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Michael Schröder, Henry Schäfer, Rechtliche und betriebswirtschaftliche Einordnung von nachhaltigen Kapitalanlagen in:

Henry Schäfer, Michael Schröder

Nachhaltige Kapitalanlagen für Stiftungen, page 40 - 46

Aktuelle Entwicklungen und Bewertung

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4250-2, ISBN online: 978-3-8452-1617-1 https://doi.org/10.5771/9783845216171

Series: ZEW Wirtschaftsanalysen - Schriftenreihe des ZEW, vol. 92

Bibliographic information
40 Vermögen hinzugefügt werden (vgl. Thiel, 1998: 7). Demselben Zweck – Ausgleich für eingetretene Verluste und Inflationsausgleich – dient auch die Realisierung von Gewinnen aus der Vermögensverwaltung, da solche Gewinne steuerrechtlich nicht ausgeschüttet werden müssen und dem Vermögen hinzugefügt werden können.16 Der neue Anwendungserlass zur AO vom 10. September 2002 führt allerdings zu einer weiteren Einschränkung des intertemporalen Verlustausgleichs im Bereich der Vermögensverwaltung.17 Dabei wird eine Vorschrift, die vorher nur für den wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb galt, auch auf die Vermögensverwaltung ausgedehnt. Unschädlich für die Gemeinnützigkeit sind zum einen so genannte Anlaufverluste, also Verluste die relativ kurz nach dem Kauf der Vermögensanlage entstehen und innerhalb von drei Jahren wieder ausgeglichen sind. Zum anderen dürfen Mittel, die dem ideellen Bereich zustehen, nur in dem Umfang zum Ausgleich eines Vermögensverlustes verwendet werden, wie in den vorangegangenen sechs Jahren Erträge an den ideellen Bereich gegeben wurden. Auch der Ausgleich eines Verlustes mit Mitteln des ideellen Bereichs innerhalb eines Jahres ist nicht steuerschädlich. Außerdem ist es der Stiftung möglich, ein Darlehen aufzunehmen, das den Vermögensverlust ausgleicht, sofern der Zins- und Tilgungsdienst aus der Vermögensverwaltung geleistet wird.18 Die Bedingungen, unter denen ein Verlustausgleich die Gemeinnützigkeit nicht gefährdet, können im Widerspruch zu den stiftungsrechtlichen Vorschriften in Bezug auf die Erhaltung des Stiftungsvermögens stehen. Wenn ein erheblicher Vermögensverlust eingetreten ist, fordert zum Beispiel das Bayerische Stiftungsgesetz (Art. 26) den Ausgleich des Verlustes durch die Verwendung laufender oder zukünftiger Erträge, während das Steuerrecht nur eine eingeschränkte Thesaurierung zulässt.19 Die steuerrechtlichen Vorschriften stellen in solchen Fällen zusätzliche Einschränkungen für die intertemporale Optimierung des Vermögensmanagements dar. 3.2.2 Rechtliche und betriebswirtschaftliche Einordnung von nachhaltigen Kapitalanlagen Die Anlage des Vermögens in nachhaltigen Kapitalanlagen kann für Stiftungen interessant sein, weil dadurch Synergieeffekte zwischen der Vermögensanlage und dem Stiftungszweck entstehen und Konflikte zwischen der Mittelerwirtschaftung und der Mittelvergabepolitik vermieden werden können. 16 Vgl. AEAO Tz. 28 zu § 55 Abs. 1 Nr. 5 AO. Realisierte Gewinne aus Vermögensumschichtungen werden in einer Umschichtungsrücklage verbucht, vgl. Doppstadt (2005: 572). 17 Vgl. Augsten und Schmidt (2003), Hüttemann (2002) und Müller (2004), die Bezug nehmen auf AEAO Tz. 4 bis 9 zu § 55 Abs. 1 Nr. 1 AO. 18 Weitere Details des Anwendungserlasses zur AO und dessen Interpretation finden sich in Augsten und Schmidt (2003), Hüttemann (2002) und Müller (2004). 19 Siehe hierzu auch Hüttemann und Schön (2007: 69). 41 Nachhaltige Kapitalanlagen sind definiert als Anlageobjekte, deren Auswahl hauptsächlich nach ethischen, ökologischen und sozialen Kriterien erfolgt. Dies ist die gängige Definition, die sich in der Literatur und der Praxis durchgesetzt hat.20 Es gibt zahlreiche weitere Bezeichnungen dieser Anlagekategorie, die weitgehend synonym verwendet werden; sie verweisen auf teilweise unterschiedliche Schwerpunkte bei den Auswahlkriterien wie z.B. ethische, sozialverträgliche, grüne oder ökologische Kapitalanlagen. In den USA findet sich üblicherweise die Bezeichnung SRI (Socially Responsible Investment). Eng verwandt ist auch der Begriff der CSR (Corporate Social Responsibility) und der daran anknüpfenden Ratings, die auch zur Auswahl von „nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen“ in der Kapitalanlage verwendet werden.21 Im Einzelnen kann die Vorgehensweise von Ratingagenturen und Fondsgesellschaften recht unterschiedlich sein.22 Eine ausführliche Beschreibung und Analyse der Vorgehensweise von SRI-Ratingagenturen findet sich in Abschnitt 3.5.1. Ein großer Teil der gemeinnützigen Stiftungen in Deutschland engagiert sich in den Bereichen Bildung, Soziales und Umwelt.23 Dadurch ergibt sich scheinbar eine relativ große Nähe zwischen den Stiftungszielen und den Kriterien, die bei der Auswahl ökologisch, sozial oder ethisch ausgerichteter Kapitalanlagen angewandt werden. Ein wesentlicher Vorteil einer Anlage des Stiftungsvermögens in nachhaltigen Kapitalanlagen könnte darin bestehen, dass die Erreichung des Stiftungsziels verbessert wird.24 Dieser Vorteil kann auch in zweifacher Weise eintreten. Zum einen kann die gezielte Auswahl von Anlageobjekten im Sinne der Stiftungsziele dazu führen, dass der Zielerreichungsgrad über die Vergabe der Stiftungsmittel hinaus noch weiter erhöht wird. Ein Beispiel ist die Investition in Unternehmen, die alternative Energieerzeugung (Wasserkraft, Solarenergie) betreiben. Zum anderen kann durch die Vermeidung bestimmter Anlageobjekte ein Konflikt zwischen den Stiftungszielen und der Vermögensanlage vermieden werden. Eine Stiftung, die sich beispielsweise für Völkerverständigung einsetzt, wird kaum Aktien eines Unternehmens kaufen wollen, welches Waffen produziert. Eine sozial engagierte Stiftung wäre sicherlich einem ernsten Zielkonflikt ausgesetzt, wenn sie in ein Unternehmen investieren würde, das ihre Produkte unter Einsatz von Kinderarbeit herstellt. 20 Schäfer (2003a) gibt unter anderem einen Überblick zur historischen Entwicklung dieser Anlagekategorie. 21 Vgl. Schäfer (2005a). 22 Ausführliche Beschreibungen der Konzepte und Kriterien von Ratingagenturen und Fondsgesellschaften finden sich beispielsweise in Schäfer (2003a) sowie Schäfer Hauser-Ditz und Preller (2004). 23 Siehe Fußnote 1. 24 In den Vereinigten Staaten werden diese Themen unter dem Begriff Mission Related Investing seit einigen Jahren diskutiert. Vgl. Emerson et al. (2004). 42 Diese zwei Arten von Beziehungen zwischen nachhaltigen Kapitalanlagen und Stiftungszielen – Synergieeffekte und Vermeidung von Zielkonflikten – korrespondiert mit der Vorgehensweise von Ratingagenturen und Fondsgesellschaften bei der Auswahl geeigneter Anlageobjekte (vgl. auch Abschnitt 3.5.1). Bei diesem Auswahlprozess wird das vorhandene Anlageuniversum durch nichtfinanzielle Kriterien eingeschränkt, wobei sogenannte positive und negative Filter eingesetzt werden. Der negative Filterprozess führt dazu, dass bestimmte Unternehmen, die zum Beispiel in der Produktion von unerwünschten Produkten engagiert sind, aus dem Anlageuniversum herausgenommen werden.25 Ein positives Filterverfahren besteht darin, bestimmte Unternehmen, die sich durch erwünschte Charakteristika auszeichnen, in das Anlageuniversum aufzunehmen oder besonders hoch zu gewichten.26 Ein Fonds beispielsweise kann entweder nur einen Positiv- oder nur einen Negativfilter anwenden. In der Regel werden jedoch beide Filterverfahren kombiniert eingesetzt. Neben erwünschten Effekten auf die Relation zwischen den Zielen und der Vermögensanlage von Stiftungen könnten durch die Konzentration auf ökologisch, ethisch und sozial motivierte Kapitalanlagen möglicherweise auch unerwünschte Begleiterscheinungen auftreten. Ernst & Young (2003: 58) empfehlen explizit, keine Anlagen in nachhaltigen Kapitalanlagen durchzuführen, da dadurch anlage- und förderpolitische Ziele der Stiftung vermischt würden. Als Folge könnten Interessenskonflikte zu Problemen bei der Vermögensanlage führen. Außerdem würde das Anlageuniversum bei einer engen Definition von Nachhaltigkeit zu sehr eingeschränkt, „so dass keine ausgewogene Risikostreuung mehr möglich ist“. Bei einer weiten Definition würde „der Ausschluss einzelner Aktien in einer stark arbeitsteiligen Wirtschaft sehr willkürlich“ sein. Das zentrale Argument von Ernst & Young (2003) ist die mögliche Vermischung von anlage- und förderpolitischen Zielen. Wenn dieses Argument zutrifft, bedeutet es, dass die Stiftung durch nachhaltige Kapitalanlagen weniger Mittel erwirtschaftet als ohne diese spezielle Auswahl der Anlageobjekte. Sie könnte als Folge weniger Mittel für ihre satzungsmäßigen Ziele ausgeben. Ein Zielkonflikt kann dadurch auftreten, dass der Vermögensmanager einer Stiftung zu entscheiden hat, ob er eine vielleicht wenig rentable Anlage in einem besonders nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen tätigen soll oder besser durch konventionelle Anlagen mit marktüblicher Rendite zur stärkeren Erreichung der Stiftungsziele beitragen sollte. Dieser Zielkonflikt ist Folge einer unter Um- 25 Übliche negative Filterkriterien sind zum Beispiel Herstellung und Vertrieb von Waffen, Alkohol, Tabak, Atomenergie, Pornographie oder Glücksspiel. 26 Häufig verwendete Positiv-Kriterien sind beispielsweise geringe Emission von Schadstoffen, geringer Ressourcenverbrauch, nichtdiskriminierende Einstellungspolitik bei der Personalrekrutierung, Gewährleistung guter Arbeitsplatzbedingungen, gesellschaftliches Engagement und Maßnahmen zur Korruptionskontrolle. 43 ständen verschlechterten Rendite-Risiko-Relation, die durch die Einschränkung des Anlageuniversums zustande kommen kann. Das dritte Argument besagt schließlich, dass nachhaltige Kapitalanlagen möglicherweise nicht das leisten, was sie versprechen, und tatsächlich keine Auswahl besonders nachhaltig wirtschaftender Unternehmen durchführen, sondern relativ willkürlich bestimmte Unternehmen aus dem Anlageuniversum ausschließen. Dieser Einwand betrifft die Konzeption und Vorgehensweise bei der Bewertung der Anlageobjekte und ist in dieser pauschalen Form nicht haltbar. Schäfer, Hauser-Ditz und Preller (2004) beschreiben detailliert die sehr differenzierten Methoden der Ratingsysteme zur Messung von CSR. Kempf und Osthoff (2007b) zeigen, dass amerikanische SRI-Investmentfonds verglichen mit konventionellen Fonds signifikant mehr in solche Aktien investieren, die ein höheres SRI-Rating aufweisen. SRI-Fonds nehmen ihre Zielsetzung ernst, indem sie SRI-Ratings systematisch im Anlageentscheidungsprozess umsetzen. Die ersten zwei Argumente sind zwar schwerwiegend, treffen aber nur in eingeschränktem Maße zu. Eine Stiftung sollte, genauso wie andere Institutionen oder Unternehmen, eine klare Trennung zwischen Zielen und Mitteln herstellen. Dies ist eine notwendige Bedingung, um eine Maximierung der Zielerreichung bei gegebenen (finanziellen) Mitteln zu erreichen. Die Förderung nachhaltigen Wirtschaftens kann sowohl Teil des Stiftungszwecks sein als auch Vorgabe für die Vermögensverwaltung. Damit kein Konflikt zwischen Zielen und Mitteleinsatz auftritt, sollten in der Satzung klare Festlegungen getroffen werden. Ein Stifter ist bei der Auswahl der Stiftungsziele sowie der Vorgaben für die Vermögensanlage grundsätzlich frei.27 Einschränkungen ergeben sich bei den Zielen dadurch, dass nicht alle Ziele den Status der Gemeinnützigkeit erfüllen. In Bezug auf die Vermögensanlage muss außerdem sichergestellt sein, dass die Vorgaben des Stifters die Erfüllung des Stiftungszweckes nicht zu stark einschränken; Stiftungszweck und Vermögensausstattung sowie die Vorgaben zur Vermögensbewirtschaftung müssen zueinander passen.28 Ein Stifter könnte die Unterstützung nachhaltig wirtschaftender Unternehmen als Stiftungszweck in die Satzung aufnehmen, beispielsweise durch die direkte Förderung von (potenziellen) Unternehmensgründern, die finanzielle Unterstützung von praxisnahen Forschungsprojekten, aus denen zukünftige Unternehmen entstehen könnten oder die Vergabe von Preisen an besonders nachhaltig wirtschaftende Unternehmen. In diesem Fall besteht nach wie vor die Frage, durch welche Kapitalanlagen die dafür notwendigen Mittel erwirtschaftet werden. 27 Vgl. Carstensen (2005: 93 f), Seifart und von Campenhausen (1999: 152 ff und 164 ff) und Wachter (2002). 28 Vgl. Seifart und von Campenhausen (1999: 158 ff). 44 Der ökonomische Sinn einer Anlage in Aktien oder Anleihen nachhaltig wirtschaftender Unternehmen besteht aus volkswirtschaftlicher Sicht vor allem darin, die Eigen- oder Fremdkapitalkosten der entsprechenden Unternehmen zu vermindern, um ihnen damit einen wirtschaftlichen Vorteil zu verschaffen. Die Anlage des Vermögens (als Fremd- oder Eigenkapital) in nachhaltig wirtschaftende Unternehmen dürfte kaum Chancen haben, als Stiftungszweck genehmigt zu werden. Zum einen würde die Stiftung dann in direkte Konkurrenz zu Banken, Private-Equity-Unternehmen und anderen Finanzdienstleistern treten. Sie läuft damit Gefahr, von der Steuerbehörde als Wirtschaftsunternehmen eingestuft zu werden und keinen Gemeinnützigkeitsstatus zu erhalten. Zum anderen könnte die Stiftung als sogenannte Selbstzweckstiftung beurteilt werden, da die Erträge immer wieder reinvestiert werden und die Stiftung damit nur noch der Vermögensmehrung dient. Eine Selbstzweckstiftung ist jedoch nicht genehmigungsfähig.29 Als Spezialfälle der direkten Förderung nachhaltig wirtschaftender Unternehmen scheinen nur drei Fälle möglich zu sein: – Eine operative Stiftung, die beispielsweise ein Altenheim, ein Krankenhaus oder eine Hochschule betreibt, könnte darauf achten, dass der Betrieb dieser Einrichtung nach Grundsätzen nachhaltigen Wirtschaftens durchgeführt wird. – Eine Förderstiftung, die einen Zweckbetrieb unterhält und bei diesem Betrieb eine nachhaltige Wirtschaftsweise einführt. – Die dritte Möglichkeit bezieht sich auf eine sogenannte Unternehmensträgerstiftung, bei der die Erhaltung und Förderung eines Wirtschaftsunternehmens im Mittelpunkt steht.30 Auch in diesem Fall kann das von der Stiftung betriebene Unternehmen nach den Grundsätzen nachhaltigen Wirtschaftens geführt werden. Da es sich dabei um einen wirtschaftlichen Betrieb handelt, wird die Stiftung nicht den Status der Gemeinnützigkeit erhalten.31 In den beiden ersten Fällen wird es sich in der Regel um eine gemeinnützige Stiftung handeln; in allen drei Fällen könnten die jeweilige Institution, der Zweckbetrieb oder das Wirtschaftsunternehmen Pilotcharakter für die Branche haben und bei Erfolg möglicherweise zahlreiche Nachahmer finden. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die direkte Förderung nachhaltig wirtschaftender Unternehmen durch die Vermögensanlage der Stiftung vermutlich nur in Ausnahmefällen der Hauptzweck einer gemeinnützigen Stiftung sein kann. In der Regel wird eine Zweiteilung vorliegen, bei der eine Förderung nachhaltigen Wirtschaftens einerseits durch die Mittelverwendung im Sinne der Stiftungssatzung durchgeführt wird und andererseits eine indirekte Unterstützung dieses Zieles durch eine entsprechende Ausrichtung der Vermögensanlage stattfindet. So könnte ein Stifter in der Satzung festschreiben, dass eine nachhaltige 29 Vgl. Seifart und von Campenhausen (1999: 164 f). 30 Vgl. Seifart und von Campenhausen (1999: 160 und 366 ff) und Schlüter (2005: 315 ff). 31 Vgl. Augsten und Schmidt (2003). 45 Wirtschaftsweise zum Beispiel durch Forschungsstipendien, die Vergabe von Preisen an nachhaltig wirtschaftende Unternehmen oder auch die entsprechende Unterstützung von Unternehmensgründungen durchgeführt wird. Ergänzend könnte der Stifter für die Vermögensanlage vorschreiben, dass das Vermögen in nachhaltigen Kapitalanlagen zu investieren ist. Dies ist der in Ernst & Young (2003) aufgeführte Fall, bei dem die Autoren von einem Konflikt zwischen effizienter Vermögensverwaltung und Stiftungszweck ausgehen. In der Tat führt die Auswahl nachhaltiger Kapitalanlagen zu einer Einschränkung des Anlageuniversums und könnte daher zu einer Verschlechterung der Rendite-Risiko-Relation des Stiftungsvermögens führen.32 In diesem Falle wären nachhaltige Kapitalanlagen aus finanzwirtschaftlicher Sicht als ineffizient anzusehen. Die Folge wäre eine bei gegebenem Risiko geringere durchschnittliche Rendite. Der Stifter könnte ganz bewusst eine solche Renditeminderung in Kauf nehmen, um eine größere Vereinbarkeit von Vermögensanlage und Stiftungszweck zu erreichen. Es ist nicht klar, ob sich ein Vermögensmanager auch ohne eine solche satzungsmäßige Festlegung für eine entsprechend geringere Rendite entscheiden dürfte. Das Stiftungsrecht fordert vom Vermögensmanager nicht, eine maximale Rendite bei gegebenem Risiko anzustreben (Schindler, 2003: 297). Es ist ausreichend, wenn die gesetzlichen Vorgaben – Erhaltung des Vermögensbestandes und Durchführung einer sicheren und wirtschaftlichen Vermögensverwaltung – eingehalten werden. So stellt Schindler (2003: 298 f) fest, dass ein Stiftungsvorstand für Vermögensverluste verantwortlich ist, jedoch nicht für entgangene Gewinne. Ein Vermögensmanager, der bei gegebenem Risiko auf Rendite bewusst verzichtet, bewegt sich stiftungsrechtlich zumindest in einer Grauzone. Wachter (2002: 10) fordert daher, dass die Stiftungssatzung „klare und eindeutige Anlagerichtlinien“ enthalten soll. Von einem betriebswirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet wäre eine Entscheidung für eine Renditeminderung in jedem Fall suboptimal, da eine geringere als marktübliche Rendite zu einem verminderten Zielerreichungsgrad in Bezug auf das Stiftungsziel führt. Nur in dem Fall, dass die Investition in nachhaltige Kapitalanlagen den Stiftungszweck genauso oder sogar noch stärker fördert als die zielgerichtete Ausgabe der Stiftungsmittel, würde keine suboptimale Situation vorliegen. Die bisherigen internationalen Untersuchungen zur Performance nachhaltiger Kapitalanlagen zeigen mehrheitlich, dass eine solche befürchtete Renditeminderung in der Regel dann nicht vorliegt, wenn in gut diversifizierte SRI-Fonds oder indexorientierte SRI-Anlageprodukte investiert wird. In diesen Fällen wei- 32 Aus finanzwirtschaftlicher Sicht ist bei einem eingeschränkten Anlageuniversum davon auszugehen, dass die Rendite-Risiko-Relation höchstens genauso hoch ist wie im Falle eines vollständigen Anlageuniversums. Denn das Portfoliomanagement kann bei vollständigem Anlageuniversum alle Anlagestrategien realisieren, die mit einer Teilmenge der Anlageobjekte durchführbar sind, während dies umgekehrt natürlich nicht möglich ist. Vgl. auch Abschnitt 3.5.1.4.2. 46 sen nachhaltige Kapitalanlagen üblicherweise die gleiche risikoadjustierte Performance auf wie vergleichbare konventionelle Finanzanlagen, teilweise werden für spezielle Vorgehensweisen bei der Konstruktion von SRI-Portfolios sogar höhere risikoadjustierte Renditen nachgewiesen.33 Ein Stifter, der für die Vermögensverwaltung Investitionen in nachhaltige Kapitalanlagen vorschreibt, wird daher normalerweise nicht mit einer Renditeminderung oder einer Verschlechterung der Rendite-Risiko-Relation rechnen müssen. Sowohl von einem stiftungsrechtlichen als auch einem betriebswirtschaftlichen Standpunkt spricht grundsätzlich nichts gegen eine Konzentration des Stiftungsvermögens auf nachhaltige Kapitalanlagen. Dies dürfte auch dann zutreffen, wenn die Stiftungssatzung eine Investition in nachhaltigen Kapitalanlagen nicht explizit vorsieht. Derzeit spielen nachhaltige Kapitalanlagen bei deutschen Stiftungen noch keine große Rolle. Schäfer, Gülle, Ramp und Redel (2002) finden in einer Umfrage unter 367 deutschen Stiftungen, die im Mai 2001 durchgeführt wurde, heraus, dass nur etwa 20% der Befragten ökologische, soziale oder ethische Kriterien bei der Investitionsentscheidung berücksichtigen. Bei kirchlich orientierten Stiftungen beträgt dieser Anteil immerhin mehr als das Doppelte. Heissmann (2004) berichtet, dass in der 2004 unter deutschen Stiftungen durchgeführten Umfrage etwa 20% der Befragten Angaben zu nachhaltigen Kapitalanlagen gemacht haben, wobei sich bei ihnen der Anteil dieser Anlagekategorie am Gesamtvermögen auf weniger als 10% beläuft.34 3.3 Quantitative Analyse der Anlagestrategien von Stiftungen 3.3.1 Einleitung In diesem Abschnitt werden die Grundlagen für die quantitative Analyse der Anlagestrategien von Stiftungen gelegt, während in Abschnitt 3.4 verschiedene Strategien der Vermögensanlage empirisch untersucht und bewertet werden. Abschnitt 3.3.2 widmet sich der Darstellung von Anlagestrategien. Zunächst werden verschiedene statische und intertemporale Ansätze zur Portfoliooptimierung vorgestellt, aus denen Strategien abgeleitet werden, die speziell für Stiftungen geeignet sind. Darunter befinden sich insbesondere dynamische Vorgehensweisen, die zukünftige Zahlungsverpflichtungen berücksichtigen. Danach werden alle Strategien der Vermögensanlage beschrieben, die mithilfe 33 Ein Überblick der internationalen Studien zur Performance nachhaltiger Kapitalanlagen findet sich in Schäfer und Stederoth (2002) sowie Schröder (2004, 2007). Eine ausführliche Darstellung der Literatur sowie eigener Untersuchungen wird in Abschnitt 3.5.2 der Studie gegeben. 34 In der Heissmann-Stiftungsstudie wurden die Antworten von etwas mehr als 200 Stiftungen ausgewertet, die etwa ein Drittel des Stiftungsvermögens in Deutschland repräsentieren, vgl. Heissmann (2004: 7).

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Zusammenfassung

In den letzten Jahren ist der Markt für nachhaltige Kapitalanlagen auch in Europa signifikant gewachsen. Besonders für Stiftungen können Kapitalanlagen, die nach ethischen, sozialen und ökologischen Kriterien ausgewählt werden interessant sein, weil dadurch der Stiftungszweck auch im Rahmen der Vermögensanlage berücksichtigt werden kann. Im April 2008 wurde zur Analyse dieses Themas eine Konferenz unter dem Titel „Nachhaltige Kapitalanlagen für Stiftungen: Aktuelle Entwicklungen“ in Osnabrück bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) durchgeführt. Ziel der Konferenz war es, einen umfassenden Überblick über die aktuellen Entwicklungen auf dem Markt für nachhaltige Kapitalanlagen zu geben und eine Bewertung, speziell aus der Perspektive von Stiftungen, durchzuführen.

Der vorliegende Konferenzband enthält als zentrales Kapitel die Studie „Nachhaltige Vermögensanlagen für Stiftungen“, die das ZEW zusammen mit der Universität Stuttgart durchgeführt hat. Die weiteren Beiträge befassen sich unter anderem mit dem noch relativ jungen Markt der Microfinance-Anlageprodukte, die als Teilgebiet der nachhaltigen Kapitalanlagen in Zukunft für Stiftungen eine ansteigende Bedeutung erlangen könnten.