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Michael Schröder, Henry Schäfer, Einleitung in:

Henry Schäfer, Michael Schröder

Nachhaltige Kapitalanlagen für Stiftungen, page 157 - 158

Aktuelle Entwicklungen und Bewertung

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4250-2, ISBN online: 978-3-8452-1617-1 https://doi.org/10.5771/9783845216171

Series: ZEW Wirtschaftsanalysen - Schriftenreihe des ZEW, vol. 92

Bibliographic information
157 4 Microfinance Investment Fonds – eine portfoliotheoretische Betrachtung Oliver C. Oehri, Henry Schäfer und Jürg Fausch 4.1 Einleitung Unter dem Begriff Microfinance wird die Bereitstellung von Finanzdienstleistungen (Kredite, Sparmodelle, Kapitaltransfers und Versicherungen) an Kleinstunternehmen und Haushalte mit Niedrigeinkommen verstanden, denen die Möglichkeit der Inanspruchnahme lokaler Bank- und Kreditinstitute ansonsten verwehrt bleibt.171 In der heutigen Zeit existieren global 2,8 Mrd. von Armut betroffene Menschen;172 davon sind laut Schätzungen rund 500 Mio. Menschen, die zu den wirtschaftlich aktiven Armen zu zählen. Sie versuchen, in der Form von Mikrounternehmen ihr Einkommen zu verbessern und haben folglich einen Bedarf an Krediten und anderen Finanzdienstleistungen. Unter der Annahme, dass 500 Mio. Kleinstunternehmen durchschnittlich pro Jahr einen Kredit im Umfang von 500 US$ benötigen, liegt der Jahresbedarf bei 250 Mrd. US$;173 Expertenmeinungen zufolge werden nur 2-3% des heutigen Kreditbedarfs gedeckt. Das benötigte Kreditvolumen kann derzeit nicht durch die nationalen Kreditmärkte der Entwicklungsländer eigenständig erbracht werden, weshalb dem Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten eine entscheidende Bedeutung zukommt.174 Trotz des diskutierten Kapitalbedarfs sind Anlagemöglichkeiten in Microfinance für (kommerzielle) Investoren zum heutigen Zeitpunkt beschränkt: Ende 2007 existierten über 80 Microfinance-Investmentvehikel (MIV), wobei es sich nur bei einem kleinen Teil um Micofinance-Investmentfonds (MFIF) handelt 175. Diese Fonds investieren in der Regel direkt in Microfinance Institutes (MFI). Die Investitionen können in Form von Eigen- oder Fremdkapital erfolgen. Erste Untersuchungen zur Kapitalstruktur der MFIF zeigen, dass über 70% des Investitionsvolumens in Fremdkapital getätigt werden.176 Die MFI vergeben Kredite von durchschnittlich 25 US$ bis 1.500 US$ an Microunternehmen in Schwellen- und Entwicklungsländern.177 Aufgrund der Neuartigkeit der MFIF sind deren Rendite- und Risikocharakteristika sowie die damit verbundenen 171 Vgl. Felder-Kuzu (2005: 20 f). 172 Vgl. Weltbank (2007). 173 Vgl. Dieckmann (2008: 12). 174 Vgl. Menichetti, Oehri und Fausch (2006: 2). 175 Vgl. dazu Goodman (2007). 176 Vgl. dazu Microrate (2006). 177 Vgl. Felder-Kuzu (2008: 18). 158 portfoliotheoretischen Konsequenzen noch nicht ausreichend bekannt.178 Diese Studie untersucht anhand ausgewählter MFIF das Rendite-Risiko-Profil sowie den Wirkungszusammenhang einer Beimischung von MFIF zu klassisch strukturierten Portfolios. Ziel ist es, den ökonomischen Nutzen von MFIF zu bewerten. Die Untersuchung ist wie folgt aufgebaut. In Abschnitt 4.2 geben wir einen kurzen Überblick zur verwendeten Methodik, Abschnitt 4.3 beschreibt die für die Fondsauswahl relevanten Selektionskriterien und bildet daraus die Untersuchungsstichprobe. Abschnitt 4.4 analysiert das Rendite-Risiko-Profil der ausgewählten MFIF und die sich daraus ergebenden portfoliotheoretischen Konsequenzen. Das Fazit in Abschnitt 4.5 schließt diese Untersuchung ab. 4.2 Methodik Um den portfoliotheoretischen Einfluss der ausgewählten MFIF zu quantifizieren, wird nachstehender Modellrahmen gewählt: Zuerst erfolgt die Bildung eines Basisportfolios, bestehend aus den Anlageklassen Aktien, Anleihen, Hedge-Fonds und Geldmarkt. Dabei werden ein globaler Aktienindex (MSCI- World), ein globaler Bondindex (JPM GBI), ein Hedge-Fonds-Index (Hedge Fund Research Index HFRI) sowie ein Geldmarktfonds (UBS Money Market Fund) herangezogen. Die Möglichkeit der risikolosen Anlage wird durch den 6- Monats-LIBOR dargestellt. In der Folge werden drei Investmentstrategien in Abhängigkeit unterschiedlicher Risikoneigungen bestimmt: Tabelle 43: Basisportfolios – Investmentstrategien Anlageklassen Investmentstrategie MFIF Aktien Anleihen Hedge-Fonds Geldmarkt Growth 0% 60% 10% 25% 5% Balanced 0% 40% 30% 20% 10% Defensive 0% 20% 50% 20% 10% Abschließend erfolgt eine Veränderung der drei Basisportfolios „Defensive“, „Balanced“ und „Growth“ durch eine MFIF-Beimischung. In diesem Zusammenhang soll die Frage beantwortet werden, welche Auswirkungen eine 5-prozentige bzw. 10-prozentige MFIF-Beimischung auf die drei Investmentstrategien (Defensive, Balanced, Growth) in Abhängigkeit der jeweiligen zu substituierenden Anlageklasse besitzt. Insgesamt werden 24 Portfolios gebildet. Der Effekt einer Beimischung wird pro substituierte Anlageklasse anhand der Veränderung der erwarteten Portfoliorendite, des Portfoliorisikos sowie der Sharpe-Ratio (risikoadjustierte Überrendite) untersucht. 178 Vgl. Menichetti, Oehri und Fausch (2007: 2).

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Zusammenfassung

In den letzten Jahren ist der Markt für nachhaltige Kapitalanlagen auch in Europa signifikant gewachsen. Besonders für Stiftungen können Kapitalanlagen, die nach ethischen, sozialen und ökologischen Kriterien ausgewählt werden interessant sein, weil dadurch der Stiftungszweck auch im Rahmen der Vermögensanlage berücksichtigt werden kann. Im April 2008 wurde zur Analyse dieses Themas eine Konferenz unter dem Titel „Nachhaltige Kapitalanlagen für Stiftungen: Aktuelle Entwicklungen“ in Osnabrück bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) durchgeführt. Ziel der Konferenz war es, einen umfassenden Überblick über die aktuellen Entwicklungen auf dem Markt für nachhaltige Kapitalanlagen zu geben und eine Bewertung, speziell aus der Perspektive von Stiftungen, durchzuführen.

Der vorliegende Konferenzband enthält als zentrales Kapitel die Studie „Nachhaltige Vermögensanlagen für Stiftungen“, die das ZEW zusammen mit der Universität Stuttgart durchgeführt hat. Die weiteren Beiträge befassen sich unter anderem mit dem noch relativ jungen Markt der Microfinance-Anlageprodukte, die als Teilgebiet der nachhaltigen Kapitalanlagen in Zukunft für Stiftungen eine ansteigende Bedeutung erlangen könnten.