Jammerer ließen sich demnach (zumindest zeitweise) aufseiten der westdeutschen Bevölkerung verorten. Im Jahr 2018, knapp 30 Jahre nach der Vereinigung, kam es in der westdeutschen Bevölkerung dann jedoch zu einem sprunghaften Anstieg in den Bewertungen der eigenen Vorteile. In Westdeutschland bedurfte es demnach einer ganzen Generation, um die Vorteile der Wiedervereinigung für den 50 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler eigenen Bevölkerungsteil zu sehen. Insgesamt ergab sich über die verschiedenen Erhebungszeitpunkte hinweg und in den verschiedenen Geburtenjahrgängen das gleiche Bild wie zuvor: Je größer die zeitliche Distanz zur Wiedervereinigung und je jünger die Befragten, desto eher wurden die eigenen Vorteile in der Wiedervereinigung gesehen. Von einer Desillusionierung oder enttäuschten Hoffnungen in den ersten Jahren nach der Wende kann auf der Basis der vorliegenden Daten nicht die Rede sein, vielmehr verlief der Trend seit 1991 durchweg positiv. Trotz oder gerade wegen dieser im Mittel sehr positiven Entwicklungen des Fremdheitsempfindens und der Bewertung der Wiedervereinigung in den letzten 30 Jahren darf die Pluralität der Wendeerfahrungen und sowie die Vielseitigkeit der Zusammensetzung der deutschen Gesellschaft seit der Wiedervereinigung nicht vernachlässigt werden. Nach der Öffnung der Grenzen zog es Millionen von Menschen aus dem Osten in den Westen, und auch die Binnenwanderung in die Gegenrichtung, von West nach Ost, ist nicht zu vernachlässigen (vgl. Wagner et al., 2020, im vorliegenden Band). Darüber hinaus liegt der Anteil der Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft in Westdeutschland 2019 bei knapp 13 %, in den ostdeutschen Bundesländern immerhin bei über 6 % (Statistisches Bundesamt, 2020). Die deutsche Gesellschaft ist geprägt von sozialer und internationaler Mobilität. In einer Zeit, in der rechtsextreme Aussagen vermehrte Zustimmung aus der »Mitte der Gesellschaft« (Decker & Brähler, 2018) bekommen und rechtsgerichtete Parteien und Bewegungen wie PEGIDA und die AfD weitererstarken, drängt sich dann die Frage auf, wer bzw. welche Gruppen seit der Wiedervereinigung zusammenwachsen und welche Erfahrungen ausgeschlossen und nicht gesehen werden. Die positive Bewertung der Wiedervereinigung könnte vielmehr als Ausdruck aufkommender nationalistischer Orientierungen gesehen werden  – der Zusammenhalt wird dann nicht demokratisch über seine Pluralität, sondern nationalistisch über die Herkunft definiert. Dass ein solcher Zusammenhalt über die Selbstdefinition als (Ost-)Deutsche_r tatsächlich weit verbreitet ist, zeigte nicht nur die Studie von Faus und Storks (2019). Sowohl die regionale als auch die nationale Verbundenheit war bei den Befragten der 18- bis 29-Jährigen sehr hoch – fast zwei Drittel der Ostdeutschen gaben an, dass die ost- oder westdeutsche Herkunft heute immer noch eine Rolle spiele, noch mehr fühlten sich mit Ostdeutschland stark oder sehr stark verbunden. Auch die Studie von Foroutan und 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 51 Die Mauer in den Köpfen Kolleg_innen (2019) greift dieses Narrativ der benachteiligten ostdeutschen Identität auf, ohne dabei jedoch auf individuelle sowie kontextspezifische Besonderheiten der betrachteten Gruppierungen einzugehen. Nationalistische bzw. regionalistische Umdeutungen der Wiedervereinigung, wie sie durch die Bildung solcher deutschen (Teil-)Identitäten nahegelegt werden, können gesellschaftliche Ausgrenzungsprozesse befeuern. Diese Prozesse der Identitätsbildung durch Ausgrenzung sollten in weiterführenden Studien näher untersucht werden, um der Komplexität der Frage nach dem demokratischen Zusammenhalt in Deutschland noch besser gerechtzuwerden. Als möglicher Ansatzpunkt zur Reduktion rechter und rechtsextremer Einstellungsmuster, die eine der größten Bedrohungen für den demokratischen Zusammenhalt darstellen, werden immer wieder Bildungsarbeit und die Angleichung der Bildungschancen angeführt (Rippl, 2006; Hopf, 1991, 1999). Auch in der vorliegenden Studie stellte der Bildungsabschluss einen maßgeblichen Faktor bei der Bewertung der Wiedervereinigung dar: Im Falle der Bewertung der eigenen Vorteile durch die Wiedervereinigung konnte der Bildungsabschluss Unterschiede sogar besser erklären als die Zugehörigkeit zur jeweiligen Gruppe der Ost- bzw. Westdeutschen. Durch bildungspolitische Arbeit könnten bestehende Differenzen zwischen Ost und West demnach weiter reduziert werden, indem ein Verständnis für den je anderen Teil Deutschlands, dessen spezifische Geschichte sowie individuelle Erfahrungshintergründe geschaffen wird. Eine Angleichung der Bildungschancen für die ost- und westdeutsche Bevölkerung stellt für solch eine Arbeit die notwendige Grundlage dar. Alles in allem zeigt sich somit die Wichtigkeit, spezifische Erfahrungen Einzelner oder ganzer Gruppen zu berücksichtigen, um einen demokratischen Zusammenhalt der Gesellschaft zu ermöglichen und zu fördern. In Bezug auf die DDR-Vergangenheit Deutschlands heißt dies, dass progressive Elemente und deren Nachwirkungen in der heutigen Gesellschaft genauso bewusstgemacht werden müssen, wie das durch Repression und Unterdrückung entstandene Leid. Dies kann einerseits durch früh einsetzende Bildungsarbeit, andererseits auch durch die Förderung des innerdeutschen Austausches im politischen wie privaten Raum eingeleitet werden. Dabei ist es nicht zielführend, ausschließlich von »den Ostdeutschen« und »den Westdeutschen« zu sprechen. Vielmehr kann nur die Sensibilisierung für die Pluralität der Erfahrungshintergründe der deutschen Bevölkerung die Basis für ein demokratisches Miteinander bilden. 52 Ayline Heller, Ana Tibubos, Manfred Beutel & Elmar Brähler Literatur Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2018). Bildung in Deutschland 2018: Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Wirkung und Erträgen von Bildung. Mannheim: wbv Publikation. https://www.bildungsbericht.de/de/bildungsberichte-seit-2006/bildungsbericht-2018/pdf-bildungsbericht-2018/bildungsbericht-2018.pdf (02.04.2020). Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer (2018). 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Sie ist Teil des Vorstandes der »Gesellschaft für psychoanalytische Sozialpsychologie e.V.« und promoviert derzeit im BMBF-Verbundsprojekt »DDR-Vergangenheit und psychische Gesundheit: Risiko- und Schutzfaktoren« zum Thema »Politische Einstellungen und Politisierung in Ostdeutschland: Konzepte und Determinanten von Rechtsextremismus und Autoritarismus im Spannungsfeld der DDR-Vergangenheit«. Ana Nanette Tibubos, Dr. phil. nat., Dipl.-Psych., ist Wissenschaftlerin und Psychologin in der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (seit 2016). Sie ist wissenschaftliche Leiterin der Arbeitsgruppe Migration, Mobility and Mental Health und des Forschungsbereiches Diagnostik und Methodenentwicklung. Manfred Beutel, Prof. Dr., ist Arzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalyse und Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 55 Die Mauer in den Köpfen Forschungsschwerpunkte sind Psychotherapieforschung- und Versorgungsforschung, E-Mental Health, Epidemiologie psychischer Erkrankungen und Psychoonkologie. Elmar Brähler, Prof. Dr. rer. biol. hum. habil., war von 1994 bis zu seiner Emeritierung 2013 Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig. Seitdem ist er Gastwissenschaftler an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Er leitet dort das BMBF-Verbundprojekt »DDR-Vergangenheit und psychische Gesundheit: Risiko- und Schutzfaktoren«. 57 30 Jahre Wiedervereinigung Ein neuer Blick auf Ost und West1 Wolf Wagner, Ayline Heller, Hendrik Berth & Elmar Brähler Einleitung Seit 1980 führen das Informationszentrum Sozialwissenschaften (IZ) in Bonn, das Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung (ZA) in Köln und das Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA) in Mannheim, später zur Gesellschaft der Sozialwissenschaften (GESIS) und im Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften zusammengeführt, alle zwei Jahre die besonders sorgfältig organisierte Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) unter 18-Jährigen und Älteren mit festem Wohnsitz im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland durch. Dies war bis 1990 die alte Bundesrepublik, seit 1991 ist es die wiedervereinigte Bundesrepublik. Die dabei erhobenen Daten stehen der Forschung kostenlos zur Verfügung. Das Besondere an ALLBUS ist, dass mit dem Projekt relevante Daten- Zeitreihen generiert werden. Von unschätzbarem Wert sind die Daten gerade und besonders bei Forschungen über das Verhältnis von Ost und West im Deutschland seit der Wiedervereinigung, weil mithilfe dieser Zeitreihen ein empirisch fundierter Blick auf die Geschichte dieses Verhältnisses seit 1991 ermöglicht wird. Die ALLBUS-Daten von 2016 und 2018 erlauben es darüber hinaus, weitere wichtige Aspekte des Verhältnisses zwischen Ost- und Westdeutschland aus einer neuen Perspektive detaillierter und differenzierter zu betrachten. In den Jahren zuvor war lediglich erfragt worden, wo in Ost oder West die Befragten geboren worden waren und wo das Interview stattgefunden hatte. Mit diesen Variablen waren somit auch alle erfasst worden, die bereits in ihrer Kindheit mit der Familie in den Westen geflüchtet waren. Ihre Daten unterschieden sich daher kaum von denjenigen, die im 1 Dieser Beitrag wurde durch das BMBF-Projekt »DDR-PSYCH« gefördert (Az.: 01UJ1911AY-FY). 58 Wolf Wagner, Ayline Heller, Hendrik Berth & Elmar Brähler Westen aufgewachsen waren und dort zur Zeit der Befragung wohnten. Im ALLBUS 2016 und 2018 wurde erstmals erfragt, wo in Ost oder West die Befragten aufgewachsen und wo sie interviewt worden waren, also zur Zeit der Befragung ihren Wohnsitz hatten. Damit konnten erstmals Gruppen danach unterschieden werden, wo sie ihre Kindheit und Jugend verbracht und prägende Erfahrungen gesammelt hatten. Die entsprechende Variable Jugend in Ost-West, Interview in Ost-West ermöglicht die Unterscheidung folgender vier Gruppen: 1. die in Ostdeutschland Aufgewachsenen und dort Gebliebenen (Ost in Ost), 2. die in Ostdeutschland Aufgewachsenen und später nach Westdeutschland Gezogenen (Ost in West), 3. die in Westdeutschland Aufgewachsenen und später nach Ostdeutschland Gezogenen (West in Ost), 4. die in Westdeutschland Aufgewachsenen und dort Gebliebenen (West in West). Durch diese Variable bietet sich die Möglichkeit, zwei Gruppen separat zu erfassen und zu analysieren, die bisher nur sehr schwer zu untersuchen waren. Es sind zum einen die Menschen, die ihre Jugend im Osten erlebt haben und dann irgendwann, häufig im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung, in den Westen gezogen sind. Eine der wenigen Studien, die diese Gruppe bisher ausführlich in den Blick genommen hat, ist die von Peter Förster initiierte und von Hendrik Berth, Elmar Brähler, Yve Stöbel-Richter, Wolf Wagner und Markus Zenger weitergeführte und betreute Sächsische Längsschnittstudie (vgl. auch Berth et al., 2020, im vorliegenden Band). Dabei wurde noch zu DDR-Zeiten eine Kohorte sächsischer Schülerinnen und Schüler untersucht und seither in regelmäßigen Abständen befragt und begleitet. Je nach Erhebungszeitpunkt gaben zwischen 20 und 25 % der Befragten an, ihren Wohnsitz in den alten Bundesländern zu haben (Berth et al., 2007). Ihre Ergebnisse können mit den Ergebnissen der Untergruppe Jugend im Osten, Interview im Westen verglichen werden. Die zweite Gruppe ist noch weniger untersucht, nämlich die Gruppe derjenigen, die ihre Jugend im Westen verbracht haben und nun im Osten wohnen und dort interviewt worden sind. Sie zu untersuchen und mit den Gruppen Ost in Ost und West in West zu vergleichen, bildet eines der Ziele dieses Aufsatzes. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 59 30 Jahre Wiedervereinigung Um diese beiden Gruppen zu untersuchen und dabei der Frage nachzugehen, ob Aspekte der DDR-Vergangenheit in der heutigen Gesellschaft nachwirken, werden im Folgenden verschiedene relevante Gesichtspunkte beleuchtet. Im ersten Abschnitt werden Lohnunterschiede in Ost- und Westdeutschland sowie die Lohndifferenzen zwischen Männern und Frauen als mögliches »Erbe« der DDR-Vergangenheit untersucht. Im zweiten Abschnitt wird auf Einstellungsunterschiede zwischen den im Osten Aufgewachsenen und den im Westen Aufgewachsenen und dort Gebliebenen in Bezug auf die Rolle der Frau, Gleichheitsvorstellungen, Demokratiefeindlichkeit, Autoritarismus und Fremdenfeindlichkeit eingegangen. Zuletzt werden einige Charakteristika der Gruppe West in Ost deskriptiv dargestellt, da diese Gruppe für eine inferenzstatistische Analyse nicht genügend Befragte umfasste. 1 Die annähernde Einkommensgleichheit zwischen Frauen und Männern als Erbe der DDR Die Gruppe der in Ostdeutschland Aufgewachsenen, die im Umfeld der Wiedervereinigung in den Westen gezogen sind, können im Vergleich zu der, die aus denjenigen besteht, die im Osten geblieben sind, als Gewinner und Gewinnerinnen der Vereinigung gesehen werden. Das liegt vor allem daran, dass es in den neuen Bundesländern für die jungen Menschen unabhängig von deren Qualifikation kaum eine Beschäftigungschance gab. In den wenigen Betrieben, die den Zusammenbruch der DDR und die damit einhergehende Wirtschaftskrise überlebten, wurden nach westdeutschem Vorbild aus sozialen Gründen vor allem Männer mittleren Alters mit Familie weiterbeschäftigt – Ältere gingen in den Vorruhestand. Jüngere und Frauen gingen leer aus. Das trieb viele Angehörige dieser Generation, vor allem Frauen, in den Westen. Das Resultat wird deutlich, wenn man die Einkommenssituation der Dagebliebenen mit der der Abgewanderten im Jahr 2018 vergleicht. In Abbildung 1 ist für jede Einkommenskategorie der Prozentsatz derjenigen Befragten der Gruppe Ost in Ost und Ost in West aufgeführt, die 2018 ein Nettomonatseinkommen der jeweiligen Größe bezogen haben. Darum lässt sich an dieser Art Abbildung die Einkommensverteilung sehr klar und übersichtlich ablesen. Die hohen Einkommen werden von den in den Westen Gezogenen er- 60 Wolf Wagner, Ayline Heller, Hendrik Berth & Elmar Brähler zielt. Bei den niedrigeren Einkommen sind die in Ostdeutschland Gebliebenen stärker vertreten. Das Bild scheint klar zu sein und bestätigt sich auch anhand inferenzstatistischer Mittelwertsvergleiche:2 Die Gruppe Ost in West verdient mit einem durchschnittlichen Nettomonatseinkommen der befragten Personen von 1.930,07 Euro im Mittel 424,82 Euro mehr als die Gruppe Ost in Ost.3 Doch hinter diesem scheinbar eindeutigen Ergebnis verbirgt sich die Tatsache, dass sich in Ostdeutschland als Erbe der DDR ein völlig anderes System der Einkommensverteilung bewahrt hat. Dies wird erst deutlich, wenn man sich die Einkommensverteilung im Osten bezogen auf das Geschlecht anschaut. Die Einkommen von Männern und Frauen sind über das gesamte Spektrum der Einkommenshöhe etwa ähnlich verteilt. Der Kontrast zur Einkommensverteilung bezogen auf das Geschlecht im Westen könnte dabei kaum größer sein. Die niedrigen Einkommen sind im Westen die Einkommen der Frauen, die hohen die der Männer. Inferenzstatistisch bestehen zwar sowohl im 2 Sowohl einfache t-Tests wie eine univariate Varianzanalyse mit anschließenden Post-Hoc- Analysen kamen zu signifikanten Ergebnissen. 3 Mittelwertsunterschiede: t(833) = 3,924; p < 0,001. Mit einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 5% liegt die mittlere Differenz der Einkommensunterschiede zwischen 212,32 und 636,32 Euro. Abbildung 1: Einkommensverteilung der Gruppen Ost in Ost und Ost in West (ALLBUS 2018) 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 61 30 Jahre Wiedervereinigung Osten als auch im Westen bedeutsame Einkommensunterschiede der befragten Männer und Frauen; diese sind im Westen jedoch wesentlich Abbildung 2: Nettomonatseinkommen der Gruppe Ost in Ost nach Geschlecht (ALLBUS 2018) Abbildung 3: Nettomonatseinkommen der Gruppe West in West nach Geschlecht (ALLBUS 2018) 62 Wolf Wagner, Ayline Heller, Hendrik Berth & Elmar Brähler stärker ausgeprägt als im Osten.4 Während eine Frau im Osten im Mittel ca. 380 Euro weniger verdient als ein Mann, liegt dieser Wert im Westen bei knapp 890 Euro.5 Dieser eklatante Unterschied hat seine historischen Ursachen: Im Westen blieb der Männerlohn als Familieneinkommen auch durch die westlichen männerdominierten Gewerkschaften bestehen und wurde durch das bereits 1958 eingeführte Ehegattensplitting noch verschärft. Letzteres machte es lohnenswert, dass die Frau mit geringem oder keinem selbstständigen Einkommen zu Hause blieb und die Steuerlast des Mannes annähernd halbierte. Im Gegensatz dazu war die DDR durch ihr Bekenntnis zum Sozialismus und durch die gesamte Geschichte der Arbeiterbewegung auf die finanzielle Gleichstellung von Mann und Frau verpflichtet und setzte diese bereits in ihren Anfängen praktisch um. Ziel des Familiengesetzes von 1965 war es, dass Mann und Frau mit einem annähernd gleich großen Einkommen ein auskömmliches Familieneinkommen erwirtschaften sollten. Da die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 auf Wunsch der im März jenes Jahres bei der Volkskammerwahl siegreichen Parteien per Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland erfolgte, sollte eigentlich alles DDR-Spezifische in den neuen Bundesländern durch westliche Regelungen ersetzt werden. Umso mehr muss es erstaunen, dass 30 Jahre nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern noch das Lohnsystem der DDR mit der annähernden Einkommensgleichheit zwischen den Geschlechtern vorherrscht. Dies gilt es zu erklären. Dazu gibt es zwei aussagekräftige Quellen: Die eine ist eine Untersuchung aus dem Jahr 1996 von Fabian Steil, Unternehmensgründungen in Ostdeutschland. Steil zeigt, dass es schon vor dem Ende der DDR 1990 über 70.000 kleine Privatbetriebe aus DDR-Zeiten gegeben hat, die selbstverständlich ihr Lohnsystem beibehielten. 1990 kamen 138.847 Neugründungen hinzu, die meisten bis Juli 1990, also ebenfalls noch vor dem Ende der DDR. Bis 1994 summierten sich die Neugründungen auf 412.970 Betriebe. Sie wurden beinahe ausschließlich von Personen aus den neuen 4 Das Effektstärkemaß Cohen’s d (1988) liegt im Fall der Gruppe West in West bei 0,80 mit t(1497) = 15,363; p < 0,001, und im Fall der Gruppe Ost in Ost bei 0,40 mit t(736) = 5,374; p < 0,001. 5 Mit einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 5% liegen die Mittelwertsunterschiede in der Gruppe Ost in Ost zwischen 240,62 und 517,59 Euro, und in der Gruppe West in West zwischen 203,64 und 1575,49 Euro. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 63 30 Jahre Wiedervereinigung Bundesländern vorgenommen, die bei der Zerschlagung der Großbetriebe der DDR arbeitslos geworden waren und nun ihre Kenntnisse in eigenen Betrieben einsetzten. Auch sie behielten bei der Einstellung von Personal das Lohnsystem der DDR bei. So erklärt sich die Tatsache, dass in den neuen Bundesländern in der Verteilung der Einkommen die Einkommen der Frauen beinahe parallel zu den Einkommen der Männer verlaufen, während in den alten Bundesländern die Einkommen der Frauen die niedrigen und die der Männer die hohen Einkommen darstellen. Weitere Hinweise kann man dem Kf W-Mittelstandsatlas 2018 (Schwartz & Gerstenberger, 2018) entnehmen, da er auf der Grundlage der Daten des von der Kf W erhobenen Mittelstandspanels 2012–2016 erstmals einen Vergleich der Bundesländer vorlegt. Die Wirtschaftsstruktur der Bundesrepublik Deutschland ist im Jahr 2018 insgesamt vom Mittelstand dominiert: 99,95 % der etwa 3,7 Millionen Unternehmen gehören zu den kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) und damit zum Mittelstand (ebd., S. 1). Der KMU-Anteil an den Erwerbstätigen lag 2016 für die gesamte Bundesrepublik bei 70,4 %. In den neuen Bundesländern war er besonders hoch: Nach Schleswig-Holstein mit 93 % belegten sie die Plätze 2 bis 5 und 7, durchweg höher als der Bundesdurchschnitt (Thüringen 91 %, Mecklenburg-Vorpommern 91 %, Brandenburg 84 %, Sachsen 80 %, Sachsen-Anhalt 73 %). West- und Ostdeutschland unterscheiden sich also vor allem dadurch, dass es in Westdeutschland mehr Großunternehmen (mit mehr als 250 Beschäftigten) gibt, die häufig in einem städtischen und großstädtischen Umfeld angesiedelt sind. Die DAX-und MDAX-Unternehmen »sind ausnahmslos in Westdeutschland beheimatet« (ebd., S. 2). Dies ist der Haupterklärungsfaktor für die Einkommensdifferenzen zwischen den alten und neuen Bundesländern in Bezug auf die Einkommensverteilung zwischen den Geschlechtern. Die DDR war dominiert von Großbetrieben, die mit der Wiedervereinigung aufgelöst und nicht durch neue Großbetriebe abgelöst wurden. Deshalb mussten sich »kleinteilige, privatwirtschaftliche Strukturen […] nach der deutschen Wiedervereinigung erst schrittweise entwickeln« (ebd., S. 3). Ein Großteil der kleinteiligen Unternehmen, die das gewohnte und für gerecht erachtete Lohnsystem der DDR beibehielten, wurde also direkt im Umfeld der Wiedervereinigung gegründet. Eine weitere Erklärung ergibt sich aus dem zeitlichen Verlauf der Neu- 64 Wolf Wagner, Ayline Heller, Hendrik Berth & Elmar Brähler gründungen: Ab Februar 1990 nehmen die Neugründungen rasant zu und erreichen mit der Währungsunion im Juli 1990 einen absoluten Höhepunkt (ebd., S. 13). Ein großer Teil der Neugründungen erfolgte also im Frühjahr 1990, als die DDR noch existierte. Selbstverständlich wurde in ihnen das Lohnsystem der DDR fortgeführt. Tabelle 1: Anzahl der Neugründungen 1990–1994 in den neuen Bundesländern (Steil, 1996, S. 11 – Tab. 2 ZEW Gründungspanel-Ost) Jahr 1990 1991 1992 1993 1994 1990–1994 Neugründungen absolut 138.847 103.492 72.597 55.349 42.685 412.970 Neugründungen prozentual 33,62 25,06 17,58 13,40 10,34 100,00 Tabelle 1 zeigt den Verlauf der Anzahl der Neugründungen; in den ersten beiden Jahren erfolgten 58,68 % der Neugründungen. Die Beschreibungen des Gründungsprozesses legen nahe, dass die Gründerinnen und Gründer weit überwiegend eine DDR-Vergangenheit hatten und selbstverständlich das gewohnte Lohnsystem beibehielten. Die kleingewerbliche und eher kleinstädtische und ländliche Wirtschaftsstruktur der neuen Bundesländer hat es möglich gemacht, dass sich in diesen traditionellen Kleinbetrieben, von denen viele aus der DDR in die neue Zeit durch persönlichen Einsatz hinübergerettet wurden, die Lohnstruktur der DDR in Bezug auf die annähernde Einkommensgleichheit zwischen den Geschlechtern bewahrt hat. Im Vergleich der Einkommensverteilung der in den Westen gezogenen Ostdeutschen und der im Osten gebliebenen Ostdeutschen zeigt sich, wie die in den Westen Gezogenen sich in das westdeutsche Lohnsystem eingegliedert haben. Man könnte daraus die Hypothese bilden, dass sich die in den Westen gezogenen Ostdeutschen auch sonst dem Westen angepasst haben, was nicht weiter erstaunlich wäre. Aber das Gegenteil ist der Fall: Es zeigen sich erstaunliche Übereinstimmungen in grundlegenden Einstellungen zwischen den in Ostdeutschland Aufgewachsenen, die später in den Westen gegangen sind, und denen, die im Osten geblieben sind, und zwar in klarem Kontrast zu den in Westdeutschland Aufgewachsenen. Dies könnte man als ein »Einstellungserbe der DDR« bezeichnen, das sich auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch zeigt. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 65 30 Jahre Wiedervereinigung 2 Das zwiespältige Einstellungserbe der DDR 30 Jahre nach der Wiedervereinigung Um ein solches Erbe zu überprüfen, werden im Folgenden die beiden Gruppen, die ihre Kindheit und Jugend im Osten verbracht haben (Ost in Ost und Ost in West) mit der Gruppe derer verglichen, die im Westen sozialisiert und dort geblieben ist.6 Unterscheiden sich die beiden Ost-Gruppen von der Westgruppe, jedoch nicht voneinander, deutet dies darauf hin, dass es sich bei den beobachteten Unterschieden tatsächlich um Nachwirkungen der gemeinsamen DDR-Vergangenheit handelt. In den folgenden Abschnitten werden einerseits Einstellungsunterschiede untersucht, bei denen in Ostdeutschland traditionell fortschrittlicheren Positionen eingenommen werden. So werden Fragen zu Rollenbildern und der Selbstbestimmung der Frau sowie zu Gleichheit und Gerechtigkeit betrachtet. Außerdem werden Einstellungsunterschiede in Bezug auf reaktionäre Fragestellungen, wie Demokratieferne, Autoritarismus und Fremdenfeindlichkeit, untersucht. 6 Die Gruppe West in Ost wird aufgrund geringer Fallzahlen für die inferenzstatistische Analyse ausgeschlossen und deskriptiv in Abschnitt 3 betrachtet. Abbildung 4: Nettomonatseinkommen nach Geschlecht und Jugend im Osten, Interview im Westen (ALLBUS 2018) 66 Wolf Wagner, Ayline Heller, Hendrik Berth & Elmar Brähler 2.1 »Fortschrittliche« Positionen 2.1.1 Fragen zu Rollenbildern und der Selbstbestimmung der Frau Auch wenn Frauen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR objektiv auch heute noch weniger Lohndifferenzen zu den Männern aufweisen, als dies im Westen der Fall ist, stellt sich die Frage, wie sich die Einstellungen zur Rolle der Frau in der ost- und westdeutschen Bevölkerung unterscheiden. Dafür lassen sich im ALLBUS verschiedene Variablen identifizieren, die Aufschluss über diese Frage ermöglichen können. Zum einen werden Vorstellungen zur Aufgaben- und Rollenverteilung innerhalb von Familien anhand der Zustimmung zur Aussage »Die Aufgabe des Ehemannes ist es, Geld zu verdienen, die der Ehefrau, sich um den Haushalt und Familie zu kümmern« abgefragt. Darüber hinaus kann die Einstellung zur Selbstbestimmung der Frau anhand der Zustimmung zur Aussage »Frauen sollen über einen Schwangerschaftsabbruch selbst entscheiden können« analysiert werden. Tabelle 2 bildet die Zustimmung der drei statistisch aussagekräftigen Gruppen7 zur Aussage »Die Aufgabe des Ehemannes ist es, Geld zu verdienen, die der Ehefrau, sich um Haushalt und Familie zu kümmern« ab. In Spalte 2 Stimme voll zu ist die Diskrepanz zwischen Ost und West am deutlichsten zu erkennen. Sie zeigt damit die Nähe zwischen den Menschen, die im Osten geblieben sind, und denen, die in den Westen gezogen sind, auch nach 30 Jahren Wiedervereinigung. Über alle Spalten hinweg zeigt sich jedoch gleichzeitig ein weiteres Phänomen, das sich auch in der inferenzstatistischen Analyse bestätigte: Die Gruppe Ost in West befindet sich in den Prozentwerten stets in einer mittleren Position. Wenn es sich bei dieser Ablehnung traditioneller, bürgerlicher Rollenbilder tatsächlich um ein Erbe der DDR handelt, so hat die Erfahrung des Lebens in Westdeutschland diesen Effekt möglicherweise abgemildert. Andererseits ist es auch möglich, dass nur Personen, die dem im Westen weiter verbreiteten, traditionellen Rollenverständnis offen gegenüberstanden, überhaupt nach Westdeutschland übersiedelten. Diese Frage lässt sich anhand der vorliegenden Daten nicht abschließend klären. 7 Die Gruppe West in Ost hat zu wenige Fälle für eine statistisch aussagekräftige Auswertung. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 67 30 Jahre Wiedervereinigung Tabelle 3: Zustimmung zur Aussage »Frauen sollten selbst über einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden können« nach Jugend in Ost-West, Interview in Ost-West (ALLBUS 2018) Stimme voll zu Stimme zu Weder noch Stimme nicht zu Stimme gar nicht zu Gesamt absolut Ost in Ost 82,6 % 12,6 % 2,2 % 1,6 % 1,0 % 975 Ost in West 72,4 % 18,1 % 6,3 % 2,4 % 0,8 % 127 West in West 66,9 % 21,0 % 5,5 % 4,1 % 2,6 % 1946 Tabelle 3 zeigt die Zustimmung zur Aussage »Frauen sollten selbst über einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden können« in den drei statistisch auswertbaren Gruppen. In Spalte 2 wird deutlich, dass die Westdeutschen eine deutlich geringere Zustimmung zu Schwangerschaftsabbrüchen angeben. In den Spalten 5 und 6 zeigt sich eine deutlich höhere Ablehnung der Aussage im Westen. Erneut befindet sich die Gruppe Ost in West in einer mittleren Position, die sich durch ein analoges inferenzstatistisches Ergebnis belegen lässt. 2.1.2 Gleichheit und Gerechtigkeit Ein weiteres naheliegendes Erbe der DDR ist wegen ihres sozialistischen Legitimationsanspruches die Vorstellung der sozialen Gleichheit als Kriterium der Gerechtigkeit. ALLBUS 2018 führt dazu die Aussage »In einer gerechten Gesellschaft sollte es nur geringe Unterschiede im Lebensstandard der Menschen geben« an, die genau auf diese Vorstellung abzielt. Tabelle 2: Variable zu progressiven Rollenvorstellungen als Ablehnung der Aussage »Die Aufgabe des Ehemannes ist es, Geld zu verdienen, die der Ehefrau, sich um Haushalt und Familie zu kümmern« nach Jugend in Ost-West, Interview in Ost-West (ALLBUS 2018) Stimme voll zu Stimme zu Weder noch Stimme nicht zu Stimme gar nicht zu Gesamt absolut Ost in Ost 1,9 % 4,2 % 11,0 % 21,4 % 61,4 % 472 Ost in West 1,5 % 7,7 % 13,8 % 23,1 % 53,8 % 65 West in West 3,3 % 5,8 % 17,0 % 25,8 % 48,1 % 976 68 Wolf Wagner, Ayline Heller, Hendrik Berth & Elmar Brähler Tabelle 4: Variable zur Gleichheit als Kriterium der Gerechtigkeit »Gerechte Gesellschaft: Wenig Unterschiede« nach Jugend in Ost-West, Interview in Ost-West (ALLBUS 2018) Stimme voll zu Stimme zu Weder noch Stimme nicht zu Stimme gar nicht zu Gesamt absolut Ost in Ost 27,7 % 43,7 % 16,0 % 10,9 % 1,7 % 469 Ost in West 18,0 % 47,5 % 21,3 % 13,1 % 0,0 % 61 West in West 14,6 % 41,7 % 24,7 % 15,7 % 3,3 % 939 Tabelle 4 gibt die prozentuale Zustimmung zu dieser Aussage wieder. Die Spalten 2 und 3 einerseits sowie 5 und 6 andererseits zeigen eine relativ starke Übereinstimmung der beiden Gruppen, die in Ostdeutschland aufgewachsen sind, und eine deutlich stärkere Ablehnung der Westdeutschen in dieser Aussage. Erneut finden sich inferenzstatistisch jedoch lediglich Unterschiede zwischen der Gruppe Ost in Ost und West in West – die Gruppe Ost in West findet sich in der Mitte wieder. 2.2 »Reaktionäre« Positionen zu Demokratieferne, Autoritarismus und Fremdenfeindlichkeit Zusätzlich zu diesen progressiven Einstellungsdimensionen, die sich vermehrt bei Personen finden, die in der DDR oder den Gebieten der neuen Bundesländer aufgewachsen sind, finden sich im ALLBUS 2018 – im Unterschied zu den im Westen Aufgewachsenen – auch viele reaktionäre Einstellungsmuster bei den in der DDR Aufgewachsenen. Es ist also naheliegend, diese demokratiefeindlichen, autoritären und fremdenfeindlichen Positionen als Erbe einer DDR-Sozialisation zu betrachten. 2.2.1 Demokratiefeindliche Positionen Die Behauptung, antidemokratische Einstellungen seien ein Erbe der DDR, kann man u. a. an der Zustimmung zu der Aussage »Was in der Politik Kompromiss genannt wird, ist in Wirklichkeit Verrat von Prinzipien« untersuchen, da sich diese auf das Kernelement einer Demokratie, ja von 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 69 30 Jahre Wiedervereinigung demokratischer Politik überhaupt, bezieht – ohne Kompromisse ist demokratische Politik unmöglich. Tabelle 5: Variable zur Demokratieferne »Politischer Kompromiss ist Verrat von Prinzipien« nach Jugend in Ost-West, Interview in Ost-West (ALLBUS 2018) Stimme voll zu Stimme eher zu Teils teils Lehne eher ab Lehne ganz ab Gesamt absolut Ost in Ost 16,9 % 27,8 % 32,6 % 16,8 % 5,9 % 984 Ost in West 16,3 % 22,0 % 35,8 % 15,4 % 10,6 % 123 West in West 10,4 % 22,1 % 33,7 % 23,7 % 10,2 % 1895 Tabelle  5 gibt die Zustimmung zu dieser Aussage in den drei Gruppen wieder. Spalte 2 zeigt exemplarisch die Übereinstimmung zwischen den Ostdeutschen auf der einen und die viel geringere Zustimmung und Übereinstimmung bei den Westdeutschen auf der anderen Seite.8 Ganz ähnlich verhält es sich mit Aussagen wie »Aufgabe der politischen Opposition ist es nicht, die Regierung zu kritisieren, sondern sie in ihrer Arbeit zu unterstützen«, die ebenfalls ein zentrales Element der Demokratie ablehnt, nämlich die Akzeptanz der Pluralität teilweise stark gegensätzlicher politischer Positionen. Tabelle 6: Variable zur Demokratieferne »Opposition sollte Regierung stützen« nach Jugend in Ost-West, Interview in Ost-West (ALLBUS 2018) Stimme voll zu Stimme eher zu Teils teils Lehne eher ab Lehne ganz ab Gesamt absolut Ost in Ost 23,3 % 28,4 % 26,5 % 15,1 % 6,7 % 960 Ost in West 20,6 % 22,2 % 30,2 % 18,3 % 8,7 % 126 West in West 16,2 % 26,2 % 29,2 % 18,2 % 10,2 % 1945 Tabelle  6 zeigt die prozentuale Zustimmung in den drei Gruppen: In Spalte 2 Stimme voll zu wird die Gemeinsamkeit zwischen den Ostdeutschen in Ost und West gegenüber den Westdeutschen gut ersichtlich. Die 8 Auch diese Analyse lässt sich inferenzstatistisch belegen. Post-Hoc-Analysen ergaben Unterschiede der Gruppe Ost in Ost zur Gruppe West in West. Die Gruppe Ost in West unterschied sich nicht von den anderen Gruppen. 70 Wolf Wagner, Ayline Heller, Hendrik Berth & Elmar Brähler Gruppe Ost in Ost unterscheidet sich signifikant von der Gruppe West in West, während die Gruppe Ost in West erneut eine Zwischenposition einnimmt. So verhält es sich auch mit der Zustimmung zu der Aussage »Unter bestimmten Umständen ist eine Diktatur die bessere Staatsform«: Hier genügt ein Blick auf Abbildung 5, um sich von der Gemeinsamkeit der Ostdeutschen und dem Kontrast zu den Westdeutschen zu überzeugen. Bei beiden Aussagen findet sich die Gruppe Ost in West nahe an der Gruppe Ost in Ost, unterscheidet sich jedoch wie zuvor auch nicht maßgeblich von der Gruppe der Westdeutschen. 2.2.2 Autoritäre Positionen Die höhere Zustimmung der Gruppe Ost in Ost kann als Indikator für autoritäre Einstellungsmuster gesehen werden. Eine weitere Aussage mit deutlich autoritärem Charakter stellt die Forderung nach »härteren Strafen für Straftäter« dar. Hier zeigt ein Blick auf Abbildung 6 die Gemeinsamkeit der Ostdeutschen in dieser Frage im Kontrast zu den Westdeutschen und die Zwischenposition der Gruppe Ost in West. Abbildung 5: Variable für Demokratieferne »Beurteilung: Diktatur manchmal besser?« nach Jugend in Ost-West, Interview Ost-West (ALLBUS 2018) 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 71 30 Jahre Wiedervereinigung 2.2.3 Fremdenfeindliche Positionen Diese Beispiele dürften genügen, um die These zu belegen, dass durch die neue Variable Jugend in Ost-West, Interview in Ost-West eine starke Nähe der Wertestruktur zwischen den im Osten verbliebenen und den in den Westen umgezogenen Ostdeutschen aufgedeckt worden ist, die man als eine anhaltende Prägung durch die DDR interpretieren kann. Die charakteristische Mischung aus »fortschrittlichen« und »reaktionären« Einstellungen erklärt möglicherweise die häufig anzutreffende gleichzeitige Nähe vieler Ostdeutscher zur Linken und zur AfD – und den scheinbar mühelosen Übergang von der einen zur anderen. Trotz der Nähe zwischen den beiden Gruppen, die in Ostdeutschland aufwuchsen, zeigt sich auch die Besonderheit derer, die in den Westen umgezogen sind. Sie sitzen mit ihren Einstellungen gewissermaßen zwischen den Stühlen und ähneln sowohl der Gruppe der Ostdeutschen mit »Ostsozialisation« als auch den Westdeutschen mit »Westsozialisation«. Ob dies mit einer Angleichung an westliche Einstellungen zu begründen ist, oder ob diese Positionen als Voraussetzungen oder (Mit-)Auslöser der Entscheidung zur Binnenmigra- Abbildung 6: Die Variable für autoritäre Einstellungsmuster »Härtere Strafe für Straftäter?« nach Jugend in Ost-West, Interview in Ost-West (ALLBUS 2018) 72 Wolf Wagner, Ayline Heller, Hendrik Berth & Elmar Brähler tion gesehen werden können, kann auf Basis der vorliegenden Daten nicht abschließend geklärt werden. Dafür bedürfte es längsschnittlicher Analysen, die den Binnenmigrationszeitpunkt sowie die Positionen vor und nach dem Umzug berücksichtigen. 3 Die »Wessis im Osten«, die Gruppe der in Westdeutschland Aufgewachsenen, die nun im Osten wohnen (West in Ost) Die neue Variable Jugend in Ost-West, Interview in Ost-West macht es erstmals möglich, sich ein Bild von der Gruppe zu machen, die in den neuen Bundesländern eine bedeutende Rolle spielt: die Westdeutschen, die mit der Wiedervereinigung per Beitritt in den Osten gekommen sind, um diesen Beitritt zu vollziehen. Allerdings ist die Gruppe im ALLBUS-Sample mit 58 Befragten so dünn besetzt, dass alle Aussagen über sie statistisch sehr unzuverlässig sein müssen, da hier der Zufall eine große Rolle spielen kann. Dennoch kommt bei der Betrachtung der Gesamtgruppe ein stimmiges Bild zustande: Sie ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes und steht sehr häufig in genauem Gegensatz zu den Ostdeutschen, die in Ostdeutsch- Abbildung 7: Die Variable für fremdenfeindliche Einstellungsmuster »Zustimmung: BRD gefährlich überfremdet« Jugend in Ost-West, Interview in Ost-West (ALLBUS 2018) 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 73 30 Jahre Wiedervereinigung land geblieben sind, zu den Menschen also, in deren Mitte die Personen dieser Gruppe leben. Schaut man sich die Variablen des ALLBUS 2018 unter dem Gesichtspunkt an, wo die Gruppen Ost in Ost und West in Ost jeweils Extrempositionen einnehmen, entsteht ein Bild mit einiger politischer Brisanz (siehe Tab. 7): Die Gruppe West in Ost ist gebildeter, kosmopolitischer, toleranter, weltoffener, politischer, reicher, privilegierter und grüner als die Gruppe Ost in Ost. Hier treffen die Nach-68er aus dem Westen auf die stärker traditionsverbundenen Menschen aus dem Osten. Dies mag etwa erklären, warum ihnen in der Rhetorik der Rechtsextremen die Rolle eines Lieblingsfeindes zugeschrieben wird. Tabelle 7: Ausgewählte gegensätzliche Extrempositionen (höchster und niedrigster Wert unter den vier Gruppen) der Gruppen Ost in Ost und West in Ost bei alltagsrelevanten Variablen (ALLBUS 2018) Variable Ost in Ost (in %) West in Ost (in %) Härtere Maßnahmen für Umweltschutz Stimme voll zu 47,3 67,2 Härtere Strafen für Straftäter Stimme voll zu 55,8 28,6 Zuzug Flüchtlinge unterbinden Stimme voll zu 22,0 5,4 Ggfs. Kritischer Konsum Genannt 33,5 64,9 Gerechter Anteil an Lebensstandard Mehr als gerechten Anteil 3,9 19,3 Zustimmung: BRD gefährlich überfremdet Stimme gar nicht zu 16,2 50,9 Wie viele Sprachen sprechen Sie? Drei Sprachen 4,2 22,6 Befr. Hochschulabschluss Genannt 16,2 33,3 Vater: Allg. Schulabschluss Hochschulreife 13,3 32,7 Zweitstimme Bundestagswahl AfD 15,0 4,5 74 Wolf Wagner, Ayline Heller, Hendrik Berth & Elmar Brähler Variable Ost in Ost (in %) West in Ost (in %) Zweitstimme Bundestagswahl Die Grünen 5,1 22,7 Beurteilung Homosexualität Nie schlimm 67,3 92,0 4 Fazit Eine Neuauswertung der Daten des ALLBUS für 2018 mit der Variable Jugend in Ost-West, Interview in Ost-West ergibt einige neue und überraschende Einsichten, weil sie zwei bisher kaum beachtete und kaum zu recherchierende Gruppen in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt: Die im Osten Aufgewachsenen, die vor und nach der Wiedervereinigung in den Westen gezogen sind, und die im Westen Aufgewachsenen, die nach der Wiedervereinigung aus dem Westen nach Ostdeutschland gingen und dort häufig Führungspositionen eingenommen haben. Wenn man die schon lange aus der Variable Erhebungsgebiet bekannten Gruppen Ostdeutsche und Westdeutsche mit diesen Gruppen vergleicht, wird deutlich: 1. In der Gerechtigkeitsfrage als Einkommensgerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zeigt sich, dass die in Ostdeutschland gebliebenen Menschen das Lohnsystem der DDR mit seiner Ausrichtung des Familienlohns als die Summe aus einem etwa gleich großen Frauen- und Männerlohn in die neue Zeit retten und so eine annähernde Einkommensgerechtigkeit zwischen den Geschlechtern bewahren konnten. Dies wird unter Berücksichtigung der neuen Variablen besonders deutlich, weil die in den Westen gegangenen Ostdeutschen inzwischen dem westdeutschen Lohnsystem mit dem Männerlohn als Familienlohn unterliegen. 2. Der Vergleich zwischen den Antworten der im Osten gebliebenen Ostdeutschen und den in den Westen gezogenen Ostdeutschen bei Einstellungs- und Meinungsfragen zeigt eine überraschende Nähe der beiden Gruppen. Es dürfte sich dabei um ein Erbe der DDR handeln. Diese Gemeinsamkeiten sind in sich sehr widersprüchlich: Einerseits sind sie links und emanzipatorisch im Eintreten für die Selbstbestimmung der Frau und für Gleichheit als Kennzeichen der Gerechtigkeit, 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 75 30 Jahre Wiedervereinigung andererseits gibt es eine Gemeinsamkeit in puncto fremdenfeindlicher, autoritärer und demokratieferner Positionen, die zum Teil einen rechtsextremen Charakter haben. 3. Neben der Nähe der beiden Gruppen mit »Ost-Sozialisation« zeigt sich auch eine überraschende Ähnlichkeit zwischen den beiden Gruppen, die heute im Westen leben. Die Gruppe derer, die im Osten aufgewachsen sind und heute im Westen leben, nimmt damit eine besondere Stellung ein. Sie vertreten weder ganz die west- noch ganz die ostdeutschen Positionen, sondern zeigen vielmehr Überschneidungen mit beiden Gruppen ohne Binnenmigrationshintergrund. Das DDR- Erbe scheint in dieser Gruppe nur teilweise nachzuwirken. Nur eine längsschnittliche Analyse könnte hier Aufschlüsse über die genaue Ver- änderung der Einstellungen dieser Gruppe liefern. 4. Die vierte Gruppe dieser Studie, die im Westen aufgewachsenen und dann in den Osten gekommenen Befragten, die Gruppe West in Ost, ist in der ALLBUS-Befragung von 2018 so dünn besetzt, dass keine belastbaren Aussagen möglich sind. Die Daten weisen jedoch in eine bemerkenswerten Richtung: Sie scheinen geprägt zu sein von Grundeinstellungen, die aus dem Wandel der Bundesrepublik in der Folge der antiautoritären Revolte der 60er und 70er Jahre entstanden sind. Sie scheinen gebildeter, kosmopolitischer, toleranter, weltoffener, politischer, reicher, privilegierter und grüner zu sein als der Durchschnitt der Bevölkerung im Osten wie im Westen. Da sie einen gewichtigen Anteil der Führungspositionen in den neuen Bundesländern besetzen, wäre eine repräsentative Studie über diese Gruppe von besonderem Interesse. Literatur ALLBUS Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften. Supplement zum Variable Report ALLBUScompact. Kumulation 1980–2016. Nach alten/ neuen Bundesländern und Jahr tabellierte Auszählungen. Studien-Nr. 4587. Datensatz Version: 1.0.0, GESIS Datenarchiv für Sozialwissenschaften. DOI: 10.4232/1.13048 Berth, H., Förster, P., Brähler, E. & Stöbel-Richter, Y. (2007). Go West! Migration in die alten Länder, ihre Ursachen und Folgen. In Dies. (Hrsg.), Einheitslust und Einheitsfrust. Junge Ostdeutsche auf dem Weg vom DDR- zum Bundesbürger. Eine sozialwissenschaftliche Langzeitstudie von 1987–2006 (S. 177–198). Gießen: Psychosozial-Verlag. 76 Wolf Wagner, Ayline Heller, Hendrik Berth & Elmar Brähler Berth, H., Zenger, M., Stöbel-Richter, Y. & Brähler, E. (2020). Wer sind die Befürworter- Innen von PEGIDA? Eine Analyse von Daten der Sächsischen Längsschnittstudie (S. 101–114). In A. Heller, O. Decker & E. Brähler (Hrsg.), Prekärer Zusammenhalt. Die Bedrohung des demokratischen Miteinanders in Deutschland. Gießen: Psychosozial-Verlag. GESIS-Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften (2019). Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften ALLBUS 2018. GESIS Datenarchiv, Köln. ZA5270 Datenfile Version 2.0.0. DOI: 10.4232/1.13250 Schwartz, M.  & Gerstenberger, J. (2018). KfW-Mittelstandsatlas 2018: »Regionale Gesichter des Mittelstands: ein Bundesländervergleich«. https://www.kfw. de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-KfW- Mittelstandsatlas/Mittelstandsatlas-2018/KfW-Mittelstandsatlas_2018.pdf (22.05.2019). Steil, F. (1996). Unternehmensgründungen in Ostdeutschland. Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, Mannheim. Dokumentation Nr. 96-01. ftp://ftp.zew.de/pub/ zew-docs/docus/dokumentation9601.pdf (26.05.2019). Wagner, W., Berth, H.  & Brähler, E. (1999). Und Propaganda wirkt doch!? Eine empirische Überprüfung von Annahmen über die Entstehung von Einstellungsunterschieden zwischen Ost- und Westdeutschen. Report Psychologie, 24(11–12), S. 7–9. Biografische Notizen Wolf Wagner, Prof. Dr. habil., war bis 2009 Professor für Sozialwissenschaften im Fachbereich Sozialwesen an der Fachhochschule Erfurt, deren Rektor er von 2001 bis 2005 war. 1976 schrieb er den Bestseller Uni-Angst und Uni-Bluff. Wie studieren und sich nicht verlieren (letzte Überarbeitung 2007). Weiter publizierte er über Armut, Hochschule und zum Verhältnis von Ost- und Westdeutschland, so 1996 Kulturschock Deutschland. Heute lebt er im Ruhestand in Berlin. Ayline Heller, M.Sc., studierte in Frankfurt Psychologie und Linguistik. Sie ist Teil des Vorstandes der »Gesellschaft für psychoanalytische Sozialpsychologie e.V.« und promoviert derzeit im BMBF-Verbundsprojekt »DDR-Vergangenheit und psychische Gesundheit: Risiko- und Schutzfaktoren« zum Thema »Politische Einstellungen und Politisierung in Ostdeutschland: Konzepte und Determinanten von Rechtsextremismus und Autoritarismus im Spannungsfeld der DDR-Vergangenheit«. Hendrik Berth, Prof. Dr. rer. medic. habil., Dipl.-Psych., ist Leiter der Forschungsgruppe Angewandte Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie im eigenständigen Bereich für Psychosoziale Medizin und Entwicklungsneurowissenschaften an der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus der Technischen Universität Dresden. Arbeitsschwerpunkte: Transformationsforschung, Inhaltsanalyse, Krankheitsbewältigung, Arbeitslosigkeit und Gesundheit. Elmar Brähler, Prof. Dr. rer. biol. hum. habil.,, war von 1994 bis zu seiner Emeritierung 2013 Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig. Seitdem ist er Gastwissenschaftler an der Klinik und Poliklinik 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 77 30 Jahre Wiedervereinigung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Er leitet dort das BMBF-Verbundprojekt »DDR-Vergangenheit und psychische Gesundheit: Risiko- und Schutzfaktoren«. 79 Bedingungen außerfamiliärer Kleinkindbetreuung in der DDR Gibt es fassbare Einflüsse im Erwachsenenalter? Ergebnisse einer Untersuchung1 Johanna Brückner, Silke Schmidt, Elmar Brähler & Oliver Decker Einleitung Der Zusammenhang zwischen frühkindlicher Sozialisation und politischer Einstellung ist ein Thema, welches, angestoßen durch die ersten Studien zur Vorurteilsbildung und antidemokratischen Einstellung seit Mitte des 20.  Jahrhunderts, immer wieder im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Auseinandersetzung steht. Bereits die ersten Studien zur Verbreitung und zum Zustandekommen politischer Einstellungen versuchten, diese nicht nur theoretisch zu beschreiben, sondern auch empirisch zu fassen. Inspiriert durch die psychoanalytische Entwicklungspsychologie wurde die Entstehung antidemokratischer Einstellungen mit Persönlichkeitsaspekten in Verbindung gebracht, welche eng an frühkindliche Sozialisationsbedingungen geknüpft waren (Fromm, 1936). Hierüber gibt der bekannte Begriff der »Authoritarian Personality« schlagend Auskunft (Adorno et al., 1950). Auch wenn in der wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzung mit vorurteilsbehafteter und antidemokratischer Einstellung heute zahlreiche weitere Erklärungsansätze mit empirischer Evidenz herangezogen werden (vgl. etwa Desintegrations- oder Deprivationthese, Postmaterialismus/Materialismus sensu Inglehardt oder sozialkognitive Ansätze, vgl. Decker, Brähler & Geissler, 2006), hat doch die sogenannte »Sozialisations- oder Persönlichkeitsthese« für die Erklärung politischer Einstellung immer noch großes Gewicht. Dies wurde auch für die außerwissenschaftliche Öffentlichkeit in der Beschäftigung mit der Auswirkung der spezifischen Vorschulunterbringung der DDR sichtbar. Pointiert hatte der niedersächsische Kriminologe 1 Dieser Beitrag erschien erstmals 2010 in der Zeitschrift Psychoanalyse. Texte zur Sozialforschung, 14(2), S. 219–236. 80 Johanna Brückner, Silke Schmidt, Elmar Brähler & Oliver Decker Pfeiffer 1999 die These aufgestellt, dass sich die stärkere fremdenfeindliche Gewalt in Ostdeutschland dadurch erkläre, dass die Täter und Täterinnen in Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen autoritär erzogen worden seien. Sie wären in der DDR von starren Regeln eingeengt und an einer gesunden Entwicklung zum sich selbst vertrauenden Individuum gehindert worden. Stattdessen soll die Erziehung, die als größte Qualitäten das Sich-Einordnen im Kollektiv sowie Disziplin, Ordnung und Sauberkeit verstand, Verunsicherung erzeugt haben, die sich jetzt in aggressivem Verhalten gegenüber Minderheiten und geschaffenen Feindbildern entlade (Pfeiffer, 1999). Er sorgte, was nicht überraschen konnte, für eine hochemotionale Diskussion. Grundsätzlich hatte Pfeiffer nicht nur die ersten oben genannten Studien, sondern auch jüngere Befunde zum Zusammenhang von Sozialisation und politischer Einstellung auf seiner Seite (Hopf, 1993; Hopf & Hopf, 1997; Decker et al., 2008) und stand mit seiner provokant aufgeworfenen These nicht alleine (einen Überblick geben Hopf, Silzer & Wernich, 1999), zumal der Autoritarismus sich nach wie vor als Konzept zur Erklärung von vorurteilsbehafteten Einstellungen bewährt und damit der Zusammenhang von Einstellung und Sozialisation noch einmal eindrücklich belegt wird (Fuchs, 2003). Der Stellenwert von Persönlichkeitsaspekten beim Zustandekommen von antidemokratischen Einstellungen gewinnt entsprechend auch wieder einen prominenten Platz in der Forschung (Schumann, 2005; Winkler, 2005). Trotzdem krankte die öffentlich vorgebrachte These Pfeiffers an verschiedenen Schwächen: Ganz grundsätzlich liegt ein erkenntnistheoretisch, vorsichtig formuliert, problematischer Schluss vor: Wenn, wie in der DDR, ganze Jahrgänge fast geschlossen in Krippen betreut worden sind, ist es zwingend, und kein Datum mit hoher Erklärungskraft, dass auch rechtsextreme Täter und Täterinnen in der Krippe waren. Das nach wie vor deutlich höhere rechtsextrem motivierte Gewaltpotenzial in Ostdeutschland (Bundesministerium des Innern, 2009) ist weiterhin nicht das einzige zu betrachtende Datum. Die rechtsextreme Einstellung ist in West- und Ostdeutschland nicht eindeutig unterschiedlich, und in Ostdeutschland schon gar nicht durchgängig höher ausgeprägt. Pfeiffer ließ gleichzeitig mit der rechtsextremen Einstellung auch die Bedingungen außer Acht, welche von der Einstellung zur Handlung führen. Zwar ist der Zusammenhang von Rechtsextremismus und Sozialisationserfahrung empirisch gut gesichert, aber gleichzeitig ist eine antidemokratische Erziehung kein Privileg der DDR gewesen. Mit Blick auf die Einstellung fällt ins Auge, dass 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 81 Bedingungen außerfamiliärer Kleinkindbetreuung in der DDR diese in Ost- und Westdeutschland gleichermaßen weit verbreitet ist und zeitabhängig in Westdeutschland häufiger geäußert wird (Decker, Brähler & Geissler, 2006). Mit Blick auf die Erziehungsideale muss auch der Bundesrepublik Deutschland ein bis in die 1980er Jahre fortwirkendes Erziehungsideal der Härte attestiert werden (Decker et al., 2008; Klitzing, 2008). Nichtsdestotrotz bekommt die Beschäftigung mit der Wirkung der au- ßerfamiliären, frühkindlichen Betreuung in der DDR ihre Brisanz nicht alleine durch die Frage nach den Entstehungsbedingungen rechtsextremer Einstellung. Auch der in jüngerer Zeit diskutierte Ausbau der Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren macht die Frage nach der Wirkung dringlich. Es fällt im Kontrast zur Dringlichkeit auf, dass in der Literatur, in teilweise hochemotionalisierten Debatten um die außerfamiliäre Betreuung, historisch spezifische Formen völlig außer Acht gelassen werden (Harsch, 2008). Da aber, wie der Begriff der Sozialisation bereits verrät, die konkreten gesellschaftlichen und damit historisch besonderen Bedingungen der Kinderbetreuung dieselbe in höherem Maße bestimmen, sind sie auch für die Krippenunterbringung in der DDR zu fassen. Im Hinblick auf die dürftige Forschungslage wurde die folgende Untersuchung durchgeführt: Sie beschäftigt sich vor allem mit der Vorschulunterbringung, um darauf aufbauend die Wirkung derselben empirisch zu erfassen. 1 Außerfamiliäre Betreuung in der DDR 1.1 Rechtlicher Rahmen und Häufigkeit der außerfamiliären Betreuung In der Deutschen Demokratischen Republik waren bereits in der Verfassung von 1949 die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie das Recht der Frauen auf einen Arbeitsplatz aufgeführt. Damit mussten die Frauen von ihren familiären Verpflichtungen entlastet und ihnen ein Berufsleben ermöglicht werden. Aber erst die sinkende Geburtenrate in den 1960er Jahren zwang dazu, die normative Gleichstellung durch eine Ver- änderung der Bevölkerungspolitik in die Realität zu überführen. Eine stärkere Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf sollte gefördert werden. Auf dem VIII. Parteitag der SED 1971 wurden zahlreiche sozialpolitische 82 Johanna Brückner, Silke Schmidt, Elmar Brähler & Oliver Decker Maßnahmen beschlossen, um die Situation für Mütter zu verbessern. Unter anderem wurde die Verkürzung der Arbeitszeit von Müttern eingeführt, ein bezahlter Haushaltstag, erhöhter Grundurlaub sowie die Freistellung zur Pflege kranker Kinder. Außerdem sollte sich der Versorgungsgrad mit Kinderbetreuungseinrichtungen auf 90 % belaufen (o.V., 1988; Opielka, 2002; Onnen-Isemann, 2003). Ab dem Jahre 1976 konnte die Mutter beim zweiten Kind ein »Babyjahr« einlegen und ab 1986 war das bereits beim ersten Kind möglich. Die Bezahlung erfolgte in der Höhe des Krankengeldes, lag aber mindestens bei 250 Mark im Monat beim ersten bzw. 300 Mark beim zweiten Kind. Somit erhielt die Frau in der Regel monatlich zwischen 70 % und 90 % des durchschnittlichen Nettoeinkommens vom Staat (Braun & Klein, 1995, S. 237). Auf Wunsch konnte sich die Frau anschließend noch weitere zwei Jahre ohne Bezahlung von der Arbeit befreien lassen, während ihr die Betriebszugehörigkeit zugesichert blieb. Entschied sie sich, nach dem zwölfwöchigen Mutterschutz wieder ihre berufliche Tätigkeit aufzunehmen, konnte ihr Kind eine Krippe besuchen, wenn ein Platz vorhanden war. In den 80er Jahren nutzten die Mütter in der Regel das Babyjahr, um ihr Kind im ersten Lebensjahr selbst betreuen zu können, da sie finanziell abgesichert waren. Anschließend gaben die meisten ihr Kind in eine Kinderkrippe (siehe Tab. 1 und 2). Aufgrund der entwicklungshemmenden Konsequenzen wurde die Anzahl der Dauerheime sowie der Wochen- und Saisonkrippen deutlich reduziert, bis diese in den späten 80er Jahren kaum noch eine Rolle spielten (vgl. Tab. 3). Ab dem dritten Lebensjahr bis zur Schuleinführung wurde nahezu jedes Kind (vgl. Tab. 2) in staatlichen oder betrieblichen Kindergärten betreut. Es gab auch hier die verschiedenen Varianten wie Dauerheime, Saison- und Wochenkindergärten (Seidel, 1991; Ahnert, 1997). Diese Spezialeinrichtungen spielten jedoch eine noch weitaus geringere Rolle als die vergleich- Tabelle 1: Alterszusammensetzung in den Krippen der DDR (Grosch, 1995, S. 23) Jahr < 1 Jahr 1 bis < 2 Jahre 2 bis < 3 Jahre > 3 Jahre 1970 20,6 37,8 39,6 2,6 1975 22,5 38,4 38,4 1,0 1980 10,5 42,8 45,5 1,2 1985 8,5 40,6 49,4 1,5 1988 1,0 43,9 53,7 1,3 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 83 Bedingungen außerfamiliärer Kleinkindbetreuung in der DDR baren Krippeneinrichtungen. Ferner existierten Sonderkindergärten für behinderte oder hilfsschulbedürftige Kinder und alternativ zu den staatlichen und betrieblichen Einrichtungen eine kleine Anzahl von kirchlichen Krippen und Kindergärten. 1979 unterhielt die evangelische Kirche 320  Kindergärten, die von 17.000 Kindern besucht wurden, was etwa 2,5 % aller Kindergartenkinder der DDR entsprach (Waterkamp, 1987, S. 86). Die Krippen waren ab 1976 zwischen 6.00 und 19.00 Uhr geöffnet (ebd., S. 73), d.h., theoretisch stand den Müttern eine 13-stündige Betreuung ihrer Kinder zur Verfügung, wobei sich die Kinder im Durchschnitt 8,3 Stunden, und immerhin ein Drittel der Kinder über 9 Stunden in der Krippe aufhielt (Zwiener, 1991, S. 109). In einer Krippengruppe befanden sich in der Regel zwischen 16 und 18 Kinder, für die drei Erzieherinnen verantwortlich waren – dies entspricht einem theoretischen Betreuerin- Kind-Schlüssel von etwa 1:6. Durch die langen Öffnungszeiten und eventuelle Ausfälle lag der Schlüssel praktisch jedoch eher bei 1:9 (Zwiener, Tabelle 2: Die Versorgung mit Krippen- und Kindergartenplätzen in der DDR (in %) bezogen auf die jeweilige Altersgruppe (Tietze & Rossbach, 1991, S. 557) Jahr Krippen, Kinder unter 3 Jahren Kindergärten, Kinder 3–6,5 Jahre* 1960 9,9 46,1 1970 23,6 64,5 1975 44,2 84,6 1980 40,5 92,2 1985 49,8 93,4 1989 55,6** 95,1 * bis 1980 bezogen auf Kinder von 3–6, 9/12 Jahren, ab 1985 von 3–6, 7/12 Jahren ** entspricht 82 % der 1- bis 3-Jährigen Tabelle 3: Prozentuale Verteilung der Plätze in den einzelnen Einrichtungsarten der Krippen der DDR (Institut für Medizinische Statistik und Datenverarbeitung, 1990, S. 4) Jahr Tageskrippen Wochenkrippen Saisonkrippen Dauerheime 1965 56,1 26,9 11,3 5,8 1970 72,0 18,7 5,1 4,2 1980 92,1 6,2 0,1 1,6 1985 95,3 3,2 0,02 1,5 1989 97,1 1,6 - 1,3 84 Johanna Brückner, Silke Schmidt, Elmar Brähler & Oliver Decker 1991, S. 20). Die Aufteilung der Gruppen folgte in der Regel nach dem Alter. So gab es die Säuglingsgruppe für Kinder unter neun Monaten, die erste Kleinkindgruppe für Kinder unter 20 Monaten und die zweite Kleinkindgruppe für die übrigen Kinder unter drei Jahren (Waterkamp, 1987, S. 75). Der organisatorische Hauptunterschied bestand darin, dass die erste Gruppe drei Schlafzeiten, die zweite zwei und die dritte eine hatte. Die monatlichen Kosten von etwa 180 Mark pro Kind wurden vom Staat getragen, lediglich das Verpflegungsgeld musste gezahlt werden. Kinderreiche Familien erhielten auch hierfür staatliche Unterstützung (Günther, 1979, S. 29). Die Betreuerinnen hatten zu über 80 % einen Fachschulabschluss als Krippenerzieherin oder Kinderkrankenschwester, die restlichen 20 %, sogenannte »Krippenhelferinnen«, durften nur unter Anleitung arbeiten (Weber, 1996, S. 184). Sehr deutlich fällt bei den gewählten Maßnahmen die Grenze der Emanzipation ins Auge. Es wurden Bedingungen geschaffen, die in der Bundesrepublik Deutschland bei Weitem nicht erreicht waren. Aber die tatsächliche Aufteilung der familiären Aufgaben zwischen Männern und Frauen stand bei der Gesetzgebung nicht nur nicht im Vordergrund, sondern wurde auch strukturell verhindert. 1.2 Krippenerziehungsziele und -ideale in der DDR Neben den bevölkerungspolitischen Zielen, die mit der flächendeckenden Einführung der Krippenerziehung verbunden waren, galt die Aufmerksamkeit der DDR-Regierung auch einer weiteren Funktion der Krippen: der Erziehung im Sinne der politischen Staatsziele. Es lassen sich für die DDR-Krippen Erziehungsziele von Erziehungsidealen unterscheiden. Mit den Erziehungszielen sollen jene ausdrücklich formulierten Ziele benannt werden, welche von staatlicher Seite als Orientierung an die Krippen gegeben worden sind. Mit Erziehungsidealen sind mehr jene in die Erziehung eingehenden Vorstellungen vom Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen gemeint, die sich als implizite Vorstellungen aus den Erziehungszielen ableiten lassen. Für beide lassen sich in der Entwicklung des Krippenwesens in der DDR unterschiedliche Phasen ausmachen. Bei der Auswertung der vorliegenden Dokumente ist zu berücksichtigen, dass die Vorgaben nicht eins zu eins umgesetzt worden sein müssen. Es gab hinsichtlich der Betreuung einen Spielraum, der von den Krippen genutzt werden konnte 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 85 Bedingungen außerfamiliärer Kleinkindbetreuung in der DDR und wohl auch genutzt worden ist. Auch muss berücksichtigt werden, dass Krippenerzieherinnen mit anderen als den offiziellen Erziehungszielen und -idealen an die Kinder herangetreten sein können (Israel, 2008). Dass diese Erziehungsideale nicht nur unverbindliche Regelwerke waren, hing mit der strukturellen Einbettung der Krippen zusammen. Organisation und Struktur der Kinderkrippen der DDR waren für das gesamte Land verbindlich und einheitlich geregelt. Ab 1965, mit der Eingliederung der Krippen in das einheitliche sozialistische Bildungssystem, diente die Krippe neben der Betreuung und Pflege auch zur Bildung der Kinder und zur Erziehung zum sozialistischen Menschen (Küchler, 1983, S. 52) und sollte so möglichst allen Kindern zur Verfügung stehen. Aber bereits davor und danach flossen in die Erziehung auch andere, kulturelle Idealvorstellungen von Erziehung ein. 1.2.1 Ordnung und Sauberkeit Nachdem 1957 ein erster pädagogischer Leitfaden für Kinderkrippen ver- öffentlicht wurde, gab das Ministerium für Gesundheitswesen 1968 ein Erziehungsprogramm als unverbindliche Diskussionsgrundlage heraus (Waterkamp, 1987; Ahnert, 1998). Eva Schmidt-Kolmer, Fachärztin für Sozialhygiene, die 1966 die Zentralstelle für Hygiene des Kindes- und Jugendalters gründete und diese bis zu ihrem Ruhestand leitete (Arndt, 2002), entwickelte dieses Programm und publizierte es in dem Buch Pädagogische Aufgaben und Arbeitsweisen in der Krippe, welches von 1968 bis 1985 als Leitfaden für die Kinderbetreuung galt. Es befasst sich u. a. mit Erziehungsaufgaben, die bis zum zweiten Lebensjahr vierteljährlich und für das dritte Lebensjahr halbjährlich altersspezifisch aufgelistet sind. Dabei waren diese Erziehungsziele weniger von direkten politischen Vorgaben geprägt als von einer Idee der Reinlichkeit und Ordnung. So sollten zum Beispiel alle Kinder ab dem 7.–9. Monat, wenn sie selbstständig sitzen konnten, etwa drei bis vier Mal täglich auf den Topf gesetzt werden. Ab dem Alter von 10–12 Monaten sollten die Kinder bereits tagsüber keine Windeln mehr tragen und mit 16–18 Monaten am Tag nicht mehr einnässen (Schmidt-Kolmer, 1976, S. 48). Nicht nur das Primat der Reinlichkeitserziehung vor der Unterstützung bei psychischen Entwicklungsaufgaben gibt Zeugnis vom mehr medizinischen als pädagogischen Hintergrund der Zentralstelle. Auch die Dokumentation erinnert an medizinische Dokumentationssysteme. Durchgeführte Erziehungsaufgaben waren in Ent- 86 Johanna Brückner, Silke Schmidt, Elmar Brähler & Oliver Decker wicklungsbögen, von denen jedes Kind einen eigenen hatte, in Tages- und in Monatsplänen niederzulegen. Die solcherart gewonnen Informationen über die Qualität der Erziehungsarbeit und über den Entwicklungsstand jedes einzelnen Kindes (ebd., S. 110) hatten wenig mit der psychischen Entwicklung der Kinder zu tun und geben Zeugnis von den zugrundeliegenden Erziehungsidealen (vgl. Israel, 2008, S. 106). Das Krippenprogramm war zwar von starken Regeln eingeschränkt und ließ wenig individuelle Spielräume, doch verfolgte es vordergründig weniger die ideologische Erziehung. Eine Ursache dafür mag sein, dass die Krippen nicht dem Ministerium für Volksbildung, sondern dem Gesundheitsamt untergeordnet waren. In den Jahren 1957–1960 wurden an der Humboldt-Universität Berlin die ersten Untersuchungen durchgeführt, die Aussagen über die Qualität der Kinderkrippen erlauben sollten. Die Resultate ergaben, dass Krippenkinder im Vergleich zu den in der Familie betreuten Kindern Entwicklungsrückstände aufwiesen. Ebenfalls bestand ein deutlicher Entwicklungsabstand zwischen Kindern aus Wochen- und denen aus Tageskrippen, der allerdings geringer ausgeprägt war als der zu den familienbetreuten. Diese Rückstände betrugen Ende des dritten Lebensjahres etwa fünf Monate und bezogen sich vor allem auf das Sprechen, das Bilderkennen, die sozialen Reaktionen, die Körpergewandtheit, die Motorik, das Wachstum und die erhöhte Morbidität (Waterkamp, 1987, S. 64). Obwohl diese Verzögerungen als aufholbar galten, bewirkten die Analysen, dass sich die Krippen verstärkt erzieherisch ausrichteten und nicht nur die Pflege der Kinder im Vordergrund stand. Als nachteilig wurde ebenfalls der häufige Wechsel von Bezugspersonen erkannt. Eine Untersuchung Zwieners zeigte, dass an 20 Registriertagen in 725 Krippen durchschnittlich 5,7 verschiedene Erzieherinnen eine Kindergruppe betreuten. Dabei spielte der Einrichtungstyp eine wesentliche Rolle. Bei Tageskrippen lag die Zahl deutlich niedriger als bei Wochenkrippen, da es durch kürzere Öffnungszeiten einen geringeren schichtbedingten Betreuerinnenwechsel pro Tag gab, sowie durch eine mehrwöchige Schließung der Krippe alle Kinder und Betreuerinnen gleichzeitig Urlaub nehmen mussten (Zwiener, 1991, S. 111). Zur Optimierung der individuellen Förderung sollten die Krippenkinder regelmäßig prophylaktisch untersucht werden: Ihr körperlicher Entwicklungszustand (Größe, Gewicht, Motorik) sowie Lern-, Sprach- und Sozialverhalten wurden in regelmäßigen Abständen dokumentiert, um frühzeitig Retardierungen festzustellen. Kinder, bei denen eine verzögerte 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 87 Bedingungen außerfamiliärer Kleinkindbetreuung in der DDR Entwicklung erkannt wurde, sollten eine besondere Förderung erhalten. Unter Umständen verlegte man sie in Sonderkrippen, in denen besonders geschultes Personal und ein günstigerer Betreuer-Kind-Schlüssel optimale Förderbedingungen für die Kinder gewährleisteten und gleichzeitig dadurch die normalen Krippen von besonders schwierigen Kindern entlastet wurden. Als jeweilige Ursachen für eine Retardierung sollten zum einen organische Ursachen (Geburtskomplikationen, Erkrankungen etc.), zum anderen soziale Ursachen (Milieufaktoren, auffällige Eltern, Familienstruktur etc.) in Fragebögen erfasst werden, um optimale ursachenbezogene Förderung zu gewährleisten (Eggers & Wagner, 1970, S. 11ff.). Inwiefern die Betreuung selbst kindgerecht und entwicklungsfördernd war, wurde nicht infragegestellt. 1985 gab es eine umfassende Überarbeitung des Erziehungsprogramms, welche vom Ministerium für Gesundheitswesen als zentral erlassene, verbindliche Arbeitsgrundlage festgelegt wurde. Eine offenere Sicht auf das Kind, auf pädagogische Sachverhalte, auf Erziehungsmöglichkeiten und -grenzen bildete das Gerüst für die Erneuerungen (Weber, 1989, S. 209). Eine der Veränderungen war, dass die Individualität der Kinder ohne jegliche Einschränkungen respektiert werden sollte (ebd., S.  14). Kleinere Gruppen (6–12 Kinder) Gleichaltriger wurden befürwortet, wobei es sich hierbei nicht um ein Verbot gemischter Gruppen handelte (Krippenordnung §5, Abschn. 1 in Weber, 1996, S. 212), sondern die altershomogenen Gruppen lediglich für die Erzieherinnen wegen der ähnlichen pflegerischen Ansprüche und der Tagesrhythmik einen Vorteil boten. Ein Beispiel für die in Angriff genommenen Veränderungen ist die Eingewöhnungsphase: Eine Eingewöhnungsphase für neu aufgenommene Kinder war bis in die 80er Jahre nur im Sinne einer langsam zunehmenden Verweildauer angedacht. Vertraute Bezugspersonen durften ihre Kinder in der Regel nicht durch die ersten Tage begleiten, da der Aufenthalt der Eltern in den Betreuungsräumen aus hygienischen Gründen nicht erlaubt war. Dies änderte sich ebenfalls mit dem neuen Erziehungsprogramm (Weber, 1989). Der Ministerrat legte im 1985er-Programm folgende Schwerpunkte fest: Erhaltung und Förderung der Gesundheit der Kinder standen an oberster Stelle. Dies sollte erreicht werden durch einen geregelten und harmonischen Tagesablauf, die Befriedigung der Bedürfnisse durch Anerziehung hygienischer Verhaltensweisen und Gewohnheiten und die 88 Johanna Brückner, Silke Schmidt, Elmar Brähler & Oliver Decker Möglichkeit zu Bewegung und Betätigung. Außerdem sollten die Sinnes-, Wahrnehmungs- und Erkenntnistätigkeit der Kinder sowie das gegenständliche Handeln, das Spiel und andere Tätigkeiten ausgebildet werden. Beachtung geschenkt werden sollte ebenfalls der Förderung des Spracherwerbs, der moralisch-sittlichen Erziehung der Kinder und der Entwicklung positiver Beziehungen zwischen Erzieherinnen und Kind und den Kindern untereinander. Besonders große Aufmerksamkeit hatte die Erziehung zu Ordnung und Selbständigkeit sowie die Aneignung sozialer Verhaltensnormen (Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik, 1985, S. 11). Hier wird deutlich, dass es neben der offenen Frage, wie weit sich die neuen Erziehungsziele in den Krippen implementieren ließen, auch in den Richtlinien selbst ein Nebeneinander von kindlicher Entwicklungsförderung als Ziel und restriktiver Vorgabe gab. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Erziehungsideale ein sehr funktionalistisches Bild von kindlicher Entwicklung hatten. Die über die Jahre durchgängig hervorgehobenen Ziele der Ordnung und Reinlichkeit machen deutlich, dass die emotionale Entwicklung und Zuwendung administrativ eine geringe Rolle spielten. Das im Hintergrund stehende Erziehungsideal weist eine Kontinuität auf, die nicht DDR-spezifisch ist (Klitzing, 2008). Insgesamt herrschte in Deutschland auch nach 1945 das Erziehungsideal der Härte und Ordnung vor, welches keinen bis wenig Raum für kindliche Bedürfnisse ließ. Für die Bundesrepublik Deutschland wird das auch eindrücklich durch die Langzeitwirkung von Kriegstraumatisierung bei heute über 60-Jährigen belegt, die für ihre Erlebnisse weder Raum noch Sprache von den Erwachsenen angeboten bekommen haben (Kuwert et al., 2009). So ist es hochplausibel, dass die gesamtdeutschen Erziehungsziele nach 1945 zum einen weiterhin durch ein Ideal der Härte geprägt waren; zum anderen hat die Verdrängung des Angriffs- und Vernichtungskrieges durch die Elterngeneration eine dauerhafte Abwehr hervorgebracht, welche das Bewusstwerden und Aussprechen von innerpsychischen Vorgängen schwer bis unmöglich machte und das Erziehungsziel eines reibungslosen Funktionierens des Kindes in den Vordergrund stellte. 1.2.2 Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit Organisation und Struktur der Kinderkrippen der DDR waren für das gesamte Land verbindlich und einheitlich geregelt. Dies betraf z. B. Grup- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 89 Bedingungen außerfamiliärer Kleinkindbetreuung in der DDR pengröße, Personalschlüssel, Hygienestandards, Bildung und Erziehung nach vorgegebenem Programm und Öffnungszeiten (Grosch, 1995, S. 26). Aber nicht nur formale Aspekte und Ideale, auch die Erziehungsinhalte waren zentral organisiert. Die Krippenleiterin war verantwortlich für die politisch-ideologische Arbeit, die inhaltliche Führung und die Arbeitsorganisation innerhalb ihrer Einrichtung (Krippenordnung Pkt. 11, Abs. 1 in Weber, 1996, S. 181). Damit hing die Art der Führung der Kinderkrippen stark davon ab, wie politisch engagiert und staatstreu die Leiterinnen ihrer Arbeit nachgingen. In jedem Fall galt die Krippe als die erste Stufe des einheitlichen Bildungssystems der DDR, welches zum Ziel hatte, sozialistische Persönlichkeiten zu formen, die sich durch folgende Eigenschaften auszeichnen sollten: hohe Allgemein- und Spezialbildung, fester Klassenstandpunkt, belastungswillige Einsatz-, Leistungs- und Arbeitsmotivation, gesellschaftspolitisches Engagement für den Sozialismus, sozialistischer Patriotismus, proletarischer Internationalismus, Zielstrebigkeit, Willensstärke, Ausdauer, Mut, Entschlossenheit, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Bescheidenheit, Kollektivität, Rücksichtnahme und Durchsetzungsfähigkeit (Launer, 1970, S. 15f.; Schmidt, 1996, S. 27f.). Als Grundüberzeugungen sozialistischer Persönlichkeiten galten nach Neuner, der seit 1970 Präsident der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften und Mitglied des Zentralkomitees war, patriotisches Empfinden, Freundschaft zur Sowjetunion und Hass dem Imperialismus (Neuner, 1978, S. 16). Launer, Mitarbeiterin des Wissenschaftsbereichs Vorschulpädagogik der Sektion Pädagogik der Humboldt-Universität Berlin, beschreibt die im Vorschulalter zielstrebig herauszubildenden Persönlichkeitseigenschaften folgendermaßen: »Es sind in erster Linie solche, die das Kind zum eigenen Handeln innerhalb der Gemeinschaft befähigen. Ungeachtet dessen, dass viele Persönlichkeitseigenschaften bei zielgerichteter Bildung und Erziehung bereits im Vorschulalter in elementarer Form entwickelt werden, meinen wir, dass vor allem durch die Entwicklung von Selbständigkeit, Zielgerichtetheit, Initiative und Gemeinschaftsgefühl entscheidende Grundlagen für die Formung der sozialistischen Persönlichkeit geschaffen werden« (Launer, 1970, S. 18f.). In dem von Neuner 1978 verfassten und bereits zitierten Buch über die sozialistische Persönlichkeit erkennt man die besondere Priorität der Erzie- 90 Johanna Brückner, Silke Schmidt, Elmar Brähler & Oliver Decker hung zum Kollektiv. Schmidt beschreibt es folgendermaßen: »Die Unterordnung des eigenen Willens unter die Gruppenabsichten weist schon auf die vom Erwachsenen erwartete ›Einsicht in gesellschaftliche Notwendigkeiten‹ hin, die von klein auf durch die Erziehung im Kollektiv befördert werden sollte« (Schmidt, 1996, S. 65). Ein weiteres Ziel, welches man mit der Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit anstrebte, war die Vorbereitung der Kinder und späteren Jugendlichen auf den Einsatz für den Frieden. Der Begriff des Friedens wurde untrennbar mit dem Sozialismus verbunden, und durch die Kategorisierung wurden Feindbilder erschaffen: Wenn der Sozialismus mit Frieden gleichzusetzen war und mit dem Guten, dann konnte der Imperialismus nur für den Krieg und das Böse stehen (Israel, 2008). Arbeitsmaterialien für den Kindergarten, die auf diesem polarisierenden Grundschema beruhten, Wehrerziehung als friedenssichernde Maßnahme bis hin zur Einführung des obligatorischen Wehrkundeunterrichts ab der neunten Schulklasse, bargen die Gefahr der frühzeitigen Fixierung auf ein Freund-Feind-Denken und die Gewöhnung an Gewalt als Lösung von Konflikten (Schmidt, 1990, S. 22; Anweiler et al., 1992, S. 429; Schmidt, 1996, S. 123f.). Eng verbunden mit dem Ziel, sozialistische Persönlichkeiten zu formen, waren die oben bereits beschriebene frühe Sauberkeitserziehung, Hygiene, Ernährung und Ordnung im Tagesablauf. So hoffte man, mit der Anerziehung eines bestimmten Schlaf-Wach-Rhythmus und Sauberkeit bis Ende des zweiten Lebensjahres, spätere Idealeigenschaften wie Ordnung, Pünktlichkeit und Pflichtbewusstsein günstig zu beeinflussen (Karutz, 2001, S. 47). Ebenfalls sollten durch pädagogisch angeleitete Prozesse im Spiel oder während der Beschäftigung die Grundlagen für Rücksichtnahme, Bescheidenheit und Disziplin gelegt werden. Diese Prägung sollte durch lange Betreuungszeiten günstig beeinflusst werden, da Einfluss und Kontrolle für Staat und Partei innerhalb der Institutionen bedeutend größer waren als in der Familie (Nentwig-Gesemann, 1999, S. 22). Von den Erzieherinnen wurde erwartet, dass sie sich mit dem System identifizierten und sämtliche erzieherische Situationen vom Standpunkt der politischen sowie der gesellschaftlichen Entwicklung aus einschätzten und bewältigten. Die ideologische Erziehung sollte als Kernstück aller Erziehung betrachtet werden (Neuner, 1978, 11). Die Erzieherin hatte die Aufgabe, dem Kind führend zur Seite zu stehen. Die Kinder wurden so eher in bestimmte Richtungen gelenkt, als dass man der eigenen Entwicklungsdynamik des Kindes vertraute (Neugebauer, 2007, S. 32). Eine solche Art von Führung, die päd- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 91 Bedingungen außerfamiliärer Kleinkindbetreuung in der DDR agogische Führung, diente der Anpassung des Kindes an die Werte und Forderungen der Erwachsenengesellschaft (Liegle, 1988, S. 42). Die Ursache für dieses Führungsverhalten liegt u. a. im Kindheitskonzept der DDR begründet, welches auch als Defizitmodell bezeichnet wurde: »Dieses Modell […] besagt: Was Kinder auch immer fühlen, denken und tun – allemal bleiben sie infolge ihrer Unfertigkeit weit hinter dem Erwachsenen zurück, der à priori tiefer fühlt, besser schlussfolgert und planmäßiger handelt. Also besteht unsere Aufgabe darin, das Kind so schnell wie möglich erwachsen zu machen […] Erwachsensein ist die erstrebte Idealnorm; Erziehung und Bildung laufen darauf hinaus, das Kind gleichsam vom Kindsein zu ›erlösen‹« (Schmidt, 1982, S. 75). Die Erziehung nach festen Vorgaben, hin zu einem vom Staat erschaffenen idealen Menschen, die Erziehung zu Kollektivität, Ordnung und Sauberkeit – so einfach und schematisch sich dies ideologisch anhört, umso schwieriger ist die konsequente Umsetzung. Natürlich gab es strenge Vorgaben und Kontrollen, doch wie sich jede einzelne Erzieherin den Kindern gegenüber verhalten hat, ist heute schwer nachzuweisen. Nentwig-Gesemann befragte rückwirkend Erzieherinnen Berlins und in ländlichen Gegenden Brandenburgs zur Umsetzung des Erziehungsprogramms von 1985: »Während in der Metropole Berlin und insbesondere in großen Einrichtungen die programmatischen Vorgaben und die Kontrolle ihrer Einhaltung einen starren, normativen Rahmen bildeten, innerhalb dessen die Erzieherinnen ihre Orientierungen entwickelten und ihr Handeln gestalteten, wurde im ländlichen Milieu und in kleinen Einrichtungen die Dominanz der normativen, leistungsorientierten, am Kollektiv orientierten Einwirkungspädagogik durch die Erfahrung abgemildert, in einem Schutzraum mit relativer Distanz zur staatlichen Kontrolle zu agieren und damit Spielräume relativ gefahrlos, weil unbemerkt, nutzen zu können« (Nentwig-Gesemann, 1999, S. 189). Schmidt fasst das folgendermaßen zusammen: »Es wäre ein fundamentaler Irrtum anzunehmen, die Erziehungsrealität in der DDR sei ausschließlich durch die […] offiziellen Intentionen, Induktio- 92 Johanna Brückner, Silke Schmidt, Elmar Brähler & Oliver Decker nen und Indoktrinationen determiniert worden. Persönlichkeitsstruktur, Erleben und Verhalten der Heranwachsenden waren primär durch inoffizielle Konzepte beeinflusst, die im öffentlichen Meinungsalltag sozialer Netzwerke ihres Lebensraums, in den Köpfen der Eltern, aber auch einer Vielzahl staatlich angestellter professioneller Pädagogen mit ihrem ›gesunden Menschenverstand‹ präsent waren. Wäre es anders gewesen, dann hätten wir eine Persönlichkeitsdeformation als Massenphänomen registrieren müssen, und die hat es nicht gegeben« (Schmidt, 1996, S. 41). Es bleibt aber festzuhalten, dass die Erziehungsziele mit den Erziehungsidealen nicht konfligierten, sondern eine auch für Westdeutschland bis in die 70er Jahre typische Allianz aus autoritärem und antidemokratischem Erziehungsstil (und -ideal) und Erziehungszielen eingegangen sind. Während in Westdeutschland allerdings bereits in den 1960er Jahren durch die Studierendenbewegung eine Demokratisierung der Bildungsinstitutionen eingetreten ist, blieben trotz eines sich in den 1980er Jahren abzeichnenden Wechsels die Bildungsinstitutionen weiterhin autoritär organisiert. 2 Ergebnisse: Persönlichkeit und politische Einstellung in Abhängigkeit von der Vorschulunterbringung Im Mittelpunkt der von uns durchgeführten Untersuchung steht nicht der Rechtsextremismus, sondern die Persönlichkeitsentwicklung allgemein. Wenn die Kinder der DDR an der Entwicklung zum sich selbst vertrauenden Individuum gehindert worden wären, dann müsste sich dies ebenso in weiteren Persönlichkeitseigenschaften niederschlagen, und es müssten Unterschiede im Vergleich zu den Westdeutschen messbar sein. 2003 und 2004 erfolgte dazu eine empirische Erhebung mittels Fragebögen an Studierenden der Medizin in Leipzig bzw. der Psychologie in Hamburg. Erfasst wurden dabei zum einen die Art und Dauer der Vorschulunterbringung sowie soziodemografische Größen wie Geschlecht, Herkunft, familiärer Hintergrund etc. Zum anderen wurden Persönlichkeitsmerkmale, das subjektiv empfundene elterliche Erziehungsverhalten, Angst und Depressivität, bindungsbezogene Einstellungen und die Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen untersucht. Insgesamt konnten 162  Studierende in die Auswertung einbezogen werden, von denen 94 ihre Kindheit in der DDR verbrachten und 62 in 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 93 Bedingungen außerfamiliärer Kleinkindbetreuung in der DDR der damaligen BRD. Sechs weitere ließen sich nicht einem Teil Deutschlands zuordnen. Insgesamt besuchten 68 dieser Studierenden zuerst eine Krippe und später einen Kindergarten, 53 nur einen Kindergarten und 40 waren im Vorschulalter nicht institutionell untergebracht (siehe Tab. 4 und 5). Das durchschnittliche Alter der Probanden und Probandinnen betrug zum Untersuchungszeitpunkt 23 Jahre. Tabelle 4: Krippenunterbringung Krippe Ost West Gesamt n (94)* % n (62)* % n (162) % Nein 28 30 62 100 94 58 Ja davon halbtags ganztags 66 70 0 0 68 42 31* 54* *Differenz zur Gesamtzahl durch fehlende Angaben Tabelle 5: Kindergartenunterbringung Kindergarten Ost West Gesamt n (93)* % n (62)* % n (161) % Nein 5 5 33 53 41 25 Ja davon halbtags ganztags 88 95 29 47 121 75 25* 25* 54* 1* *Differenz zur Gesamtzahl durch fehlende Angaben Die Erfassung der Daten erfolgte anhand folgender normierter Testverfahren: dem Gießen-Test (GT) (Beckmann et al., 1975), dem Fragebogen zum erinnerten elterlichen Erziehungsverhalten (FEE) (Schumacher et al., 2000), der Adult Attachment Scale (AAS) (Schmidt et al., 2004), der Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS-D) (Herrmann et al., 1995) und dem Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung (Decker & Brähler, 2005; Decker et al., 2006). Eine Normalverteilung lag nur beim Gießen- Test und der Skala Emotionale Wärme des FEE vor. Bei diesen erfolgte die Auswertung durch univariate Varianzanalysen und T-Tests, ansonsten 94 Johanna Brückner, Silke Schmidt, Elmar Brähler & Oliver Decker mithilfe des Kruskal-Wallis- und des Mann-Whitney-U-Tests. Die Studierenden wurden verschiedenen Gruppen zugeteilt, abhängig davon, in welchem Land die Vorschulzeit verbracht wurde, welche Unterbringungsart genutzt und wie lange täglich eine Einrichtung besucht wurde. Diese Einteilung wurde für das frühe und das späte Vorschulalter separat analysiert. Dadurch konnten die Auswirkungen der Krippenunterbringung, die normalerweise nur bis zum dritten Lebensjahr erfolgte, und der Kindergartenunterbringung – in der Regel ab dem dritten Lebensjahr bis zur Einschulung – getrennt dargestellt werden. In der Analyse der Fragebögen zeigen sich einige – z. T. hochsignifikante – Unterschiede zwischen den Gruppen. Zum einen unterscheiden sich in einigen Skalen die Studierenden, die zu Hause betreut wurden, von den institutionell betreuten, und zum anderen die ostdeutschen Studierenden von den westdeutschen. Ferner sind signifikante Unterschiede in Abhängigkeit von der täglichen Unterbringungsdauer messbar. Dabei werden die größten Unterschiede mit dem Rechtsextremismus- Test erfasst, wenige zeigen der FEE und die AAS, während sich die Gruppen in den im Gießen-Test betrachteten Persönlichkeitsaspekten sowie bezüglich der in der HADS erfragten Angst und Depression kaum unterscheiden. Im Folgenden sollen deswegen vor allem die im Rechtsextremismus-Test aufgezeichneten Unterschiede dargestellt werden. So lehnen ehemalige Krippenkinder in geringerem Maße rechtsextreme Aussagen ab und erreichen in allen Rechtsextremismus-Skalen mit Ausnahme der des Antisemitismus höhere Werte als Studierende aus Ost und West, die keine Krippe besuchten (Befürwortung rechtsautoritärer Diktatur: p  =  0.011; Chauvinismus: p  =  0.001; Ausländerfeindlichkeit: p < 0.001; Sozialdarwinismus: p = 0.003; Verharmlosung des Nationalsozialismus: p = 0.005). Außerdem beschreiben sie eine signifikant größere Angst, verlassen zu werden (AAS: p = 0.012). Betrachtet man nur die ostdeutschen Studierenden in Abhängigkeit davon, ob sie eine Krippe besuchten oder nicht, lässt sich der Unterschied ausschalten, der auf der Ost-West-Herkunft beruht. Auch in diesem Vergleich lassen sich in zwei Skalen signifikante Unterschiede feststellen (Chauvinismus: p = 0.015; Sozialdarwinismus: p = 0.025). Außerdem zeigt sich, dass in fast allen Skalen etwas höhere Werte erzielt werden, wenn die Krippe ganztags statt halbtags besucht wurde, wenngleich diese Unterschiede nicht signifikant sind (vgl. Abb. 1). In der AAS können bei dieser Betrachtung keine signifikanten Unterschiede nachgewiesen werden. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 95 Bedingungen außerfamiliärer Kleinkindbetreuung in der DDR In Bezug auf die Kindergartenunterbringung stellt man Ähnliches fest: Ins Auge fallen dabei die höheren Werte in fast allen Skalen der ganztags im Kindergarten untergebrachten Ostdeutschen im Vergleich zu denen, die dort halbtags betreut wurden. In den Skalen Befürwortung rechtsautoritärer Diktatur (p = 0.007) und Sozialdarwinismus (p = 0.006) sind die Differenzen signifikant. Des Weiteren sind im Ost-West-Vergleich unabhängig von der Vorschulunterbringungsform einige Unterschiede festzustellen. Studierende erinnern ihre Mütter als ablehnender (p = 0,008) und beide Eltern als stärker kontrollierend (Mutter: p = 0,020; Vater: p = 0,025) im Vergleich mit den westdeutschen Befragten. Abbildung 1: Einfluss der Vorschulunterbringung auf die Persönlichkeit am Beispiel der Skalen 2 und 3 des Rechtsextremismustests; Höhere Werte bedeuten stärkere Ausprägung; Grau gestrichelt: Mediane der deutschen Repräsentativstichprobe (Repräsentativerhebung 2006); Kiga = Kindergarten 96 Johanna Brückner, Silke Schmidt, Elmar Brähler & Oliver Decker Die Westdeutschen lehnen stärker eine rechtsautoritäre Diktatur ab (p  =  0,033), zeigen noch weniger als Ostdeutsche chauvinistische (p  =  0,009), ausländerfeindliche (p  <  0,001) oder sozialdarwinistische (p = 0,011) Einstellungen und lehnen stärker den Nationalsozialismus ab (p = 0,007). Außerdem erinnern sich die ostdeutschen Studierenden an ihre Mütter als ablehnender (p = 0,008) und an beide Eltern als stärker kontrollierend (Mutter: p = 0,020; Vater: p = 0,025) im Vergleich zu den westdeutschen Befragten. Diese Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland bestehen nicht, wenn nur die ostdeutschen Studierenden, die keine Krippe besucht haben, mit westdeutschen Studierenden verglichen werden. Es gibt dann keine signifikanten Unterschiede in der politischen Einstellung und dem erinnerten elterlichen Erziehungsverhalten. Diskussion In der Darstellung des Krippenwesens der DDR fanden sich Hinweise auf ein längeres Fortwirken des autoritären Erziehungsideals als in der Bundesrepublik. Diese sind in den sogenannten sozialistischen Erziehungszielen kaum larviert und werden die Beziehungsgestaltung in den Krippen mitbestimmt haben. Es ist also vor dem Hintergrund der Erkenntnis zum Zusammenhang von Sozialisationserfahrung und politischer Einstellung durchaus anzunehmen gewesen, dass die Erziehungsziele und -methoden Einfluss auf die Einstellung im Erwachsenenalter haben. Gleichzeitig wurde sichtbar, dass außerfamiliäre Betreuung im frühen Kindesalter nicht unabhängig von den gesellschaftlichen und kulturellen Faktoren betrachtet werden kann – Krippe ist nicht gleich Krippe. Allerdings: Die Ergebnisse unserer anschließenden empirischen Untersuchung müssen mit sehr großer Vorsicht interpretiert werden. Es lassen sich die weiteren Einflussfaktoren im Verlauf des Lebens nicht isolieren, deren Stellenwert aber alles andere als gering zu schätzen ist. So sei nochmals betont, dass bei dieser Untersuchung aufgrund der hochselektiven Stichprobe und der geringen Personenzahl die Reichweite der gewonnenen Aussagen begrenzt ist. Auch wenn Unterschiede in der politischen Einstellung gefunden werden konnten, weist keiner bzw. keine der Studierenden Zustimmungswerte auf, die auf das Vorliegen einer rechtsextremen Einstellung hinwei- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 97 Bedingungen außerfamiliärer Kleinkindbetreuung in der DDR sen. Aber auch wenn man die Studierenden aus der DDR nicht als rechtsextremer im Vergleich mit denen aus der damaligen BRD bezeichnen kann, gibt es doch z. T. hochsignifikant verschiedene Zustimmungsausprägungen zu rechtsextremen Aussagen. Ähnliche Ergebnisse sind festzustellen, wenn die Gruppen nach der frühen Vorschulunterbringung unterschieden werden. Ostdeutsche Studierende mit Krippenerfahrung unterscheiden sich von denen ohne Krippenerfahrung hinsichtlich der politischen Einstellung. Ob die Behauptung eines Zusammenhangs zwischen DDR-Sozialisation und rechtsextremer Einstellung gelten kann, kann aufgrund dieser Datenbasis nicht entschieden werden. Versucht man hingegen zu erklären, warum in der vorliegenden Untersuchung die Studierenden aus Ostdeutschland, die keine Krippe besuchten, den Studierenden aus Westdeutschland hinsichtlich der untersuchten Merkmale ähnlicher sind als den Ostdeutschen, die in einer Krippe untergebracht waren, kann das ein Hinweis auf die Langzeitfolgen autoritärer Erziehungsideale in der Vorschulunterbringung der DDR sein. Dabei muss aber abschließend noch einmal sehr deutlich gemacht werden, dass diese Einstellungsunterschiede nicht für die Erklärung von rechtsextrem motivierten Gewalttaten herangezogen werden können. Aktuelle Faktoren begünstigen in stärkerem Maße den Gang von der Einstellung zur Tat; dies wird deutlich vor dem höheren Zustimmungswert zu rechtsextremen Aussagen in Westdeutschland bei deutlich geringen rechtsextrem motivierten Straftaten (Decker et al., 2006). Literatur Adorno, T.W., Frenkel-Brunswik, E., Levinson, D. J. & Sandford, R. N. (Hrsg.) (1950). The Authoritarian Personality. New York: Harper. Ahnert, L. (1997). Außerfamiliale Tagesbetreuung für Kinder unter 3 vor und nach den gesellschaftlichen Veränderungen im Osten Deutschlands. Berlin: Eigenverlag. Ahnert, L. (1998). Die Betreuungssituation von Kleinkindern im Osten Deutschlands vor und nach der Wende. In Dies. (Hrsg.), Tagesbetreuung für Kinder unter 3 Jahren – Theorien und Tatsachen (S. 29–44). Bern: Huber. Anweiler, O., H.-J., F., Dorner, M. & Petermann, E. (Hrsg.) (1992). Bildungspolitik in Deutschland 1945–1990. Opladen: Leske + Budrich. Arndt, G. (Hrsg.) (2002). 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Nach dem Studium der Psychologie in Kiel (Diplom 1996) war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Jena (Promotion 2000), danach im Kontext ihrer Habilitation am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (Habilitation 2006), wo sie die Arbeitsgruppe Telemedizin und Versorgungsforschung leitete. Sie ist Mitglied vieler internationaler Forschungsnetzwerke und -organisationen und war Leiterin vieler multizentrischer Studien zur psychischen Prävention im Bereich Gesundheit und Bevölkerungsschutz. Sie hat mehr als 190 Zeitschriftenartikel und Bücher veröffentlicht. Elmar Brähler, Prof. Dr. rer. biol. hum. habil., war von 1994 bis zu seiner Emeritierung 2013 Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig. Seitdem ist er Gastwissenschaftler an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Er leitet dort das BMBF-Verbundprojekt »DDR-Vergangenheit und psychische Gesundheit: Risiko- und Schutzfaktoren«. Oliver Decker, Prof. Dr., studierte Psychologie, Soziologie und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Er ist Professor für Sozialpsychologie und interkulturelle Praxis an der Sigmund Freud PrivatUniversität Berlin und Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig sowie Co-Sprecher des Graduiertenkollegs »Rechtspopulismus«. 2015 war er Gastprofessor am Department Critical Theory and the Arts, 2019 Gastprofessor am Institut für Soziologie der Universität Wien. Herausgeber des zweibändigen Lehrbuchs Sozialpsychologie und Sozialtheorie (2018). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 101 Wer sind die BefürworterInnen von PEGIDA? Eine Analyse von Daten der Sächsischen Längsschnittstudie Hendrik Berth, Markus Zenger, Yve Stöbel-Richter & Elmar Brähler 1 Hintergrund Organisiert von den »Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes« (PEGIDA) demonstrieren in Dresden seit Oktober 2014 relativ regelmäßig an Montagen bis zu 20.000 Personen in der historischen Altstadt. Die als »Abendspaziergang« bezeichnete Veranstaltung wird meist von Gegendemonstrationen flankiert. Die Inhalte der Reden, Plakate, Sprechchöre usw. dieser Abendspaziergänge sind häufig offen rassistisch, fremden- und vor allem islamfeindlich. Sie zeugen darüber hinaus von einer weitgehenden Ablehnung des politischen Systems der Bundesrepublik (»Merkel muss weg!«). Es entstanden zahlreiche Ableger, etwa in Leipzig (LEGIDA), Thüringen (THÜGIDA), Bonn (BOGIDA) oder im Ausland (Österreich, Norwegen). Diese konnten sich jedoch nicht durchsetzen. PEGIDA bleibt ein ostdeutsches, ein Dresdner Phänomen (Vorländer et al., 2018). Ein weiteres Merkmal von PEGIDA ist die Ablehnung fast aller Medien als sogenannte »Lügenpresse«. Auch politik- bzw. sozialwissenschaftliche Untersuchungen unter PEGIDA-AnhängerInnen haben daher mit einer recht geringen Bereitschaft zur Teilnahme an Befragungen zu kämpfen (z.B. Vorländer et al., 2015; Daphi et al., 2015; Patzelt  & Klose, 2016; Reuband, 2015; Geiges et al., 2015). Die Daten der vorliegenden Studien zeigen recht übereinstimmend, dass die PEGIDA-AnhängerInnen mehrheitlich männlich, berufstätig und relativ gut ausgebildet sind. Sie vertreten offen ausländerfeindliche, rechtsnationale Meinungen und haben kein Vertrauen in Politik und Medien. Eine hohe Zustimmung erhält lediglich die AfD. Die PEGIDA-DemonstrantInnen intonieren sehr gerne den aus der Wendezeit in der DDR 1989/1990 bekannten Slogan »Wir sind das Volk«. Die Vermutung, bei den Demonstrierenden handele es sich somit 102 Hendrik Berth, Markus Zenger, Yve Stöbel-Richter & Elmar Brähler um »VerliererInnen der Einheit«, konnte jedoch bislang eher nicht bestätigt werden (vgl. Rehberg et al., 2016). Die TeilnehmerInnen der Sächsischen Längsschnittstudie1 sind seit vielen Jahren mit detaillierten Fragen nach ihren politischen Einstellungen vertraut, etwa nach der Links-Rechts-Einstufung, der präferierten Partei oder der Haltung zu AusländerInnen (z.B. Berth et al., 2007, 2009, 2012, 2015, 2020). Die von den Befragten in der Vergangenheit offen geäußerten Meinungen repräsentieren die gesamte Breite des politischen Einstellungsspektrums, von ganz links bis ganz rechts. Daher bietet sich in der Sächsischen Längsschnittstudie eine Auswertung mit Blick auf die Meinungen und Einstellungen zu PEGIDA an. 2 Methode Die Sächsische Längsschnittstudie wurde durch das Zentralinstitut für Jugendforschung der DDR in Leipzig 1987 gestartet (vgl. Friedrich et al., 1999). Ursprünglich wurden für diese Studie N = 1.407 SchülerInnen aus 72 Klassen an 41 Schulen in den damaligen DDR-Bezirken Leipzig und Karl-Marx-Stadt befragt. Die SchülerInnen waren repräsentativ für den DDR-Geburtsjahrgang 1973 ausgewählt und besuchten zu diesem Zeitpunkt die 8. Klassenstufe einer Polytechnischen Oberschule. In den Klassenstufen 9 (1988) und 10 (Frühjahr 1989) erfolgten weitere Befragungen derselben Kohorte. Nach Abschluss der dritten Welle gaben N = 587 ihr schriftliches Einverständnis, auch weiterhin an der Studie mitzuarbeiten. Auf dieser Gruppe baut die Studienpopulation der Sächsischen Längsschnittstudie bis heute auf. In den ersten drei Jahren der Studie bis zum Frühjahr 1989 beschäftigen sich die Studieninhalte hauptsächlich mit der Lernmotivation, dem Interesse an Politik, der Identifikation mit dem politischen System der DDR oder den Zielen und Plänen für das weitere Leben. Mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung wurden die Studienfragestellungen auf das Erleben der ostdeutschen Transformation aus sozialwissenschaftlicher Sicht bei dieser Gruppe Ostdeutscher ausgerichtet. In Tabelle 1 sind ausgewählte Stichprobenmerkmale der Wellen 28, 29 und 30 dargestellt. Da fast alle Befragten im Jahr 1973 geboren wurden, 1 Siehe dazu http://www.wiedervereinigung.de/sls (08.07.2020). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 103 Wer sind die BefürworterInnen von PEGIDA? handelt es sich um ein altershomogenes Sample. 2015 waren die TeilnehmerInnen im Mittel 43 Jahre, 2018 im Mittel 45 Jahre alt. In allen Wellen war der Frauenanteil etwas höher (> 53 %). Der Anteil Verheirateter betrug im Jahr 2020 57 %. Die meisten Befragten haben Kinder (77 %). Der Anteil an Personen, die zum Befragungszeitpunkt aktuell arbeitslos waren, ist stets sehr gering (1,5 bis 2,2 %). 24 % der TeilnehmerInnen sind bis 2018 ins Ausland oder in die alten Bundesländer umgezogen. Die prozentualen Rücklaufquoten beziehen sich zum einen auf die N  =  587  TeilnehmerInnen, die 1989 ihr schriftliches Einverständnis zur weiteren Teilnahme gaben (1. Zahl) und zum anderen auf die N = 423 Adressen, bei denen davon ausgegangen werden kann, dass die Einladung zur Teilnahme ankam (2. Zahl). Im Laufe der Jahrzehnte sind einige der ursprünglichen TeilnehmerInnen verstorben oder trotz vielfältiger Bemühungen nicht mehr erreichbar, bzw. wurde die Bereitschaft zur weiteren Teilnahme zurückzogen. Unter Beachtung der langen Studienlaufzeit kann eine Rücklaufquote von 74 % in Welle 30 als hervorragend eingeschätzt werden. Tabelle 1: Überblick über einige soziodemografische Merkmale der TeilnehmerInnen der Sächsischen Längsschnittstudie in drei ausgewählten Wellen 2015 bis 2017/18 Jahr 2015 2016 2017/18 Welle 28 29 30 N 337 271 314 Rücklauf ( %) 57,4/79,7 46,2/64,1 52,8/74,2 Alter (M, SD) 43,10 (0,48) 43,93 (0,58) 45,00 (0,52) Geschlecht weiblich (N, %) 186 (55,2) 144 (53,1) 171 (54,5) Familienstand verheiratet (N, %) 195 (58,4) 153 (56,7) 167 (56,6) Kinder ja (N, %) 261 (77,9) 210 (77,5) 242 (77,1) aktuelle berufliche Stellung: arbeitslos (N, %) 5 (1,5) 6 (2,2) 6 (1,9) Wohnort Westdeutschland/Ausland (N, %) 79 (23,5) 67 (24,8) 76 (24,2) In den Wellen 28 (2015), 29 (2016) und 30 (2017/2018) wurde jeweils die Aussage »Ich befürworte die Ziele der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (PEGIDA, LEGIDA …)« präsentiert. 104 Hendrik Berth, Markus Zenger, Yve Stöbel-Richter & Elmar Brähler Die Antwortmöglichkeiten lauteten: »1 vollkommen, 2, 3, 4, 5 überhaupt nicht«. Die Antworten wurden zusammengefasst zu drei Gruppen: PEGIDA-BefürworterInnen (Antworten 1 + 2), Unentschiedene (Antwort 3) und PEGIDA-GegnerInnen (Antworten 4 + 5). Verschiedene weitere Fragen, Merkmale und Konstrukte aus der 28. oder aus früheren Wellen der Studie wurden dann im Vergleich der drei Gruppen BefürworterInnen, Unentschiedene und GegnerInnen untersucht. Dazu gehören soziodemografische Merkmale (u.a. Geschlecht, Partnerschaft, Einkommen, Bildung), politische Einstellungen (u.a. Systembindung vor der Wende, Bewertung der deutschen Einheit, Bedrohung durch Flüchtlinge, Bewertung des Sozialismus) und psychologische Indikatoren. Es kamen folgende standardisierte Instrumente zum Einsatz: ➣ Psychisches Befinden: D-Score (Berth et al., 2006), ➣ Körperbeschwerden: G-Score (Schneider et al., 2018), ➣ Gesundheitszustand: Item aus dem Bundesgesundheitssurvey (Helmert, 2003), ➣ Ängstlichkeit: GAD-2 (Löwe et al., 2010), ➣ Depressivität: PHQ-2 (Löwe et al., 2005), ➣ Soziale Unterstützung: F-SozU-6 (Kliem et al., 2015), ➣ Wahrgenommene Autonomie: PAA (Warner et al., 2011), ➣ Lebenszufriedenheit: Skala Lebenszufriedenheit-1 (Beierlein et al., 2014). Für die statistischen Vergleiche mittels IBM SPSS 26 wurden einfaktorielle Varianzanalysen bzw. Chi-Quadrat-Tests verwendet. 3 Ergebnisse Tabelle 2 zeigt die Verteilung auf die drei Gruppen der PEGIDA-Befürwortung in den untersuchten Wellen. 31,6 % der TeilnehmerInnen an der 28.  Welle 2015 der Sächsischen Längsschnittstudie sind BefürworterInnen von PEGIDA, 20,0 % sind unentschieden und 48,4 % beschreiben sich als GegnerInnen von PEGIDA. Ein ganz ähnliches Bild findet sich in den Wellen 29 und 30. Über alle drei Wellen hinweg sind die Mehrheit der Befragten mit ca. 48 % GegnerInnen von PEGIDA, 20 bis 27 % sind unentschieden und 26 bis 32 % befürworten die Ziele von PEGIDA. In Tabelle 3 werden soziodemografische Merkmale der drei Gruppen verglichen. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 105 Wer sind die BefürworterInnen von PEGIDA? Tabelle 2: PEGIDA-Befürwortung in drei Gruppen in den Wellen 28 (2015), 29 (2016) und 30 (2017/2018) Welle TeilnehmerInnen Gesamt BefürworterInnen (N) % Unentschiedene (N) % GegnerInnen (N) % 28 337 106 31,6 67 20,0 162 48,4 29 271 70 25,8 72 26,6 129 47,6 30 313 87 27,9 76 24,4 149 47,8 Tabelle 3: Unterschiede in verschiedenen Indikatoren (soziodemografische Merkmale) der Sächsischen Längsschnittstudie nach PEGIDA-Befürwortung in Welle 28 (N, %, Chi-Quadrat-Test) Frage/ Konstrukt Gesamtgruppe Befürworter- Innen Unentschiedene GegnerInnen Test Geschlecht Ch i2 (d f= 2) = 10 ,3 07 , p= 0, 00 6männlich (N, %) 150 44,8 61 57,5 27 40,3 62 38,3 weiblich (N, %) 185 55,2 45 42,5 40 59,7 100 61,7 Wohnort Ch i2 (d f= 4) = 15 ,8 46 , p= 0, 00 3 Ostdeutschland (N, %) 256 76,6 92 86,8 55 82,1 109 67,7 Westdeutschland/Ausland (N, %) 78 23,4 14 13,2 12 17,9 52 32,3 Bildung (N, %)* Ch i2 (d f= 1) = 18 ,5 02 , p< 0, 00 01 Fachschulreife oder höher 123 47,7 25 29,8 24 47,1 74 60,2 niedriger als Fachschulreife 135 52,3 59 70,2 27 52,9 49 39,8 Partnerschaft (N, %) Ch i2 (d f= 2) = 3, 07 8, p= 0, 21 5 Ja 251 76,8 77 74,0 56 84,8 118 75,2 Nein 76 23,2 27 26,0 10 15,2 39 24,8 106 Hendrik Berth, Markus Zenger, Yve Stöbel-Richter & Elmar Brähler Frage/ Konstrukt Gesamtgruppe Befürworter- Innen Unentschiedene GegnerInnen Test Kinder (N, %) Ch i2 (d f= 2) = 3, 10 9, p= 0, 21 1 Ja 260 78,1 87 82,9 53 80,3 120 74,1 Nein 73 21,9 18 17,1 13 19,7 42 25,9 Arbeitslosigkeitserfahrungen (N, %) Ch i2 (d f= 4) = 5, 88 7, p= 0, 20 8Ja, mehrmals 123 37,0 41 39,0 31 46,3 51 31,9 Ja, einmal 111 33,4 38 36,2 18 26,9 55 34,4 Nein 98 29,5 26 24,8 18 26,9 54 33,8 Krippenbesuch in der DDR (N, %) Ch i2 (d f= 4) = 8, 94 1 p= 0, 06 3 Ja 186 62,8 63 66,3 30 50,8 93 65m5 Nein 101 34,1 31 32,6 28 47,5 42 29,6 Einkommen Netto/Monat (N, %) Ch i2 (d f= 2) = 10 ,2 62 , p= 0, 00 6 bis 1999 Euro 204 61,4 75 71,4 44 66,7 85 52,8 ab 2000 Euro 128 38,6 30 28,6 22 33,3 76 47,2 * erhoben in Welle 24 Die Auswertung der ausgewählten soziodemografischen Daten (Tab. 3) zeigt: ➣ Männer bezeichnen sich signifikant häufiger als Befürworter von PEGIDA. ➣ Personen, die in Ostdeutschland leben, bezeichnen sich signifikant häufiger als BefürworterInnen von PEGIDA, als solche, die zum Befragungszeitpunkt im Westen leben. ➣ Personen, mit einer niedrigeren Bildung (als Fachschulreife) bezeichnen sich signifikant häufiger als BefürworterInnen von PEGIDA. ➣ Personen mit einem niedrigeren Einkommen (< 2.000 Euro persönliches Netto/Monat) bezeichnen sich signifikant häufiger als BefürworterInnen von PEGIDA. ➣ Partnerschaft, Kinder, Krippenbesuch in der frühen Kindheit und erlebte Arbeitslosigkeitserfahrungen haben keinen Einfluss auf die PE- GIDA-Befürwortung. Verschiedene politische Einstellungen sind in Abhängigkeit von der PE- GIDA-Befürwortung in Tabelle 4 gegenübergestellt. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 107 Wer sind die BefürworterInnen von PEGIDA? Tabelle 4: Unterschiede in verschiedenen Indikatoren (Politische Einstellungen) der Sächsischen Längsschnittstudie nach PEGIDA-Befürwortung (M, SD bzw. N, %, Varianzanalyse bzw. Chi-Quadrat-Test) Frage/ Konstrukt Gesamtgruppe Befürworter- Innen Unentschiedene GegnerInnen Test Systembindung 1987–1989 (N, %) Ch i2 (d f= 4) = 8, 48 , p= 0, 07 5niedrig 61 29,0 20 29,0 9 20,9 32 32,7 mittel 69 32,9 20 29,0 22 51,2 27 27,6 hoch 80 38,1 29 42,0 12 27,9 39 39,8 Gemeinsamkeiten Ost-/Westdeutsche (N, %) Ch i2 (d f= 4) = 5, 00 5, p= 0, 08 2 mehr Trennendes 76 22,9 32 30,5 13 19,4 31 19,4 mehr Gemeinsamkeiten 256 77,1 73 69,5 54 80,6 129 80,6 Bewertung Wiedervereinigung (M, SD)* 1,69 0,63 1,79 0,63 1,64 0,57 1,64 0,66 F( df = 2) = 2, 06 4, p= 0, 12 9 Fühlen als GewinnerIn der Einheit (M, SD)** 1,95 0,82 2,03 0,81 1,93 0,80 1,90 0,83 F( df = 2) = 0, 80 2, p= 0, 44 9 Fühlen als Ostdeutsche/r (M, SD)** 1,48 0,78 1,37 0,69 1,40 0,68 1,59 0,85 F( df = 2) = 3, 12 9, p= 0, 04 5 Sozialismus gute Idee (M, SD)* 2,17 1,13 2,01 1,09 2,32 1,09 2,22 1,17 F( df = 2) = 1, 81 7, p= 0, 16 4 Einschätzung Lebenssituation (M, SD)* 2,17 0,77 2,31 0,83 2,17 0,69 2,09 0,74 F( df = 2) = 2, 78 7, p= 0, 06 3 Zufriedenheit mit politischem System (M, SD)* 2,64 0,72 2,96 0,71 2,48 0,66 2,50 0,69 F( df = 2) = 16 ,4 8, p< 0, 00 1 108 Hendrik Berth, Markus Zenger, Yve Stöbel-Richter & Elmar Brähler Frage/ Konstrukt Gesamtgruppe Befürworter- Innen Unentschiedene GegnerInnen Test Zufriedenheit Flüchtlingspolitik (M, SD)* 3,13 0,82 3,51 0,74 3,15 0,82 2,86 0,78 F( df = 2) = 22 ,1 8, p< 0, 00 1 Bedrohung durch Flüchtlinge (M, SD)** 2,26 1,03 1,46 0,62 2,12 0,94 2,83 0,91 F( df = 2) = 87 ,1 94 , p< 0, 00 1 Bedrohung Armut im Alter (M, SD)** 2,29 0,82 2,03 0,80 2,37 0,83 2,42 0,79 F( df = 2) = 8, 14 5, p< 0, 00 1 Persönliche Zukunftszuversicht (M, SD)* 2,16 0,82 2,26 0,89 2,15 0,86 2,10 0,75 F( df = 2) = 1, 29 4, p= 0, 27 5 Zukunftszuversicht für Kinder (M, SD)* 2,80 1,09 3,19 1,19 2,70 0,99 2,59 1,01 F (d f= 2) = 10 ,5 15 , p< 0, 00 1 Wahl AfD (N, %) 44 17,1 36 46,8 5 9,3 3 2,4 Ch i2 (d f= 18 ) = 11 1, 62 6, p< 0. 00 1 Politische Einstellung rechts/eher rechts (N, %) 42 12,5 32 30,2 7 10,4 3 1,9 Ch i2 (d f= 10 ) = 88 ,5 89 p< 0. 00 1 * höhere Werte = höhere Ablehnung, schlechtere Einschätzung ** niedrigere Werte = höhere Zustimmung/mehr Bedrohung Keine Gruppenunterschiede fanden sich mit Blick auf die generellen (positiven) Einschätzungen der Wiedervereinigung, der Einstufung als GewinnerIn der Einheit, der Einschätzung des Sozialismus als guter Idee und der persönlichen Zukunftszuversicht. Im Vergleich der drei Gruppen der PEGIDA-Befürwortung zeigt sich auf tendenzieller Ebene (p < 0.1), dass sich PEGIDA-BefürworterInnen vor der Wiedervereinigung eher mit dem DDR-System identifizierten (zur Erhebungsmethode vgl. Berth et al., 2010, 2014), weniger Gemeinsamkei- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 109 Wer sind die BefürworterInnen von PEGIDA? ten zwischen Ost- und Westdeutschen sehen und ihre allgemeine Lebenssituation als schlechter bewerten. Signifikante Gruppenunterschiede belegen: ➣ PEGIDA-BefürworterInnen fühlen sich mehr als Ostdeutsche. ➣ PEGIDA-BefürworterInnen sind unzufrieden mit dem politischen System der Bundesrepublik und der Flüchtlingspolitik. ➣ PEGIDA-BefürworterInnen fühlen sich durch die nach Deutschland kommenden Flüchtlinge signifikant bedrohter. ➣ PEGIDA-BefürworterInnen äußern mehr Angst vor Armut im Alter. ➣ PEGIDA-BefürworterInnen sind weniger zuversichtlich für die Zukunft ihrer Kinder. ➣ PEGIDA-BefürworterInnen würden bei einer Bundestagswahl am Sonntag signifikant häufiger die AfD wählen. ➣ PEGIDA-BefürworterInnen ordnen sich politisch eher rechts ein. Tabelle 5 zeigt die Mittelwerte in verschiedenen Indikatoren des psychischen Befindens in Abhängigkeit von der PEGIDA-Befürwortung. Tabelle 5: Unterschiede in verschiedenen Indikatoren (Psychisches Befinden) der Sächsischen Längsschnittstudie nach PEGIDA-Befürwortung (M, SD, Varianzanalyse) Frage/Konstrukt Gesamtgruppe Befürworter- Innen Unentschiedene GegnerInnen Test psychisches Befinden (D-Score) 1,24 1,97 1,59 2,16 0,94 1,84 1,15 1,88 F( df = 2) = 2, 60 4, p= 0, 07 5 Körperbeschwerden (G-Score) 3,85 2,19 4,12 3,09 3,29 2,76 3,91 2,83 F (d f= 2) = 1, 73 3, p= 0, 17 8 Gesundheitszustand 2,39 0,91 2,48 0,99 2,28 0,74 2,38 0,93 F( df = 2) = 0, 98 6, p= 0, 37 4 Ängstlichkeit (GAD-2) 3,43 1,57 3,41 1,74 2,96 1,26 3,43 1,57 F( df = 2) = 2, 35 1, p= 0, 09 7 Depressivität (PHQ-2) 2,96 1,39 3,12 1,52 2,55 0,94 3,03 1,43 F( df = 2) = 3, 87 4, p= 0, 02 2 soziale Unterstützung (F-SozU-6) 4,32 0,87 4,19 0,98 4,47 0,64 4,35 0,86 F( df = 2) = 2, 09 2, p= 0, 12 5 110 Hendrik Berth, Markus Zenger, Yve Stöbel-Richter & Elmar Brähler Frage/Konstrukt Gesamtgruppe Befürworter- Innen Unentschiedene GegnerInnen Test wahrgenommene Autonomie (PAA) 3,15 0,54 3,09 0,52 3,17 0,55 3,18 0,54 F( df = 2) = 0, 82 7 p= 0, 43 8 Lebenszufriedenheit (L-1) 7,71 1,68 7,50 1,85 7,90 1,21 7,78 1,73 F( df = 2) = 1, 36 4, p= 0, 25 7 Signifikante Unterschiede der drei Gruppen finden sich bei der Depressivität (PHQ-2), die bei den PEGIDA-BefürworterInnen am größten ist. Tendenziell (p < 0.1) sind sie auch psychisch belasteter (D-Score) und ängstlicher (GAD-2). Keine Unterschiede zwischen den drei Gruppen finden sich in den Körperbeschwerden (G-Score), dem selbsteingeschätzten Gesundheitszustand, der sozialen Unterstützung (F-SozU-6), der wahrgenommenen Autonomie (PAA) und der Lebenszufriedenheit (L-1). 4 Diskussion Die Analyse der Daten aus der Sächsischen Längsschnittstudie zur Befürwortung der Ziele der »Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« (PEGIDA) zeigt über die drei untersuchten Wellen hinweg ein relativ konstantes Bild: Ein Viertel bis ein Drittel der Befragten ordnet sich als BefürworterInnen von PEGIDA ein. Die prozentual höchste Zustimmung zu PEGIDA findet sich in Welle 28 (2015). PEGIDA war zu diesem Zeitpunkt noch ein relatives neues Phänomen; die Welle 28 fand vom September bis Dezember 2015 statt, auf dem Höhepunkt der sogenannten »Flüchtlingskrise«. Die TeilnehmerInnenzahlen der PEGIDA- Demonstrationen erreichten zu diesem Zeitpunkt einen Gipfel und eine starke, internationale mediale Aufmerksamkeit. Wie bereits in früheren Untersuchungen gezeigt, beurteilen PEGIDA- BefürworterInnen das politische System der Bundesrepublik und vor allem die Flüchtlingspolitik kritischer. Sie stufen sich selbst als politisch (eher) rechts ein und würden häufiger die AfD wählen. Sie fühlen sich jedoch nicht nur durch Flüchtlinge bedroht, sondern auch durch Armut im Alter. Die Zukunftschancen der Kinder beurteilen sie eher negativ. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 111 Wer sind die BefürworterInnen von PEGIDA? Diese eher negative Sicht auf die Welt (gemessen an den politischen Einstellungen) geht einher mit einer etwas höheren psychischen Belastung bei einigen Indikatoren (Depressivität), die mittels standardisierter psychologischer Instrumente erhoben wurden. PEGIDA-BefürworterInnen fühlen sich mehr als Ostdeutsche, als dies bei Unentschiedenen und PEGIDA-GegnerInnen der Fall ist. Tendenziell war ihre Systembindung an die DDR vor der Wiedervereinigung größer, und sie sehen weniger Gemeinsamkeiten zwischen Ost- und Westdeutschen. Dies spricht für einen Zusammenhang des (eher negativen) Wiedervereinigungserlebens mit einer (höheren) Zustimmung zu den Zielen von PEGIDA. Bei der Interpretation der vorgestellten Ergebnisse ist limitierend zu beachten, dass die PEGIDA-Befürwortung mit nur einem Item operationalisiert wurde. Auch bei den weiteren ausgewerteten Daten handelte es sich häufig um Einzelitems. Die PEGIDA-Frage (»befürworte die Ziele …«) bietet einen breiten Interpretationsspielraum, was man individuell unter den Zielen von PEGIDA versteht. Intensiver ausgewertet wurden nur die Daten einer Welle der Studie. Und auch aus dieser Welle wurden nur einzelne Indikatoren und nicht das Gesamtset der verfügbaren Variablen vertieft betrachtet. Eine höhere Zustimmung zur PEGIDA-Frage bedeutet auch keinesfalls, dass die PEGIDA-Veranstaltungen besucht oder PEGIDA anderweitig unterstützt wird: PEGIDA ist, wie einleitend dargestellt, eher ein Dresdner Phänomen. Die meisten TeilnehmerInnen leben jedoch nach wie vor in den Ursprungsregionen der Sächsischen Längsschnittstudie um/in Leipzig bzw. dem Chemnitzer Raum. Die damalige Rekrutierung in den auch heute noch stark industriell geprägten Ballungsräumen Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) und Leipzig erschwert die Verallgemeinerung auf andere ostdeutsche Regionen, wie etwa die strukturschwächeren Gebiete in Teilen Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns oder Sachsen-Anhalts. An den einzelnen Erhebungen haben unterschiedlich viele Personen teilgenommen. Bei der Unterteilung der Gesamtstichprobe in Teilgruppen entstehen teilweise recht kleine Samples, so besteht z. B. die Gruppe der Frauen, die bezogen auf die Befürwortung unentschlossen ist, nur aus N = 27 Personen. Die Stichprobe ist altershomogen: Die Aussagen sollten daher nur mit Bedacht auf andere Altersgruppen übertragen werden. Das Bildungsniveau ist relativ hoch: Alle Personen haben (mindestens) den Abschluss der 10. Klasse der Poly- 112 Hendrik Berth, Markus Zenger, Yve Stöbel-Richter & Elmar Brähler technischen Oberschule (DDR). Der gezeigte Einfluss einer »niedrigen« Bildung bedeutet eher, dass diese Personen keinen höheren formalen Bildungsabschluss (Fachschulreife und mehr) erworben haben. In einem Vergleich mit der ostdeutschen Stichprobe ähnlicher Geburtenjahrgänge aus dem deutschlandrepräsentativen Sozioökonomischen Panel (SOEP, Schupp  & Wagner, 1991; Wagner et al., 2007) wurden kaum Unterschiede zwischen den beiden Kohorten gefunden (Berth et al., 2015). Es existieren keine Vergleichsdaten einer ähnlichen westdeutschen Kohorte. Auch wenn die Teilnahmequote in der Sächsischen Längsschnittstudie immer noch sehr hoch ist, kann keine Aussage über die Dropouts getroffen werden. Relativ große Differenzen zwischen den Gruppen gibt es mit Blick auf die erfragte Parteienpräferenz (AfD), die Einschätzung der Flüchtlingspolitik und die politische Selbsteinstufung (links–rechts). Bei den meisten der Fragen sind die Unterschiede jedoch trotz Erreichen des Signifikanzniveaus nummerisch gering und nicht gegensätzlich. So fühlen sich – um ein Beispiel zu geben – alle TeilnehmerInnen der Sächsischen Längsschnittstudie als Ostdeutsche. Diese Einschätzung ist jedoch bei den PEGIDA- BefürworterInnen deutlich stärker ausgeprägt. Die Sächsische Längsschnittstudie soll in den nächsten Jahren weiter fortgesetzt werden. Literatur Beierlein, C., Kovaleva, A., László, Z., Kemper, C. J. & Rammstedt, B. (2014). Eine Single- Item-Skala zur Erfassung der Allgemeinen Lebenszufriedenheit: Die Kurzskala Lebenszufriedenheit-1 (L-1). Gesis Working Papers, 33. Berth, H., Brähler, E., Zenger, M. & Stöbel-Richter, Y. (Hrsg.) (2012). Innenansichten der Transformation. 25 Jahre Sächsische Längsschnittstudie (1987 bis 2012). Gießen: Psychosozial-Verlag. Berth, H., Brähler, E., Zenger, M. & Stöbel-Richter, Y. (Hrsg.) (2015). Gesichter der ostdeutschen Transformation. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Sächsischen Längsschnittstudie im Porträt. Gießen: Psychosozial-Verlag. Berth, H., Brähler, E., Zenger, M., Stöbel-Richter, Y. (Hrsg.) (2020). 30 Jahre ostdeutsche Transformation. Sozialwissenschaftliche Ergebnisse und Perspektiven der Sächsischen Längsschnittstudie. Gießen: Psychosozial-Verlag. Berth, H., Förster, P., Balck, F., Brähler, E. & Stöbel-Richter, Y. (2009). Fördert der Besuch einer Kinderkrippe das Entstehen rechtsextremer Einstellungen? Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis, 41, 375–384. Berth, H., Förster, P., Brähler, E. & Stöbel-Richter, Y. (2007). Rechtsextreme Einstellungen. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 113 Wer sind die BefürworterInnen von PEGIDA? In Dies. (Hrsg.), Einheitslust und Einheitsfrust. Junge Ostdeutsche auf dem Weg vom DDR- zum Bundesbürger. Eine sozialwissenschaftliche Langzeitstudie von 1987–2006 (S. 199–221). Gießen: Psychosozial-Verlag. Berth, H., Förster, P., Brähler, E., Zenger, M. & Stöbel-Richter, Y. (2010). »Wir Thälmannpioniere lieben unser sozialistisches Vaterland, die Deutsche Demokratische Republik.« – Was bleibt davon nach 20 Jahren? In E. Brähler & I. Mohr (Hrsg.), 20 Jahre deutsche Einheit – Facetten einer geteilten Wirklichkeit (S. 155–171). Gießen: Psychosozial Verlag. Berth, H., Förster, P., Brähler, E., Zenger, M., Zimmermann, A. & Stöbel-Richter, Y. (2014). Der lange Weg zu inneren Einheit. Ergebnisse der Sächsischen Längsschnittstudie. Deutschland Archiv, 12.11.2014. http://www.bpb.de/194856 (08.07.2020). Berth, H., Förster, P., Stöbel-Richter, Y., Balck, F. & Brähler, E. (2006). Arbeitslosigkeit und psychische Belastung. Ergebnisse einer Längsschnittstudie 1991 bis 2004. Zeitschrift für Medizinische Psychologie, 15(3), 111–116. Berth, H., Richter, D., Zenger, M., Stöbel-Richter, Y., Brähler, E. & Wagner, G. G. (2015). Wie repräsentativ sind die Daten der Sächsischen Längsschnittstudie? Ein Vergleich mit dem Sozioökonomischen Panel (SOEP). In: H. Berth, E. Brähler, M. Zenger & Y. Stöbel-Richter (Hrsg.), Gesichter der ostdeutschen Transformation. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Sächsischen Längsschnittstudie im Porträt (S. 45–62). Gießen: Psychosozial-Verlag. Daphi, P., Kocyba, P., Neuber, M., Rucht, D., Roose, J., Scholl, F., Sommer, M., Stuppert, W., Teune, S. & Zajak, S. (2015). Protestforschung am Limit. Eine soziologische Annäherung an Pegida. Berlin: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Friedrich, W., Förster, P. & Starke, K. (Hrsg.) (1999). 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Psych., Professorin für Gesundheitswissenschaften an der HSZG und Leiterin des M.A.-Studiengangs Management im Gesundheitswesen, Prodekanin der Fakultät Management. und Kulturwissenschaften. Arbeitsschwerpunkte: Soziale und gesundheitliche Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Gesundheit, Familiengründung, Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM), New Work. Elmar Brähler, Prof. Dr. rer. biol. hum. habil., war von 1994 bis zu seiner Emeritierung 2013 Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig. Seitdem ist er Gastwissenschaftler an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Er leitet dort das BMBF-Verbundprojekt »DDR-Vergangenheit und psychische Gesundheit: Risiko- und Schutzfaktoren«. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 115 Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell Erklärungsmodelle zum Verhältnis Ost-West nach der Wiedervereinigung Deutschlands1 Wolf Wagner Einleitung Als ich 1991 einen Lehrauftrag am Fachbereich Sozialwesen der frisch gegründeten Fachhochschule Erfurt erhielt und 1992 dort zum Professor für Sozialwissenschaften und Politische Systeme berufen wurde, war ich überglücklich, denn für einen Sozialwissenschaftler gab es kaum etwas Spannenderes als mitten in ein sozialwissenschaftliches Großexperiment berufen zu werden: die Wiedervereinigung Deutschlands. Es war, wie wenn einem Meeresbiologen plötzlich Kiemen wachsen würden und er mitten zwischen seinen Studienobjekten als teilnehmender Beobachter mitschwimmen könnte. Siebzehn Jahre verbrachte ich in Thüringen als Ethnologe der deutschen Wiedervereinigung. Die dabei gemachten Beobachtungen und Erfahrungen sind die Grundlage des folgenden Textes. 1 Das Modell »Kulturschock« Als ich 1992 nach Thüringen zog, schien das Modell »Kulturschock« eine gute Erklärung zu liefern für das, was ich dort erlebte. Ich hatte Erfahrung mit dem Kulturschock. Als 16-Jähriger war ich als Stipendiat eines Schüleraustauschprogramms (AFS) ein Jahr lang in einer ländlichen Kleinststadt im Mittelwesten der USA gewesen. Dort hatte ich alle von Kalvero Oberg (1960) zu etwa der gleichen Zeit formulierten Stadien des »Kulturschocks« durchlebt. 1 Dieser Aufsatz ist die erweiterte und weiterentwickelte Version meines Aufsatzes, der in der Zeitschrift der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Bürger & Staat (2020), unter dem Titel »Kulturschock oder wahrgenommene Aufstiegsblockaden? Das Modell des Kulturschocks« erschienen ist. 116 Wolf Wagner 1.1 Die Anwendung des Modells »Kulturschock« auf das wiedervereinigte Deutschland Bei meinen Beobachtungen in Thüringen fielen mir meine Erfahrungen von damals in den USA ein. Ich recherchierte unter dem Stichwort »Kulturschock« und stieß auf Kalvero Obergs Modell. Alles schien zu stimmen. Die Leute um mich herum waren mit der Wiedervereinigung per Beitritt in ein fremdes Land versetzt worden, ohne sich auch nur ein Stück von ihrem gewohnten Platz wegbewegt zu haben. Beinahe alle Regeln, an die sie sich über Jahrzehnte ihres Lebens in der DDR gewöhnt hatten, manchmal mühsam, manchmal freudig, galten nicht mehr. Sie waren ersetzt worden durch Regeln, die sie zum größten Teil nicht einmal kannten. Die Warenwelt der DDR war verschwunden und ersetzt durch die des Westens. Das war wunderbar und verstörend zugleich. Sehr viele waren aus ihrem bisherigen Leben abrupt hinausgeworfen worden. Sie hatten ihren Arbeitsplatz, häufig ihren ganzen Betrieb verloren, und mussten nun ein Leben führen, das sie nie gelernt hatten. Sie lebten in Angst und Schrecken und sehnten sich zurück nach ihrer alten, bekannten Welt. Ich meinte, ich könnte ihnen ihre verzweifelte Situation mithilfe des Modells »Kulturschock« erklären und ihnen darüber in Aussicht stellen, Abbildung 1: Das Modell des Kulturschocks nach Kalvero Oberg (1960) (Grafik: Wolf Wagner, Siegfried Frech) 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 117 Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell dass sich die Situation bald verbessern würde. Denn laut diesem Modell würde die Verständigung kommen. Die Unterschiede würden anerkannt werden und man würde wissen, wie die anderen ticken und selbst auf Verständnis treffen. Heute, 24 Jahre nach Erscheinen meines Buches Kulturschock Deutschland, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, haben sich die im Modell angelegten optimistischen Erwartungen auf eine Verständigung nicht erfüllt. Der Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit stellt 2019 fest: »So fühlen sich laut einer jüngst für die Bundesregierung durchgeführten Umfrage 57 Prozent der Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse. Die Wiedervereinigung halten nur rund 38  Prozent der Befragten im Osten für gelungen. Bei Menschen unter 40 sind es sogar nur rund 20 Prozent. Besorgniserregend sind die Zustimmungswerte für die Demokratie im Osten Deutschlands: Knapp die Hälfte der Menschen im Osten sind eher unzufrieden mit ihrer Funktionsweise. Diese Unzufriedenheit findet auch einen Ausdruck in den signifikant unterschiedlichen Wahlergebnissen im Osten und im Westen in den letzten Jahren« (S. 13). In Bezug auf die angekündigte Verständigung ist dies nach 30 Jahren eine verheerende Bilanz. Was ist schiefgelaufen? Wie kann man diese aus der Logik des Modells unerwartete Entwicklung in den 30 Jahren nach der Wiedervereinigung erklären? Ist es bei anderen Wiedervereinigungen oder Vereinigungen auch so gelaufen? Ist die Erwartung einer Verständigung bei der Vereinigung ganzer Gesellschaften möglicherweise verfehlt? Ist dann das Modell »Kulturschock« noch zu halten? Dies sind Fragen, deren Bearbeitung bei der gegebenen Problemlage weiterhelfen könnte. 2 Wiedervereinigungen und Vereinigungen im Vergleich Ein kurzer vergleichender Blick auf andere Fälle von Wiedervereinigungen (Wagner, 2015, 2016) zeigt, dass überall, wo die Vereinigung per Anschluss (bzw. Beitritt) an einen dominanten Teil erfolgte, es einen über viele Jahrzehnte bis in die Gegenwart anhaltenden Kulturkonflikt ohne Verständigung gab. Ein besonders deutliches Beispiel dafür ist Italien: 118 Wolf Wagner Nach der Niederlage Napoleons und der Restauration der vorrevolutionären Verhältnisse durch den Wiener Kongress existierte auf der italienischen Halbinsel das Haus Savoyen im Königreich Sardinien-Piemont als einzige genuin italienische Macht von Bedeutung. Den Süden Italiens beherrschten die spanischen Bourbonen im Königreich beider Sizilien, den Norden und große Teile Mittelitaliens regierte das habsburgische Österreich. Das Königreich Piemont-Sardinien war eine zentralistische, konstitutionelle Monarchie mit großen Machtbefugnissen des Monarchen und einem Zensuswahlrecht, das nur 2 % der Bevölkerung, meist Männer aus dem hohen Adel, eine Beteiligung an der Politik erlaubte. Cavour, der Ministerpräsident von Sardinien, lud die Fürsten und den Adel der anderen Königreiche und Fürstentümer in Italien ein, sich dem Adel Piemont-Sardiniens anzuschließen und so der Entmachtung durch die demokratische Volksbewegung Garibaldis zu entgehen. Sie machten davon regen Gebrauch. Ein Königreich nach dem anderen trat nach einer »Volksabstimmung« unter den auch dort nur wenigen Wahlberechtigten aus dem Adel und dem Großbürgertum dem Königreich bei. Italien wuchs, indem Piemont-Sardinien wuchs, bis es sich in »Königreich Italien« umbenannte, ohne sich dabei in seiner inneren Struktur zu verändern. Erst 1884 wurde das Wahlrecht von den 2 % auf 7 % der Bevölkerung ausgedehnt (Stärker, 2000). Große Teile der ländlichen Bevölkerung des Südens fühlten sich durch die Einigung von oben um die versprochene Demokratisierung und Landreform betrogen und begannen einen langen Guerillakrieg, den Briganten- Krieg, gegen die Obrigkeit. Dies ist nur eine der vielen Erscheinungen des anhaltenden Konfliktes zwischen den beigetretenen Teilen in der Mitte und im Süden einerseits und dem dominanten aus Piemont-Sardinien entstandenen Norditalien andererseits. Dieser Konflikt tritt noch heute in aller Schärfe hervor und bestimmt die politische Landschaft Italiens in verhängnisvoller Weise. Hier hat es offensichtlich einen massiven Kulturschock gegeben. Aber anders als im Modell vorhergesagt, hat sich der in den 150 Jahren seit der Vereinigung nicht abgemildert, sondern eher verstärkt. Solche über Generationen anhaltenden, aus einem Kulturschock entstandenen Konflikte kann man in allen Fällen von Vereinigung per Beitritt oder Anschluss beobachten. Die wiederholten Vereinigungen und Trennungen der Landesteile Jugoslawiens unter der Dominanz Serbiens und der Tschechoslowakei unter der Dominanz Tschechiens sind extreme Beispiele für die anhaltenden Konflikte. Die gewaltsame Wiedervereinigung der Südstaaten der USA nach dem verlorenen Bürgerkrieg hat ebenfalls einen dauerhaften 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 119 Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell Konflikt erzeugt, der bis in die Gegenwart das politische Leben im Land prägt. Selbst der gewaltsame Anschluss des Königreichs Hannover an Preu- ßen 1866 wirkte noch bis in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer eigenen Partei, der Deutsch- Hannoverschen Partei (DHP). Die Hoffnung auf Verständigung nach einer Vereinigung per Anschluss oder Beitritt ist offenbar eine Illusion. Es gab jedoch eine große Zahl von Vereinigungen, bei denen solche Konflikte, die man einen »kollektiven Kulturschock« nennen könnte, überhaupt nicht auftraten. Das sind Vereinigungen als Verhandlungsergebnis unter gleichwertigen Partnern. Sie bildeten einen gemeinsamen zentralen Kompetenzbereich, beließen den vereinigten Teilen aber viele eigene Kompetenzen, sodass diese große Teile ihrer Eigenart bewahrten. Beispiele dafür sind das mittelalterliche Heilige Römische Reich Deutscher Nation, die Frühzeit der USA bis zum Bürgerkrieg, die Gründung des Deutschen Reichs 1871 und dann wieder die Gründung der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg sowie selbstverständlich die Vereinigung Europas. Man könnte die Vereinigungen unter Gleichwertigen, in denen es zu keinem Kulturschock kommt, »föderative Vereinigungen« nennen im Gegensatz zu den »zentralistischen Vereinigungen« per Beitritt oder Anschluss, in denen es regelmäßig zu langandauernden Kulturkonflikten ohne Verständigung kommt. 3 Auf der Suche nach einem besseren Erklärungsmodell Eine Theorie, nach der man den Verlauf der Wiedervereinigung und ihrer Folgen in Ost- und Westdeutschland modellieren und erklären könnte, müsste die kulturellen, sozialen, politischen und ökonomischen Strukturen und Konflikte in ihrer historischen Dynamik innerhalb einer Gesellschaft und die Interaktionen mit anderen Gesellschaften erfassen und erklären können. Dafür bieten sich die Arbeiten von Norbert Elias und Pierre Bourdieu an. Elias liefert eine Theorie der historischen Dynamik in den Verhaltensnormen des »höflichen« Verhaltens. Pierre Bourdieu bietet eine gegenwartsnahe Analyse der Strukturen und Differenzierungen im Raum der Stile. Aus ihnen kann man ein Gesellschaftsmodell konstruieren, mit dem man die gesellschaftlichen Strukturen und Konflikte abbilden und erklären kann. 120 Wolf Wagner 3.1 Eine Theorie des kulturellen Wandels durch Aufstiegsbemühungen nach Norbert Elias Norbert Elias (1980) hat – in meiner Lesart des Textes – bei seinen historischen Studien zu seinem Werk Über den Prozeß der Zivilisation zwei wichtige Entdeckungen gemacht. Die erste Entdeckung ist: Der kulturelle Wandel entsteht in Gesellschaften dadurch, dass Menschen ihr Prestige und damit ihr Selbstwertgefühl steigern wollen und deshalb die Verhaltensweisen von Menschen ihrer Umgebung imitieren, die sie als mit mehr Prestige ausgestattet wahrnehmen. Weil die höhere Gruppe durch diese Übernahme von Verhaltensweisen sich in ihrer hervorgehobenen Position bedroht sieht, entwickelt sie neue Verhaltensweisen, die ihre Distanz nach unten wieder herstellt, die dann aber auch übernommen werden. So verbreiten sich die distanzierenden, immer feiner und komplizierter werdenden Verhaltensweisen der herrschenden Eliten nach und nach von Schicht zu Schicht innerhalb und außerhalb der Gesellschaft, mit dem Kolonialismus über große Teile der Welt. Dadurch ist die westlich beeinflusste Welt durchtränkt mit distanzierenden Verhaltensregeln, die als »höflich« und »fein« gelten im Gegensatz zu den »groben« und distanzlosen »bäuerischen« Verhaltensweisen. Norbert Elias nannte diesen von ihm beschriebenen Mechanismus den »Prozess der Zivilisation«. Mir wurde die prägende Wirkung distanzierender Verhaltensregeln in Westeuropa erst bewusst, als ich in einer über einjährigen Reise durch Indien in den ländlichen, sehr traditionellen Gebieten beinahe verzweifelte an der Distanzlosigkeit der Menschen dort. Sie rückten meiner Freundin und mir geradezu auf den Leib, näherten sich uns aus blanker Neugier bis auf Handbreite und starrten mir, weniger meiner Freundin, direkt ins Gesicht. Wenn ich sie mit wütenden Gesten und Gebrüll vertreiben wollte, kamen noch andere dazu und schoben die vorderen noch näher an uns heran, bis wir flüchteten. Solche Erlebnisse warfen beinahe alle meine in 20 Jahren sozialwissenschaftlichem Studium und Lehre zu selbstverständlichen Wahrheiten gewordenen Einsichten, etwa über die natürliche Fluchtdistanz auch beim Menschen, über den Haufen. Erst nachdem ich Norbert Elias gelesen hatte, wurde mir klar, dass ich, aus einer Aufstiegsgesellschaft kommend, imprägniert war mit distanzierenden Verhaltensnormen. Die Menschen im ländlichen Indien wachsen in einer Gesellschaft auf, die nach Kasten und hunderten von Untergruppen, 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 121 Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell den meist nach Berufsgruppen sortierten Jatis, hierarchisch eingeteilt ist. Man kann diese während seines Lebens nicht verlassen; der gesamte soziale Verkehr findet innerhalb dieser festen Gruppen statt – es ist eine statische Gesellschaft. Die Angehörigen der hohen Kasten, etwa die Brahmanen, dürfen nicht in Berührung kommen mit Menschen aus unterer Kasten. Die dafür nötige Distanz müssen sie selbst schaffen, indem sie sich selbst in ihren Kontakten radikal einschränken. Die Angehörigen der unteren Kasten und die Kastenlosen kennen dagegen keine Distanzregeln. Sie können ihre Regungen ausleben, ihrer Neugier folgen, sich so nahe wie möglich heran drängeln, wenn sie etwas so Spannendes wie das erste Mal in ihrem Leben Fremde aus dem Westen sehen. Das erklärte, was wir erlebt hatten. Die zweite Entdeckung Elias’ ist: Immer wieder gibt es in Gesellschaften wirkliche oder wahrgenommene Aufstiegsblockaden, die es gesellschaftlichen Gruppen verwehren, durch Verhaltensimitationen in eine höhere Schicht aufzusteigen. Norbert Elias schildert das im ersten Band seines Werkes Über den Prozess der Zivilisation im ersten Kapitel »Zur Soziogenese der Begriffe ›Zivilisation‹ und ›Kultur‹« am Beispiel der Situation des frühen Bürgertums in Deutschland im Gegensatz zu der in Frankreich und England. Dort, so Elias, konnten Teile des Bürgertums regelmäßig und zuverlässig in den Adel oder in ebenbürtige Stellungen aufsteigen. In den deutschen Fürstentümern war das nur ausnahmsweise möglich. Die meisten Bürger blieben schon allein deswegen ausgeschlossen, weil die Mittel der kleinen deutschen Fürstentümer zu beschränkt waren, um eine größere Zahl von Menschen mit Adelsprivilegien auszustatten. Norbert Elias schildert, wie sich in Deutschland gegen Ende des 18. Jahrhunderts in der deutschen bürgerlichen Elite unter dem Einfluss der literarischen Avantgarde »Sturm und Drang« und der philosophischen Avantgarde des deutschen Idealismus eine Strömung herausbildet, die sich gegen den sonst selbstverständlichen Gebrauch des Französischen in Literatur und Philosophie wendet und ihre Werke auf Deutsch verfasst, aber, wie etwa Christoph Martin Wieland, ihre Tagebücher weiterhin auf Französisch schreibt. Während also an den Höfen der vielen Fürstentümer und Königreiche des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation weiter Französisch gesprochen und alles daran gesetzt wurde, dem französischen Hof in Versailles ebenbürtig zu werden, entwickelten die lokalen, vom höfischen Leben ausgeschlossenen bürgerlichen Eliten in Deutschland ihre eigenen, gegenkulturellen Normen. An denen orientieren sich 122 Wolf Wagner die nachgeordneten Schichten als an einer neuen Elite, zu der man aufsteigen kann. Sie werden nun imitiert. Und so verbreiten sich ihre gegenkulturellen Normen in der nicht-höfischen deutschen Gesellschaft. Dem aus dem Französischen stammenden Begriff »Zivilisation«, der aus Sicht der deutschen Kritiker eine allgemeine, vor allem äußerliche Eleganz und oberflächliche Modernität in allen Dingen bezeichne, wurde in Deutschland der deutsche Begriff »Kultur« entgegengesetzt, der auf eine tiefe Innerlichkeit, eine hohe Bildung im Sinne eines nicht auf den Nutzen bedachten, umfassenden Wissens und auf eine strenge, an Werten und Kant’schen Prinzipien orientierte Moralität verweise. 3.2 Pierre Bourdieu und der Raum der Stile Pierre Bourdieu hat mit seiner 1979 in Paris erschienen Studie La distinction. Critique sociale du jugement, die 1982 unter dem Titel Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft bei Suhrkamp publiziert worden ist, am Beispiel der französischen Gesellschaft ein eigenes Gesellschaftsmodell entworfen. Es wurde strukturiert durch die von ihm eingeführten »Kapital«-Sorten (kulturelles, ökonomisches, soziales und symbolisches Kapital). Sie sollten als Dimensionen eines gesellschaftlichen Raums gesehen werden, in dem sich gesellschaftliche Entwicklungen, Strukturen und Konflikte differenziert analysieren und darstellen lassen. Allerdings ist die Bezeichnung »Kapital« für das, was er damit ausdrücken will, aus meiner Sicht nicht angemessen, auch wenn sie sich lawinenartig verbreitet hat. Bourdieu hat sie sich von Karl Marx geborgt: Bei Marx bezeichnet »Kapital« bekanntlich eine Geldsumme, die sich selbst vermehren lässt, weil sie genutzt wird, um die menschliche Arbeitskraft, die allein Wert schaffen kann, auszubeuten. Auf diese Fähigkeit zur Selbstvermehrung kommt es Bourdieu an. Sie stellt Voraussetzungen und Mittel dar, mit deren Hilfe man sich wichtige Vorteile gegenüber Konkurrierenden verschaffen kann. Schaut man sich seine »Kapital«-Sorten jedoch genauer an, haben sie, außer beim ökonomischen Kapital, ihre Fähigkeit zur Vermehrung vor allem durch das Prestige, das sie vermitteln. Bei Bourdieus »symbolischem Kapital« ist es offensichtlich: Es geht dabei um Anerkennung und Prestige, um das, was man in den Augen Anderer gilt. Bourdieus »soziales Kapital« ist die Nähe oder Ferne zu hervorgehobenen sozialen Gruppen. Das daraus resul- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 123 Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell tierende Renommee, also wieder Prestige, kann einer Person den Zugang zu einer Vielzahl von Vorteilen verschaffen. Genauso ist es mit Bourdieus »ökonomischem Kapital«: Es geht ihm dabei gar nicht so sehr um das wirklich vorhandene Geldvermögen, mit dem man tatsächlich mehr Geld verdienen kann. Wichtiger ist Bourdieu die soziale Position, die einer Person aufgrund ihres Rufes, reich zu sein, zugeschrieben wird. So ist das auch bei Bourdieus »kulturellem Kapital«. Es geht auch hier um das Prestige, das einer Person aufgrund ihrer Bildungstitel, Veröffentlichungen etc. zugeschrieben wird, und das ihr damit Zugang zu allerlei Vorteilen verschafft. Das Bourdieu’sche »Kapital« kann daher ohne Bedeutungsverlust als »Prestige« übersetzt werden. Zudem lassen sich Bourdieus vier Kapitalsorten auf zwei Sorten reduzieren, in denen die anderen drinstecken, nämlich das »ökonomische« Prestige, in dem das »soziale Kapital« aufgehoben ist, und das »kulturelle« Prestige, in dem das »symbolische Kapital« mit erfasst ist. Bourdieu hat aus seinem empirischen Material für die französische Gesellschaft der 60er und 70er Jahre einen »Raum der Lebensstile« (1987, S. 277ff.) entwickelt, der den unterschiedlichen Milieus charakteristische Einstellungen und Präferenzen zu den alltagskulturellen Angeboten der Gesellschaft zuordnet. Damit hat man die Struktur eines Gesellschaftsmodells. Von Elias stammt die Dynamik. Das neue Erklärungsmodell als Gesellschaftsmodell ist in Abbildung 2 dargestellt. Abbildung 2: Das Grundmodell kulturellen Wandels (kombiniert aus Elias und Bourdieu) (Grafik: Wolf Wagner, Siegfried Frech) 124 Wolf Wagner Ein gutes Beispiel für die Dynamik im Modell ist der Maler Vincent van Gogh: Er hat zu Lebzeiten kaum ein Bild verkaufen können. Sein exzentrischer Stil fand erst langsam bei der kulturellen Elite Anklang. Der Skandal, den seine Bilder bei ersten Ausstellungen auslösten, passte sehr gut in ihre Selbstinszenierung. Bald erzielten diese Bilder Höchstpreise, weil sie nun auch die ökonomischen Eliten zu ihrer repräsentativ gestalteten Distinktion einsetzen konnten. Teure Kopien hingen bald in den Salons der bildungsbürgerlichen Haushalte, dann in billigerer Fassung in der guten kleinbürgerlichen Stube und schließlich als Kalenderblatt im Flur der auf Sozialhilfe Angewiesenen. Dieses Gesellschaftsmodell verarbeitet die von mir Norbert Elias zugeschriebene erste Entdeckung, den Prozess der Zivilisation durch Imitation höhergestellter Schichten in der Erwartung von Aufstieg und die von Bourdieu ermittelten Strukturen im Raum der Lebensstile. Die ökonomische Elite, die mit ihrem repräsentativen Lebensstil immer auch mit sehr viel kulturellem Prestige ausgestattet ist, wird von den Neureichen und dem Bildungsbürgertum in ihrem Aufstiegsstreben imitiert – und zwar entsprechend deren Lebensstil sehr unterschiedlich. Die Neureichen holen sich Elemente, mit denen sie mit ihrem neuen Reichtum protzen können, während sich die bildungsbürgerlichen Haushalte um die »korrekte« Handhabung der alltagskulturellen Praktiken der ökonomischen und kulturellen Elite bemühen. Die neureichen werden von den randständigen Haushalten in der Weise imitiert, als sie den protzigen Stil der Neureichen auf eine billige Weise zu hedonistischen Zwecken vergröbern. Die kleinbürgerlichen holen sich von den bildungsbürgerlichen Haushalten die Stilelemente der ökonomischen Elite, die sie dann dogmatisch und möglichst korrekt handhaben und den Randständigen zur Distinktion vorhalten. Wenn sich die ökonomische Elite durch die Imitationen in ihrer hervorgehobenen Stellung bedroht sieht, kann sie sich von der kulturellen Elite, deren Lebensstil durch eine überlegene Lässigkeit und Distanziertheit gekennzeichnet ist, neue distanzierende Praktiken aneignen, repräsentativ umgestalten und so eine neue Überlegenheit signalisieren. Die kulturelle Elite, die selbstverständlich auch über viel ökonomisches Prestige verfügt, wird sowohl vom Bildungsbürgertum wie von der ökonomischen Elite imitiert und droht dabei in diesen Gruppen »eingeschmolzen« zu werden. Sie kann sich dieser Gefahr entziehen, indem sie von der Avantgarde neue distanzierende Verhaltensweisen oder alltagskulturelle Praktiken übernimmt. Die Avantgarde, die durch sehr geringes ökono- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 125 Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell misches Prestige und sehr viel kulturelles Prestige gekennzeichnet ist, will in ihrem Lebensstil vor allem anders sein als die bildungsbürgerlich und kleinbürgerlich Geprägten. Sie produziert dabei permanent distanzierende Praktiken, aus denen die kulturelle Elite für ihre distanzierte Überlegenheit die am besten geeigneten Praktiken auswählt. Die zweite von mir Elias zugeschriebene Entdeckung, was geschieht, wenn ein solcher Aufstieg nicht möglich ist, nämlich die Herausbildung einer trotzigen Gegenkultur im aufstiegsblockierten Segment der Gesellschaft, ist in Abbildung 3 dargestellt: Überall, wo Gruppen in einer Gesellschaft zu dem Eindruck gelangen, dass sie keine Chance haben, aufzusteigen und Anschluss an den bestimmenden Teil der Gesellschaft zu halten, spalten sie sich als zusammengehöriges Segment von der Gesellschaft ab und bilden eine trotzige Gegenkultur. Die höchste Schicht innerhalb dieses Segments übernimmt die Funktion einer lokalen Elite, die in gleicher Weise wie in der dominanten Gesellschaft imitiert und damit für das ganze Segment zum Vorbild wird. 4 Die Anwendung des Gesellschaftsmodells auf die Situation Deutschlands bis zur Wiedervereinigung Das Modell »Kulturschock« hatte impliziert, dass alle gegenwärtigen in der Bilanz des Jahresberichts 2019 geschilderten Probleme zwischen Ost Abbildung 3: Das Modell bei Aufstiegsblockade und daraus resultierender trotziger Gegenkultur (Grafik: Wolf Wagner, Siegfried Frech) 126 Wolf Wagner und West in Deutschland aus der Konfrontation mit einer fremden Kultur kämen. Demnach wäre der wahrgenommene Ausschluss aus der aktiven Gestaltung des Vereinigungsprozesses durch die besondere Form der Vereinigung per Beitritt, in dem alles Ostdeutsche für ungültig erklärt und durch Westdeutsches ersetzt werden sollte, der einzige Grund für die Fehlentwicklungen zwischen Ost und West. Der Vorteil des neuen, auf Elias und Bourdieu gestützten Erklärungsmodells ist, dass es keinen »Nullpunkt Wiedervereinigung« setzt. Eine nähere Analyse mithilfe des oben vorgestellten Gesellschaftsmodells zeigt nämlich, dass die Erklärung »Kulturschock« nicht genügt, denn viele der heutigen Probleme haben ihre Quellen in der Geschichte der DDR. 4.1 Die geheime Geschichte der DDR als Geschichte des immer wieder gutgegangenen Scheiterns und der Stagnation Bei der Betrachtung der DDR muss man eine Besonderheit dieser Gesellschaft berücksichtigen, die in der Literatur kaum Beachtung gefunden hat, nämlich die Tatsache, dass die DDR wegen des allgemeinen Mangels sozialistischer war, als sie selbst wohl sein wollte. Aus den Schriften von Karl Marx, insbesondere den »Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei« (Marx, 1875, 1973) kann man als Anforderungen an den Sozialismus herausdestillieren: 1. Die Arbeitsteilung insbesondere zwischen Stadt und Land, zwischen den Geschlechtern und zwischen geistiger und Handarbeit soll vermindert werden. 2. Der Markt und damit das Geld sollen an Bedeutung verlieren. 3. Die Klassen sollen verschwinden. 4. Der Staat soll an Bedeutung verlieren. Außer der vierten Anforderung sind alle anderen Merkmale des Sozialismus in der DDR weit besser erfüllt worden, als das die DDR-Führung wollen konnte, denn es ist der Mangel, der diese Erfolge verursacht hat. Die Arbeitsteilung wurde vor allem vermindert, weil die Lieferschwierigkeiten zwischen den Bereichen der Volkswirtschaft und den Werken so groß waren, dass viele VEBs versuchten, so autark wie möglich zu werden. Auf den LPGen näherte sich die Arbeit in der Landwirtschaft immer mehr der Arbeit in der Industrie an, und die Lebensbedingungen wurden klein- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 127 Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell städtisch. Frauen drangen wegen des großen Mangels an Arbeitskräften und einer bewusst auf Gleichstellung gerichteten staatlichen Politik in immer größere Bereiche der gesamten Wirtschaft vor und besetzten bei annähernd gleicher Bezahlung auch führende Positionen. Das Geld und der Markt verloren aus dem gleichen Grund an Bedeutung: Der Markt funktioniert in den meisten Bereichen sehr schlecht. Für das Geld konnte man sich häufig das nicht kaufen, was man kaufen wollte. Beziehungen und Tauschgeschäfte wurden wichtiger als das Geld. Die Klassendifferenzierung verminderte sich durch die Massenflucht vor allem der Oberschichten, Großbauern, Adligen und Akademikerinnen und Akademiker in den 50er Jahren radikal. Die an Arbeiter- und Bauernakademien nachgeschulten Angehörigen der Arbeiterklasse erlebten einen ungeheuren sozialen Aufstieg, als sie die Positionen der Geflüchteten ausfüllen mussten. Sie bildeten das loyale Rückgrat der DDR, blockierten diese hervorgehobenen Positionen aber für die nachfolgenden Generationen und machten für sie einen Aufstieg praktisch unmöglich. Nach dem Bau der Mauer war die DDR eine extrem homogene Gesellschaft, eine Entwicklung, deren Basis durch die Vertreibungs- und Vernichtungspolitik der Nazis vorbereitet worden war. In der Wirtschaftsgeschichte der DDR, die vor allem durch Mangel und Stagnation geprägt ist, waren die Aufstiegsmöglichkeiten – wie oben gezeigt – außerordentlich beschränkt und in der Bevölkerung auch kaum begehrt. Aufstieg in der Planwirtschaft bedeutete einen großen Zuwachs an Verantwortung, der in keiner Relation zum Zuwachs an Einkommen oder Prestige stand. So entstand eine Gesellschaft, die sich stark entdifferenzierte, was in der Planwirtschaft von großem Vorteil war. In einer entdifferenzierten Gemeinschaft mit sehr geringen und wenig begehrten Aufstiegsmöglichkeiten entfallen die von Norbert Elias beschriebenen Mechanismen zur weiteren Differenzierung und damit auch die Notwendigkeit von Distanzverhaltensweisen. Dies erklärt zu einem guten Teil die gemütliche Nischengesellschaft der DDR mit ihrem Proletkult, der damit verbundenen Pflege der lokalen Dialekte und mit viel nachbarschaftlicher und kollegialer Nähe und wenig Distanz. In der Endphase der DDR gab es eine Fülle von Aufstiegsblockaden und daher mehrere dazugehörige trotzige Gegenkulturen: Da waren die Kirchennahen, denen wegen ihrer Verweigerung der Jugendweihe ein Studium und damit der Aufstieg verweigert worden war. Da waren die SEDfernen konservativen Akademikerinnen und Akademiker, deren Kinder 128 Wolf Wagner ebenfalls vom Studium ausgeschlossen und an der Reproduktion des hervorgehobenen Eliten-Status behindert worden waren. Da waren die Ausreisewilligen, die Ausreiseanträge gestellt hatten und deswegen massiv bedrängt wurden. Da waren die »Asozialen«, die randständigen Unangepassten, die sich der Betriebsarbeit verweigerten und dafür ins Gefängnis kamen. Und da waren die politischen Dissidentinnen und Dissidenten, die Trägerinnen und Träger der friedlichen Revolution. Und vor allem waren da die Normalen, die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger der DDR, denen der Zustand in ihrem Land zunehmend unerträglich wurde. Detlef Pollack (2019), ein in der DDR aufgewachsener und dort promovierter Soziologe, hat gezeigt, wie die Unterstützerinnen und Unterstützer der friedlichen Revolution, die eine neue, demokratische, aber immer noch sozialistische DDR wollten, zwar den Anfang setzten mit ihrem »Wir sind das Volk! Wir bleiben hier!«, die anschließende Massenbewegung mit ihrem »Wir sind ein Volk!« aber auf Initiative der Ausreisewilligen, die keine reformierte DDR wollten, zusammenkam, kräftig unterstützt von der West-CDU/CSU und der Bild-Zeitung. So entstand eine Bewegung, die Druck erzeugte in Richtung Währungsunion und Vereinigung per Beitritt. Als dann Gorbatschow sich weigerte, die SED-Herrschaft mit Panzern zu sichern, konnte diese Massenbewegung die Herrschaft der SED bedrohen und zu Fall bringen. Mit der Öffnung der Mauer setzten sich die Kräfte endgültig durch, die keine reformierte DDR, sondern ihre schnelle Auflösung wollten. Sie wählten bei der Volkskammerwahl am 18. März 1990 diejenigen Parteien, die den schnellen Beitritt zur BRD forderten. Und am 23. August 1990 stimmten 81 % der Abgeordneten der Volkskammer für den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland und für die Auflösung der DDR (Bahrmann & Links, 2009; Ritter, 2007; Stuhler, 2010) 4.2 Die Turbulenzen der Wiedervereinigung: Aufstiegsblockaden als verweigerte Anerkennung Wenig später erst bemerkten die Menschen im beigetreten Teil Deutschlands, dass ihre Wahl ungeahnte Konsequenzen hatte. Denn Beitritt hieß: Im Prinzip sollte alles Ostdeutsche verschwinden und durch Westdeutsches ersetzt werden. Wer in diesem neuen Land aufsteigen wollte, musste dies nach westdeutschen Regeln tun. Wer auf einer ostdeutschen Identität 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 129 Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell beharrte, war damit ausgeschlossen. Aufstieg ging nur im westdeutschen Sinne. Ostdeutsch-Sein war damit zur Aufstiegsblockade geworden. Dabei war gleichgültig, ob diese Aufstiegsblockade wirklich oder nur wahrgenommen war. Beides führte die Betroffenen in eine trotzige ostdeutsche Gegenkultur, und die war rechts, weil nichts die Westdeutschen so ärgerte wie das Rechts-Sein. Detlef Pollack hat schon 1997 in einem Aufsatz in der Aufklärungsreihe Aus Politik und Zeitgeschichte darauf hingewiesen, dass die verweigerte Anerkennung der eigenen Identität der ehemaligen Bürgerinnen und Bürger der DDR bei diesen zu einer Ablehnung von Demokratie und Marktwirtschaft führte. Das war der soziale und ökonomische Kern dessen, was ich mit dem Modell »Kulturschock« vergeblich zu erklären versucht hatte. 4.3 Das Paradoxon der Geschichte der neuen Bundesländer: Wie die Wahrnehmung der eigenen sozialen und ökonomischen Position und die Bewertung dieser Position beim Vergleich mit anderen auseinanderklaffen Die Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften von 1991 bis 2018 (ALLBUS) zeigen die Veränderungen in der Wahrnehmung der Befragten während des gesamten Zeitraums nach der Wiedervereinigung. Abbildung 4 zeigt, wie sich die Selbsteinstufung der Befragten in den neuen Bundesländern zu ihrer Schichtenzugehörigkeit in den Jahren nach der Vereinigung verändert hat. Während sich die Selbsteinstufung der Schichtzugehörigkeit bei den Westdeutschen in der Mittelschicht von 1991 bis 2004 um etwa 10 % absenkt, um dann schnell wieder auf den Wert von 1991 zu steigen, sich also über den gesamten Zeitraum kaum ver- ändert, kann man aus Abbildung 4 bei den Ostdeutschen eine dramatische Veränderung ablesen. Immer mehr Menschen in den neuen Bundesländern ordnen sich selbst der Mittelschicht und der oberen Mittelschicht zu. Am Schluss haben sich die Ostdeutschen den Westdeutschen angenähert wie in kaum einem anderen Bereich. Damit zeigen die Ostdeutschen, dass sie in ihrer Selbstwahrnehmung der eigenen sozialen und ökonomischen Wirklichkeit einen dramatischen sozialen Aufstieg erlebt haben. Dazu kommt: Im Jahr 2018 zeigen die Befragten in der ALLBUS-Befragung kaum einen Unterschied zwischen Ost und West bei der Beurtei- 130 Wolf Wagner lung ihrer eigenen Wirtschaftslage: 68,3 % der Ostdeutschen schätzen ihre Wirtschaftslage als sehr gut und gut ein. Bei den Westdeutschen sind es 70,7 %, also ein etwa gleicher Prozentanteil. Das müsste zu einer etwa gleichen Zufriedenheit mit der Situation führen, könnte man annehmen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Bei der Frage »Verglichen mit anderen, die hier in Deutschland leben, erhalten Sie Ihren gerechten Anteil, mehr als den gerechten Anteil, etwas weniger, sehr viel weniger? »erscheint über all die Jahre hinweg eine krasse Diskrepanz (Abb. 5): Zwischen 50 und 70 % der Ostdeutschen kreuzen »etwas weniger« und »sehr viel weniger« an. 1991 sind es 82,4 % und 1992 81,4 %! Aber selbst 2018, als die Befragten in Ost und West in der Selbstwahrnehmung ihrer eigenen sozialen und ökonomischen Position praktisch keinen Unterschied feststellen, sind es immer noch 52,1 %, die sich im Osten ungerecht behandelt sehen. In Westdeutschland ist es umgekehrt: Zwischen 60 und 70 % kreuzen den »gerechten Anteil« oder »mehr als den gerechten Anteil« an, so wie es sich in einer guten Gesellschaft gehört. Das bedeutet, dass in den neuen Bundesländern bei einem großen Teil der Bevölkerung während der gesamten Zeit seit der Wiedervereinigung ein massives Gefühl der Benachteiligung, des Ausgeschlossen-Seins von der Abbildung 4: Ostdeutsche Selbsteinschätzung Schichtzugehörigkeit 1991–2018 (ALLBUS) 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 131 Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell Abbildung 5: Gerechter Anteil Ost-Deutsche 1991–2018 (ALLBUS), »Verglichen mit anderen, die hier in Deutschland leben, erhalten Sie ihren gerechten Anteil, mehr als den gerechten Anteil, etwas weniger, sehr viel weniger« (OST-DEUT- SCHE, ALLBUS 1991–2018) Abbildung 6: Gerechter Anteil West-Deutsche 1991–2018 (ALLBUS), »Verglichen mit anderen, die hier in Deutschland leben, erhalten Sie ihren gerechten Anteil, mehr als den gerechten Anteil, etwas weniger, sehr viel weniger« (WEST-DEUT- SCHE, ALLBUS 1991–2018) 132 Wolf Wagner Teilhabe an der Mehrheitsgesellschaft geherrscht hat. Dieses Gefühl einer verweigerten Anerkennung widerspricht der Wahrnehmung der eigenen ökonomischen und sozialen Wirklichkeit auf eklatante Weise. 5 Die Anwendung des Gesellschaftsmodells zur Analyse des gegenwärtigen Zustands Ostdeutschlands 30 Jahre nach der Wiedervereinigung Zur Klarstellung: Das Gebiet der neuen Bundesländer, vulgo: Ostdeutschland, umfasst das ehemalige Gebiet der DDR plus Westberlin. Die Bevölkerung Ostdeutschlands besteht demnach nicht nur aus Menschen, die in der DDR oder im ehemaligen Gebiet der DDR aufgewachsen sind, sondern aus den Menschen, die in Westberlin ihre Kindheit und Jugend verbracht haben, und jenen, die in Westdeutschland, also den anderen Bundesländern der BRD herangewachsen und von dort – wann auch immer – in das Gebiet der DDR oder in die neuen Bundesländer umgezogen sind. Glücklicherweise unterscheidet die Allgemeine Bevölkerungsumfrage für die Sozialwissenschaften (ALLBUS) in ihren beiden letzten Befragungen in einer neuen Variable zwischen Befragten, die im Osten aufgewachsen und dort auch interviewt worden sind, also dort geblieben sind, und Befragten, die im Westen aufgewachsen und im Osten interviewt worden sind, also ihren Wohnsitz inzwischen dort angemeldet haben. Dies ermöglicht eine viel feinere qualitative Analyse als die bisherige Einteilung nach dem Befragungsgebiet. Quantitativ fällt die Unterscheidung kaum ins Gewicht, weil die Gruppe der Ostdeutschen, die in den Westen gezogen sind, in der Befragung 2018 nur 3,7 % der Befragten und die Gruppe der Westdeutschen, die in den Osten gezogen sind, nur 1,7 % der Befragten ausmachten. Zur Erinnerung: Der Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2019, 30 Jahre nach der Maueröffnung, zog eine verheerende Bilanz, was die Verständigung der beiden Teile Deutschlands angeht. Die bisherige Analyse hat gezeigt, dass diese verheerende Bilanz nicht aus den Entwicklungen der sozialen und ökonomischen Wirklichkeit der neuen Bundesländer hervorgehen kann, sondern das Ergebnis einer erfahrenen symbolischen Diskriminierung ist, einer wahrgenommenen Verweigerung von Anerkennung. Dies gilt es im Folgenden zu erklären. Die Grobstruktur des Gesellschaftsmodells zeigt auf den Achsen die beiden von Bourdieu und Elias hergeleiteten Dimensionen (Y-Achse: öko- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 133 Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell nomisches Prestige; X-Achse: kulturelles Prestige), deren Mischungsverhältnis die Position von Personen und Gruppen im sozialen Raum definiert. Die durchgehenden schwarzen Linien zeigen die als absolut wahrgenommenen Aufstiegsblockaden mit den dadurch bedingten trotzigen Gegenkulturen. Die unterbrochene schwarze Linie stellt die als durchlässiger wahrgenommene Aufstiegsblockade zwischen dem von Westdeutschen dominierten Herrschaftsbereich und dem von Ostdeutschen dominierten Bereich mit ihren unterschiedlichen Segmenten dar. Auch hier gibt es Spannungen zwischen den beiden Bereichen mit gegenkulturellen Ansätzen, die aber lange nicht so ausgeprägt sind wie diejenigen im Rahmen der als absolut empfundenen Aufstiegsblockaden. Oberhalb der durchgehenden schwarzen Linien liegen zusammengenommen die erfolgreichen und Herrschaft ausübenden Segmente, unterhalb der durchgehend schwarzen Linie liegen diejenigen Gruppen, die sich aus sehr unterschiedlichen inhaltlichen Gründen in wirklichen oder nur wahrgenommenen Aufstiegsblockaden befinden. In der Mittelstruktur des Modells zeigen sich die Spannungen und Beziehungen der unterschiedlichen Segmente der ostdeutschen Gesellschaft mit ihrer Geschichte: Über allem schweben wie eine Wolke die aus dem Abbildung 7: Ostdeutschland 2019 (Grafik: Wolf Wagner, Siegfried Frech) 134 Wolf Wagner Westen importierten Eliten. In der Wirtschaft treten sie als dominantes lokales Management auf, das aber von den in Westdeutschland sitzenden Zentralen gesteuert wird. In den Verwaltungen sind die hohen Positionen mit wenigen Ausnahmen – außer auf der Hausspitze – genauso in westlicher Hand wie die meisten Stellen auf der professoralen Ebene an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen (Best  & Holtmann, 2012). Diese ökonomischen, kulturellen und Verwaltungseliten aus dem Westen sind kosmopolitischer und stehen stärker den Nach-68ern nahe, selbst wenn sie CDU wählen oder Mitglieder der CDU sind, als die Angehörigen der gleichen Führungspositionen im Westen. Dies erzeugt eine sehr große Distanz zur Masse der Menschen, die im Osten aufgewachsen und dort geblieben sind. Das liegt daran, dass nach 1990 zuerst besonders erfahrene Kräfte mit »Buschzulage« aus dem Westen kamen, die dann aber wieder zurück auf ihre alten Posten im Westen gingen. Geblieben sind die jungen, neugierigen und weltaufgeschlossenen Akademiker und Akademikerinnen, die sich gerne auf die Herausforderungen des Aufbaus nach dem Vorbild des Westens und die auf Lebenszeit gut dotierten hervorgehobenen Positionen einließen und diese noch auf lange Zeit blockieren werden. Mit ihnen sind auch die heutigen Spitzen der AfD in den Osten gekommen. Den westdeutschen Verwaltungseliten entsprechen auf ostdeutscher Seite die von der Personenzahl her viel größeren ausführenden Teile der Verwaltungen in den Ministerien, Landkreisen und Kommunen. Das gilt genauso für die ökonomischen Eliten aus dem Westen, die in den Dependancen der westdeutschen Großbetriebe, Banken und Versicherungen dominieren, jedoch durch eine riesige Masse an ausführenden Kräften aus dem Osten ergänzt werden. Zur Wahrung der Übersichtlichkeit des Modells sind beide nicht separat aufgeführt. Der kulturellen Elite aus dem Westen steht eine kulturelle Elite aus dem Osten gegenüber und vermischt sich mit ihr. Letztere meint die wenigen, die im Rahmen der Wiedervereinigung die Evaluationen geschafft haben und in den Hochschulen und Forschungseinrichtungen übernommen worden sind, und diejenigen, die in den 30 Jahren seit der Wiedervereinigung ihre Ausbildung abgeschlossen und den Aufstieg vollzogen haben. Das Leitungspersonal und die Angehörigen der vielen erfolgreichen kaufmännischen, handwerklichen und industriellen Kleinbetriebe in den neuen Bundesländern gehören zu den ostdeutschen Gewinnerinnen und Gewinnern der Vereinigung. Dies gilt auch für die erfolgreichen landwirt- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 135 Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell schaftlichen Genossenschaften im land- und forstwirtschaftlichen Bereich, die aus den LPGen hervorgegangen sind. Diesen in die gesamtdeutsche Gesellschaft perfekt integrierten Segmenten stehen drei trotzige Gegenkulturen gegenüber, die sich im wiedervereinten Deutschland ausgeschlossen fühlen. Links unten findet sich die trotzige Gegenkultur der Ausgesonderten, in der Mitte eine gemischte Trotzkultur aus Gruppen, die während der DDR-Zeit heftige Gegner waren: die abgesunkenen und ausgeschlossenen Teile der alten Parteielite auf der einen Seite und die ebenfalls marginalisierten Angehörigen der friedlichen Revolution. Beide sind aus unterschiedlichen Gründen von der Wiedervereinigung enttäuscht. Ihre Konkurrenz dauert an, jedoch mit der verrückten Zuspitzung, dass sie nun meist vor westdeutschen einstellenden Entscheidungspersonen, die kaum eine Ahnung von den Konflikten haben, um Anstellung konkurrieren müssen. Dann gibt es rechts, eigentlich in der Position der Avantgarde, die trotzige Gegenkultur der ehemaligen konservativen, akademischen Eliten der DDR in den besseren Vierteln in Dresden, Erfurt und Leipzig. Sie verstehen sich mit PEGIDA als Avantgarde einer konservativen, heimatbezogenen akademischen Gegenkultur (»Rettung der Abendlandes«) gegen die Dominanz der westdeutschen Nach-68er. In den folgenden Punkten sollen die drei trotzigen Gegenkulturen nacheinander auch in ihrer Entstehungsgeschichte betrachtet werden. 5.1 Die Gegenkulturen der Abgehängten2 5.1.1 Die rechtsextreme, gewalttätige Gegenkultur Mit der Wiedervereinigung per Beitritt erlebten vor allem die jungen Menschen in Ostdeutschland ein Debakel: Flächendeckend wurden in den verbliebenen Betrieben und Verwaltungen Personen über 55 mit relativ hohen Renten (wegen der insgesamt viel längeren Versicherungszeiten) in den vorzeitigen Ruhestand geschickt. Bei den anderen wurden – aus westdeutschen sozial- und familienpolitischen Erwägungen heraus – vorwiegend verheiratete Männer über 30 mit Kindern gehalten. Jüngere, Ledige und vor allem Frauen wurden entlassen und bei den wenigen Neueinstel- 2 Vgl. Bereich links unten in Abbildung 7. 136 Wolf Wagner lungen nicht berücksichtigt. Die Frauenerwerbsquote müsse derjenigen in Westdeutschland angepasst werden, um so die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland zu halbieren, war die allgemeine Devise der schwarz-gelben Koalition 1990 (Ritter, 2006, S. 117ff., 2007, S. 179ff.). Die zur Zeit der Wiedervereinigung junge Generation wurde so zur verlorenen Generation, zur Generation ohne Chancen, und zwar über eine sehr lange Zeit. Denn die meisten Betriebe und Verwaltungen hielten ihr Personal von 1990 an zehn Jahre lang – bis die 55-Jährigen von 1990 ab 2000 in Rente gingen. Sie nahmen in der Zeit praktisch keine Neueinstellungen mehr vor, und nach 2000 stellten sie dann junge, frisch ausgebildete Arbeitskräfte ein. Die letzte Jugend-Generation der DDR blieb ausgeschlossen. In dieser Situation zogen schon direkt nach der Wiedervereinigung über zwei Millionen Ostdeutsche, viele von ihnen aus dieser Generation, vor allem junge, gut ausgebildete Frauen, in den Westen. Die meisten, die geblieben sind, steckten jahrelang in Maßnahmen der Arbeitsämter, um dann über die Arbeitslosenhilfe, später Hartz IV, zu Langzeitarbeitslosen zu werden. Ein Großteil von ihnen schloss sich einer allgemeinen rechtsextremen, gewalttätigen Gegenkultur an. Viele von ihnen waren bereits in der DDR Teil einer solchen trotzigen und stolzen Gegenkultur gewesen und sind wohl auch deswegen geblieben. Damals waren sie vor allem deswegen rechtsextrem aufgetreten, weil sie damit die antifaschistische DDR am meisten herausfordern konnten (Brück, 1992; Frank, 2001). Mit dem Niedergang der DDR setzen sie diese aggressive Gegenkultur bruchlos fort, schon bevor sich das spektakuläre Scheitern der »blühenden Landschaften« andeutete. Ihr Rechtsextremismus unterschied sich scharf vom Rechtsextremismus der alten Bundesrepublik. Die westdeutschen Rechten waren alt und hingen dem Revanchismus an, dem es vor allem darum ging, ein Deutschland in den Grenzen von 1936 wiederzuerrichten. Dies lag den ostdeutschen Rechtsextremen fern; sie hatten nichts gegen die ehemals sozialistischen Nachbarinnen und Nachbarn. Sie waren jung und hatten sich längst mit den neuen Grenzen abgefunden (Stöss, 2000). Sie hatten sich die Mittel der Nazis in ihrer »Kampfzeit« abgeschaut und wollten auf ähnliche Weise eine neue Diktatur der Herrenrasse errichten. Sie waren nicht die Unterdrückten, eher die neuen Herren, stolz und arrogant. Ich habe gesehen, wie ein einziger Skinhead in voller Montur über den riesigen Rathausplatz in Jena stolzierte und die hasserfüllten, empörten Blicke der hilflosen Bürgerinnen und Bürger an den Tischen vor den Cafés und Restaurants sichtlich genoss. Ich habe später mitbekommen, wie 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 137 Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell sich vor einem Jugendklub in Eisenach, der »akzeptierende Jugendarbeit« machen wollte, in Wirklichkeit aber von den Rechten voll übernommen worden war, zwei junge Männer – sie trugen keine Glatzen mehr, waren aber noch gewaltbereiter als die früheren Glatzen – in ihrem Auto darüber unterhielten, wie ihre Freundinnen Anforderungen an sie stellten und nicht sahen, welche Nachteile sie in Kauf nahmen dafür, dass sie ihr Leben der rechten Sache gewidmet hatten. Meine Studierenden der Sozialarbeit erzählten mir, wie sie von den Rechten verfolgt würden und welche Angst sie um ihr Leben hätten, wenn sie über Land fuhren oder durch Eisenach gehen mussten. Auf dem Land deklarierten sie »national befreite Zonen« und übten ein Angstregime aus. Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin Inka Bach war 1998 Stadtschreiberin in Rheinsberg und berichtete in ihrem Buch von der Gewaltherrschaft der dortigen Rechtsextremen (Bach, 2000). Ulrike Nimz schilderte zum 30. Jahrestag der Maueröffnung, wie die Rechtsextremen in Rostock ihre Kindheit und Jugend bestimmt hatten und bis heute dort aktiv seien (Nimz, 2019). Manja Präkels Roman Als ich mit Hitler Schnaps-Kirschen aß (2017) gibt eine detaillierte und glaubwürdige Beschreibung der beängstigenden Dominanz der Rechtsextremen im ländlichen Raum Brandenburgs in den letzten Jahren der DDR bis heute. Mit dem Aufstieg der westdeutsch geprägten NPD und Republikaner wichen die Angehörigen dieser rechtsextremen Gegenkultur mehr und mehr in geheime und beinahe nachbarschaftliche »Kameradschaften« und »Geheimbünde« aus. Dem entsprach dann der Niedergang der NPD und der Republikaner, weil sich ihre früheren Anhängerinnen und Anhänger mehr und mehr in das wachsende Lager der Wahlabstinenten zurückgezogen hatten. Dabei blühten immer neue, exotische Kleinstgruppen auf. Das extremste Beispiel für eine trotzige Gegenkultur sind die »Reichsbürger«: Sie leugnen die Rechtmäßigkeit der gesamten Instanzen der Bundesrepublik Deutschland, weil sich das Deutsche Reich nie rechtsverbindlich aufgelöst habe. Sie wurden erst ab etwa 2010 wahrnehmbar, dann jedoch mit zunehmender Militanz. Erst das Aufkommen der AfD, auch wieder unter westdeutscher Führung, mit ihrer beim frühen Nationalsozialismus entliehenen Mobilisierungsrhetorik (»Systemparteien«) und ihrer Kritik an der Wiedervereinigungspolitik (»Die Wende vollenden«) ließ diese die Gegenkultur wieder aufleben, holte sie aus der Ecke der Nichtwählenden und lieferte ihr die Möglichkeit, im »Flügel« die ganze Partei in eine systemsprengende völkisch-rassistische und nationalsozialistische Richtung zu drängen. 138 Wolf Wagner 5.1.2 Die abgehängten Dörfler In den ländlichen Gebieten der DDR entstand mit der Wiedervereinigung per Beitritt eine spezielle Konstellation: Die im Begriff »Genossenschaft« gemeinten Genossen, die ihren gesamten Grund und Boden und Inventar in die landwirtschaftlichen Produktions-Genossenschaften (LPGen) einbringen mussten, waren – anders als die früheren Eigentümerinnen und Eigentümer der VEBs – weiterhin Eigentümerinnen und Eigentümer dessen, was sie eingebracht hatten, allerdings zu DDR-Zeiten ohne juristische und faktische Verfügungsgewalt. Mit der Wiedervereinigung per Beitritt verschaffte ihnen das westdeutsche, in der Verfassung verankerte Eigentumsrecht wieder volle Verfügung über ihr Privateigentum. Damit war der Privatbesitz der ostdeutschen Landwirtinnen und Landwirten dem Zugriff der Treuhand-Anstalt entzogen. Nur das verstaatlichte Land und Inventar wurden von der Treuhand verwaltet. Die Regierung Kohl wollte mit der Vereinigung per Beitritt im Bereich der privaten Landwirtschaft die Rückkehr zur privatbäuerlichen Einzelwirtschaft aus der Zeit vor der Gründung der LPGen erreichen. Alles sollte auch hier werden wie in Westdeutschland. Die Vorstellung war wohl, dass die in der Landwirtschaft Tätigen nach all den Jahren der kommunistischen Knechtschaft freudig wieder zu ihrer vorherigen Unabhängigkeit zurückkehren würden. Doch die landwirtschaftlich Beschäftigten hatten in den LPGen ganz andere Erfahrungen gemacht: In der letzten Phase der Entwicklung der LPGen hatte die Bevorzugung der Landwirtschaft in der DDR ihren Höhepunkt erreicht, 5 % der dort Beschäftigten waren im kulturellen und sozialen Bereich eingesetzt. Die LPGen als Hauptarbeitgeber in der Region leisteten nicht nur etwas für die Landwirtschaft, sondern waren auch für die Versorgung aller Beschäftigten zuständig, für den Straßen-, Wege- und Wohnungsbau, für die Kinderbetreuung und die kulturellen Belange der Region. Sie schafften es, die Lebensbedingungen für die Beschäftigten vergleichbar zu machen mit denen der Beschäftigten in Industriebetrieben in kleinen Städten mit geregelten Arbeitszeiten, Jahresurlaub und Rundumversorgung (Küster, 2002, S. 78). Die Rückkehr zu einer kleinen Landwirtschaft mit Arbeit rund um die Uhr war für die meisten ausgeschlossen. Daran änderten auch all die gesetzlichen Begünstigungen für Wiedereinrichter nichts. 1990, im Jahr der Wiedervereinigung, waren über die Hälfte der LPG- Mitglieder bereits in Rente, wollten aber in der LPG bleiben, weil damals 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 139 Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell der Verkauf ihres Landes kaum etwas eingebracht hätte und sie davon ausgehen konnten, dass sie beim Verlassen der LPG nicht fair behandelt werden würden. Auch hingen viele an den LPGen, die sie in großen Mühen und mit viel Einsatz aufgebaut hatten. Über die Behandlung der LPGen entbrannte in der Wiedervereinigungszeit ein heftiger Konflikt zwischen den Kräften, die versuchten, von der DDR zu retten was noch zu retten war, und denjenigen, die den Auftrag, Vereinigung per Beitritt, also der möglichst perfekten Anpassung an Westverhältnisse, buchstabengetreu umzusetzen versuchten. Beide Seiten wandten dabei illegitime Tricks und ökonomischen Druck an. Die westdeutsch dominierten Gesetzgeber, Banken und Verwaltungen entwickelten das Druckmittel »Altschulden«. Diese Schulden waren zu DDR-Zeiten nur Verbuchungen von Investitionen, die der DDR-Staat aus dem ihm gehörenden Vermögen der LPGen diesen für Erweiterungs- und Ausbesserungsinvestitionen zahlte und diesen Vorgang als Schuld verbuchte. In Westdeutschland hätten diese Beträge als der von ihnen erwirtschaftete Überschuss, als ihr Betriebsgewinn gegolten. Selbstverständlich hätte er für Erweiterungs- und Ausbesserungsinvestitionen zur Verfügung gestanden und wäre sogar steuerlich absetzbar gewesen. Nie wäre er als »Kredit« und rückzuzahlende Schuld gewertet worden. Diese reinen Buchungs- »Kredite« wurden nun als reale Verschuldungen der LPGen gegenüber der verwaltenden Staatsbank behandelt. Mit der Privatisierung dieser Staatsbanken durch die Treuhand verkaufte diese die angeblichen »Schulden« zu billigsten Preisen an westdeutsche Banken, und zwar zum Umtauschkurs zur Zeit der Währungsunion. Die westdeutschen Privatbanken trugen dabei keinerlei Risiko, denn wenn die Kredite nicht mehr bedient werden konnten, sprang der Staat als Bürge ein. Damit waren die LPGen den Banken fast genauso ausgeliefert wie die verstaatlichte Wirtschaft der Treuhand. Den Wiedereinrichtern wurden aufgrund interner Anweisungen durch das Bundesministerium für Finanzen an die Banken diese »Schulden« erlassen, den LPGen wurden sie in den Bilanzen mit einigen Korrekturen in Form von Teilentschuldungen festgeschrieben. Angesichts des langhaltenden beinahe totalen Nachfrageausfalls nach der Währungsunion standen die LPGen vor dem Ruin. In den neuen Bundesländern, deren Regierungen eher daran interessiert waren, »Errungenschaften« der DDR zu retten, etwa Brandenburg, erhielten die LPGen Unterstützung bei der Berechnung der Endbilanzen. Dort wurden die Schulden der LPG als 140 Wolf Wagner Minderung der Bilanzwertes verbucht, wodurch sich die möglichen Auszahlungsbeträge an die Genossinnen und Genossen, die die LPG aus welchen Gründen auch immer verlassen wollten, entsprechend verringerten. Dieses Vorgehen wird heute überwiegend als Betrug an den aus LPGen Ausgeschiedenen bewertet, der allerdings wegen des Drucks, unter dem die LPGen standen, kaum zu vermeiden war (Küster, 2002, S. 93). Dieser geschichtliche Hintergrund prägt die Situation in den ländlichen Gebieten der neuen Bundesländer bis heute  – wie auch Abbildung 7 zeigt: Die in den inzwischen in Genossenschaften umgewandelten LPGen verblieben sind, gehören zu den erfolgreichen Aufgestiegenen und damit zu den Gewinnerinnen und Gewinnern des Vereinigungsprozesses. Diejenigen, die ausgeschieden und in ihren Dörfern verblieben sind, gehören zu den »abgehängten Dörflern« im aufstiegsblockierten Segment mit massiver gegenkultureller Prägung. Bei ihnen liegt die Zustimmung zur AfD besonders hoch. In Thüringen hat die NPD zuletzt nur noch in den Dörfern mit Lautsprecherwagen Wahlkampf gemacht. In vergleichbaren ländlichen Gebieten in Westdeutschland ist die Zustimmung zur AfD nicht höher als in den städtischen Gebieten (Deppisch et al., 2019). Es handelt sich hierbei also um eine DDR-spezifische Prägung durch die wahrgenommenen Aufstiegsblockaden und die aus ihr resultierende trotzige Gegenkultur nach der Wiedervereinigung per Beitritt. 5.1.3 Die sonstigen sich ausgesondert Fühlenden in der Gegenkultur der Ausgeschlossenen Es gab und gibt durch die ganze Geschichte der DDR und der neuen Bundesländer große Gruppen, die eine im Vergleich zu ihren Ansprüchen verminderte Teilhabe erleben mussten, also in einer empfundenen Aufstiegsblockade steckten und sich dennoch nicht einer rechtsextremen Gegenkultur anschlossen. Es sind diejenigen, die aus einer traditionell positiv empfundenen Arbeitertradition kommend sich mit ihrer sozialistischen Geschichte zu DDR-Zeiten stark identifizierten, auch wenn sie in ihrer materiellen Versorgung zu DDR-Zeiten und im Prozess der Wiedervereinigung abgerutscht sind. Manche steckten jahrelang in Maßnahmen der Arbeitsämter, um dann über Arbeitslosenhilfe, später Hartz IV, zu Langzeitarbeitslosen zu werden. Ihre trotzige Gegenkultur wird ihnen von der PDS, später der »Linken« geliefert. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 141 Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell 5.2 Die Gegenkulturen der früheren Eliten3 Ich habe sie erlebt in meiner Zeit in Erfurt: In den 16 Jahren Fachhochschule Erfurt bin ich ihnen in Vorträgen, Lesungen, Podiumsdiskussionen, Sitzungen, Neujahrsempfängen, Festveranstaltungen, Zugfahrten und Empfängen in teilnehmender Beobachtung begegnet. Sie waren die dominanten Gruppen in der ostdeutschen Öffentlichkeit, die von der Wiedervereinigung enttäuschten unterschiedlichen Fraktionen der DDR-Eliten und ihr Gegenpart, die ebenfalls enttäuschten ehemaligen Mitstreiterinnen und Mitstreiter während der friedlichen Revolution. Ich habe kaum verlässliches empirisches Material über sie gefunden, muss darum stark von meinen Eindrücken zehren und bin so auf eine eher anekdotische Beweisführung angewiesen. 5.2.1 Die enttäuschte ehemalige SED-Parteielite Bei Versammlungen und Podiumsdiskussionen der PDS, zu denen ich von mir wohlgesonnenen Führungskadern der Partei eingeladen wurde, weil sie sich daran erfreuten, wie ich ihre extrem dogmatischen Genossinnen und Genossen mit meiner Nach-68er-Sichtweise provozierte, habe ich die trotzige Gegenkultur der enttäuschten Altkader hautnah erlebt. Exemplarisch war eine Podiumsdiskussion noch in den 90er Jahren mit Hans-Joachim Maaz und mir auf der Probebühne des Berliner Ensembles. Der Höhepunkt war ein Streit um den Freiheitsbegriff, der symptomatisch war. Maaz vertrat den von Engels im Anti-Dühring aufgenommenen Hegel’schen Begriff von der Freiheit als »Einsicht in die Notwendigkeit«. Das hätte auch von Kant stammen können, für den die praktische Freiheit im selbstgewählten »vernünftigen Handeln« besteht. Maaz traf damit im PDS-Publikum auf allgemeine Zustimmung. Als ich dagegen setzte, in meinem Verständnis sei Freiheit die Möglichkeit, das in den Augen anderer »Dumme« zu tun, denn wenn man diese Möglichkeit nicht habe, gäbe es keine Freiheit, löste das im Publikum und bei Maaz allgemeine Empörung aus. Ich wurde als oberflächlich und unernst beschimpft, als typischer Wessi. Und das war ich auch. Mit dem von Maaz und dem PDS-Publikum vertretenen Freiheitsbegriff lässt sich eine wohlmeinende Diktatur perfekt rechtfertigen. Sie scheitert aber an einem Freiheitsbegriff, der das Recht auf Abweichung, Irrtum und einem aus Sicht der angenommenen Pflicht dummen Eigensinn betont. 3 Vgl. Bereich unten mittig in Abbildung 7. 142 Wolf Wagner Ein anderes Beispiel war die »Seniorenversammlung« (so der Originaltitel der Veranstaltung) des DGB im Gewerkschaftshaus in Erfurt: Ich war als Autor von Kulturschock Deutschland eingeladen. Als ich in meinem Vortrag im zweiten einleitenden Satz sagte: »Im Vergleich mit anderen Transformationsländern wie Polen oder der CSSR ist der Übergang in die Marktwirtschaft in den neuen Bundesländern vergleichsweise milde verlaufen«, brach ein Sturm der Entrüstung los. Als ich fragend um mich blickte, sprang ein alter Herr auf und brüllte: »Wie können Sie es wagen, die DDR mit Polen oder der CSSR zu vergleichen? Das waren doch verschiedene Welten!« Es wurde eine Schlacht Ost gegen West. An einer Stelle rief ein Teilnehmer: »Wissen Sie, Herr Wagner, was mich am meisten stört am Westen, das ist der Lobbyismus!« Großer Beifall. Als ich dann erwiderte »Aber Sie, als DGB, sind doch selbst eine Lobbyorganisation. Sie vertreten die Arbeitnehmerinteressen, und das ist auch gut so, aber sie sind und bleiben eine Lobbyorganisation!«, kam es beinahe zu körperlichen Angriffen auf mich. Diese Anekdoten zeigen, wofür die trotzige Gegenkultur der ehemaligen Parteielite der DDR steht: für eine Verherrlichung und Rechtfertigung der DDR und massive Angriffe auf das wiedervereinigte Deutschland insbesondere den Westen. Die Autorin Daniela Dahn ist die geistreiche Vertreterin dieser Gegenkultur. Ihren 1996 erstmals erschienenen Bestseller Westwärts und nicht vergessen. Vom Unbehagen in der Einheit eröffnet sie bezeichnenderweise mit einem fiktiven Dialog mit den Herausgeberinnen und Herausgebern, die sie auffordern, die Autorin des »Osttrotzes« zu werden, einer Aufforderung, der sie freudig nachgekommen ist. Die eher skurrile Version dieser trotzigen Gegenkultur kommt am deutlichsten in der von Horst Jäkel seit 2008 im GNN-Verlag herausgegebenen Serie von DDR-nostalgischen Sammelbänden mit Titeln wie Lebendige DDR zum Vorschein. Die Anhängerinnen und Anhänger dieser DDRnostalgischen Trotzkultur können jederzeit von der Partei »Die Linke« zur AfD wechseln, besonders dann, wenn diese wie bei den letzten Wahlen in Brandenburg eine vereinigungskritische Kampagne mit Slogans wie »Die Wende vollenden« betreiben. 5.2.2 Die enttäuschte friedliche Revolution Am schwersten fällt es mir, über die enttäuschten und abgehängten früheren Anhängerinnen und Anhänger der friedlichen Revolution zu 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 143 Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell schreiben, weil sie mir so nahestehen und doch so fremd sind. Sie haben es aus meiner Sicht am schwersten, in der ostdeutschen Gesellschaft einen Platz zu finden, an dem sie sich aufgehoben und zu Hause fühlen könnten. Denn ihr Grundgefühl, wie ich es wahrnehme, ist eine große Wehmut über die vertane Chance der friedlichen Revolution: dass es nicht gelungen ist, auch nur die Ansätze eines demokratischen Sozialismus in einer reformierten DDR zu realisieren. Die Maueröffnung und der Sog nach Westen hat alles weggespült. Mit dieser Wehmut sitzen sie jedoch zwischen allen Stühlen. Sie sind entsetzt über die AfD, aber am meisten ärgert sie die DDR- Nostalgie alter DDR-Kader wie Daniela Dahn oder Horst Jäkel. Mit den Angehörigen dieser trotzigen Gegenkultur müssen sie jedoch vor den westdeutschen Personalchefs in Wirtschaft und Verwaltung um Anstellungen konkurrieren. Häufig verstehen sich diese besser mit den nostalgisch Eingestellten als mit den ewig unentschlossenen und kritischen ehemaligen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der friedlichen Revolution. Politisch neigen sie am ehesten den westdeutschen Grünen zu, die es in den neuen Bundesländern zuhauf gibt. In Erfurt bildeten wir einen Kreis mit monatlichen Treffen mit dem Namen »Intellektuelle in der Provinz«. Von den kritisch beobachtenden Ostdeutschen wurde er »Wessi-Selbsttröstungs- Verein« genannt. 5.3 Die enttäuschte konservative kulturelle DDR-Elite4 Eine der großen Überraschungen bei meinem Dienstantritt in Erfurt war die Erkenntnis, wie viele ausgesprochen bürgerlich-konservative Menschen es in der früheren Universitätsstadt gab, deren ganzes Bestreben darauf hinauslief, der Stadt wieder ihren alten Status zu verschaffen. Die Mehrzahl meiner Kolleginnen und Kollegen, die aus Vorgängerinstitutionen der Fachhochschule und der späteren Universität stammten, zeigten ein akademisches Gehabe, wie ich es im Westen aus der Universität vor der Studentenbewegung kannte. Sie legten Wert auf Titel, auf Sakko und Krawatte im Alltag, Talar und Barett und Amtsketten für die akademischen Feiern. Sie siezten sich gegenseitig und die Studierenden und waren entsetzt über unseren lockeren Umgang untereinander und mit den Studierenden. 4 Vgl. Bereich rechts unten in Abbildung 7. 144 Wolf Wagner Als ich Rektor wurde und erklärte, dass ich die Amtskette nie tragen würde, zeigte ihre Mimik, wie sehr sie mein Verhalten als eine Herabwürdigung der Institution empfanden, an der sie arbeiteten und damit ihrer selbst als Personen. Sie wagten es aber nie, mich offen dafür zu kritisieren. Es war klar, sie lehnten die anti-akademischen Gepflogenheiten der Nach- 68er aus dem Westen ab. Sie hatten sich vom Abtreten des auf den Proletkult festgelegten Parteiregimes die Rückkehr zu alten bürgerlich-akademischen Sitten erhofft. Eine solche Vorherrschaft einer konservativen kulturellen Elite, die ihren Elitenstatus als trotzige Entgegensetzung zum Stil der frisch aus dem Westen importierten Nach-68er-Eliten, die nun in Ostdeutschland beinahe überall das Sagen haben, ist in der Goethestadt Weimar eine traditionelle Selbstverständlichkeit. Nicht so dominant, aber von erheblichem Einfluss waren und sind solche konservativen Eliten in anderen Universitätsstädten in Ostdeutschland, insbesondere in Dresden und Leipzig. Diese konservative Elite versteht sich als eine anti-kosmopolitische, eher auf die deutsche Kultur ausgerichtete und anti-liberale Avantgarde, orientiert an einer Rückkehr zu bewährten Werten. Sie fühlt sich blockiert und unterdrückt durch die dominante links-alternative politische Korrektheit. Diese wahrgenommene Unterdrückung reicht bis weit in die nicht-konservative kulturelle Elite Ost hinein. Als nicht direkter Teil der konservativen Elite  – dafür ist sie sich zu fein – aber von ihr stark beeinflusst, sozusagen auf ihr als Humus wachsend, entstand in Dresden die seltsame Bewegung »Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« (PEGIDA), die am 19. Dezember 2014 von Lutz Bachmann in Dresden brav als Verein eingetragen und gegründet worden ist. Die Bewegung tritt inzwischen zusammen mit dem »Flügel« der AfD als Avantgarde eines neuen völkischen Deutschlands auf. 6 Fazit und Ausblick Dieses Modell bewährt sich deutlich besser bei der Erklärung des heutigen Zustandes Ostdeutschlands, wie er im Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2019, 30 Jahre nach der Maueröffnung, festgestellt worden ist: Dass sich 57 % der Ostdeutschen als »Bürger zweiter Klasse«, so die Formulierung des Items, fühlen, ist 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 145 Vom Kulturschock zum Gesellschaftsmodell angesichts der weiten Verbreitung unterschiedlicher trotziger Gegenkulturen wegen wahrgenommenen Formen des Ausschlusses und der Benachteiligung gut erklärbar. Dazu passt, dass die Wiedervereinigung von nur 38 % der Befragten im Osten, bei Befragten unter 40 Jahren sogar nur von rund 20 % für gelungen gehalten wird, und dass die Zustimmungswerte für die Demokratie im Osten Deutschlands so niedrig liegen und es zu signifikant unterschiedlichen Wahlergebnissen im Osten kommt, und zwar sehr viel höheren Zustimmungswerten für die AfD. Der sehr viel höhere Erklärungswert entsteht jedoch vor allem, weil im Modell die Vorgeschichte der Segmente zu Zeiten der DDR und im Prozess der Wiedervereinigung berücksichtigt worden ist. Ohne diese Vorgeschichte versagen alle Erklärungen. Darum kann man auch nicht mit schnellen Lösungen dienen, denn diese Geschichte wirkt fort. Was die Gegenkulturen gemeinsam haben, ist die empfundene mangelnde Anerkennung im wiedervereinten Deutschland. Dies kommt in zugespitzter Form im Titel des 2018 erschienenen Bestsellers von Petra Köpping, 1958 in Thüringen geboren und heute sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, zum Ausdruck: Integriert doch erst mal uns! Eine Streitschrift für den Osten. Dieses Ansinnen müsste aus der Sicht dieses Erklärungsmodells von der westdeutschen Politik wahr- und ernstgenommen werden. Denn erst wenn die Mehrheit der Ostdeutschen, die in Ostdeutschland aufgewachsen und dort wohnhaft geblieben sind, von sich sagt, dass sie »verglichen mit anderen, die hier in Deutschland leben« ihren gerechten oder mehr als den gerechten Anteil bekommt, kann dieses Land als befriedet und vereint gelten. Dazu bietet der deutsche Föderalismus einen gangbaren Weg. Die Vereinigungen unter Gleichberechtigten unterscheiden sich von den Vereinigungen per Beitritt oder Anschluss durch ihren föderalen, gegen-zentralistischen Charakter. In der Corona-Krise haben wir die Vorteile des Föderalismus zu schätzen gelernt. Diese Vorteile einer Vielfalt der Problemlösungen, etwa beim Lohnsystem und der Geschlechtergerechtigkeit (siehe Wagner et al., 2020, in diesem Band), und eines regionalen Selbstbewusstseins gilt es auszubauen. Man könnte in Abwandlung einer DDR-Parole formulieren: Von Bayern lernen, heißt siegen lernen. 146 Wolf Wagner Literatur ALLBUS Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften. Supplement zum Variable Report ALLBUScompact. Kumulation 1980–2016. Nach alten/neuen Bundesländern und Jahr tabellierte Auszählungen. Studien-Nr. 4587. Datensatz Version: 1.0.0, GESIS Datenarchiv für Sozialwissenschaften. DOI: 10.4232/1.13048 (Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften. Die alle zwei Jahre erhobenen deutschland-repräsentativen Umfragen wurden 1980-1986 und 1991 von der DFG gefördert. 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Wie studieren und sich nicht verlieren (letzte Überarbeitung 2007). Weiter publizierte er über Armut, Hochschule und zum Verhältnis von Ost- und Westdeutschland, so 1996 Kulturschock Deutschland. Heute lebt er im Ruhestand in Berlin.10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 Teil 2 Rechtsextremismus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus 151 Rechtsextremismus – ein einheitliches Konstrukt? Der Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung – Leipziger Form (FR-LF) Ayline Heller, Elmar Brähler & Oliver Decker Einleitung Rechtsextremismus stellt ohne Frage eines der tiefgreifenden gesellschaftlichen Probleme des 20. und 21. Jahrhunderts dar, das die Demokratie und deren Funktionsfähigkeit und Zusammenhalt immer wieder zu gefährden droht. Zentrale Grundrechte wie die Menschenwürde sowie demokratische Grundgedanken werden von Befürworter_innen rechtsextremer Parteien und Anhänger_innen rechtsextremer Bewegungen infrage gestellt. Die weltweite Tendenz zur Unterstützung dieser Strömungen, ein erneuter Anstieg der politisch motivierten Gewalttaten von rechts (Bundesministerium des Innern, 2019) sowie alltägliche Formen der Diskriminierungen, etwa in Internetforen und -Kommentarspalten1, machen eine aussagekräftige Bestandsaufnahme und damit eine reliable Messung rechtsextremer Positionen unumgänglich. Dies geschieht einerseits anhand von Kriminalstatistiken, andererseits wird seit Langem regelmäßig die Zustimmung zu rechtsgerichteten Aussagen als Indikator für das antidemokratische Potenzial der gesamten Gesellschaft herangezogen, im deutschsprachigen Raum z. B. im Rahmen der »Mitte«-Studien in Leipzig und Bielefeld sowie einiger durch die jeweiligen Landesregierungen in Auftrag gegebener Studien zu politischen Einstellungen, wie dem »Thüringen-Monitor«. Wenngleich diese Zustimmung nicht mit gewalttätigen Handlungsintentionen gleichgesetzt werden kann (Stöss, 2010), so kann sie dennoch ein umfassendes Bild über das Vorkommen und mögliche Entstehungszusammenhänge von Rechtsextremismus liefern. Dafür ist es jedoch zwingend notwendig, den Begriff des Rechtsextremismus 1 Im Jahr 2018 registrierte das Bundesministerium des Inneren 1.472 politisch motivierte »Hasspostings«. Davon wurden 1.130, also über drei Viertel, einem rechten Hintergrund zugeordnet. 152 Ayline Heller, Elmar Brähler & Oliver Decker bzw. den der rechtsextremen Einstellungen adäquat zu konzeptualisieren und von anderen Einstellungsbereichen zu trennen, um schließlich zu einer validen und reliablen Operationalisierung gelangen zu können. Der vorliegende Beitrag zielt deshalb auf eine begriffliche Klärung und empirische Überprüfung von Rechtsextremismus als Konstrukt ab. Dafür werden zunächst verschiedene gängige Definitionen miteinander in Beziehung gesetzt, um den Begriff schließlich von anderen verwandten Konstrukten abzugrenzen. Dabei soll auch die Frage thematisiert werden, in welchem Verhältnis die einzelnen Teilgebiete rechtsextremer Einstellungen zum Gesamtkonstrukt stehen. Sind die Bereiche als gleichwertige Unterkategorien von Rechtsextremismus zu bewerten oder sind einzelne Dimensionen stärker oder weniger stark zu gewichten? Kann man also davon ausgehen, dass es sich bei Rechtsextremismus um eine mehr oder weniger geschlossene Ideologie2 handelt? Nach dieser begrifflichen Einführung wird ein bewährtes Messinstrument zur Erfassung rechtsextremer Einstellungen, der Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung – Leipziger Form (Decker et al., 2013), vorgestellt. Die statistische Analyse anhand von Daten einer repräsentativen Stichprobe der deutschen Bevölkerung von 2018 wird schließlich Aufschluss darüber geben, ob sich die theoriegeleitete Konzeption von Rechtsextremismus als tragfähig und empirisch anwendbar erweist. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob eine Aufsummierung der einzelnen Subskalen rechtsextremer Einstellungen sinnvoll ist, oder ob aufgrund der Heterogenität der einzelnen Dimensionen jede Kategorie für sich selbst steht und unabhängig interpretiert werden sollte. Analog zur Studie von Heyder und Decker (2011) soll so ein weiterer Nachweis über die Korrektheit der vorgebrachten theoretischen Überlegungen geliefert werden. Gleichzeitig sollen die bisherigen Analyseergebnisse einer kritischen Prüfung unterzogen und anhand einer aktuellen Stichprobe sowie neuer statistischer Verfahren getestet werden. 1 Begriffsklärung Die Verwendung des Begriffes »Rechtsextremismus« und dessen heterogener Bezugsbereich haben in der Vergangenheit immer wieder zu kon- 2 Auf eine genaue Analyse des Begriffes »Ideologie« kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Es sei deshalb auf die Herleitungen von Heyder und Decker (2011) verwiesen. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 153 Rechtsextremismus – ein einheitliches Konstrukt? zeptionellen Schwierigkeiten geführt, da die Vergleichbarkeit verschiedener Studien zu rechtsextremen Einstellungen selten gegeben war. Schon die Einteilung als »Extremismus« ist umstritten, da so eine konzeptuelle Nähe zu linken Einstellungen nahegelegt wird (Rhein et al., 2019; Kreis, 2007). Es besteht dabei die Gefahr, »extremistische« Positionen zu einem Randphänomen zu deklarieren, das in der »Mitte der Gesellschaft« keine Relevanz zu haben scheint (Stöss, 2010). Als weiterer Kritikpunkt kommt hinzu, dass der Extremismusbegriff zwar von Verfassungsschutz und Bundesministerium des Innern verwendet wird (s.u.), jedoch nicht im Grundgesetz verankert ist. Dies führt mitunter dazu, dass als extremistisch eingestufte Parteien zwar vom Verfassungsschutz beobachtet, nicht jedoch verurteilt oder verboten werden können (Stöss, 2010). In einer Konsensuskonferenz 2001 versuchten sich führende deutsche Politikwissenschaftler_innen3 deshalb an einer Vereinheitlichung des Begriffsbereiches, indem sie zentrale Kernelemente vorangegangener Konzeptualisierungen aufgriffen und zusammenführten. Folgende Definition wurde damals verabschiedet: »Der Rechtsextremismus ist ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen« (Kreis, 2007, S. 12). Diese Definition trennt soziale und politische Aspekte rechtsextremer Einstellungen, deren verbindendes Element allgemeine Ungleichheitsvorstellungen darstellen. Letztere bilden einen zentralen Bestandteil zahlreicher gängiger Rechtsextremismusdefinitionen. So beschreibt auch das Bundesamt für Verfassungsschutz Rechtsextremismus als ideologisch uneinheitliches Phänomen, in dem »die Auffassung vor[herrscht], die Zugehörigkeit 3 Mitglieder waren Prof. Dr. Elmar Brähler (Leipzig), Dr. Michael Edinger (Jena), Prof. Dr. Jürgen Falter (Mainz), Dr. Andreas Hallermann (Jena), Dipl. Pol. Joachim Kreis (Berlin), Prof. Dr. Oskar Niedermayer (Berlin), Prof. Dr. Karl Schmitt (Jena), PD Dr. Siegfried Schumann (Mainz), Prof. Dr. Richard Stöss (Berlin), Prof. Dr. Bettina Westle (Erlangen) und Dr. Jürgen Winkler (Mainz). 154 Ayline Heller, Elmar Brähler & Oliver Decker zu einer Ethnie, Nation oder Rasse entscheide über den Wert eines Menschen« (Bundesamt für Verfassungsschutz, 2019). Jaschke (2001) stellt ebenso die soziale Ungleichheit beim Rechtsextremismus ins Zentrum, geht jedoch auch auf »Einstellungen, Verhaltensweisen und Aktionen« (S. 30) ein. Genau diese Unterscheidung zwischen rechtsextremen Einstellungen einerseits und Verhaltensweisen andererseits muss betont werden. Sie wird in der Definition der Konsensuskonferenz nur implizit durch die Beschreibung von Rechtsextremismus als Einstellungsmuster getroffen. Stöss (2010) weist darauf hin, dass Einstellungen als Handlungs- bzw. Verhaltenspotenziale aufgefasst werden müssen und nicht in einem 1:1-Verhältnis zueinander stehen. Er unterscheidet verschiedene Formen rechtsextremer Verhaltensweisen, die von Wahlverhalten über Protestaktionen bis hin zur Anwendung von Gewalt und Terror reichen. Dass ein nicht unwesentlicher Zusammenhang zwischen Gewaltbereitschaft bzw. -befürwortung und rechtsextremen Positionen besteht, konnte genauso nachgewiesen werden wie die Tatsache, dass rechts-autoritäre Einstellungen als Prädiktor für Wahlverhalten fungieren (vgl. Decker & Brähler, 2016; Dunwoody & Plane, 2019 sowie Schuler et al., 2020, im vorliegenden Band). Dabei muss jedoch beachtet werden, dass eine konzeptuelle Abgrenzung von Autoritarismus und Rechtsextremismus in der Einstellungsforschung sinnvoll ist. Häufig kommt es, vor allem in der englischsprachigen Literatur, zu einer Vermengung der beiden Konzepte unter dem Begriff des right-wing authoritarianism (RWA, vgl. Altemeyer, 1981, 1988 & 1996). Heyder und Decker (2011) machen sich jedoch dafür stark, Autoritarismus in Anlehnung an die Idee des »Authoritarian Character« (Adorno et al., 1950) als (sozialisationsbedingtes) Persönlichkeitsmerkmal zu verstehen, das zu vorurteilsbezogenen Einstellungen verschiedener Art führen kann. Autoritarismus kann so als erklärende Variable nicht als Subfacette rechtsextremer Einstellungen angesehen werden und muss als solche separat erhoben werden. Diese Ansicht wird von der Konsensuskonferenz mitgetragen (vgl. Kreis, 2007). Des Weiteren zeigt auch der Begriff der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF, Heitmeyer, 2012) gewisse Überschneidungen zum Konzept des Rechtsextremismus. Hier ist festzuhalten, dass es sich bei Einstellungen der GMF nicht um politische Orientierungen handelt, sondern dass der Begriff lediglich die soziale Facette rechtsextremer Einstellungen enthält; zwar stützt er sich ebenfalls auf Ungleichheitsvorstellungen, es 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 155 Rechtsextremismus – ein einheitliches Konstrukt? finden sich jedoch keine Bezüge zu politischen Orientierungen. Eine Analyse der Einstellungen GMF ist bei der Analyse rechtsextremer Einstellungspotenziale dementsprechend nicht ausreichend. Aufgrund der immer wieder konstatierten fehlenden Einheitlichkeit der rechtsextremen Ideologie (Bundesministerium für Verfassungsschutz, 2019; Stöss, 2010) stellt sich die Frage, ob die Erhebung rechtsextremer Einstellungen als einheitliches Konstrukt überhaupt möglich bzw. zielführend ist, oder ob die einzelnen Facetten dieses »fluiden Scherbenhaufen[s]« (Niedermayer, zit. n. Kreis, 2007, S. 12) verschiedener rechtsextremer Einstellungsaspekte nicht vielmehr separat betrachtet werden müssten. Im Folgenden wird deshalb ein bekanntes Messinstrument rechtsextremer Einstellungen, der Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung – Leipziger Form, vorgestellt und einer erneuten statistischen Analyse unterzogen. Diese wird zunächst die psychometrische Qualität der Skala, also dessen Messgenauigkeit und Reliabilität, überprüfen. Solche Analysen wurden in der Vergangenheit bereits durchgeführt, sollen nun jedoch anhand von aktuellen Daten und neuer statistischer Verfahren repliziert werden. Schließlich soll getestet werden, ob es sich bei Rechtsextremismus tatsächlich um ein einheitliches Konstrukt mit verschiedenen Subfacetten handelt, indem durch eine konfirmatorische Faktorenanalyse die Dimensionalität des Fragebogens überprüft wird. Dabei soll insbesondere getestet werden, ob die Aufsummierung der einzelnen Unterdimensionen rechtsextremer Einstellungen zu einem Gesamtmittelwert legitim ist, da der Fragebogen häufig auf diese Weise eingesetzt wird. 2 Der Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung – Leipziger Form Der Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung – Leipziger Form wird seit 2002 zur Erhebung rechtsextremer Einstellungsmuster in den Leipziger »Mitte«- bzw. Autoritarismus-Studien eingesetzt. In Anschluss an die oben erwähnte Definition der Konsensuskonferenz 2001 werden sechs Dimensionen unterschieden, die im Folgenden kurz beschrieben werden. Die Subskala Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur (RD) erfasst anti-demokratische und anti-pluralistische Einstellungen in Bezug auf das von den Befragten präferierte politische System. Ein Ein-Parteien- oder Führer-Prinzip wird als »bessere Staatsform« bewertet, da so die Interes- 156 Ayline Heller, Elmar Brähler & Oliver Decker sen der als homogen imaginierten »Volksgemeinschaft« nach außen am besten geschützt werden können. In ihrer Formulierung zielen die Items darauf ab, nur rechtsextreme Demokratiefeindschaft bzw. Diktaturunterstützung abzudecken, um eine Konfundierung mit linksgerichteter Diktaturaffinität zu vermeiden. Die Dimension Chauvinismus (CH) erfasst im ursprünglichen Wortsinn ein gesteigertes Nationalgefühl, das Deutschland als Nation eine Vorreiterposition im Vergleich zu anderen Nationen einräumt. Erfragt werden dabei auch aggressive Positionen, die ein »energisches Durchsetzen« der deutschen Interessen sowie mehr Macht und Geltung für Deutschland einfordern. Eine inhaltliche Nähe zur ersten Dimension ist dadurch gegeben. In der Skala Ausländerfeindlichkeit (AF) wird die wahrgenommene Bedrohung der Eigengruppe durch eine als Eindringlinge erlebte Fremdgruppe, den »Ausländern«, erhoben. Letztere werden bezichtigt, den Sozialstaat auszunutzen, die Arbeitsmarktsituation zu verschlechtern und für eine »Überfremdung« der Bundesrepublik verantwortlich zu sein. Damit wird im Sinne eines Ethnozentrismus die Idee der »Verseuchung« eines überlegenen deutschen »Volkskörpers« abgebildet (vgl. Decker et al., 2013). Auch die Dimension Antisemitismus (AS) zielt auf eine Aufwertung und Homogenisierung der Eigengruppe durch Abwertung und Diffamierung einer als andersartig, meist hinterlistig und eigentümlich eingeschätzten Gegengruppe, der »jüdischen Rasse«, ab. Diese wird einerseits als minderwertig definiert, durch ihre Heimtücke und Hinterhältigkeit jedoch auch als besonders einflussreich gesehen. Im Sinne einer klassischen Antisemitismusdefinition muss diese Skala abgegrenzt werden von Formen des sekundären und israelbezogenen Antisemitismus sowie von anderen Verschwörungstheorien. In der Dimension Sozialdarwinismus (SD) werden die evolutionstheoretischen Überlegungen der natürlichen Selektion und des Rechtes des Stärkeren von Charles Darwin auf soziale und gesellschaftliche Gegebenheiten übertragen. Das »deutsche Volk« als Gattung sei dabei anderen Völkern von Natur aus überlegen. Daraus leitet sich auch die Vorstellung ab, innerhalb einer Gesellschaft gäbe es wertvolles und »unwertes« Leben. Die Dimension Verharmlosung des Nationalsozialismus (NS) enthält Relativierungen des Unrechts und der Verbrechen, die während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland stattgefunden haben. Die »guten 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 157 Rechtsextremismus – ein einheitliches Konstrukt? Seiten« des Nationalsozialismus werden dabei in den Vordergrund gerückt und Hitler als »großer Staatsmann« dargestellt, dem »nur« die Judenvernichtung anzulasten sei. Der Fragebogen wurde in einer längeren, leicht abgewandelten Version mit 5 Items pro Dimension auf der Konsensuskonferenz abgesegnet (Kreis, 2007). Nach einer ersten Analyse wurde die Anzahl der Items pro Skala auf 3 reduziert. Damit umfasst der vorliegende Fragebogen 18 Items, die auf einer 5-stufigen Likertskala von 1 = »lehne völlig ab« bis 5  =  »stimme voll und ganz zu« zu beantworten sind. Einzelne Items sowie eine Kurzskala mit je einem Item pro Dimension kommen immer wieder auch in anderen Studien zu politischen Einstellungen im deutschsprachigen Raum zum Einsatz. Die Formulierungen der Items sowie deren Zuordnung zu den jeweiligen Skalen kann Tabelle 2 entnommen werden. Die bisherigen Studien zur Validierung des Fragebogens konnten zeigen, dass der Fragebogen eine gute Reliabilität in Form des Kennwerts Cronbachs α aufweist (Decker et al., 2013). Dieser Kennwert berücksichtigt jedoch nicht die Mehrdimensionalität des Konstruktes und sollte deshalb durch den angemesseneren Kennwert, McDonalds ω (McDonald, 1999), ersetzt werden. Außerdem wurde die Dimensionalität des Fragebogens in dieser Studie lediglich durch eine exploratorische Faktorenanalyse untersucht. Wenngleich dieses Verfahren als Hinweis auf die interne Struktur des Fragebogens herangezogen werden kann, so gilt es jedoch, die Validität dieser Ergebnisse mithilfe eines konfirmatorischen Verfahrens zu überprüfen. Analog zur Studie von Heyder und Decker (2011) wird deshalb hier die Mehrdimensionalität des Konstruktes berücksichtigt. Die Studie soll an dieser Stelle mit aktuellen Daten repliziert und von kleinen statistischen Ungereimtheiten befreit werden. Dabei wird anstelle eines komplexen Modells mit drei Ordnungsebenen ein Modell mit lediglich einem Faktor zweiter Ordnung überprüft. 3 Methode 3.1 Stichprobe Für die Durchführung der Analysen wurden Daten einer repräsentativen Befragung der deutschen Bevölkerung verwendet, die 2018 durch 158 Ayline Heller, Elmar Brähler & Oliver Decker ein unabhängiges Befragungsinstitut (USUMA) durchgeführt und von verschiedenen deutschen Universitäten finanziert wurden. Mithilfe des ADM-Verfahrens (Arbeitsgemeinschaft Deutscher Meinungsforschungsinstitute) wurden dabei an 258 gesetzten Sampling Points 5.418 Haushalte zur Befragung ausgewählt.4 102 davon waren entweder unbewohnt oder die Bewohner_innen erfüllten die Teilnahmekriterien nicht (14 Jahre oder älter, und ausreichende Deutschkenntnisse, um den Fragebogen ausfüllen zu können). Durch einen Schwedenschlüssel wurden in den Haushalten die Teilnehmenden zufällig auf Basis des Geburtstages ausgewählt. Insgesamt nahmen 2.516 Personen an der Befragung teil. Diese wurden über Ziel und Umfang der Studie informiert und füllten eine Einverständniserklärung aus. Im Falle von minderjährigen Teilnehmer_innen wurde mindestens ein Elternteil oder Erziehungsberechtigter informiert. Die Befragung begann mit einem Interviewteil, in dem die Soziodemografie der Teilnehmenden abgefragt wurde. Dann wurden die Befragten gebeten, eine Reihe verschiedener Fragebögen zu politischen Einstellungen und psychologischen Symptomen auszufüllen. Die ausgebildeten und erfahrenen Interviewenden waren für diesen Teil anwesend, griffen jedoch nur bei Rückfragen in den Prozess ein. Für die Analyse wurden Fragebögen mit fehlenden Werten ausgeschlossen (n = 143). Dies beeinflusste sozio-demografische Daten und deskriptivstatistische Werte kaum, erleichterte jedoch die Auswertung und Interpretation.5 Insgesamt gingen demnach die Werte von 2.373 Personen in die Analyse ein. Ausgewählte sozio-demografische Kennwerte der Stichprobe können Tabelle 1 entnommen werden. Vergleicht man diese mit Daten des statistischen Bundesamtes von 2019 fällt eine leichte Überrepräsentation der männlichen Teilnehmer sowie der Altersgruppen der 50–69-Jährigen ins Auge. Gleichzeitig ist die jüngste Altersgruppe leicht unterrepräsentiert. Da es sich lediglich um geringfügige Abweichungen handelt, kann die Stichprobe insgesamt als repräsentativ für die deutsche Bevölkerung angesehen werden. 4 Für eine ausführlichere Beschreibung der Stichprobenziehung siehe Decker et al. (2013). 5 Auch die Verwendung der full information maximum likelihood-Schätzmethode in der konfirmatorischen Faktorenanalyse, die alle verfügbaren Daten in die Analyse miteinbezieht, veränderte die Ergebnisse nicht maßgeblich. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 159 Rechtsextremismus – ein einheitliches Konstrukt? Tabelle 1: Stichprobenbeschreibung und Mittelwerte N = 2.373 % in Deutschland  FR-LF Wert N ( %) M (SD) Geschlecht F(12.371) = 7,279; p = ,007; η² = ,003 weiblich 1.087 (45,8) 50,7 2,17 (0,81) männlich 1.286 (54,2) 49,3 2,26 (0,83) Alter M (SD)     Alter in Jahren 48,16 (17,42) Altersbereich 14–91 Altersgruppen N ( %) F(5,2.367) = 7,867; p < ,001; η² = ,016 14–29 Jahre 428 (18,0) 20,4 2,03 (0,80) 30–39 Jahre 357 (15,0) 14,4 2,20 (0,80) 40–49 Jahre 423 (17,8) 14,8 2,17 (0,78) 50–59 Jahre 495 (20,9) 18,5 2,28 (0,87) 60–69 Jahre 402 (16,9) 13,9 2,25 (0,81) ≥ 70 Jahre 268 (11,3) 18,0 2,40 (0,82) Beziehungsstand   F(5,2.362) = 4,601; p < ,001; η² = ,010 verheiratet / zusammenlebend 1.0322 (43,1) 2,25 (0,82) verheiratet / getrennt lebend 68 (2,9) 2,25 (0,77) unverheiratet / zusammenlebend 345 (14,5) 2,16 (0,80) unverheiratet / alleine lebend 483 (20,4) 2,11 (0,84) geschieden 275 (11,6) 2,17 (0,84) verwitwet 175 (7,4) 2,41 (0,79) keine Angabe 7 (0,3) - Bildungsdauer   F(2,2.314) = 94,235; p < ,001 η² = ,075 ≤ 8 Jahre 827 (34,9) 2,45 (0,82) 9–11 Jahre 995 (41,9) 2,20 (0,79) ≥ 12 Jahre 495 (20,9) 1,84 (0,74) Schüler_in 51 (2,1) keine Angabe 5 (0,2) - Berufstätigkeit   F(4,2.345) = 27,623; p < ,001, η² = ,017 Ausbildung 169 (7,1) 1,94 (0,75) 160 Ayline Heller, Elmar Brähler & Oliver Decker N = 2.373 % in Deutschland  FR-LF Wert N ( %) M (SD) berufstätig 1.326 (55,9) 2,16 (0,81) arbeitslos / < 15h Arbeitszeit pro Woche 224 (9,5) 2,36 (0,85) Hausfrau / -Mann 77 (3,2) 2,29 (0,84) berentet 554 (23,3) 2,33 (0,83) keine Angabe 23 (1,0)   - Region Deutschlands   F(1,2.371) = 27,020; p < ,001; η² = ,011 ehemaliger Westen 1.920 (80,91) 2,17 (0,82) ehemaliger Osten 453 (19,09) 2,39 (0,82) Anmerkung: FR-LF = Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung – Leipziger Form; % in Deutschland = Werte der Allgemeinbevölkerung nach dem deutschen statistischen Bundesamt (2019) 4 Ergebnisse 4.1 Itemkennwerte und Reliabilität Die deskriptivstatistischen Werte der einzelnen Items sowie die Ergebnisse der Reliabilitätstestung finden sich in Tabelle 2. Eine Überprüfung der Normalverteilung fand sowohl auf Item- als auch auf Skalenebene statt. Zwar lagen Schiefe und Kurtosis unterhalb des üblichen Cut-Off-Wertes von 2 (Pituch & Stevens, 2016). Die Betrachtung der Histogramme ergab jedoch eine rechtsschiefe Verteilung für alle Items der Skalen Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus. Auch die Gesamtskala wies eine leicht rechtsschiefe Verteilung auf. Mittelwerte und Standardabweichungen der jeweiligen Items und Skalen stützen diese Beobachtung. Aufgrunddessen wurde in der folgenden konfirmatorischen Faktorenanalyse auf robuste Kennwerte zurückgegriffen, so diese verfügbar waren. Diese Kennwerte sind auch bei Verletzungen der Normalverteilungsvoraussetzung aussagekräftig. (Brosseau-Liard & Savalei, 2014; Brosseau-Liard et al., 2012). Betrachtet man die deskriptivstatistischen Ergebnisse genauer, fallen die vergleichsweise hohen Zustimmungswerte in den Skalen Chauvinismus und Ausländerfeindlichkeit ins Auge. Die Aussagen in diesen Bereichen finden demnach in Deutschland mehr Zuspruch als sozialdarwinistische, 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 161 Rechtsextremismus – ein einheitliches Konstrukt? antisemitische, diktaturbefürwortende und NS-verharmlosende Aussagen. Die höchsten Mittelwerte fanden sich beim Item »Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen«. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Ausländerfeindlichkeit auch im Jahr 2018 als großes Gefahrenpotenzial einzustufen ist, da ausländerfeindliche und chauvinistische Position weit verbreitet sind. Als Indikatoren für die Reliabilität des Fragebogens wurden die üblichen Itemkennwerte sowie der Kennwert McDonalds ω (McDonald, 1999) zur Analyse der internen Konsistenz herangezogen. Die korrigierten Trennschärfekoeffizienten stellen dabei den Zusammenhang zwischen dem einzelnen Item und der restlichen Gesamtskala dar. Hier sind Werte im Bereich von ,40 bis ,70 anzustreben, wobei höhere Werte für einen größeren Zusammenhang sprechen (Moosbrugger & Kelava, 2012, S. 86). Da die erhöhten Werte des 2. Items der Skala Ausländerfeindlichkeit, des 2. und 3. Items der Skala Antisemitismus sowie des 2. Items der Skala Sozialdarwinismus somit für eine besonders ähnliche Differenzierungsfähigkeit im Vergleich zum Gesamttest sprechen, können diese als unproblematisch, und die Trennschärfe aller Items somit als zufriedenstellend eingestuft werden. Die Itemschwierigkeit gibt den Prozentsatz derer an, die im Sinne des Items eine »richtige«, also hoch ausgeprägte Antwort ankreuzten. Für die Itemschwierigkeit sind Werte zwischen ,20 und ,80 akzeptabel (Moosbrugger & Kelava, 2012). Hier zeigen zwei Items eine Abweichung: Das erste Item der Skala Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur sowie das dritte Item der Skala Sozialdarwinismus. Da die beiden Items direkt auf bzw. minimal unter dem Cut-Off6 liegen und sich die interne Konsistenz durch das Entfernen der Items nicht verbessern würde, können diese Abweichungen vernachlässigt werden. McDonalds ω wird als Indikator der internen Konsistenz herangezogen und gibt an, ob die Subskalen bzw. der gesamte Fragebogen ein einheitliche Dimensionen messen. Anders als Cronbachs α berücksichtigt ω die Mehrdimensionalität von Fragebögen und ermöglicht in Modellen zweiter Ordnung, wie dem vorliegenden, eine differenzierte Analyse der durch die verschiedenen Faktoren abgedeckten Varianzanteile (Trizano-Hermosilla & Alvarado, 2016). Deshalb ist dieser Kennwert im vorliegenden Fall vorzuziehen. Die Auswertung erfolgt dabei analog zu Cronbachs α. Mit einem Gesamtomega von ,96 kann die interne Konsis- 6 Rundungsbedingt verschiebt sich das erste Item der ersten Skala genau auf den Cut-Off- Wert von ,20; eigentlich liegt es leicht darunter. 162 Ayline Heller, Elmar Brähler & Oliver Decker tenz des Fragebogens als exzellent eingestuft werden. Auch der niedrigste Wert der Skala Sozialdarwinismus liegt mit ,77 im akzeptablen Bereich. In einem Modell zweiter Ordnung (s.u.) werden dabei ohne Berücksichtigung der einzelnen Subfacetten mit einem ωL1 = ,90 bereits 81 % der Gesamtvarianz alleine durch den Generalfaktor zweiter Ordnung (Rechtsextremismus, RE) erklärt. Tabelle 2: Deskriptive Statistik, Itemkennwerte und interne Konsistenz der Items und Skalen Item/Skala M SD Schiefe Kurtosis P r it ω Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur 1,99 0,94 0,71 0,34 - - ,78 1. Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform. 1,79 1,03 1,07 0,15 ,20 ,54 2. Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert. 1,89 1,13 1,05 0,06 ,22 ,65 3. Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert. 2,29 1,25 0,5 -0,92 ,32 ,68   Chauvinismus 2,81 1,07 -0,4 -0,79 - - ,82 1. Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben. 2,94 1,28 -0,10 -1,01 ,49 ,58 2. Was unser Land heute braucht, ist ein hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland. 2,89 1,27 0 -0,98 ,47 ,69 3. Das oberste Ziel der deutschen Politik sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht. 2,58 1,22 0,21 -0,96 ,40 ,69   10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 163 Rechtsextremismus – ein einheitliches Konstrukt? Item/Skala M SD Schiefe Kurtosis P r it ω Ausländerfeindlichkeit 2,83 1,20 0,07 -1,00 - - ,88 1. Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen. 2,95 1,33 0 -1,09 ,49 ,66 2. Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken. 2,61 1,32 0,29 -1,05 ,40 ,71 3. Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet. 2,92 1,35 0,00 -1,14 ,48 ,70   Antisemitismus 1,92 0,99 0,91 0,03 - - ,90 1. Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß. 1,97 1,11 0,93 -0,02 ,21 ,68 2. Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen. 1,87 1,06 0,96 0 ,22 ,72 3. Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns. 1,90 1,09 0,97 0,02 ,23 ,74   Sozialdarwinismus 1,89 0,91 0,88 -0,05 - - ,77 1. Wie in der Natur sollte sich in der Gesellschaft immer der Stärkere durchsetzen. 1,98 1,07 0,81 -0,28 ,25 ,67 2. Eigentlich sind die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen. 1,95 1,11 0,85 -0,36 ,24 ,73 3. Es gibt wertvolles und unwertes Leben. 1,74 1,11 1,36 0,79 ,19 ,53   164 Ayline Heller, Elmar Brähler & Oliver Decker Item/Skala M SD Schiefe Kurtosis P r it ω Verharmlosung des Nationalsozialismus 1,88 0,90 0,91 -0,04 - - ,81 1. Ohne Judenvernichtung würde man Hitler heute als großen Staatsmann ansehen. 1,81 1,05 1,09 0,21 ,20 ,62 2. Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind in der Geschichtsschreibung weit übertrieben worden. 1,84 1,05 1,07 0,29 ,21 ,65 3. Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten. 1,90 1,06 0,88 -0,22 ,23 ,69 Gesamtskala: Rechtsextremismus 2,21 0,82 0,43 -0,45 - - ,96 (ωL1= ,90) Anmerkung: P = Itemschwierigkeitsindex, r it  = korrigierte Item-Skala-Korrelation (Trennschärfe), ω = Reliabilitätskoeffizient Omega nach McDonald (1999) Insgesamt sprechen die Ergebnisse der Reliabilitätsanalyse dafür, dass der Fragebogen tatsächlich ein einheitliches Konstrukt zu messen vermag. Die genaue Struktur dieses Konstruktes wird im Folgenden überprüft. 4.2 Überprüfung der Struktur Da es sich im vorliegenden Fall um ein theoriegeleitetes Vorgehen handelte, wurde darauf verzichtet, die Struktur des Fragebogens in einem explorativen Verfahren zu untersuchen.7 Vielmehr wurden die angeführten 6 Faktoren a priori definiert und in einer konfirmatorischen Faktorenanalyse analysiert (zu unterschiedlichen Voraussetzungen und Zielen bei der Verwendung von explorativen im Vergleich zu konfirmatorischen Verfahren vgl. Pituch & Stevens, 2015). Zunächst wurden jedoch die Inter-Itemund Inter-Skalen-Korrelation untersucht. Es wurden mittlere bis hohe 7 Die daraus resultierende Überfaktorisierung wurde zugunsten der theoriegeleiteten Herangehensweise in Kauf genommen. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 165 Rechtsextremismus – ein einheitliches Konstrukt? Korrelationen der Items untereinander sowie hohe Korrelationen der Subskalen mit der Gesamtskala angestrebt. Dies bestätigte sich auf Itemebene zum größten Teil.8 Die Inter-Skalen-Korrelationen finden sich in Tabelle 3. Auch hier finden sich mittlere bis hohe Korrelationen der Skalen untereinander. Dies spricht für zusammenhängende Skalen, die sich inhaltlich nichtsdestotrotz voneinander unterscheiden. Tabelle 3: Inter-Skalen-Korrelation RD CH AF AS SD NS RD - CH ,60 - AF ,51 ,72 - AS ,58 ,56 ,58 - SD ,69 ,57 ,56 ,68 - NS ,70 ,54 ,54 ,67 ,66 - Anmerkung: RD = Diktaturbefürwortung, AF = Ausländerfeindlichkeit, AS = Antisemitismus, CH = Chauvinismus, SD = Sozialdarwinismus, NS = Verharmlosung des Nationalsozialismus Für das erste Modell wurden die zuvor dargestellten 18 Items den 6 Faktoren zugeordnet. In einem zweiten Schritt wurde sodann ein Faktor zweiter Ordnung, also ein übergeordneter Generalfaktor, ins Modell aufgenommen, um zu überprüfen, ob sich die Modellgüte durch diese zusätzliche Annahme signifikant verschlechtert bzw. ob auch die Annahme eines Generalfaktors zu einer adäquaten Passung mit den Daten führt (Abb. 1). Die Ergebnisse der Analysen sind in Tabelle 4 dargestellt. Folgende Indikatoren wurden zur Beurteilung der betrachteten Modelle herangezogen: χ² bzw. χ² geteilt durch die Anzahl der Freiheitsgrade (df ) sollte möglichst klein ausfallen, der Comparative-Fit-Index (CFI), der Tucker-Lewis-Index (TLI) und Goodness-of-Fit-Index (GFI) werden bei Werten > ,90 als adäquat und bei Werten > ,95 als gut bewertet, und für die Indices standardized root 8 Eine Ausnahme bildeten lediglich das erste Item der Skala Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, das nur niedrige bis moderate Korrelationen mit den Items der Skalen Chauvinismus und Ausländerfeindlichkeit aufwies, sowie das 3. Item der Skala Sozialdarwinismus, das mit allen anderen Items nur schwach bis moderat korrelierte (Tabelle nicht abgedruckt). 166 Ayline Heller, Elmar Brähler & Oliver Decker mean square residual (SRMR) sowie root mean square error of approximation (RMSEA) werden Werte < ,08 als adäquat und < ,05 als gut eingestuft (Schermelleh-Engel et al., 2003). Das erste Modell zeigt in allen Indikatoren eine adäquate bis sehr gute Passungsgüte; GFI, TLI und RMSEA können als adäquat, CFI und SRMR als gut eingestuft werden. Das zweite Modell weist akzeptable Gütekriterien auf. CFI, SRMR, TLI und GFI sind dabei als angemessen einzustufen. Lediglich der RMSEA weist leicht erhöhte Werte auf, die unter Berücksichtigung des Konfidenzintervalls jedoch auch im ad- äquaten Bereich liegen können. Auf Basis der Ergebnisse weisen beide Modelle eine gute Übereinstimmung mit den Daten auf. Eine Aufsummierung bzw. Mittelung der Gesamtergebnisse über die Skalen hinweg ist demnach zulässig. Tabelle 4: Fit-Indizes der Modelle 1 und 2 Modell χ² (df) χ² / df CFI SRMR RMSEA (90 % KI) TLI GFI Modell 1: Sechs Faktoren 1.073,84 (120) 8,95 ,954 ,038 ,067 (,063-,070) ,941 ,934 Modell 2: Sechs Faktoren + Faktor 2. Ordnung 1.659,95 (129) 12,88 ,926 ,055 ,081 (,078-,085) ,912 ,900 Anmerkung: df = Freiheitsgrade (degrees of freedom); χ² / df = Chi-quadrat geteilt durch die Anzahl der Freiheitsgrade; CFI = comparative-fit-index; SRMR = standardized root mean square residual; RMSEA (KI) = root mean square error of approximation (Konfidenzintervall); TLI = Tucker-Lewis-Index; GFI = Goodness-of-Fit-Index Abbildung 1: Modell mit Faktor zweiter Ordnung (RE = Rechtsextremismus) und Faktorladungen. RD = Diktaturbefürwortung, AF = Ausländerfeindlichkeit, AS = Antisemitismus, CH = Chauvinismus, SD = Sozialdarwinismus, NS = Verharmlosung des Nationalsozialismus 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 167 Rechtsextremismus – ein einheitliches Konstrukt? Betrachtet man die Ladungen der einzelnen Dimensionen auf das Gesamtkonstrukt, so zeigt sich, dass Sozialdarwinismus mit einer Faktorladung von 0,95 die größten Überlappungen mit Rechtsextremismus aufweist (vgl. Abb. 1). Die kleinste Übereinstimmung zeigt die Dimension Ausländerfeindlichkeit mit einer Faktorladung von 0,77. 5 Diskussion Insgesamt zeigt der Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung – Leipziger Form in seinen 6 Dimensionen ausgezeichnete Kennwerte der Reliabilität sowie akzeptable Modellgütekriterien. Er kann somit als reliables Messinstrument für die sechs verschiedenen Facetten rechtsextremer Einstellungen angesehen werden. Auch ein Modell mit einem Faktor zweiter Ordnung erzielt akzeptable Kennwerte. Die Aufsummierung der einzelnen Dimensionen zu einem Gesamtscore rechtsextremer Einstellungen ist damit zulässig. Aufgrund der beschriebenen Komplexität des Phänomens ist es jedoch in jedem Fall anzustreben, zusätzlich zum Gesamtwert immer auch die Werte der einzelnen Dimensionen zu berücksichtigen. Da sich die Skalen inhaltlich voneinander unterscheiden und differierende Aspekte von Rechtsextremismus beleuchten, kann die Betrachtung der einzelnen Skalen wichtige zusätzliche Informationen bereitstellen. Die Notwendigkeit der Berücksichtigung der einzelnen Subskalen zeigt sich statistisch darin, dass ein Modell mit lediglich einem Generalfaktor erster Ordnung (nicht präsentiert) ohne die sechs Unterdimensionen zwar eine ausreichende interne Konsistenz, jedoch völlig inakzeptable Modellgütekriterien aufweist.9 Auch die Betrachtung der verschiedenen ω-Werte spricht für diese Bewertung. Zwar weist der Faktor zweiter Ordnung für sich genommen bereits ein ωL1 von ,90 auf und erklärt damit 81 % der Gesamtvarianz. Unter Berücksichtigung der Subskalen kann dieser Wert jedoch auf ωGesamt = ,96 erhöht, womit zusätzliche 11 % erschlossen werden können. Eine Betrachtung der einzelnen Dimensionen zeigt, dass Sozialdarwinismus die größten Überschneidungen mit dem Generalfaktor aufweist, während die Verbindung zu Ausländerfeindlichkeit immer noch hoch, 9 χ2 (df) = 4723,70 (135), χ²/df = 34,99, CFI = 0,773, SRMR = 0,076, RMSEA (90%KI) = 0,139 (0,135–0,142), TLI= 0,743, GFI = 0,707. 168 Ayline Heller, Elmar Brähler & Oliver Decker jedoch unter den betrachteten Dimensionen am geringsten ausfällt. Somit ist zu vermuten, dass Ausländerfeindlichkeit am stärksten von anderen verwandten Konstrukten mitbestimmt wird. Der Zusammenhang dieser Dimension sowie des Konstruktes als Ganzem mit Autoritarismus und anderen Indikatoren gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sollte deshalb weiter untersucht werden. Eine ergänzende qualitative Untersuchung könnte darüber hinaus Aufschluss darüber geben, in welchem Zusammenhang die einzelnen Skalen zueinander und zum Gesamtkonstrukt stehen. Damit könnte etwa die Bedeutung der Inter-Skalen-Korrelationen sowie der hohen Ladung der Dimension Sozialdarwinismus auf den Generalfaktor beleuchtet werden, der für sich alleine genommen nur eine vergleichsweise niedrige interne Konsistenz von ω = ,77 aufweist. Die hohe Ladung der Dimension Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur auf den Generalfaktor Rechtsextremismus spricht dafür, dass Demokratiefeindlichkeit tatsächlich einen maßgeblichen Bestandteil der rechtsextremen Ideologie ausmacht. Der Fragebogen ist somit in der Lage, das demokratiefeindliche Potenzial rechtsextremer Einstellungen zumindest teilweise abzubilden. Nichtsdestotrotz wäre es in zukünftigen Studien zielführend, den Zusammenhang zu Einstellungen und Konzeptionen von Demokratie und deren Legitimität zu analysieren.10 Zusammen mit einer Analyse der Einstellungen zu Gewalt und Gewaltbereitschaft ließe sich so auch die Frage der Einteilung des Gesamtphänomens als Extremismus neu erörtern. Rein deskriptiv ist festzuhalten, dass Chauvinismus und Ausländerfeindlichkeit in der Gesamtbevölkerung die meiste Zustimmung finden. Unter Berücksichtigung aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen, in denen Übergriffe gegen Migrant_innen immer wieder auf der Tagesordnung stehen, verwundern diese Ergebnisse nicht. Personen, die hohe Zustimmungswerte auf diesen Dimensionen aufweisen, definieren gesellschaftlichen Zusammenhalt über die Zugehörigkeit zu einer exklusiven Volksgemeinschaft, in der Fremdes und Andersartiges zur Projektionsfläche negativer Selbstanteile werden (Pohl, 2010). Die Eigengruppe wird durch die Abwertung einer Fremdgruppe aufgewertet. Da die Äußerungsformen solcher Projektionen bekanntermaßen historischen Einflüssen unterliegen und je nach gesellschaftlicher Norm unter- 10 Zur Schwierigkeit der Erhebung von Systemunterstützung und Legitimität siehe Anstötz et al. (2019). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 169 Rechtsextremismus – ein einheitliches Konstrukt? schiedliche Gruppen zum Gegenstand derselben werden können (vgl. Horkheimer & Adorno, 1988), stellt sich die Frage, ob der Einsatz immer wieder gleicher Item-Formulierungen über die Zeit hinweg das Phänomen Rechtsextremismus adäquat abzubilden vermag. Wenngleich die Kontinuität der Fragen die Vergleichbarkeit der Ergebnisse erhöht, ist noch nicht geklärt, ob der Fragebogen zu verschiedenen Messzeitpunkten und von verschiedenen Gruppen tatsächlich gleich verstanden wird. Eine statistische Überprüfung der Messinvarianz könnte hier Klarheit schaffen.11 Da es sich bei den psychischen Voraussetzungen rechtsextremer Äußerungen insbesondere innerhalb der Dimensionen Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit (auch) um unbewusste Prozesse handelt (Pohl, 2010), ist zudem fraglich, inwieweit das rechtsextreme Potenzial der Bevölkerung durch die Abfrage von Einstellungsmustern in Form eines Selbstbericht- Fragebogens überhaupt adäquat erhoben werden kann. Vor diesem Hintergrund erscheinen die vergleichsweise hohen Zustimmungswerte, die in den Leipziger Autoritarismus-Studien berichtet werden, noch besorgniserregender (vgl. Decker & Brähler, 2018). Auf Basis der vorliegenden Ergebnisse kann Rechtsextremismus als einheitliches Konstrukt angesehen werden, welches jedoch nur unter Berücksichtigung seiner einzelnen Facetten seine volle Erklärungskraft entfalten kann. Studien, die den Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung – Leipziger Form verwenden, sollten daher zusätzlich zu einer Betrachtung des Gesamtwertes auch immer die Einzeldimensionen berücksichtigen. Zukünftige Untersuchungen sollten eine Differenzierung der Wirkzusammenhänge in der Entstehung der einzelnen Facetten rechtsextremer Einstellungen anstreben. Darüber hinaus ist eine Überprüfung der Messinvarianz des Fragebogens über verschiedene Populationen und Messzeitpunkte hinweg nötig, um die Aussagekraft bisheriger Gruppenvergleiche zu bestätigen. 11 Bei einer Überarbeitung der Itemformulierungen böten sich die beiden Items »Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform« und »Es gibt Wertvolles und unwertes Leben«, da diese sowohl eine niedrige Itemschwierigkeit als auch geringe Korrelationen zu den anderen Items sowie geringe Faktorladungen in der CFA aufweisen. 170 Ayline Heller, Elmar Brähler & Oliver Decker Literatur Adorno, T.W., Frenkel-Brunswik, E., Levinson, D. J. & Sanford, R. N. (1950). The Authoritarian Personality: Studies in Prejudice. Harper & Brothers. http://www.ajcarchives. org/main.php?GroupingId=6490 (03.07.2020) Altemeyer, B. (1981). Right-wing authoritarianism. Winnipeg: University of Manitoba Press. Altemeyer, B. (1988). 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Sie ist Teil des Vorstandes der »Gesellschaft für psychoanalytische Sozialpsychologie e.V.« und promoviert derzeit im BMBF-Verbundsprojekt »DDR-Vergangenheit und psychische Gesundheit: Risiko- und Schutzfaktoren« zum Thema »Politische Einstellungen und Politisierung in Ostdeutschland: Konzepte und Determinanten von Rechtsextremismus und Autoritarismus im Spannungsfeld der DDR-Vergangenheit«. Elmar Brähler, Prof. Dr. rer. biol. hum. habil., war von 1994 bis zu seiner Emeritierung 2013 Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie 172 Ayline Heller, Elmar Brähler & Oliver Decker der Universität Leipzig. Seitdem ist er Gastwissenschaftler an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Er leitet dort das BMBF-Verbundprojekt »DDR-Vergangenheit und psychische Gesundheit: Risiko- und Schutzfaktoren«. Oliver Decker, Prof. Dr., studierte Psychologie, Soziologie und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Er ist Professor für Sozialpsychologie und interkulturelle Praxis an der Sigmund Freud PrivatUniversität Berlin und Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig sowie Co-Sprecher des Graduiertenkollegs »Rechtspopulismus«. 2015 war er Gastprofessor am Department Critical Theory and the Arts, 2019 Gastprofessor am Institut für Soziologie der Universität Wien. Herausgeber des zweibändigen Lehrbuchs Sozialpsychologie und Sozialtheorie (2018).10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 173 Vorurteile und vorurteilsgeleitete Straftaten Ergebnisse der REX-Studie aus Schleswig-Holstein, 2018 Sören Kliem, Laura Beckmann, Dominic Kudlacek & Yvonne Krieg Einleitung Straftaten, die gegen Personen bestimmter ethnischer oder sozialer Gruppen ausgeübt werden, bzw. gegen Personen gerichtet sind, die vermeintlich einer solchen Gruppe angehören, werden im angloamerikanischen Raum mit dem Begriff bias-motivated crime (dt. »vorurteilsgeleitete Straftaten«) bezeichnet (z.B. Perry, 2003). Anders als der im deutschen Sprachraum vielfach verwendete Begriff der Hasskriminalität (hate crime) erlaubt dieser Begriff den Einschluss von Straftaten, denen auch andere subjektive Motive zugrundeliegen können (z.B. Vorurteile, Abneigung, Feindseligkeit). Eine vorurteilsgeleitete Straftat beschreibt dabei keine bestimmte Deliktkategorie; vielmehr kann es sich hierbei um ganz verschiedene justiziable Verhaltensweisen handeln, die ein ganzes Spektrum von Handlungen, darunter Einschüchterung oder Drohungen bis hin zu tätlichen Angriffen oder Mord(versuchen), miteinschließen. Kennzeichnend ist darüber hinaus, dass sich diese Straftaten in der Regel nicht gezielt gegen eine bestimmte Person richten, sondern Personen als Opfer insofern austauschbar sind, als dass sie als Repräsentant_innen ihrer sozialen oder ethnischen Gruppe verstanden werden. Vorurteilsgeleitete Straftaten erfüllen demnach im Kern in dem Sinne eine symbolische Funktion (vgl. dazu Lim, 2009; Perry & Alvi, 2012), als dass sie auch an andere Mitglieder der betroffenen Gruppe angststiftende Botschaften senden und auf diesem Wege das Sicherheitsgefühl der Betroffenen massiv beeinträchtigen können. Vorurteilsgeleite Straftaten lassen demensprechend den Opfern kaum Möglichkeiten, durch eine Änderung des eigenen Verhaltens oder der eigenen Gewohnheiten ihr Viktimisierungsrisiko zu reduzieren, da die von den Täter_innen angelegten Gruppenlabel als weitestgehend unveränderlich einzuschätzen sind (z.B. Abstammung, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung) bzw. eine 174 Sören Kliem, Laura Beckmann, Dominic Kudlacek & Yvonne Krieg identitätsstiftende Funktion für die Betroffenen aufweisen (z.B. religiöse Werthaltung, Geschlechtsidentität). Es muss davon ausgegangen werden, dass die psychosozialen Folgen für die Betroffenen von vorurteilsgeleiteten Straftaten als schwerwiegender einzuschätzen sind, als dies bei Opfern von vergleichbaren Straftaten, aber ohne eine vorurteilsgeleitete Komponente, der Fall ist (siehe z. B. Herek et al., 1999; Iganski, 2001). Opfer vorurteilsgeleiteter Straftaten zeigen zudem seltener entsprechende Straftaten an, wobei hier wohl zum einen die gesteigerte Traumafolgesymptomatik, aber auch die Sorge vor Vergeltungstaten im Hintergrund stehen. Nicht zuletzt kann auch die Angst vor einer Ungleichbehandlung durch die zuständigen Strafverfolgungsbehörden die Opfer von einer Strafanzeige abhalten (Craig-Henderson, 2003; Herek et al., 2002; Kite & Whitley, 2016). Die Extremismusforschung wurde in den letzten Jahrzehnten in Deutschland stark durch den methodischen Zugang der Einstellungsforschung geprägt. Zu nennen sind hier z. B. die Studien zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (u.a. Heitmeyer, 2002) oder die Leipziger Autoritarismus-Studien (Decker et al., 2016; Decker  & Brähler, 2018). Erstaunlich erscheint, dass die Frage nach dem Zusammenhang von Einstellungen und explizitem Verhalten (insbesondere Straftaten) bisher in diesem Forschungsbereich eher stiefmütterlich behandelt wurde (Virchow et al., 2016). Zwar zeigen verschiedene Befragungsstudien Zusammenhänge zwischen Einstellungen und Verhaltensintentionen (z.B. Küpper et al., 2016; Zick et al., 2014) auf; ob Einstellungen zugleich aber auch ein Risikopotenzial für das Begehen von Straftaten zugesprochen werden kann, ist im deutschen Sprachraum kaum untersucht. Kliem und Kolleg_innen (2018) konnten anhand von Daten einer Schüler_innenbefragung in Niedersachsen zeigen, dass ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild mit einem gesteigerten Risiko für das Begehen unterschiedlicher Straftaten gegenüber (vermeintlich) »nicht-deutschen« Mitbürger_innen anzusehen ist. Auch unter Einbezug weiterer Korrelate von Rechtsextremismus scheinen rechte Einstellungen mit dem Begehen rechter Straf- und Gewalttaten gegenüber ausländischen Personen und Personen mit linker politischer Einstellung in Zusammenhang zu stehen (Krieg & Kliem, 2019). Metaanalysen weisen auf einen moderaten Zusammenhang zwischen vorurteilsbehafteten Einstellungen und Verhalten hin (vgl. Talaska et al., 2008), wobei insbesondere der affektiven Facette der Einstellungsdimension eine ausgeprägte Erklärungskraft zugesprochen wird. Dabei ergibt sich aus dieser Feststellung ein dringender Handlungsappell insofern, als solche Einstel- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 175 Vorurteile und vorurteilsgeleitete Straftaten lungen dringend Gegenstand von früher und zielgruppenspezifischer Präventionsarbeit sein sollten. 1 Ziel der vorliegenden Studie In der vorliegenden Untersuchung soll der Frage nachgegangen werden, ob sich die theoretisch und teils auch empirisch aufgezeigte Einstellung- Verhalten-Korrespondenz in einer Stichprobe von Schüler_innen aus dem Bundesland Schleswig-Holstein nachzeichnen lässt. Dabei wird zusätzlich der Zusammenhang zwischen Einstellungen und Verhaltensweisen analysiert, die nicht Gegenstand der Analysen vorangegangener Untersuchungen waren (Kliem, Krieg, Kudlacek, Baier & Bergmann, 2018). 2 Die REX-Studie 2018 aus Schleswig-Holstein Die Regionalanalyse Rechtsextremismus (REX-Studie) in Schleswig-Holstein ist eine repräsentative Schüler_innenbefragung der 7. und 9.  Jahrgangsstufe allgemeinbildender Schulen in Schleswig-Holstein, die bereits in vergleichbarer Form in den Jahren 2013 und 2014 (siehe Maresch et al., 2013; Maresch  & Bliesener, 2015) durchgeführt worden ist (Krieg et al., 2019). Die Studie wurde durch das Ministerium für Bildung und Wissenschaft des Landes Schleswig-Holstein genehmigt und in den Monaten Februar bis Juni 2018 realisiert.1 Um eine repräsentative Stichprobenziehung zu gewährleisten, wurden per Zufallsauswahl Schulklassen auf Basis von Klassenlisten, die vom Statistischen Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein zur Verfügung gestellt worden waren, ausgewählt. Die Stichprobenziehung erfolgte geschichtet nach Schultyp (Gymnasium und Gemeinschaftsschule), nach Jahrgängen (7. und 9. Jahrgang) und den vier Landgerichtsbezirken Schleswig-Holsteins. Die Befragung war als computer-administrierte Gruppentestung im Klassenverband konzipiert und wurde in Anwesenheit mindestens einer Lehrkraft sowie einer_eines geschulten Testleiters_in in den Computerräumen der jeweiligen Schule 1 Das Projekt »Fortschreibung der Regionalanalysen zu Rechtsextremismus in Schleswig- Holstein« wurde vom Landespräventionsrat Schleswig-Holstein, Ministerium für Inneres, ländliche Räume und Integration des Landes Schleswig-Holstein (MILI), gefördert. 176 Sören Kliem, Laura Beckmann, Dominic Kudlacek & Yvonne Krieg durchgeführt. Die Befragung dauerte insgesamt etwa eine Schulstunde (45 min.). Vor der eigentlichen Befragung wurden die Eltern der Jugendlichen per Informationsschreiben über die Studie und die Inhalte der Befragung informiert. An der Befragung konnten nur diejenigen Jugendlichen teilnehmen, deren Eltern der Befragung ausdrücklich zugestimmt hatten. Die Jugendlichen wurden zudem darüber informiert, dass a) die Teilnahme an der Befragung freiwillig erfolgt, b) die Antworten nur in anonymisierter Form verarbeitet werden, c) die Befragung jederzeit abgebrochen werden kann, d) einzelne Fragen unbeantwortet bleiben dürfen und e) durch eine Nicht-Teilnahme keine Nachteile entstehen würden. Auf Ebene der Schulen ergab sich abschließend eine Rücklaufquote von 43,5 %. Als Hauptgründe für eine Absage der Teilnahme wurden von den Abbildung 1: Flowchart zum Rücklauf REX-Studie 2018 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 177 Vorurteile und vorurteilsgeleitete Straftaten angefragten Schulleiter_innen u. a. knappe zeitliche Ressourcen, Lehrkräftemangel und schulinterne Probleme benannt. Auf Ebene der Schüler_innen ergab sich eine Rücklaufquote von 69,2 %, wobei hier als Gründe für eine Nicht-Teilnahme insbesondere die fehlende Zustimmung der Eltern oder die Erkrankung der jeweiligen Schüler_innen aufzuführen sind. Insgesamt ergab sich eine kombinierte Rücklaufquote von etwa 30 %, da von den 9.395 Schüler_innen, die in der Stichprobe gezogen worden sind, letztlich 2.824 Jugendliche teilgenommen haben. Abbildung 1 zeigt den vollständigen Prozess der Stichprobengewinnung in einem Flowchart. 2.1 Stichprobenbeschreibung Insgesamt konnten 1.337 Schüler_innen der 7. und 1.487 Schüler_innen der 9. Jahrgangsstufe erfolgreich befragt werden, sodass sich eine Gesamtstichprobe von N = 2.824 Jugendlichen ergab. Es wurden etwa genauso viele männliche (51,1 %) wie weibliche (48,9 %) Jugendliche befragt. Das Durchschnittsalter liegt bei 14,7  Jahren (SD  =  1,21) bei einer Spannweite von 12 bis 19 Jahren. Etwa 7,5 % der Befragten leben in Familien, die auf den Bezug von staatlichen Transferleistungen angewiesen sind. Jede_r dritte Schüler_in lebt in Ein-Eltern- Familien (28,9 %) und rund ein Viertel der Jugendlichen weist einen Migrationshintergrund2 2 Ein Migrationshintergrund liegt dann vor, wenn die_der befragte Schüler_in selbst oder mindestens ein Elternteil nicht in Deutschland geboren ist bzw. nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Tabelle 1: Stichprobenbeschreibung Stichprobe N = 2.824 Rücklaufquote 30,1 % Geschlecht männlich 51,1 % weiblich 48,9 % Alter (in Jahren) M 14,7 SD 1,21 Range 12–19 Bezug von Transferleistungen 7,5 % Familienstatus Ein-Eltern Familie 28,9 % Zwei-Eltern Familie 71,1 % Migrationshintergrund türkisch 3,7 % polnisch 3,5 % russisch 3,1 % andere 13,7 % gesamt 24,0 % 178 Sören Kliem, Laura Beckmann, Dominic Kudlacek & Yvonne Krieg (24,0 %) auf, darunter 3,7 % Jugendliche mit türkischem, 3,5 % mit polnischem und 3,1 % mit russischem Migrationshintergrund. Tabelle 1 gibt einen Überblick über die Stichprobe. 2.2 Befragungsinstrumente Für die Erfassung von gruppenbezogenen Vorurteilen wurde weitestgehend auf die Definition von Heitmeyer (2002) des Bielefelder Desintegrationsansatzes zurückgegriffen, nach der verschiedene Dimensionen feindseliger Einstellungen (z.B. Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Homophobie, Abwertung von Obdachlosen, Abwertung von Menschen mit Behinderungen, Islamfeindlichkeit oder Sexismus) in ein gemeinsames Konzept der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zu integrieren sind. Das Kernmerkmal des Konzepts bildet dabei eine Ideologie der Ungleichheit, wobei hierbei das freiheitlich-demokratische Prinzip der menschlichen Fundamentalgleichheit (offen oder verdeckt) außer Kraft gesetzt wird. Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung werden daher Fragen zu Vorurteilen gegenüber Personen erfasst, die sich auf ihre (vermeintliche) Abstammung (Ausländerfeindlichkeit bzw. Abwertung von vermeintlich nicht-deutschen Menschen), ihre sexuelle Orientierung (Homophobie bzw. Abwertung von lesbischen oder schwulen Menschen) oder ihre Beeinträchtigung mit Blick auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe (Abwertung obdachloser Menschen und Abwertung von Menschen mit Behinderung) beziehen können. Um Abwertung von (vermeintlich) nicht-deutschen Menschen zu operationalisieren, wurde ein Befragungsinventar aus der Leipziger »Mitte«-Studie verwendet (siehe z. B. Decker & Brähler, 2018) (3 Items; Beispielaussage: »Deutschland ist durch die Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet«); Abwertung gegen- über obdachlosen Menschen (2 Items; Beispielaussage: »Die meisten Obdachlosen sind arbeitsscheu«) sowie Abwertung von Menschen mit Behinderung (2 Items; Beispielaussage: »Viele Forderungen von Menschen mit Behinderung finde ich übertrieben«) wurden mittels Kurzskalen von Heyder und Kolleg_innen (2005) erfasst. Zur Erfassung der Abwertung von lesbischen oder schwulen Menschen wurde ebenfalls eine Kurzskala von Heyder und Kolleg_innen (ebd.) eingesetzt (3 Items; Beispielaussage: »Es ist ekelhaft, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen«). Im Unterschied zum Leipziger Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung, der in den »Mitte«- Studien zum Einsatz kommt (Decker et al., 2013), sollten die Jugendlichen die Aussagen nicht auf einer fünf-, sondern einer vierstufigen Antwortskala 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 179 Vorurteile und vorurteilsgeleitete Straftaten bewerten (von »1 – stimme überhaupt nicht zu« bis »4 – stimme voll und ganz zu«). Um als »vorurteilbehaftet« kategorisiert zu werden, mussten die Antworten der Jugendlichen über alle Items der jeweiligen Dimension hinweg einen mittleren Skalenwert von ≥ 3 erreichen. Zuletzt wurden diejenigen Jugendlichen als »abwertend gegenüber mindestens einer der Personengruppen« klassifiziert, die bei mindestens einer der vier Vorurteilsdimensionen den Wert ≥ 3 erreicht haben. Darüber hinaus wurden in der vorliegenden Befragung vorurteilsgeleitete Verhaltensweisen und Straftaten erfasst. Die Jugendlichen wurden gefragt, ob sie eine andere Person jemals angepöbelt, sie mit Worten bedroht oder ihr Eigentum beschädigt haben (»absichtlich Sachen der Person kaputt gemacht«). Weiterhin wurde gefragt, ob die Jugendlichen jemals eine Körperverletzung gegen eine Person der angeführten Gruppen begangen (»die Person geschlagen oder getreten«) bzw. eine solche Person mit einer Waffe (z.B. einem Messer) bedroht haben. Um den Zusammenhang zwischen Einstellung und Verhalten quantifizieren zu können, wurde das relative Risiko (RR) für das gemeinsame Auftreten beider Komponenten berechnet. Das RR zeigt dabei an, um welchen Faktor sich ein Risiko (hier: für eine Handlung oder Straftat) zwischen zwei Gruppen (hier: Einstellung liegt vor bzw. nicht vor) unterscheidet. Das RR nimmt Werte zwischen 0 und ∞ an. Ein Wert von 1 entspricht einem identischen Risiko zwischen den Gruppen. Unterschiede in den Prävalenzen gruppenbezogener Vorurteile zwischen Mädchen und Jungen werden ebenfalls mittels der Berechnung des RR quantifiziert. 3 Ergebnisse3 3.1 Die Prävalenz von Vorurteilen Abbildung 2 zeigt den Anteil an Jugendlichen, der den jeweiligen gruppenbezogenen Vorurteilen zugestimmt hat (Skalenwerte ≥ 3). Die höchste Zustimmungsrate ist für die Dimension der Abwertung von (vermeintlich) nicht-deutschen Menschen (15,3 %) festzustellen, gefolgt von den Dimensionen Abwertung von obdachlosen Menschen (12,9 %) und Abwertung von 3 Um Differenzen zwischen der tatsächlichen Verteilung der Befragten auf die Schultypen und Landgerichtsbezirke der Grundgesamtheit und der Stichprobe auszuschließen, wurden die Daten entsprechend gewichtet. 180 Sören Kliem, Laura Beckmann, Dominic Kudlacek & Yvonne Krieg lesbischen oder schwulen Menschen (9,4 %). Die Dimension Abwertung von Menschen mit Behinderung erhält die geringste Zustimmung (6,1 %). Ressentiments gegenüber mindestens einer der genannten Gruppen werden von 30,7 % der Befragten angegeben. Abbildung 3 zeigt die Zustimmung zu gruppenbezogenen Vorurteilen getrennt nach Geschlecht. Es zeigen sich statisch bedeutsame Geschlechtseffekte für alle Dimensionen in der Weise, dass männliche Befragte höhere Zustimmungstendenzen aufweisen als weibliche Befragte. Die RR variieren zwischen RR = 1,31; p < 0,01 (Abwertung von [vermeintlich] nicht-deutschen Menschen) und RR  =  2,76; p < 0,001 (Abwertung von lesbischen oder schwulen Menschen). Abbildung 2: Prävalenz von gruppenbezogenen Vorurteilen unter Schüler_ innen Schleswig-Holsteins (in %; gewichtete Daten) Abbildung 3: Prävalenz von gruppenbezogenen Vorurteilen getrennt nach dem Geschlecht der Schüler_innen (in %; gewichtete Daten) 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 181 Vorurteile und vorurteilsgeleitete Straftaten 3.2 Die Prävalenz vorurteilsgeleiteter Handlungen und Straftaten Tabelle  2 zeigt sowohl getrennt für jede erfasste vorurteilsgeleitete Verhaltensweise bzw. Straftat als auch in Bezug auf einen Gesamtindex den Anteil Jugendlicher, der ein solches Verhalten jemals gegenüber Personen aus den oben genannten Personengruppen ausgeübt hat. Erwartungsgemäß kann festgestellt werden, dass die eher leichten Verhaltensweisen (Anpöbeln [irgendeine Gruppe: 10,7 %] und Bedrohung mit Worten [irgendeine Gruppe: 5,9 %]) als prävalenter einzuschätzen sind als die schwerwiegenderen Taten (Körperverletzung [irgendeine Gruppe: 4,0 %] oder die Bedrohung mit einer Waffe [irgendeine Gruppe: 1,7 %]). Die ebenfalls als leicht einzuschätzende Handlung der Sachbeschädigung weißt hingegen eine nur geringe Prävalenz auf (irgendeine Gruppe: 2,3 %). Mindestens eine Handlung (gruppenunspezifisch) wird von 13,6 % der befragten Jugendlichen berichtet. Über alle Verhaltensweisen und Straftaten zusammengefasst zeigen sich deutliche Geschlechtsunterschiede, die ein häufigeres Ausüben aller erfragten Verhaltensweisen unter Jungen im Vergleich zu Mädchen nahelegen (RR = 1,89; p < 0,001; vorurteilsgeleitete Verhaltensweisen und Straftaten gegenüber (vermeintlich) nicht-deutschen Menschen bis RR = 4,28; p < 0,001: vorurteilsgeleitete Verhaltensweisen und Straftaten gegenüber obdachlosen Menschen). Tabelle 2: Lebenszeitprävalenzen für vorurteilsgeleitete Verhaltensweisen und Straftaten (in %; gewichtete Daten) Gegenüber… (vermeintlich) nichtdeutschen Menschen obdachlosen Menschen Menschen mit Behinderung lesbischen oder schwulen Menschen irgendeiner Gruppe N % N % N % N % N % Anpöbeln 191 6,9 35 1,3 117 4,2 68 2,5 294 10,7 Sachbeschädigung 33 1,2 16 0,6 25 0,9 19 0,7 64 2,3 Bedrohung mit Worten 94 3,4 19 0,7 61 2,2 40 1,5 163 5,9 Körperverletzung (geschlagen, getreten) 54 2,0 11 0,4 57 2,1 19 0,7 109 4,0 Bedrohung mit Waffe (z.B. Messer) 24 0,9 12 0,4 15 0,5 15 0,6 47 1,7 Mind. ein Verhalten 244 8,9 49 1,8 155 5,6 89 3,2 374 13,6 182 Sören Kliem, Laura Beckmann, Dominic Kudlacek & Yvonne Krieg 3.3 Der Zusammenhang zwischen Vorurteilen und Diskriminierung Ein zentrales Anliegen der Studie war die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen gruppenbezogenen Vorurteilen und entsprechend motivierten Handlungen bzw. Straftaten gegen die jeweilige Personengruppe. Abbildung 4 stellt die konditionalen Prävalenzen (d.h., unter der Voraussetzung, dass gruppenbezogene Vorurteile vorliegen bzw. nicht vorliegen) für vorurteilsgeleitete Handlungen und Straftaten dar. Dabei zeigt sich erwartungsgemäß, dass vorliegende gruppenbezogene Ressentiments die Wahrscheinlichkeit vorliegender vorurteilsgeleiteter Handlungen und Straftaten gruppenübergreifend deutlich erhöhen. Die ermittelten relativen Risiken variieren von RR = 3,73; p < 0,001 (Zusammenhang zwischen der Abwertung von Menschen mit Behinderung und irgendeiner Handlung bzw. Straftat gegenüber dieser Gruppe) bis RR = 11,46; p < 0,001 (Zusammenhang zwischen der Abwertung von schwulen und lesbischen Menschen und irgendeiner Handlung bzw. Straftat gegenüber dieser Gruppe). Für die übrigen Personengruppen liegen die Risikoverhältnisse bei RR = 4,46; p < 0,001 (Zusammenhang zwischen der Abwertung von vermeintlich nicht-deutschen Menschen und irgendeiner Handlung bzw. Straftat gegenüber dieser Gruppe) bzw. RR = 9,64; p < 0,001 (Zusammenhang zwischen der Abwertung von obdachlosen Menschen und irgendeiner Handlung bzw. Straftat gegenüber dieser Gruppe). Zudem werden in Abbildung 4 konditionale Prävalenzraten getrennt nach leichten (Anpöbeln, Bedrohung mit Worten, Sachbeschädigung) und schwerwiegenden Straftaten (Körperverletzung, Bedrohung mit Waffe) dargestellt. Dabei kann festgestellt werden, dass auch für die als schwer einzuschätzenden Handlungen auf Basis der ermittelten RRs ausgeprägte Zusammenhänge zu den gruppenbezogenen Ressentiments festgestellt werden können. Die Relativen Risiken variieren dabei zwischen RR = 3,89; p < 0,001 (Zusammenhang zwischen der Abwertung von Menschen mit Behinderung und schwerer Straftat gegenüber dieser Gruppe) bis RR = 13,51; p < 0,001 (Zusammenhang zwischen der Abwertung von schwulen und lesbischen Menschen und schwerer Straftat gegenüber dieser Gruppe). Für die übrigen Personengruppen liegen die Risikoverhältnisse bei RR = 9,34; p < 0,001 (Zusammenhang zwischen der Abwertung von vermeintlich nicht-deutschen Menschen und schwerer Straftat gegenüber dieser Gruppe) bzw. RR = 3,94; p < 0,01 (Zusammenhang zwischen der Abwertung von obdachlosen Menschen und schwerer Straftat gegenüber dieser Gruppe). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 183 Vorurteile und vorurteilsgeleitete Straftaten Abbildung 4: Konditionale Prävalenz getrennt nach leichten und schweren vorurteilsgeleiteten Verhaltensweisen und Straftaten (in %; gewichtete Daten), Anmerkung: Signifikanz bezieht sich auf Gesamtkategorie 4 Zusammenfassung und Diskussion Das Ziel der vorliegenden Untersuchung war es, den Zusammenhang zwischen gruppenbezogenen Vorurteilen und vorurteilsgeleiteten Verhaltensweisen bzw. Straftaten anhand einer Stichprobe von Schüler_innen aus dem Bundesland Schleswig-Holstein zu untersuchen. Die Zustimmung zu rechten Einstellungen unter den befragten Jugendlichen fällt im Vergleich zu Schüler_innenbefragungen aus anderen Bundesländern (vgl. z. B. Kliem, Krieg, Kudlacek, Baier & Bergmann, 2018) stärker aus, wobei die höchsten Zustimmungsraten unter den erfassten Dimensionen, für Ausländerfeindlichkeit und die Abwertung von obdachlosen Menschen vorzufinden sind. Bezüglich der Prävalenz vorurteilsgeleiteter Handlungen und Straftaten zeigt die vorliegende Untersuchung erwartungsgemäß, dass leichte Verhaltensweisen (Anpöbeln und Bedrohung mit Worten) im Vergleich zu schweren Taten (Körperverletzung oder Bedrohung mit einer Waffe) von den Jugendlichen häufiger berichtet werden. Deutliche Geschlechterunterschiede zeigten sich sowohl hinsichtlich der Prävalenz 184 Sören Kliem, Laura Beckmann, Dominic Kudlacek & Yvonne Krieg gruppenbezogener Vorurteile als auch mit Blick auf die Prävalenz vorurteilsgeleiteter Verhaltensweisen und Straftaten: So teilen Jungen im Vergleich zu Mädchen häufiger vorurteilsbehaftete Einstellungen und berichteten häufiger von vorurteilsgeleiteten Handlungen und Straftaten. Hinsichtlich der konditionalen Prävalenzraten vorurteilsgeleiteter Handlungen bzw. Straftaten zeigen sich ausgeprägte Zusammenhänge mit vorliegenden Ressentiments gegenüber den relevanten Gruppen. Dies gilt dabei auch für die schweren Straftaten. 5 Einschränkungen Bei der Interpretation der Ergebnisse ist zu beachten, dass durch das hier vorliegende Studiendesign Jugendliche befragt wurden, die in der 7. und 9. Jahrgangstufe unterrichtet wurden. Dementsprechend beziehen sich die vorliegenden Befunde auf den Altersbereich von 12 bis 19 Jahren. Zukünftige Erhebungen sollten Prävalenzraten möglichst getrennt nach unterschiedlichen Alters- bzw. Klassenstufen erfassen. Solche differenzierten Analysen erscheinen dabei insbesondere im Hinblick auf Entwicklungsphasen hinsichtlich der Durchführung von phänomenbezogenen Präventionsangeboten von hoher Relevanz (vgl. Kliem, Baier & Bergmann, 2018). Wie in allen Befragungsstudien können die Angaben von den Befragten aufgrund von Prozessen sozialer Erwünschtheit oder bewusster Täuschung verfälscht worden sein, wobei solche Prozesse durch die ausführliche Aufklärung der teilnehmenden Schüler_innen im Rahmen der zugrundeliegenden Datenschutzmechanismen (z.B. anonymisierte Befragung, keine Rückmeldung an Eltern, Schule oder Lehrkräfte) auf ein Minimum begrenzt sein sollten. Der Rücklauf fällt niedriger aus als bei anderen Schüler_innenbefragungen (vgl. Bergmann et al., 2019), was sich insbesondere auf die Auflage der Notwendigkeit der elterlichen Zustimmung zurückführen lässt. Ebenso ist gemäß Schulgesetz in Schleswig-Holstein die Schulkonferenz anzuhören, die über die Teilnahme der Schule an der Befragung entscheiden kann, die in einigen Fällen nicht im Befragungszeitraum einberufen wurde. Grundsätzlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass gerade belastete Jugendliche aufgrund häuslicher Probleme oder Schulverweigerung überzufällig häufig nicht an der Befragung teilgenommen haben. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 185 Vorurteile und vorurteilsgeleitete Straftaten 6 Ausblick Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist keine gesellschaftliche Randerscheinung. Vielmehr zeigt die vorliegende Untersuchung, dass fast jedem Dritten der befragten Jugendlichen in Schleswig-Holstein gruppenbezogene Ressentiments zugesprochen werden müssen. Dieser Anteil muss dabei sogar als konservative Schätzung verstanden werden, da im Rahmen der Befragung lediglich eine Teilmenge der Dimensionen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in den Fokus genommen werden konnte. Ressentiments gegenüber anderen Gruppen, wie z. B. Sinti und Roma, jüdischen oder muslimischen Menschen, wurden in der vorliegenden Untersuchung nicht erfasst. Im Einklang mit anderen Befragungsstudien (vgl. Kliem, Krieg, Kudlacek, Baier & Bergmann, 2018; Krieg & Kliem, 2019) zeigt sich auch in der vorliegenden Untersuchung, dass gruppenbezogene Vorurteile in einem ausgeprägten Zusammenhang mit diskriminierenden Verhaltensweisen bzw. vorurteilsgeleiteten Straftaten stehen. Dieser Befund verdeutlicht die Dringlichkeit, der Entstehung menschenfeindlicher Einstellungen vorzubeugen bzw. diese frühzeitig abzubauen. Da die Schule als bedeutsame Sozialisationsinstanz der Jugendlichen bei der Formierung politischer Einstellungen verstanden werden darf (vgl. Rippl, 2008) und ein universaler Feldzugang im schulischen Rahmen realisiert werden kann, sollten phänomenbezogene Präventionsansätze für den Schulkontext weiterentwickelt und stärker disseminiert werden. Zudem erscheint auch ein verstärkter curricularer Fokus auf aktuelle gesellschaftspolitische Fragen innerhalb der offenen Gesellschaft von Bedeutung. So weisen verschiedene Autor_innen (z.B. Krieg et al., 2018; Kuhn & Buhl, 2011; Watermann, 2003; Westle, 2012) darauf hin, dass politisches Wissen in einem gegenläufigen Zusammenhang zu menschenfeindlichen Einstellungen steht. Um der Frage nachzugehen, ob menschenfeindliche Einstellungen einen konstitutiven Faktor für die spätere Ausführung vorurteilsgeleiteter Handlungen darstellen, bzw. zu prüfen, welche Mechanismen Annäherungsund Distanzierungsprozessen zugrundeliegen, bedarf es längsschnittlich angelegter Forschungsprogramme. Da solche Programme aufgrund ihres Komplexitätsgrades einen hohen personalen und finanziellen Aufwand erfordern, bleiben weitreichende und nachhaltige Investitionen öffentlicher Gelder notwendig. 186 Sören Kliem, Laura Beckmann, Dominic Kudlacek & Yvonne Krieg Literatur Bergmann, M.C., Kliem, S., Krieg, Y. & Beckmann, L. (2019). Jugendliche in Niedersachsen. Ergebnisse des Niedersachsensurveys 2017. KFN-Forschungsberichte No. 144. Hannover: KFN. Craig-Henderson, K. (2003). After the Hate: Helping Psychologists Help Victims of Racist Hate Crime. Clinical Psychology: Science and Practice, 10(4), 481–490. https://doi. org/10.1093/clipsy/bpg048 Decker, O., Kiess, J. & Brähler, E. (2013). Rechtsextremismus der Mitte. Eine sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose. Gießen: Psychosozial-Verlag. Decker, O. & Brähler, E. (2018). Flucht ins Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft. Gießen: Psychosozial-Verlag. Decker, O., Kiess, J. & Brähler, E. (2016). Die enthemmte Mitte: Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland. Gießen: Psychosozial Verlag. Heitmeyer, W. (2002). Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit  – die theoretische Konzeption und erste empirische Ergebnisse. In Ders. (Hrsg.), Deutsche Zustände (S. 301). Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Herek, G.M., Cogan, J. C. & Gillis, J. R. (2002). Victim experiences in hate crimes based on sexual orientation. Journal of Social Issues, 58(2), 319–339. https://doi. org/10.1111/1540-4560.00263 Herek, G.M., Gillis, J. R. & Cogan, J. C. (1999). Psychological sequelae of hate-crime victimization among lesbian, gay, and bisexual adults. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 67(6), 945–951. https://doi.org/10.1037//0022-006x.67.6.945 Heyder, A., Küpper, B. & Zick, A. (2005). Dokumentation der Entwicklung und Überprüfung von Kurzskalen: Homophobie, Behinderten-und Obdachlosenabwertung. GMF-Arbeitsbericht. Bielefeld: Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. Iganski, P. (2001). Hate Crimes Hurt More. American Behavioral Scientist, 45(4), 626–638. https://doi.org/10.1177/0002764201045004006 Kite, M. E. & Whitley, B. E. (2016). Psychology of Prejudice and Discrimination (3. Aufl.). New York: Routledge. Kliem, S., Baier, D. & Bergmann, M. C. (2018). Prävalenz grenzüberschreitender Verhaltensweisen in romantischen Beziehungen unter Jugendlichen (Teen-Dating-Violence): Ergebnisse einer niedersachsenweit repräsentativen Befragung. Kindheit und Entwicklung, 27(2), 110–125. Kliem, S., Krieg, Y., Kudlacek, D., Baier, D. & Bergmann, M. C. (2018). Zur Prävalenz rechtsextremer Einstellungen bei Jugendlichen. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung aus Niedersachsen. In O. Decker & E. Brähler (Hrsg.), Flucht ins Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft (S. 241–255). Gießen: Psychosozial-Verlag. Krieg, Y., Beckmann, L. & Bergmann, M. C. (2018). Politisches Wissen und rechtsextreme Einstellungen unter niedersächsischen Jugendlichen. Ergebnisse einer Schülerbefragung. Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe, 29(3), 198–203. Krieg, Y., Beckmann, L. & Kliem, S. (2019). Regionalanalyse Rechtsextremismus in Schleswig-Holstein. KFN-Forschungsberichte No. 149. Hannover: KFN. Krieg, Y. & Kliem, S. (2019). Rechtsextremismus unter Jugendlichen in Niedersachsen. Er- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 187 Vorurteile und vorurteilsgeleitete Straftaten gebnisse repräsentativer Wiederholungsbefragungen aus den Jahren 2013, 2015 und 2017. Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 102(2), 135–153. Kuhn, H. P. & Buhl, M. (2011). Schulische Bedingungen der Entwicklung von politischem Wissen und demokratischen Einstellungen. In S. Aufenanger, F. Hamburger, R. Tippelt  & L. Ludwig (Hrsg.), Bildung in der Demokratie. Beiträge Zum 22.  Kongress der Deutschen Gesellschaft Für Erziehungswissenschaft. Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft Für Erziehungswissenschaft (DGfE) (S. 261–275). Opladen: Verlag Barbara Budrich. Küpper, B., Rees, J. & Zick, A. (2016). Geflüchtete in der Zerreißprobe – Meinungen über Flüchtlinge in der Mehrheitsbevölkerung. In A. Zick, B. Küpper & D. Krause (Hrsg.), Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände: Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016 (S. 83–110). Bonn: Dietz. Lim, H. A. (2009). Beyond the immediate victim: Understanding hate crimes as message crimes. In B. Perry & P. Iganski (Hrsg.), The consequences of hate crime (S. 107–122). Westport, Conn.: Praeger. Maresch, P. & Bliesener, T. (2015). Regionalanalysen zu Rechtsextremismus in Schleswig- Holstein Abschlussbericht. Oktober 2015. Kiel: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Maresch, P., Gansewig, A. & Bliesener, T. (2013). Bedarfsanalyse für die Arbeit eines regionalen Demokratiezentrums in den Landkreisen Herzogtum Lauenburg, Stormarn und Lübeck. Abschlussbericht November 2013. Kiel: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Perry, B. (2003). Hate and bias crime. A reader. New York, NY: Routledge. Perry, B. & Alvi, S. (2012). »We are all vulnerable«. International Review of Victimology, 18(1), 57–71. https://doi.org/10.1177/0269758011422475 Rippl, S. (2008). Politische Sozialisation. In K. Hurrelmann, M. Grundmann & S. Walper (Hrsg.), Handbuch Sozialisationsforschung (S. 443–457). Weinheim: Beltz. Talaska, C.A., Fiske, S. T. & Chaiken, S. (2008). Legitimating racial discrimination: Emotions, not beliefs, best predict discrimination in a meta-analysis. Social Justice Research, 21(3), 263–396. https://doi.org/10.1007/s11211-008-0071-2 Virchow, F., Langebach, M. & A. Häusler (2016). Handbuch Rechtsextremismus. Wiesbaden: Springer Fachmedien. Watermann, R. (2003). Diskursive Unterrichtsgestaltung und multiple Zielerreichung im politisch bildenden Unterricht. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 23(4), 356–370. Westle, B. (2012). Souveräne Teilhabe unter Unsicherheit und Halbwissen. Politisches Wissen und politische Partizipation. In S. Braun & A. Geisler (Hrsg.), Die verstimmte Demokratie. Moderne Volksherrschaft zwischen Aufbruch und Frustration (S. 51–68). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Zick, A., Klein, A., Groß, E., Hövermann, A. & Küpper, B. (2014). Fragile Mitte – feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014. Bonn: Dietz. Biografische Notizen Sören Kliem, Prof. Dr., ist Psychologe und Professor an der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena. Zuvor war er Leiter der Forschungseinheit Dunkelfeld-Monitoring am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Er promovierte an der Universität Braunschweig, an der er auch eine Vertretungsprofessur in der Abteilung für psychologische Diagnostik 188 Sören Kliem, Laura Beckmann, Dominic Kudlacek & Yvonne Krieg und Psychotherapie innehatte. Seine Forschungsinteressen umfassen unter anderem die Evaluation von Präventionsprogrammen, Entstehungsbedingungen abweichenden Verhaltens und Gewaltdelinquenz. Laura Beckmann, M.A., ist Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe Bildungsforschung am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Duisburg-Essen sowie Doktorandin an der Universität Leipzig. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Ihren Abschluss in Soziologie absolvierte sie 2015 an der Universität Mannheim. Zu ihren Forschungsinteressen gehören die Entstehungsbedingungen von jugendlichem Problemverhalten, soziale Schutz- und Risikofaktoren von aggressivem Verhalten im Jugendalter sowie die Schul- und Unterrichtsentwicklung an Schulen in sozial deprivierter Lage. Dominic Kudlacek, Prof. Dr., ist Sozialwissenschaftler und Professor an der Hochschule Bremerhaven. Zuvor war er stellvertretender Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Gegenwärtig forscht er zu Hasskriminalität, Radikalisierung und gesellschaftlicher Polarisierung. Er ist für mehrere migrationssoziologische Studien und verschiedene Projekte aus dem Gebiet der Sicherheitsforschung verantwortlich, die unter anderem für das BMI, die Europäische Kommission und das BMBF durchgeführt werden. Yvonne Krieg, M.A., ist Politikwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen sowie Doktorandin an der Freien Universität Berlin. Ihren Abschluss in Politikwissenschaft absolvierte sie 2016 an der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität in Hannover. Sie arbeitet an unterschiedlichen, repräsentativen Schüler_innenbefragungen und setzt ihren Forschungsschwerpunkt auf die Bedingungsfaktoren rechter Einstellungen und Verhaltensweisen Jugendlicher. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 189 Kontakte und Bedrohungswahrnehmung als Determinanten der Einstellung zu Migranten1 Einstellungen der deutschen Bevölkerung zu Zuwanderern von 1980 bis 20162 Peter Schmidt & Stefan Weick Durch die sich immer dramatischer entwickelnde Lage der Zivilbevölkerung in Ländern mit Bürgerkriegen (insbesondere Syrien, aber auch Afghanistan, Irak, Somalia, Südsudan und Eritrea) und der zunehmend schwierigen ökonomischen und politischen Lage in einigen Ländern Afrikas nahm die Zahl der Flüchtlinge und Asylbewerber, die nach Europa wollten, in den letzten Jahren stark zu. In der Europäischen Union (EU) und Deutschland wurde dabei kaum zur Kenntnis genommen, dass mehrere Millionen Flüchtlinge vor allem in der Türkei, aber auch in Pakistan, im Libanon, dem Iran, Äthiopien und Jordanien Zuflucht fanden (United Nations High Commissioner for Refugees, 2016). Innerhalb der EU konnte allerdings keine Einigung bezüglich der Aufteilung der Flüchtlinge und Asylbewerber auf die verschiedenen EU-Länder erreicht werden. Als Konsequenz dessen hielt sich eine große Zahl der Flüchtlinge in untragbaren Zuständen in den EU-Ländern Griechenland und Italien auf. Diese beiden Länder fühlten sich von den anderen EU-Ländern im Stich gelassen. Um die Situation kurzfristig zu lösen, entschloss sich die Bundesregierung 2015, Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen. Als Konsequenz kam es 2015 und 2016 zu einer »Welle« der Zuwanderung von Flüchtlingen, was sich in der Statistik in einer enormen Steigerung der Zahl der Asylanträge zeigte (2016: 745.545; Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, 2017). Ein großer Teil der Bevölkerung reagierte zunächst sehr positiv auf den Zustrom, was durch den Begriff der »Willkommenskultur« charakterisiert wurde. Insbesondere die AfD und später auch die CSU warnten vor der 1 Für eine bessere Lesbarkeit verwenden wir keine geschlechtsneutrale Sprache. Die weibliche Form ist immer als inkludiert zu verstehen. 2 Dieser Beitrag erschien erstmalig 2017 in der von GESIS herausgegebenen Zeitschrift Informationsdienst Soziale Indikatoren, 57, S. 1–7. 190 Peter Schmidt & Stefan Weick Aufnahme sehr vieler Flüchtlinge und prophezeiten eine Gefährdung der Sicherheit und Bedrohung des westlichen Lebensstils, insbesondere durch Flüchtlinge muslimischen Glaubens. Als Wendepunkte in der Stimmung der Bevölkerung können hier vorwiegend die Neujahrsereignisse in Köln, weniger jedoch die einzelnen terroristischen Aktionen von als Flüchtlingen getarnten Anhängern des Islamischen Staates (IS) gelten. Auf Basis aktueller empirischer Ergebnisse von Umfragen aus dem Jahr 2016 soll dieser Report Daten aufarbeiten und beleuchten, welche die Einstellungen der deutschen Bevölkerung zu Zuwanderung und Migration sowie die Art der Kontakte mit Migranten beinhalten. Ergänzend werden zu Vergleichszwecken Daten aus früheren Befragungen miteinbezogen. Damit soll eine empirisch fundierte Analyse der Situation und ihrer zeitlichen Entwicklung gegeben werden. Vor dem Hintergrund amtlicher Daten zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund werden Ergebnisse zu Erfahrungen, Einstellungen und Kontakten der deutschen Bevölkerung zu verschiedenen Migrantengruppen sowie zur Zuwanderung präsentiert. Zurückgegriffen wird dabei auf zum Analysezeitpunkt möglichst aktuelle Umfragedaten, die nach der »Flüchtlingswelle« von 2015 erhoben wurden. In einem ersten deskriptiven Teil werden Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) von 20163, ergänzt durch frühere Befragungsjahre ab 1980, verwendet. Ein weiterer Teil der Studie nutzt ein Fragemodul der GESIS-Panel-Befragung von Mai/Juni 20164, um verstärkt theoriegeleitet die Bewertung von Ausländern durch die deutsche Erwachsenenbevölkerung zu untersuchen und mögliche Erklärungsfaktoren zu identifizieren. Neben sozioökonomischen Faktoren wird dabei für die empirische Über- 3 Bei den ALLBUS-Befragungen werden aktuelle Daten über Einstellungen, Verhaltensweisen und Sozialstruktur der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland erhoben. Seit 1980 wird alle zwei Jahre ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung befragt (Kumulierter Datensatz ALLBUS 1980–2012; ZA5260 Data file Version 2.0.0, doi:10.4232/1.11639; ALLBUS 2016 Pre-Release ZA5260, Data file Version 2.0.0, doi:10.4232/1.12715). Wir danken M. Blohm (GESIS) für die Berechnungen mit der Gesamtstichprobe des ALLBUS 2016. Die Autoren danken Pascal Anstötz und Sophie Rau für die Unterstützung bei Analysen und Darstellung. Die Arbeit von Peter Schmidt wurde unterstützt durch ein Humboldt-Stipendium der Polish Foundation for Basic Research. 4 Es handelt sich um ein probabilistisches Mixed-Mode-Access-Panel. Die Daten sind repräsentativ für die deutschsprachige Wohnbevölkerung von 18 bis 70 Jahre (ZA5664 Datenfile Version 18.0.0, doi:10.4232/1.12716). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 191 Kontakte und Bedrohungswahrnehmung als Determinanten der Einstellung zu Migranten prüfung insbesondere auf die Konzepte des Intergruppenkontaktes, aber auch der gruppenbezogenen relativen Deprivation, der Wahrnehmung von Bedrohungen sowie des Autoritarismus zurückgegriffen. Der erste, deskriptive Teil der Untersuchung behandelt folgende Fragestellungen: ➣ Welche Einstellungen sind hinsichtlich einer Begrenzung des Zuzugs für verschiedene Migrantengruppen zu identifizieren? ➣ Als wie wichtig werden von der deutschen Bevölkerung verschiedene Kriterien als Voraussetzung für eine Einbürgerung erachtet? ➣ Welche Entwicklung ist im Verlauf von 36 Jahren, von 1980 bis 2016, hinsichtlich persönlicher Kontakte zu Ausländern zu erkennen? In der frühen Bundesrepublik wurde ein erster Ansteig der Zuwanderung durch die Anwerbeabkommen für Gastarbeiter mit Ländern im südeuropäischen Raum ausgelöst. Nach dem Anwerbestopp 1973 zogen in grö- ßerem Umfang Familienangehörige nach und eine steigende Zahl von Kindern ausländischer Eltern wurde in Deutschland geboren. Eine zweite große Gruppe von Zuwanderern stellen Aussiedler mit deutschen Wurzeln dar, die eine rechtliche Sonderstellung einnehmen und aufgrund ihrer deutschen Volkszugehörigkeit die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten. Aussiedler sind seit dem Bestehen der Bundesrepublik nach Deutschland zugewandert, der Schwerpunkt lag in den Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Kriegsflüchtlinge und Asylsuchende aus den Staaten des früheren Jugoslawiens trugen in den 1990er Jahren zum Anstieg des Ausländeranteils in Deutschland bei (Schmidt & Weick, 1998). Der hohe Zustrom von Flüchtlingen 2015 fand seinen Niederschlag in der bis dahin höchsten Zahl von Asylanträgen in Deutschland von 476.649 Personen im gleichen Jahr, vor allem aber im Folgejahr mit 745.545 Personen (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, 2017). Die wichtigsten Herkunftsländer Syrien, Irak und Afghanistan waren bzw. sind besonders stark von Krieg und Unsicherheit betroffen. Weniger Vorbehalte gegen Zuwanderung als in den 1990er Jahren Während der Ausländeranteil in Westdeutschland 1960 bei nur etwas mehr als 1 % lag, erreichte er 1989 fast 8 %. Für Gesamtdeutschland ist von 192 Peter Schmidt & Stefan Weick 1990 bis 2002 ein Anstieg um fast 2 % festzustellen (Abb. 1). Von 2011 bis 2015 zeigen die auf Basis des Zensus 2011 fortgeschriebenen Zahlen in kürzerer Zeit einen etwa gleich großen Anstieg. Anhand der Staatsangehörigkeit lassen sich die zugewanderte Bevölkerung und deren Kinder nicht mehr zureichend erfassen, da Einbürgerungen auf dieser Basis nicht in die Betrachtung eingehen. Durch eine Gesetzesänderung im Jahr 2000 erhalten Kinder ausländischer Eltern zunehmend auch die deutsche Staatsangehörigkeit und auch erwachsene Ausländer können nach längerem Aufenthalt leichter eingebürgert werden. Seit 2005 ist es anhand der Mikrozensusdaten möglich, auch den Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund5 zu ermitteln und damit auch Migrationserfahrung sowie Staatsangehörigkeit der Eltern zu berücksichtigen. Dieser liegt 2015 mit 21 % etwa doppelt so hoch wie der Ausländeranteil. Auch beim Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund ist bei einheitlicher Berechnungsweise seit 2011 ein deutlicher Anstieg zu erkennen. Wird die deutsche Bevölkerung befragt, wie hoch sie den Ausländeranteil schätzt, so zeigen sich ungenügende Kenntnisse und eine Tendenz zur Überschätzung. Befragte bemessen den Ausländeranteil für Westdeutschland im Jahr 2016 auf 21 % und für Ostdeutschland auf 14 %, also jeweils etwa 10 Prozentpunkte höher als die amtlich gemessenen Werte (2015: Westdeutschland 11,8 %; Ostdeutschland 3,8 %)6. Die Ereignisse der »Flüchtlingskrise« mit der verstärkten Zuwanderung nach Deutschland und der einhergehenden Medienberichterstattung haben allerdings nicht dazu geführt, dass der Ausländeranteil stärker überschätzt wird als noch 2012. In der Bevölkerung lassen sich erhebliche Vorbehalte gegen den weiteren Zuzug erkennen, die sich deutlich hinsichtlich verschiedener Migrantengruppen unterscheiden. Befragte konnten angeben, ob der Zuzug für die jeweilige Gruppe uneingeschränkt möglich sein, begrenzt oder völlig unterbunden werden sollte. Die stärksten Vorbehalte gibt es gegen- über denjenigen Flüchtlingen, die aufgrund wirtschaftlicher Nöte in ihren Heimatländern nach Deutschland kommen (»Wirtschaftsmigranten«): 33 % der Westdeutschen und sogar mehr als 40 % der Ostdeutschen äußern die Einstellung, dass der Zuzug von »Wirtschaftsmigranten« völlig unterbunden werden soll. Weitere 59 % (Ostdeutschland 51 %) wollen zumindest eine Begrenzung des Zuzugs. Starke Vorbehalte zeigen 5 Migrationshintergrund im engeren Sinn (vgl. Statistisches Bundesamt, 2016c). 6 Berechnet aus Länderdaten (Statistisches Bundesamt, 2016a). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 193 Kontakte und Bedrohungswahrnehmung als Determinanten der Einstellung zu Migranten sich auch gegenüber Nicht-EU-Arbeitnehmern und EU-Arbeitnehmern aus Osteuropa, wenn auch die völlige Unterbindung des Zuzugs deutlich seltener genannt wird. Nur eine Minderheit von 7 % (Ostdeutschland 8 %) möchte die Zuwanderung von Asylsuchenden und auch politisch Verfolgten unterbunden sehen; die Einstellung, dass eine Begrenzung erfolgen sollte, ist allerdings weit verbreitet. Gegenüber EU-Arbeitnehmern fallen die Vorbehalte gegen eine Zuwanderung jedoch am geringsten aus. Einstellungen zur Begrenzung der Zuwanderung entsprechen oft nicht der Rechtslage, die z. B. für EU-Bürger einen freien Zuzug gestattet oder auch politisch Verfolgten einen Aufenthalt ermöglicht. Trotz vieler Vorbehalte gegenüber der Zuwanderung sind die geäußerten Einstellungen zur Begrenzung der Zuwanderung weit weniger restriktiv als noch Mitte der 1990er Jahre. So äußerten 1996 noch gut 20 % der West- und Ostdeutschen die Meinung, man sollte den Zuzug von Asylsuchenden ganz unterbinden (Tab. 1). Sehr deutlich werden die Einstellungsänderungen bei Ostdeutschen gegenüber EU-Arbeitnehmern: Sprachen sich 1996 noch 38 % dafür aus, die Zuwanderung völlig zu unterbinden, waren es 2016 nur noch 5 %7. 7 Die Fragenbatterie für Split 1 wurde auch in früheren ALLBUS-Befragungen ab 1990 erhoben. Abbildung 1: Ausländeranteil, geschätzter Ausländeranteil und Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Deutschland (in %); Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund im engeren Sinn. Quelle: Statistisches Bundesamt 2016a; 2016c (Datenbasis: ALLBUS 2016 [geschätzter Ausländeranteil, arithmetisches Mittel]). 194 Peter Schmidt & Stefan Weick Tabelle 1: Einstellung »Zuzug völlig unterbinden« 1996, 2006 und 2016 (in %) 1996 2006 2016 Ost West Ost West Ost West Aussiedler Osteuropa 18 11 11 11 5 3 Asylsuchende 21 22 16 14 10 7 EU-Arbeitnehmer 38 12 19 9 5 2 Nicht-EU-Arbeitnehmer 49 31 34 24 22 12 Datenbasis: ALLBUS 1980–2012 (kumuliert), 2016 Bekenntnis zur deutschen Grundordnung als besonders wichtig für Einbürgerung erachtet Abbildung 2: Einstellung der deutschen Bevölkerung zum Zuzug verschiedener Migrantengruppen (in %) (Datenbasis: ALLBUS 2016) 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 195 Kontakte und Bedrohungswahrnehmung als Determinanten der Einstellung zu Migranten Die Übernahme der deutschen Staatsbürgerschaft berühren unmittelbar die Lebenschancen und die soziale Sicherheit von Migranten und mit aktivem sowie passivem Wahlrecht auch die Möglichkeit zur Beteiligung an der Gestaltung der Gesellschaft. Quantitativ zeigt sich folgender Trend: Nach dem starken Anstieg der Einbürgerungen zu Beginn der 1990er Jahre, die im Wesentlichen auf den Anspruch von deutschstämmigen Aussiedlern zurückzuführen sind, sanken die Werte zwar wieder ab, pendelten sich aber auf deutlich höherem Niveau als vor dem Anstieg wieder ein. Hier spiegeln sich nicht zuletzt die gesetzlichen Erleichterungen bei der Vergabe der deutschen Staatsbürgerschaft wider. Abbildung 3: Einbürgerungen in Deutschland (Quelle: Statistisches Bundesamt 2016b, Fachserie 1, Reihe 2.1) Abbildung 4: Wichtigkeit verschiedener Kriterien der Einbürgerung in der deutschen Bevölkerung (Datenbasis: ALLBUS 2016) 196 Peter Schmidt & Stefan Weick Was erachten nun die Bürger als wichtig für die Vergabe der deutschen Staatsbürgerschaft? Dazu konnten Befragte verschiedene Statements auf einer Skala von 1 (»überhaupt nicht wichtig«) bis 7 (»sehr wichtig«) bewerten. Die Befragten wurden zwei Gruppen zufällig zugeordnet, die unterschiedliche Varianten der Fragenbatterie erhielten, die beide jeweils nach Größe sortiert dargestellt sind (Abb.  4). In der sozialwissenschaftlichen Forschung werden die Kriterien meist unter den Begriffen »ethnische« (ethnic) versus »zivilgesellschaftliche« (civic) Konzepte der Staatsbürgerschaft gefasst (vgl. Smith, 1991). Dabei werden die Kriterien Abstammung und Geburt sowie Religion zur ethnischen Konzeption zugeordnet, während Sprache, Beschäftigung, Anerkennung der Gesetze, Anpassung des Lebensstils und kein kriminelles Verhalten zu den zivilgesellschaftlichen Kriterien gehören. Die Einschätzung dieser Kriterien wirkt  – verschiedenen empirischen Ergebnissen zufolge – signifikant auf die Einstellung zu Flüchtlingen, Asylbewerbern und als Ausländer wahrgenommene Personen (vgl. z. B. Hochman et al., 2016). Gemessen am arithmetischen Mittel stehen im Urteil der Bevölkerung das Bekenntnis zur deutschen Grundordnung und die Kenntnis der deutschen Sprache ganz oben, gefolgt davon, dass keine Straftat begangen wird. Die entsprechenden Durchschnitte liegen jeweils höher als 6,0. Als weit weniger wichtig wird erachtet, dass Personen in Deutschland geboren wurden oder eine deutsche Abstammung haben, mit durchschnittlichen Wichtigkeitseinstufungen zwischen 2,6 und 2,9. Diesbezüglich ist eine deutliche Veränderung der Einstellung zu beobachten: Im Jahr 1996 lagen die entsprechenden Wichtigkeitseinstufungen zwischen 4,4 und 5,0 und damit noch deutlich höher als 2016 (Tab. 2). Abstammung und Geburt in Deutschland haben in der Einschätzung der Bevölkerung erheblich an Bedeutung für die Vergabe der deutschen Staatsbürgerschaft verloren. Der Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche wird die geringste Bedeutung zugemessen. Als wichtiger wird in der Bevölkerung angesehen, dass der Lebensunterhalt selbst erbracht und der Lebensstil an den der deutschen Bevölkerung angepasst wird. Die deutsche Bevölkerung schätzt nicht vorrangig die Abstammung, sondern insbesondere die Achtung der Grundwerte und die Anpassung des Lebensstils als relevant für eine Einbürgerung von Migranten ein. Solche Anpassungen können kaum in segregierten Lebensformen von isolierten Gruppen geleistet werden. Kontakte zwischen Bevölkerungsteilen mit und ohne Migrationshintergrund gelten in der sozialwissenschaftlichen Forschung (Pettigrew & Tropp, 2006) als wichtige Voraussetzung für die In- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 197 Kontakte und Bedrohungswahrnehmung als Determinanten der Einstellung zu Migranten tegration von Migranten und helfen vielfach, Verständnis für die jeweils andere Bevölkerungsgruppe aufzubauen und Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen. Der Ausländeranteil bzw. der Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund ist in den letzten Jahrzehnten erheblich angestiegen. Dies hat die Gelegenheiten zu Kontakten nachhaltig verändert. Die ALLBUS- Daten erlauben es, die Erfahrung von Kontakten mit Ausländern in der deutschen Bevölkerung von 1980 bis 2016 zu verfolgen (Abb. 5). Tabelle 2: Wichtigkeit verschiedener Kriterien der Einbürgerung in der deutschen Bevölkerung 1996, 2006 und 2016 (arithmetisches Mittel) 1996 2006 2016 Ost West Ost West Ost West in Deutschland geboren 5.0 4.6 3.6 3.4 2.7 2.6 deutsche Abstammung 4.7 4.4 3.5 3.3 2.7 2.5 deutsche Sprache 4.5 5.4 6.1 6.3 6.4 6.2 lange in Deutschland gelebt 5.2 5.4 5.1 5.0 5.1 4.5 deutscher Lebensstil 4.8 5.0 5.8 5.5 6.0 5.6 christliche Kirche 1.8 2.2 2.0 2.4 1.6 2.0 keine Vorstrafen 6.3 6.0 6.4 6.3 6.2 6.1 eigener Lebensunterhalt 5.8 5.7 6.0 5.9 6.2 5.6 Bekennen zur Grundordnung 6.3 6.3 6.5 6.3 Datenbasis: ALLBUS 1980–2012 (kumuliert), 2016 Erhebliche Zunahme von Kontakten mit Ausländern In den vier vorgegebenen Lebensbereichen Familie, Arbeit, in der Nachbarschaft, sowie im Freundes- und Bekanntenkreis sind die Häufigkeiten von persönlichen Kontakten im Zeitverlauf erheblich angestiegen. Das Niveau in Westdeutschland liegt dabei jeweils deutlich über dem ostdeutschen. Bei einer übergreifenden Betrachtung, die alle vier Lebensbereiche zusammen erfasst (insgesamt), berichten zum Ende der Beobachtungsperiode 2016 weit über 80 % der Westdeutschen und mehr als 60 % der Ostdeutschen über Kontakte mit Ausländern. 1994 hatten nur gut zwei Drittel der Be- 198 Peter Schmidt & Stefan Weick Abbildung 5: Persönlicher Kontakt zu in Deutschland lebenden Ausländern in verschiedenen Lebensbereichen (Datenbasis: ALLBUS 1980–2012, 2016) 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 199 Kontakte und Bedrohungswahrnehmung als Determinanten der Einstellung zu Migranten fragten in den alten und knapp ein Viertel in den neuen Bundesländern in mindestens einem der Lebensbereiche Kontakt zu Ausländern. Die erfassten Lebensbereiche unterscheiden sich dabei durchaus: Besonders oft werden Kontakte am Arbeitsplatz und im Freundes- und Bekanntenkreis genannt: Jeweils mehr als 60 % der Westdeutschen und mehr als ein Drittel der Ostdeutschen machen im Jahr 2016 entsprechende Angaben. Seit Mitte der 1990er Jahre gibt es auch einen beachtlichen Anstieg bei Kontakten in der eigenen Familie oder der näheren Verwandtschaft. Berichteten 1994 in Westdeutschland noch 16 % der Befragten von Kontakten in der Familie, waren es 2012 immerhin 36 %. In Ostdeutschland ist für diesen Indikator ein Anstieg im gleichen Zeitraum von 5 % auf 17 % zu beobachten. Für 2016 sind bei familiären Kontakten leicht sinkende Werte zu sehen. Dennoch haben persönliche Kontakte mit Ausländern in der deutschen Bevölkerung längerfristig betrachtet eine gestiegene Bedeutung und sind in Westdeutschland überwiegend nicht auf einen Lebensbereich begrenzt.8 Bedrohungswahrnehmung besonders wichtig für eine positive oder negative Einschätzung von Ausländern Im Zusammenhang mit der jüngsten »Flüchtlingswelle« traten in der Öffentlichkeit äußerst unterschiedliche Einstellungen gegenüber Zuwanderern zutage: Auf der einen Seite eine völlige Ablehnung, ja sogar offene Anfeindung, auf der anderen Seite ein hohes Maß an Verständnis und Unterstützungsbereitschaft. Welche Faktoren beeinflussen eine positive oder negative Bewertung von Migranten durch die deutsche Bevölkerung? Ein Fragemodul im GESIS-Panel (Mai/Juni 2016) ermöglicht es, dies für verschiedene Migrantengruppen zu untersuchen. Von den möglichen Gruppen (Muslime, Ausländer, Sinti und Roma sowie Flüchtlinge) wurden für diesen Beitrag Ausländer für nähere Analysen ausgewählt. Dabei werden die Ergebnisse eines multivariaten Modells beleuchtet, welche den Zusammenhang demografischer Merkmale mit den sozialpsychologischen Konzepten Autoritarismus, Soziale Dominanzorientierung, gruppenbezogene relative Deprivation, positive und negative Erfahrungen mit 8 Anteil mit zwei und mehr Kontakten: Westdeutschland 71%, Ostdeutschland 31% (Ergebnisse des ALLBUS 2016 Pre-Release, tabellarisch nicht ausgewiesen). 200 Peter Schmidt & Stefan Weick Kontakten, wahrgenommene wirtschaftliche und kulturelle Bedrohung sowie mit der Einstellung zu Ausländern berücksichtigen. Zunächst werden diese Konstrukte, die auf Basis der Befragung zur Erklärung verwendet werden, in Kürze vorgestellt. Autoritarismus erfasst, inwieweit Befragte autoritäre Persönlichkeitseigenschaften bzw. Einstellungen haben, die anhand von Items zu Außenseitern, bewährten Verhaltensweisen und autoritären Führungspersonen gemessen werden.9 Mit steigendem Autoritarismus ist eine zunehmend negative Einschätzung gegenüber Ausländern zu erwarten (direkte und indirekte Effekte). Soziale Dominanzorientierung erfasst, inwieweit Befragte Einstellungen bezüglich einer Hierarchie zwischen sozialen Gruppen verinnerlicht haben, die anhand der Zustimmung zu den Merkmalen Chancenverteilung, Überlegenheit, Gleichbehandlung und Einfluss gemessen werden.10 Je höher die soziale Dominanzorientierung gegenüber Ausländern ist, desto negativer sollte die allgemeine Einschätzung von Ausländern ausfallen (direkte und indirekte Effekte). Gruppenbezogene relative Deprivation erfasst, inwieweit Befragte die wirtschaftliche Lage von Deutschen schlechter als diejenige von Ausländern einstufen.11 Je schlechter die relative wirtschaftliche Situation von Deutschen im Vergleich zu Ausländern eingeschätzt wird, desto negativer ist die Einschätzung von Ausländern (direkte und indirekte Effekte). Positive und negative Kontakte erfasst, wie häufig Befragte jeweils positive oder negative Erfahrungen bei Kontakten in der Nachbarschaft und im Beruf zu Ausländern haben12. Je mehr positive Kontakte im jeweiligen Bereich zu verzeichnen sind, desto positiver werden Ausländer eingeschätzt. Je mehr negative Kontakte jeweils zu verzeichnen sind, desto negativer werden Ausländer bewertet (direkte und indirekte Effekte). Wirtschaftliche und kulturelle Bedrohung erfasst, inwieweit Befragte durch Ausländer den Wohlstand sowie Freiheiten und Rechte bedroht 9 Faktor aus der Zustimmung zu den Einzelitems auf einer Skala von 1 (»stimme überhaupt nicht zu«) bis 4 (»stimme voll und ganz zu«). 10 Additiver Index der Zustimmung zu den Einzelitems auf einer Skala von 1 (»stimme überhaupt nicht zu«) bis 4 (»stimme voll und ganz zu«) (Items Gleichbehandlung und Einfluss: Skala invertiert). 11 Auf einer Skala von 1 (»sehr viel schlechter«) bis 5 (»sehr viel besser«). 12 Antwortskala: 1 (»nie«), 2 (»selten«), 3 (»manchmal«), 4 (»häufig«). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 201 Kontakte und Bedrohungswahrnehmung als Determinanten der Einstellung zu Migranten sehen.13 Je stärker die Bedrohung wahrgenommen wird, desto negativer werden Ausländer eingeschätzt. Nicht alle Faktoren wirken direkt auf die Einstellung gegenüber Ausländern: In die verwendeten Strukturgleichungsmodellen können sowohl direkte als auch indirekte Effekte einbezogen werden. Aufgrund früherer Forschungsergebnisse gehen wir davon aus, dass die soziodemografischen Merkmale wie Geschlecht und Bildung nicht direkt auf die Einstellung gegen- über Ausländern wirken, sondern nur vermittelt über Autoritarismus (vgl. Schmidt & Heyder, 2000), gruppenbezogene relative Deprivation (vgl. Smith et al., 2011), Bedrohungswahrnehmung (Semyonov et al., 2006) und Kontakt (Pettigrew & Tropp, 2006). Wir gehen daneben auch von Merkmalen aus, die sowohl direkte als auch indirekte Effekte aufweisen. Es ist zu erwarten, dass Autoritarismus (vgl. Schmidt & Heyder, 2000), Soziale Dominanz (vgl. Zick et al., 2008) und gruppenbezogene relative Deprivation (vgl. die Metaanalyse von Smith et al., 2011) einerseits vermittelt über Bedrohungswahrnehmung und Kontakte, aber auch direkt auf die Einstellung zu Ausländern 13 Additiver Index der Zustimmung zu den Einzelitems auf einer Skala von 1 (»stimme überhaupt nicht zu«) bis 4 (»stimme voll und ganz zu«). Abbildung 6: Pfadmodell zur Erklärung negativer/positiver Einstellungen gegenüber Ausländern (allgemeine Einstellung gegenüber Ausländern: »Wie würden Sie allgemein Ihre Gefühle gegenüber in Deutschland lebenden Ausländern beschreiben?«, Antwortskala von 1 [»sehr negativ«] bis 5 [»sehr positiv«]); Datenbasis: GESIS-Panel Welle db (Mai/Juni 2016) 202 Peter Schmidt & Stefan Weick wirken. Weiterhin erwarten wir, dass sowohl die Bedrohungswahrnehmung als auch Kontakte verglichen mit allen anderen Einflussgrößen am stärksten auf die Einstellung zu Ausländern wirken. Die Ergebnisse für die direkten Effekte der erklärenden Variablen finden sich in Abbildung 6. Tabelle 3: Standardisierte Regressionsgewichte sozioökonomischer Merkmale Autoritarismus ß Ostdeutschland ,104*** Autoritarismus ß Realschule -,096*** Autoritarismus ß Abi, FH -,283*** Autoritarismus ß Alter ,079*** Soziale Dominanz ß Frau -,044 Soziale Dominanz ß Real -,053 Soziale Dominanz ß Abi, FH -,105*** Soziale Dominanz ß Alter ,053 Soz. Vgl. mit Deutschland ß Realschule ,000 Soz. Vgl. mit Deutschland ß Abi, FH ,199*** Soz. Vgl. mit Deutschland ß Alter ,104*** Kontakt Nachbarn positiv ß Alter -,140*** Kontakt Nachbarn positiv ß Ostdeutschland -,111*** Kontakt Nachbarn negativ ß Alter -,163*** Kontakt Arbeit positiv ß Alter -,050 Kontakt Arbeit positiv ß Ostdeutschland -,132*** Kontakt Arbeit negativ ß Alter -,126*** Allgemeine Einschätzung ß Alter ,076*** Allgemeine Einschätzung ß Ostdeutschland -,063*** Ergänzende Tabelle zum Pfadmodell (Abb. 6); Signifikanz: *** P < 0.001 Die hier berichteten Effekte sind unter Konstanthaltung aller anderen unabhängigen Variablen geschätzt und repräsentieren damit den partiellen oder isolierten Effekt jeweils einer erklärenden Variablen. Kontakte und die Wahrnehmung von Bedrohung erweisen sich als besonders bedeutungsvoll für die Bewertung ausländischer Menschen. Gehen Bürger davon aus, dass ihr Wohlstand oder ihre Freiheiten durch Ausländer bedroht sind, fällt deren Einschätzung negativ aus. Der entsprechende Koeffizient liegt bei 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 203 Kontakte und Bedrohungswahrnehmung als Determinanten der Einstellung zu Migranten -.45 – dies ist der größte einzelne Effekt. Bezüglich der Kontakte sind insgesamt vier Effekte zu berücksichtigen: Die Effekte für die Häufigkeit positiver Kontakte sind sowohl für die Nachbarschaft (.24) als auch für den Beruf (.22) bedeutsamer als negative Kontakte. Vor allem im Beruf erweisen sich negative Kontakte zwar als signifikant, aber doch deutlich kleiner als die positiven (-.09 vs. .22). Negative Kontakte in der Nachbarschaft gehen dagegen stärker mit einer negativen Bewertung von Ausländern einher (-.18). Im Wohnumfeld reagieren Bürger offensichtlich sensibel auf negative Kontakte. Insgesamt bestätigt sich die Erwartung, dass von Bedrohungswahrnehmung und Kontakten die stärksten Effekte ausgehen. Dabei zeigen sich auch indirekte Effekte von Kontakten über die Bedrohungswahrnehmung. Einer positiven oder negativen Beurteilung von Migranten liegen auch Vergleichsprozesse von sozialen Gruppen zugrunde. Ein direkter Effekt (.12) auf die Einstellung zu Ausländern lässt sich für die Wahrnehmung gruppenbezogener relativer Deprivation identifizieren. Zudem konnten indirekte Effekte über Kontakte und die Bedrohungswahrnehmung im empirischen Modell identifiziert werden. Mit steigendem Autoritarismus sinken die positiven Erfahrungen mit Ausländern in der Nachbarschaft, steigen die negativen Erfahrungen bei der Arbeit und steigt das Ausmaß der wahrgenommenen Bedrohung. Die allgemeine negative oder positive Einstellung zu Ausländern wird damit durch Autoritarismus zwar nicht wie erwartet direkt, aber nicht unerheblich indirekt über Kontakte und Bedrohungswahrnehmung beeinflusst. Für soziodemografische Merkmale können eine Reihe von signifikanten, indirekten Effekten auf die allgemeine Einschätzung von Ausländern im Pfadmodell identifiziert werden (Tab. 3). Auch unter Konstanthaltung aller anderen jeweils unabhängigen Variablen zeigt sich, dass Ostdeutsche autoritärer als Westdeutsche sind. Auffällig ist weiterhin, dass Ostdeutsche signifikant weniger positive Erfahrungen bei Kontakten in der Nachbarschaft (-.11) und am Arbeitsplatz mit Ausländern (-.13) aufweisen. Da es unwahrscheinlich ist, dass sich Ausländer in Ost- und Westdeutschland sehr unterschiedlich verhalten, könnte dies die Auswirkung von stärkeren Vorurteilen gegenüber Ausländern und stärkerem Autoritarismus im Osten sein. Schließlich zeigt sich auch bei den Ostdeutschen ein schwacher negativer, aber signifikanter Effekt auf die negative Einstellung gegenüber Ausländern. Dazu ist die soziale Dominanzorientierung bei Frauen niedriger als bei Männern, während dies beim Autoritarismus interessanterweise nicht der 204 Peter Schmidt & Stefan Weick Fall ist. Mit höherer Bildung sinkt der Autoritarismus und die soziale Dominanzorientierung ist schwächer ausgeprägt, weiterhin sinkt das Gefühl der gruppenbezogenen Deprivation.14 Auch hinsichtlich des Alters zeigen sich Unterschiede: In der Gruppe der Ältesten sind Autoritarismus und soziale Dominanzorientierung leicht erhöht, während die gruppenbezogene Deprivation etwas niedriger liegt als bei jüngeren Befragten. Ältere haben weiterhin seltener positive und auch negative Kontakte zu Ausländern, sowohl in der Nachbarschaft als auch bei der Arbeit, was sicher mit der unterschiedlichen Gelegenheitsstruktur zu tun hat. Fazit Für die deutsche Bevölkerung sind Kontakte mit Migranten in verschiedenen Lebensbereichen zur Normalität geworden, insbesondere in den alten Bundesländern. Vorbehalte gegen Zuwanderung haben seit den 1990er Jahren in West- und Ostdeutschland deutlich abgenommen. Zivilgesellschaftliche Konzepte der Einbürgerung, die das Bekenntnis zur Grundordnung und Sprachkenntnisse beinhalten, haben im Urteil der Bevölkerung gegenüber ethnischen Konzepten erheblich an Bedeutung gewonnen. Die »Flüchtlingskrise« und die ständige Präsenz der Migrationsproblematik in den Medien haben hier offensichtlich keine Trendumkehr auf der Einstellungsebene der deutschen Bevölkerung bewirkt. Kontakte mit Migranten müssen allerdings nicht immer positiv sein; vor allem Wohlstand, Freiheiten und Rechte können auch als bedroht empfunden werden. Dass dies in der Folge zu negativen Einstellungen gegenüber Migranten führt, stellt sicherlich auch eine Herausforderung bei der Bewältigung der Migration dar. 14 Aufgrund der Kodierung mit positivem Vorzeichen. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 205 Kontakte und Bedrohungswahrnehmung als Determinanten der Einstellung zu Migranten Literatur ALLBUS (2013). Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften. ZA5260, Data file Version 2.0.0, doi:10.4232/1.11639. ALLBUS (2016). Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften. Pre-Release ZA5260, Data file Version 2.0.0, doi:10.4232/1.12715. Baumann, J., Mika, T., Vogel, C. & Weick, S. (2016). Geringe Rente und hohes Altersarmutsrisiko bei Spätaussiedlern: Analysen mit Daten der Rentenversicherung und des Mikrozensus. Informationsdienst Soziale Indikatoren (ISI), 56, 1–4. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2017). 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Er arbeitete acht Jahre als Projektleiter und später als wissenschaftlicher Leiter für gesellschaftliche Dauerbeobachtung bei ZUMA (jetzt Leibniz Institut GESIS) in Mannheim und ist Professor emeritus am Institut für Politikwissenschaft und beim Zentrum für Umwelt und Entwicklung (ZEU) der Universität Gießen sowie Research Fellow am Department für Psychosomatische Medizin der Universität Mainz. Arbeitsgebiete sind Migration, Reasoned Action Approach und Werte, nationale Identität und Anwendung latenter Variablenmodelle insbesondere für komparative und international vergleichende Studien. Stefan Weick, Dr., studierte Soziologie und Psychologie an der Universität Mannheim und promovierte an der Universität Gießen. Er ist Senior Researcher am Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften (GESIS). Er hatte Lehrtätigkeiten im Fach Soziologie an den Universitäten Mannheim, Heidelberg, Gießen und Marburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Lebensqualitätsforschung, Einkommens- und Konsumungleichheit, Migration und subjektives Wohlbefinden. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 207 Wann wirken Kontakte zwischen Migranten1 und Mehrheitsgesellschaft?2 Längsschnittanalysen zu Erfahrungen mit Kontakten und zur Bewertung von Flüchtlingen und Muslimen durch die deutsche Bevölkerung3 Peter Schmidt, Stefan Weick & Daniel Gloris Die Integration von Migranten in Deutschland, aber auch in der gesamten Welt, stellt eine der zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen dar (vgl. Heath et al., 2019). Sie ist sehr stark von gesetzlichen Rahmenbedingungen4, dem gesellschaftlichen Klima (Green et al., 2018; Hadler & Flesken, 2018), aber auch von den Erfahrungen der Mehrheitsbevölkerung mit den Migranten, und umgekehrt von den Erfahrungen der Migranten mit der Mehrheitsbevölkerung geprägt (Kühnel & Leibold, 2000). Jedoch spielen auch individuelle Faktoren wie demografische Merkmale, Vorurteile, Autoritarismus und Rassismus sowie die sozialen Netzwerke der Befragten (Ganter, 2003; Pfenning, 2019) eine wichtige Rolle (Schmidt & Weick, 2017; Sola, 2018). Einen besonderen Stellenwert nehmen Kontakte zwischen Migranten und der Mehrheitsgesellschaft ein. Bereits in einer früheren Publikation wurde für den Zeitraum von 1980 bis 2016 ein starkes Ansteigen der Kontakte auf der Basis der wiederholten Querschnittsbefragungen der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) festgestellt (Schmidt & Weick, 1998; Schmidt & Weick, 2017). Die Frage der Wirkung von Kontakten auf Einstellungen und umgekehrt hat eine lange Tradition in den Sozialwissenschaften, konnte jedoch bezogen auf die Richtung der Kausalität mit Querschnittsdaten bisher nicht geklärt werden. Zudem wurde meist nach Existenz und Häu- 1 Für eine bessere Lesbarkeit verwenden wir keine geschlechtsneutrale Sprache. Die weibliche Form ist immer als inkludiert zu verstehen. 2 Dieser Beitrag erschien erstmalig 2019 in der von GESIS herausgegebenen Zeitschrift Informationsdienst Soziale Indikatoren, 61, S. 24–29. 3 Die Autoren danken Oshrat Hochman und Felix Lesske für wertvolle Hinweise. 4 Siehe Mipex-Index. Dieser Index ist ein Messinstrument um die politischen Maßnahmen zur Integration von Migranten zu bewerten und zwischen Ländern vergleichen zu können. 208 Peter Schmidt, Stefan Weick & Daniel Gloris figkeit der Kontakte gefragt, aber nicht nach positiven oder negativen Kontakterfahrungen wie in dem hier verwendeten Modul des GESIS Access Panels (Wagner et al., 2014). Die positive Wirkung von Kontakten auf Einstellungen wurde bereits von Allport (1954, S. 281) als Kontakthypothese folgendermaßen formuliert: Vorurteile (außer wenn sie tief in der Charakterstruktur verankert sind) können durch positive Kontakte zwischen Mehrheitsbevölkerung und Minderheiten (einschließlich Migranten) reduziert werden. Diese Hypothese wurde durch Metaanalysen weitgehend bestätigt (Pettigrew & Tropp, 2006). Allerdings müssen dabei weitere Merkmale der Kontakte in Betracht gezogen werden, um die Stärke bzw. die Existenz der Effekte vorherzusagen (Allport, 1954, S. 261–280). Die umgekehrt formulierte Vorurteilshypothese lautet entsprechend: Personen mit starken Vorurteilen gegenüber einer Gruppe (z.B. Migranten) neigen dazu, entsprechende Kontakte zu vermeiden (Pettigrew et al., 2011, S. 167ff.) Dies gilt nicht für extreme Ausprägungen von Vorurteilen, die unter Umständen zu aggressiven Handlungen gegenüber Minderheiten und Migranten führen können. Die negative Kontakthypothese (Barlow et al., 2013) lautet hingegen: Negative Kontakte erhöhen die Vorurteile, während die umgekehrte Kausalrichtung ebenfalls als Hypothese postuliert wird (Mallett et al., 2008; Wagner et al., 2018). Entsprechend formuliert lautet sie: Personen mit starken Vorurteilen erfahren Kontakte mit Minderheiten und Migranten als negativ bzw. neigen dazu, mehr negative Erfahrungen zu machen. Um diese Art von Hypothesen zu überprüfen und damit auch die Richtung der Kausalität, wurde das autoregressive kreuzverzögerte Panel-Modell vorgeschlagen (Granger, 1969; Little, 2013). Diese Analysestrategie wenden wir im Folgenden auf die Analyse der Beziehung zwischen deutscher Mehrheitsbevölkerung und der Gruppe der Flüchtlinge an. Als Datenbasis wird auf das GESIS-Panel, eine Mixed-Mode-Wiederholungsbefragung (Access Panel) mit einer Online- und einer schriftlichen Befragungsmethode auf Grundlage einer repräsentativen Stichprobe aus amtlichen Registern zurückgegriffen. Grundgesamtheit ist die deutschsprachige Wohnbevölkerung zwischen 18 und 70 Jahren mit permanentem Wohnsitz in Deutschland (Bosnjak et al., 2018). Stichprobenpersonen werden alle zwei Monate zur Teilnahme an Befragungen eingeladen. Für die vorliegende Untersuchung wird das Befragungsmodul »A longitudinal multilevel approach to study causes and consequences of positive and negative attitudes towards ethnic minority groups in Germany« (Wagner et al., 2014) verwendet, das 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 209 Wann wirken Kontakte zwischen Migranten und Mehrheitsgesellschaft? Einstellungen zu Migranten in der deutschen Bevölkerung zum Thema hat. Die jeweilige Stichprobe wurde in vier Unterstichproben (random groups) unterteilt, bei denen sich die Fragen hinsichtlich der untersuchten Migrantengruppe (Muslime, Ausländer, Flüchtlinge, Sinti und Roma) unterschieden. Die Befragungen zu diesem Modul fanden in vier Wellen in halbjährlichem Abstand (Frühjahr 2016, Herbst 2016, Frühjahr 2017 und Herbst 2017) statt. Die Fragen des Moduls zur allgemeinen Einstellung gegenüber verschiedenen Zuwanderergruppen werden vor dem Hintergrund positiver und negativer Kontakte deutscher Befragter mit diesen Zuwanderergruppen untersucht. Neben querschnittsbezogenen deskriptiven Analysen werden individuelle Längsschnittauswertungen über die vier relevanten Befragungswellen durchgeführt. Für die statistischen Analysen konnten insgesamt 3.341 Interviews ausgewertet werden. Für die vorliegende Untersuchung haben wir auf zwei Fragen zur Bewertung (Gesamtbewertung; Gefühle) der jeweiligen Migrantengruppe (Muslime, Ausländer, Flüchtlinge, Sinti und Roma) zurückgegriffen. Am Beispiel der random group, die nach Muslimen befragt wurde, lauteten die zwei Fragen: Wie würden Sie in Deutschland lebende Muslime insgesamt bewerten? Wie würden Sie allgemein Ihre Gefühle gegenüber in Deutschland lebenden Muslimen beschreiben? Antworten sind jeweils auf einer Skala von 1 bis 5 möglich (1 [»sehr negativ«], 2 [»negativ«], 3 [»neutral«], 4 [»eher positiv«], 5 [»sehr positiv«]). Weiterhin wurden jeweils 4 Items zur Kontakterfahrung verwendet. Die Fragen lauteten: Wie häufig haben Sie positiven oder erfreulichen Kontakt mit Muslimen in Ihrer Nachbarschaft? Wie häufig haben Sie negativen oder unerfreulichen Kontakt in Ihrer Nachbarschaft? Antworten sind jeweils auf einer Skala von 1 bis 4 möglich (1 [»nie«], 2 [»selten«], 3 [»manchmal«], 4 [»häufig«]). Die entsprechenden Fragen wurden auch zu positiven und negativen Kontakten am Arbeits- oder Ausbildungsplatz gestellt. Mehrheitlich neutrale Gesamtbewertung von Zuwanderergruppen in der deutschen Bevölkerung Wie stellt sich nun die allgemeine Bewertung von Migranten und deren Veränderung im Querschnitt dar, und wie unterscheiden sich die Bewertungen von Flüchtlingen im Vergleich zu anderen Zuwandergruppen? Dies soll zunächst deskriptiv anhand der eher summarischen Frage 210 Peter Schmidt, Stefan Weick & Daniel Gloris nach der Gesamtbewertung der jeweiligen Migrantengruppe untersucht werden. Die vier Gruppen repräsentieren unterschiedliche Merkmale: Während bei Flüchtlingen der Aspekt ihrer Bedrohung und die Situation in ihren Heimatländern in Verbindung mit einer positiven Form der Empathie assoziiert werden dürfte, ist es bei Muslimen als Gruppe eher die Bedrohung, die möglicherweise implizit assoziiert wird. Bei Ausländern sind es eher bestimmte Nationalitäten, und im Falle von Deutschland noch immer in starken Maße Türken als ethnische Kategorie, die mit dem Begriff »Ausländer« verbunden werden (Wasmer & Hochman, 2019). Sinti und Roma verkörpern hingegen eine klar abgegrenzte Kategorie: Die Kategorien sehr positiv und positiv sowie die Kategorien sehr negativ und negativ sind für diese deskriptiven Auswertungen zusammengefasst. Die Mehrheit der Befragten gibt zu allen vier Migrantengruppen im Frühjahr 2016 (T1) eine neutrale Bewertung ab (Tab. 1). 27,8 % der Befragten geben eine positive Bewertung für Flüchtlinge und 32 % zur Gruppe der Ausländer ab, während Muslime (19,7 %) und insbesondere Sinti und Roma (5,8 %) weit weniger positiv bewertet werden. Etwa eineinhalb Jahre später (T4) haben bei der wiederholten Querschnittsbetrachtung in der vierten Welle des Moduls positive Bewertungen zu Flüchtlingen (15,7 %) spürbar abgenommen, während negative Bewertungen eine Zunahme zu verzeichnen haben. Tabelle 1: Gesamtbewertung von Migrantengruppen von deutschen Erwachsenen in der wiederholten Querschnittsbetrachtung (T1/T4) Muslime/n Ausländer/n Flüchtlinge/n Sinti und Roma In % Ge sa m tb ew er tu ng T1 negativ 21,9 16,2 19,4 25,3 neutral 58,4 51,8 52,6 68,9 positiv 19,7 32 27,9 5,8 T4 negativ 27,9 13,7 27,3 28,6 neutral 55,8 61,9 56,7 62,2 positiv 16,2 24,4 15,7 9,1 Skalenwerte 1,2 (sehr/eher negativ) und 4,5 (eher/sehr positiv) zusammengefasst Datenbasis: GESIS-Panel 1/4. Modul-Welle (Frühjahr 2016/ Herbst 2017); jeweilige random group 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 211 Wann wirken Kontakte zwischen Migranten und Mehrheitsgesellschaft? Welche individuellen Veränderungen im Untersuchungszeitraum zwischen T1 und T4 können nun zunächst anhand deskriptiver Auswertungen beobachtet werden? In Tabelle 2 sind Übergänge zwischen den verschiedenen Antwortkategorien hinsichtlich der allgemeinen Bewertung der Migrantengruppen zwischen den zwei Zeitpunkten T1 und T4 dargestellt. Die Prozentangaben zeigen die Verteilung auf die Antwortkategorien in der vierten Modul-Welle von denjenigen, die in der ersten Modul-Welle eine bestimmte Antwortkategorie wählten. Stabile, d. h. diejenigen, die keine Veränderung zu verzeichnen haben, sind in der Tabelle jeweils durch die Schattierung (Diagonale) gekennzeichnet. Bei allen vier Unterstichproben zeigt sich, dass bei Befragten, die in der ersten Welle eine neutrale Bewertung abgegeben haben, eine vergleichsweise hohe Stabilität zu verzeichnen ist. Der Anteil mit neutraler Bewertung in beiden Befragungswellen liegt zwischen 71,3 % bei der Gruppe, die nach Muslimen befragt wurde und 75,3 % bei derjenigen, die sich zu Sinti und Roma äußert. Neutrale Angaben haben demnach nicht nur den größten Anteil – sie erweisen sich im Vergleich der zwei Zeitpunkte auch als eher stabil. Tabelle 2: Veränderung der Gesamtbewertung von Migrantengruppen von deutschen Erwachsenen zwischen Frühjahr 2016 und Herbst 2017 (T1 zu T4) in vierten Welle (T4) Muslime Ausländer in % in der ersten Welle (T1) negativ neutral positiv negativ neutral positiv Negativ 74,8 21,6 3,6 47,6 45,6 6,8 Neutral 18,1 71,1 10,8 10,9 73,9 48,3 Positiv 4,8 48,8 46,4 1,0 50,7 48,3 in vierten Welle (T4) Flüchtlinge Sinti und Roma in % in der ersten Welle (T1) negativ neutral positiv negativ neutral positiv Negativ 76,5 21,0 2,5 70,1 29,2 0,7 Neutral 21,1 71,4 7,5 15,3 75,3 9,4 Positiv 5,8 53,8 40,4 6,1 51,5 42,4 Skalenwerte 1,2 (sehr/eher negativ) und 4,5 (eher/sehr positiv) zusammengefasst Datenbasis: GESIS-Panel 1/4. Modul-Welle (Frühjahr 2016/ Herbst 2017; jeweilige random group 212 Peter Schmidt, Stefan Weick & Daniel Gloris Welche Übergänge zeigen sich nun bei denjenigen Befragten, die keine neutralen Bewertungen in der ersten Welle des Befragungsmoduls abgegeben haben? Auffallend ist das hohe Maß an Stabilität (74,8 %) bei Befragten, die Muslime sowie Flüchtlinge (76,5 %) in der ersten Welle des Moduls negativ bewertet haben. Ansonsten erweisen sich sowohl positive als auch negative Bewertungen der verschiedenen Migrantengruppen als nicht so stabil wie in der Gruppe der »Neutralen«5. Kontakthypothese nicht generell bestätigt Tabelle 3: Deskriptive Statistiken der Modellvariablen       Muslime Ausländer Flüchtlinge Sinti und Roma (n = 848) (n = 832) (n = 831) (n = 830) arithmetisches Mittel Item T1 pos. Kontakterf. Nachbarschaft 2,0 2,5 1,8 1,2 pos. Kontakterf. Arbeitsplatz 2,0 2,7 1,6 1,2 neg. Kontakterf. Nachbarschaft 1,5 1,7 1,5 1,3 neg. Kontakterf. Arbeitsplatz 1,5 1,7 1,3 1,2 Gefühle 3,0 3,2 3,1 2,8 Gesamtbewertung 3,0 3,2 3,2 2,9 T2 pos. Kontakterf. Nachbarschaft 2,0 2,4 1,8 1,2 pos. Kontakterf. Arbeitsplatz 2,0 2,6 1,6 1,3 neg. Kontakterf. Nachbarschaft 1,5 1,7 1,4 1,2 neg. Kontakterf. Arbeitsplatz 1,5 1,8 1,4 1,3 Gefühle 2,9 3,2 3,0 2,8 Gesamtbewertung 3,0 3,2 3,1 2,8 5 Es ist nicht auszuschließen, dass in der hohen Zahl der neutralen Antworten auch die Tendenz zu sozialer Wünschbarkeit enthalten ist. Zur Erfassung der sozialen Wünschbarkeit mit Items des European Social Surveys zur Einstellung zu Migranten siehe z. B. Creighton et al., 2018. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 213 Wann wirken Kontakte zwischen Migranten und Mehrheitsgesellschaft?       Muslime Ausländer Flüchtlinge Sinti und Roma (n = 848) (n = 832) (n = 831) (n = 830) arithmetisches Mittel T3 pos. Kontakterf. Nachbarschaft 2,1 2,5 2 1,3 pos. Kontakterf. Arbeitsplatz 2,1 2,7 1,8 1,3 neg. Kontakterf. Nachbarschaft 1,6 1,8 1,6 1,3 neg. Kontakterf. Arbeitsplatz 1,5 1,8 1,4 1,3 Gefühle 2,8 3,1 3,0 2,8 Gesamtbewertung 2,9 3,1 3,0 2,8 T4 pos. Kontakterf. Nachbarschaft 2,1 2,5 2,0 1,3 pos. Kontakterf. Arbeitsplatz 2,1 2,7 1,9 1,3 neg. Kontakterf. Nachbarschaft 1,7 1,9 1,7 1,4 neg. Kontakterf. Arbeitsplatz 1,6 1,9 1,5 1,3 Gefühle 2,9 3,1 2,9 2,8 Gesamtbewertung 2,9 3,1 3,0 2,8 Datenbasis: GESIS-Panel 1/4. Modul-Welle (Frühjahr 2016–Herbst 2017); jeweilige random group Nach einer ersten, eher groben, deskriptiven Betrachtung, die sich auf zwei Zeitpunkte beschränkt und auch auf Zusammenfassungen von Antwortkategorien eines Einzelitems zurückgreift, wird im Folgenden für die Gruppen der Flüchtlinge und Muslime die Analyseperspektive um Kontakterfahrungen und Wirkungsmechanismen unter Nutzung aller vier Modul-Wellen des GESIS-Panels erweitert. Um den Effekt von positiven Kontakterfahrungen bzw. negativen Kontakterfahrungen auf Einstellungen bei deutschen Erwachsenen in Bezug auf Flüchtlinge und Muslime und auch den umgekehrten Effekt von Einstellungen auf Kontakterfahrungen zu untersuchen, prüfen wir kreuzverzögerte Modelle (cross lagged autoregressive panel model). Hierbei wird der jeweilige Zustand der gleichen Variable zum jeweils früheren Zeitpunkt konstant gehalten, um den wirklichen kausalen Effekt einer Einflussgröße (z.B. Kontakt) auf eine andere später gemessene (z.B. Einstellung) zu überprüfen (Granger, 1969; Little, 2013). Zur Berechnung des Modells werden alle vier verfügbaren Wiederholungszeitpunkte ausgewertet und Messmodelle mit 214 Peter Schmidt, Stefan Weick & Daniel Gloris jeweils zwei Messindikatoren für positive und negative Kontakte (Nachbarschaft und Arbeitsplatz) und die Bewertung der Zuwandergruppe (Gefühle und Gesamtbewertung) genutzt (vgl. Tab.  3). Die Modellergebnisse sind grafisch dargestellt.6 Die entsprechende Abbildung in Bezug auf Flüchtlinge (Abb. 1) zeigt, dass über die vier Zeitpunkte sowohl die Kontakte als auch die Einstellungen relativ stabil sind. Dies bedeutet, dass z. B. deutsche Personen mit positiven Kontakterfahrungen auch zu den späteren Zeitpunkten positive Kontakterfahrungen aufweisen, und Personen mit wenigen positiven Kontakterfahrungen auch wenige zu den späteren Zeitpunkten haben. Die entsprechenden Koeffizienten liegen bei den positiven Kontakterfahrungen zwischen 0.78 und 0.89 und bei den negativen Kontakten zwischen 0.73 und 0.79. Bei den Einstellungen liegen sie zwischen 0.69 und 0.81. An beiden kreuzverzögerten Effekten zeigt sich, dass positive Einstellungen zum ersten Zeitpunkt, wie postuliert, unter Konstanthaltung der früheren positiven wie negativen Kontakterfahrungen, auf positive Kontakterfahrungen zum späteren Zeitpunkt wirken. Dies gilt auch für die Wirkung der Einstellung zum dritten Zeitpunkt auf die positiven Kontakterfahrungen zum vierten Zeitpunkt. Jedoch zeigt es sich nicht bei der Wirkung der Einstellungen zum zweiten Zeitpunkt auf die positiven Kontakterfahrungen zum dritten Zeitpunkt. Die klassische Kontakthypothese wird hingegen nur vom zweiten zum dritten Zeitpunkt und vom dritten zum vierten Zeitpunkt bestätigt, während dies für die Wirkung vom ersten auf den zweiten Zeitpunkt nicht zutrifft. Bei den negativen Kontakterfahrungen zeigt sich, dass die Einstellungen nur im Falle des zweiten auf den dritten Zeitpunkt die erwartete negative Richtung haben, während negative Kontakterfahrung sowohl vom zweiten Zeitpunkt auf Einstellung zum dritten, wie vom dritten Zeitpunkt auf den vierten Zeitpunkt die Einstellung negativ beeinflusst. Ein weiteres Modell (Abb. 2), welches sich auf die Gruppe der Muslime bezieht, zeigt Folgendes: Die Stabilität ist insbesondere bei den positiven und negativen Kontakterfahrungen höher als bei denjenigen, die sich auf Flüchtlinge beziehen. Dies dürfte daran liegen, dass mit Muslimen wesentlich länger Kontakterfahrungen bestehen als mit Flüchtlingen. Bei den kreuzverzögerten Effekten zeigen sich nur Effekte von Kontakterfahrungen auf Einstellungen, und das auch nur bei dem ersten auf den zweiten Zeit- 6 Allerdings sollte darauf hingewiesen werden, dass alternative Modellierungen, die in den letzten drei Jahren entwickelt wurden, evtl. zu anderen Schlussfolgerungen führen könnten (vgl. Hamaker et al., 2015). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 215 Wann wirken Kontakte zwischen Migranten und Mehrheitsgesellschaft? Abbildung 1: Kontakterfahrungen und Einstellungen zu Flüchtlingen (cross lagged autoregressive panel model) Model Fit: χ2(217) = 591,006; RMSEA: .046 [.041, .050], CFI: .954, SRMR: .066 Standardisierte Lösung, nur (marginal, in hellerem Grau) signifikante Pfade angezeigt. Zur Vereinfachung werden nur die Konstrukt-Faktoren und Strukturbeziehungen dargestellt. Datenbasis: GESIS-Panel 1/4. Modul-Welle (Frühjahr 2016–Herbst 2017); random group 3 (Flüchtlinge) Abbildung 2: Kontakterfahrungen und Einstellungen zu Muslimen (cross lagged autoregressive panel model) Model Fit: χ2(217) = 552,801; RMSEA: .042 [.038, .046], CFI: .964, SRMR: .053 Standardisierte Lösung, nur (marginal, in hellerem Grau) signifikante Pfade angezeigt. Zur Vereinfachung werden nur die Konstrukt-Faktoren und Strukturbeziehungen dargestellt. Datenbasis: GESIS-Panel 1/4. Modul-Welle (Frühjahr 2016–Herbst 2017); random group 1 (Muslime) 216 Peter Schmidt, Stefan Weick & Daniel Gloris punkt und dem dritten auf den vierten Zeitpunkt. Mit anderen Worten: Positive Kontakterfahrungen führen demnach zum späteren Zeitpunkt zu etwas positiveren Einstellungen, und negative Kontakterfahrungen führen zu einem späteren Zeitpunkt zu negativeren Einstellungen. Dies ist nach der Kontakthypothese zu erwarten (zu einer ausführlicheren Diskussion des zugrundeliegenden Mechanismus vgl. Allport, 1954; Pettigrew et al., 2011 und Pettigrew & Tropp, 2006). Im Gegensatz zu der Gruppe der Flüchtlinge zeigen sich bei Kontakterfahrungen und Einstellungen zu Muslimen über alle vier Zeitpunkte hinweg keinerlei Effekte von Einstellungen auf spätere Kontakte. Insgesamt zeigt sich, dass die Effekte nicht über alle Messzeitpunkte hinweg gleich sind und somit die in der Literatur postulierten Hypothesen nur tendenziell, aber nicht generell bestätigt werden können. Resümee Die vorliegenden Befunde zeigen, dass die Einstellungen zu Flüchtlingen, Muslimen, Ausländern und Sinti und Roma im betrachteten Zeitraum von 2016 bis 2017 negativer geworden sind. Da die als besonders zur Kenntnis genommenen Ereignisse, wie insbesondere die Kölner Silvesternacht von 2015/2016, vor der ersten Messung lagen, scheint es nicht plausibel zu sein, sie als mögliche Ursache anzusehen. Es spricht einiges dafür, dass die Veränderung des öffentlichen Meinungsklimas und der Presseberichterstattung im genannten Zeitraum eine mögliche Ursache hierfür sein könnten (vgl. dazu die Analysen anderer Daten und Länder bei Schlüter et al., 2016; Hadler & Flesken, 2018 und Green et al., 2018). Mit der vorliegenden Analyse wurden theoretische Annahmen zu Kontakterfahrungen und Einstellungen zu Flüchtlingen und Muslimen untersucht, wobei die Wirkungsrichtung einen zentralen Stellenwert einnahm. Neu für die Untersuchung dieser Fragestellung ist die Verwendung eines kreuzverzögerten Panelmodells, das auch die Überprüfung der Richtung der Kausalität in Betracht zieht. Postulierte Hypothesen können teilweise, aber nicht vollständig bestätigt werden. Die differenzierte Betrachtung der Kontakterfahrung erweist sich als substanziell: Es lassen sich ähnliche Effektstärken (mit unterschiedlichen Vorzeichen) für positive und negative Kontakte auf die Einstellung identifizieren. Für die Migrantengruppe der Flüchtlinge findet man auch Effekte in die umgekehrte Richtung, von der Einstellung 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 217 Wann wirken Kontakte zwischen Migranten und Mehrheitsgesellschaft? auf Kontakterfahrungen. In Bezug auf Flüchtlinge stellt sich die Frage, ob die enorme Medienpräsenz der Flüchtlingsproblematik im Untersuchungszeitraum nicht die Wahrnehmung der Befragten beeinflusst hat. Literatur Allport, G. W. (1954). The nature of prejudice. Cambridge: Addison-Wesley. Barlow, F.K., Hornsey, M.J., Thai, M., Sengupta, N. K. & Sibley, C. G. (2013). The Wallpaper Effect: The Contact Hypothesis Fails for Minority Group Members Who Live in Areas with a High Proportion of Majority Group Members. PLOS ONE, 8(12): e82228, 1–8. Bosnjak, M., Dannwolf, T., Enderle, T., Schaurer, I., Struminskaya, B., Tanner, A. & Weyandt, K. W. (2018). 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Biografische Notizen Peter Schmidt, Prof. Dr., studierte Soziologie, Statistik und Wisssenschaftslehre an den Universitäten Köln und Mannheim. Er arbeitete acht Jahre als Projektleiter und später als wissenschaftlicher Leiter für gesellschaftliche Dauerbeobachtung bei ZUMA (jetzt Leibniz Institut GESIS) in Mannheim und ist Professor emeritus am Institut für Politikwissenschaft und beim Zentrum für Umwelt und Entwicklung (ZEU) der Universität Gießen sowie Research Fellow am Department für Psychosomatische Medizin der Universität Mainz. Arbeitsgebiete sind Migration, Reasoned Action Approach und Werte, nationale Identität und Anwendung latenter Variablenmodelle insbesondere für komparative und international vergleichende Studien. Stefan Weick, Dr., studierte Soziologie und Psychologie an der Universität Mannheim und promovierte an der Universität Gießen. Er ist Senior Researcher am Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften (GESIS). Er hatte Lehrtätigkeiten im Fach Soziologie an den Universitäten Mannheim, Heidelberg, Gießen und Marburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Lebensqualitätsforschung, Einkommens- und Konsumungleichheit, Migration und subjektives Wohlbefinden. Daniel Gloris, M.A., ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dortmund am Institut für Philosophie und Politikwissenschaft. Er arbeitet aktuell an seiner Dissertation über politische Kohäsion und hat einen M. A. in Politikwissenschaft und einen M. A. in Philosophie von der Philipps-Universität Marburg. Seine Forschungsgebiete umfassen die Politische Theorie/Philosophie und die empirische Sozialforschung. 221 Antisemitismus in Baden-Württemberg1 Carolin-Theresa Ziemer, Oliver Decker & Elmar Brähler  Einleitung Der Anschlag auf eine Synagoge in Halle, auf offener Straße stattfindende antisemitische Hetze gegen jüdische Intellektuelle wie Alain Finkelkraut, Hakenkreuz-Schmierereien und die Schändungen jüdischer Friedhofe in Frankreich, ein Karnevalswagen im belgischen Aalst, der das Stereotyp vom raffgierigen Juden schamlos bedient (und sich über die weltweite Empörung ein Jahr später mit einer weiteren antisemitischen Spitze lustig macht) – die Liste antisemitischer Vorfälle in europäischen Staaten ist in den letzten Monaten erschreckend lang. Diese meist mit Fassungslosigkeit von Presse, Politik und Öffentlichkeit diskutierten antisemitischen Vorfälle zeichnen sich auch in einer Ende  2018 veröffentlichten Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte ab. So ergab die Befragung von 16.500 Juden und Jüdinnen aus 13 Ländern der Europäischen Union, dass Antisemitismus in den letzten fünf Jahren drastisch zugenommen hat (89 % Zustimmung) und als ein ernstzunehmendes Problem erfahren wird (85 % Zustimmung). Dabei kristallisieren sich antisemitische Diskurse, Übergriffe und Beschimpfungen vor allem im Internet (89 %), gefolgt vom öffentlichen Raum (73 %), in klassischen Medien (71 %) sowie der Politik (70 %). 28 % der befragten Juden und Jüdinnen wurden in den letzten zwölf Monaten antisemitisch beschimpft und beleidigt, insbesondere, wenn sie sich durch ihr äußeres Auftreten dem jüdischen Glauben zugehörig zeigten. Im Vergleich zu einer bereits 2013 durchgeführten vergleichbaren Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte ist die Bedro- 1 Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Leipzig-Studien zu Autoritarismus und rechtsextremen Einstellungen in Deutschland 2002–2018 im Auftrag des Staatsministeriums Baden-Württemberg. 222 Carolin-Theresa Ziemer, Oliver Decker & Elmar Brähler  hungswahrnehmung der Betroffenen über alle Skalen gestiegen (European Union Agency for Fundamental Rights, 2018). Auch in den deutschen jüdischen Gemeinden ist eine zunehmende Verunsicherung zu bemerken. So beschreibt ein 2017 im deutschen Bundestag vorgelegter Bericht des Expertenkreises Antisemitismus, dass 78 % der in Deutschland lebenden Juden und Jüdinnen angaben, Antisemitismus habe in den letzten fünf Jahren mehr oder weniger zugenommen. 70 % nennen hierbei persönliche Erfahrungen als Quelle ihrer Einschätzung (Bericht des unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus, 2011). Auch das Land Baden-Württemberg, Heimat von ca. 14.000 Juden und Jüdinnen, ist von diesen Entwicklungen betroffen. Die Bedrohung der israelitischen Gemeinde Freiburgs im Juli 2019, antisemitische Schmierereien in Denzlingen im folgenden Oktober sowie der Angriff auf einen Kippaträger in einem Freiburger Fitnessstudio im November 2019 lösten überregional Empörung aus. Der Sicherheitsbericht zur politisch motivierten Kriminalität für das Jahr 2018 verzeichnete bereits eine Zunahme antisemitischer Übergriffe um 41,3 % auf 136 angezeigte Delikte. Für das Jahr 2019 musste eine weitere Zunahme von 34 % auf 182 antisemitisch motivierte Fälle festgestellt werden. Bei dem Großteil dieser Straftaten handelt es sich um Volksverhetzungs- und Propagandadelikte wie Hakenkreuzschmierereien, jedoch wird auch das Internet als maßgebliche Artikulationsplattform benannt (Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration, Baden- Württemberg, 2019, 2020). Ebenso tragen Ereignisse wie die Schändung der Ulmer Synagoge im Jahr 2017 sowie die Auseinandersetzung über antisemitische Positionen innerhalb der baden-württembergischen AfD-Landesfraktion auch hier zu einem wachsenden Bedrohungsgefühl aufseiten der jüdischen Bevölkerung bei. Die Einschätzung des Personenpotenzials, welches nicht nur antisemitisch eingestellt, sondern auch zur Hasskriminalität bereit ist, gestaltet sich schwierig. Die Unsicherheit resultiert aus dem Umstand, dass antisemitische Ressentiments sich nur unter bestimmten Umständen in entsprechenden Taten äußern. Als gesichert kann aber gelten, dass neben der Akzeptanz des Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft auch Gruppen benannt werden können, die bereits die Schwelle zur Handlung überschritten haben – ohne dass diese bisher als rechtsextrem klassifiziert worden sind. So sei an dieser Stelle beispielhaft auf die Gruppe der sogenannten »Reichsbürger« hingewiesen, welche in Baden- Württemberg ca. 3.000 Personen umfasst. Diese »Reichsbürger« zeichnen sich in ihrer 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 223 Antisemitismus in Baden-Württemberg Ideologie durch geschichtsrevisionistische und antisemitische Verschwörungsmythen aus. Laut des 2017 dem deutschen Bundestag durch den Expertenkreis Antisemitismus vorgelegten Berichts wird Antisemitismus durch die »Reichsbürger« im Kontext von Verschwörungsmythen über die VertreterInnen der etablierten Politik instrumentalisiert. Die Artikulation des Antisemitismus hat seit Ende des Nationalsozialismus sein Spektrum erweitert und so Eingang in Diskussionen gefunden, die nicht auf den ersten Blick als antisemitisch zu enttarnen sind. Warum sich Antisemitismus nicht nur in der manifesten, sondern gerade in der Bundesrepublik auch oftmals in latenter Form äußert, bedarf einer theoretischen Einordnung. 1 Theoretische Überlegungen Im Folgenden werden Phänomenbereiche des Antisemitismus vorgestellt. Diese Auswahl ist nicht erschöpfend – sie dient vor allem dazu, deutlich auf die Notwendigkeit regionaler Analysen des Antisemitismus hinzuweisen. In einem Monitoring des Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland können zwar Aussagen über die Verbreitung und Stärke des Antisemitismus getroffen werden. In den Mittelwerten und Prozentangaben gehen aber Differenzen sowohl der Ausprägung als auch möglicher Ursachen verloren. Diese ankern trotz aller Gemeinsamkeiten gleichermaßen in einem Geschichtsmilieu, in politischen Kulturen, die sich unterschiedlich ausgeprägt haben, in unterschiedlich starken Migrationsbewegungen und ähnlichen Faktoren, die den Antisemitismus hervorbringen. Vorab gilt es, das Phänomen selbst zu bestimmen: Eine Definition des Antisemitismus muss die Wandelbarkeit dieser gruppenbezogenen Abwertung berücksichtigen. Exemplarisch kann dies mit der von Theodor W. Adorno erfolgten Beschreibung des Antisemitismus als »Gerücht über die Juden« (Adorno, 1954, S. 125) verdeutlicht werden. Juden und Jüdinnen wurden und werden als Kollektiv abgewertet, diffamiert und gebrandmarkt, gerade weil die TäterInnen oft wenig oder gar keine persönlichen Kontakte mit Juden und Jüdinnen unterhalten. So ist Antisemitismus kein bloßes Vorurteil, für dessen Bildung es überhaupt eine Erfahrung braucht, sondern ein Ressentiment, welches ohne jegliche Interaktion mit Juden und Jüdinnen entsteht und fortbesteht. Primärer Antisemitismus schreibt Juden und Jüdinnen stereotype, negative Eigenschaften zu, welche offen ar- 224 Carolin-Theresa Ziemer, Oliver Decker & Elmar Brähler  tikuliert und ausagiert werden. Der Wissenschaftler Brian Klug resümierte, Antisemitismus sei der Prozess Juden zu »Juden« zu machen (»Anti-Semitism is the process of turning jews into ›jews‹« [Klug, 2003, S. 124]). 1.1 Transgenerationalität und Gefühlserbschaft Gegenwärtiger Antisemitismus in Deutschland speist sich  – trotz und wegen aller Schlussstrichmentalität  – nicht zuletzt immer noch aus der Geschichte Nazi-Deutschlands und ihrer Folgen. Mittlerweile gibt es zahlreiche Befunde von ForscherInnen, die beschreiben, dass Antisemitismuserfahrungen, welche zur Zeit des Nationalsozialismus gemacht wurden, sowohl auf Betroffenen- als auch auf TäterInnenseite an die Folgegenerationen weitergegeben werden (Rosenthal, 1997; Bar-On, 1993, 1997; Wiseman et al., 2006; Scharf & Mayseless, 2011). Dabei findet die transgenerationale Tradierung der eigenen Gewalterfahrung an die Folgegenerationen nicht nur im bewussten Diskurs, sondern auch nicht-intendiert und unbewusst statt. Emotional schmerzhafte, schambesetzte und verdrängte Erfahrungen können sich in der Beziehung zu den eigenen Nachkommen szenisch wiederholen und finden so Eingang in die psychische Erlebniswelt der nachfolgenden Generationen. Dieser Prozess der Gefühlserbschaft wurde bereits von Freud (1913) beschrieben. So geben die älteren Generationen an die Jüngeren gerade das weiter, was sie vor diesen wie vor sich selbst am stärksten zu verbergen suchen. Befunde von Gabriele Rosenthal, die sich mit der unbewussten Tradierung traumatischer Erfahrungen aufseiten der jüdischen Opfer beschäftigte, beschreiben, dass sich insbesondere verschwiegene Erinnerungen stärker auf die Folgegenerationen auswirken als erzählte. Dabei reicht die Tradierung der Erfahrung nicht nur in die erste Nachfolgegeneration: Rosenthal stellte fest, dass die Folgen der erlebten Traumata ihrer Großeltern sogar sichtbarer in das Leben der dritten Generationen hineinragen, als sie schon im Leben der zweiten Generation präsent waren (Rosenthal, 1997). 1.2 Zwischen Erinnerung und Abwehr der Verantwortung Dieser Befund kann auch für Nachfahren der nicht-jüdischen Deutschen gelten. Obwohl zunehmender Antisemitismus in vielen europäischen 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 225 Antisemitismus in Baden-Württemberg Ländern ein eklatantes Problem darstellt und es ähnliche länderübergreifende Artikulationsformen dessen zu beobachten gibt, ist die Bedeutung des Antisemitismus in Deutschland eine besondere. Die industrielle Vernichtung von über sechs Millionen Juden und Jüdinnen durch Deutsche oder in ihrem Namen ist in der deutschen Geschichte tief verankert und wirkt sich auch über 70 Jahre später noch auf das Selbstverständnis und das politische Handeln der Bundesrepublik aus. Das kann nicht verwundern, stehen doch 70 Jahre gerade einmal für die Lebenszeit von drei bis vier Generationen, sodass die Folgen des Vernichtungskriegs bis in die Gegenwart hineinragen. Wir wissen aus verschiedenen Forschungskontexten, dass die eigene Geschichte und ihre Deutung relevante psychische Funktionen erfüllen: Narrative über die nationale Historie dienen der Konstruktion einer nationalen Identität, der eigenen Handlungsfähigkeit sowie der Beziehungen zu anderen nationalen, ethischen oder religiösen Gruppen (Heinrich, 2008; Liu & Hilton, 2005). So ist die Deutung der Geschichte ein wichtiges Instrument für die Legitimation und Durchsetzung gegenwärtiger Interessen. Die Rekonstruktion der Geschichte und Bewertung von historischen Ereignissen ist immer ein Element politischer Auseinandersetzungen. Nach der jahrzehntelangen Tabuisierung der Verbrechen, die während des Nationalsozialismus begangen wurden (Mitscherlich & Mitscherlich, 1967), begann erst Ende der 1960er Jahre allmählich eine Aufarbeitung und eine damit einhergehende Auseinandersetzung mit deutscher Schuld und Verantwortung. Von einer in die Breite der Bevölkerung auch nachvollzogenen Beschäftigung mit den Verbrechen Nazi-Deutschlands kann in Westdeutschland erst zum Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre gesprochen werden. Als markantes Ereignis, welches diese Intensivierung in der Auseinandersetzung kennzeichnet, kann die Ausstrahlung der Serie Holocaust  – Die Geschichte der Familie Weiss im Westdeutschland des Jahres 1978 gelten. Jedoch blieben parallel auch jene Kräfte in der Öffentlichkeit präsent, die seit Beginn der Bundesrepublik einen »Schlussstrich« forderten. Die Intensivierung der Erinnerungskultur in Deutschland hatte eine Intensivierung ihrer Abwehr zur Folge. Exemplarisch sei hier die Rede von Martin Walser 1998 in der Paulskirche genannt, damals einer der bedeutendsten Intellektuellen Deutschlands. Er bezeichnete Auschwitz als eine Moralkeule und das damals noch Planung befindliche Holocaust- Mahnmal als »fußballfeldgroßen Albtraum« und »Monumentalisierung unserer Schande« (Hindemith, 2018). In diesen und anderen öffentlichen Wortmeldungen erfuhren Elemente des Antisemitismus eine Rehabili- 226 Carolin-Theresa Ziemer, Oliver Decker & Elmar Brähler  tierung im öffentlichen Diskurs (Grünberg, 2002), wenn sich auch – wie schon seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer wieder – neue Ausdrucksformen des antisemitischen Ressentiments fanden. 1.3 Sekundärer Antisemitismus Was in der politischen Arena deutlich zutage tritt  – die Wandelbarkeit der Ausdrucksformen des Antisemitismus  – wurde bereits zu Beginn der 1960er Jahre von Schönbach und Adorno beschrieben. Nachdem es wenige Jahre nach Ende des nationalsozialistischen Systems wieder zu antisemitischen Ausschreitungen in der Bundesrepublik kam, bezeichnete Schönbach dies als »sekundären Antisemitismus« (Schönbach, 1961), ein psychisches Phänomen der Erinnerungs- und Schuldabwehr der Folgegenerationen in Bezug auf die Verbrechen, begangen durch ihre Eltern. Um ein positives Idealbild der Eltern aufrechterhalten zu können, findet eine Projektion von deren Schuldhaftigkeit auf die eigentliche Opfergruppe statt – auf die Juden und Jüdinnen. Dies geschieht z. B. in Form des Unterstellens jüdischer Mitschuld und Kollaboration am Holocaust, dem Vorwurf der Instrumentalisierung des Holocausts durch die Opfer oder durch die Relativierung deutscher Verbrechen bei gleichzeitiger Betonung der eigenen Verluste durch Bombardierung und Vertreibung (Adorno, 1964). So erfährt das klassische antisemitische Ressentiment in seiner sekundären Form eine Motiverweiterung durch die Schuldabwehr in den Familien der TäterInnen und MitläuferInnen (im Überblick vgl. Moré, 2013). 1.4 Antisemitismus in der Umwegkommunikation Die Artikulation des Antisemitismus erlebt seit Ende des Nationalsozialismus einen historischen Wandel: Spätestens seit den 1980er Jahren unterliegt der primäre Antisemitismus meist einem Tabu. Das antisemitische Ressentiment wird in einer Kommunikationslatenz (Bergmann  & Erb, 1986) gehalten und nicht offen geäußert. Dadurch entsteht das paradoxe Phänomen, dass manchmal selbst jene Menschen, die antisemitische Ressentiments hegen, Juden und Jüdinnen bedrängen oder Straftaten gegen jene begehen, die sich selbst oft nicht als AntisemitInnen bezeichnen würden. Der österreichische Sozialwissenschaftler Bernd Marin beschrieb 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 227 Antisemitismus in Baden-Württemberg dieses Phänomen als »Antisemitismus ohne Antisemiten« (Marin, 1979, S. 546). Diese Kommunikationslatenz führt zur Umwegkommunikation des Antisemitismus und verbindet sich mit anderen Diskursen wie der Kritik am israelischen Staat oder am kapitalistischen Wirtschaftssystem. Das Motiv des Antisemitismus bleibt bestehen; jedoch wird das Objekt, auf welchen er sich bezieht, anders benannt. So werden aus »raffgierigen Juden« das »Ostküstenkapital«, die »Wall Street« oder schlicht »US- Amerikaner«. So ist auch die Verschwörungsmentalität ein wichtiges Element des Antisemitismus (Imhof & Decker, 2013). Verschwörungsmythen dienen bereits seit Jahrhunderten als Legitimationsquelle für die Benachteiligung und Verfolgung bis hin zu Pogromen gegenüber Juden und Jüdinnen, und haben auch heute in der modernen Gesellschaft nicht an Wirkmächtigkeit eingebüßt. Sie kennzeichnet die Annahme, dass es im Hintergrund mächtige AkteurInnen gibt, die die »Strippen ziehen« und das Weltgeschehen – vor der Mehrheit unsichtbar  – maßgeblich beeinflussen. Die Juden und Jüdinnen standen und stehen noch heute aus Sicht vieler für eine ungeheuer machtvolle, internationale Verschwörung (Postone, 1982, S. 244). 1.5 Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft In der Einwanderungsgesellschaft sieht sich die Forschung zusätzlich mit zwei neuen Herausforderungen konfrontiert: Zum einen wird diskutiert, ob sich dem Antisemitismus durch die Migration eine weitere Möglichkeit der larvierten Kommunikation des Ressentiments bietet, also dass sich die Aggression statt auf Jüdinnen und Juden auf andere Menschen richten kann, die als Angehörige einer als »fremd«, »bedrohlich« oder »rückständig« abgewerteten Religion bezeichnet werden (Botsch et al., 2012; Pfahl-Traughber, 2012). Zum anderen sieht sich Deutschland als Einwanderungsgesellschaft mit einem Antisemitismus auch unter MigrantInnen konfrontiert. Die Datenlage zur Verbreitung von Antisemitismus unter MigrantInnen ist unsicher, genauso wie die Interaktionen mit dem Ressentiment, welches in der Bundesrepublik anzutreffen ist. In der Vergangenheit zeigte sich, dass MigrantInnen eine höhere Bereitschaft zeigen, primärem Antisemitismus zuzustimmen im Vergleich zu Deutschen ohne Migrationsgeschichte, die wiederum vor allem die Umwegkommunikation nutzen (Decker et al., 2012). Allerdings liegen aufgrund der hohen Hürde 228 Carolin-Theresa Ziemer, Oliver Decker & Elmar Brähler  der deutschen Sprachkenntnis als Voraussetzung für die Teilnahme an repräsentativen Erhebungen bisher keine verlässlichen Zahlen für MigrantInnen oder sozialräumliche Wechselwirkungen mit primärem Antisemitismus vor. 1.6 Verordneter Antifaschismus und antisemitische Kontinuitäten Während zu Beginn der Leipzig-Studien im Jahr  2002 der Antisemitismus noch deutlich stärker und häufiger in Westdeutschland anzutreffen war, kam es im Verlauf zu einer deutlichen Verschiebung. In den Jahren 2008 bis 2012 drehte sich das Verhältnis um, und auch heute ist im Osten der Antisemitismus, wenn auch geringfügig, aber doch häufiger anzutreffen. Auch an dieser Stelle wird deutlich, wie wichtig regionale, durch politische Kulturen und durch aktuelle Ereignisse bestimmte Ereignisse zur Erklärung des Antisemitismus sind. Während in der ehemaligen BRD eine institutionelle Entnazifizierung durch die Besatzungsmächte und – wenn auch sehr spät – ab Ende der 1960er Jahre auch innerhalb der Bevölkerung die allmähliche Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld und Mitverantwortung an den Verbrechen des Nationalsozialismus begann, haben solche Prozesse in der DDR nicht stattgefunden. Der Umgang mit der Geschichte Nazi-Deutschlands und deren Folgen ermöglichte eine massive Verleugnung des Massenmordes an den europäischen Jüdinnen und Juden. Die Shoa stellte im Verständnis der DDR-Führung nur einen kleinen Teil der Verbrechen der NationalsozialistInnen dar; zudem wurde die politische Verfolgung von KommunistInnen bevorzugt thematisiert. Auf der einen Seite gehörte zwar ein verordneter Antifaschismus zum elementaren Selbstverständnis des neuen Staates, welcher einen radikalen Umbruch zum Bisherigen darzustellen versuchte. Auf der anderen Seite wurde jegliche inhaltliche Auseinandersetzung um Schuld, Mitverantwortung und Wiedergutmachung von Anbeginn verweigert. Spätestens seit der Staatsgründung der DDR 1949 wurden antisemitische Vorfälle von der SED verschwiegen. Das Problem des nach wie vor bestehenden Antisemitismus trat hinter den antifaschistischen Konsens zurück, der selbst diejenigen einschloss, die bis 1945 TäterInnen oder MitläuferInnen des NS-Regimes waren. Da man mit der Enteignung von »Kapitalisten« jegliche Ursachen von Faschismus und Antisemitismus »mit der Wurzel« beseitigen wollte, wurden 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 229 Antisemitismus in Baden-Württemberg zudem in einer mindestens von antisemitischen Motiven mitgetragenen Begründung jegliche Wiedergutmachungsansprüche von Juden und Jüdinnen, jüdischen Organisationen und dem Staat Israel als unbegründet abgelehnt (Haury, 2002). Nachdem die Ostblockstaaten bis 1948 Israel unterstützten, kristallisierte sich ab 1949 im Zuge dessen zunehmender Westorientierung in der Logik der Blockkonfrontation des Kalten Krieges auch in der Politik der DDR eine Israelfeindschaft deutlich heraus. Politische Säuberungen mit dem Ziel der Abwendung einer »zionistischen Gefahr« fanden, neben Schauprozessen in der Tschechoslowakei und Russland gegen jüdische PolitikerInnen und andere einflussreiche Personen, zu Beginn der 1950er Jahre auch in den Stadt- und Bezirksverwaltungen der DDR statt. Ein prominentes Bespiel ist die Verurteilung des ZK-Mitglieds Paul Merkers aufgrund seines Einsatzes für die finanzielle Entschädigung während der NS-Zeit enteigneter Juden und Jüdinnen (Klatt, 2015). Die letzte, erstmals frei gewählte Volkskammer der DDR verfasste 1990 schlussendlich eine Erklärung, in der sie sich für die betriebene israelfeindliche Politik und die Vertuschung der Verfolgung jüdischer Menschen während der DDR-Zeit entschuldigte und eine Mitverantwortung gegenüber den Verbrechen der NationalsozialistInnen bekannte. Der in der DDR vermittelte (Nicht-)Umgang mit der nationalsozialistischen Geschichte, insbesondere mit dem Holocaust, hat jedoch bis heute Auswirkungen auf die Kommunikationsweise von antisemitischen Ressentiments in Ostdeutschland. 2 Konsequenzen und Fragestellung 2.1 Antisemitismus in Baden-Württemberg – Langzeitverlauf und Vergleich mit ausgewählten Bundesländern Die bisher vorgestellten theoretischen Bezugspunkte und empirischen Befunde sollten die Vielgestaltigkeit des Antisemitismus illustrieren, um die Notwendigkeit für differenzierte, sozialräumlich und regional unterteilte Analysen zu verdeutlichen. Die genannten Elemente des Antisemitismus stellen eine Auswahl dar, und bereits diese sind hinsichtlich ihrer Wirkung in den Bundesländern Deutschlands unterschiedlich stark ausgeprägt. In Zusammenfassung der Forschungsergebnisse kann die Wirkung des »Geschichtsmilieus« festgestellt werden (Habermas, 1987, S. 140). Zum 230 Carolin-Theresa Ziemer, Oliver Decker & Elmar Brähler  Verständnis der Entstehung von Antisemitismus, seiner Veränderungen im Zeitverlauf und des Umschlagens von Einstellung zu Handlung muss regionalen und sozialräumlichen Faktoren besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Dem Wissen um die Bedeutung dieser sozialräumlichen und regionalen Unterschiede stehen kaum Erträge aus der Forschung gegenüber. Faktisch nicht vorhanden sind empirische Untersuchungen im Langzeitverlauf, mit denen es gelingt, die Einflussfaktoren und regional spezifischen Interaktionseffekte abzubilden. Das gilt sowohl für den Einfluss des Geschichtsmilieus auf aktuelle Konjunkturen des Antisemitismus, wie auch für die besondere Dynamik des Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft. In der vorliegenden Untersuchung kann dieses Desiderat nicht geliefert werden. Aber es soll der Versuch unternommen werden, auf Grundlage der Leipzig-Studien, einer Langzeituntersuchung zur autoritären und rechtsextremen Einstellung in Deutschland, die Verbreitung des Antisemitismus im Langzeitverlauf mit den regionalen Unterschieden abzubilden. 3 Methode Die Leipzig-Studien (ehemals: Leipziger »Mitte«-Studien) werden seit 2002 im zweijährigen Zyklus durch ein ForscherInnenteam um Elmar Brähler und Oliver Decker an der Universität Leipzig durchgeführt. Ziel ist die Erfassung rechtsextremer Einstellungen, zu deren Kernelementen Antisemitismus gehört. Es handelt sich um repräsentative Erhebungen im gesamten Bundesgebiet mit Stichprobengrößen zwischen 2.500 und 5.000 Personen, welche durch eine geschichtete Zufallsstichprobe ausgewählt werden. In Tabelle 1 sind die Fallzahlen für das Land Baden-Württemberg von 2002 bis 2018 dargestellt. Die Datengewinnung erfolgt durch das Meinungsforschungsinstitut USUMA. Nach der Erfassung soziodemografischer Daten der ausgewählten Zielpersonen erfolgt die Aushändigung des Fragebogens mit der Bitte um Rücksendung. Dieses Verfahren reduziert die Verzerrung der Antworten durch soziale Erwünschtheit und stellt so einen großen Vorteil gegenüber klassischen Telefonbefragungen dar. Das Verfahren ist in formaler und inhaltlicher Sicht seit 2002 unverändert. Dies erlaubt einen längsschnittlichen Vergleich der gewonnenen Ergebnisse und somit ein präzises Monitoring antisemitischer Einstellungen in Deutschland über bald zwei Jahrzehnte. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 231 Antisemitismus in Baden-Württemberg Tabelle 1: Stichprobengröße Baden-Württemberg je Erhebungszeitpunkt Jahr 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 N 135 295 566 280 294 265 286 265 279 Anteil an Gesamtstichprobe (in %) 6,6 11,9 11,6 12,2 12,2 11,2 11,7 10,9 11,6 Antisemitismus wird als Kerndimension rechtsextremer Einstellungen seit 2002 mithilfe verschiedener Fragebögen erfasst. Hierzu zählt der primäre Antisemitismus durch drei Items, welche in jedem Erfassungszeitraum erhoben wurden. Zudem wurden in den Jahren 2012 und 2018 die antisemitischen Ressentiments in Deutschland auch in der Umwegkommunikation und im sekundären Antisemitismus erfasst. Aufgrund der hohen Korrelation von antisemitischen und verschwörungstheoretischen Einstellungen fand in den Jahren 2012, 2016 und 2018 ebenso die Erhebung der Verschwörungsmentalität durch drei Items statt (Decker et al., 2018). Tabelle 2: Alle Items der Skalen Primärer Antisemitismus, sekundärer Antisemitismus, Umwegkommunikation und Verschwörungsmentalität sowie deren Einsatzzeiträume Aussage bereits eingesetzt primärer Antisemitismus 1 »Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß.« von 2002 bis 2018 2 »Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen.« von 2002 bis 2018 3 »Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns.« von 2002 bis 2018 Umwegkommunikation 4 »Ich kann es gut verstehen, dass manchen Leuten Juden unangenehm sind.« 1999, 2002, 2003, 2018 5 »Durch die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer.« 2012, 2018 sekundärer Antisemitismus 6 »Es macht mich wütend, dass die Vertreibung der Deutschen und die Bombardierung deutscher Städte immer als kleinere Verbrechen angesehen werden.« 2012, 2018 7 »Reparationsforderungen an Deutschland nutzen oft gar nicht den Opfern, sondern einer Holocaust-Industrie von findigen Anwälten.« 2012, 2018 232 Carolin-Theresa Ziemer, Oliver Decker & Elmar Brähler  Aussage bereits eingesetzt 8 »Wir sollten uns lieber gegenwärtigen Problemen widmen als Ereignissen, die mehr als 70 Jahre vergangen sind.« 2012, 2018 Verschwörungsmentalität 9 »Die meisten Menschen erkennen nicht, in welchem Ausmaß unser Leben durch Verschwörungen bestimmt wird, die im Geheimen ausgeheckt werden.« 2012, 2016, 2018 10 »Es gibt geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben.« 2012, 2016, 2018 11 »Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte.« 2012, 2016, 2018 Die Befragten wurden gebeten, diese Aussagen auf einer fünfstufigen Skala von »lehne völlig ab« bis »stimme voll und ganz zu« zu bewerten. Dabei wurden die Antwortmöglichkeiten »lehne völlig ab« (1) und »lehne überwiegend ab« (2) als Ablehnung; die Antwortmöglichkeiten »stimme überwiegend zu« (4) und »stimme voll und ganz zu« (5) als manifeste Zustimmung zu den antisemitischen Aussagen gewertet. Die Auswahl der Antwortmöglichkeit »teils, teils« (3) wird als latente Zustimmung gewertet. Hiermit bekennt die befragte Person bereits eine gewisse Nähe zum Inhalt der jeweiligen Aussage, kann die unterschwellige Zustimmung jedoch an die soziale Norm anpassen, indem er oder sie sich nicht eindeutig festlegt (siehe Tab. 3). Tabelle 3: Antwortkategorie, Skalenwert und inhaltliche Zuordnung Antwortkategorie lehne völlig ab lehne überwiegend ab stimme teils zu, teils nicht zu stimme überwiegend zu stimme voll und ganz zu Skalenwert 1 2 3 4 5 Inhaltliche Zuordnung Ablehnung latente Zustimmung manifeste Zustimmung Für den folgenden Ergebnisbericht wurde das Antwortverhalten zu den antisemitischen Aussagen zusammengefasst. Wurde über alle drei Aussagen hinweg durchschnittlich »teils zugestimmt, teils nicht zugestimmt« (≥ 9 und < 12), sprechen wir von einem »latenten antisemitischen Ressentiment«, wurde über alle drei Aussagen hinweg durchschnittlich zugestimmt (≥ 12) bezeichnen wir dies als »manifesten Antisemitismus«. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 233 Antisemitismus in Baden-Württemberg 4 Ergebnisse 4.1 Gesamtdeutsche Betrachtung Seit Beginn der Erhebungen ist für die Ausprägung manifester antisemitischer Einstellungen im gesamten Bundesgebiet, sowie auch jeweils in den alten und neuen Bundesländern, insgesamt ein Rückgang zu verzeichnen. Waren in den alten Bundesländern 2002 noch 13,8 % manifest antisemitisch eingestellt, stimmen 2018 nur noch 4,2 % denselben Aussagen manifest zu. Dabei erfolgt die Abnahme antisemitischer Einstellung nicht kontinuierlich, sondern ist durch Schwankungen gekennzeichnet. Abbildung 2 stellt den Vergleich in der manifesten Antisemitismuszustimmung zwischen den geografisch nördlichen (Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg, Bremen), mittleren (Hessen, Rheinland-Pfalz) und südlichen (Baden-Württemberg, Bayern) der alten Bundesländer dar. Hier fallen die hohen Zustimmungswerte der südlichen Bundesländer Baden- Württemberg und Bayern besonders auf. So waren im Jahr 2002 20,2 % der Befragten, also jede fünfte Person, manifest primär antisemitisch eingestellt. Nachdem im Jahr 2008 ein kurzfristiger Anstieg zu verzeichnen war, können wir ebenso hier einen kontinuierlichen Rückgang in den Zustimmungswerten beobachten. Jedoch ist im Vergleich der Jahre 2016 und 2018 ein Anstieg der antisemitischen Einstellungen von 2,6 auf 5 % zu beobachten. Abbildung 1: Manifester Antisemitismus im gesamten Bundesgebiet von 2002 bis 2018 (in %) 234 Carolin-Theresa Ziemer, Oliver Decker & Elmar Brähler  Um einen besseren Eindruck von heterogenen Verläufen und den regionalen Spezifika der einzelnen Bundesländer zu erlangen, ist in Abbildung 3 das Ausmaß antisemitischer Einstellungen in den stichprobenstärksten Bundesländern neben Baden-Württemberg dargestellt. Abbildung 3: Manifester Antisemitismus in den stichprobenstärksten Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen Abbildung 2: Manifester Antisemitismus in Westdeutschland. Vergleich Norden, Mitte, Süden von 2002 bis 2018 (in %) 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 235 Antisemitismus in Baden-Württemberg 4.2 Antisemitismus in Baden-Württemberg Obwohl wir einen generellen Rückgang auf der Ebene der manifesten Einstellung verzeichnen können, schwankt diese jedoch jahresspezifisch stark (Abb.  4). War zunächst ein Rückgang des manifesten Antisemitismus auf 9,3 % im Jahr  2004 zu beobachten, so wurde nachfolgend ein starker Anstieg im Jahr 2008 auf 19,5 % festgestellt. Diese jahresspezifischen Schwankungen lassen sich auch in der latenten Zustimmung zu antisemitischen Aussagen abbilden. So antwortete im Jahr 2002 über ein Drittel aller Befragten in Baden-Württemberg auf antisemitische Aussagen wie »Juden arbeiten mehr als Andere mit üblen Tricks« mit »stimme teils zu, teils nicht zu«. Nachdem die latente Zustimmung zu primär antisemitischen Aussagen im Jahr 2006 rückläufig war, ist auch hier ein starker Anstieg im Jahr 2008 auf 27,8 % zu verzeichnen. Gründe für solche jahresspezifischen Schwankungen werden im Diskussionsteil erörtert. Obwohl wir auch auf der latenten Ebene insgesamt einen Rückgang der antisemitisch Eingestellten beobachten können, stimmt im Durchschnitt fast jeder bzw. jede Vierte antisemitischen Aussagen latent zu (langjähriges Mittel 23,3 %). Abbildung 4: Manifester und latenter Antisemitismus in Baden-Württemberg von 2002 bis 2018 (in %) 236 Carolin-Theresa Ziemer, Oliver Decker & Elmar Brähler  Für die vorliegende Untersuchung wurde ein langjähriger Mittelwert für Baden-Württemberg gebildet. Hierfür wurden die neun Stichproben von 2002 bis 2018 zusammengeführt. Die damit erreichte Fallzahl von N = 2.665 erlaubt es, bezogen auf diesen langjährigen Mittelwert, auch Aussagen über den Antisemitismus bei bestimmten Bevölkerungsgruppen zu treffen. In Tabelle 4 werden die Zustimmungswerte zu primär antisemitischen Aussagen über den gesamten Erhebungszeitraum kumuliert dargestellt. Dabei stimmt mehr als jede dritte Person der Aussage »Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß« entweder teilweise, überwiegend oder vollständig zu. Die Zustimmung zu den anderen primären Antisemitismusitems ist ähnlich hoch ausgeprägt. Tabelle 4: Prozentuale Zustimmung zu einzelnen Items des primären Antisemitismus in Baden-Württemberg 2002–2018 kumuliert (N = 2.665) Antisemitismus (in %) latent manifest »Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß.« 19,3 21,7 »Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen.« 20,9 18,1 »Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns.« 21,0 14,8 Tabelle 5 stellt die kumulierten Prozentwerte manifester und latenter AntisemitInnen aufgeschlüsselt nach Geburtskohorten dar. Es ist festzustellen, dass die Zustimmung zu antisemitischen Einstellungen mit steigendem Geburtenjahrgang abnehmen. So ist über ein Drittel der Personen, welche vor Ende des Nationalsozialismus geboren wurden, manifest oder latent antisemitisch eingestellt, wohingegen zwei Generationen später (ab 1991 Geborene) nur noch etwa jeder bzw. jede Sechste manifeste oder latente antisemitische Einstellungen teilt. Signifikante Unterschiede lassen sich auch auf der Ebene des Wohnortes feststellen: Sind innerhalb der Stadtbevölkerung 8,1 % manifest antisemitisch eingestellt, findet sich bei Personen, welche auf dem Land leben, eine doppelt so hohe Anzahl manifest antisemitisch Eingestellter. Wie bereits in vielen Studien dargestellt, nimmt der Faktor Bildung einen großen Einfluss auf die Ausprägung antisemitischer Einstellungen. Wie in Tabelle 6 zu erkennen ist, nehmen sowohl latente als auch manifeste 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 237 Antisemitismus in Baden-Württemberg antisemitische Einstellungen mit zunehmendem Bildungsabschluss insgesamt ab, wobei diese Abnahme scheinbar nicht zwingend linear mit steigender Bildung einhergeht. Hier wären größere Stichproben wünschenswert, um dieses Phänomen genauer beleuchten zu können. Auch die Betrachtung der Konfessionszugehörigkeit gibt Aufschlüsse über die Charakteristik von antisemitisch eingestellten Personen in Baden-Württemberg: Ist die latente Zustimmung zu antisemitischen Aussagen bei ProtestantInnen relativ betrachtet höher, so ist eine größere manifeste Zustimmung bei KatholikInnen zu beobachten. Bei Personen hingegen, die sich keiner Konfession zugehörig fühlen, sind die Werte auf latenter Ebene niedriger im Vergleich zu religiösen Gruppen. Aufgrund der geringen Anzahl von MuslimInnen in unserer Stichprobe (N = 17) können wir keine Aussage über manifeste und latente antisemitische Einstellungen bei dieser Konfessionsgruppe treffen. Auffällig scheinen zudem die hohen Latenzwerte von Personen, welche sich einer anderen, nicht weiter spezifizierten Konfession zugehörig fühlen. Während diese einen ähnlich hohen manifesten Zustimmungswert wie die Gruppe der KatholikInnen erzielen, stimmt beinahe jede dritte Person antisemitischen Aussagen latent zu. Eine weitere Differenzierung dieser Gruppierung ist in folgenden Untersuchungen wünschenswert. Aussagen, welche auf die Erfassung des primären Antisemitismus abzielen, erhalten seltener offene Zustimmung als solche Items, bei denen der Antisemitismus in der Umwegkommunikation geäußert werden kann. Mehr als jede zweite Person stimmt antisemitischen, in der Umwegkommunikation gehaltenen Aussagen manifest oder latent zu. Besonders markant erscheint hier das Item, welches den Wunsch nach einem »Schlussstrich« über die eigene nationale, schuldhafte Geschichte ausdrückt. So lehnt nur jeder Fünfte die Aussage »Wir sollten uns lieber gegenwärtigen Problemen widmen als Ereignissen, die mehr als 70 Jahre vergangen sind« klar ab. Tabelle 5: Kumulierte Prozentwerte des manifesten und latenten Antisemitismus in Baden-Württemberg nach Geburtskohorten (N = 2.619) Geburtskohorten Antisemitismus (in %) latent manifest bis 1945 geboren 26,3 13,4 1946–1960 24,7 8,6 1961–1975 20,9 9,0 1976–1990 23,3 6,9 ab 1991 geboren 13,6 2,4 Pearsons Chi-Quadrat p < .01 238 Carolin-Theresa Ziemer, Oliver Decker & Elmar Brähler  Tabelle 6: Kumulierte Prozentwerte des manifesten und latenten Antisemitismus in Baden-Württemberg nach Stadt-/Landzugehörigkeit, Bildungsabschluss, Konfessionszugehörigkeit Antisemitismus (in %) latent manifest Stadt vs. Land N = 2.619 Stadtbevölkerung 23,3 8,1 Landbevölkerung 22,7 15,9 Bildungsabschluss N = 2.490 Hauptschule/Volksschule 28,5 11,7 Realschule 22,8 8,6 Fachschulabschluss* 24,6 1,5 Abitur 13,2 7,9 Hochschulabschluss 12,4 5,6 Konfessionszugehörigkeit** N = 2.583 evangelisch 24,0 7,3 katholisch 22,5 11,6 andere Konfession (nicht muslimisch) 31,9 11,0 keine 18,7 8,1 Pearsons Chi-Quadrat p < .01 * ohne Anerkennung ** Muslime erfasst, jedoch nicht repräsentativ in Stichprobe vertreten Tabelle 7: Antisemitismus in der Umwegkommunikation in Baden-Württemberg 2018 (in %), einzelne Items (N = 279) Antisemitismus (in %) latent manifest »Ich kann es gut verstehen, dass manchen Leuten Juden unangenehm sind.« 24,8 12,9 »Durch die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer.« 30,6 15,1 »Es macht mich wütend, dass die Vertreibung der Deutschen und die Bombardierung deutscher Städte immer als kleinere Verbrechen angesehen werden.« 28,1 29,1 »Reparationsforderungen an Deutschland nutzen oft gar nicht den Opfern, sondern einer Holocaust-Industrie von findigen Anwälten.« 34,2 30,6 »Wir sollten uns lieber gegenwärtigen Problemen widmen als Ereignissen, die mehr als 70 Jahre vergangen sind.« 24,0 54,9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 239 Antisemitismus in Baden-Württemberg Die Erfassung der Verschwörungsmentalität erfolgte mit einer siebenstufigen Skalierung. Hierbei wird dem Wert 4 eine latente Verschwörungsmentalität, den Werten 5 bis 7 eine manifeste Verschwörungsmentalität zugeordnet. Die Ausprägung der Verschwörungsmentalität in Baden- Württemberg für das Jahr 2018 ist in Tabelle 8 dargestellt. Tabelle 8: Verschwörungsmentalität in Baden-Württemberg 2018 (in &), einzelne Items (N = 279) Verschwörungsmentalität (in %) latent manifest »Die meisten Menschen erkennen nicht, in welchem Ausmaß unser Leben durch Verschwörungen bestimmt wird, die im Geheimen ausgeheckt werden.« 19,3 21,7 »Es gibt geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben.« 20,9 18,1 »Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte.« 21,0 14,8 5 Diskussion 5.1 Abnehmende Einstellungen – zunehmende Hasskriminalität. Widersprüchliche Ergebnisse zum Antisemitismus? Erkenntnisse über das Ausmaß von Antisemitismus lassen sich maßgeblich durch drei Quellen gewinnen: durch Einstellungsforschung, Statistiken über antisemitische Vorfälle und Straftaten sowie durch Berichte von Betroffenen (Whine, 2017). Somit stellt die Einstellungsforschung einen wichtigen Baustein in der Erkennung und Bekämpfung des sich ständig verändernden Gesichts des Antisemitismus dar. Wenn wir die verschiedenen Forschungszweige jedoch miteinander vergleichen, müssen wir feststellen, dass sich viele Ergebnisse nicht decken. Finden wir aufseiten der Einstellungsforschung einen deutlichen Rückgang antisemitischer Ressentiments über die letzten zwei Jahrzehnte, steigen die Zahlen antisemitisch motivierter Vorfälle und Straftaten sowohl in den Kriminalstatistiken als auch in der Wahrnehmung Betroffener stark an. Einen Erklärungsansatz für diesen Widerspruch bietet eine genauere Betrachtung der politischen 240 Carolin-Theresa Ziemer, Oliver Decker & Elmar Brähler  Milieus in Deutschland. Sind die demokratischen Milieus in den letzten Jahren zwar auf der einen Seite gewachsen, muss jedoch auch festgestellt werden, dass sich antidemokratische Milieus noch einmal weiter vom demokratischen Konsens und rechtstaatlichen Prinzipien der Bundesrepublik entfernt haben. Das politische System wird von jenen als illegitim erlebt und Gewaltanwendungen als gerechtfertigtes politisches Mittel betrachtet (Decker et al., 2016). Es ist davon auszugehen, dass Gewalt gegenüber Juden und Jüdinnen insbesondere von dieser Gruppierung ausgeht. Leider sind wir mit unseren bisherigen Stichprobengrößen nicht in der Lage, diese radikalisierten Milieus zu betrachten. Jedoch konnte durch unsere Ergebnisse auch dargestellt werden, dass die demokratische Mehrheitsgesellschaft von antisemitischen Ressentiments, insbesondere auf der Ebene der Kommunikationslatenz, nach wie vor durchzogen ist. 5.2 Jahresspezifische Schwankungen Die Wirksamkeit der sozialen Norm führt insgesamt zum Rückgang in der Zustimmung zu antisemitischen Ressentiments, jedoch zeigen Schwankungen zwischen den Erhebungszeitpunkten, wie jene 2008 in Baden-Württemberg, die zum Teil nachlassende Bindekraft der Norm an. Zu fast jedem Anstieg der antisemitischen Ressentiments lässt sich dabei ein politisches Ereignis zuordnen, welches diesen inhaltlich schlüssig erklären kann. So könnte der 2008 stattgefundene Anstieg in der Zustimmung zu antisemitischen Aussagen durch die internationale Finanzkrise bedingt gewesen sein, und so das in der Umwegkommunikation geäußerte, antisemitische Ressentiment vom »Finanzkapital« bedient haben. An dieser Stelle sei auf eine weitere überzeugende Kontextualisierung antisemitischer Übergriffe in Berlin durch die Recherchestelle für Antisemitismus hingewiesen (Poensgen & Steinitz, 2018). Insbesondere um den jahresspezifischen Schwankungen in der Ausprägung antisemitischer Ressentiments gerechtzuwerden, ist ein präzises Monitoring auf lokaler Ebene der einzelnen Bundesländer unerlässlich, da nur dies die Entwicklung wirkungsvoller Gegenstrategien und Präventionsmaßnahmen erlaubt. Dafür unerlässlich sind ausreichende Stichprobengrö- ßen von mindestens 500 TeilnehmerInnen pro Bundesland. Bisher sind wir für Baden-Württemberg noch nicht in der Lage, sichere Aussagen über die Verteilung von manifest und latent antisemitisch eingestellten Personen 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 241 Antisemitismus in Baden-Württemberg nach Altersgruppen, Bildungsabschluss oder Religionszugehörigkeit für die einzelnen Erhebungszeitpunkte zu treffen. Dieses können wir bisher nur über die Kumulierung der Stichprobe über die verschiedenen Erhebungszeitpunkte tun. Zwar eröffnet uns dies auch aufschlussreiche Ergebnisse, jedoch können wir somit kein präzises Monitoring in Anbetracht der sich schnell verändernden politischen Stimmung in Deutschland gewährleisten. Um die politische Entwicklung in Zukunft auf breiterer Basis dokumentieren zu können, sollten speziell für Baden-Württemberg und andere Bundesländer zugeschnittene Befragungen geplant werden. Literatur Adorno, T. W. (1954). Minima Moralia. In R. Tiedemann (Hrsg.), Theodor W. 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Oliver Decker, Prof. Dr., studierte Psychologie, Soziologie und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Er ist Professor für Sozialpsychologie und interkulturelle Praxis an der Sigmund Freud PrivatUniversität Berlin und Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig sowie Co-Sprecher des Graduiertenkollegs »Rechtspopulismus«. 2015 war er Gastprofessor am Department Critical Theory and the Arts, 2019 Gastprofessor am Institut für Soziologie der Universität Wien. Herausgeber des zweibändigen Lehrbuchs Sozialpsychologie und Sozialtheorie (2018). Elmar Brähler, Prof. Dr. rer. biol. hum. habil., war von 1994 bis zu seiner Emeritierung 2013 Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig. Seitdem ist er Gastwissenschaftler an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Er leitet dort das BMBF-Verbundprojekt »DDR-Vergangenheit und psychische Gesundheit: Risiko- und Schutzfaktoren«. Teil 3 Parteipräferenz und demokratischer Zusammenhalt 247 Verbreitung antidemokratischer Einstellungen und Parteipräferenz Julia Schuler, Johannes Kiess, Oliver Decker & Elmar Brähler Die Mehrheit der Deutschen steht hinter der Idee der Demokratie. So gaben etwa 94 % der Befragten in der bundesweiten Leipziger Autoritarismus-Studie 2018 an, dass sie die »Idee der Demokratie« als Staatsform befürworten (Decker, Kiess, Schuler et al., 2018, S.  96). Dieser Befund gilt allerdings lediglich für die Beurteilung der Demokratie als abstraktes Prinzip. Eine Unterscheidung der Ebenen der Demokratiezufriedenheit jedoch ist wesentlich – zwischen der Beurteilung der politischen Legitimität einer abstrakten »Idee der Demokratie« einerseits und der konkreten Ausgestaltung und dem Funktionieren der Demokratie andererseits (siehe auch Pickel & Yendell, 2018). Je weniger abstrakt die Beurteilung der Demokratie erfasst wird, desto stärker zeigt sich Unzufriedenheit mit dem oder gar Ablehnung des politischen System(s). Wird nach der Zufriedenheit mit der Demokratie »so wie sie in der deutschen Verfassung verankert ist« gefragt, zeigen sich nur noch 76,4 % der Deutschen mit ihr zufrieden. Mit der »Demokratie, wie sie in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert« sind schließlich lediglich 53,2 % der Befragten zufrieden (Decker, Kiess, Schuler et al., 2018, S. 96f.). Zudem zeigte sich in der bundesweiten Befragung, dass insbesondere die Anhänger_innen der AfD deutlich unzufriedener mit dem Funktionieren der Demokratie sind als Anhänger_innen anderer Parteien. Hinsichtlich eines positiven Bezugs zur abstrakten »Idee der Demokratie« finden sich hingegen kaum Unterschiede zwischen den Anhänger_innen der verschiedenen Parteien (Pickel & Yendell, 2018). Eine Bejahung der »Demokratie als Idee« ist jedoch kein Garant für gleichzeitig vorliegende demokratische Einstellungen. Das macht ein Blick auf die Agitation antidemokratischer Akteure deutlich. Demokratie – die Herrschaft des Volkes – wird von rechtsextremen Vordenker_innen und Politiker_innen sogar gefordert. Allerdings meinen sie damit nicht den pluralistischen Ausgleich von Interessen, das Recht der oder des Einzel- 248 Julia Schuler, Johannes Kiess, Oliver Decker & Elmar Brähler nen, seine bzw. ihre Position in die Diskussion einzubringen oder den Wettstreit von Parteien. Vielmehr stellen sie eine direkte Verbindung vom Volkswillen zum Führer her: Die Abstimmung erfolgt – wenn überhaupt – per Akklamation. Auch sogenannte »Populisten« bedienen sich dieser Denkfigur und vertreten damit dezidiert antidemokratische Positionen (siehe z. B. Müller, 2016). Für die bundesdeutsche Bevölkerung zeigt die seit 2002 durchgeführte Langzeiterhebung der Leipziger Autoritarismus- Studien neben der gesamtgesellschaftlich hohen Zufriedenheit mit der »Demokratie als Idee« eben auch die weite Verbreitung antidemokratischer Einstellungen in Deutschland. Im Fokus stehen dabei insbesondere die Verbreitung rechtsextremer und autoritärer Einstellungen sowie die damit einhergehenden Ressentiments gegenüber gesellschaftlichen Minderheiten. Grundlage einer pluralistischen und liberalen Demokratie ist die Anerkennung der Grund- und Menschenrechte und damit die fundamentale Gleichwertigkeit aller Menschen. Dieser Gleichheitsgrundsatz ist in Artikel 3 des Grundgesetzes festgeschrieben. Ungleichbehandlungen und Diskriminierung aufgrund von Ressentiments und Fremdenfeindlichkeit gegenüber sozialen Gruppen widersprechen diesem Gleichheitsgrundsatz. Eben solche Vorstellungen der Ungleichwertigkeit sind jedoch Kernelemente rechtsextremer Einstellung und Handlungen, die mit Bestrebungen zu antidemokratischen Regierungsformen einhergehen. Jaschke fasst Rechtsextremismus entsprechend wie folgt: »Unter ›Rechtsextremismus‹ verstehen wir die Gesamtheit von Einstellungen, Verhaltensweisen und Aktionen, organisiert oder nicht, die von der rassisch oder ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschen ausgehen, nach ethnischer Homogenität von Völkern verlangen und das Gleichheitsgebot der Menschenrechts-Deklarationen ablehnen, die den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Individuum betonen, von der Unterordnung des Bürgers unter die Staatsräson ausgehen und die den Wertepluralismus einer liberalen Demokratie ablehnen und Demokratisierung rückgängig machen wollen« ( Jaschke, 2001, S. 30). Ungleichwertigkeitsvorstellungen betonen die Exklusivität der – wie auch immer konstruierten – »deutschen« Eigengruppe. Dabei ist für die Konstruktion Anderer als »Ausländer_innen« oder »Fremde« tatsächliche Staatsangehörigkeit nachrangig gegenüber – wie Jaschke hervorhebt – ras- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 249 Verbreitung antidemokratischer Einstellungen und Parteipräferenz sistisch oder ethnisch begründeten Unterschieden. Diese Konstruktion einer exklusiven Eigengruppe ist fundamental antidemokratisch, da sie eine unüberwindbare und gleichzeitig jederzeit verschiebbare Grenze zu »den Anderen« aufbaut. Die »Anderen« sind immer nur auf Zeit geduldet, da ihre angebliche Fremdheit immer als Ausweisungsgrund latent bleibt. Der Begriff »rechtsextrem« ist damit dem Begriff »demokratisch« diametral gegenübergestellt (Kiess, 2011). Auch im Rahmen der Leipziger Autoritarismus-Studien sowie im vorliegenden Beitrag werden Ungleichwertigkeitsvorstellungen als Kernelemente der rechtsextremen Einstellung operationalisiert. Die Konsensus- Definition1 vereint dabei zwei Ebenen rechtsextremer Ideologie: »Der Rechtsextremismus ist ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen« (Decker & Brähler, 2006, S. 20). Somit steht nicht die abstrakte Ablehnung einer unbestimmten Idee der Demokratie im Fokus der Erhebung, sondern konkrete Einstellungsdimensionen – einerseits die gruppenbezogene Abwertung Anderer, andererseits die politische Ablehnung der Demokratie. Neben den seit 2002 im Leipziger Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung erfassten Dimensionen, die Abwertungen gegenüber Juden und Jüdinnen und »Ausländer_innen« erheben, wird der Fokus unserer Untersuchungen zudem auf Vorstellungen von Ungleichwertigkeit gegenüber Muslim_innen und Asylbewerber_innen ausgeweitet. Die Abwertung von Muslim_innen und Asylbewerber_innen nahm nach 2015 in der bundesdeutschen Bevölkerung weiter zu (Decker, Kiess, Schuler et al., 2018, S. 101). Zeitgleich finden Verschwörungstheorien mit Blick auf eine »Islamisierung des Abendlandes« weite Verbreitung innerhalb neurechter Bewegungen und Parteien und werden mit dem »Aufruf 1 Die Definition geht auf die Ergebnisse einer 2001 durchgeführten Konsensus-Konferenz zur Entwicklung eines einheitlichen Messinstruments rechtsextremer Einstellung zurück (siehe auch Heller et al., 2020, in diesem Band). 250 Julia Schuler, Johannes Kiess, Oliver Decker & Elmar Brähler zum »Widerstand« gegen die aktuelle Politik« verknüpft (Küpper et al., 2016, S. 144). Rechtsextremismus beinhaltet nicht nur die Negation des Gleichheitspostulats, sondern  – gleichwohl eng verknüpft  – auch die Ablehnung des Pluralismus, die Befürwortung der Führeridee, die Überhöhung der Nation und nicht zuletzt die Leugnung oder Verharmlosung des Nationalsozialismus. Verbunden mit diesen Einstellungen ist der Glaube an Verschwörungstheorien. Mit diesen werden demokratische Strukturen als Lüge und Entscheidungen als Verrat am eigentlichen – von den wahren Führern jedoch erkannten  – Volkswillen verächtlich gemacht. Mit dem Begriff »Verschwörungsmentalität« wird dabei das individuelle Bedürfnis erfasst, hinter komplexen politischen oder sozialen Entwicklungen in der Welt rational kalkulierende Personen oder Gruppen auszumachen (Imhoff  & Decker, 2013). Auch die Verschwörungsmentalität geht auf eine Vorstellung von Ungleichwertigkeit zurück: Die Eigengruppe soll gegenüber anderen, als mächtig wahrgenommenen Gruppen und deren Machenschaften verteidigt werden (Rees & Lamberty, 2019). Innerhalb von Verschwörungstheorien werden Gruppen herausgestellt, denen eine besondere Macht zugeschrieben wird. In dem Glauben, zu wissen, wer das Weltgeschehen lenkt, werden Feindbilder reproduziert und Sündenböcke für gesamtgesellschaftliche Prozesse ausgemacht. Hierbei zeigt sich regelmäßig die enge Verknüpfung der Verschwörungsmentalität mit Antisemitismus (Decker, Kiess & Brähler, 2018). Im weiteren Verlauf des Kapitels wird der Zusammenhang der skizzierten antidemokratischen Einstellungen mit der Parteipräferenz der befragten Personen analysiert2. Im Zentrum der Auswertung steht die Frage, inwiefern sich Unterschiede zwischen potenziellen Wähler_innen der jeweiligen Parteien in Hinblick auf ihre rechtsextreme Einstellung, antisemitische Ressentiments, die Ausprägung einer Verschwörungsmentalität sowie Ressentiments gegenüber Muslim_innen und Asylsuchenden zeigen. Zudem wird untersucht, wie verbreitet die Bereitschaft ist, eigene Interessen gegenüber Anderen jenseits demokratischer Prozesse durch die Anwendung von Gewalt durchzusetzen. Zum einen zielt diese Analyse darauf, die besonders hohe Verbreitung antidemokratischer und menschenfeindlicher Einstellungen bei Wähler_innen der AfD zu analysieren. Zum anderen soll 2 Die vorliegende Auswertung basiert auf einer vorangegangenen Veröffentlichung der Autor_innen (Schuler et al., 2020) und schließt an diese an. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 251 Verbreitung antidemokratischer Einstellungen und Parteipräferenz gezeigt werden, dass auch in der Wählerschaft anderer Parteien Ressentiments Verbreitung finden und Rechtsextremismus und Autoritarismus deshalb nicht ausschließlich ein Problem des »rechten Randes« sind. 1 Datenerhebung und Stichprobe Die vorliegenden Daten wurden im Rahmen der Leipziger Autoritarismus- Studie 2018 erhoben. Es handelt sich um eine bevölkerungsrepräsentative Befragung, die im Zeitraum von Mai bis Juli 2018 im Auftrag der Studiengruppe vom Meinungsforschungsinstitut USUMA durchgeführt wurde. Die Zufallsauswahl der Personen erfolgte nach dem ADM-Stichprobensystem. Soziodemografische Angaben sowie Angaben zum Wahlverhalten wurden face-to-face durch eine_n Interviewer_in erfasst, alle weiteren Angaben zu politischen Einstellungen wurden von den Befragten im Selbstausfüllerverfahren gemacht. Insgesamt 2.516 Personen im Alter von 14 bis 91 Jahren nahmen an der Befragung teil. Für die vorliegenden statistischen Auswertungen wurden, dem Wahlrecht auf Bundesebene folgend, nur Befragte ab 18 Jahren mit deutscher Staatsbürgerschaft berücksichtigt (n = 2.344). Grundlage des Vergleichs sind die Antworten zur sogenannten Sonntagsfrage, also der beabsichtigten Wahlentscheidung, sollten am nächsten Sonntag Bundestagswahlen stattfinden.3 Neben der Entscheidung für eine Partei (CDU: n = 346; CSU: n= 994; SPD: n = 425; FDP: n = 92; Bündnis 90/Die Grünen: n = 173; Die Linke: n = 167; AfD: n = 160), werden auch Nichtwähler_innen (n = 313), Personen, die zum Befragungszeitpunkt noch nicht wissen, ob sie wählen werden (Wahlteilnahme unklar, n = 203) und Personen, die beabsichtigen zu wählen, aber zum Befragungszeitpunkt noch nicht wissen, welcher Partei sie ihre Stimme geben (»Parteiwahl unsicher«; n = 137) in der Gegenüberstellung betrachtet. 3 Zur einfacheren Lesbarkeit wird im Folgenden von »Wähler_innen« und »Anhänger_innen« gesprochen, auch wenn es sich im eigentlichen Sinne um eine Wahl-Intention bzw. Parteipräferenz handelt. 4 CDU und CSU-Wahl wurden zunächst als eine Kategorie erfasst. Entsprechend des tatsächlichen Wohnortes der Befragten und der damit verbundenen Möglichkeit, CDU oder CSU wählen zu können, wurden die Befragten nachträglich für die vorliegende Gegen- überstellung in CSU- und CDU-Wählerschaft aufgegliedert. 252 Julia Schuler, Johannes Kiess, Oliver Decker & Elmar Brähler Antidemokratische Einstellungen wurden mit den folgenden Fragebögen erfasst. Der Leipziger Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung (FR-LF) umfasst sechs Dimensionen: Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Sozialdarwinismus, Antisemitismus sowie Verharmlosung des Nationalsozialismus, die mit jeweils drei Aussagen erfasst werden (Decker et al., 2013; siehe auch Heller et al., 2020, in diesem Band). Darüber hinaus kamen zusätzlich drei Items zum Einsatz, um neben tradiertem Antisemitismus auch Antisemitismus in der Umwegkommunikation zu erfassen (Decker, Kiess & Brähler, 2018; Bergmann & Erb, 1986). Antisemitische Äußerungen unterliegen in Deutschland einer starken sozialen Norm, die offene Äußerungen unterbindet. Gleichzeitig zeigt sich eine Verschiebung antisemitischer Überzeugungen und eine Kommunikation in scheinbar unverdächtigen Bereichen (wie beispielsweise als »Israelkritik«). Mit dem Konzept der Umwegkommunikation werden diese Formen der Kommunikation antisemitischer Ressentiments erfasst (ausführlicher siehe Abschn. 4). Das erste Item zur Erfassung der Umwegkommunikation stammt aus vorherigen Befragungen im Rahmen der Leipziger Autoritarismus-Studienreihe (Brähler & Decker, 2003), die zwei weiteren Items aus einem Fragebogen des Sozialpsychologen Roland Imhoff (2010). Verschwörungsmentalität wurde mit drei Aussagen erfasst (Imhof & Decker, 2013). Gewaltbereitschaft wurde mit zwei Items erhoben, welcher zwischen der Bereitschaft, selbst Gewalt anzuwenden und der Akzeptanz von Gewalt, wenn sie von anderen verübt wird, unterscheidet (Ulbrich-Herrmann, 1995). Für die Erfassung von Muslimfeindschaft und Abwertung von Asylsuchenden wurden Aussagen aus dem Erhebungsinstrumentarium Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit angewandt (Heitmeyer, 2012). 2 Rechtsextreme Einstellung Der Leipziger Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung (FR-LF) bildet seit 2002 den Kern der Leipziger Autoritarismus-Studie zur Dokumentation antidemokratischer Einstellungen (Decker et al., 2013, siehe auch Heller et al., 2020, in diesem Band). Die sechs Dimensionen der rechtsextremen Einstellung (Befürwortung einer rechts-autoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus) werden mit jeweils drei Aussagen erfasst. Die Befragten können ihre Zustimmung zu den jeweiligen Aussagen auf 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 253 Verbreitung antidemokratischer Einstellungen und Parteipräferenz einer fünfstufigen Skala angeben (1 = »lehne völlig ab«; 5 = »stimme voll und ganz zu«). Der Mittelwert über alle drei Aussagen einer Dimension bewegt sich folglich zwischen einem Minimalwert = 3 (vollständige Ablehnung aller Aussagen) und dem Maximalwert = 15 (völlige Zustimmung aller Aussagen). Die Gesamtskala Rechtsextreme Einstellung ergibt sich aus den Zustimmungswerten zu allen 18  Items der sechs Dimensionen (Minimalwert = 15, Maximalwert = 90). In den vorliegenden Darstellungen werden die mittleren Zustimmungswerte innerhalb der jeweiligen Wählerschaft berichtet. Die statistischen Unterschiede zwischen den Gruppen wurden mittels Varianzanalyse und anschließenden Post-Hoc-Tests (Scheffé-Test) überprüft. Zunächst ergaben diese Vergleiche, dass AfD-Wähler_innen in Hinblick auf die Gesamtskala Rechtsextremismus signifikant höhere Zustimmungswerte zeigten als die Wähler_innen der anderen Parteien, aber auch als die Nichtwähler_innen und Unentschlossenen (Abb. 15). Die Wähler_innen der Grünen zeigten hingegen gegenüber fast allen anderen Wähler_innen-Gruppen eine signifikant niedrigere Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen.6 5 Für eine Aufführung aller Einzelaussagen siehe Heller et al., 2020, in diesem Band. 6 Kein signifikanter Unterschied zeigte sich zwischen Anhänger_innen der Grünen und den Wähler_innen der FDP sowie der Linken. Abbildung 1: Parteipräferenz und Gesamtskala Rechtsextreme Einstellung, Mittelwerte und Standardabweichungen über alle sechs Dimensionen und 18 Aussagen der Rechtsextremen Einstellung hinweg. 254 Julia Schuler, Johannes Kiess, Oliver Decker & Elmar Brähler Der Befund, dass sich unter der Wählerschaft der AfD die höchsten Zustimmungswerte in Hinblick auf rechtsextreme Aussagen finden, zeigt sich auch in Hinblick auf die einzelnen Dimensionen der Rechtsextremen Einstellung. Beispielhaft soll an dieser Stelle auf drei der sechs Dimensionen eingegangen werden.7 So zeigt sich, dass der Wunsch nach einer rechtsautoritären Diktatur unter den Wähler_innen der AfD im Vergleich zu allen übrigen Wähler_innen-Gruppen signifikant höhere Zustimmungswerte erhält (Abb. 2). Diese Dimension erfasst nicht nur, inwiefern eine Diktatur gegenüber demokratischen Prozessen befürwortet wird. Zudem zielen die Aussagenformulierungen auf faschistische, nationalistische und völkische Motive einer solchen Diktatur. So hat etwa der Begriff »Führer« einen eindeutigen historischen Verweischarakter auf den Nationalsozialismus, und der Begriff »Volksgemeinschaft« verweist auf eine durch Abstammung definierte, homogene Gemeinschaft. 7 Für eine detailliertere Darstellung der Ergebnisse aller Einzeldimensionen siehe Schuler et al., 2020. Abbildung 2: Parteipräferenz und Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Mittelwerte und Standardabweichungen; Aussagen: (1) »Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform.«, (2) »Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.«, (3) »Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert.« 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 255 Verbreitung antidemokratischer Einstellungen und Parteipräferenz Ausländerfeindlichkeit ist die Dimension des Rechtsextremismus, welche die die höchsten Zustimmungswerte in der Gesamtbevölkerung erfährt. Sie misst die Abwertung und Aggression gegenüber »Ausländer_innen« als konstruierter Fremdgruppe und erfasst sowohl ökonomisch motiviertes Konkurrenzdenken auf dem Arbeitsmarkt als auch die Vorstellung ethnischer Überfremdung. Obgleich sich auch unter den Wähler_innen der anderen Parteien vergleichsweise hohe Zustimmungswerte hinsichtlich der Dimension Ausländerfeindlichkeit zeigen, findet sich wieder ein signifikant höherer Zustimmungswert unter den Wähler_innen der AfD im Vergleich zu den restlichen Wähler_innen-Gruppen (Abb. 3). Bis auf einen signifikanten Unterschied zwischen Anhänger_innen der Grünen und Nichtwähler_innen gibt es keine weiteren signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen in Hinblick auf die Verbreitung von Ausländerfeindlichkeit. Tradierter Antisemitismus wird ebenfalls als Dimension des Rechtsextremismus erfasst und soll an dieser Stelle aufgeführt werden, bevor in Abschnitt 4 auch auf Formen der Umwegkommunikation des Antisemitismus Abbildung 3: Parteipräferenz und Ausländerfeindlichkeit, Mittelwerte und Standardabweichungen; Aussagen: (1) »Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen.«, (2) »Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken.«, (3) »Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.« 256 Julia Schuler, Johannes Kiess, Oliver Decker & Elmar Brähler eingegangen wird. Antisemitismus als Dimension der rechtsextremen Einstellung erfasst klassische judenfeindliche Stereotype. Auch in Bezug auf diese Dimension finden sich unter den Anhänger_innen der AfD die höchsten Zustimmungswerte, während die Anhänger_innen der Grünen antisemitische Aussagen am stärksten ablehnen (Abb.  4). Die Zustimmungswerte unter den Wähler_innen der AfD sind abermals signifikant höher als in allen Vergleichsgruppen, bis auf die Wähler_innen der CSU und die Nicht-Wähler_innen. Auch diese beiden Gruppen stimmen den Aussagen der Dimension Antisemitismus etwas stärker zu als der Schnitt, sodass sich ihr Zustimmungswert nicht signifikant von dem Zustimmungswert der Anhänger_innen der AfD unterscheidet. Die Anhänger_innen der CSU unterscheiden sich in ihrer Zustimmungsbereitschaft jedoch auch nicht signifikant von den anderen Wähler_innen-Gruppen. Die übrigen Wähler_innen-Gruppen unterschieden sich hinsichtlich der Zustimmungswerte kaum voneinander. Lediglich zwischen Anhänger_innen der Grünen und Nichtwähler_innen findet sich ein signifikanter Unterschied in Bezug auf Antisemitismus. Abbildung 4: Parteipräferenz und Antisemitismus, Mittelwerte und Standardabweichungen; Aussagen: (1) »Ohne Judenvernichtung würde man Hitler heute als großen Staatsmann ansehen.«, (2) »Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß.«, (3) »Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen.« 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 257 Verbreitung antidemokratischer Einstellungen und Parteipräferenz Insgesamt lässt sich für die Dimensionen der Rechtsextremen Einstellung festhalten, dass Wähler_innen von SPD, CDU, CSU und FDP oft ähnlich hohe Zustimmungswerte aufweisen. Die Anhänger_innen der Grünen und der Linken weisen zumeist die geringsten Zustimmungswerte auf. Ausnahme ist der Antisemitismus, wo die Wählerschaft der Linken vor der FDP liegt. Allerdings ist dieser Unterschied nicht statistisch signifikant. 3 Muslimfeindschaft und Abwertung von Asylsuchenden Die Debatte um Zuwanderung insbesondere muslimischer Personen hat sich seit spätestens 2015 als zentraler politischer Diskurs und als das Kernthema des politischen Programms der AfD etabliert (Häusler, 2016, 2017). Insbesondere Muslim_innen und Asylsuchende sind in diesem Zusammenhang stärker in den Fokus fremdenfeindlicher Vorurteile und Abwertung geraten. So zeigt sich im Zeitverlauf eine Zunahme der Muslimfeindschaft in der bundesdeutschen Bevölkerung (Decker, Kiess, Schuler et al., 2018, S.  101ff.). Für die Erfassung von Muslimfeindschaft und Abwertung von Asylsuchenden wurden Items des Komplexes Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit der Studienreihe Deutsche Zustände eingesetzt (Heitmeyer, 2012). Analog zu dem Stellenwert, den die Debatte um Zuwanderung und Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland innerhalb des politischen Programms der AfD einnimmt, zeigt sich, dass insbesondere die Anhänger_innen der AfD antimuslimischen Aussagen deutlich stärker zustimmen als die Anhänger_innen der anderen Parteien (Abb. 5–7). 80,6 % der Wähler_innen der AfD geben an, sich durch »die vielen Muslime« fremd im eigenen Land zu fühlen (Abb. 5). Über 70 % finden, Muslim_innen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden (Abb.  6). Aber auch unter den Anhänger_innen der anderen Parteien äußern etwa 40 bis 55 % ein Überfremdungsgefühl im Zusammenhang mit Muslim_ innen in Deutschland. Und auch unter den Wähler_innen der Linken, der FDP und der SPD findet jeweils etwa ein Drittel der Befragten, dass Muslim_innen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte. Unter den Anhänger_innen der christlichen CSU und CDU sind es über 40 %. 258 Julia Schuler, Johannes Kiess, Oliver Decker & Elmar Brähler Abbildung 6: Parteipräferenz und Zustimmung zu der Aussage: »Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden.« (in %); 4-stufige Antwortskala von 1 = »stimme voll und ganz zu« bis 4 = »stimme überhaupt nicht zu«; Antwortkategorien 1 und 2 zusammengefasst zu »Zustimmung« Abbildung 5: Parteipräferenz und Zustimmung zur Aussage: »Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land.« (in %); 4-stufige Antwortskala von 1 = »stimme voll und ganz zu« bis 4 = »stimme überhaupt nicht zu«; Antwortkategorien 1 und 2 zusammengefasst zu »Zustimmung« 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 259 Verbreitung antidemokratischer Einstellungen und Parteipräferenz Die Ablehnung von Muslim_innen geht einher mit der Ablehnung des Menschenrechts auf Asyl. Erfasst wurde diese Ablehnung mit der Infragestellung triftiger Asylgründe. Über 80 % der AfD-Wähler_innen sind der Überzeugung, die meisten Asylsuchenden befürchten nicht wirklich, in ihrem Heimatland verfolgt zu werden (Abb. 7). Bei allen anderen Wähler_innen-Gruppen sind es deutlich weniger, obgleich sich auch hier hohe Zustimmungswerte finden. Selbst unter den Anhänger_innen der Grünen und der Linken, bei denen asylfeindliche Aussagen auf die stärkste Ablehnung stoßen, stellen noch 43 % bzw. 48 % der Befragten Verfolgung als Fluchtgrund der meisten Asylsuchenden infrage. 4 Antisemitismus in der Umwegkommunikation Da tradierter Antisemitismus, wie wir ihn mit unserem Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung erheben (s.o.), in der Bundesrepublik einer starken sozialen Sanktion unterliegt, wird er von vielen Menschen nicht offen geäußert. Antisemitismus ist allerdings keinesfalls aus unserer Gesellschaft verschwunden – wohl aber finden sich neue Ausdruckweisen und Abbildung 7: Parteipräferenz und Zustimmung zu der Aussage: »Die meisten Asylbewerber befürchten nicht wirklich, in ihrem Heimatland verfolgt zu werden.« (in %); 4-stufige Antwortskala von 1 = »stimme voll und ganz zu« bis 4 = »stimme überhaupt nicht zu«; Antwortkategorien 1 und 2 zusammengefasst zu »Zustimmung« 260 Julia Schuler, Johannes Kiess, Oliver Decker & Elmar Brähler Kommunikationsformen.8 Bergmann und Erb (1986) sprechen in diesem Zusammenhang von der »Kommunikationslatenz des Antisemitismus«. Im Rahmen der Leipziger Autoritarismus-Studien wählen wir den Begriff »Umwegkommunikation«, um diese Erscheinungsformen antisemitischer Einstellungen zu fassen. Folgende Formen des Antisemitismus in der Umwegkommunikation lassen sich beschreiben: a) die indirekte Äußerung des Ressentiments durch Verständnis für diejenigen, die sie äußern, b) der »Schuldabwehrantisemitismus« (Schönbach, 1961), weil durch Juden und Jüdinnen die Erinnerung an den Angriffs- und Vernichtungskrieg Nazi-Deutschlands wachgehalten wird und c) der israelbezogene Antisemitismus. Beispielhaft sind im Folgenden die Zustimmungswerte zu drei entsprechenden Aussagen dargestellt. Über alle drei Aussagen hinweg zeigt sich, dass die Zustimmungswerte bei Wähler_innen der AfD am höchsten ausfallen. Mehr als die Hälfte der AfD-Wähler_innen findet Ressentiments gegen Juden und Jüdinnen verständlich (Abb. 8). Bei keiner anderen Partei nutzen die Anhänger_innen aber auch so offen die Möglichkeit, ihren Antisemitismus selbst zu äußern (siehe oben Abb.  4). Entsprechendes gilt auch für die Bereitschaft, die Politik der Regierung in Israel als Rationalisierung für die Ablehnung von Juden und Jüdinnen zu nutzen: Wieder mehr als die Hälfte der AfD-Wähler_innen nutzt diesen Bezug auf Israel, um ihr Ressentiment zu begründen (Abb. 9). Am auffälligsten zeigt sich der Antisemitismus in der Aussage zur Relativierung der Shoa: Jede_r zweite Anhänger_in der Af D gibt an, dass er oder sie wütend darüber sei, dass die Bombardierung deutscher Städte und die Vertreibung Deutscher als kleinere Verbrechen angesehen werden (Abb. 10). Weitere 24,4 % stimmen der Aussage noch teilweise zu. Aber auch bei den Anhänger_innen der anderen Parteien fällt auf, dass es einen erheblichen Anteil gibt, der diese Aussagen nicht eindeutig ablehnt, sondern die Möglichkeit der »teils, teils«-Antwortkategorie nutzt. 8 Für eine Darstellung der unterschiedlichen Erscheinungsformen antisemitischer Ressentiments siehe Decker, Kiess & Brähler, 2018. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 261 Verbreitung antidemokratischer Einstellungen und Parteipräferenz Abbildung 9: Parteipräferenz und Zustimmung zur Aussage: »Durch die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer.« (in %); 5-stufige Antwortskala von 1 = »stimme überhaupt nicht zu« bis 5 = »stimme voll und ganz zu«; Antwortkategorien 4 und 5 zusammengefasst zu »Zustimmung«, 3 = »teils, teils«, 1 und 2 zusammengefasst zu »Ablehnung« Abbildung 8: Parteipräferenz und Zustimmung zur Aussage: »Ich kann es gut verstehen, dass manchen Leuten Juden unangenehm sind.« (in %); 5-stufige Antwortskala von 1 = »stimme überhaupt nicht zu« bis 5 = »stimme voll und ganz zu«; Antwortkategorien 4 und 5 zusammengefasst zu »Zustimmung«, 3 = »teils/teils«, 1 und 2 zusammengefasst zu »Ablehnung« 262 Julia Schuler, Johannes Kiess, Oliver Decker & Elmar Brähler 5 Verschwörungsmentalität Mit »Verschwörungsmentalität« wird das Bedürfnis von Personen bezeichnet, hinter politischen oder sozialen Ereignissen in der Welt rational kalkulierende Personen oder Gruppen auszumachen (Imhoff & Decker, 2013). Sie sind mit Vorurteilen gegenüber als mächtig wahrgenommenen Gruppen verbunden, etwa »den Eliten« oder »geheimen Mächten«. Bestimmten Personen oder Gruppen wird ein Einfluss auf das politische Geschehen zugeschrieben, der zur Reproduktion von Feindbildern führen kann. Dies zeigt sich insbesondere in der engen Verbindung von ausgeprägter Verschwörungsmentalität und Antisemitismus (Decker, Kiess & Brähler, 2018). Im vorliegenden Beitrag wurde Verschwörungsmentalität mit drei Aussagen erfasst (Imhoff & Decker, 2013). Über alle drei Aussagen hinweg zeigt sich, dass die Wähler_innen der AfD deutlich häufiger das Bedürfnis Abbildung 10: Parteipräferenz und Zustimmung zur Aussage: »Es macht mich wütend, dass die Vertreibung der Deutschen und die Bombardierung deutscher Städte immer als kleinere Verbrechen angesehen werden.« (in %); 5-stufige Antwortskala von 1 = »stimme überhaupt nicht zu« bis 5 = »stimme voll und ganz zu«; Antwortkategorien 4 und 5 zusammengefasst zu »Zustimmung«, 3 = »teils, teils«, 1 und 2 zusammengefasst zu »Ablehnung« 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 263 Verbreitung antidemokratischer Einstellungen und Parteipräferenz Abbildung 11: Parteipräferenz und Zustimmung zur Aussage: »Die meisten Menschen erkennen nicht, in welchem Ausmaß unser Leben durch Verschwörungen bestimmt wird, die im Geheimen ausgeheckt werden.« (in %); 7-stufige Antwortskala von 1 = »stimme überhaupt nicht zu« bis 7 = »stimme voll und ganz zu«; Antwortkategorien 5–7 zusammengefasst zu »Zustimmung« Abbildung 12: Parteipräferenz und Zustimmung zur Aussage: »Es gibt geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben.« (in %); 7-stufige Antwortskala von 1 = »stimme überhaupt nicht zu« bis 7 = »stimme voll und ganz zu«; Antwortkategorien 5–7 zusammengefasst zu »Zustimmung« 264 Julia Schuler, Johannes Kiess, Oliver Decker & Elmar Brähler zeigen, Verschwörungen anzunehmen, als die Wähler_innen der anderen Parteien. Über ein Drittel der AfD-Wählerinnen meint, dass die meisten Menschen nicht erkennen, in welchem Ausmaß unser Leben durch Verschwörungen bestimmt wird (Abb.  11). 43,8 % der AfD-Wählerinnen stimmen zu, dass es geheime Organisationen mit großem Einfluss auf politische Entscheidungen gibt (Abb. 12). Aber auch 37,7 % der Wähler_innen der Linken sind dieser Überzeugung. Ein noch deutlicherer Unterschied zwischen AfD-Wähler_innen und den Anhänger_innen anderer Parteien zeigt sich in Hinblick darauf, ob Politiker_innen als Marionetten von dahinterstehenden Mächten wahrgenommen werden: 60 % der AfD-Wähler_innen nehmen dies an (Abb. 13), bei allen anderen Gruppen sind es deutlich weniger. 6 Gewaltbereitschaft Gewaltbereitschaft wurde in der vorliegenden Untersuchung mit zwei Aussagen erfasst. Die erste Aussage bildet die Bereitschaft ab, selbst Gewalt gegen andere anzuwenden, um eigene Interessen durchzusetzen (Verhal- Abbildung 13: Parteipräferenz und Zustimmung zur Aussage: »Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte.« (in %); 7-stufige Antwortskala von 1 = »stimme überhaupt nicht zu« bis 7 = »stimme voll und ganz zu«; Antwortkategorien 5–7 zusammengefasst zu »Zustimmung« 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 265 Verbreitung antidemokratischer Einstellungen und Parteipräferenz tensintention). Die zweite Aussage erfasst die Akzeptanz der Gewalt, wenn sie durch andere verübt wird (Ulbrich-Herrmann, 1995). Der eingesetzte Fragebogen erfasst also nicht explizit den Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung politischer Interessen. Gleichwohl bildet er die Bereitschaft ab, im Konflikt mit anderen auch Gewalt als Mittel einzusetzen, statt auf Prozesse gewaltfreier Aushandlung zu vertrauen. Im Langzeitverlauf konnten Decker und Brähler (2016) zeigen, dass im Zeitraum von 2006 bis 2016 zwar nicht die Verbreitung rechtsextremer Einstellungen, aber die Gewaltbereitschaft und -akzeptanz in der bundesdeutschen Bevölkerung angestiegen waren. Die Bereitschaft, selbst Gewalt anzuwenden, fällt insgesamt niedriger aus als die Akzeptanz der Gewalt durch andere. Abbildung 14 zeigt, Abbildung 14: Parteipräferenz, eigene Gewaltbereitschaft und Akzeptanz der Gewalt durch andere (in %); Gewaltbereitschaft erfasst über Zustimmung zu der Aussage »Ich bin in bestimmten Situationen durchaus bereit, auch körperliche Gewalt anzuwenden, um meine Interessen durchzusetzen.«; Gewaltakzeptanz erfasst über Zustimmung zu der Aussage »Selber würde ich nie Gewalt anwenden. Aber es ist schon gut, dass es Leute gibt, die mal ihre Fäuste sprechen lassen, wenn’s anders nicht mehr weitergeht.«, 4-stufige Antwortskala von 1 = »stimmt überhaupt nicht« bis 4 = »stimmt voll und ganz«; Antwortkategorien 3 und 4 wurden zusammengefasst zu »Zustimmung« 266 Julia Schuler, Johannes Kiess, Oliver Decker & Elmar Brähler dass unter den Wähler_innen der AfD der Anteil der Personen, die bereit wären, selbst Gewalt anzuwenden, mit 20 % deutlich höher ist als unter den Anhänger_innen der anderen Parteien. Aber auch Nichtwähler_innen neigen stärker zu Gewalt als die übrigen Gruppen. Jeweils etwa jede_r Fünfte der AfD-Wähler_innen und Nichtwähler_innen stimmt der Aussage zu, dass er oder sie bereit wäre, auch körperliche Gewalt anzuwenden, um eigene Interessen durchzusetzen. Die geringste Gewaltbereitschaft findet sich unter den Anhänger_innen der CSU. Auch die Akzeptanz gegenüber Gewalt durch Andere ist innerhalb der Wählerschaft der AfD deutlich höher ausgeprägt als unter Wähler_innen der anderen Parteien. Über ein Drittel der AfD-Wähler_innen gibt an, zwar selbst keine Gewalt anwenden zu wollen, aber es zu befürworten, wenn andere »ihre Fäuste sprechen lassen« (Abb. 14). Auch hier finden sich wiederum die Nichtwähler_innen an zweiter Stelle. Mehr als jede_r Vierte findet Gewalt Anderer legitim. Die geringste Gewaltakzeptanz findet sich unter den Anhänger_innen der Grünen. 7 Wähler_innen-Bewegung 2014–2018 Ausgehend von den sechs Dimensionen mit Blick auf rechtsextreme Einstellungen (siehe Abschn. 2 und Heller et al., 2020, in diesem Band), wird in den Leipziger Autoritarismus-Studien der Anteil der Befragten bestimmt, die ein geschlossen rechtsextremes Weltbild über alle Dimensionen aufweisen. Jene Befragten, die über alle Dimensionen hinweg einen Wert von mindestens 63 erreichen, werden als Personen mit einem solchen Weltbild erfasst. Der Grenzwert von 63 wird erreicht, wenn die Befragten durchschnittlich allen 18  Aussagen des Fragebogens zu rechtsextremen Einstellungen zustimmen (siehe auch Decker, Kiess, Schuler et al., 2018). In Tabelle  1 ist die Parteipräferenz der Befragten, bei denen wir von einem geschlossen rechtsextremen Weltbild ausgehen, für die Jahre 2014, 2016 und 2018 dargestellt. Deutlich wird, dass 2014 noch der Großteil der Befragten mit rechtsextremem Weltbild bei Bundestagswahlen seine Stimme der CDU/CSU (30 %) und der SPD (33,3 %) gegeben oder nicht von seinem Wahlrecht Gebrauch gemacht hätte (21,2 %). Insbesondere 2016 sieht man den starken Zugewinn der AfD unter den rechtsextremen Wähler_innen: Mit 45,1 % gibt fast jede_r zweite Wähler_in mit rechtsextremem Weltbild an, die AfD wählen zu wollen. Aber auch 2018 würde 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 267 Verbreitung antidemokratischer Einstellungen und Parteipräferenz noch jede_r dritte manifest Rechtsextreme der AfD seine Stimme geben. Die NPD hingegen kann keinen solchen Zuwachs an Wählerstimmen verzeichnen, verliert zwischen den Jahren 2014 bis 2018 innerhalb der rechtsextremen Wählerschaft sogar an Bedeutung. Während sich rechtsextreme Parteien wie die NPD nie in der Parteienlandschaft durchsetzen konnten, ist es der AfD gelungen, Personen mit rechtsextremen Einstellungen für sich zu gewinnen. Tabelle 1: Was wählen Rechtsextreme (in %)? Gesamt Bei Wahlteilnahme W ah lt ei ln ah m e Ni ch tw äh le r_ in ne n W ah lt ei ln ah m e un si ch er CD U/ CS U SP D FD P Li nk e Gr ün e NP D Af D Pa rt ei w ah l un si ch er 2014 65,7 21,2 8,0 30,0 33,3 - 10,0 - 7,8 8,9 n = 137 n = 90 2016 73,4 21,9 0,8 12,8 17,0 - 3,2 4,3 3,7 45,1 6,1 n = 128 n = 94 2018 73,2 15,9 6,5 18,8 9,9 5,0 6,9 1,0 4,0 33,7 7,9 n = 138 n = 101 Quelle: eigene Berechnungen auf Grundlage der Datensätze der Leipziger Autoritarismus-Studien 2014, 2016, 2018. In der Auswertung wurden alle Befragten ab 14 Jahren mit deutscher Staatsbürgerschaft berücksichtigt. 8 Zusammenfassung und Diskussion Der vorliegende Beitrag hat die Verbreitung antidemokratischer Einstellungen in Abhängigkeit zur Parteiwahl analysiert. Dabei zeigte sich, dass antidemokratische Einstellungen unter Anhänger_innen aller Parteien zu finden sind, ebenso wie unter Nichtwähler_innen und Unentschlossenen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass antidemokratische Einstellungen insbesondere innerhalb der Wähler_innen der AfD deutlich stärkeren Zuspruch bekommen als unter den Anhänger_innen der anderen Wahl-Gruppen. So zeigte sich, dass AfD-Wähler_innen in allen Dimensionen der Rechtsextremen Einstellung deutlich höhere Werte als die Wähler_innen der anderen Parteien aufweisen. Es gibt keine andere Wähler_innen- 268 Julia Schuler, Johannes Kiess, Oliver Decker & Elmar Brähler gruppe, unter denen sich eine Muslimfeindschaft und die Abwertung von Asylsuchenden häufiger findet als bei AfD-Wähler_innen. Auch findet sich bei AfD-Wähler_innen nicht nur ein höherer tradierter Antisemitismus, sie nutzen auch deutlich häufiger die Möglichkeit, ihr antisemitisches Ressentiment über die Umwegkommunikation zu äußern, im Vergleich zu anderen Wähler_innen-Gruppen. Die Verschwörungsmentalität ist unter AfD-Wähler_innen sehr weit verbreitet, findet allerdings auch unter Anhänger_innen der Linken mehr Zuspruch als bei Wähler_innen anderer Parteien. Insgesamt sind antidemokratische Einstellungen unter AfD-Wähler_innen mit deutlichem Abstand zu allen anderen Partei-Anhänger_innen am weitesten verbreitet. Die AfD hat in ihrer bisher kurzen Geschichte mehrere Wandlungen durchlaufen (siehe auch Schuler et al., 2020): Sie wurde als national-liberale Partei gegründet, konnte sich zunehmend jedoch einen Platz am rechten Rand des Parteienspektrums sichern. In der Folge durchlief die AfD dann eine inhaltliche Neuorientierung, von einer national-liberalen Anti-Euro-Partei ging es über die konservativ-nationalistische AfD hin zur Dominanz durch die nationalistisch-völkische Fraktion (Häusler, 2016, 2018). Diese inhaltliche Ausrichtung zeigt sich auch in den politischen Äußerungen von Repräsentant_innen der AfD, die vermehrt von Motiven der Muslimfeindschaft, einer völkisch-homogenen Volksgemeinschaft und des Schuldabwehrantisemitismus durchzogen sind. Hinzu tritt eine aggressive Rhetorik des Kampfes, welche eine Umsturzsituation suggeriert (siehe etwa Pfahl-Traughber, 2019). Die Ergebnisse des vorliegenden Beitrags konnten aufgezeigen, dass diese inhaltliche Programmatik ihr Echo unter den AfD-Wähler_innen findet. Ein großer Teil der Anhänger_innen wählt die AfD nicht trotz, sondern wegen dieser antidemokratischen Positionen. Jene Bundesdeutschen, die zwar schon lange extrem rechte Einstellungen teilten, seien es Chauvinismus, Befürwortung einer Diktatur, Antisemitismus oder Ausländerfeindlichkeit, aber bis 2014 SPD oder CDU wählten, wählen jetzt eine Partei, die eine Programmatik entsprechend ihrer Einstellung umsetzt. Diese Mitbürger_innen haben in der AfD eine politische Heimat gefunden. Vor dem Hintergrund aktueller politischer Ereignisse ist diese klare Positionierung gegen den demokratischen Zusammenhalt mit Sorge zu betrachten. Die Ermordung des hessischen Politikers Walter Lübcke, das Attentat auf die Synagoge in Halle und die anschließenden Morde, wie 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 269 Verbreitung antidemokratischer Einstellungen und Parteipräferenz auch der jüngste rassistische Terroranschlag in Hanau mit zehn Ermordeten, waren von derselben rechtsextremen Ideologie der Ungleichwertigkeit motiviert, einer Mischung aus Antisemitismus, Verschwörungsmentalität, Antifeminismus und antimuslimischem Rassismus. Dass diese Motive in relevanten Teilen der Bevölkerung geteilt werden, diese eine parlamentarische Repräsentanz haben und damit auch als legitim erfahren werden, macht das Risiko weiterer rassistischer Terroranschläge groß. Vertreter_innen aller Parteien, die sich als Teil eines demokratischen Konsenses sehen, stehen in der Verantwortung, sich sowohl inhaltlich als auch in der Rhetorik für den demokratischen Zusammenhalt in einer pluralen und liberalen Demokratie einzusetzen. Literatur Adorno, T.W., Frenkel-Brunswik, E., Levinson, D. J. & Sandford, R. N. (Hrsg.) (1950). The Authoritarian Personality. New York: Harper. Bergmann, W. & Erb, R. (1986). Kommunikationslatenz, Moral und öffentliche Meinung. Theoretische Überlegungen zum Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 38(2), 223–246. Brähler, E. & Decker, O. (2003). Einstellungen zu Juden und Amerikanern, Einschränkungen der Bürgerrechte, Militäraktionen und Ausländerängste in Deutschland. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung im Herbst 2003. Psychosozial, 97(3), 115–127. Decker, O. & Brähler, E. (2006). Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellung und ihre Einflussfaktoren in Deutschland. Berlin: FES. Decker, O. & Brähler, E. (2016). Ein Jahrzehnt der Politisierung. Gesellschaftliche Polarisierung und gewaltvolle Radikalisierung in Deutschland zwischen 2006 und 2016. In O. Decker, J. Kiess & E. Brähler (Hrsg.), Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland (S. 95–135). Gießen: Psychosozial- Verlag. Decker, O., Hinz, A., Geißler, N. & Brähler, E. (2013). Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung – Leipziger Form (FR-LF). In O. Decker, J. Kiess & E. Brähler (Hrsg.), Rechtsextremismus der Mitte. Eine sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose (S. 197–212). Gießen: Psychosozial -Verlag. Decker, O., Kiess, J. & Brähler, E. (2018). Antisemitische Ressentiments in Deutschland: Verbreitung und Ursachen. In O. Decker & E. Brähler (Hrsg.), Flucht ins Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft (S. 179–216). Gießen: Psychosozial-Verlag. Decker, O., Kiess, J., Schuler, J., Handke, B. & Brähler, E. (2018). Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2018: Methode, Ergebnisse und Langzeitverlauf. In O. Decker & E. Brähler (Hrsg.), Flucht ins Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft (S. 65–115). Gießen: Psychosozial-Verlag Häusler, A. (2016). Die AfD als Rechtspopulistischer Profiteur der Flüchtlingsdebatte. In 270 Julia Schuler, Johannes Kiess, Oliver Decker & Elmar Brähler O. Decker, J. Kiess & E. Brähler (Hrsg.), Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland (S. 165–178). Gießen: Psychosozial-Verlag. Häusler A. (2017). AfD, Pegida & Co. In P. Antes & R. Ceylan (Hrsg.), Muslime in Deutschland. Islam in der Gesellschaft. Wiesbaden: Springer VS. Häusler, A. (2018). Die AfD: Partei des völkisch-autoritären Populismus. In Ders. (Hrsg.), Völkisch-autoritärer Populismus. Der Rechtsruck in Deutschland und die AfD (S. 9–20). Hamburg: VSA. Heitmeyer, W. (Hrsg.) (2012). Deutsche Zustände – Folge 10. Frankfurt a.M: Suhrkamp. Heller, A., Decker, O. & Brähler, E. (2020). Die Mauer in den Köpfen. Die Einheitsmentalität in Ost und West in den letzten 30 Jahren. In dies. (Hrsg.), Prekärer Zusammenhalt. Die Bedrohung des demokratischen Miteinanders in Deutschland (S. 19–55). Gießen: Psychosozial-Verlag. Imhoff, R. (2010). Zwei Formen des modernen Antisemitismus? Eine Skala zur Messung primären und sekundären Antisemitismus. Conflict and Communication Online, 9(1), 1–13. Imhoff, R. & Decker, O. (2013). Verschwörungsmentalität als Weltbild. In O. Decker, J. Kiess & E. Brähler (Hrsg.), Rechtsextremismus der Mitte. Eine sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose (S. 146–162). Gießen: Psychosozial- Verlag. Jaschke, H.-G. (2001). Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Begriffe, Positionen, Praxisfelder. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. Kiess, J. (2011). Rechtsextrem  – extremistisch  – demokratisch? Der prekäre Begriff »Rechtsextremismus« in der Einstellungsforschung. In E. Buck, A. Dölemeyer, P. Ersleben, S. Kausch, A. Mehrer, M. Rodatz, F. Schubert & G. Wiedemann (Hrsg.), Ordnung. Macht. Extremismus. Effekte und Alternativen des Extremismus-Modells (S. 240–260). Wiesbaden: Springer. Küpper, B., Häusler, A. & Zick, A. (2016). Die Neue Rechte und die Verbreitung neurechter Einstellungen in der Bevölkerung. In A. Zick, B. Küpper & D. Krause (Hrsg.), Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände: Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016. Berlin: Dietz. Lipset, S. M. (1959). Der »Faschismus«, die Linke, die Rechte und die Mitte. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 11(3), 401–444. Müller, J. W. (2016). Was ist Populismus? Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Pfahl-Traughber, A. (2019). Die AfD und der Rechtsextremismus. Wiesbaden: essentials. Springer VS. Pickel, G. & Yendell, A. (2018). Religion als konfliktärer Faktor im Zusammenhang mit Rechtsextremismus, Muslimfeindschaft und AfD-Wahl. In O. Decker & E. Brähler (Hrsg.), Flucht ins Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft (S. 217–242), Gießen: Psychosozial-Verlag. Rees, J.,  & Lamberty, P. (2019). Mitreißende Wahrheiten: Verschwörungsmythen als Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. In A. Zick, B. Küpper & W. Berghan (Hrsg.), Verlorene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/19. Berlin: Dietz. Schönbach, P. (1961). Reaktionen auf die antisemitische Welle im Winter 1959/1960. Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanstalt. Schuler, J., Kiess, J, Decker, O. & Brähler, E. (2020). Rechtsextremismus, Gewaltbereitschaft, Antisemitismus und Verschwörungsmentalität: AfD-Wähler_innen weisen 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 271 Verbreitung antidemokratischer Einstellungen und Parteipräferenz die höchste Zustimmung zu anti-demokratischen Aussagen auf. https://www. kredo.uni-leipzig.de/aktuelles (30.04.2020). Ulbrich-Herrmann, M. (1995). Zur Verbreitung von gewaltbefürwortenden Einstellungen und Gewaltverhalten. In W. Heitmeyer (Hrsg.), Gewalt. Schattenseiten der Individualisierung bei Jugendlichen aus unterschiedlichen Milieus (S. 127–141). Weinheim: Juventa. Biografische Notizen Julia Schuler, Psychologin, M.Sc., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig und Vorstandsmitglied des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig. Derzeit forscht sie im Forschungsprojekt »Berlin-Monitor« zu Diskriminierungserfahrungen sowie politischer Teilhabe- und Handlungsmöglichkeiten. Johannes Kiess, Dr., studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Leipzig sowie an der Ben-Gurion-Universität des Negev, Beer Sheva, Israel. Derzeit forscht und lehrt er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Vergleichende Kultursoziologie und politische Soziologie Europas an der Universität Siegen. Zwischenzeitlich war er Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln, und an der Georgetown University, Washington D. C. In seiner 2018 verteidigten Dissertation untersuchte er »Die soziale Konstruktion der Krise«.  Oliver Decker, Prof. Dr., studierte Psychologie, Soziologie und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Er ist Professor für Sozialpsychologie und interkulturelle Praxis an der Sigmund Freud PrivatUniversität Berlin und Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig sowie Co-Sprecher des Graduiertenkollegs »Rechtspopulismus«. 2015 war er Gastprofessor am Department Critical Theory and the Arts, 2019 Gastprofessor am Institut für Soziologie der Universität Wien. Herausgeber des zweibändigen Lehrbuchs Sozialpsychologie und Sozialtheorie (2018). Elmar Brähler, Prof. Dr. rer. biol. hum. habil., war von 1994 bis zu seiner Emeritierung 2013 Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig. Seitdem ist er Gastwissenschaftler an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Er leitet dort das BMBF-Verbundprojekt »DDR-Vergangenheit und psychische Gesundheit: Risiko- und Schutzfaktoren«. 273 AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder Empirische Daten und sozialpsychologische Interpretationen Hans-Jürgen Wirth In der Parteienlandschaft der Bundesrepublik Deutschland nehmen die AfD und die Grünen extreme Gegenpositionen ein. Dies kommt beispielsweise dadurch zum Ausdruck, dass niemand die antisemitischen, fremdenfeindlichen, autoritären und rechtsextremistischen Äußerungen und Haltungen der AfD so entschieden ablehnt wie die Wählerschaft von Bündnis 90/Die Grünen. Umgekehrt sehen die Funktionsträger der AfD ihren Hauptgegner in den Grünen und ihren politischen Programmen, ihren lebensweltlichen Wertorientierungen und in den von ihnen propagierten und praktizierten Lebensstilen. Da sich die AfD mit allen Parteien anlegt und umgekehrt auch alle Parteien die Programmatik, den Politikstil und vor allem die Verankerung der AfD im rechtsextremen, antisemitischen und fremdenfeindlichen Milieu mehr oder weniger vehement ablehnen, kann leicht übersehen werden, dass die zentrale gesellschaftliche Auseinandersetzung zwischen der AfD und den Grünen ausgetragen wird. Hier prallen zwei entgegengesetzte soziale Milieus mit ihren jeweils spezifischen Wertesystemen, Lebensauffassungen, Lebensstilen, Welt-, Geschichts- und Menschenbildern aufeinander. Diese Entgegensetzung zeichnet sich in den Parteiprogrammen, im Schlagabtausch zwischen den Repräsentanten und Repräsentantinnen und im öffentlichen Diskurs über die beiden Parteien ab. Dass auch die Wählerschaften der beiden Parteien wenig Gemeinsamkeiten haben, zeigt sich in den Wahlanalysen der Wählerwanderung. Bei der Bundestagswahl 2017 fand eine erhebliche Verschiebung zwischen den Parteien statt, die der AfD den Einzug in den Bundestag bescherte. Die AfD verzeichnete die meisten Stimmengewinne aus der Gruppe der Nichtwähler und Nichtwählerinnen, konnte aber auch von den anderen Parteien ganz erhebliche Stimmengewinne verbuchen. Die geringste Wählerwanderung fand von den Grünen zur AfD statt (ARD, 2017; Infratest dimap, 2017; Statista, 274 Hans-Jürgen Wirth 2020b). Das soziale Milieu, aus dem sich die grüne Wählerschaft rekrutiert, ist für die populistischen Lockrufe der AfD offenbar nur wenig empfänglich. Im Folgenden soll anhand von einigen ausgesuchten Aspekten untersucht werden, ob sich diese Polarisierung auch in den Daten der Studie »Die Parteien und das Wählerherz 2018« (Yendell et al., 2020, in diesem Band) zeigt und wie sie theoretisch zu fassen ist. Dabei sollen insbesondere der soziologische Ansatz von Andreas Reckwitz (2019a, 2019b) und narzissmustheoretische Konzepte diskutiert werden. Parteipräferenz und Arbeitslosigkeit Hinsichtlich der Arbeitslosigkeit nimmt die Wählerschaft von AfD und Grünen polarisierte Positionen ein (Yendell et al., 2020, in diesem Band, Abb. 3). Die Anhänger und Anhängerinnen der AfD befinden sich – zumindest zum Teil – in einer prekären ökonomischen Situation. Bei ihnen liegt die Arbeitslosigkeit bei 9,6 % und ist damit sogar höher als bei den Nichtwählerinnen und Nichtwählern und den Unentschlossenen, die ansonsten bei verschiedenen Fragestellungen ihren prekären gesellschaftlichen Status erkennen lassen. Man kann von daher vermuten, dass sich zumindest ein Teil der AfD-Wähler und -Wählerinnen als Opfer einer ökonomischen Entwicklung verstehen, von der sie sich benachteiligt fühlen. Die WählerInnen der Grünen befinden sich hinsichtlich der Arbeitslosigkeit am entgegengesetzten Pol: Nur 1,8 % sind arbeitslos (ebd.). Sie sind Teil der neuen Mittelschicht, die von den expandierenden wirtschaftlichen Feldern der Digitalwirtschaft, der High-Tech-Industrie der Wissensökonomie und der Dienstleistungen besonders profitiert. Die Grünen repräsentieren die ökonomischen AkteurInnen der Transformation von der Industriegesellschaft zur postindustriellen Ökonomie, die wesentlich auf Wissen, Digitalisierung, Globalisierung, Vernetzung, Kreativität, komplexen Dienstleistungen und ständiger technischer und kultureller Innovation beruht. Gesellschaftliche und sozialpsychologische Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland Die beschriebenen gesellschaftlichen Wandlungsprozesse hat Andreas Reckwitz (2019a) unter dem Stichwort »Singularitäten« beschrieben. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 275 AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder Er benennt mit diesem Begriff das zentrale Merkmal, das den tiefgreifenden Strukturwandel von der industriellen Moderne zur postindustriellen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft charakterisiert. Die Industriegesellschaft zeichnet sich durch »technische, kognitive und normative Rationalisierung« (ebd., S. 34f.), »Formalisierung« (ebd.) und eine »soziale Logik des Allgemeinen« (ebd., S. 37) aus. Das gesellschaftliche Ziel ist »eine effiziente Ordnung und die Eliminierung des Überflüssigen. Die Modellsubjekte einer solchen technizistischen Gesellschaft sind der Techniker und der Ingenieur« (ebd., S.  43). Das Persönlichkeitsideal ist die »sozial angepasste Persönlichkeit« (ebd., S. 38) – und es ist männlich. Die postindustrielle Dienstleistungs-, Wissens- und Konsumgesellschaft zeichnet sich hingegen durch »postmaterialistische Orientierungen« (ebd., S. 104), die Entwicklung von »Humankapital« (ebd., S. 215) und eine soziale Logik des Besonderen, des Singulären, aus. Das gesellschaftliche Ziel ist die »Fabrikation von kulturellen Einzigartigkeiten« (ebd., S. 105), die »positive Affizierung« (ebd., S. 121) und Lebensqualität versprechen. Das Persönlichkeitsideal ist das authentische, sich selbst verwirklichende Subjekt, das an seinem »unverwechselbaren Profil« (ebd., S. 107), also an seiner Singularität, arbeitet, um sich auf den »Attraktivitätsmärkten« (ebd.) zu behaupten. Dieses Persönlichkeitsideal bietet sowohl Männern als auch Frauen Entfaltungsmöglichkeiten. In der DDR bestanden gänzlich andere soziale Strukturen, und sowohl die ökonomische als auch die sozialpsychologische Entwicklung nahm einen anderen Verlauf. In der Aufbauphase der DDR entwickelten die politischen Machthaber gezielt ein »sozialistisches Establishment«, das aus »loyalen, staats- und parteitreuen Personen« (Hofmann, 2020) bestand. Dieses verlieh dem sozialistischen System eine hohe Stabilität, legte sich »in den späten Jahren der DDR [jedoch, H.-J. W.] wie eine Bleiplatte über die traditionellen Lebenswelten« (ebd.). Doch obwohl sich die Führung der DDR alle Mühe gab, die Bevölkerung und insbesondere die Jugend vor den »zersetzenden« Einflüssen aus dem Westen zu schützen, nahm die Bevölkerung regen Anteil an der Entstehung von neuen Konsumgewohnheiten, sich auflockernden Lebensstilen und Umgangsformen sowie der Musik, die diese »Lockerungsübungen« begleitete oder auch zuallererst in Gang setzte. Bereits Anfang der 1960er Jahre drang die »Beat-Musik«, von London ausgehend, auch bis in die Ohren der DDR-Jugend und setzte ihre Körper und ihren Affekthaushalt in Bewegung. Alle offiziellen Verbote, West-Medien zu hören und zu 276 Hans-Jürgen Wirth sehen, konnten letztlich nicht verhindern, dass die Bevölkerung der DDR indirekt an allen kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen im Westen beobachtend, mitfühlend, sich identifizierend, aber auch sich davon distanzierend teilnahm. Die Ost-Berliner Psychoanalytikerin Annette Simon (2000) beschreibt die damalige Zeit aus ihrer Erinnerung: »Die Achtundsechziger der DDR sind genau wie ihre Schwestern und Brüder im Westen geprägt von der Musik dieser Zeit und dem Lebensgefühl, das sie transportierte. Auch die antiautoritären Gedanken und Haltungen schwappten in jeder Weise über die Grenze – über die Medien aller Art« (ebd., S. 9). Die Autorin weist aber auch auf die Unterschiede zwischen Ost und West hin: »Die Achtundsechziger der DDR hatten es viel schwerer, sich dem lustvollen Strom der Rebellion euphorisch zu überlassen. Ihnen stand eine ganz andere autoritäre Staatsgewalt gegenüber« (ebd., S. 10). Die offiziellen Kommentierungen der neuen Jugendkultur waren teils abwertend und diffamierend, teils säuerlich-verklemmt. So legte die politische Führung der DDR generell größten Wert auf »die Anwendung minutiöser Sprachregelungen« (Mrozek, 2019, S. 565). Die Sprache war »hoch politisiert« (ebd.). Entsprechend empfindlich und scharf reagierten die Verantwortlichen auf die »Internationalisierung der Jugendsprache« (ebd., S. 566), die zusammen mit der Beat-, Rockund Pop-Musik und der Entfaltung einer jugendspezifischen Kultur auch von den Jugendlichen in der DDR mit Begeisterung aufgenommen wurde. Internationale »jugendsprachliche Neologismen [wurden] in der DDR-Tagespresse als ›Sprache der Faschisten‹ diffamiert« (ebd., S.  566). »Dieser Rigorismus«, mit dem die witzige, spielerische und kreative Jugendsprache entwertet und bekämpft wurde, »war kein ostdeutsches Spezifikum« (ebd.), sondern fand sich auch im Westen. Dort spielte sich der Konflikt hauptsächlich als Auseinandersetzung zwischen den Generationen ab, im Osten handelte es sich vor allem auch um eine politische Konfrontation. Das komplette Unverständnis der ostdeutschen Führungskader für diese neuen Lebensbedürfnisse, die mit politischen Einstellungen zunächst nichts zu tun hatten, führte bei Teilen der Bevölkerung, vor allem bei den Jüngeren, zu einer von Skepsis geprägten Einstellung gegenüber dem politischen System und zum emotionalen 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 277 AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder Rückzug in die »Nischen«, die als Rückzugsorte kultureller Selbstbestimmung fungierten (Reis, 2018). »Dennoch entwickelten sich seit den 1970er Jahren auch in der DDR moderne Lebenswelten. Im Gefolge der wachsenden internationalen Anerkennung, des Empfangs westdeutscher Massenmedien und der Honeckerschen Sozialpolitik erhielt die DDR trotz aller Einschränkungen Anschluss an den Massenkonsum, den – freilich auf ›Bruderstaaten‹ beschränkten – Massentourismus und an die westliche Massen- und Musikkultur. Wer in dieser Zeit sozialisiert worden ist, konnte auch in der DDR an der Modernisierung der Lebenswelten teilnehmen. Neue soziale Milieus entstanden, die sich aber schwer etablieren, geschweige denn aufsteigen konnten. Diese musik- und bildungsorientierten bzw. subkulturellen Lebensstile verband deshalb auch kaum noch etwas mit der DDR. Entweder sie pflegten in privaten Nischen ihre Neigungen oder sie versuchten, ein alternatives Gegenmilieu in der DDR aufzubauen, oft unter dem Dach der Kirche« (Hofmann, 2020). Wie Hofmann weiter ausführt, kamen »die Akteure der friedlichen Revolution von 1989/90 im Wesentlichen aus diesen blockierten, neuen sozialen Milieus«. Da waren zum einen die politischen Aktivisten aus dem »links-alternative[n] Milieu« (ebd.), das man auch als »Bürgerrechtlermilieu« (ebd.) bezeichnen könnte, aus dem später Bündnis 90 hervorging. Und da war zum anderen das »hedonistische«, also »genussorientierte, nicht auf Askese ausgerichtete Arbeitermilieu« (ebd.), das zwar nicht politisch motiviert war, aber »den größten Anteil an Antragstellern auf Ausreise aus der DDR« (ebd.) stellte und mit seiner Abstimmung mit den Füßen wesentlich zum Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus beitrug. »Aber auch in den traditionellen sozialen Lagen der Arbeiter und Angestellten wird in den 1980er Jahren mit dem sichtbaren Niedergang der Industrie und der Städte das Arrangement mit dem System vielfach aufgekündigt, und selbst im sozialistischen Establishment melden sich jetzt Reformer« (ebd.). An dieser Gemengelage wird deutlich, dass auch für die DDR am Wandel von der Industriegesellschaft (auf die sich das sozialistische Gesellschaftskonzept ideologisch eingeschworen hatte) zur Dienstleitungs-, Wissensund Konsumgesellschaft kein Weg vorbei führte. Die DDR und die an- 278 Hans-Jürgen Wirth deren sozialistischen Staaten versuchten so lange wie irgend möglich, die technischen und ökonomischen Prozesse der Globalisierung, der Digitalisierung, der Dienstleistungs- und Konsumentenorientierung zu ignorieren und die kulturellen Prozesse der Individualisierung, der Ästhetisierung, der Kulturalisierung, kurz: der Singularisierung, zu unterdrücken oder kaltzustellen. An dieser Unfähigkeit, den gesellschaftlichen Wandel zu akzeptieren und dann aktiv zu gestalten, scheiterten schließlich alle sozialistischen Staaten im sowjetischen Machtbereich. Welche zentrale Rolle Bildung und Wissen dabei spielen, zeigt der Zusammenhang zwischen Parteipräferenz und Abitur. Parteipräferenz und Abitur Der extrem hohe Anteil an Abiturienten und Abiturientinnen unter den Wählern und Wählerinnen der Grünen von 40 % (Yendell et al., 2020, in diesem Band) weist sie als die gesellschaftliche Gruppierung aus, die zu den Protagonisten und Protagonistinnen der Bildungsexpansion gehören, die in den 1950er Jahren einsetzte, seit den 1970er Jahren richtig Fahrt aufnahm und deren Ende noch nicht abzusehen ist (Geißler, 2014). Die Wähler der AfD weisen mit 15,7 % – zusammen mit den Nichtwählern und Nichtwählerinnen (14,9 %) und den Unentschlossenen (13,1 %) – den geringsten Anteil an Personen mit Abitur auf (Yendell et al., 2020, in diesem Band). Bei den AfD-Wählern und -Wählerinnen spielen sowohl die Altersstruktur als auch das Geschlecht eine verstärkende Rolle. Unter ihnen sind die Älteren und die Männer deutlich stärker vertreten als bei den Grünen. Die Tatsache, dass die AfD-Wähler und -Wählerinnen die höchste Arbeitslosenquote aufweisen, aber gleichwohl hinsichtlich des Nettoeinkommens im Mittelfeld liegen (ebd.), weist darauf hin, dass sie nicht hauptsächlich in der Unterschicht und den ökonomisch extrem benachteiligten Schichten der Gesellschaft beheimatet sind. Die Daten legen nahe, dass es in der Wählerschaft der AfD neben den arbeitslosen und prekär Beschäftigten eine andere Gruppierung gibt, die eher zu den ökonomisch durchschnittlich oder gut gestellten Einkommensgruppen gehört. Dieser Eindruck wird bestätigt, wenn man die Berufe der bekannten Repräsentanten und Repräsentantinnen der AfD betrachtet, zu denen Professoren, beamtete Lehrer und mindestens ein pensionierter Staatssekretär gehören. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 279 AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder Dabei ist allerdings zu beachten, dass Parteifunktionäre und -funktionärinnen und ihre Wählerschaft bei den meisten Parteien nicht den gleichen gesellschaftlichen Gruppierungen angehören. Folgt man der soziologischen Analyse von Reckwitz (2019a, 2019b), so entstammen die Wähler und Wählerinnen der AfD einer sozialen Gruppierung, die er als »alte Mittelklasse« bezeichnet. In der »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« (Schelsky, 1965) der Nachkriegszeit war »diese Mittelklasse sozial und kulturell gewissermaßen alternativlos, sie war der unumstrittene Träger der gesellschaftlichen Hegemonie« (Reckwitz, 2019b, S. 87). Im Zuge der Transformation von der industriellen Moderne zur postindustriellen Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft hat die alte Mittelklasse ihre dominierende Stellung verloren und gerät gegenüber der »neuen Mittelklasse auf subtile Weise ins Hintertreffen« (ebd., S. 88). Die Einkommen der alten Mittelklasse stagnieren, während die der durchweg akademisch ausgebildeten neuen Mittelkasse steigen. Hinzu kommt, dass die kulturellen Werte der alten Mittelklasse, die auf Konventionalismus, Konformität, Ordnung und das Streben nach sozialer Normalität ausgerichtet waren, zunehmend als veraltet und entwertet erlebt werden. Die Protestwahl richtet sich auch gegen den als unverschuldet empfundenen sozialen Abstieg und den kulturellen Bedeutungsverlust (Reckwitz, 2019b; Koppetsch, 2019). Parteipräferenz und Geschlecht In der Wählerschaft der AfD ist der Anteil der Männer mit 63,3 % so hoch wie in keiner der anderen Vergleichsgruppen (Yendell et al., 2020, in diesem Band). Mit einem Anteil von nur 36,7 % wird die AfD deutlich seltener von Frauen gewählt als alle anderen Parteien (ebd.). Man kann die AfD als »Männerpartei« charakterisieren. Wie sich noch zeigen wird, drückt sich das auch in ihrem psychologischen Profil aus. In der Wählerschaft aller anderen Parteien ist der Anteil der Frauen höher als der der Männer, wobei das Geschlechterverhältnis bei der Union fast ausgeglichen ist, der Frauenanteil bei der FDP mit 59,8 % und bei den Grünen mit 58,5 % am höchsten ausfällt.1 1 Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, wie sich Männer und Frauen im Deutschen Bundestag bei den einzelnen Parteien verteilen (Kürschner Volkshandbuch, 2020, 280 Hans-Jürgen Wirth Vor diesem Hintergrund kann man Bündnis 90/Die Grünen als eine Partei bezeichnen, die sich die Gleichberechtigung und Emanzipation der Frauen nicht nur auf die Fahnen geschrieben hat, sondern in ihrer Personalpolitik praktisch umsetzt, und der es auch gelingt, viele Frauen als Wählerinnen anzusprechen. Der Einfluss der Frauenbewegung, die in den 1970er und 1980er Jahren die Parteigründung und programmatische Ausrichtung der Grünen wesentlich mitgeprägt hat, ist also nach wie vor ausschlaggebend. Wie sich das im psychologischen Profil der Partei und ihrer Wählerschaft ausdrückt, soll im Folgenden genauer betrachtet werden. Die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse der letzten Jahrzehnte haben die Geschlechterordnung in dramatischer Weise verändert. Im Westen hat die Erwerbstätigkeit der Frauen erheblich zugenommen, und vor allem haben »die Frauen überdurchschnittlich von der Bildungsexpansion profitiert« (Reckwitz, 2019b, S. 111). Diese setzte im Westen ab 1970, im Osten etwa ab 1990 ein. Wie die Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen, ist die Zahl der weiblichen Hochschulabsolventen in Deutschland höher als die der männlichen. In manchen Fächergruppen, beispielsweise in den Geistes- und Kulturwissenschaften, der Psychologie, der Medizin und der sozialen Arbeit, stellen sie sogar die überwiegende Mehrheit der Studierenden (Statista, 2019; Statistisches Bundesamt, 2020). Dass sich diese Veränderungen im Bildungsniveau auch im Selbstbild und im Selbstwertgefühl der Frauen niederschlagen, haben wir bereits in einer früheren Studie (Brähler & Wirth, 1991) gezeigt, die sich mit den Veränderungen im psychologischen Selbstbild von Männern und Frauen im Zeitraum von 1975 bis 1989 beschäftigt. Damals haben wir unsere Ergebnisse, die sich allerdings nur auf die alten Bundesländer bezogen, wie folgt zusammengefasst: »1975 waren die Frauen mit hoher Bildung am depressivsten von allen Gruppen. 1989 ist diese Gruppe um 2,5 Prozentpunkte hypomanischer geworden. Die Frauen mit hoher Bildung haben sich also extrem verändert. Sie sind dominanter, eigensinniger, selbstbewusster und weniger depressiv gewor- Stand: Juli 2019). Im Durchschnitt beträgt der Frauenanteil im Deutschen Bundestag 31,2%. Frauen sind also im Deutschen Bundestag deutlich unterrepräsentiert. Der Frauenanteil unter den Abgeordneten ist nur bei Bündnis 90/Die Grünen (Frauen: 58,2%, Männer: 41,8%) gefolgt von Die Linke (Frauen: 53,5%, Männer: 46,4%) höher als der Anteil der männlichen Abgeordneten. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 281 AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder den. Man könnte sie als die ›psychologischen Gewinnerinnen der Bildungsexpansion‹ bezeichnen« (Brähler & Wirth, 1991, S. 93). Dass sie gleichwohl in vielen familiären Konstellationen auch heute noch stärker für Haushalt und Kinderbetreuung zuständig sind als ihre männlichen Partner, führt zu einer Doppelbelastung, die in vielen Studien festgestellt wurde (Peuckert, 2019, S. 383ff.). Diese Doppelbelastung führt u. a. dazu, dass in den Führungsetagen, beispielsweise in großen Konzernen oder auch auf der Ebene der Professoren und Professorinnen, Frauen nach wie vor stark unterrepräsentiert sind. Und weiter heißt es in unserer damaligen Studie: »Die Männer mit hohem Bildungsgrad sind zwar auch etwas hypomanischer geworden, jedoch nur sehr geringfügig. In umgekehrter Richtung hingegen haben sich die Frauen und die Männer mit niedrigem Bildungsgrad entwickelt. Hier sind es aber insbesondere die schlechter gebildeten Männer, die sehr viel depressiver geworden sind. Faßt man alle Befunde zusammen, kann man die Männer mit niedrigem Bildungsgrad als die ›psychologischen Verlierer der Bildungsexpansion‹ bezeichnen« (Brähler & Wirth, 1991, S. 93). In einer repräsentativen Erhebung im Sommer 1989, deren Durchführung fast zeitgleich mit der Wende 1989 in der Bundesrepublik Deutschland und in Berlin-West lief, wurde die psychologische Selbsteinschätzung der Bundesdeutschen ermittelt. Aufgrund dieser Daten hat Elmar Brähler (1995) das Selbstportrait der Wählerschaft der Grünen dargestellt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Grünen-Wählerinnen als die »selbsternannte Avantgarde des Eigensinns« (ebd., S. 27) darstellen. Im Vergleich mit dem Durchschnitt der weiblichen Bevölkerung vermitteln sie »das Selbstporträt von starken, dominanten, tatkräftigen Frauen, die sich durchsetzen können und dabei auch fähig sind, lässig der Geselligkeit zu frönen. [...] Und sie bedienen sich der Gestik und Mimik in starkem Maße. Im Selbstporträt der Grünen-Wählerinnen wird vieles über Bord geworfen, was in unserer Gesellschaft zum Rollenklischee der Frauen gehört, die ja fügsam, brav und ehrlich alle Arbeiten verrichten sollen« (ebd., S. 31). Die männlichen Sympathisanten der Grünen haben im Vergleich zum Durchschnitt der männlichen Bevölkerung den Eindruck, »sich besonders 282 Hans-Jürgen Wirth häufig über innere Probleme Gedanken zu machen, sich eher bedrückt zu fühlen, sich häufig Selbstvorwürfe zu machen« und einer Partnerin »viel Liebe schenken zu können« (ebd., S. 29). »Die Grünen-Wähler stellen sich damit eher als selbstreflexiv dar, sie bemühen sich und sind dabei leicht depressiv. Sie vermitteln den Eindruck, daß sie trotz aller Anstrengungen für den anderen das Gefühl haben, nicht genug zu tun. Sie leiden an der Welt« (ebd.). Der Autor hebt noch eine Geschlechtsdifferenz hervor, die bei den Grünen besonders auffällt, die aber in der Durchschnittsbevölkerung nicht existiert: »Die Männer fühlen sich geduldiger als die Frauen« (ebd., S. 32). Die grünen Männer haben also Eigenschaften entwickelt und angenommen, die traditionell eher der weiblichen Rolle zugeschrieben werden, nämlich Selbstreflexivität, Nachdenklichkeit und Leidensfähigkeit. Soziologische und sozialpsychologische Analyse gehen davon aus, dass Dank der erfolgreichen Frauenemanzipation die früher als typisch »weiblich« geltenden Eigenschaften wie Expressivität, Emotionalität, Kommunikationsfreudigkeit, emotionale Kompetenz und Fürsorglichkeit, eine stärkere gesellschaftliche Relevanz, Anerkennung und Verbreitung gefunden haben – und zwar sowohl bei Frauen als auch bei Männern (Reckwitz, 2019b, S. 111). Horst-Eberhard Richter (1974, S. 51f.) hat bereits in den 1970er Jahren die These vertreten, es sei »unerlässlich«, dass »›weibliche‹ Aspekte verändernd in diverse gesellschaftliche Bereiche eindringen, die bislang ausschließlich nach dem ›Männlichkeits-Stereotyp‹ geprägt sind. Die Slogans von Lebensqualität und Humanisierungspolitik können sich nur dann mit entsprechendem Sinn füllen, wenn die Werte der Kommunikation, der zwischenmenschlichen Solidarität und der emotionellen Selbstbefreiung durchgesetzt werden, die bislang vor allem von den Frauen getragen werden. Eine einseitig an dem herkömmlichen Männlichkeits-Stereotyp haftende Politik beharrt auf den Prinzipien von Stärke, Macht und Expansionismus. Was die von Männlichkeits-Ideologie bestimmte Politik nie trifft, ist die eigentliche Bereicherung des sozialen Lebens nach innen, die an emotionellen Werten orientierte Umformung«. Und auf die Zukunft gerichtet gibt Richter seiner Hoffnung Ausdruck: »Einen echten Fortschritt verheißt also nur eine Entwicklung, die auf breiter Ebene auch zu einer Änderung des männlichen Selbstverständnisses 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 283 AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder führt. Es bleibt nur die Hoffnung übrig, daß auch in den Männern selbst jene neuen Bedürfnisse und Leitbilder an Boden gewinnen, die auf eine eigene Veränderung dringen und neue Orientierungspunkte setzen« (ebd., S. 53). Richters Hoffnungen haben sich – wenn auch nur partiell – erfüllt: Die als »weiblich« bezeichneten Eigenschaften sind zugleich diejenigen Eigenschaften und Fähigkeiten, die in der postindustriellen Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, speziell bei den personenbezogenen Dienstleistungen, also in der Pädagogik, der Medizin, der Psychotherapie, Beratung, Betreuung und Pflege, gefragt und elementar notwendig sind. Diese Eigenschaften sind gesellschaftlich deutlich aufgewertet worden, haben sich bei den Männern aber gleichwohl nicht so stark verbreitet wie bei den Frauen. Die personenbezogenen Dienstleistungen waren und sind eine Domäne der Frauen, aber immerhin konnten die Frauen auch in denjenigen helfenden Berufen reüssieren, die ein hohes Prestige genießen und ein relativ gutes Einkommen garantieren und früher von den Männern dominiert wurden, wie der Beruf der Ärztin und der Psychotherapeutin. Auch in der Kreativwirtschaft und in den Bereichen Marketing, PR und Vertrieb, im Journalismus, in der Verlags- und Buchbranche spielen diese Eigenschaften eine zentrale Rolle. Die Wissens- und Dienstleistungsberufe bilden die neue Mittelklasse, die zum ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zentrum der postindustriellen Gesellschaft aufgestiegen ist und dabei auch einen gesellschaftlichen Wertewandel in Gang gesetzt hat. Der US-amerikanische Sozialpsychologe Ronald Inglehart (1977) hat von »post-materialistischen Wertorientierungen«, Alan Gartner und Frank Riessman (1974) vom »neuen Ethos der personenbezogenen Dienstleistungsgesellschaft« und Horst-Eberhard Richter (1974, S. 236) von »antiexpansionistischen Leitmotiven« gesprochen. Die Lebensführung und die Wertorientierung dieser neuen Mittelklasse sind durch das Streben nach »erfolgreicher Selbstentfaltung« (Reckwitz, 2019b, S. 92) gekennzeichnet. »Die Gleichberechtigung der Geschlechter prägt diese Lebensform stärker als alle anderen« (ebd., S. 91). In den alten Bundesländern sind die Grünen die Vorreiter und Exponenten dieser gesellschaftlichen Entwicklung. Sie sind aus den Neuen Sozialen Bewegungen der 1970er Jahre hervorgegangen. Zu ihnen gehörten unter anderen die Frauen-, die Ökologie-, die Anti-Atomkraft- und die Friedensbewegung, aber auch die Alternativbewegung und die Bewegung der psychosozialen Initiativ- und Selbsthilfe- 284 Hans-Jürgen Wirth gruppen, die auf den psychosozialen Bereich einen nachhaltigen Einfluss ausüben. Demgegenüber war und ist die alte Mittelklasse von »familialistischen und traditionalen Geschlechtsrollen geprägt« (Reckwitz, 2019b, S. 113). Ihre Angehörigen empfinden die gesellschaftliche Dominanz der »liberalisierten Geschlechterordnung als eine mehr oder minder subtile Entwertung der eigenen, althergebrachten Vorstellungen von Männern, Frauen und Familien« (ebd.). Von der rechtspopulistischen Bewegung fühlen sich insbesondere die Männer ermutigt, ihren Ängsten, Aversionen und Ressentiments gegenüber der »Unordnung«, die in den Geschlechterbeziehungen Einzug gehalten hat, Ausdruck zu verleihen. Insbesondere die Bewegung der Lesben-, Schwulen-, Bi- und Trans-Gruppen (LSBT) wirkt tief verunsichernd und abstoßend auf Männer, die ihren psychischen Halt in der Identifikation mit traditionellen Männlichkeitsmustern suchen. Ein verbindendes Element aller autoritär-populistischen Bewegungen stellen Männlichkeitskulte gepaart mit Frauenverachtung und Homophobie dar (Weiß, 2017, S. 237; Leggewie, 2016, S. 141f.), wie sie bereits für die Gruppe der rechtsradikalen Skinheads kennzeichnend waren (Wirth, 1989). Die Frauen der alten Mittelklasse, die weiterhin einer traditionellen Identität verhaftet sind, haben ebenfalls einen Prestigeverlust erlitten, weil »nur« Hausfrau und Mutter sein heute nicht mehr viel gelten (Reckwitz, 2019b, S.  113). Im Unterschied zu den gekränkten Männern haben sie sich jedoch (noch) kaum dem Rechtspopulismus angeschlossen, sondern verharren (noch) in einer indifferenten Position. Sie wählen mehrheitlich nicht die AfD, sondern bleiben weiter in der Gruppe der Nichtwählerinnen und der Unentschlossenen. Dementsprechend bilden bei dem Merkmal Geschlecht nicht die Grünen den Gegenpol zur AfD, sondern die Gruppe der Nichtwähler und Nichtwählerinnen, der Unentschlossenen, und derjenigen, die nicht wissen, wen sie wählen sollen. Der Frauenanteil ist bei diesen Gruppierungen besonders hoch und liegt bei 61,1 bis 71,4 %. Die entgegengesetzte Position zwischen indifferenten Wählern und Wählerinnen und AfD-Wählern und -Wählerinnen bei der Geschlechtszugehörigkeit ist insofern ein auffälliges Merkmal, als diese beiden Gruppen bei verschiedenen anderen Merkmalen (hohe Arbeitslosigkeit, kein Abitur, Autoritarismus) eine auffallende Ähnlichkeit aufweisen. Der AfD ist es in den vergangenen Jahren gelungen, für die Männer aus dem Lager der indifferenten Wähler ein attraktives Angebot anzubieten – für die Frauen hin- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 285 AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder gegen nicht. Offenbar spricht das betont aggressive, ressentimentgeladene, fremden- und frauenfeindliche Programm und Auftreten der AfD und der mit ihr assoziierten Organisationen und Bewegungen eher traditionelle Männlichkeitsbilder an (Wirth, 2019a). Gesellschaftliche und sozialpsychologische Aspekte der Geschlechterrollen in der DDR Sowohl in der alten Bundesrepublik als auch in der DDR galten Ehe und Familie als »Keimzelle« der Gesellschaft. In der DDR sprach man von einem »Grundkollektiv der sozialistischen Gesellschaft« (Peukert, 2019, S. 5). »Dabei war die Sozialpolitik in der DDR insgesamt stärker auf die Förderung der Familie (einschließlich der Alleinerziehenden), die Sozialpolitik der Bundesrepublik hingegen stärker auf die Förderung der Institution Ehe ausgerichtet« (ebd.). Ein wichtiger Unterschied zwischen beiden Gesellschaftsordnungen betraf »das Verhältnis zwischen Familie und Staat. In der Bundesrepublik besteht eine rechtliche Verpflichtung von Staat und Gesellschaft, die Familie zu fördern« (ebd.), während gleichzeitig der private Raum der Familie geschützt ist und der Staat nur äußerst beschränkte direkte Einflussmöglichkeiten oder Zugriffsrechte besitzt, beispielsweise wenn es um eine Kindeswohlgefährdung geht. »In der DDR wurden die Autonomie und Privatheit der Familie hingegen nur sehr eingeschränkt anerkannt« (ebd.). »Die Verfassung der DDR postulierte in Artikel  20 die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sowie die vollständige Integration der Frauen in den sozialistischen Arbeitsprozess: Männer und Frauen hatten danach sowohl ein Recht auf als auch eine Pflicht zur Arbeit« (Döge, 2008, S.  37). Die Gleichberechtigung der Frauen in Schule, Ausbildung und Erwerbsleben war eine »Emanzipation von oben«, die sich »paternalistisch-autoritär« (Peukert, 2019, S. 6) vollzog. »Sie wurde von Männern gesteuert und war dem öffentlichen Diskurs entzogen (Geißler, 2014). Sie war ideologisch, politisch und ökonomisch motiviert. Ideologisch war die Pflicht zur Erwerbstätigkeit begründet im marxistisch-leninistischen Selbstverständnis von der Entfaltung der Persönlichkeit und der Emanzipation der Frau. Politisch versuchte man, die Frauen durch ihre Gleichstellung für das sozialistische System zu motivieren, und aus ökonomischer Sicht wurden Frauen dringend als Arbeitskräfte 286 Hans-Jürgen Wirth für die Wirtschaft benötigt. Entsprechend verfolgte die DDR das Ziel der simultanen Vereinbarkeit von Erwerbs- und Familientätigkeit der Frau und wies – auch im internationalen Vergleich – extrem hohe Erwerbsquoten von verheirateten Müttern und von Müttern mit Kleinkindern von über 90 % auf« (ebd., S. 6f.). Dessen ungeachtet war das Geschlechterverhältnis in der DDR durch massive Ungleichwertigkeiten gekennzeichnet. »Zwar wurde die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie durch den Aufbau eines flächendeckenden Netzes staatlicher Kinderbetreuungseinrichtungen für die berufstätigen Frauen massiv erleichtert, aber Kinderbetreuung und Familienarbeit blieben weiterhin eine Frauenangelegenheit. […] Geschlechterpolitik in der DDR richtete sich an die ›Frau als Mutter‹« (Döge, 2008, S. 37). »Die fast ausschließlich an Frauen adressierten Regelungen zur Erleichterung der gleichzeitigen Verbindung von Familien- und Berufsarbeit schrieben traditionelle Rollenzuweisungen fest und trugen zur Zementierung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung bei. Sie sollten es Frauen ermöglichen, die vielfältigen und ambivalenten Anforderungen in Beruf und Familie zu erfüllen, ohne Männer stärker in Familientätigkeiten einzubeziehen« (Trappe, 1995, S. 212). Während in der DDR die Gleichberechtigung der Frauen staatlich verordnet wurde, ging die Initiative in der alten Bundesrepublik von den Frauen selbst aus und fand in der Frauenbewegung ihren deutlichsten Ausdruck. Es handelte sich im Westen also um eine »Emanzipation von unten« (Geißler, 2014). Dort war »der Kampf um Gleichberechtigung vorrangig auf der Ebene des Bewusstseins erfolgreich – eine tatsächliche Umverteilung von Macht, Arbeit und Finanzen zwischen den Geschlechtern fand nur ansatzweise statt« (Peuckert, 2019, S. 7). Im Osten war es umgekehrt: Die Gleichberechtigung wurde praktisch durchgesetzt, blieb aber – da sie nicht erkämpft wurde – »ohne tiefgreifende Veränderungen auf der Ebene des Bewusstseins« (ebd.). Der flächendeckende Ausbau der institutionellen Kinderbetreuung in Krippen, Kindergärten und Schulhorten sollte die Eltern, vor allem die Frauen, finanziell und zeitlich entlasten, um sie für die Berufsarbeit freizustellen. Eine gerechtere Verteilung der Arbeit und Verantwortung für die täglichen häuslichen Pflichten war aber weder gesellschaftlich erwünscht, 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 287 AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder noch entwickelten sich bei den Frauen und Männern spontan Bedürfnisse danach (ebd.). Die Wählerschaft der AfD: autoritär, unterwürfig, konventionell In einer Reihe gesellschaftspolitisch hochbrisanter und aktueller Fragen nehmen die Wählerinnen und Wähler der Grünen und die der AfD entgegengesetzte Positionen ein: In gewisser Weise begründet die AfD sogar ihre Entstehung und ihre Existenzberechtigung damit, dass die öffentliche Meinung, die Medien, ja sogar die gegenwärtige Regierungskoalition von der »grün-alternativen Meinungsdiktatur« bestimmt seien. Grüne und AfD repräsentieren diametral entgegengesetzte politische Zielsetzungen und weltanschauliche Wertorientierungen. Diese Polarität spiegelt sich auch in den Ergebnissen der Autoritarismus- Skala (Yendell et al., 2020, in diesem Band, Abb. 7–16) wider. Die Autoritarismus-Skala (Beierlein et al., 2014) setzt sich aus 9 Items zusammen, die folgende Subdimensionen enthält: Autoritäre Aggression (»durch Autoritäten sanktionierte generelle Aggression gegenüber anderen«), autoritäre Unterwürfigkeit (»Unterwürfigkeit unter etablierte Autoritäten und generelle Akzeptanz ihrer Aussagen und Handlungen«) und Konventionalismus (»starkes Befolgen etablierter gesellschaftlicher Konventionen«). Autoritarismus ist das, oder zumindest eines der zentralen Merkmale, nach denen sich Af D-Wähler und Wählerinnen und diejenigen der Grünen unterscheiden – ja maximal polarisieren. Nicht nur bei der Gesamtskala Autoritarismus, sondern auch bei allen Einzelskalen nehmen AfD und Grüne die Extrempole ein. Diese sehr entschiedene Stellungnahme der Wählerschaft beider Parteien zeigt, dass es sich um weltanschauliche Grundsätze handelt, die fest im Selbst- und Weltbild und in der Gruppenidentität verankert sind. Im Vergleich zur Wählerschaft der anderen Parteien ist die Wählerschaft der AfD extrem autoritär (ebd., Abb. 7: Gesamtskala Autoritarismus), befürwortet »gesellschaftliche Härte gegen Außenseiter und Nichtstuer« (ebd., Abb. 8), ist der Meinung, »Unruhestifter sollten deutlich zu spüren bekommen, dass sie in der Gesellschaft unerwünscht sind« (ebd., Abb. 9), ist dafür, »gesellschaftliche Regeln ohne Mitleid durchzusetzen« (ebd., Abb. 10), wünscht sich »eine starke Führungsperson, damit wir in 288 Hans-Jürgen Wirth der Gesellschaft sicher leben können« (ebd., Abb.  11), ist der Ansicht, »Menschen sollten wichtige Entscheidungen in der Gesellschaft Führungspersonen überlassen« (ebd., Abb. 12), findet, »wir sollten dankbar sein für führende Köpfe, die uns genau sagen, was wir tun können« (ebd., Abb. 13), plädiert dafür, »Traditionen unbedingt zu pflegen und aufrecht zu erhalten« (ebd., Abb. 14), vertritt den Standpunkt, »bewährte Verhaltensweisen sollten nicht infrage gestellt werden« (ebd., Abb. 15) und ist der Auffassung, »es ist immer das Beste, Dinge in der üblichen Art und Weise zu machen« (ebd., Abb. 16). In diesen Einstellungen kommt zum einen eine starke Identifikation mit autoritärer Aggression (ebd., Abb. 7–10) und zum anderen ein Verlangen nach Unterwürfigkeit (ebd., Abb. 11–13) zum Ausdruck. Beides zusammen lässt sich psychoanalytisch als eine Identifikation mit dem Aggressor interpretieren, die als kollektive psychosoziale Abwehr (Richter, 1963; Mentzos, 1977) fungiert. Die Demütigungen, Entwertungen und narzisstischen Kränkungen, die man einst selbst erleiden musste oder auch jetzt noch erleidet, fügt man nun anderen zu. Abgewehrt werden Gefühle von Schwäche, Versagensangst und Depression, die man nun andere erleiden lässt. Diese Interpretation nimmt an, dass auf unbewusster Ebene ein kollektiver Konflikt, eine kollektive traumatische Erfahrung oder eine gemeinsam empfundene narzisstische Kränkung besteht. Diese narzisstische Kränkung kann verschiedene Wurzeln haben, beispielsweise auf der Entwertung früherer kultureller und gesellschaftlicher Bedeutung im Zuge der skizzierten gesellschaftlichen Wandlungsprozesse beruhen. Für Teile der ostdeutschen Bevölkerung kann der »Anschluss« an die Bundesrepublik als Entwertung der DDR-Identität empfunden werden. Man stemmt sich gegen die narzisstische Entwertung durch eine masochistische Unterwerfung unter eine aggressiv-autoritäre Ideologie, die neues Selbstbewusstsein verspricht und zugleich die Abfuhr von Minderwertigkeitsgefühlen, Hass sowie destruktiven und selbstdestruktiven Impulsen auf Sündenböcke erlaubt. In einem ersten Schritt dieser Sündenbock-Praktik (Richter, 1963) werden eigene aggressive, destruktive und als böse oder schlecht empfundene Selbstanteile auf äußere Feinde, Außenseiter, Fremde projiziert, die dann in einem zweiten Schritt dafür bestraft werden sollen. Dies dient auch der Externalisierung von Selbstbestrafungstendenzen. Im stark ausgeprägten Konventionalismus der AfD-Wählerschaft (Yendell et al., 2020, in diesem Band, Abb. 14–16) kommt der Wunsch zum Ausdruck, durch die Identifikation mit Tradition, Konvention und dem, 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 289 AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder was als normal und vertraut empfunden wird, ein Gefühl der Sicherheit und des Aufgehobenseins zu erlangen. Die unbedingte Pflege und Aufrechterhaltung von Traditionen vermittelt die Vorstellung von Heimatverbundenheit und soll zugleich die Angst vor Neuem, Unbekanntem, Fremdem in Schach halten. Die starke Betonung des Konventionellen enthält eine aggressive Komponente, die sich feindlich gegen die Zumutungen alles Fremden richtet, beinhaltet aber unverkennbar auch eine ängstliche Seite, bei der man sich angesichts der Dynamisierung aller Lebensbereiche in der beschleunigten Moderne (Rosa, 2005) in die heimelige Nische des Althergebrachten flüchtet. Dieses sozialpsychologische Profil der Wählerschaft der AfD findet seine Bestätigung in den Ergebnissen der verschiedenen Leipziger Autoritarismus-Studien (Decker et al., 2015, 2016, 2018; Schuler et al., 2020, in diesem Band), aber auch in den »Mitte«-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung (Zick & Küpper, 2015) und der Forschergruppe um Wilhelm Heitmeyer (2018), der das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in die Diskussion gebracht hat. Nach dem übereinstimmenden Bild, das diese Studien von der Wählerschaft der AfD zeichnen, ist diese durch folgende Einstellungen charakterisiert: Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Verharmlosung des Nationalsozialismus, Akzeptanz der Gewalt durch Andere, Verschwörungsmentalität, Chauvinismus, Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Diese Aspekte werden in den anderen Beiträgen dieses Bandes detailliert ausgeführt, sodass sie an dieser Stelle nur summarisch benannt werden. Die Wählerschaft der Grünen: tolerant, autoritätskritisch, unkonventionell Das Bild, das die Wählerschaft von Bündnis 90/Die Grünen von sich zeichnet, steht dem der AfD-Wählerschaft diametral gegenüber. Im Vergleich zur Wählerschaft der anderen Parteien ist die Wählerschaft von Bündnis 90/Die Grünen extrem autoritätskritisch eingestellt (Yendell et al., 2020, in diesem Band, Abb. 7: Gesamtskala Autoritarismus). Sie lehnt »gesellschaftliche Härte gegen Außenseiter und Nichtstuer« am entschiedensten ab (ebd., Abb. 8) und widerspricht vehement der Meinung, »Unruhestifter sollten deutlich zu spüren bekommen, dass sie in der Gesellschaft 290 Hans-Jürgen Wirth unerwünscht sind« (ebd., Abb. 9). Sie weist auch die Auffassung zurück, man solle »gesellschaftliche Regeln ohne Mitleid durchsetzen« (ebd., Abb. 10) und hält auch nichts von der Idee, eine »starke Führungsperson sei notwendig, damit wir in der Gesellschaft sicher leben können« (ebd., Abb.  11). Die Grünen-Wählerschaft verwahrt sich auch gegen die Auffassung, »Menschen sollten wichtige Entscheidungen in der Gesellschaft Führungspersonen überlassen« (ebd., Abb. 12), oder gar »dankbar sein für führende Köpfe, die uns genau sagen, was wir tun können« (ebd., Abb. 13). In diesen Einstellungen kommt zum einen eine entschiedene Absage an alle Formen autoritärer Aggression (ebd., Abb. 7–10) zum Ausdruck und zum anderen eine ebenso entschiedene Ablehnung von Unterwürfigkeit und kritikloser Akzeptanz gesellschaftlicher Regeln und des Machtanspruchs starker Führungspersonen (ebd., Abb. 11–13). Beides zusammen lässt sich psychoanalytisch als Ausdruck eines kollektiven Selbstbewusstseins und eines Gefühls kollektiver Wirkmächtigkeit interpretieren. In der entschiedenen Ablehnung, »gesellschaftliche Härte gegen Außenseiter und Nichtstuer« zu praktizieren, und der ebenso deutlichen Ablehnung, »Unruhestifter sollten deutlich zu spüren bekommen, dass sie in der Gesellschaft unerwünscht sind«, zeigt sich ein klares Bekenntnis zum hohen Stellenwert, den sie der Toleranz beimessen. Die Wählerschaft von Bündnis 90/Die Grünen steht in der Tradition der Neuen Sozialen Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre und auch der friedlichen Revolution, die den Zusammenbruch der DDR bewirkte. Ursprünglich befanden sich diese Bewegungen in einer ohnmächtigen Oppositionsrolle gegen die Übermacht des »Systems«, im Westen des paternalistisch-autoritären Kapitalismus der »formierten« Nachkriegsgesellschaft, im Osten des autoritär-bürokratischen Sozialismus. Die oppositionellen Gruppen und Bewegungen wurden allerdings in beiden Gesellschaften vom Bewusstsein getragen, für eine bessere Welt zu kämpfen. Inzwischen hat sich die Welt zwar keineswegs so verändert, dass sie den damaligen Utopien entsprechen würde, aber die heutigen Wertvorstellungen, Lebensstile, Umgangsformen, der kulturelle Habitus im Sinne Pierre Bourdieus (1982) und der gesellschaftlich dominierende Sozial-Charakter im Sinne Erich Fromms (1970) sind wesentlich durch diese sozialen Bewegungen und ihre Protagonisten und Protagonistinnen geprägt worden. Als Folge des Übergangs von einer industriellen Mangelwirtschaft in eine Überfluss- und Konsumgesellschaft entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg in allen westlichen Industrienationen eine eigenständige Ju- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 291 AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder gendkultur, die zum kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Vorreiter gesellschaftlicher Neuerungen und Umbrüche wurde. In dem Maße, in dem der stetige Konsum von Waren und Dienstleistungen ins Zentrum des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens rückte, verlor die alte patriarchalische und autoritäre Charakterformation, die auf die Tugenden Ordnung, Sparsamkeit und autoritäre Orientierung setzte, ihre gesellschaftliche und sozialpsychologische Funktionalität. In der Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft waren zunehmend andere Charaktereigenschaften wie Flexibilität, Konsumfreudigkeit, Hedonismus und permanente Lern- und Innovationsbereitschaft gefragt. Der autoritäre Charakter, wie ihn Erich Fromm (1936) als Erster beschrieben hatte und wie er daran anschließend von Theodor W. Adorno und seinen Mitarbeitern in ihrem Buch über den Autoritären Charakter (1950) weiter ausgeführt wurde, konnte zunehmend durch einen »Gesellschaftscharakter« ersetzt werden, den Fromm (1947) mit dem Begriff der »Marketing-Orientierung« charakterisierte. Dieser gesellschaftliche Wandel bildete den sozialpsychologischen Hintergrund für die weltweiten Jugend-, Protest- und Emanzipationsbewegungen der 1960er bis 1980er Jahre (Wirth, 1984). In allen westlichen Industriegesellschaften geriet im Laufe der 1960er Jahre die autoritäre Gefühlspanzerung der älteren Generation in Konflikt mit dem expressiven, hedonistischen und experimentierfreudigen Lebensstil der jungen Generation. Die einstigen Jugend- und Protestkulturen und die Werte, die sie repräsentierten, machten in der gesellschaftlichen Wertschätzung einen enormen Aufstieg durch und prämierten Eigenschaften wie Unkonventionalität, Flexibilität, Lernbereitschaft, Bildung und Experimentierfreude. Die postindustrielle Gesellschaft hat diese Impulse aufgegriffen und als Kulturgenerator sowohl in der Wissens-, Digital-, Kreativ- und Dienstleistungs-Ökonomie als auch in der Umgestaltung des kulturellen Lebens, beispielsweise der Ästhetisierung des Alltags, genutzt. Die Wählerschaft von Bündnis 90/Die Grünen entspricht mit ihrer Ablehnung des Konventionalismus genau diesem Habitus. Die Orientierung an Konventionen, Traditionen und eingefahrenen Routinen steht bei ihnen nicht hoch im Kurs (Yendell et al., 2020, in diesem Band, Abb. 14– 16). Sie sprechen sich dagegen aus, »Traditionen unbedingt zu pflegen und aufrecht zu erhalten« (ebd., Abb. 14), lehnen den Standpunkt ab, »bewährte Verhaltensweisen sollten nicht infrage gestellt werden« (ebd., Abb. 15), und widersprechen der Auffassung, es sei »immer das Beste, Dinge in der üblichen Art und Weise zu machen« (ebd., Abb. 16). 292 Hans-Jürgen Wirth In Westdeutschland wurde die Modernisierungsdynamik überlagert und verstärkt durch die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Die Generationskonflikte waren deshalb besonders heftig und hatten besonders nachhaltige Auswirkungen auf die Gesellschaft (Wirth, 2019b). In Westdeutschland hatten sich die traditionellen paternalistischen und autoritären Strukturen, Figuren und Instanzen durch die schuldhafte Verstrickung in das NS-System desavouiert und wurden von der protestierenden Jugend deshalb vehement und nachhaltig kritisiert. In der DDR glaubte man hingegen, von der nationalsozialistischen Schuld bereits dadurch gereinigt zu sein, dass man den Antifaschismus zur Staatsdoktrin erhob und gleichsam für sich pachtete. Aus der projektiv verzerrten Sicht der DDR-Führung und großen Teilen der Bevölkerung galt es, neofaschistische Tendenzen allein in der Bundesrepublik zu bekämpfen. Weil die DDR keine wirklichen Anstrengungen zu einer offenen Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Erbe unternahm, blieb sie anfällig für das totalitäre und terroristische System des Stalinismus. In Gestalt der Stasi setzte sich die Tradition des Faschismus unbemerkt fort. Die DDR ersparte sich die aufwühlenden Auseinandersetzungen über die nationalsozialistische Vergangenheit, die im Westen immer wieder zu heftigen Debatten mit enormen emotionalen individuellen und gesellschaftlichen Erschütterungen führte. Man denke beispielsweise an Helmut Kohls Gorbatschow-Goebbels-Vergleich, den Historiker-Streit, die Goldhagen-Debatte, die mehrjährige Diskussion um das Holocaust-Mahnmal, die Kontroverse um die Wehrmachtsausstellung, die Walser-Bubis-Debatte und das späte Geständnis von Günter Grass, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Das grün-alternative Milieu, aus dem sich die Wählerschaft der Grünen rekrutiert, hatte in diesen Auseinandersetzungen eine aktive Rolle. Dementsprechend entschieden wendet sich die Wählerschaft der Grünen gegen rechtsextreme Einstellungen. In den von Schuler und Kollegen (2020, in diesem Band) referierten Ergebnissen haben sie in Bezug auf die Dimensionen des Rechtsextremismus durchgehend die niedrigsten Werte. Neben der sehr hohen Ablehnung einer rechtsautoritären Diktatur (ebd., Abb. 2) zeigt sich auch eine klare Stellungnahme gegen Chauvinismus und Ausländerfeindlichkeit (ebd., Abb. 3). Ebenso eindeutig ist die Zurückweisung jeglicher Formen der Verharmlosung des Nationalsozialismus und des Antisemitismus (ebd., Abb. 4). Die Relativierung der Shoa durch die Aussage »Es macht mich wütend, dass die Vertreibung der Deutschen und die 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 293 AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder Bombardierung deutscher Städte immer als kleinere Verbrechen angesehen werden« (ebd., Abb. 10), wird von den Grünen am deutlichsten abgelehnt. Auch die Aussage »Durch die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer« (ebd., Abb. 9), findet in der Grünen-Wählerschaft die geringste Zustimmung. Ein »linker Antisemitismus«, der sich hinter einer israelkritischen Haltung versteckt, ist in der Wählerschaft der Grünen nicht nachweisbar, tritt aber bei der Wählerschaft der Linken deutlich hervor. Die Linke rangiert hier dicht hinter der AfD. Die eigene Gewaltbereitschaft wird von der Grünen-Wählerschaft genauso deutlich verneint wie die Akzeptanz der Gewalt durch Andere (ebd., Abb.  14). Es gibt keine andere Wählergruppe, unter denen Muslimfeindschaft und die Abwertung von Asylsuchenden häufiger abgelehnt werden als von der Wählerschaft der Grünen (ebd., Abb. 5–7). Insgesamt ergibt sich das Bild einer extremen Polarisierung zwischen der Wählerschaft der AfD und der der Grünen. Nur bei der Dimension Verschwörungsmentalität weist das Bild, das die Grünen-Wähler und -Wählerinnen von sich zeichnen, eine gewisse Inkonsistenz auf. Zwar lehnen sie die Aussage »Die meisten Menschen erkennen nicht, in welchem Ausmaß unser Leben durch Verschwörungen bestimmt wird, die im Geheimen ausgeheckt werden«, am häufigsten ab (ebd., Abb. 14), wahrscheinlich weil sie Verschwörungstheorien, wie sie häufig von Rechtspopulisten und Rechtspopulistinnen verbreitet werden, ablehnen, doch befinden sie sich bei den beiden Aussagen »Es gibt geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben« (ebd., Abb.  15) und »Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte« (ebd., Abb. 16), nur im Mittelfeld. Sie lehnen diese Aussagen zwar mehrheitlich ab, sind in ihrer Ablehnung aber weniger entschieden als die Wählerschaft anderer Parteien. In dieser Abweichung von dem ansonsten so eindeutigen Bild und an der inhaltlichen Inkonsistenz bei dieser Fragestellung zeigt sich womöglich ein unaufgearbeitetes tiefsitzendes Misstrauen gegenüber staatlicher Machtausübung sowie eine Altlast kapitalismuskritischer Theoriebildung, die noch heute nachwirkt. »Den Kapitalismus«, »das internationale Finanzkapital«, »den Neoliberalismus«, »das kapitalistische System«, »den militärisch-industriellen Komplex« für alle Übel dieser Welt verantwortlich zu machen, mag einen rationalen Kern haben, nimmt aber in den alltäglichen Versuchen, sich einen Reim auf die politischen Ereignisse zu machen, häufig den Charakter einer Verschwörungstheorie an. Wie die Daten belegen, ist die Wählerschaft der 294 Hans-Jürgen Wirth Grünen sehr weitgehend immun gegenüber »autoritären Versuchungen« (Heitmeyer, 2018). Dieses Bild wird allerdings etwas getrübt durch eine gewisse Schwäche für verschwörungstheoretische Fantasien. Dies zeigt sich auch in der aktuellen Corona-Krise, in der Verschwörungsfantasien enorm befeuert werden und quer durch alle politischen Lager Anhänger und Anhängerinnen finden. Narzissmus – eine Gemeinsamkeit von AfD und Grünen? Nachdem in den bisherigen Ausführungen die markanten Unterschiede zwischen den Wählern und Wählerinnen der AfD und denen der Grünen dargestellt wurden, ist es überraschend, dass es auch ein Merkmalcluster gibt, bei dem die Unterschiede weniger markant sind oder gar Ähnlichkeiten der Profile auftreten. Dies ist bei der Narzissmus-Skala der Fall (Yendell et al., 2020, in diesem Band, Abb. 17). Sie ist eine Kurzversion des »Narcissistic Admiration and Rivalry Questionnaire« (NARQ-S), die die Subdimensionen Rivalry (»Rivalität«) und Admiration (»Bewunderung«) enthält (Leckelt et al., 2018; Back et al., 2013). »Der Begriff ›admiration‹ umschreibt die psychologische Strategie, zur Erhöhung des Selbstwerts bewundert zu werden, und der Begriff ›rivalry‹ meint die Strategie, sich aus Gründen des Selbstschutzes gegen andere Menschen durchzusetzen. Hinter beiden Dimensionen steckt das Ziel, die Vorstellung eines grandiosen Selbst zu bewahren« (Yendell et al., 2020, in diesem Band, S. 346). Auf der Gesamtskala Narzissmus weist die Wählerschaft der AfD die höchsten Werte auf, gefolgt von den Linken und den Nichtwählern und Nichtwählerinnen; danach kommen bereits die Grünen. Die niedrigsten Narzissmus-Werte weisen die Gruppen »Weiß nicht welche Partei« und die SPD-Wählerinnen und -Wähler auf. Beim Item »Ich reagiere genervt, wenn eine andere Person mir die Schau stiehlt«, zeigen Linke, AfD und Grüne die höchsten Werte (ebd., Abb. 18). Der Aussage »Ich habe es verdient, als große Persönlichkeit angesehen zu werden« stimmen die Wähler und Wählerinnen der Linken und der AfD am häufigsten zu, während die der Grünen im Mittelfeld rangieren (ebd., Abb. 19). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 295 AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder Den Wunsch »Ich will, dass meine Konkurrenten scheitern« können die Wählerinnen und Wähler der AfD und der Linken am häufigsten bei sich entdecken. Auch hier befinden sich die Grünen im Mittelfeld (ebd., Abb. 20). Der Feststellung »Ich ziehe viel Kraft daraus, eine ganz besondere Person zu sein« stimmen AfD und Grüne am häufigsten zu (ebd., Abb. 21). Das gleiche Bild ergibt sich bei dem Item »Mit meinen besonderen Beiträgen schaffe ich es, im Mittelpunkt zu stehen.« Auch hier rangieren AfD und Grüne an der Spitze (ebd., Abb. 22). Beim Statement »Die meisten Menschen sind ziemliche Versager« zeigt sich wieder das von der Autoritarismus-Skala vertraute Bild: Die Wählerschaft der AfD ist am häufigsten dieser Ansicht, während die Grünen am entgegengesetzten Ende des Spektrums angesiedelt sind, dabei aber noch von der Gruppe »Weiß nicht welche Partei« übertroffen werden (Yendell et al., 2020, in diesem Band, Abb. 23). Zusammenfassend kann man festhalten, dass die AfD (und die Linken) durchweg die höchsten Narzissmus-Werte aufweisen. Die Grünen bilden aber nicht wie beim Autoritarismus den absoluten Gegenpol, sondern liegen mal im Mittelfeld, mal weisen sie zusammen mit der AfD die höchsten Narzissmus-Werte auf. Zwei theoretische Konzepte des Narzissmus Welche Erklärungsansätze gibt es für diese Ergebnisse? Betrachten wir dazu zunächst die theoretischen Konzepte des Narzissmus. Es existieren zwei unterschiedliche Theorien zur psychosozialen Entstehung des Narzissmus. Die psychoanalytische Theorie der narzisstischen Störung geht davon aus, dass ein überdurchschnittlich ausgeprägter Narzissmus als Kompensationsleistung für verborgene Minderwertigkeitsgefühle und für erlittene Entwertungen und Kränkungen anzusehen ist. Der bzw. die narzisstisch Gekränkte macht sich größer als er oder sie ist, um damit seine oder ihre schmachvoll erlebte Entwertung und die daraus resultierenden Kleinheitsund Minderwertigkeitsgefühle auszugleichen. Er bzw. sie sucht deshalb gesellschaftliche Positionen, die Macht, Ansehen und Aufmerksamkeit versprechen (Wirth, 2002). Bei einer halbwegs gelungenen Kompensation der ursprünglichen narzisstischen Kränkung gelingt es dem oder der Betreffenden, eine überwiegend positive Resonanz zu erzeugen. Liegt eine be- 296 Hans-Jürgen Wirth sonders traumatische Kränkung zugrunde, kann es dazu kommen, dass der oder die Betreffende sich darauf kapriziert, eine heftige negative Resonanz hervorzurufen, weil auch die Ablehnung, gar Feindschaft, die ihm bzw. ihr entgegenschlägt, als Zeichen dafür gewertet werden kann, dass er oder sie gesehen wird, dass er bzw. sie die anderen zwingen kann, ihm oder ihr Aufmerksamkeit zu widmen. Nach dem Motto »Viel Feind, viel Ehr« sucht er oder sie das Entsetzen, gar die nackte Angst in den Augen des anderen, um sich seiner bzw. ihrer Wirkmächtigkeit zu versichern. Das martialische, gewalttätige und provozierende Auftreten mancher Skinhead-Gruppen entspricht diesem psychodynamischen Muster (Wirth, 1989). Der zweite theoretische Ansatz ist ebenfalls psychoanalytisch orientiert. Er ist von der Bindungs- und Säuglingsforschung beeinflusst und beschäftigt sich auch mit dem gesunden Narzissmus. Entwicklungspsychologisch betrachtet, bildet sich ein gesunder Narzissmus heraus, wenn das Selbstgefühl und das Selbstwertgefühl durch Liebe und Anerkennung bestätigt – oder genauer: überhaupt erst konstituiert werden. Die Subjektwerdung beginnt bereits mit dem intensiven Dialog zwischen Mutter und Kind, bei dem »der emotionale Gesichtsausdruck der Mutter« zum »wirksamsten visuellen Stimulus« (Schore, 2009 [2003], S. 31) für das Baby wird. Der von Freud (1914c) postulierte »primäre Narzissmus« des Kindes ist kein autistischer, symbiotischer, passiver Zustand, sondern von allem Anfang an auf intersubjektive Resonanz angelegt. Heute weiß man, dass Heinz Kohuts (1971, S. 142) Formulierung vom »Glanz im Auge der Mutter«, auf dem sich das Selbstgefühl des Säuglings aufbaut, mehr als eine Metapher ist. Dieses wechselseitige affektive Spiegeln, dieses Sich-aufeinander- Einlassen stellt das Muster der grundsätzlich kommunikativen Existenzweise des Menschen dar. Diese Erkenntnis verbindet die psychoanalytische Säuglingsforschung mit der Philosophie der kommunikativen Anerkennung, wie sie Habermas (1981) und Honneth (2010) entwickelt haben. Erziehungsstile, die einem solchen psychologischen Verständnis entsprechen, verbreiteten sich nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst in den USA. Sie waren Teil eines tiefgreifenden sozialpsychologischen Transformationsprozesses, bei dem die bis dahin vorherrschende autoritäre Charakterorientierung (Fromm, 1936, 1947) abgelöst wurde durch eine vorwiegend narzisstische Charakterorientierung, die sowohl Individuen als auch Gruppen betrifft (Funk, 2020, S. 108). Auch Gruppen können eine Gruppenidentität entwickeln, die durch narzisstische Wertvorstellungen und Ziele gekennzeichnet ist. Natürlich ist die narzisstische Orientierung 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 297 AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder des heute dominierenden Sozialcharakters nicht frei von Konflikten, Fehlentwicklungen und Pathologien. Dieses sozialpsychologische Konzept ist auch nicht gleichzusetzen mit dem idealtypischen Konstrukt eines gesunden Narzissmus, wie es unter Bezugnahme auf die psychoanalytische Bindungstheorie skizziert wurde. So wird die zunehmende gesellschaftliche Dominanz narzisstischer Orientierung von der kulturpsychologischen Zeitdiagnose auch ganz überwiegend kritisch gesehen (Lasch, 1979; Richter, 2002; Twenge & Campell, 2010). Gleichwohl kann idealtypisch zwischen zwei Narzissmus-Konzepten unterschieden werden: Beim Typus des oder der narzisstisch Gekränkten verbindet sich das Gefühl narzisstischer Grandiosität mit negativen Gefühlen wie Geringschätzung, Verachtung, Missgunst, Neid und Ressentiment gegenüber Schwächeren und Unterlegenen. Das narzisstische Gefühl, anderen überlegen zu sein, dient der Abwehr von tiefen Selbstzweifeln, Kränkungen des Selbstwertgefühls und der Angst von weiterem sozialen Abstieg und kulturellem Bedeutungsverlust. Ressentiments und Hass gegen andere gehören essenziell zu diesem Typus des Narzissmus. Beim Typus der narzisstischen Selbstverwirklichung besteht vor dem Hintergrund der biografisch-familiären Entwicklung und aufgrund der Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Berufsgruppen, die im Trend der ökonomischen Entwicklung liegen, ein mehr oder weniger stabiles narzisstisches Selbstwertgefühl. Bei Individuen, deren Wertorientierungen sich an narzisstischen Zielen der persönlichen Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung orientieren, besteht zwar auch eine gewisse Neigung zu Rivalität und zur Überbetonung der eigenen Leistungen und dem Wunsch von Anderen bewundert zu werden, aber diese Einstellungen sind weniger aggressiv und paranoid aufgeladen. AfD – Partei der narzisstisch Gekränkten Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt die Narzissmus-Werte der Grünen und der AfD, so zeigt sich, dass AfD und Grüne auf der Unterskala Bewunderung (Admiration) zusammen mit den Wählern und Wählerinnen der Linken die höchsten Werte aufweisen (Yendell et al., 2020, in diesem Band, Abb. 19, 21, 22). Diese drei Gruppierungen stimmen der Aussage »Mit meinen besonderen Beiträgen schaffe ich es, im Mittelpunkt zu stehen« am meisten zu (ebd., Abb. 22). Auch sagen sie von sich, dass sie 298 Hans-Jürgen Wirth »besonders viel Kraft daraus ziehen, eine ganz besondere Person zu sein« (ebd., Abb. 21). Die Wähler und Wählerinnen der AfD (und der Linken) sind zudem besonders davon überzeugt, dass sie »es verdient haben, als große Persönlichkeit angesehen zu werden« (ebd., Abb. 19). Hier nehmen die Grünen nur eine mittlere Position ein. Alle drei Gruppierungen legen offenbar besonders starken Wert darauf, von Anderen Anerkennung oder gar Bewunderung zu erhalten und betrachten dies als angemessene Bestätigung ihres grandiosen Selbstbildes. Nimmt man nun die Unterskala Rivalität (Rivalry) hinzu, spezifiziert sich das Bild (ebd., Abb. 18, 20, 23). Die Wähler und Wählerinnen der AfD, gefolgt von denen der Linken, rivalisieren sehr stark mit anderen Menschen. Die Rivalität hat weniger einen spielerischen Charakter, sondern ist von Neid und Missgunst geprägt. So wollen die Wähler und Wählerinnen der AfD und der Linken, dass »meine Konkurrenten scheitern« (ebd., Abb. 20) und »reagieren genervt, wenn eine andere Person mir die Schau stiehlt« (ebd., Abb.  18). Insbesondere beim Item »Die meisten Menschen sind ziemliche Versager« kommt der aggressiv-entwertende Charakter ihrer narzisstischen Rivalität deutlich zum Ausdruck (ebd., Abb. 23). Die Wählerschaft der AfD (und der Linken) entspricht dem Typus des oder der narzisstisch Gekränkten, der bzw. die einen kulturellen Bedeutungsverlust und einen sozialen Entwertungsprozess durchgemacht hat. Um diese tiefe Kränkung zu kompensieren und abzuwehren, entwickelt sich ein autoritäres, fremdenfeindliches und von Ressentiments geprägtes Weltbild. Man muss den eigenen schmerzlichen Verlust von gesellschaftlicher Anerkennung, die Verunsicherung des Selbstwertgefühls, die Auflösung seiner kulturellen Identität nicht so stark spüren, wenn man den Schmerz und die Trauer, die eigentlich angemessen wären, in hasserfüllte Verachtung verwandelt, mit der man andere straft. Man fügt diversen Außenfeinden die Erniedrigungen zu, die man selbst tatsächlich oder vermeintlich erlitten hat. Als Sündenböcke werden bevorzugt solche sozialen Gruppen ausgewählt, die sich als Fremde, als Minderheiten, oder als Asylsuchende in einer schwachen Position befinden, oder die aus den verschiedensten Gründen eine besondere Vulnerabilität aufweisen. So werden Behinderte ebenso zur Zielscheibe von Ressentiments und aggressiven Attacken wie Juden und Jüdinnen oder Menschen, die einen fremdländischen Eindruck machen. Die Sündenbocksuche knüpft zudem an den historisch tradierten Antisemitismus und Rassismus an und kann sich auf diese Weise 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 299 AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder Bestätigung und gleichsam historische Unterstützung und Argumentationshilfe verschaffen. Was die Wählerschaft anbelangt, steht die AfD in der Tradition der NPD, die in den 1960er Jahren in einigen Landesparlamenten vertreten war, dann aber in der politischen Bedeutungslosigkeit versank, und in der Nachfolge der Republikaner, die 1989 ins Europäische Parlament und ins Berliner Abgeordnetenhaus einziehen konnten, nach der Wiedervereinigung aber bald keine große Rolle mehr spielten. Das psychologische Profil, das damals in zwei Studien von der Wählerschaft dieser beiden Parteien gewonnen wurde, gleicht in einigen charakteristischen Punkten so deutlich der Wählerschaft der AfD, dass man sagen kann, es handelt sich um das gleiche soziale Milieu und die gleichen sozialpsychologischen Muster. In der Studie von Horst-Eberhard Richter und Dieter Beckmann (1968) »Zur Psychologie des deutschen Rechtsradikalismus. Eine repräsentative Testanalyse von NPD-Wählern«, die damals im SPIEGEL veröffentlicht wurde, wird der typische NPD-Wähler als Mensch geschildert, der sich durch seine »Ichbezogenheit«, eine »großartige Selbsteinschätzung« und »unkritische Größenideen« (ebd., S. 281) auszeichnet. In seinen sozialen Beziehungen neigt er zu »kämpferischen Verstrickungen« und der Erwartung, »von anderen eher für minderwertig als für wertvoll gehalten zu werden« (ebd., S. 280). Die Autoren betonen, dass sich das Programm der NPD »in wichtigen Zügen wie eine kollektive Vergrößerung des Selbstportraits des einzelnen NPD-Wählers liest: Kein selbstkritischer Gedanke regt dazu an, eigenes Verschulden und eigene Fehlhandlungen anzuerkennen und daraus zu lernen. Nur äußeres Ungemach trübt das kollektive Selbstbild. […] Das Parteiprogramm entwirft also ein ähnlich düsteres Umweltverhältnis für das Kollektiv wie der typische NPD-Wähler für seine Person: Misstrauen und Vorwürfe herrschen vor. Nicht Hoffnungen auf kooperative Verbundenheit, sondern Tendenzen nach eigensinniger Abschirmung prägen das außenpolitische Konzept. ›Widerstand gegen den Ungeist der Anpassung, des Verzichts und der Unterwerfung‹ wird kategorisch gefordert. Dem eigenen Unbehagen wird eine vorwurfsvolle Abreaktion nach außen gebahnt. Dazu weiß man sich als unschuldiges Opfer der ›Siegermächte‹ legitimiert. Man will die Partei sein, welche den gebeugten, entmachteten Deutschen ihre zu Unrecht beeinträchtigte Selbstachtung zurückgibt. Bei der Schwarzweiß-Aufteilung der Welt in die bösen Unterdrückermächte einerseits und 300 Hans-Jürgen Wirth die guten Unterdrückten andererseits […] wird Deutschland auf der Seite der armen Opfer genannt« (ebd., S. 282f.). Die zweite Studie von Elmar Brähler und Horst-Eberhard Richter (1995b), »Selbstkonzept von Republikaner-Wählern 1989«, zeichnet ein ähnliches psychologisches Bild. Der typische Wähler bzw. die typische Wählerin der Republikaner zeichnet sich durch eine »Tendenz zu narzisstischer kämpferischer Selbstdurchsetzung« (ebd., S. 21) und »eine besondere Tendenz zum Misstrauen« (ebd., S. 23) aus. Vom Durchschnitt der westdeutschen Männer heben sich die männlichen Republikaner-Wähler dadurch ab, dass sie »vorne an sein« und »andere beherrschen« wollen. Zudem sind sie bestrebt, »ihren Willen ungeachtet dadurch heraufbeschworener Konflikte durchzusetzen« und »gestehen sich noch weniger zu, fürsorgliches Mitgefühl zu entwickeln« als der Durchschnitt der westdeutschen Männer. So betonen sie »vergleichsweise am krassesten, dass sie andere übertreffen wollen, dominieren müssen, eigenwillig sind, sich häufig in Auseinandersetzungen verwickeln und sich um andere weniger Sorgen machen« (ebd., S. 22). Zusammenfassend bescheinigen ihnen die Autoren, dass sich die Wählerschaft der Republikaner durch »ihre auftrumpfenden ressentimenthaften Größenideen« (ebd., S. 24) auszeichnet. Ausdrücklich weisen die Autoren darauf hin, dass ihre repräsentativen Längsschnitt-Studien, die sie seit 1968 durchführen, ergeben haben, das seit Mitte der 1970er Jahre ein Trend in Richtung »mehr narzisstische Ellbogenmentalität und weniger soziale Rücksichtnahme« (Brähler & Richter, 1995a, S. 12) besteht, der nur von der Wählerschaft der Republikaner besonders stark vertreten wird. In Anbetracht der weltweiten rechtspopulistischen Bewegungen kann man der damaligen Diagnose eine erstaunliche Vorhersagekraft bescheinigen. Andreas Reckwitz greift bei seiner soziologischen Analyse der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse zu Begrifflichkeiten, die an psychoanalytische Theorien, insbesondere Narzissmustheorien anknüpfen. Er sieht eine Gemeinsamkeit aller rechtspopulistischen, nationalistischen und auch religiös fundamentalistischen Gruppierungen darin, »dass sie überwiegend von Bevölkerungsgruppen getragen werden, die sich im Zuge der Transformation von der industriellen Moderne zur postindustriellen Gesellschaft der Singularitäten als Modernisierungsverlierer wahrnehmen. In sozialstruktureller Begrifflichkeit handelt es sich insbesondere um Teile der neuen Unterklasse und der alten Mittelklasse. Die Hyperkultur 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 301 AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder und ihr Kosmopolitismus sind für sie eine Sache der ›Eliten‹, die kollektiven Identitätsbewegungen hingegen das Medium, in dem die Deklassierten, die Entwerteten und Gekränkten [Kursivierung von mir, H.-J.W.), die in ihrer Wahrnehmung zu Unrecht um sozialen Status und kulturellen Einfluss Betrogenen sich sammeln. Überlegenheits- und Unterlegenheitsgefühle gehen in diesem spätmodernen Kulturessenzialismus eine ungewöhnliche Verbindung ein: Die sich unterlegen Fühlenden versuchen sich über eine kollektive Identität Überlegenheit zuzuschreiben und zu sichern« (Reckwitz, 2019b, S. 46). Als ein weiterer Einflussfaktor kommt in Deutschland die Situation der Bevölkerung in den neuen Bundesländern hinzu. Wie die verschiedenen Wahlergebnisse der letzten Jahre immer wieder gezeigt haben, verfügt die AfD (und auch Die Linke) in den neuen Bundesländern über eine besonders starke Wählerbasis. Der gesellschaftliche Entwertungsprozess, den die alte Mittelschicht durchlaufen musste, wird im Falle der neuen Bundesländer zusätzlich verstärkt durch eine kollektive Kränkung des ostdeutschen Großgruppen-Narzissmus. Mit Vamik Volkan (1999) kann man davon sprechen, dass Teile der ostdeutschen Bevölkerung den Zusammenbruch der DDR mit all seinen persönlichen, kollektiven, politischen und psychosozialen Verwerfungen als »gewähltes Trauma« verarbeitet haben. Volkan meint damit einen massenpsychologischen Prozess, bei dem Großgruppen und Nationen versuchen, ihre gemeinsame Identität dadurch zu festigen, dass sie eine Situation, in der die Gruppe schwere Verluste oder demütigende Verletzungen hinnehmen musste und sich als Opfer fühlte, als gemeinsamen Bezugspunkt ihrer Gruppenidentität auswählt. Im Falle der Bevölkerung der DDR führt dies dazu, dass der Verlust der zwar einengenden, aber doch Sicherheit vermittelnden staatlichen Fürsorge so verarbeitet wird, dass man das Regime des real existierenden Sozialismus nostalgisch verklärt und die gegenwärtige kapitalistische Realität als kalt, elitär und ungerecht entwertet. Diese Flucht in die Opfer-Identität war bereits im Selbstverständnis der DDR-Führung angelegt. Wie die ostdeutsche Psychoanalytikerin Annette Simon (2019, S. 37) schreibt, schuf die Führung der DDR nach 1945 einen Mythos, demzufolge »die DDR aus dem Anti-Faschismus geboren worden sei. Diese Saga entfaltete eine ungeheuer starke Wirkung – bis in die einzelne Familie hinein –, weil sie umfassende Schuldentlastung von den deutschen Verbrechen bot. 302 Hans-Jürgen Wirth Diese Schuldentlastung wurde von den Deutschen Ost, die gar nicht unschuldiger waren als die Deutschen West, ergriffen und nach und nach sogar geglaubt. Die Identifikation mit den Antifaschisten und später auch mit der DDR bot den ungeheuren Vorteil, nun scheinbar auf der richtigen Seite zu stehen, auf der Seite des Widerstands und damit auch der Opfer. Alles, was aber nach 1945 an psychischen Dispositionen, an Anfälligkeit für Unterordnung, autoritäres Denken, Verachtung des Fremden und Schwachen weiterhin da war, wurde außer in der Kunst und Literatur nicht gesellschaftlich durchgearbeitet, öffentlich schon gar nicht«. Bei der Bevölkerung der neuen Bundesländer war also die Anfälligkeit für einen aggressiven Autoritarismus schon durch die DDR-Sozialisation gebahnt und findet möglicherweise deshalb dort eine höhere Zustimmung als in den alten Bundesländern. Die Grünen – Partei der erfolgreichen Selbstverwirklicher Betrachten wir nun nochmals die Narzissmus-Werte der Wählerschaft der Grünen genauer. Auf der Gesamtskala Narzissmus zeigt sich bei den Grünen zwar kein so hoher Wert wie bei der Wählerschaft von AfD und Linken, aber die Werte liegen doch knapp hinter diesen beiden Gruppen und vor allen anderen Parteien und Gruppen. Bei den Items »Ich ziehe viel Kraft daraus, eine ganz besondere Person zu sein« (Yendell et al., 2020, in diesem Band, Abb. 21) und »Mit meinen besonderen Beiträgen schaffe ich es, im Mittelpunkt zu stehen (ebd., Abb. 22), rangiert die Wählerschaft der Grünen im oberen Drittel des Feldes. Beide Items gehören zur Unterskala Bewunderung (Admiration). Beim dritten Statement, das zu dieser Skala gehört, »Ich habe es verdient, als große Persönlichkeit angesehen zu werden« (ebd., Abb. 19), liegen die Wähler und Wählerinnen der Grünen nur im Mittelfeld. Man kann vermuten, dass die Formulierung »als große Persönlichkeit angesehen zu werden«, für viele etwas zu dick aufgetragen war. Hätte es gehießen, »als besondere Persönlichkeit angesehen zu werden«, hätten vermutlich ebenso viele zugestimmt wie dem Item »Ich ziehe viel Kraft daraus, eine ganz besondere Person zu sein«. Die beiden Items 21 und 22, bei denen die Besonderheit stark betont wird, messen eine Eigenschaft, die Reckwitz (2019a) in seinem gleichnami- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 303 AfD und Grüne: Konträre Welt- und Menschenbilder gen Buch als »Singularitäten« bezeichnet. Wie Reckwitz ausführt, strebt das spätmoderne Subjekt danach, »ein bloß instrumentelles, zweckrationales und emotionsloses Weltverhältnis hinter sich zu lassen und die Objekte, Subjekte, Orte, Ereignisse und Kollektive zu ästhetisieren, zu hermeneutisieren, zu ethisieren, zu ludifizieren, um aus ihnen affektive Befriedigung zu beziehen. Diese Kulturalisierung ging einher mit einer Entstandardisierung und Singularisierung: der besondere Mensch als Indiviuduum, das besondere Ding (Handwerk, Kunstwerk), der besondere Ort, das besondere Ereignis sind ihre Zielmarken« (ebd., S. 286). Die Gedanken der Selbstverwirklichung, der Selbstentfaltung, der Selbsterfahrung und des Selbstwachstums sind Leitmotive, die die Emanzipations-, Jugend- und Protestbewegungen der 1960er bis zu den 1980er Jahren entwickelten, und die danach in die »Kultur der Spätmoderne und ihrer neuen Mittelklasse« (ebd., S. 290) eingesickert sind. Das von dieser Kultur geprägte Subjekt »setzt sich hier als befähigt und berechtigt zur Selbstverwirklichung voraus; es sieht sich als Ort von Potenzialen und nimmt für sich gewissermaßen ein moralisches Recht in Anspruch, sich so zu entfalten, wie es ihm in seiner Besonderheit entspricht. Mit diesem Berechtigungsbewusstsein ist ein entsprechend hohes Selbstwertgefühl verbunden: Das spätmoderne Subjekt spricht sich selbst einen Wert als Individuum zu, vor dessen Hintergrund die Legitimität der freien Entfaltung dieses Selbst überhaupt nicht in Zweifel steht, ja sozusagen natürlich zu sein scheint« (ebd., S. 290f.). Wenn man nun die Unterskala Rivalität (Rivalry) betrachtet (Yendell et al., 2020, in diesem Band, Abb. 18, 20, 23), ergibt sich eine weitere Differenzierung: Die Wählerschaft der Grünen liegt bei dem Item »Ich reagiere genervt, wenn eine andere Person mir die Schau stiehlt« (ebd., Abb. 18) im oberen Drittel des Feldes hinter den Linken und der AfD. Beim Statement »Ich will, dass meine Konkurrenten scheitern« (ebd., Abb. 20) stimmen schon sehr viel weniger Wählerinnen und Wähler der Grünen zu; sie liegen in der unteren Hälfte des Feldes. Die Wähler und Wählerinnen der Grünen rivalisieren also durchaus mit anderen Menschen, es handelt sich jedoch nicht um eine Rivalität auf Biegen und Brechen. Ihre Rivalität hat einen spielerischen Charakter und 304 Hans-Jürgen Wirth bleibt positiv, nach Resonanz suchend auf die Mitmenschen bezogen. Ihr Hang zur Selbstverwirklichung ist nicht nur nach innen gerichtet, sondern findet vor den Augen der Mitmenschen statt und soll von diesen auch entsprechend goutiert werden: »Das ist die paradoxe Struktur einer performativen Selbstverwirklichung, also einer Darstellung von Selbstverwirklichung vor einem sozialen Publikum, um von dort als ›attraktives Leben‹ anerkannt zu werden« (ebd., S. 305). Die Innenorientierung in Gestalt der Selbstverwirklichung soll mit der Außenorientierung in Gestalt des Prestiges verknüpft werden. Die Wählerschaft der Grünen will bei den Mitmenschen gut ankommen, fühlt sich dafür auch gut gerüstet und hat es nicht nötig, in eine aggressiv-entwertende Rivalität mit anderen zu treten. Eine solche Einstellung widerspricht zudem ihren auf Kommunikation, Verständigung, Verständnis und Solidarität ausgerichteten Orientierungen. Entsprechend lehnen sie das Statement »Die meisten Menschen sind ziemliche Versager« sehr häufig ab (Yendell et al., 2020, in diesem Band, Abb. 23). Zusammenfassend kann man festhalten, dass der Narzissmus der Grünen dem Typus der narzisstischen Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung entspricht. Er ist ein Ergebnis der »Selbstverwirklichungsrevolution« Reckwitz’ (2019b, S. 151), die von den Jugend-, Studenten- und Emanzipationsbewegungen in den 1960er bis 1980er  Jahren ausgelöst wurde und zu einer tiefgreifenden kulturellen und sozialpsychologischen Transformation auch in den Strukturen des Sozial-Charakters führte. Die Menschen- und Weltbilder der Wählerschaft von AfD und Grünen stehen sich so diametral gegenüber. Das zeigt sich in der politischen Auseinandersetzung, spiegelt sich aber auch in den Daten wider. Literatur Adorno, T.W., Frenkel-Brunswik, E., Levinson, D. J. & Sanford, R. N. (1950). The Authoritarian Personality. New York: Harper & Brothers. ARD (2017). 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Biografische Notiz Hans-Jürgen Wirth, Prof. Dr., Dipl.-Psych., ist Psychotherapeut, Psychoanalytiker und psychoanalytischer Paar-, Familientherapeut in eigener Praxis, Professor für Soziologie und Psychoanalytische Sozialpsychologie an der Universität Frankfurt am Main. Er ist Gründer des Psychosozial-Verlags, Mitherausgeber der Zeitschriften psychosozial und Psychoanalytische Familientherapie. Ausgewählte Buchveröffentlichungen: Narzissmus und Macht (5. Aufl. 2015); Grenzerfahrungen. 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Jenes Profil spiegelt sich sowohl in einer konsequent migrationsfeindlichen, ethnisch-nationalistischen Programmatik, die nahezu alle Politikfelder bestimmt (Rensmann, 2018, S. 47–53), als auch in der Häufigkeit rassistischer und völkischer Parolen und Provokationen – sowie einer dezidiert gegen das liberal-demokratische »System« gerichteten Rhetorik des AfD-Führungspersonals.1 1 Die Beispiele für rassistische Äußerungen und solche, die von einem Angriff auf »die Elite« in eine kaum camouflierte Feindschaft gegen das System liberaler Demokratie übergehen, sind zahlreich. Und sie sind keinesfalls auf den offen rechtsextremen »Flügel« der Partei um Björn Höcke beschränkt. Herausgegriffen seien hier exemplarisch Äußerungen von Jörg Meuthen und Alice Weidel, die gemeinhin in der Öffentlichkeit und Teilen der Forschung weiterhin dem gemäßigten oder gar liberalen Flügel zugeordnet werden. So bezeichnete Jörg Meuthen die Grünen in rechtsextrem-völkischem Jargon jüngst als »krypto-kommunistische Vaterlandszersetzer« in einem »links-rot-grün-schwarz-gelb versifften Parteienkartell der Deutschland-Abschaffer«, wobei die AfD die »letzte evolutionäre Chance« sei, die Heimat zu erhalten. Die Alternative ist vor dem Hintergrund dieser Äußerung mithin eine Revolution (zit. n. Kamann, 2018). Alice Weidel z. B. initiierte gegen den deutschen Journalisten Deniz Yücel eine Debatte im Bundestag, flankiert mit der 310 Lars Rensmann Rolle und Gegenwart des Antisemitismus in der Partei sind dabei bisher kaum ins Zentrum der öffentlichen und politikwissenschaftlichen Aufmerksamkeit gerückt (zu den wenigen Ausnahmen zählen bisher Ackermann, 2017; Grimm  & Kahmann, 2017; Salzborn, 2018a; sowie vergleichend im europäischen Kontext Rensmann, 2019). Erst nach dem antisemitischen Terrorattentat auf die Synagoge von Halle am 09. Oktober 2019 und im Angesicht der teils beschwichtigenden respektive mithin selbst judenfeindlichen Reaktionen seitens der Partei rückte das Thema Antisemitismus in der AfD verstärkt ins öffentliche Blickfeld. Zwar betonte der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen, die AfD stünde »zum jüdischen Leben in Deutschland und zu Israel« (zit. n. Redaktion Tagesschau, 2019). Das AfD-Bundestagsmitglied Stephan Brandner, zu dieser Zeit noch Vorsitzender des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages, retweetete indes die Frage »Warum lungern Politiker mit Kerzen in Moscheen und Synagogen rum?« – die Opfer seien doch »Deutsche« gewesen (zu denen Juden dieser Auffassung nach scheinbar nicht gehören). Der sächsische Landtagsabgeordnete Roland Ulbrich fragte: »Was ist schlimmer, eine beschädigte Synagogentür oder zwei getötete Deutsche?« Der Offenburger AfD-Stadtrat Taras Maygutiak witterte gar eine Verschwörung zum Schaden der AfD – das Attentat sei »inszeniert« worden (alle vorangegangenen Zitate zit. n. Krauss, 2019). Trotz der beginnenden gesellschaftlichen Diskussionen und der zeitweise gestiegenen Aufmerksamkeit bleibt die spezifische Erforschung des Antisemitismus in der Partei AfD weitgehend unterbelichtet. Dieser Beitrag bemüht sich um einen Forschungsrahmen zur Analyse antisemitischer Elemente in der AfD und deren empirische Bewertung aus politikwissenschaftlicher Sicht. Dabei werden insbesondere öffentlichkeitswirksame Äußerungen von Parteispitzen und Kampagnen auf sozialen Medien einbezogen und untersucht. Diese geraten in der konventionellen Parteienforschung, welche sich auf offizielle Wahlkampfplattformen und Parteiprogramme konzentriert, aber auch in der politischen Kulturforschung zumeist aus dem Blick – jedoch sind sie in ihrer politischen Bedeutung nicht zu unterschätzen. Behauptung, Yücel sei »weder Journalist noch Deutscher« (Weidel, 2018). Der Journalist, der Deutschland hasse, solle »eigentlich keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen«. Diese Forderung bekundet ein gleichermaßen rassistisches wie illiberales Verständnis von Staatsbürgerschaft und Demokratie. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 311 Die Mobilisierung des Ressentiments Im Folgenden werden dazu erstens Elemente der politischen Ideologie der AfD und der Zusammenhang zwischen manichäischen, anti-pluralistischen, ethnisch-nationalistischen und populistischen Deutungsfolien, welche die Partei bedient, und Judenfeindschaft bzw. antisemitischem Verschwörungsdenken befragt.2 Dabei werden sowohl explizite antisemitische Sinngehalte untersucht als auch Strukturelemente rechtspopulistischer Ideologie in der Af D, die eine Affinität zu antisemitischen Deutungsmustern aufweisen oder als judenfeindliches Innuendo funktionieren können. Daraufhin wird zweitens die Rolle des Geschichtsrevisionismus – soll heißen: die Verharmlosung des Holocausts und die Relativierung deutscher Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs – in der AfD im Verhältnis zum Antisemitismus analysiert. In einem dritten Schritt untersucht der Beitrag AfD-Kampagnen in sozialen Medien, die sich gezielt gegen jüdische Personen des öffentlichen Lebens richten, um zu beleuchten, inwiefern in der politischen und medialen Alltagspraxis der AfD antisemitische Ressentiments mobilisiert werden, die Juden unmittelbar bedrohen. Anschließend sollen in einem vierten Abschnitt auch vorgeblich philosemitische und pro-israelische Positionen in der AfD Berücksichtigung finden, einschließlich der Splittergruppe der »Juden in der AfD«. Abschließend wird fünftens die Rolle antisemitischer Haltungen in der Wählerschaft der AfD einbezogen, um das Verhältnis von Parteiführung, Basis und Elektorat im Hinblick auf Judenfeindschaft besser zu verstehen und bewerten zu können. Diese Schritte sollen zugleich den Rahmen bereiten für Folgeuntersuchungen zur Messung und Analyse von Antisemitismus in Ideologie und Programmatik der AfD – und zur etwaigen aktuellen Bedeutung der politischen Mobilisierung von antisemitischen Ressentiments für die Partei als Akteur im neuen deutschen Parteiensystem. 2 Hier wird im Folgenden von »Verschwörungsdenken«, »Verschwörungsmythen« bzw. »Verschwörungsfantasien« die Rede sein. Diese Begriffe verweisen darauf, dass es sich um imaginierte Vorstellungswelten handelt, die weitestgehend unabhängig von empirischen Wirklichkeiten operieren. Der landläufige Begriff »Verschwörungstheorie« hingegen erscheint weniger geeignet, die beschriebenen Phänomene zu erfassen. Als »Theorien« kann man zuvörderst wissenschaftliche Denkmodelle und zusammenhängende Hypothesen bezeichnen, die auf Prinzipien rationaler Logik beruhen, sich an empirischen Realitäten und wissenschaftlichen Begründungen orientieren und auf Erkenntnisfortschritt zielen. Keines dieser Elemente ist dem Verschwörungsdenken zueigen. 312 Lars Rensmann 1 Im (Kultur-)Kampf gegen »Staatsfunk«, »Soros-Jugend« und den »Volkstod« durch die »globale Elite«: Elemente von völkischem Nationalismus und antisemitischem Verschwörungsdenken in der AfD In diesem ersten Analyseschritt sollen die manichäischen, anti-pluralistischen, ethnisch-nationalistischen und populistischen Deutungsfolien als Teil der politischen Ideologie der AfD skizziert werden, welche die Partei bedient, insofern sie potenziell oder tatsächlich in Zusammenhang mit judenfeindlichen Ressentiments oder antisemitischen Verschwörungsfantasien stehen. Dabei wird einerseits nach Strukturelementen rechtspopulistischer Ideologie in der AfD gefragt, welche ideologiehistorisch und strukturell anschlussfähig sind an antisemitische Deutungsmuster. Trotz signifikanter Erosionen der Grenzen des demokratisch Sagbaren und der Erweiterung des Sagbarkeitsfeldes im Hinblick auf Antisemitismus in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten (zur ersten Diagnose Rensmann, 2004, S. 499) tritt dieser unter Bedingungen liberal-demokratischer politischer Kulturen weiterhin oftmals modernisiert bzw. codiert in Erscheinung. Andererseits wird der Blick auch auf explizite Sinngehalte und Tropen klassischer moderner Judenfeindschaft bzw. explizit antisemitisches Verschwörungsdenken in der AfD – Formen eines offenen, aggressiven Verbalantisemitismus – gerichtet (Schwarz-Friesel & Reinharz, 2013). Im Untersuchungsfokus stehen hier der ideologiegeschichtlich insbesondere in Deutschland aufs Innigste mit dem Antisemitismus verbundene völkische Nationalismus sowie eine damit verbundene nationalrevolutionäre Gewaltapologie, die sich gegen das System liberal-pluralistischer Demokratie und die kulturelle Moderne richtet, sodann der rechtspopulistische Elitebegriff und teils offene, teils codiert mit ihm verknüpfte antisemitische Verschwörungsfantasien, und schließlich Fälle von expliziten anti-jüdischen Ressentiments bei gleichzeitiger Antisemitismusexternalisierung und -verharmlosung. Völkischer Nationalismus und nationalrevolutionäre Gewaltapologie Das, was auf Basis der AfD-Programme als politische Ideologie der Partei verstanden werden kann, welche die Organisation im Innersten zusam- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 313 Die Mobilisierung des Ressentiments menhält, ist von prägnant binärem, manichäischem Denken geprägt. Durch das AfD-Wahlprogramm 2017 zieht sich wie ein roter Faden das Motiv, gesellschaftliche Interessenskonflikte in populistischem Sinne auf einen vertikalen Grundkonflikt zwischen einem homogenisiert gedachten »guten Volk« und einer homogenen »korrupten Elite« sowie einen horizontalen Grundkonflikt zwischen dem »wahren Volk« und den gleichermaßen negativ kollektivierten »Anderen«, insbesondere Migrant*innen, zu reduzieren. Die Konstruktionen solch fundamentaler Antagonismen zwischen einem »wahren« deutschen Volk und angeblich volksfeindlichen Entitäten und Kollektiven – von »Verrätern« im Innern zu äußeren »Feinden« – ist zugleich typisch für modernen Antisemitismus. Juden spielen in solch völkischem Bedrohungs-Imago seit je die Rolle des existenziellen Feindes, der die »Verräter« im Innern mit den Feinden von außen verbindet. Die für den Antisemitismus typischen imaginierten existenziellen Feindbestimmungen (»Volksverräter«, zit. n. Bender, 2020) gegenüber einem »wahren« Volk entsprechen implizit und bisweilen auch explizit einer ethnischen Konstruktion von Nation, welche Juden historisch ausschließt und letztlich zu unbedingt zu bekämpfenden, existenziellen Gegnern erklärt. Mit ihrem ethnisch dominierten Nations- und Volksbegriff sowie korrespondierenden binären Codes und Feindbildkonstruktionen, die dem vermeintlich »wahren« Volk entgegengesetzt werden, knüpfen Rechtspopulisten der AfD – ähnlich anderen Rechtspopulisten und Rechtsradikalen – somit direkt an Traditionen des modernen Antisemitismus an (Rensmann, 2004, S. 75; Volkov, 2000). Die AfD bedient weithin programmatisch völkisch-exklusive Gemeinschaftskonstruktionen, die historisch aufs Engste mit Antisemitismus verbunden und mindestens implizit an diese Ideologiegeschichte anknüpfen. Die Partei beschwört Kollektivsubjekte, welche auf einer ethnischen Definition von Staatsbürgerschaft und Recht basieren – etwa, wenn der Vorsitzende Jörg Meuthen erzählt, er sehe im Zentrum »seiner Stadt […] nur noch vereinzelt Deutsche« (zit. n. Huber, 2017). Diese ethno-nationalistischen Vorstellungen von Gemeinschaft ziehen sich durch die Programmatik und alle Ebenen der Partei. So formulierte der nordrhein-westfälische Abgeordnete Thomas Röckermann bereits 2016: »Die Gegenwarts-Politik muss endlich die Stärke zur politischen Aktion aufbringen. Sie muss bereit sein, das ›Eigene‹ zu verteidigen und das ›Fremde‹ auszuschließen.« Der kulturpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion Marc Jongen will entsprechend das »Abstammungsprinzip« wieder einführen, und Sach- 314 Lars Rensmann sens AfD-Vorsitzender Jörg Urban insistiert, ein Volk könne »nur die Einigkeit und Freiheit bewahren, wenn es weitgehend homogen bleibt.« Vor diesem ideologischen Horizont eines völkischen Nationsbegriffs ist es zu verstehen, dass auch der AfD-Ehrenvorsitzende Gauland 2017 eine deutsche Staatsbürgerin, die damalige Staatsministerin Aydan Özoguz, »in Anatolien entsorgen« wollte (alle Aussagen zit. n. Bender, 2020). Die Parteiführung unterstützt und protegiert in dieser Hinsicht zudem die rechtsextremen Teile der Basis sowie den offen rechtsextremen (jüngst unter dem Druck des Verfassungschutzes formal, aber nicht personell aufgelösten) »Flügel«, geführt vom AfD-Vorsitzenden Thüringens, Björn Höcke. Dieser verkündet in national-revolutionärem Vokabular völkische Säuberungs- und Vernichtungsfantasien. Gerade das politische Weltbild dieses AfD-Flügels, der mittlerweile ein integraler Bestandteil der Partei ist, ist von »aggressiver Klarheit«, wie Thomas Assheuer kommentiert (Assheuer, 2020). Der Flügel ist bemüht, völkisch-revolutionäre Mittel und Ziele in aller Deutlichkeit zu formulieren. Man werde gegen den vermeintlich drohenden »Volkstod« drastische Mittel ergreifen (zit. n. Herzinger, 2019). Dabei würden »wir leider ein paar Volksteile verlieren«, die »zu schwach oder nicht willens sind, sich der fortschreitenden Afrikanisierung, Orientalisierung oder Islamisierung zu widersetzen« (zit. n. Di Lorenzo, 2020). Entsprechend moralischer Hemmungen und schwacher »Volksteile« entledigt werde Deutschland, so Höcke, zu seiner Erhaltung »nicht um eine Politik der ›wohltemperierten Grausamkeit‹ herumkommen« (ebd.). In ethno-nationalistischer Revolutionsrhetorik werden dergestalt künftige Gewalttaten im Namen des Kollektivs angekündigt. Zugleich wird mit der Apologie der Grausamkeit offenkundig an sadistische Wünsche appelliert, deren Befriedigung in kollektiven Gewaltakten versprochen wird. Womöglich steht dieses Versprechen in einer innigen Verbindung zur libidinösen Besetzung Höckes als »Kanzler der Herzen« (so zu lesen auf etlichen Plakaten von Höcke-Bewunderern), der seinem »eigenen Volk« seine Liebe schenke und dem Dank seines erklärten Willens zur Grausamkeit die Herzen zufliegen. Die hier artikulierte völkische Ideologie vom Kampf gegen den »Volkstod«, der unzweideutig ethnisch definiert wird, steht mit bundesrepublikanischem Recht und dem politischen System mit seinen universalistischen Verfassungsgrundlagen im offenen Widerspruch. Dieser Widerspruch wird vom AfD-Spitzenpolitiker Höcke nicht geleugnet – er soll vielmehr augenscheinlich im Rahmen einer anti-modernen, nationalen 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 315 Die Mobilisierung des Ressentiments Revolution »grundsätzlich« überwunden werden durch die Bekämpfung des liberal-demokratischen Verfassungsstaates: »Ein paar Korrekturen und Reförmchen«, so Höcke, »werden nicht ausreichen. Aber die Unbedingtheit wird der Garant dafür sein, dass wir die Sache gründlich und grundsätzlich anpacken werden. Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen, dann werden die Schutthalden der Moderne beseitigt« (zit. n. Assheuer, 2020). Folgerichtig jubiliert Höcke als Demokratiegegner auch über den vermeintlichen »Verwesungsgeruch einer absterbenden Demokratie«, der durch das Land wabere (zit. n. Naumann, 2019). Parteikollege Andreas Kalbitz, Mitglied des AfD-Bundesvorstandes sowie in Personalunion Landes- und Fraktionsvorsitzender der AfD in Brandenburg und ehemals aktiv in Neonazigruppen, reklamiert in diesem Sinne: »Wir sind die Götterdämmerung dieses globalisierten Multikulturalismus!« Seine politische Vision schließt offenkundig die Idee der Ausbürgerung von deutschen Staatsbürger*innen ein, die den politischen oder ethnischen Vorstellungen des AfD-Politikers nicht entsprechen: »Wir kriegen den Flieger voll mit den Claudia Roths und Cem Özdemirs!« (beide Aussagen zit. n. Assheuer, 2020). Der AfD- Ehrenvorsitzende Alexander Gauland betont im Unterschied zur »wohltemperierten Grausamkeit« Höckes zwar das Ziel einer »friedliche[n] Revolution«, aber auch er avisiert einen politischen Systemwechsel. Er will dem gegenwärtigen politischen System der Bundesrepublik, analogisiert wie bei Höcke zur DDR-Diktatur, revolutionär ein Ende setzen und die »regierende Klasse« oder Elite aus der Verantwortung »vertreiben« – insofern müsse »mehr weg als nur die Bundeskanzlerin.« Nichts vom »System Merkel« dürfe fortbestehen, weder bei »Leuten aus anderen Parteien« noch in den Medien. Marc Jongen will, scheinbar nach dem Vorbild Orbáns und dessen autoritär-nationalistischer Umgestaltung der Kultur in Ungarn, in Deutschland eine »Entsiffung des Kulturbetriebs in Angriff« nehmen (zit. n. ebd.).3 3 Teils überbieten sich Mitglieder, Mitarbeiter und Funktionäre der AfD, meist unsanktioniert, in der Radikalität ihrer Äußerungen und offenbaren mithin eine neo-nationalsozialistische Gesinnung: »So sieht Nationalstolz aus, Freunde«, formulierte ein sächsischer AfD-Kreisvorsitzender 2017 über ein Neonazi-Musikfest im thüringischen Themar, und ein Mitarbeiter von zwei baden-württembergischen AfD-Landtagsabgeordneten forderte neben »Sieg Heil« unverhüllt einen neuen Genozid: »Immerhin haben wir jetzt so viele Ausländer im Land, dass sich ein Holocaust mal wieder lohnen würde« (zit. n. Bender, 2020). 316 Lars Rensmann All jene Äußerungen deuten auf nationalrevolutionäre Ideologie-Elemente, Ziele und autoritäre Praktiken hin, die mit der liberalen Demokratie und ihren universalistischen Prinzipien grundlegend brechen sowie Gewalt und Grausamkeit hypostasieren. Jene Elemente scheinen fast durchweg in einem völkischen Nationalismus verankert, der strukturell aufs Innigste mit dem Ausschluss von Juden sowie Konstruktionen von Juden als der nationalen Gemeinschaft entgegengesetzten »Volksfeinden« verbunden ist – auch dann, wenn Juden nicht explizit attackiert werden. Dies ist umso konturierter der Fall, je deutlicher der rechtsextreme »Flügel«, der besonders stark im Osten Deutschlands ist, wo die AfD auch ihre größten Wahlerfolge erzielt, mittlerweile die gesamte Partei dominiert. Wie weitgehend der rechtsextreme »Flügel« mit seiner völkisch grundierten »Systemkritik«, die sich implizit und bisweilen explizit immer auch gegen Juden und ihre Rechte richtet, und mit seinem Angriff auf die bestehenden »Verhältnisse« der liberal verfassten, konstitutionellen Demokratie sowie die mit ihr verbundenen universalistischen Gleichheitsrechte, die sie verkörpert, heute die Gesamtpartei bestimmt, zeigt die bereits im März 2015 von Björn Höcke und André Poggenburg initiierte und zusammen mit Gauland erstunterzeichnete »Erfurter Resolution«. Sie stellt das Gründungsdokument des rechtsextremen »Flügels« dar. Hier dokumentieren sich die Nähe zu rassistischen »bürgerlichen Protestbewegungen« (mit denen offenbar insbesondere die rassistische PEGIDA gemeint ist), die Agitation gegen den »Verrat an den Interessen unseres Landes« sowie das »Bekenntnis der AfD zu einer grundsätzlichen politischen Wende in Deutschland« [Hervorh. L.R.], getragen von einer »Bewegung unseres Volkes gegen die Gesellschaftsexperimente der letzten Jahrzehnte« wie »Gender-Mainstreaming« und »Multikulturalismus«, wobei die AfD als »Widerstandsbewegung [sic!] gegen die weitere Aushöhlung der Souveränität und der Identität Deutschlands« begriffen wird (alle Zitate Der Flügel, 2015). Rechtspopulistische Elitenkritik und anti-jüdische Verschwörungsfantasien An den ethnisch-nationalistischen, anti-pluralistischen Volks-, Identitätsund Interessenbegriff knüpft das Bild einer global vernetzten, korrupten, böswilligen und kosmopolitischen Elite an, die angeblich das nationale Volk 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 317 Die Mobilisierung des Ressentiments »verrät« oder »betrügt«. Dieses Bild ist nicht nur Teil eines Komplexität reduzierenden, verdinglicht manichäischen Weltbilds, das die AfD konsequent bedient. Die Imago einer geschlossenen, (interessen)homogenen Gruppe, die dem betrogenen »Volk« als antagonistisch gegenübergestellt wird und diesem den »Volkstod« beschere, entstammt vielmehr dem Arsenal des modernen Antisemitismus. Das populistische Elitenbild zeigt sich unmittelbar anschlussfähig an antisemitische Verschwörungsmythen, die historisch direkt mit der Trope einer verschworenen Elite, die vermeintlich Pläne zur »Zersetzung« des Volkes verfolgt, verbunden sind. Verschwörungsfantasien – noch dazu solche, die gegen »das Volk« gerichtet sind – stellen ein spezifisches Markenzeichen des Antisemitismus dar. Der Schritt von personifizierenden Verschwörungsmythen zur offenen Judenfeindschaft ist vor dem Hintergrund der Geschichte kultureller ideologischer Deutungsmuster nur ein kleiner; und dieser Schritt wird mit jenen Mythen bei der Gefolgschaft politisch-kulturell assoziiert. Auch das affektiv aufgeladene Bild der volksfeindlichen »Globalisten«, gegen welche die Rechtspopulisten agitieren, ist ideologiegeschichtlich antisemitisch konnotiert (Friesel, 2010, S. 174). Wer also wie die AfD-Führung eine sinistre globale Verschwörung nationaler und transnationaler Eliten insinuiert, aktiviert auch die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung. Das gilt konkret für die von Björn Höcke und anderen Rechtsextremen in der AfD mobilisierte Verschwörungsfantasie, es drohe ein »bevorstehende[r] Volkstod durch Bevölkerungsaustausch« (zit. n.  Ingendaay, 2019). Hiermit rekurriert Höcke auf die antisemitische Vorstellung, eine globale Elite – vorgeblich geführt, orchestriert und finanziert insbesondere vom wohlhabenden kosmopolitischen jüdischen Finanzier George Soros als »Strippenzieher« – organisiere einen weltweiten Austausch der autochthonen weißen respektive europäischen Bevölkerungen. In dieser globalen Verschwörung sieht Höcke auch die EU als Marionette: Sie sei eine »Globalisierungsagentur«, welche den »als pervers zu bezeichnenden Geist eines George Soros« exekutiere (zit. n. Siemens et al., 2020). 2017 behauptete auch der damalige AfD-Vorsitzende von Mecklenburg- Vorpommern Dennis Augustin, der »große Austausch, die gezielte, vorsätzliche kulturelle und ethnische Veränderung Europas« sei »in vollem Gange« (zit. n. Bender, 2020) – ähnlich zu Gauland, der behauptet, die politische Elite vollende den »Bevölkerungsaustausch«. Diese Fantasie konstituiert zugleich den Kern der Ideologie der rechtsextremen »Identitären Bewegung«. Sie knüpft an den mittlerweile globa- 318 Lars Rensmann lisierten antisemitischen Verschwörungsmythos aus dem 20. Jahrhundert an, dass »globalistische«, »zersetzende« Juden weltweite Massenmigration orchestrierten, um einen globalen »Bevölkerungsaustausch« oder »white genocide by substitution« zu verwirklichen. Teilweise wird die Fantasie vom vorsätzlich geplanten »großen Austausch« heute auch ohne expliziten Bezug auf Juden oder eine »jüdische Weltverschwörung« verbreitet. Indes bildet der Horizont der Trope von einer globalen jüdischen Verschwörung erstens den konnotierten ideologiegeschichtlichen Ursprung des Mythos vom »großen Austausch«; zweitens mobilisieren auch die Ideologeme, »korrupte internationale Eliten« oder eine verschworene »globale Elite« organisierten heimlich jenen Plan zum »Volkstod« europäischer oder weißer Völker, antisemitische kulturelle Codes (vgl. Rensmann, 2020); und drittens wird dabei für die fantasierte »Umvolkung« respektive den »Volkstod« oftmals auch in der AfD (wie im gesamten Spektrum des Rechtsextremismus) kaum zufällig der jüdische Finanzier und Philanthrop George Soros als Drahtzieher und Vordenker verantwortlich gemacht, welcher die Völker zerstöre. So findet Björn Höcke, der Verfassungsschutz sei »spätestens mit dem Rauswurf von Hans-Georg Maaßen zum reinen Exekutivorgan für den völkerauflösenden und als pervers zu bezeichnenden Geist eines George Soros geworden« (zit. n. Mascolo et al., 2019). Darüber hinaus wird die weitverbreitete Anklage gegen den Juden Soros als Drahtzieher globaler Veränderungen in der AfD mit der Ablehnung soziokulturellen Wandels in der modernen Gesellschaft im Zeitalter der Globalisierung schlechthin verknüpft. So attackiert der baden-württembergische AfD-Bundestagsabgeordnete Thomas Seitz die jungen grassroots-Aktivist*innen von »Fridays for Future« verschwörungsmythisch als »Soros-Jugend«, was impliziert, sie seien bezahlte und letztlich jüdisch gesteuerte Demonstrierende (zit. n. Schwarz, 2020, S. 70). Antisemitismus funktioniert hier im Sinne von Shulamit Volkov zugleich als Code zur Strukturierung kultureller Muster, als Bindemittel und als Symbol, »ein Kürzel für ein ganzes System von Ideen und Einstellungen« (Volkov, 2000), welche gegen eine verhasste Moderne und ihre Pluralität gerichtet sind – also gleichzeitig als Code für einen autoritären, anti-emanzipatorischen, anti-egalitären, völkischen, anti-feministischen und heute auch anti- ökologischen Wertehorizont. Dergestalt ist der von Teilen der AfD und der Neuen Rechten avisierte und priorisierte »Kulturkampf« im Sinne Gramscis auch als Komplex zu sehen. Dieser verknüpft die Ablehnung von 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 319 Die Mobilisierung des Ressentiments Frauengleichstellung als »Gendermainstreaming« sowie die Verleugnung des menschengemachten Klimawandels, welche bei der AfD wie bei anderen rechtspopulistischen Akteuren programmatisch prominent firmieren (vgl. Lockwood, 2018), mit nostalgisch-kulturalistischen, völkisch-nationalistischen, rassistischen und eben auch antisemitischen kulturellen Ideologemen, die das Bild eines übermächtigen Soros oder einer sinistren globalen Elite evozieren. Auch Gauland konstruiert und mobilisiert hierbei einen antisemitisch konnotierten Eliten- und Klassenbegriff. Er attackiert eine »globalisierte Klasse«, welche »in den international agierenden Unternehmen, in Organisationen wie der UN, in den Medien, Start-ups, Universitäten, NGOs, Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten« sitze. Diese Klasse kontrolliere »die Informationen« und habe eine schwache Bindung »an ihr jeweiliges Heimatland« (zit. n. Herzinger, 2019). Ein solches Bild bedient den klassischen antisemitischen Topos einer globalen, wurzel- und heimatlosen Elite, die heimlich alle möglichen Institutionen, Medien und Verbände infiltriert habe und dominiere, und die auf Weltherrschaft aus sei. Dabei fungieren Referenzen zu »den Globalisten« seit Langem als Chiffre für das Phantasma von der jüdischen Weltverschwörung – nicht nur bei der radikalen Rechten. Der solcher Art welterklärende Mechanismus der Personifizierung ist selbst im Kern antisemitisch. Er erhebt sich vor dem Hintergrund tradierter judenfeindlicher Deutungsfolien, nach denen alle möglichen sozialen und individuellen Probleme der modernen, demokratisch-liberalen Gesellschaft auf das Bild von Juden projiziert sowie das komplexe, abstrakt vermittelte gesellschaftliche und politische moderne Weltgeschehen mit dem sinistren Wirken von Juden erklärt werden – beispielhaft in den antisemitischen Protokollen der Weisen von Zion. Jene Personifizierung ist historisch und strukturell mit dem topologischen Weltbild antisemitischer Verschwörungsfantasien eng verwandt, das immer schon im Vorhinein alles weiß und keinen Zweifel zulässt, wer der Schuldige ist und wer »hinter« allen gesellschaftlichen Problemen steckt. Die tradierte Phantasmagorie, die Juden als Minderheit große Verschwörungsmacht zuschreibt, zeigt sich auch in der Wut auf einen pauschal als »Staatsfunk« diffamierten öffentlich-rechtlichen Journalismus – und die Medienwelt insgesamt, welche die AfD als Teil einer verhassten politisch-kulturellen Elite erachtet. Im Besonderen sticht das althergebrachte und eingeschliffene antisemitische Stereotyp von den Medien als geschlos- 320 Lars Rensmann sene, manipulierende »Lügenpresse« oder »Systempresse« hervor, die das Volk manipuliere und betrüge (vgl. Pittelkow et al., 2018). Dieses Ideologem wird heute sowohl von rechtsextremen Sammlungsbewegungen wie PEGIDA als auch von Vertreter*innen der AfD vielfach bemüht. Es insinuiert eine vermeintlich vorsätzliche Unterdrückung der freien Rede (»Tabus«) durch eine koordinierte Macht von Staat, Elite und etablierten Medien. Meinungspluralismus und Interessenvielfalt seien durch eine von oben gesteuerte, organisierte und dann durchgesetzte liberale Einheitsmeinung ersetzt worden. Der antisemitisch konnotierte Begriff »Lügenpresse« stellt hierbei eine Verbindung zum Stereotyp von der »jüdischen Medienmacht« her. Juden wird in antisemitischen Wahrnehmungen seit je eine Kontrolle der Medien und eine entsprechende mediale Manipulationsmacht zugeschrieben. Dergestalt werden auch teils augenzwinkernd antisemitische Ressentiments über sinistre und böse globalistische Eliten bedient, wobei sich die Partei AfD als die politisch relevante Partei der – vermutlich sowohl kalkulierten als auch unfreiwilligen – Tabubrüche und unzivilen gesellschaftlichen Regelbrüche auch explizit und aggressiv gegenüber Juden erweist. Modernisierter Antisemitismus, expliziter Antisemitismus und Antisemitismusverleugnung Expliziter Antisemitismus erscheint heute (respektive bisher) mithin nicht als zentrales Element der politischen Ideologie, Programmatik und Mobilisierung der AfD. Nichtsdestoweniger scheint die AfD nicht zufällig durchsetzt mit antisemitischen Konnotationen, Codes und teilweise offen judenfeindlichen Ideologemen. Prägende Elemente der AfD-Ideologie stehen teils in impliziter, teils in expliziter Nähe zu Formen eines modernisierten Antisemitismus. Der Begriff »modernisierter Antisemitismus« verweist dabei auf antisemitische Denk- und Ausdrucksformen, die auf die »veränderten demokratischen Ansprüche nach dem Holocaust mit ideologischen Codierungen und Modifikationen reagieren (und etwa auf der Angebotsseite neue, ›legitime‹ antisemitische Mobilisierungsstrategien entwickeln), ohne notwendig mit dem modernen Antisemitismus als Weltdeutung zu brechen« (ursprünglich Rensmann, 2004, S. 79). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 321 Die Mobilisierung des Ressentiments Die führenden Rechtspopulisten der AfD operieren zumeist mit modernisierten, camouflierten oder codierten antisemitischen Tropen  – dem, was Adorno einst als »Krypto-Antisemitismus« und judenfeindliches Innuendo, das auf »oft nur leise verschleierte[] Stereotype des Antisemitismus« (Adorno, 1963, S. 132) zielt, bezeichnet hat.4 Ein prägnantes Beispiel ist eine Rede von AfD-Politiker Benjamin Nolte, in der er sich von einer »dunkle[n] Allianz« aus »Politik, Medien und Helfershelfern dieser staatszersetzenden Clique« bedroht sieht (zit. n. Peterhans, 2018). Idee und Begriff von der »Zersetzung« von Staat und Volk sind originär antisemitisch konnotiert – dies zumal in Verbindung mit der verdichteten Verschwörungsideologie, eine »dunkle Allianz« sei am Werk. Doch Antisemitismus wird auch immer wieder explizit in der AfD artikuliert. In das von der AfD mobilisierte und aktualisierte ethno-nationalistische, verschwörungsideologische und damit strukturell antisemitische Weltbild passt die offen judenfeindliche Aussage des Würzburger AfD-Vorsitzenden Herold Peters-Hartmann, Juden hätten »sehr, sehr viel Einfluss,« was ein »großes Problem« sei vor dem Hintergrund vom »Traum« vom »homogenen Volk« (zit. n. Domradio 2020).5 Schließlich eröffnet die Af D-Führung dem Antisemitismus zugleich eine Plattform, indem sie Judenfeindschaft in der Partei und beim »wahren« deutschen Volk herunterspielt. Wenn Antisemitismus thematisiert wird, dann nur bei »den Anderen«, namentlich als Problem ausschließlich von Muslimen und Geflüchteten (Steinitz & Poensgen, 2018). Während Antisemitismus hierbei externalisiert und politisch instrumentalisiert wird, beteiligt sich die AfD insofern an einer gesellschaftlich verbreiteten Antisemitismusverleugnung, wenn es um das »gute Volk« und die idealisierte nationale Gemeinschaft geht. 4 Dieser Krypto-Antisemitismus gilt hierbei auch als »eine Funktion der Autorität, die hinter dem Verbot offener antisemitischer Manifestationen steht. Es liegt aber in diesem Versteckten selbst ein gefährliches Potenzial. […] Wer sich derart […] dem Gerücht zuwendet, wirkt von vornherein so, als ob er einer heimlichen, wahrhaften und durch die Oberflächenformen der Gesellschaft nur unterdrückten Gemeinschaft angehöre« (Adorno, 1963, S. 109). 5 Die AfD-Landesspitze hat indes angekündigt, die Ermittlungen nach einer Strafanzeige wegen Volksverhetzung abzuwarten und dann gegebenenfalls Konsequenzen zu ziehen. 322 Lars Rensmann 2 Nationalistische Rehabilitierung deutscher Geschichte als politisches Motiv der AfD: Antisemitismus und Erinnerungsabwehr Ein zentrales Motiv der politischen Ideologie und Programmatik der AfD ist der Versuch der Rehabilitierung eines ungebrochenen deutschen Nationalstolzes. Die Kultur- und Geschichtspolitik der AfD, die in den letzten Jahren konturierter und zugleich radikaler geworden ist, deutet auf ein politisches Projekt weitgehend uneingeschränkter nationaler Glorifizierung sowie einer nostalgischen Rückkehr zu einer restaurativ-geschichtsverdrängenden Heimatkultur, wie sie etwa in den 1950er Jahren bestimmend war. Die Erinnerung an die deutsche Schuld mit Blick auf die Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges und an die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden steht einem solchen Projekt der Idealisierung Deutschlands und deutscher Geschichte unweigerlich entgegen. Dies gilt auch für entsprechende institutionalisierte Formen des Gedenkens an die Shoah sowie eine kritisch-selbstreflexive Erinnerungskultur, welche der Opfer gedenkt und die Täter benennt. In einer nationalen Geschichtsschreibung als Heldengeschichte und in der Erzählung vom »guten Volk« kann die Geschichte der Judenverfolgung und -vernichtung keinen gewichtigen Platz einnehmen. Das mit der Rehabilitierung eines ungebrochenen deutschen Nationalismus verbundene AfD-Projekt einer neuen national(istisch)en Erinnerungskultur, die sich dezidiert von der Geschichte der Verbrechen abwendet, impliziert insofern auch unmittelbar den Ausschluss der »jüdischen Erinnerung« – der Opferperspektive, die an präzedenzlose Menschheitsverbrechen und unfassbares Leid erinnert, welches de facto alle heute in Deutschland lebenden jüdischen Familien direkt oder indirekt betroffen hat. Die aggressive Abwertung derjenigen, die als jüdische Stimmen oder schon qua Existenz als Juden die unliebsame deutsche Verbrechensgeschichte zu personifizieren scheinen, geht zudem folgerichtig einher mit der »Generierung eines deutschen Opfermythos« (Salzborn, 2018b, S.  66), der letztlich eine Täter-Opfer-Umkehr bedingt: Wenn Deutsche die Opfer der Geschichte und ihrer Erinnerung sind, erscheinen Juden, die an deutsche Täterschaft und Taten erinnern oder die Vergangenheit thematisieren, als Täter, die böswillig die Erinnerung instrumentalisieren. Somit richtet sich die geschichtsrelativierende nationale Erzählung der Af D vom guten, heroischen, unschuldigen 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 323 Die Mobilisierung des Ressentiments deutschen Volk fast notwendig gegen Juden als perzipierte oder personifizierte »Störenfriede« der Erinnerung. Ein entsprechender von der AfD politisch mobilisierter Geschichtsrevisionismus ist deshalb von direkter Bedeutung für die Förderung von »sekundärem Antisemitismus aus Erinnerungsabwehr«.6 Die vorbehaltlose Glorifizierung der deutschen Nation und ihrer Geschichte impliziert den Versuch, die Verbrechen des Holocaust und deutschen Gräueltaten während des Nationalsozialismus zu relativieren, und damit auch die Verleugnung oder Relativierung der Geschichte des Antisemitismus, aber auch die Verharmlosung judenfeindlichen Terrors in Deutschland heute, sofern er von Deutschen begangen wird. Allen voran tritt hierbei nicht nur Björn Höcke, sondern auch Alexander Gauland mit deutlichen Positionen hervor. Selbst nach seinem formalen Rückzug auf den Ehrenvorsitz bleibt Gauland graue Eminenz und unbestrittene politisch-ideologische Führungskraft der AfD. Seine Aussagen zeigen, wie Motive von NS-Relativierung und Antisemitismus aus Erinnerungsabwehr in der AfD mobilisiert werden und ineinandergreifen. Laut Gauland seien »die Nazis nur ein Vogelschiss« in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte gewesen: »Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte. Und die großen Gestalten der Vergangenheit von Karl dem Großen über Karl V. bis zu Bismarck sind der Maßstab, an dem wir unser Handeln ausrichten müssen. Gerade weil wir die Verantwortung für die 12 Jahre übernommen haben, haben wir jedes Recht den Stauferkaiser Friedrich II., der in Palermo ruht, zu bewundern. Der Bamberger Reiter gehört zu uns wie die Stifterfiguren des Naumburger Doms« (Gauland, 2018).7 Die deutschen Wehrmachtssoldaten, die an den Verbrechen insbesondere auch gegen die europäischen Juden beteiligt gewesen sind, glorifizierte Gauland schon zuvor als Helden, auf die man stolz sein könne: »Wenn 6 Vgl. zu sekundärem Antisemitismus aus Erinnerungsabwehr ausführlich Rensmann, 1998, S. 230ff.; Rensmann, 2004, S. 162–165. 7 Ein typisches Vorgehen von (rechts)populistischen Akteur*innen ist es, nach provozierenden Äußerungen leicht zurückzurudern oder zu behaupten, man sei böswillig missverstanden worden in der »Lügenpresse« (ein Begriff, der selbst dem Arsenal der LTI, der NS-Sprache, entstammt und ideologiehistorisch antisemitisch konnotiert ist). 324 Lars Rensmann Franzosen und Briten stolz auf ihren Kaiser oder den Kriegspremier Winston Churchill sind, haben wir das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen«. Überhaupt müsse man »uns diese zwölf Jahre [NS-Zeit, Anm. L.R.] nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr« (zit. n. o.A., 2017). Der Rechtsextremist Björn Höcke hat schon 2017 das Holocaust-Mahnmal als »Denkmal der Schande« bezeichnet und erinnerungsabwehrend programmatisch für die AfD und Deutschland eine »erinnerungspolitische Wende um 180 Grad« gefordert (Höcke, 2017).8 In der Konstruktion einer von der kritischen Erinnerung an den Nationalsozialismus und seinen Verbrechen »befreiten«, die deutsche Nation vorbehaltlos glorifizierenden kollektiven Gedenkpolitik, die sich von einer kritischen Verarbeitung verabschiedet, erscheinen Juden zwingend als Problem. Somit ist es kaum überraschend, dass manche Akteur*innen der AfD den Schritt von Holocaustverharmlosung und Geschichtsapologie zum erinnerungsabwehrenden Antisemitismus tätigen und in einen Angriff auf Juden überführen. Der sekundäre Antisemitismus aus Erinnerungsabwehr erweist sich entsprechend verbreitet in der AfD. Ein Referent beim »Russland-Kongress« der sachsen-anhaltinischen AfD-Fraktion ging so weit, in Bezug auf den verurteilten Holocaust-Leugner Horst Mahler zu behaupten, es gäbe »auch in Deutschland politische Gefangene« (zit. n. Bender, 2020). Andere sehen die offizielle Geschichtsverharmlosung der AfD, welche im Hinblick auf die NS-Zeit einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen will, gleich als Ermutigung für eine Verteidigung des NS- Regimes. So behauptete Lars Steinke als Landeschef der Jungen Alternative in Niedersachsen, dass Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der im Juli 1944 versuchte, Hitler zu töten, ein »Verräter« am deutschen Vaterland gewesen sei. Steinke wurde indes im folgenden Jahr aus der AfD ausgeschlossen (zit. n. dpa, 2019). 8 Dabei zeigt gerade Höcke, wie eng die Verharmlosung der Vergangheit mit ihrer Apologie verbunden ist, und der »sekundäre« Antisemitismus aus Schuld- und Erinnerungsabwehr verknüpft ist mit dem »primären« Antisemitismus als judenfeindlichem Weltbild, das mit der Wiederholung der Vergangenheit liebäugelt. Unter frenetischem Applaus bei einer Rede am 06. März 2020 in Sachsen-Anhalt wünschte sich Höcke, parteiinterne Gegner würden demnächst »ausgeschwitzt«: »Die, die nicht in der Lage sind, das Wichtigste zu leben, was wir zu leisten haben, nämlich die Einheit, dass die allmählich auch mal ausgeschwitzt werden sollten« (zit. n. Schäfer, 2020). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 325 Die Mobilisierung des Ressentiments 3 Targeting Jews: Juden als Zielschieben von AfD-Kampagnen und antisemitischer Agitation Trotz wiederkehrender Bekundungen der Parteiführung, keine antisemitischen Positionen zu vertreten und zu befördern – wodurch zugleich Kritik am Antisemitismus in der AfD seitens der Partei per se als illegitim oder böswillig qualifiziert wird – zielen insbesondere Kampagnen auf den sozialen Medienkanälen von AfD-Akteur*innen immer wieder direkt ad personam auf prominente liberale Juden. Unter großer Zustimmung auf AfD-Foren und in den flankierenden Kommentarspalten der sozialen Medienkanäle werden Juden rekurrierend zur Zielscheibe, auch unter kaum oder gar nicht camoufliertem Rückgriff auf antisemitische Stereotypen und Bilder. Der politische Resonanzboden des Antisemitismus in der AfD findet dergestalt u. a. in gezielt gegen Juden gerichteten Kampagnen seinen Ausdruck, die sich einer antisemitischen Bildsprache bedienen. So verbreitete der Af D-Bundestagsabgeordnete Petr Bystron im Namen des »Team Bystron« eine antisemitische »Karikatur« unter der Überschrift »Merkels Kandidatin für neuen Verfassungsschutzpräsidenten« (u.a. daraufhin von der Potsdamer AfD-Fraktion weiterverbreitet). Die Karikatur soll die politisch gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus engagierte bekennende Jüdin Anetta Kahane zeigen. In der Karikatur erscheint Kahane in der Uniform eines kommunistischen sowjetischen Politkommissars. Ihr rötliches Haar ist zur bedrohlich-anarchischen Löwenmähne aufgeplustert. Sie wird hierdurch vor der klassischen antisemitisch-antifeministischen ideologiehistorischen Deutungsfolie (Lang, 2017; Stögner, 2014) als kommunistisches »Flintenweib« überzeichnet. Das Zerrbild von Kahane wird zudem mit den typischen antisemitischen Kennzeichen versehen, die einst auf jeder Seite des »Stürmers« zu finden waren: schwulstige Lippen, heruntergezogene Mundwinkel eines extrem breiten Mundes, gehässiger Blick, eine riesige krumme Nase, ein spitzes Kinn. Kahane wird so zur Verkörperung der »judeo-bolschewistischen« Bedrohung, die einst Joseph Goebbels heraufbeschwor (Aly, 2018). Die Karikatur spiegelt den verbreiteten antisemitischen Mythos, Kahane sei – ähnlich wie Soros – federführend im Rahmen einer jüdischen Verschwörung; sie wirke vermeintlich als gefährliche, hintertriebene kommunistische Politkommissarin, die die Strippen ziehe und die freie Rede 326 Lars Rensmann mithilfe einer ihr willfährigen bundesrepublikanischen Elite kontrolliere und beschneide. Kahane ist das Objekt etlicher und wiederkehrender verschwörungsmythischer Hasskampagnen seitens der radikalen Rechten und der AfD. Seit dem Einzug der AfD in den Bundestag haben AfD-Abgeordnete sie bis Ende August 2019 81 Mal erwähnt, und auch die AfD-Vorsitzende Weidel imaginiert Kahane als Teil einer »DDR 2.0« (Schwarz, 2020, S. 70). Immer wieder wird ihr vorgeworfen, für »Zensurmaßnahmen in Social-Media-Netzwerken verantwortlich zu sein« (ebd., S. 69). Kahane wird eine heimliche, diktatorische Kontrolle der Medien unterstellt, wobei das antisemitische Stereotyp der »jüdischen Medienmacht« als Bedeutungshof aktiviert wird. Auch auf diesen Resonanzboden trifft die Karikatur, welche das AfD-»Team Bystron« propagierte. Für Kahane bedeuten diese antisemitischen Hasskampagnen in Zeiten zunehmender rechtsterroristischer Attentate auch auf Politiker*innen und Personen des öffentlichen Lebens zugleich eine verschärfte Bedrohungssituation. Mitglieder der rechtsextremen »identitären« Bewegung versuchten bereits, in die Amadeu Antonio Stiftung, die Kahane leitet, einzudringen, und veröffentlichten Namen der Mitarbeiter*innen – alles andere ergebe sich »von selbst« (was fraglos als Drohung verstanden werden kann). Auch der Rechtsterrorist Franco A. soll Kahane laut Bundesanwaltschaft ausgekundschaftet und ein Attentat auf sie geplant haben (zit. n. ebd., S. 71). Der Anwalt, Publizist, Fernsehjournalist und liberale CDU-Politiker Michel Friedman ist ebenfalls rekurrierend Gegenstand von Invektiven, Aggressionen und Verhöhnungen durch AfD-Politiker*innen. Friedman hat die Partei zuletzt als »Partei des Hasses« kritisiert und konstatiert: »Wäre die Af D in einer Bundesregierung würde ich gehen« (Friedman, 2019). Anstatt auf entsprechende Ängste des deutsch-jüdischen Rechtsanwalts einzugehen, reagieren Vertreter*innen der AfD mit besonderer Häme und insinuieren, die Auswanderung des jüdischen Bürgers sei ein besonderer Bonus einer künftigen Regierungsbeteiligung der radikal rechtspopulistischen Partei. So twitterte beispielsweise der Sprecher der AfD im Europaparlament, Tomasz M. Frölich, Minuten nachdem die AfD in Thüringen die FDP kurzzeitig in die Regierung hievte, triumphierend: »Die Auswanderung Michel Friedmans rückt näher« (zit. n. Laurin, 2020). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 327 Die Mobilisierung des Ressentiments 4 Solidarität mit Israel? Programmatische und strategische Ambivalenzen im Verhältnis der AfD zum jüdischen Staat Israel und zu Juden Öffentliche Kritiken an rechtsextremen, völkischen und antisemitischen Ideologemen oder Kampagnen, die durch die AfD ventiliert werden, und an entsprechenden politisch-kulturellen unzivilen »Tabubrüchen«, welche die Grenzen des Sagbaren in der demokratischen Öffentlichkeit zu erodieren trachten, versucht die AfD zumeist mit zweierlei Strategien zu beantworten. Einerseits suggeriert die Partei, die Skandalisierung von Antisemitismus in der AfD sei überzogen, illegitim oder böswillig – es handele sich entweder um Einzelfälle, gegen die man selbst entschieden vorgehe; die Äußerungen seien vielleicht provokativ, aber von der Meinungsfreiheit gedeckt; man sei absichtlich missverstanden worden und habe es nicht so gemeint, wie von den »Mainstream«-Medien dargestellt, bzw. die Reaktionen seien schlicht »überempfindlich«; oder man sei jeweils bereit, Äußerungen zu überdenken oder zurückzunehmen. Andererseits behauptet das Führungspersonal der AfD parallel zu den antisemitischen Vorstellungen, die sie bedient, sie sei in Wahrheit eine pro-jüdische Partei. Dies begründet sie mit ihrer entschiedenen Kritik an sogenannter »antisemitischer Migration« aus muslimischen Ländern, ihrer vermeintlich dezidiert pro-israelischen Haltung und mit dem Umstand, dass es die Gruppierung »Juden in der AfD« gebe. Bereits 2017 hatte so die damalige Parteivorsitzende Frauke Petry behauptet, die AfD sei »einer der wenigen politischen Garanten jüdischen Lebens auch in Zeiten illegaler antisemitischer Migration nach Deutschland« (zitiert nach AFP, 2017). Obschon Petry nicht mehr in der Partei ist, wird diese Verteidigungslinie seither von der Parteiführung fortgesetzt. Die bereits angesprochene Thematisierung von Antisemitismus unter Migrant*innen, die vor allem eine Externalisierung des eigenen Antisemitismus darstellt, da Judenfeindschaft ausschließlich auf ein Problem von Migrant*innen reduziert und eigener Antisemitismus zugleich de-thematisiert wird, wird im Selbstbild der Partei als besondere anti-antisemitische Leistung dargestellt. Nur die AfD sei bereit, den Antisemitismus insbesondere muslimischer Einwander*innen schonungslos zu thematisieren und, wie schon Petry insinuierte, gegen den »illegalen« Import von Antisemitismus entschieden Position zu beziehen. 328 Lars Rensmann Zudem behauptet die AfD-Führung, sie sei besonders israelfreundlich und stünde an der Seite des jüdischen Staates. Die AfD, so der AfD- Bundestagsabgeordnete Jürgen Braun, »ist die Partei der Freunde Israels in diesem Parlament« (zit. n. Riebe, 2019). In der Tat begreift die Partei Israel als »geopolitische[n] Allianzpartner gegen die vermeintliche ›Islamisierung Europas‹« (Salzborn, 2018b, S. 66). Im Bundestag profilierte sie sich pro-israelisch und anti-antisemitisch mit dem Antrag »BDS-Bewegung verurteilen«, der sich gegen die antisemitisch-anti-israelische Boykottbewegung BDS richtet, welche den jüdischen Staat in toto ablehnt (Rensmann, 2020). Da Anti-Israelismus und die Verharmlosung von Antisemitismus in arabischen oder türkischen Communities respektive unter muslimisch markierten Menschen sowie in von aus dem Ausland beeinflussten judenfeindlichen Islamverbänden heute oftmals mit linken bzw. linksliberalen Positionen identifiziert wird9, kann die AfD hier eine politische Doppelmoral vieler sich antirassistisch und progressiv verstehender Akteur*innen nutzen – eine Doppelmoral, welche die AfD indes selbst auf ihre Weise reproduziert. Ihre vermeintliche »Solidarität« mit Israel geht mit einer realitätsverzerrenden, ideologiegesteuerten Konstruktion eines ethnisch homogenen Israels einher sowie der Apologie judenfeindlicher Bilder und einer fadenscheinigen Instrumentalisierung des jüdischen Staates, dem man scheinbar Solidarität ohnehin nur auf Zeit gewährt, für eigene parteipolitische Propaganda. Israels multikulturelle Realität wird konsequent verleugnet, und Israel erscheint in der Rhetorik der AfD primär als Staat, der gegen »illegale Einwanderer« vorgehe – und damit stets als bloßer Referenzpunkt innenpolitischer AfD-Programmatik. Der Bezugspunkt »bei der Thematisierung von Israel ist fast ausschließlich Deutschland. Die Interessenlage Israels ist nur von Bedeutung, wenn diese als kompatibel mit dem AfD-Weltbild angesehen wird. Dabei ignoriert die AfD sehr bewusst, dass Israels Situation, umgeben von zumindest potenziellen Feindstaaten, eine völlig andere ist als die von Deutschland. So behauptet Jörg Meuthen, Israel habe 2010 den Grenzzaun zu Ägypten nur errichtet, um Geflüchtete 9 Hier kann die AfD davon profitieren, dass solch eine Verharmlosung, insbesondere gegenüber den reaktionären Islamverbänden, deren Politik von der türkischen oder iranischen Diktatur bestimmt wird, in der Tat ein politisches und gesamtgesellschaftliches Problem darstellt. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 329 Die Mobilisierung des Ressentiments abzuwehren. Dass es um den Schutz vor Terrorist*innen ging, lässt Meuthen bewusst unerwähnt« (Riebe, 2019; vgl. zum Thema auch Grigat, 2017). Wie dünn zudem der Firnis der vermeintlichen, primär anti-muslimisch begründeten »Solidarität« mit Israel ist und wie schnell dieser von antisemitischen Motiven überwölbt wird, zeigt sich beispielsweise in der offiziellen Reaktion der Partei auf die Falschmeldung, Israel wolle Geflüchtete nach Deutschland abschieben. Auf ihrem offiziellen Account twitterte die AfD-Bundespartei: »Ein einziges Narrenspiel. Israel will illegale (!) Einwanderer aus Afrika loswerden und auf wen fällt die ›Wahl‹? Einmal mehr Germoney!«. Hier, so Jan Riebe, »bediente die Bundespartei sehr offen das gängige rechtsextreme und antisemitische Narrativ, Israel presse Deutschland finanziell aus – ›wegen Auschwitz‹« (Riebe, 2019). Letztlich dominiert auch in der AfD ein völkisch-antisemitisches Bild von der Uneigentlichkeit des israelischen Staates, das für ein ethno-pluralistisches Weltbild ebenso charakteristisch ist wie für die antizionistische Ideologie. Es beruht auf dem Grunddispositiv, dass die Juden kein Volk seien und deshalb auch letztlich keinen Staat beanspruchen könnten. Dies entblößt vollends die vermeintlich pro-israelische Haltung und zeitigt die erwünschte Allianz als fragil, prekär und temporär. Gauland schrieb bereits zu Zeiten, als er noch Mitglied der CDU war, den Mythos fort, ein jüdischer Staat sei uneigentlich, ein Fremdkörper und Paria einer auf Völkern beruhenden Staatenwelt. In Reaktion auf die antiamerikanischen und antisemitischen Attentate von 9/11 in den USA schrieb Gauland Israel und der »Amerikanisierung der Welt« die Schuld am Terror zu, der sich gegen die Zivilbevölkerung der beiden Länder richte (nicht ohne zugleich Klischees und Ressentiments gegen Muslime zu bedienen): »Dann«, so Gauland, »trat der Fremdkörper des Staates Israel in die Welt«. Zudem, fragt Gauland: »Ist es wirklich so unverständlich, dass verletzter Stolz Hass hervorbringt und Terror? Die Amerikanisierung der Welt hat auch den metaphysischen Kern unserer abendländischen Zivilisation marginalisiert« (Gauland, 2001). Dem ethno-nationalistischen und antisemitischen Ideologem von Juden und dem jüdischen Staat als »Fremdkörper im Nahen Osten« ist Gauland bis heute treu geblieben (vgl. Riebe, 2019). Selbst beim vermeintlich stärksten Befürworter Israels unter den autoritär-nationalistischen Rechtspopulisten in Deutschland steht die vermeintliche »Israel-Solidarität«, die sich weitgehend in der Bewunderung des Kampfes Israels gegen islamistische Bedrohungen erschöpft, insofern auf sehr dünnem 330 Lars Rensmann Eis – auch wenn es um konkrete politische und materielle Unterstützung Israels bei Konflikten im Nahen Osten geht. Die zeitweilige Lobpreisung Israels verweist letztlich auf den typischen Doppelcharakter des Antisemitismus, der sich vielfach in – meist freilich uneingestandener – Bewunderung und Verachtung zugleich ausdrückt. Juden werden indes durchweg als die »ganz Anderen« konstruiert. Schließlich sucht die AfD Kritik an dem durch die Partei ventilierten Antisemitismus und Rechtsextremismus mit dem Hinweis auf die 2018 gegründete Kleingruppe »Juden in der AfD« abzuwehren. Angesichts der zwei Dutzend Mitglieder dieser Gruppe hat es die Partei mit gelungener, medienwirksamer PR und vor dem Hintergrund einer das Thema sehr bereitwillig aufgreifenden Medienlandschaft zeitweilig geschafft, eine enorme öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen (o.A., 2018). Neben der »unkontrollierten Masseneinwanderung« will sich die Gruppe u. a. der vermeintlichen »Zerstörung der traditionellen, monogamen Familie« durch »Gender-Mainstreaming« und »Frühsexualisierung« widmen; Israel wird dabei, analog zur Gesamtpartei, fast ausschließlich mit Blick auf die Bedrohung durch den radikalen Islam zum Thema (ebd.). Die 24 Gründungsmitglieder der Gruppe organisieren im Einklang mit dem oben skizzierten Kurs der AfD-Spitze u. a. Veranstaltungen zum »antisemitischen Israelbild in den deutschen Medien«. Allerdings gibt es mittlerweile auch mediale jüdische Unterstützung für die radikal rechtspopulistische und in Teilen rechtsextreme Partei – die Zeitung Jüdische Rundschau sympathisiert seit einiger Zeit mit der AfD und ihren Positionen. 5 Judenfeindschaft unter Wählern: Antisemitismus im Elektorat der AfD Antisemitische Ressentiments, welche die AfD bedient und selektiv mobilisiert, spiegeln sich signifikant auf der Nachfrageseite ihrer Unterstützer*innen und Wähler*innen wider. »Der Einfluss der Juden ist groß« meinen laut einer repräsentativen Umfrage der Universität Hamburg von 2016 59 % der AfD-Wähler*innen  – im Unterschied zu 16 % bei allen anderen Parteien. 40 % der AfD-Wähler*innen geben bei derselben Umfrage an, »der Nationalsozialismus hatte gute und schlechte Seiten« – im Gegensatz zu 6 % bei allen anderen Parteien (Neuerer, 2016). Einer Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach von 2018 zufolge meinen 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 331 Die Mobilisierung des Ressentiments 55 % der AfD-Wähler*innen, »Juden haben auf der Welt zu viel Einfluss« (Petersen, 2018). In der AfD-Wähler*innenschaft erweist sich Antisemitismus insofern als mehrheitsfähige Einstellung, die sich in den politischen Positionen der Parteiführung reflektiert. Neuere und neueste Forschungen belegen diese Befunde. Auf Grundlage von Daten, die im Rahmen der Leipziger Autoritarismus-Studie 2018 erhoben wurden (einer bevölkerungsrepräsentativen Befragung, die im Zeitraum von Mai bis Juli  2018 im Auftrag der Studiengruppe vom Meinungsforschungsinstitut USUMA durchgeführt wurde, basierend auf einer Zufallsauswahl der Personen nach dem ADM-Stichprobensystem), fragen Julia Schuler, Johannes Kiess, Oliver Decker und Elmar Brähler (2020), inwiefern sich Unterschiede zwischen potenziellen Wähler*innen »der jeweiligen Parteien in Hinblick auf ihre rechtsextreme Einstellung, antisemitische Ressentiments, die Ausprägung einer Verschwörungsmentalität sowie Ressentiments gegenüber Muslim_innen und Asylsuchenden zeigen.«. Der Leipziger Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung umfasst hierbei sechs Dimensionen: »Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Sozialdarwinismus, Antisemitismus sowie Verharmlosung des Nationalsozialismus«. Jede Dimension wurde mit drei Aussagen erfasst. Darüber hinaus kamen indes »zusätzlich drei Items zum Einsatz, um neben tradiertem Antisemitismus auch Antisemitismus in der Umwegkommunikation zu erfassen« (alle vorangegangenen Zitate Schuler et al., 2020, in diesem Band, S. 250, 252).10 Die Autor*innen konstatieren, dass Wähler*innen der AfD auf »allen Dimensionen der Rechtsextremen Einstellung deutlich höhere Werte« aufweisen als diejenigen der anderen Parteien. Es finden sich bei AfD-Wähler*innen dabei »nicht nur ein höherer tradierter Antisemitismus, sie nutzen auch deutlich häufiger die Möglichkeit, ihr antisemitisches Ressentiment über die Umwegkommunikation zu äußern […]«. Ferner sei eine »Verschwörungsmentalität« unter AfD-Wähler*innen besonders weit verbreitet. Die inhaltliche Programmatik der AfD, welche An- 10 Soziodemografische Angaben sowie Angaben zum Wahlverhalten »wurden face-to-face […] erfasst, alle weiteren Angaben zu politischen Einstellungen wurden von den Befragten im Selbstausfüllerverfahren gemacht. Insgesamt 2.516 Personen im Alter von 14 bis 91 Jahren nahmen an der Befragung teil. Für die vorliegenden statistischen Auswertungen wurden, dem Wahlrecht auf Bundesebene folgend, nur Befragte ab 18 Jahren mit deutscher Staatsbürgerschaft berücksichtigt (n = 2.344)« (Schuler et al., 2020, in diesem Band, S. 251). 332 Lars Rensmann tisemitismus, »Schuldabwehrantisemitismus« sowie Motive der Beschwörung einer »völkisch-homogenen Volksgemeinschaft« einschließe, finde »ihr Echo« unter den AfD-Wähler*innen. Ein großer Teil von ihnen wähle »die AfD nicht trotz, sondern wegen dieser antidemokratischen Positionen« (alle Zitate ebd., S. 267f.). So lehnen nur 43,1 % der AfD-Wähler*innen auf einer fünfstufigen Antwortskala die Aussage ab, »Ich kann es gut verstehen, dass manchen Leuten Juden unangenehm sind« (signifikant weniger als bei allen anderen relevanten Parteien), während 23,8 % der Aussage ganz zustimmen (signifikant mehr als bei allen anderen relevanten Parteien). Auch bei der Aussage »Durch die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer« finden sich bei AfD-Wähler*innen mit 30 % die mit Abstand höchsten Zustimmungswerte (gefolgt von CSU-Wähler*innen mit 17,2 %), und die geringste Ablehnung dieser antisemitisch-anti-israelischen Aussage (41,9 %, gefolgt von Linken-Wähler*innen mit 51,8 %; ebd., S. 261). Und auch das Verschwörungsdenken, das strukturell antisemitisch ist und von dem es stets nur ein kleiner Schritt ist zur ideologiehistorischen Verschwörungsfantasie sui generis, der Deutungsfolie vom Mythos der jüdischen (Welt-)Verschwörung, ist bei AfD-Wähler*innen deutlich stärker verbreitet als bei Wähler*innen anderer Parteien: »Die meisten Menschen erkennen nicht, in welchem Ausmaß unser Leben durch Verschwörungen bestimmt wird, die im Geheimen ausgeheckt werden« teilen immerhin 35 % auf einer 7-stufigen Antwortskala (ebd., S. 263). So glauben auf einer 5-stufigen Antwortskala im Zuge der repräsentativen »Mitte«-Studie 2018/19 auch 16,1 % »voll und ganz« und 16,6 % »eher«, dass »Politiker und andere Führungspersönlichkeiten […] nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte« seien (Rees & Lamberty, 2019, S. 215). Bei der Benennung der vermuteten »geheimen Mächte« landet man vor dem Hintergrund historischer Deutungsfolien immer wieder bei Fantasien über Juden. 6 Zusammenfassung und Ausblick: Die AfD und modernisierter Antisemitismus als Element der autoritär-nationalistischen Revolte gegen die Demokratie Obschon Judenfeindschaft nicht im Zentrum der politischen Kampagnen und Mobilisierungen der AfD steht, zeigen sich antisemitische Ideologeme und Verschwörungsdenken neben völkischem Nationalismus als 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 333 Die Mobilisierung des Ressentiments integraler Bestandteil der radikal rechtspopulistischen Partei. Diese pflegt mittlerweile mindestens in signifikanten Teilen eine geschlossen rechtsextreme Weltanschauung – spätestens, seit der rechtsextreme »Flügel« in der »Mitte« der Organisation angelangt ist11 –, in welcher Antisemitismus eine Grundkonstante darstellt.12 Antisemitismus findet sich bei führenden politischen Akteur*innen und bei einem erheblichen Teil der Wählerschaft der AfD. Antisemitisches Gedankengut ist, wie in der hier vorgelegten Analyse gezeigt, in programmatischen Äußerungen, politischen Kampagnen, sowie in offiziellen sozialen Medienkanälen der Partei bei AfD-Bundestagsabgeordneten und Führungspersonal bis zur Kreisebene auf allen Ebenen der AfD präsent und evident. Die AfD reproduziert, im Anschluss an ihr durch Wahl- und Parteiprogramme ventiliertes nationalistisches Weltbild und entsprechende binäre Freund-Feind-Konstruktionen, die sich gegen eine vermeintlich volksfeindliche »globale Elite« richten, nicht zufällig antisemitische Bilder und Ressentiments. Prägende Elemente der AfD-Ideologie stehen teils in impliziter, teils in expliziter Nähe zum modernisierten Antisemitismus, wobei auch klassische judenfeindliche Stereotype offen verbal artikuliert werden. Die führenden Rechtspopulisten der AfD operieren indes zumeist mit camouflierten oder codierten antisemitischen Tropen, Ideologemen und Bildern sowie judenfeindlichen Konnotationen. Die AfD ist hierbei Teil einer – freilich keineswegs auf sie begrenzten – Re-Politisierung von antisemitischen Ressentiments, soll heißen: der neuerlichen politischen Artikulation, Instrumentalisierung und Mobilisierung antisemitischer Ressentiments in der Gesellschaft, welche nie aus jener Gesellschaft verschwunden waren, jedoch bis zur Jahrtausendwende weit- 11 Der vom Verfassungsschutz als eindeutig rechtsextrem klassifizierte »Flügel« unter der Führung Höckes steht, wie der spiritus rector der Partei, Alexander Gauland, im Oktober 2019 zutreffend konstatierte, in der »Mitte« der Partei: »Herr Höcke,« so Gauland, »rückt die Partei nicht nach rechts. Herr Höcke ist die Mitte der Partei« (zit. n. Pepping, 2019). Der Verfassungsschutz bescheinigt in seinem Gutachten dem nun vor der Auflösung und vollkommenen Integration stehenden »Flügel« um Höcke und dessen Akteur*innen in der AfD eine »unverkennbar angestiegene Durchsetzungskraft und Reichweite«, wobei von einer »systematischen Zusammenarbeit mit der neurechten und rechtsextremistischen Szene« zu sprechen sei (zit. n. Siemens et al., 2020). 12 »Primärer Antisemitismus« (Rensmann, 1998), der als konstitutive Konstante im Rechtsextremismus verstanden werden kann, bleibt im aktuellen Rechtsextremismus durchweg evident (Botsch & Kopke, 2014, S. 210). 334 Lars Rensmann gehend in die »Kommunikationslatenz« (Bergmann  & Erb, 1986) gedrängt und im politischen Raum weitgehend skandalisiert wurden. Zwei entscheidende Elemente des politisierten Post-Holocaust-Antisemitismus der AfD sind dabei relevant: einerseits ein ausgeprägtes Verschwörungsdenken, das hinter den meisten gesellschaftlichen Prozessen das sinistre Wirken einer bösartigen, verachtenswerten und das vermeintlich wahre Volk verratenden nationalen und »globalen« Elite vermutet, andererseits der Versuch einer nationalistischen Rehabilitierung des »guten Volkes« in Geschichte und Gegenwart – ein Projekt, welches zugleich aufs Innigste mit der Verharmlosung oder Verleugnung des deutschen Antisemitismus in der Vergangenheit und heute verknüpft ist sowie mit der Ausgrenzung von Opfern der Judenfeindschaft einhergeht. Der Begriff »Post-Holocaust-Antisemitismus« umfasst dabei nicht nur auf Erinnerungsabwehr bezogene Phänomene, sondern letztlich alle Manifestationen von Judenfeindschaft, die trotz der Erfahrung der NS-Vernichtungspolitik und der Ermordung der europäischen Juden in Erscheinung treten (Rensmann, 2004, S. 26; vgl. auch Botsch, 2019, S. 24). Insgesamt stechen wiederkehrend Verschwörungsfantasien gegenüber einer globalen sowie einer globalisierten nationalen »Elite« hervor, die vielfach explizit mit Juden in Verbindung gebracht wird und der mithin im Sinne des rechtsextremen Verschwörungsmythos vom »großen Austausch« unterstellt wird, sie wolle eine »Umvolkung« aus Motiven der Feindschaft gegenüber dem deutschen Volk. Zudem ist auch für heutige Manifestationen des Post-Holocaust-Antisemitismus ein manichäisches Freund-Feind-Denken charakteristisch, das sich gegenwärtig u. a. gegen liberale Juden wie Soros, Kahane und Friedman richtet, welche Opfer von antisemitischen AfD-Kampagnen werden, die auf Denigration und Ver- ächtlichmachung abzielen. Ebenso sticht ein völkischer Nationalismus hervor, der ideologiehistorisch und aktuell mit antisemitischen Motiven und Dispositiven verbunden ist, sowie ein konturierter »sekundärer« Antisemitismus aus nationalistischer Erinnerungsabwehr gegenüber kritischem Gedenken zu Shoah und deutscher NS-Vergangenheit, der zugleich mit »primären« antisemitischen Motiven, Ideologemen und Semantiken verknüpft ist. Ferner erscheint die Abspaltung, Externalisierung und Verleugnung von Judenfeindschaft generell typisch für Formen des Post-Holocaust- Antisemitismus, der sich selbst zu Unrecht von der Gesellschaft verfolgt sieht – nach dem Mantra, man werde »das doch noch sagen dürfen, ohne 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 335 Die Mobilisierung des Ressentiments als Antisemit bezeichnet zu werden«. Die AfD relativiert oder leugnet deutschen Antisemitismus und stellt ihn wesentlich oder ausschließlich als ein Problem Migrant*innen dar. Innerparteiliche Gruppierungen wie die »Juden in der AfD«, die mit antisemitischer Ideologie inkompatibel erscheinen, erweisen sich als politisch irrelevante Kleingruppen, welche zudem vor allem allgemeine migrations- und frauenfeindliche AfD-Positionen übernehmen. Schließlich ist für Post-Holocaust-Antisemitismus auch der besondere Hass auf den jüdischen Staat Israel typisch. Die Partei AfD proklamiert zwar, nicht zuletzt im Bundestag, bisweilen die Unterstützung Israels. So stellt sie sich deutlich in Opposition zur antisemitischen BDS-Bewegung, die Israel in toto boykottiert und auf die Vernichtung des jüdischen Staates zielt. Doch positive Referenzen zu Israel durch die Parteiführung beschränken sich zugleich weitgehend auf die innenpolitische Instrumentalisierung des jüdischen Staates zu den AfD-Themen Migration und Bekämpfung des Islam(ismus); Israel sei hier vermeintlich ein Vorbild. Auch insgesamt ist die Solidarität mit dem jüdischen Staat brüchig, denn zugleich werden gegen Israel gerichtete antisemitische Narrative mobilisiert – der jüdische Staat erscheint mithin als »Fremdkörper« oder als Teil der angeblich gegen Deutschland gerichteten »Umvolkungs«-Verschwörung, der »afrikanische Einwanderer« schicken und die Bundesrepublik (»Germoney«) finanziell erpressen wolle. Jüngst wurde der offene Antisemit Wolfgang Gedeon, der von einer »zionistischen Weltverschwörung« fabuliert, aus der Partei ausgeschlossen (Bohr, 2020) – andere Rechtsextremisten und Antisemiten bleiben jedoch sanktionsfrei. Der Hamburger AfD-Vorstand, der sich vom offenen Rechtsextremismus und Antisemitismus Höckes und anderer in der Partei abgrenzte, ist zunehmend irrelevant und repräsentiert mittlerweile nur eine Minderheitenmeinung (Schäfer, 2020). Freilich ist die Renaissance eines öffentlichen und auch politischen Antisemitismus mitnichten auf die AfD begrenzt. Auch hier zeigt sich: Der Antisemitismus wurde nie »ersetzt« durch andere Vorurteile – dies ist eine leider auch von Teilen der Antisemitismusforschung kolportierte, aber empirisch nicht belegte Mär –, sondern wuchert fort; nicht nur, aber auch im Rechtspopulismus der AfD. Antisemitismus war als alltagskulturelles und gesellschaftliches Phänomen nie verschwunden und tritt heute in weithin als krisenhaft perzipierten Zeiten verstärkt im öffentlichen Raum in Erscheinung – durch unterschiedliche politische und gesellschaftliche Akteur*innen, und im 336 Lars Rensmann Besonderen ventiliert als Verschwörungsfantasie par excellence auf sozialen Medien, in Internetforen, und durch digitale Plattformen, die Desinformation verbreiten. Digitale Medien unterstützen jene in den letzten Jahren signifikant gestiegene öffentliche Verbreitung, Radikalisierung und Normalisierung antisemitischer Verschwörungsmythen (Schwarz-Friesel, 2019, S. 16). Obschon unterschiedliche politische Akteur*innen partiell verschiedene Rationalisierungen bemühen, findet sich dabei auch eine beträchtliche Konvergenz im Hinblick auf anti-jüdische Stereotypen und Tropen (ebd., S. 41). Zudem zeigt sich Antisemitismus empirisch zunehmend in alltagskommunikativen Prozessen auf unterschiedlichsten regulären Online-Plattformen – und keineswegs ausschließlich auf extremistischen Webseiten (ebd., S. 18, 45). Und auch klassische Qualitätsmedien in Print und Fernsehen, die für die öffentliche Meinungsbildung anhaltende Bedeutung besitzen (Schubert, 2019), haben über Jahre an einem gut erforschten Erosionsprozess der Diskursgrenzen im Hinblick auf Antisemitismus partizipiert, in dem antisemitische Stereotypen teils unwidersprochen als legitime Meinungsäußerungen reproduziert worden sind. Eine ausbleibende negative gesellschaftliche, politische oder rechtliche Sanktionierung von Ressentiments bestimmt indes ihre erhöhte Wirkungsmacht in Öffentlichkeit, Politik und politischer Kultur (vgl. Rensmann, 2004). Gideon Botsch betont hierbei zurecht die Rolle der »agency«, von Akteursvariablen in den gesellschaftlichen »Aushandlungsprozessen« und »Anpassungsprozesse[n] in Bezug auf Antisemitismus« (Botsch, 2019, S. 22). Zu den weltanschaulich geprägten Parteien und Bewegungen (ebd., S. 38), welche die Grenzen des Sagbaren austesten und verschieben, zählen wiederum nicht zuletzt Akteur*innen der radikalen populistischen Rechten – einschließlich der AfD. Der modernisierte Antisemitismus, der durch die Partei reproduziert und verbreitet wird, kann schließlich auch als Element einer internationalen, nicht auf Deutschland beschränkten autoritär-nationalistischen Revolte gegen die Demokratie verstanden werden. Er tritt teils unterschwellig, teils camoufliert oder codiert, und teils offen in Erscheinung. Er zeigt sich heute u. a. im autoritär-nationalistischen Affekt gegen Liberalität, Individualität, Migration, Diversität und Kosmopolitisierungsprozesse, der u. a. als verdinglichte, personifizierende Form der Globalisierungsfeindschaft und Demokratiekritik verstanden werden kann, die als Verschwörungsfantasie artikuliert wird. Als spezifische personifizierende Deutungsfolie und ideologiehistorisch tradiertes Deutungsangebot für 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 337 Die Mobilisierung des Ressentiments solch verdinglichte Opposition kommt Antisemitismus auch im Kontext neuer Konflikte und Krisen im Kontext von Globalisierungsprozessen eine revitalisierte Bedeutung zu (Rensmann, 2008, S. 401). Von globalen Verschwörungsvorstellungen als »Erklärung« realer oder perzipierter Krisen ist es nur ein kleiner Schritt zur Ideologie der jüdischen Weltverschwörung.13 Wie stark die autoritär-nationalistische »Gegenrevolution« mit einem Verschwörungsdenken verknüpft ist, zeigt sich auch in der jüngsten Coronavirus-Krise. Rechtspopulisten haben sie weltweit zu erheblichen Teilen zunächst als »Hoax«, als Erfindung zum Zwecke einer politischen Verschwörung, abgetan oder als bloßen Versuch gewertet, eine »Corona-Diktatur« zu errichten.14 Solche Verschwörungsmythen fanden auch in der AfD unmittelbar Resonanz. Dabei zielt die rechtspopulistische Konstruktion einer »korrupten globalisierten Elite« kaum auf eine sozioökonomische Elite wirtschaftlich Privilegierter. Attackiert wird vielmehr eine vermeintliche politisch-kulturelle globalisierte Elite, konstruiert als geheime verschworene Macht, die angeblich Regierungen, Medien, Universitäten, und die Kulturlandschaft lenke sowie die weltweite Migration organisiere. Die autoritär-nationalistische Revolte avisiert so letztlich stets das Feindbild einer imaginierten globalistischen Weltregierung – eine Vorstellung, an die sich die Idee von der jüdischen oder »talmudistischen« Weltverschwörung nahtlos anschließen kann. 13 Inwieweit allerdings Antisemitismus tatsächlich in Krisenzeiten gesellschaftlich oder politisch floriert – und wenn ja, unter was für Krisenbedingungen (ökonomisch, politisch, militärisch, gesellschaftlich, gesundheitlich) ein solches Erstarken kausal zu bestimmen wäre –, oder die »Krisen« primär konstruierte oder beschworene sind, um Antisemitismus zu legitimieren; dies wäre im historischen und transnationalen europäischen respektive globalen Kontext erst systematisch zu erforschen. 14 Teilweise mündete dieses Denken auch bereits in explizit antisemitischen Verschwörungsfantasien, die im Covid-19-Virus etwa eine »Biowaffe von Soros« oder eine »Mossad-Erfindung« entdecken wollten. 338 Lars Rensmann Literatur Ackermann, T. (2017). 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Er leitet das dortige Centre for the Study of Democratic Cultures and Politics und ist zudem Geschäftsführender Direktor des Fachbereichs Europäische Sprachen und Kulturen. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 Anhang 345 Die Parteien und das Wählerherz 2018 Alexander Yendell, Elmar Brähler, Andreas Witt, Jörg M. Fegert, Marc Allroggen & Oliver Decker 1 Datenerhebung, Stichprobe und statistische Analyse Die Daten der vorliegenden statistischen Analysen entstammen der repräsentativen Befragung der deutschsprachigen Wohnbevölkerung zum körperlichen und geistigen Wohlbefinden (Projektleitung: Prof. Dr. Elmar Brähler, Prof. Dr. Jörg M. Fegert). Dabei handelt es sich um eine Befragung von zufällig ausgewählten deutschsprachigen Personen ab 14 Jahren, die im Zeitraum von November 2017 bis Februar 2018 durchgeführt wurde. Die Personen wurden nach dem ADM-Stichprobensystem ausgewählt und zu Hause aufgesucht. Die Interviewer*innen standen bei Schwierigkeiten den Befragten zur Verfügung. Durchgeführt wurde die Befragung vom Marktund Meinungsforschungsunternehmen USUMA GmbH. Insgesamt umfasst der Datensatz die Angaben von 2.531 Personen. In den folgenden Kapiteln erfolgt die Analyse der Angaben von Wähler*innen (CDU: n = 498; SPD: n = 434; FDP: n = 97; Grüne: n = 171; AfD: n = 166), Nichtwähler*innen (n = 337), Personen, die zum Befragungszeitpunkt noch nicht wissen, ob sie wählen werden (Unentschlossene, n = 169), und Personen, die beabsichtigen zu wählen, aber zum Befragungszeitpunkt noch nicht wissen, welcher Partei sie ihre Stimme geben (»weiß nicht, welche Partei«; n = 105). Nicht-wahlberechtigte Personen, die jünger als 18 Jahre alt waren, sind von der Analyse ausgeschlossen. Im Analysemittelpunkt steht die Wahlpräferenz im Zusammenhang mit Nettoeinkommen, Arbeitslosigkeit, Geschlecht, Bildung, Konfession sowie Aussagen zu Autoritarismus und Narzissmus. Die Autoritarismus-Skala umfasst neun Aussagen mit den Hintergrunddimensionen »Autoritäre Aggression« (»durch Autoritäten sanktionierte generelle Aggression gegenüber anderen«), »Autoritäre Unterwürfigkeit« (»Unterwürfigkeit unter etablierte Autoritäten und generelle Akzeptanz 346 Alexander Yendell, Elmar Brähler, Andreas Witt, Jörg M. Fegert, Marc Allroggen & Oliver Decker ihrer Aussagen und Handlungen«) und »Konventionalismus« (»starkes Befolgen etablierter gesellschaftlicher Konventionen«) (vgl. Beierlein et al., 2014 in Anlehnung an Altemeyer, 1981, 1996). Die Narzissmus-Skala ist eine kurze Version des Narcissistic Admiration and Rivalry Questionnaire (NARQ-S) mit den Dimensionen »Rivalry« (»Rivalität«) und »Admiration« (»Bewunderung«) (vgl. Leckelt et al., 2018; Back et al., 2013). Der Begriff »admiration« umschreibt die psychologische Strategie, zur Erhöhung des Selbstwerts bewundert zu werden, der Begriff »rivalry« meint die Strategie, sich aus Gründen des Selbstschutzes gegen andere Menschen durchzusetzen. Hinter beiden Dimensionen steckt das Ziel, die Vorstellung eines grandiosen Selbst zu bewahren. 2 Parteipräferenz und Nettoeinkommen Aus Abbildung 1 geht hervor, dass über ein Drittel der Wähler (39 %), die zur Wahl gehen wollen, aber sich noch nicht für eine Partei entschieden haben, ein monatliches Nettoeinkommen von unter 1.000  Euro haben. Etwa genauso so groß ist der Anteil unter denjenigen, die noch nicht wissen, ob sie zur Wahl gehen (Unentschlossene und Nichtwähler*innen) (jeweils ca. 36 %). Die Gruppe ist unter den Wähler*innen der Grünen mit einem Anteil von knapp 22 % am kleinsten. Betrachtet man die Wähler*innen, die über ein Nettoeinkommen von mehr als 2.500 Euro verfügen (Abb. 2), stellt sich heraus, dass diese Gruppe Abbildung 1: Parteipräferenz und Einkommen (hier: unter 1.000 Euro) 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 347 Die Parteien und das Wählerherz 2018 unter den FDP-Wähler*innen und den Wähler*innen der Grünen vergleichsweise groß ist (20 % vs. 16 %). 3 Parteipräfenz und Arbeitslosigkeit Der Anteil der Arbeitslosen ist mit etwa 10 % unter den Wähler*innen der AfD am höchsten, dicht gefolgt von den Wähler*innen der Linken und den Nichtwähler*innen mit jeweils knapp 9 % (Abb. 3). Am seltensten arbeitslos sind die Wähler*innen der Grünen (etwa 2 %). Abbildung 2: Parteipräferenz und Einkommen (hier: über 2.500 Euro) Abbildung 3: Parteipräferenz und Arbeitslosigkeit 348 Alexander Yendell, Elmar Brähler, Andreas Witt, Jörg M. Fegert, Marc Allroggen & Oliver Decker 4 Parteipräferenz und Geschlecht Unter den Wählern der AfD ist der Männeranteil mit 63 % am höchsten. Am niedrigsten ist er unter denjenigen, die zwar beabsichtigen, zur Wahl zur gehen, sich allerdings noch nicht für eine Partei entschieden haben (29 %) (Abb. 4). Abbildung 4: Parteipräferenz und Geschlecht 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 349 Die Parteien und das Wählerherz 2018 5 Parteipräferenz und Abitur Der Anteil der Abiturient*innen ist unter den Wähler*innen der Grünen deutlich höher als der unter den Wähler*innen anderer Parteien (40,1 %) (Abb. 5). Am niedrigsten ist der Anteil der Personen mit Abitur unter den Unentschlossenen (13 %), den Nichtwähler*innen (15 %) und den Wähler*innen der AfD (16 %). Abbildung 5: Parteipräferenz und Abitur 350 Alexander Yendell, Elmar Brähler, Andreas Witt, Jörg M. Fegert, Marc Allroggen & Oliver Decker 6 Parteipräferenz und Konfession Der Anteil der Protestant*innen ist mit 52 % unter den Wähler*innen der SPD am höchsten (Abb. 6), der der Katholiken ist unter den Wähler*innen der CDU/CSU am höchsten (40 %). Der Anteil der Konfessionslosen ist unter den Wähler*innen der AfD am höchsten (42 %). Abbildung 6: Parteipräferenz und Konfession 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 351 Die Parteien und das Wählerherz 2018 7 Parteipräferenz und Autoritarismus Abbildung 7 zeigt die Durchschnittswerte der Wähler*innen in Bezug auf die Gesamtskala Autoritarismus. Die höchsten Werte diesbezüglich zeigen sich bei den Wähler*innen der AfD, die niedrigsten Werte bei den Wähler*innen der Grünen. Abbildung 7: Parteipräferenz und Autoritarismus; Durchschnittswerte der Gesamtskala Autoritarismus; Aussagen: »Gegen Außenseiter und Nichtstuer sollte in der Gesellschaft mit aller Härte vorgegangen werden«; »Gesellschaftliche Regeln sollten ohne Mitleid durchgesetzt werden«; »Unruhestifter sollten deutlich zu spüren bekommen, dass sie in der Gesellschaft unerwünscht sind«; »Wir brauchen starke Führungspersonen, damit wir in der Gesellschaft sicher leben können«; »Menschen sollten wichtige Entscheidungen in der Gesellschaft Führungspersonen überlassen«; »Wir sollten dankbar sein für führende Köpfe, die uns genau sagen, was wir tun können«; »Traditionen sollten unbedingt gepflegt und aufrechterhalten werden«; »Bewährte Verhaltensweisen sollten nicht infrage gestellt werden«; »Es ist immer das Beste, Dinge in der üblichen Art und Weise zu machen«. Antwortkategorien (Skala von 1 bis 5): 1 = »stimme ganz und gar nicht zu«, 5 = »stimme voll und ganz zu«; Analysis of Variance (ANOVA): p < .001 352 Alexander Yendell, Elmar Brähler, Andreas Witt, Jörg M. Fegert, Marc Allroggen & Oliver Decker Abbildung 9: Autoritarismus-Item 2 (»Autoritäre Aggression«), Durchschnitts- Abbildung 8: Autoritarismus-Item 1 (»Autoritäre Aggression«), Durchschnittswerte, Skalierung siehe Abbildung 7; Analysis of Variance (ANOVA): p < .001 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 353 Die Parteien und das Wählerherz 2018 werte, Skalierung siehe Abbildung 7; Analysis of Variance (ANOVA): p < .001 Abbildung 10: Autoritarismus-Item 3 (»Autoritäre Aggression«), Durchschnittswerte, Skalierung siehe Abbildung 7; Analysis of Variance (ANOVA): p < .001 Abbildung 11: Autoritarismus-Item 4 (»Unterwürfigkeit«), Durchschnittswerte, Skalierung siehe Abbildung 7; Analysis of Variance (ANOVA): p < .001 354 Alexander Yendell, Elmar Brähler, Andreas Witt, Jörg M. Fegert, Marc Allroggen & Oliver Decker Abbildung 12: Autoritarismus-Item 5 (»Unterwürfigkeit«), Durchschnittswerte, Skalierung siehe Abbildung 7; Analysis of Variance (ANOVA): p < .001 Abbildung 13: Autoritarismus-Item 6 (»Unterwürfigkeit«), Durchschnittswerte, Skalierung siehe Abbildung 7; Analysis of Variance (ANOVA): p < .001 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 355 Die Parteien und das Wählerherz 2018 Abbildung 14: Autoritarismus-Item 7 (»Konventionalismus«), Durchschnittswerte, Skalierung siehe Abbildung 7; Analysis of Variance (ANOVA): p < .001 Abbildung 15: Autoritarismus-Item 8 (»Konventionalismus«), Durchschnittswerte, Skalierung siehe Abbildung 7; Analysis of Variance (ANOVA): p < .001 356 Alexander Yendell, Elmar Brähler, Andreas Witt, Jörg M. Fegert, Marc Allroggen & Oliver Decker Abbildung 16: Autoritarismus-Item 9 (»Konventionalismus«), Durchschnittswerte, Skalierung siehe Abbildung 7; Analysis of Variance (ANOVA): p < .001 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 357 Die Parteien und das Wählerherz 2018 8 Parteipräferenz und Narzissmus Abbildung 6 zeigt die Mittelwerte in Bezug auf die Gesamtskala Narzissmus (NARQ). Die Wähler*innen der AfD zeigen im Durchschnitt die höchsten Narzissmuswerte. Am wenigsten narzisstisch sind diejenigen, die nicht wissen, wen sie wählen sollen, und Wähler*innen der SPD. Betrachtet man die Durchschnittswerte bezüglich der einzelnen Aussagen zu den Dimensionen »Admiration« und »Rivalry« zeigen die AfD-Wähler*innen nicht bei allen Aussagen die höchsten Werte. Bei den Aussagen »Ich reagiere genervt, wenn mir eine andere Person die Schau stiehlt« (»Rivalry«) und »Ich habe es verdient, als große Person angesehen zu werden« (»Admiration«) erreichen die Wähler*innen der Linken noch höhere Werte als die Wähler*innen der AfD, die den zweithöchsten Wert erreichen. Abbildung 17: Parteipräferenz und Narzissmus, Durchschnittswerte der Gesamtskala NARQ; Aussagen: »Ich reagiere genervt, wenn mir eine andere Person die Schau stiehlt«; »Ich habe es verdient, als große Persönlichkeit angesehen zu werden.«; »Ich will, dass meine Konkurrenten scheitern«; »Ich ziehe viel Kraft daraus, eine ganz besondere Person zu sein«; »Mit meinen besonderen Beiträgen schaffe ich es im Mittelpunkt zu stehen«; »Die meisten Menschen sind ziemliche Versager«; Antwortkategorien (Skala 1 bis 6): 1 = »trifft überhaupt nicht zu«, 6 = »trifft voll und ganz zu«; Analysis of Variance (ANOVA): p < .001 358 Alexander Yendell, Elmar Brähler, Andreas Witt, Jörg M. Fegert, Marc Allroggen & Oliver Decker Abbildung 18: Narzissmus-Item 1 (»Rivalry«), Skalierung siehe Abbildung 17; Analysis of Variance (ANOVA): p < .001 Abbildung 19: Narzissmus-Item 2 (»Admiration«), Skalierung siehe Abbildung 17; Analysis of Variance (ANOVA): p = .053 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 359 Die Parteien und das Wählerherz 2018 Abbildung 20: Narzissmus-Item 3 (»Rivalry«), Skalierung siehe Abbildung 17; Analysis of Variance (ANOVA): p < .001 Abbildung 21: Narzissmus-Item 4 (»Admiration«), Skalierung siehe Abbildung 17; Analysis of Variance (ANOVA): p = .071 360 Alexander Yendell, Elmar Brähler, Andreas Witt, Jörg M. Fegert, Marc Allroggen & Oliver Decker Abbildung 22: Narzissmus-Item 5 (»Admiration«), Skalierung siehe Abbildung 17; Analysis of Variance (ANOVA): p = .039 Abbildung 23: Narzissmus-Item 6 (»Rivalry«), Skalierung siehe Abbildung 17; Analysis of Variance (ANOVA): p < .001 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 361 Die Parteien und das Wählerherz 2018 Literatur Altemeyer, B. (1996). The authoritarian specter. Cambridge, Mass.: Harvard University Press. Altemeyer, R. A. (1981). Right-wing authoritarianism. Winnipeg: University of Manitoba Press. Back, M.D., Küfner, A. C. P., Dufner, M., Gerlach, T.M., Rauthmann, J. F. & Denissen, J. J. A. (2013). Narcissistic admiration and rivalry: disentangling the bright and dark sides of narcissism. Journal of Personality and Social Psychology, 105(6), S. 1013–1037. DOI: 10.1037/a0034431 Beierlein, C., Asbrock, F., Kauff, M. & Schmidt, P. (2014). Kurzskala Autoritarismus (KSA- 3). GESIS-Working Papers, 35. https://www.gesis.org/fileadmin/kurzskalen/working_papers/KSA3_WorkingPapers_2014-35.pdf (11.10.2018). Leckelt, M., Wetzel, E., Gerlach, T.M., Ackerman, R.A., Miller, J.D., Chopik, William J., Penke, L., Geukes, K., Küfner, A. C. P., Hutteman, R., Richter, D., Renner, K.-H., Allroggen, M., Brecheen, C., Campbell, W.K., Grossmann, I. & Back, M. D. (2018). Validation of the Narcissistic Admiration and Rivalry Questionnaire Short Scale (NARQ-S) in convenience and representative samples. Psychological assessment, 30(1), 86–96. Biografische Notizen Alexander Yendell, Dr., ist promovierter Soziologe und Postdoc-Researcher am Forschungsinstitut für Gesellschaftlichen Zusammenhalt an der Universität Leipzig. Im Sommersemester 2019 vertrat Yendell die Professur für Religions- und Kirchensoziologie an der Universität Leipzig. Unter anderem arbeitete Yendell als Wissenschaftler an der WWU Münster, der Universität Potsdam, der Loughborough University und der Universität Bern. Er war zudem Gastwissenschaftler an der McGill University in Montreal und der University of Warwick. Yendells Themenschwerpunkte sind Rechtsextremismus, politischer Protest, religiöse Pluralität, Islamfeindlichkeit und sozialer Zusammenhalt. Elmar Brähler, Prof. Dr. rer. biol. hum. habil., war von 1994 bis zu seiner Emeritierung 2013 Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig. Seitdem ist er Gastwissenschaftler an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Er leitet dort das BMBF-Verbundprojekt »DDR-Vergangenheit und psychische Gesundheit: Risiko- und Schutzfaktoren«. Andreas Witt, Dr., ist promovierter Diplom-Psychologe und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Er ist Postdoc an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universität Ulm und Mitherausgeber der Zeitschrift Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health (CAPMH). Seine Themenschwerpunkte sind Prävalenz, Verlauf und Folgen für Betroffene von Kindesmisshandlung, Resilienz und Interventionen. Jörg M. Fegert, Prof. Dr., ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/ Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm. Er ist unter anderem Leiter der Policy Division im Vorstand der europäischen Fachgesellschaft ESCAP, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen beim BMFSFJ, Vorstandsmitglied der APK, Präsident 362 Alexander Yendell, Elmar Brähler, Andreas Witt, Jörg M. Fegert, Marc Allroggen & Oliver Decker der Deutschen Traumastiftung und Leiter des Kompetenzzentrums Kinderschutz in der Medizin in Baden-Württemberg. Marc Allroggen, Priv.-Doz. Dr., ist Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und Leiter der Sektion Institutsambulanz und Forensik der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Entwicklung von aggressiven Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen, forensische Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie die Entwicklung von Persönlichkeitsstörungen im Kindes- und Jugendalter. Oliver Decker, Prof. Dr., studierte Psychologie, Soziologie und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Er ist Professor für Sozialpsychologie und interkulturelle Praxis an der Sigmund Freud PrivatUniversität Berlin und Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig sowie Co-Sprecher des Graduiertenkollegs »Rechtspopulismus«. 2015 war er Gastprofessor am Department Critical Theory and the Arts, 2019 Gastprofessor am Institut für Soziologie der Universität Wien. Herausgeber des zweibändigen Lehrbuchs Sozialpsychologie und Sozialtheorie (2018). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 2020 · 368 Seiten · Broschur ISBN 978-3-8379-2784-9 Mit 30 abgeschlossenen Erhebungswellen in den Jahren 1987 bis 2017 zählt die Sächsische Längsschnittstudie zu den weltweit am längsten bestehenden sozialwissenschaftlichen Erhebungen. Seit 1987 begleitet die Sächsische Längsschnittstudie eine identische Gruppe Ost deutscher auf dem Weg vom DDRzum Bundesbürger. In diesem Buch werden die Einstellungen und Meinungen der TeilnehmerInnen in Bezug auf die deutsche Wiedervereinigung sowie ihre Identitätsentwicklung ausführlich im Zeitverlauf dargestellt. Obwohl die Mehrheit von ihnen die deutsche Einheit begrüßt, sich über die gewonnenen Möglichkeiten freut und die innere Einheit weiter voranschreitet, besteht doch immer noch eine Doppelidentität der TeilnehmerInnen, die sich als BundesbürgerInnen, aber zugleich auch als BürgerInnen der ehemaligen DDR betrachten. Die Ergebnisse der Untersuchung werden ergänzt durch Beiträge von renommierten GastautorInnen, die die Daten der Studie kritisch in einen übergreifenden Rahmen der ostdeutschen Transformation einordnen. Walltorstr. 10 · 35390 Gießen · Tel. 0641-969978-18 · Fax 0641-969978-19 bestellung@psychosozial-verlag.de · www.psychosozial-verlag.de Psychosozial-Verlag Hendrik Berth, Elmar Brähler, Markus Zenger, Yve Stöbel-Richter (Hg.) 30 Jahre ostdeutsche Transformation Sozialwissenschaftliche Ergebnisse und Perspektiven der Sächsischen Längsschnittstudie 2019 · 220 Seiten · Broschur ISBN 978-3-8379-2870-9 Autoritäre Fixierung ist für rechtsextreme Einstellungen und rassistische Gewalt zweifellos konstitutiv. Allerdings bezieht sich die Forschung heute kaum noch auf die Psychoanalyse, obwohl es den Autoren der ersten kritischen Studie zu »Autorität und Familie« als ausgemacht galt, dass ohne die »moderne Tiefenpsychologie« die Wirkung der Gesellschaft auf die in ihr lebenden Subjekte nicht begriff en werden könne. Wenn Autoritarismus ohne diese Tiefendimension gedacht wird, wie es seit etlichen Jahren geschieht, gerät auch die Tiefenwirkung der Gesellschaft auf die Subjekte aus dem Blick. Das Phänomen des heutigen Populismus zeigt, dass es noch immer autoritäre Führer gibt, auch wenn sich die Bedingungen geändert haben. Wie aber entsteht der autoritäre Charakter heute? Gedeiht er womöglich gerade unter permissiv-neoliberalen Bedingungen? Gehört zu ihm die Wiederkehr vorbürgerlicher Stammeskulturen auf Hightech-Niveau? Wie ist eine demokratische Gesellschaft zu verstehen, die jene autoritäre Dynamik, durch die sie bedroht wird, immer wieder selbst hervorbringt? Diese Fragen beleuchten die AutorInnen mithilfe der Kritischen Theorie und mit psychoanalytischem Instrumentarium. Walltorstr. 10 · 35390 Gießen · Tel. 0641-969978-18 · Fax 0641-969978-19 bestellung@psychosozial-verlag.de · www.psychosozial-verlag.de Psychosozial-Verlag Oliver Decker, Christoph Türcke (Hg.) Autoritarismus Kritische Theorie und Psychoanalytische Praxis

Zusammenfassung

Die Demokratie in Deutschland steht unter Druck: Soziale und kulturelle Ungleichheit, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sowie von vielen Seiten infrage gestellte demokratische Grundwerte machen es notwendig, Vereinigungs- und Integrationsprozesse nach 1989 von Neuem zu beleuchten.

Im Dialog zwischen Theorie und empirischer Analyse vermessen die Autor_innen das Feld neuer und alter Bruchlinien im demokratischen Diskurs, zeigen die Ambivalenzen des gesellschaftlichen Zusammenhalts auf und nehmen dabei insbesondere rechtspopulistische und -extreme Denkmuster in den Blick. Indem die Autor_innen die fragile Annäherung von Ost und West und die gegenwärtig viel beschworenen Gefahren für die Demokratie auf diese Weise zusammendenken, ermöglichen sie die fundierte Bestandsaufnahme einer prekär gewordenen Solidarität.

Mit Beiträgen von Marc Allroggen, Laura Beckmann, Hendrik Berth, Manfred Beutel, Elmar Brähler, Johanna Brückner, Oliver Decker, Jörg M. Fegert, Daniel Gloris, Ayline Heller, Johannes Kiess, Sören Kliem, Yvonne Krieg, Dominic Kudlacek, Lars Rensmann, Peter Schmidt, Silke Schmidt, Julia Schuler, Yve Stöbel-Richter, Ana Nanette Tibubos, Wolf Wagner, Stefan Weick, Hans-Jürgen Wirth, Andreas Witt, Alexander Yendell, Markus Zenger und Carolin-Theresa Ziemer

Schlagworte

DDR, Autoritarismus, Alternative für Deutschland (AfD), Sozialpsychologie, Wiedervereinigung, Politische Psychologie, Rechtsextremismus, Deutsche Einheit, Populismus, Rassismus DDR, Autoritarismus, Alternative für Deutschland (AfD), Sozialpsychologie, Wiedervereinigung, Politische Psychologie, Rechtsextremismus, Deutsche Einheit, Populismus, Rassismus

References

Zusammenfassung

Die Demokratie in Deutschland steht unter Druck: Soziale und kulturelle Ungleichheit, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sowie von vielen Seiten infrage gestellte demokratische Grundwerte machen es notwendig, Vereinigungs- und Integrationsprozesse nach 1989 von Neuem zu beleuchten.

Im Dialog zwischen Theorie und empirischer Analyse vermessen die Autor_innen das Feld neuer und alter Bruchlinien im demokratischen Diskurs, zeigen die Ambivalenzen des gesellschaftlichen Zusammenhalts auf und nehmen dabei insbesondere rechtspopulistische und -extreme Denkmuster in den Blick. Indem die Autor_innen die fragile Annäherung von Ost und West und die gegenwärtig viel beschworenen Gefahren für die Demokratie auf diese Weise zusammendenken, ermöglichen sie die fundierte Bestandsaufnahme einer prekär gewordenen Solidarität.

Mit Beiträgen von Marc Allroggen, Laura Beckmann, Hendrik Berth, Manfred Beutel, Elmar Brähler, Johanna Brückner, Oliver Decker, Jörg M. Fegert, Daniel Gloris, Ayline Heller, Johannes Kiess, Sören Kliem, Yvonne Krieg, Dominic Kudlacek, Lars Rensmann, Peter Schmidt, Silke Schmidt, Julia Schuler, Yve Stöbel-Richter, Ana Nanette Tibubos, Wolf Wagner, Stefan Weick, Hans-Jürgen Wirth, Andreas Witt, Alexander Yendell, Markus Zenger und Carolin-Theresa Ziemer

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DDR, Autoritarismus, Alternative für Deutschland (AfD), Sozialpsychologie, Wiedervereinigung, Politische Psychologie, Rechtsextremismus, Deutsche Einheit, Populismus, Rassismus