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Michael Schröder, Henry Schäfer, Nachhaltige Kapitalanlagen für Stiftungen: Aktuelle Entwicklungen und Bewertung in:

Henry Schäfer, Michael Schröder

Nachhaltige Kapitalanlagen für Stiftungen, page 15 - 18

Aktuelle Entwicklungen und Bewertung

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4250-2, ISBN online: 978-3-8452-1617-1 https://doi.org/10.5771/9783845216171

Series: ZEW Wirtschaftsanalysen - Schriftenreihe des ZEW, vol. 92

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15 1 Nachhaltige Kapitalanlagen für Stiftungen: Aktuelle Entwicklungen und Bewertung Ernst Welteke Nachhaltige Kapitalanlagen sind für Stiftungen ein wichtiges Thema, das eine besondere Aufmerksamkeit verdient. Es handelt sich dabei heute noch um ein Nischenthema, nach Schätzungen sind es bisher nicht mehr als 1% bis 2% aller Assets under Management, die diesem Bereich zuzuordnen sind – allerdings mit zunehmender Tendenz, denn das Thema hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen und weist erhebliche Wachstumsraten auf. Die Nachfrage steigt vor allem bei institutionellen Anlegern wie Stiftungen, Kirchen oder Pensionsfonds. Nach einer Studie der Deutschen Bank vom Januar 2008 betrug das Volumen von Socially Responsible Investments (SRI) in den USA 2005 2,3 Bill. US$ und 2006 in Europa 1,0 Bill. €. Die publizierten Zahlen schwanken erheblich, je nachdem, welcher SRI-Ansatz zugrunde gelegt wird. Dabei ist auch zu registrieren, dass mit der Diskussion über den globalen Klimawandel, ausgelöst durch den Report des International Panel for Climate Change (IPCC), alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft vor die Frage gestellt sind, was ihr Beitrag sein kann, die natürlichen Lebensgrundlagen unseres Planeten für künftige Generationen zu erhalten. Auch die Finanzwirtschaft wird sich auf Dauer dieser Diskussion nicht entziehen können, denn es geht um eine Begrenzung von wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Risiken. Anhand der vielen darauf bezogenen Publikationen in der Fachpresse der letzten Monate wird deutlich, dass die Thematik in der Branche angekommen ist. Mit der öffentlichen Aufmerksamkeit ist auch die Erkenntnis gewachsen, dass sich daraus ein Verkaufsthema für neue Produkte generieren lässt – und die Branche hat entsprechend reagiert. Jedoch gilt nach wie vor, dass Vermögensverwalter und Portfoliomanager, die mit dem Geld ihrer globalen Kunden vorrangig Gutes im Sinne des Umweltschutzes, der Ethik oder der sozialen Entwicklung bewirken wollen und weniger auf Ertrag und Rendite achten, nur bei einer Minderheit von Anlegern auf Akzeptanz stoßen. Die Vertreter der Finanzbranche stehen in einem Wettbewerb untereinander: Das Erfolgskriterium Nr. 1 ist dabei mit Abstand Ertrag und Performance unter Berücksichtigung eines vorgegebenen Risikoprofils. Die Vertriebsabteilungen der Produkte für nachhaltige Geldanlagen auf dem Kapitalmarkt argumentieren, dass es keinesfalls Ertrag oder Performance kostet, sondern im Gegenteil einen zusätzlichen Ertrag verspricht, wenn die Ziele der Vermögensanlage durch ein weiteres Ziel, das einer nachhaltigen Geldanlage, ergänzt werden. 16 Sicher werden wir in den kommenden Jahren weltweit gewaltige Summen in umweltverträgliche Technologien investieren müssen, wenn die Menschheit die globale Erwärmung eindämmen und die schlimmsten Folgen abmildern will. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schätzt mithilfe eines Simulationsmodells die globalen Kosten des Klimawandels in den nächsten 50 Jahren auf bis zu 200 Bill. €. Vor allem Entwicklungsländer werden aufgrund fehlender Mittel nicht in der Lage sein, einen wirkungsvollen Schutz vor den Folgen des Klimawandels zu etablieren. Der deutschen Wirtschaft bietet sich eine große Chance: Deutschland ist weltweit führend auf dem Gebiet der Umwelttechnologien und des Exportes. 20% der weltweiten Umwelttechnik kommen aus Deutschland, daraus ergeben sich auch Investmentchancen. Für den Anleger ist das besonders reizvoll, denn er hat die Möglichkeit, neben einem gleichen oder möglicherweise besseren Ertrag zusätzlich das Gefühl zu entwickeln, er könne bei seiner Geldanlage auch ein gutes Gewissen haben. Für gemeinnützige Organisationen wie Stiftungen ist die Suche nach der „sauberen“ Rendite ein wichtiger Aspekt im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit ihrer gesamten Aktivitäten. Dies begründet die erhebliche Wachstumsdynamik des Marktes für solche Produkte. So ist nach einer Veröffentlichung des Sustainable Business Institutes der European Business School in Oestrich-Winkel der Markt für nachhaltige Publikumsfonds 2007 in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Volumen um etwa 90% gestiegen, die Anzahl der Fonds um etwa 30%. Nach Berechnungen des Instituts Ende 2007 waren 181 Fonds mit einem Gesamtwert von 34 Mrd. € im deutschsprachigen Markt zum Vertrieb zugelassen – 2006 waren es erst 137 Fonds mit einem Volumen von rund 18 Mrd. €. Rund 28 Mrd. € waren in 115 Aktienfonds investiert, deren Performance zwischen +62% und -3% lag, wobei die Ausrichtung der Fonds sehr unterschiedlich ist. Zum Thema Klimawandel gibt es inzwischen 15 Aktienfonds. Der Anteil nachhaltiger Fonds am Gesamtmarkt soll inzwischen bei circa 3% liegen. Für Stiftungen ist diese Thematik von besonderem Interesse, damit der Stiftungszweck möglicherweise auch in der Vermögensanlage berücksichtigt werden kann. Auf der anderen Seite sind Stiftungen zum Kapitalerhalt verpflichtet, sie können die Vermögensanlage und damit die Kapitalseite der Stiftung nicht in gleicher Weise für die Verwirklichung des Zwecks einsetzen wie die Erträge aus der Bewirtschaftung des Kapitals. Auch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dieser Thematik. Für die Stiftung war es auch immer eine ganz wesentliche Frage, ob die Berücksichtigung von Aspekten der Nachhaltigkeit in der Vermögensanlage die Erträge spürbar beeinflusst oder nicht. Zu dieser Fragestellung gibt es divergierende Aussagen, wobei es ganz entscheidend auf die Auswahl der Titel und der Indizes sowie die betrachteten Zeiträume ankommt. Es ist dabei wichtig, den Begriff der nachhaltigen Kapitalanlage zunächst einmal zu klären und zu untersuchen, inwieweit er sich von einer konventionellen 17 Kapitalanlage unterscheidet. Die Stiftung hat vor über zwei Jahren das ZEW in Kooperation mit der Universität Stuttgart gebeten, eine Analyse zur Eignung nachhaltiger Kapitalanlagen für die Vermögensanlage von Stiftungen durchzuführen. Das Ziel der Studie war es, aus betriebswirtschaftlicher und speziell finanzwirtschaftlicher Sicht zu untersuchen, welche positiven und negativen Konsequenzen für Stiftungen entstehen können, wenn sie in der Vermögensverwaltung verstärkt nachhaltige Kapitalanlagen berücksichtigen. Die beiden zentralen Fragestellungen waren: – Wie gut passen nachhaltige Kapitalanlagen zu den Zielen und Rahmenbedingungen deutscher Stiftungen? – Welche Vor- und Nachteile weisen nachhaltige Kapitalanlagen für die Vermögensverwaltung von Stiftungen auf? Mit dieser Studie, verantwortliche Autoren sind Herr Prof. Schäfer von der Universität Stuttgart und Herr Dr. Michael Schröder vom ZEW, leisten wir einen wichtigen Beitrag zu der aktuellen Diskussion über nachhaltige Geldanlagen und können Stiftungen eine Hilfestellung für ihre eigene Positionierung geben. Eine junge Asset-Klasse im Bereich der nachhaltigen Kapitalanlagen ist das Thema Microfinance. Spätestens seit 2006 und der Verleihung des Friedensnobelpreises an den Gründer der Grameen Bank, Prof. Yunus in Bangladesh, hat Microfinance einen breiten Bekanntheitsgrad in der Öffentlichkeit erlangt. Institutionen, zum Beispiel die Entwicklungsbank der Kreditanstalt für Wiederaufbau, haben langjährige Erfahrungen im Umgang mit diesem Instrument sammeln können. Der Deutsche Bundestag hat 2007 beschlossen, diese Asset-Klassen auch für Anlagevolumina unter 1 Mio. € und damit für den breiten Markt freizugeben. Im Rahmen einer vernünftigen Risikostreuung haben bislang nur wenige Stiftungen die Möglichkeit gehabt, mehr als 1 Mio. € in Einzelanlagen dieses Segments zu investieren. Ich denke, dass in den kommenden Jahren dieses Thema eine wachsende Bedeutung bekommen kann, denn einerseits handelt es sich um eine neue Asset- Klasse im Bereich der Kapitalanlagen, andererseits um ein Instrument, mit dem im Rahmen der Entwicklungshilfe seit Jahrzehnten erfolgreich gearbeitet wird. In vielen Schwellenländern ermöglichen Kleinst- oder Mikrokredite kleinen Unternehmen und privaten Haushalten den Aufbau einer Lebensgrundlage. Die Nachfrage nach Microfinance scheint sehr groß zu sein. Nach der bereits genannten Studie der Deutschen Bank beträgt die Finanzierungslücke im Mikrofinanzsektor 250 Mrd. US$. Derzeit können nur 100 Mio. Kunden mit Mikrokrediten im Gesamtvolumen von 25 Mrd. US$ versorgt werden. Interessant ist dabei, auf der einen Seite mit diesem Instrument die Armut zu lindern und die Lebensbedingungen vieler Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern zu verbessern und auf der anderen Seite ein interessantes Risiko-Rendite-Profil mit relativ stabilen Erträgen und bislang geringen Kreditausfallraten zu nutzen. Ein aus Sicht einer Vermögensanlage besonders interessanter Aspekt ist die Fragestellung, inwieweit mit diesem Instrument nicht nur eine kapitalmarkt- 18 gerechte Verzinsung erzielt, sondern auch ein Nutzen im Hinblick auf eine effiziente Portfoliodiversifizierung geleistet werden kann. Möglicherweise stehen wir hier am Startpunkt einer neuen Asset-Klasse, die für Stiftungen interessant sein könnte. Zur praktischen Seite der Microfinance-Finanzierung kann ich Ihnen aus meiner beruflichen Tätigkeit berichten. Ich hatte vor Kurzem die Gelegenheit, in Aserbaidschan zwei Kleinstbetriebe zu besichtigen, die Mikrokredite erhalten haben. Mein Eindruck war sehr positiv. Mit diesem Instrument wird das Motto „schenkt uns keinen Reis, sondern zeigt uns, wie man Reis anbaut“ im übertragenen Sinn erfolgreich umgesetzt. Breite Bevölkerungsschichten haben so die Gelegenheit, wirtschaftliches Wachstum zu erzielen. Ich bin überzeugt davon, dass die Stiftung mit der vorliegenden Untersuchung einen wichtigen Beitrag zur Diskussion über die nachhaltigen Kapitalanlagen in der Vermögensanlage von Stiftungen leistet.

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Zusammenfassung

In den letzten Jahren ist der Markt für nachhaltige Kapitalanlagen auch in Europa signifikant gewachsen. Besonders für Stiftungen können Kapitalanlagen, die nach ethischen, sozialen und ökologischen Kriterien ausgewählt werden interessant sein, weil dadurch der Stiftungszweck auch im Rahmen der Vermögensanlage berücksichtigt werden kann. Im April 2008 wurde zur Analyse dieses Themas eine Konferenz unter dem Titel „Nachhaltige Kapitalanlagen für Stiftungen: Aktuelle Entwicklungen“ in Osnabrück bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) durchgeführt. Ziel der Konferenz war es, einen umfassenden Überblick über die aktuellen Entwicklungen auf dem Markt für nachhaltige Kapitalanlagen zu geben und eine Bewertung, speziell aus der Perspektive von Stiftungen, durchzuführen.

Der vorliegende Konferenzband enthält als zentrales Kapitel die Studie „Nachhaltige Vermögensanlagen für Stiftungen“, die das ZEW zusammen mit der Universität Stuttgart durchgeführt hat. Die weiteren Beiträge befassen sich unter anderem mit dem noch relativ jungen Markt der Microfinance-Anlageprodukte, die als Teilgebiet der nachhaltigen Kapitalanlagen in Zukunft für Stiftungen eine ansteigende Bedeutung erlangen könnten.