Content

Lukas Novotny, Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 232 - 237

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

Bibliographic information
232 chischen Beziehungen nicht auseinander. Sie hält das nicht für notwendig, da „andere Probleme wie die Arbeitslosigkeit oder Kriminalität in der eigenen Region viel wichtiger“ zu sein scheinen. „Hier interessieren sich die Menschen für Deutschland nicht. Sie wissen auch nur ganz wenig über deutsch-tschechische Beziehungen. Das einzige, was sie lösen, ist, ob etwas in deutschen Geschäften billiger als in unseren ist. Aber sonst interessieren sie sich gar nicht für Deutschland.“ (68,m) Dieser Wahrnehmungstypus kommt in Tschechien allerdings etwas weniger als auf der bayerischen Seite vor. Der Arm-Reich-Gegensatz und dessen Folgeprobleme motivieren letztendlich doch zu einem gewissen Interesse an den Nachbarn. Trotzdem ? nden wir vereinzelt noch diejenigen, die bisher nicht „drüben“ waren und die es auch nicht „hinüber“ zieht. Während in den Verhaltensmustern der Deutschen gegenüber den Tschechen Gleichgültigkeit überwiegt, gehört die Mehrheit der im Grenzland lebenden Tschechen doch wohl eher in die Kategorie der distanzierten Beobachtung. Demzufolge scheinen sie mit ihrem immerhin geringen Interesse die Anderen zu übertreffen. Diese Asymmetrie hängt eben mit dem erwähnten Arm-Reich-Gegensatz und mit der Kenntnis der Sprache zusammen. Da mehr Tschechen Nutzen von der Bundesrepublik haben als es umgekehrt der Fall ist, kommt den Deutschen eine deutlich wichtigere Rolle zu. Auf beiden Seiten ist also Abwehr vorhanden. Im Westen zeigt sie sich etwas mehr als in Tschechien, was wiederum mit der erwähnten Ungleichheit zu tun hat. Vorurteile gegenüber dem jeweiligen Nachbarn gibt es freilich auf beiden Seiten des Untersuchungsgebietes. In der Tschechischen Republik sind die Grundlage für ihre Bildung die kon? iktgeladene Geschichte, insbesondere der Zweite Weltkrieg und die damit zusammenhängenden Ereignisse. Es tauchen hier kaum „neue“ Vorurteile auf, die meisten sind aus der Zeit des Kalten Kriegs und der kommunistischen Propaganda übernommen worden. Die bayerische Grenzlandbevölkerung wiederum bedient sich fast ausschließlich der mit der aktuellen sozioökonomischen Lage zusammenhängenden Voreingenommenheiten. Ihre Beseitigung ist allerdings ohne persönliche Kontakte zwischen den Bürgern beider Länder nicht möglich. Das Potenzial für die Knüpfung neuer Verbindungen, die dann zur Bildung einer grenzüberschreitenden Gemeinschaft führen würden, wäre durchaus vorhanden, denn sowohl Deutsche wie Tschechen geben oft an, dass sie gerne Beziehungen zum Nachbarland hätten. Die meisten sehen jedoch die Sprache oder eben den historischen Ballast als Hindernis. Auf beiden Seiten besteht also noch zu wenig Bereitschaft, diese Barrieren zu überwinden. 12.3 Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit Da bereits im Vorfeld der Durchführung unserer Interviews die Befragten mit den Themen bekannt gemacht wurden und somit wussten, dass sie sich auf die deutsch-tschechischen Zusammenhänge beziehen werden, war von Anfang an deutlich, wer von ihnen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit positiv gegenübersteht, wer dage- 233 gen nicht und wer selber ein Akteur bei diesen Kontakten ist. Dabei begannen viele spontan über die von ihnen selbst oder von jemandem aus ihrer Umgebung initiierten Aktivitäten zu sprechen, ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Allgemein kann man feststellen, dass sich die tschechischen Teilnehmer etwas öfter als die bayerischen über die grenzüberschreitende Kooperation ausdrücken. Die entsprechenden Veranstaltungen sind ihnen also durchaus bekannt. Die Bayern zweifeln dabei öfter den Sinn dieser Partnerschaften an. „Ich persönlich, halte es [Partnerschaftsaktivitäten] für verfrüht. Weil ich glaube, dass die Bevölkerung, und auch die Politik, die öffentliche Meinung, die Presse, die Politik in Tschechien noch nicht soweit ist, dass man von einer tragfähigen Basis für eine vertrauensvolle Partnerschaft sprechen kann. Ich sag ihnen gleich warum: weil das Misstrauen der Tschechen den Deutschen gegenüber noch sehr groß ist. Muss nicht unbedingt auf eigener Erfahrung beruhen, sondern es wird ihm halt durch verschiedene politische Meinungsmacher eingeredet, man lässt sich halt beein? ussen.“ (53,m) In beiden Untersuchungsregionen weisen die besten Kenntnisse über Probleme und Kooperationsmöglichkeiten die lokalen Eliten und Angehörige der älteren Generation auf. Meist erfahren sie von diesen bilateralen Veranstaltungen aus den Medien, überwiegend aus der lokalen Presse. Die Generation bis 30 Jahre weiß dabei viel seltener über deutsch-tschechische Projekte Bescheid. Aus den repräsentativen Untersuchungen des Soziologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik ging hervor, dass der Anteil derjenigen, die sich aktiv an der Gestaltung der nachbarlichen Beziehungen in den Grenzgebieten beteiligen, in Tschechien auf etwa fünf Prozent geschätzt wird.444 Die betreffenden Personen besitzen die besten Voraussetzungen dafür, Mittler zwischen den zwei Nationen zu sein: sie sind gut ausgebildet, beherrschen die Sprache des Nachbarn, besitzen Informationen über Deutschland und sind bereit, möglichst vorurteilsfrei zu denken und mit dem Nachbar umzugehen. Da die erwähnten Träger der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit meist ihre deutschen Kooperationspartner haben, kann auch für die Bundesrepublik der Anteil der aktiven Multiplikatoren auf fünf Prozent geschätzt werden. Diese mit den üblichen soziologischen Methoden festgestellte Prozentzahl konnte in meiner Untersuchung freilich nicht eingehalten werden, da die Auswahl der Befragten nicht unbedingt strikt nach repräsentativen Kriterien erfolgt ist. Die Gruppe der Aktiven ist meiner Einschätzung nach sogar größer, etwa ein Viertel der Befragten in Bayern und ein Drittel in Tschechien, was mir ermöglichte, vertiefte Angaben über ihre Einstellungen zu grenz- überschreitenden Kontakten zu ? nden und zu untersuchen. Dabei zeigte sich, dass diejenigen, die mit dem Nachbarland zusammenarbeiten, meist die „große Politik“ kritisieren - die tschechische für ihre strikt ablehnende Hal- 444 Vgl. František Zich: The Bearers of Development of the Cross-Border Community on Czech- German Border. Prague 2001. 234 tung gegenüber den Vertriebenen und die bayerische wegen ihrer Advokatenrolle im Falle der Sudetendeutschen sowie wegen der starken Worte über die Präsidialdekrete. Die Politik gilt im Großen und Ganzen als Störfaktor, „sie schafft nicht einmal die Rahmenbedingungen für diese grenzüberschreitende Zusammenarbeit“ (50,m), wie ein tschechischer Befragter meint. Über die Unterschiede zwischen der „großen“ und „kleinen“ Politik sprach zum Beispiel ein bayerischer Interviewpartner. „Es gibt viel Kontakt. In den grenznahen Gegenden. Wissen Sie, abseits der großen Politik und von irgendwelchen Meinungsmachern, kommen die Leute zurecht. Das ist, wie wenn zwei Familien streiten: da können die Eltern vor Gericht prozessieren und die Kinder spielen trotzdem miteinander, weil die ein bisschen klüger sind als die Großen. Und genauso ist es hier auch. Weil die Leute oft klüger sind, als die großen Politiker, die ihre Prinzipien haben. Die wollen halt ihr Gesicht nicht verlieren. Wir sehen das ganz anders.“ (53,m) Am häu? gsten genannt wird die deutsch-tschechische Kooperation zwischen den Vereinen. Feuerwehr, Gärtner, Touristen, Sportler und viele andere haben ihre Begegnungen, meistens im Rahmen einer Städtepartnerschaft. Dabei wird festgestellt, dass „diese Treffen nicht oft und regelmäßig organisiert werden, höchstens einmal im Jahr. Es ist aber gut, dass es sie gibt, denn man zeigt Interesse am Nachbar und lernt auch das dortige Vereinsleben kennen“. (57,m) Viele sprechen außerdem über den Schüleraustausch und die Schulpartnerschaften, beispielweise zwischen den Gymnasien Amberg und Sokolov/Falkenau oder Hof und Cheb/Eger:. „Austausch? Ja. Es wächst, sagen wir einmal so. Es wächst, es wächst langsam, aber beständig und man muss das auch wachsen lassen“ (57,w), sagt dazu eine Befragte aus der Untersuchungsregion in Bayern. Zum Beispiel das Schülerprojekt „Sauberes Wasser“, bei dem Schüler aus Selb und Aš den Fluss Selb gereinigt haben. Die Gesprächspartner auf beiden Seiten der Grenze kennen selbstverständlich die sportlichen Aktivitäten wie die von der Euregio Egrensis organisierten grenzüberschreitenden Radtouren oder den Deutsch-tschechischen Langlauf, verschiedene Wanderungen usw. Genannt werden auch die freundschaftlichen Begegnungen der Fußballvereine im nördlichen Untersuchungsgebiet. „Aber da gibt’s Vereine bei uns, die haben ein bisschen mehr Geld und die holen sich dann zwei, drei Tschechen. Sie sind natürlich dann ruck zuck besser, weil die Tschechen, die Spieler, die spielen drüben viel höherklassig und bei uns reicht ihnen das Geld locker aus, das sie dann bei so einem kleinen Kreisligisten oder so kriegen. Und dann, das tut natürlich den Vereinen bei uns gut.“ (40,m) Weniger bekannt sind große kulturelle grenzüberschreitende und von mehreren Institutionen getragene Projekte wie etwa die Fußballschule in Rehau, ein seit 2003 laufendes einmaliges Unternehmen zur Talentförderung, oder die Gartenschau zwischen Marktredwitz und Eger. Die Grenzlandbewohner Bayerns und Tschechiens wissen dagegen kaum über die Einrichtungen Bescheid, die die deutsch-tschechische Kooperation initiieren und unterstützen. Mehr Desinteresse für diese Kontaktformen ist dabei 235 sogar noch in Bayern zu beobachten. Niemand weiß dort beispielsweise etwas über das Deutsch-tschechische Informations- und Dokumentationszentrum (IDOR), das seinen Sitz in Bayerisch Eisenstein und in Železná Ruda hat, oder über den Deutschtschechischen Zukunftsfonds, der in den beiden Grenzgebieten mehrere kulturelle Veranstaltungen ? nanziell unterstützte. Die tschechischen Befragten interessieren sich anscheinend viel mehr als die Bayern für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Sie sind besser über verschiedene grenzübergreifende Aktivitäten informiert. Insbesondere die Euregio Egrensis erscheint ihnen als bekannt. Sie wissen meist auch, wie die Partnerstadt ihrer Gemeinden in Bayern heißt, und können ebenfalls konkrete Veranstaltungen nennen, die im Rahmen dieser Partnerschaft statt? nden, wie etwa die historischen Festspiele zwischen Bärnau und Tachov/Tachau oder das grenzüberschreitende Bierfassrollen von Störnstein nach Chodová Planá bei Marienbad. In Bayern dagegen kennen nur wenige die entsprechenden Partnergemeinden in Tschechien. Unsere Ergebnisse beziehen sich hier vor allem auf die nördliche Oberpfalz und Oberfranken. Die südliche Oberpfalz und Niederbayern würden hier einer gesonderten Untersuchung bedürfen. Auch wenn die Medien in beiden Ländern unermüdlich über verschiedene deutschtschechische Aktionen berichten, besteht in Bayern und Tschechien immerhin eine große Gruppe von Menschen, die keinerlei Beispiele dieser Kooperation kennen und die sich dafür auch nicht interessieren. Es ist also äußerst schwierig, qualitative Daten zu quanti? zieren. Trotzdem kann auf Grund der vorliegenden Informationen festgestellt werden, dass die Zahl der Unwissenden in Bayern eben größer ist als in Tschechien. Jedenfalls wusste mehr als die Hälfte der befragten Personen aus Bayern nicht, was sie zum Thema grenzüberschreitende Zusammenarbeit sagen sollte. Für sie bleiben solche Aktivitäten „eigentlich nur in den Kinderschuhen stecken, wenn es überhaupt solche Kontakte gibt“. (49,m) Das bereits erwähnte Desinteresse der Bayern an Tschechien wird hier auch von Misstrauen begleitet. Es bestätigt sich wohl wieder das Bild von den Tschechen aus dem Kalten Krieg als denjenigen, die Angst einjagen oder zumindest Vorsicht hervorrufen. Diese Vorstellung ist noch tief im kollektiven Bewusstsein der westlichen Nachbarn verankert und lässt sich mehr oder weniger bei allen Altersgruppen beobachten. Freilich kann man die junge Generation nicht dafür verantwortlich machen, dass bei ihr die Fremdheitskonstruktionen aus dem Ost-West- Kon? ikt fortbestehen, die sicherlich im familiären Umfeld ganz akut waren. Für diese Altersgruppe erscheint Tschechien nicht als attraktives Land, seine Referenzrolle ist auch deswegen so klein, weil es keinen wirtschaftlich starken Staat darstellt. Während sich die bayerischen Befragten bei der Erklärung der Wichtigkeit und Notwendigkeit der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit oft auf die historischen Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Tschechen berufen, verweisen in Tschechien nur wenige darauf. Für die Bayern – insbesondere diejenigen mit einem hohen Bildungsgrad - erscheint es als wichtig, zum Beispiel an die jahrhundertelange Tradition zwischen der Oberpfalz und Böhmen oder zwischen dem Sechsämterland und dem Egerland anzuknüpfen. Sie nennen gleich mehrere Belege für das positive Zusammenleben mit den böhmischen Nachbarn, wie etwa die Zugehörigkeit von Marktredwitz zum Egerland, die Existenz der Handelswege, insbesondere der Goldenen 236 Straße von Nürnberg nach Prag über Eger, die Bedeutung der Stadt Eger als Zentrum der Region. Die Geschichte ist für sie die beste Basis für die weiteren Verbindungen. „Wenn man sich der Fehler, die gemacht wurden auf beiden Seiten, erinnert und sagt, Schlussstrich, hier ist die Hand. Muss nicht gleich Umarmung sein.“ (61,m) Als Grund, weshalb Bayern und Tschechen miteinander kooperieren sollen, wird ebenfalls die Heimatvertreibung genannt, mit der „doch zu uns viele böhmische Deutschen gekommen sind, die uns auch die böhmische Kultur nahe gebracht haben.“ (47,w) Selbst wenn diese Befragten feststellen, dass es bereits gelungen sei, an einige traditionelle Kontakte anzuknüpfen, halten sie das Potenzial für noch nicht ausgeschöpft. Die Engagementbereitschaft der meisten von ihnen ist dagegen verschwindend bis gering. In Tschechien nun wird eine solche auf der Geschichte beruhende Zusammenarbeit strikt abgelehnt. Für die Menschen „gibt es hier nun keine Deutschen mehr, das heißt, es gibt hier eine Sprachbarriere und wir müssen die Zusammenarbeit und die Kontakte anders gestalten als früher. Denn es gibt hier kein Egerland mehr und es wird hier auch keins geben“. (48,m). Die meisten Interviewpartner halten es dabei für wichtig, in irgendeiner grenzüberschreitenden Form zu kooperieren. Keine Verbindungen mit Deutschland wünscht sich ein Teil der älteren und linksradikal eingestellten Bürger. Die meisten tschechischen Befragten bezeichnen die Euregio Egrensis als bedeutendste Institution zur Unterstützung der nachbarschaftlichen Beziehungen. Die Aufgabe dieser Euregio soll ihnen zufolge im allmählichen Ausgleich der Lebensqualität zwischen den Grenzgebieten bestehen. „Die Grenze ist einfach hier und deshalb geht es uns schlimmer als im Landesinneren. Die Euregio soll uns bei dieser Verbesserung helfen“. (48,m) Die Erwartungen der tschechischen Bürger im Blick auf die Tätigkeit der Euregio sind somit deutlich höher als die der Bayern. Nur ein kleiner Teil verurteilt die Euregio wegen dem „Ein? uss der Sudetendeutschen“ (66,m) „Also die Euregio dient auf jeden Fall meiner Meinung nach auch der Aussöhnung, von dem Jugendaustausch und so weiter mal ganz zu schweigen, zwischen den Sudetendeutschen und den Tschechen. Da sind schon große Schritte erreicht worden.“ (62,m) Während einige Städte in Bayern und in Tschechien die schon Jahrhunderte bestehenden Kontakte heute in Form einer Städtepartnerschaft p? egen wie etwa Bärnau und Tachov oder Rehau und Aš, haben andere Probleme, an solche Zusammenhänge anzuknüpfen. Allgemein gilt, dass es meist keine Schwierigkeiten bereitet, sich diesbezüglich auf mittelalterliche Ereignisse zu stützen, egal, ob es nun positive (Handelswege) oder negative (Hussiten) waren. Ein Hindernis für eine Städtepartnerschaft stellt freilich oft die sog. Sudetenfrage dar, also die Heimatvertreibung. Das betrifft vor allem Marktredwitz und Cheb/Eger. Zwar besteht zwischen beiden Städten ein reger kultureller Austausch, die in den letzten Jahren vor allem durch die grenzüberschreitende Gartenschau gefestigt wurde. Darüber hinaus verbindet beide regionale Zentren eine der ältesten Bahnverbindungen an der bayerisch-böhmischen Grenze. Andererseits wehren sich insbesondere die Egerer Stadtrepräsentanten, einen Partnerschaftsvertrag mit der Nachbarstadt zu unterzeichnen. Die Vertreter von Cheb (Eger) sowie auch andere Befragte geben an, dass für sie die Existenz des Egerland-Muse- 237 ums, die traditionellen jedes Jahr statt? ndenden Egerland-Tage sowie die Tatsache, dass Marktredwitz die Patenschaft über die vertriebenen Egerer übernommen hat, störend wirken. Deshalb hatte man sich entschlossen, die Städtepartnerschaft mit Hof einzugehen. Ein Interviewpartner meint dazu: „Das, was sie [die Sudetendeutschen] in Marktredwitz machen, das gefällt mir überhaupt nicht. Sie haben dort ihr eigenes Haus und Museum und organisieren den Egerland-Tag. Marktredwitz gilt als Zentrum der abgeschobenen Egerländer. Und das stört mich etwas. Und es gefällt mir auch nicht, wie unsere Stadtvertreter nach Wendlingen bei Stuttgart fahren. Dort haben die Sudetendeutschen wieder irgendein Fest. Sie sind in diesem Sinne sehr gut organisiert.“ (61,m) Die Existenz der sog. Patenstädte muss jedoch nicht unbedingt ein Hindernis sein. Zum Begriff: Patenstädte sind Städte, die eben eine Patenschaft über die aus einer bestimmten Stadt des Sudetenlandes Vertriebenen übernommen haben. Aus vielen solchen Verbindungen wurden in meinem Untersuchungsgebiet schließlich Städtepartnerschaften, wie etwa mit Bärnau über die ausgesiedelten Tachauer, in Arzberg über die Vertriebenen aus Dolní Žandov oder in Illertissen (Schwaben) über die Sudetendeutschen aus Loket/Elbogen. Eines der bekanntesten Beispiele ist Dinkelsbühl an der Romantischen Straße zwischen Pilsen und Marienbad. Während die Bürger in den bayerischen Grenzgebieten - bis auf die Vertriebenen selbst - gar nicht oder nur selten wissen, ob sich ihre Gemeinde zu partnerschaftlichen Bindungen verp? ichtet hat und wenn ja, wie diese Patengemeinde heißt, sind diese Kenntnisse in Tschechien durchaus vorhanden, wenn auch nur bei den lokalen Eliten und bei älteren nicht linksradikal eingestellten Personen. Die meisten sehen in dieser Art von Zusammenarbeit keine Störung, manche besuchten Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts sogar die Klubräume dieser Vertriebenen, die sog. Heimatstuben, und waren dort um einen Dialog mit der Sudetendeutschen bemüht, wie sie in den Interviews bekannten. Als zum Beispiel im Jahr 1997 Dolní Žandov 800 Jahre Stadtgründung gefeiert hat, fuhr ein Bus mit tschechischen Bürgern nach Arzberg. „Damals war das Interesse noch groß“, bemerkt ein Befragter. Heute kann er jedoch keine einzige Veranstaltung nennen, die zwischen den beiden Gemeinden organisiert wird. Im Stadtrat der tschechischen Stadt hätten die Kommunisten immer mehr an Ein? uss gewonnen. Und sie stellten sich gegen solche Aktivitäten: „Wir haben hier seit der Mitte der neunziger Jahre eine Kooperation mit Arzberg. Das liegt unweit von der Grenze entfernt. Arzberg ist auch die Patengemeinde der abgeschobenen Sudetendeutschen aus unserer Stadt. Sie haben dort ihre eigene Heimatstube mit Fotogra? en. Es ist für sie eine Nostalgie, die aber allmählich doch etwas abschwächt. Die meisten sind außerdem sehr alt und die Jüngeren nehmen sie gar nicht mit, oder sie interessieren sich dafür nicht.“ (66,m)

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.