Content

Lukas Novotny, Der Nachbar in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 220 - 232

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

Bibliographic information
220 wurden auf der bayerischen Seite begrüßt (vom damaligen Innenminister Günther Beckstein) und als Schutz vor der billigen tschechischen Arbeitskraft wahrgenommen. 12.2 Der Nachbar Der jeweils „Andere“ war in die Selbstde? nitionen und biographischen Erzählungen der Grenzlandbewohner Bayerns und der Tschechoslowakei bis 1989 höchst unterschiedlich eingebettet. In den regionalen Identitätskonstruktionen der Bayern kam der tschechische Andere zumindest bis 1968 kaum vor. Erst mit der Niederschlagung des Prager Frühlings und der neuen Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel fand ein Umdenken statt. Der Nachbar wurde in den Alltagserzählungen erwähnt und schrittweise in das Bewusstsein integriert. Dies ist insbesondere in der Oberpfalz zu beobachten. Dort gewann der Gedanke, Brücke zwischen Bayern und Böhmen zu sein, für das regionale Selbstverständnis spätestens seit den Ereignissen des damaligen Augusts an Bedeutung. So kann man in den Interviews auch Hinweise auf slawische Siedlung und Traditionen des Raumes antreffen. In Tschechien dagegen spielte der westdeutsche „Andere“, hier als Bayer, immer eine bedeutende Rolle. Gegen ihn entfaltete das kommunistische Regime daher eine aggressive Propaganda, so dass ein Tscheche Westdeutschland und Westdeutsche entweder positiv als den freien Westen oder negativ als Imperialisten wahrgenommen hat, je nach politischer Einstellung. Die in dieser Zeit entstandenen negativen Stereotype sind bei einem Teil der eher linksradikal eingestellten Bevölkerung noch heute vorhanden. Die politische Wende in der Tschechoslowakei sowie die symbolische Durchtrennung des bisher undurchlässigen Grenzzaunes brachten die Bevölkerung auf beiden Seiten in eine unbekannte Situation. Sie lernten sich kennen und waren bei jeder Begegnung oder jedem Besuch des Nachbarlandes gezwungen, die bisher vorgefertigten Urteile zu überprüfen und zu korrigieren. Das Spektrum der Einstellung des „Anderen“ in den regionalen Denkschemata und in biographischen Erzählungen reicht vom weitgehenden Desinteresse bis zum Entgegenkommen. Versucht man, diese Wahrnehmung analytisch zu erfassen, kann vereinfacht von vier Handlungsorientierungen ausgegangen werden. Eine konsequente Zuordnung von Bildungsschichten oder Altersschichten zu einer von ihnen scheint nicht möglich zu sein. Gleichfalls ? nden sich beispielsweise Heimatvertriebene in allen vier Orientierungen wieder. Sehr wohl können aber jeder Kategorie bestimmte Wahrnehmungsmuster und auch Referenzräume von Identität zugeschrieben werden. Im Einzelnen handelt es sich um folgende Einstellungen: Abwehr: Die Wahrnehmung des tschechischen Nachbarn ist bei denjenigen Bayern, die in Ablehnung verharren, erwartungsgemäß erheblich von negativen Vorurteilen und Stereotypen geprägt. Beispielsweise wird konstatiert, dass Tschechen „es wie im Westen machen wollen, damit aber nicht umgehen können“ oder dass sie „faul sind“ (57,w). Praktisch ausschließlich bei Personen dieser Handlungsorientierung ist vom „Tschech“ oder Slawen die Rede. Mit diesem Wahrnehmungstypus setzt sich die kon- 221 krete Ausformung einer konstruierten deutschen Angst vor dem Osten fort, die im Kalten Krieg gebildet worden ist. Tschechen wird ein Hass auf Deutschland zugeschrieben, das Bild von ihnen reduziert auf Prostitution, Diebstahl und Vietnamesen-Märkte (auch Fidji-Märkte genannt). Dementsprechend beziehen sich beinahe alle artikulierten Vorurteile auf die vermeintlich gestiegene Kriminalität und auf das Bangen um den Arbeitsplatz auf Grund der tschechischen Konkurrenz. Die Nachbarn werden als Autodiebe bezeichnet. Die Öffnung der Grenzen Richtung Osten erscheint mit Blick auf die regionale Lebenswelt in negativer Interpretation. Dem Eisernen Vorhang wird rückblickend eine gerechtfertigte „Schutzwallfunktion“ des Westens vor dem Osten zugedacht. Die Betreffenden stimmen dann allen Maßnahmen zu, die den Arbeitsmarkt ihres Landes vor Gastarbeitern aus Tschechien und anderen Ländern schützen. Keiner der Befragten bringt jedoch seine abwehrenden Abwehrreaktionen direkt zum Ausdruck. Sie verweisen vielmehr auf die Stimmung gegenüber dem Nachbar in ihrer Gegend usw. Dabei verwenden sie die indirekten Konstruktionen, um sich von solchen Ansichten auch wieder zu distanzieren oder um eben ihre Meinung nicht direkt sagen zu müssen. „Es gibt etliche Leute, die trauen sich nicht mehr mit dem Auto rüber fahren, die fahren dann mit der Bahn und sagen, ich traue denen nicht mehr, die klauen mir das Auto oder machen irgendwas. Solche Meinungen hört man bei uns oft.“ (45,w) „In den Köpfen der Menschen gibt es schon Vorurteile. Da gibt es doch viele, die Vorurteile haben, Tschechei sei schmutzig, dreckig, das gibt es schon. Und das wird vielleicht auch in manchen Köpfen auf die Menschen übertragen.“ (37,w) „Aber es gibt halt leider auch wieder welche, die sagen dann, ja, Tschechien, will ich gar nicht hin, und sind doch eh alles Banausen und haben keine Ahnung.“ (17,w) Den bayerischen Interviewpartnern zufolge liegt die eigentliche Quelle der Vorurteile gegenüber dem tschechischen Nachbar darin, dass viele nur „mal nach Asch in den Supermarkt fahren, aber die fahren nicht weiter und biegen mal ab und fahren ins Landesinnere, um das Land wirklich kennenzulernen“ (32,w). Aber nur wenige können von persönlichen Erlebnissen in Tschechien berichten, die ihr Bild des Nachbarn nachhaltig und dabei negativ geprägt haben. Solche konkreten Erfahrungen sind zusammen mit mangelnden Informationen als Grund dafür anzusehen, dass hier auf einmal aggressiv-negative Vorurteile erscheinen, die bei einem Teil sogar tief verwurzelt sind und weiterhin tradiert werden. Diese werden mitunter auch nicht an aktuellen und konkreten Problemen festgemacht, sondern als sehr diffuse Abneigungen gegen den Nachbarn zum Ausdruck gebracht. Die Gruppe derjenigen, die keine oder nur mangelhafte Informationen über den Nachbar hat und somit eher dazu neigt, Vorurteilen zu glauben, ist in Bayern etwas größer als in Tschechien. Dies kann insbesondere mit der geringen Zahl derjenigen zusammenhängen, die sich auf Tschechisch verständigen und damit leichter Kontakte knüpfen können. 222 „Aber da [Essen gehen in Tschechien] würden viele gar nicht hingehen. Ja, und da gibt´s bestimmt Katze und das ist bestimmt kein richtiges Fleisch. Das ist wirklich so, das haben schon viele gesagt.“ (17,w) F.:Gründe, woher diese Vorurteile stammen? […] A.: Ja, ich will nicht hoffen, dass das eine Nachwirkung der Herrenrassentheorie des Nationalsozialismus ist, wo also die Slawen hier abschätzig beurteilt worden sind. […] Es hängt vielleicht auch damit zusammen, dass die Tschechen nun sehr bescheiden auftreten.“ (69,m) Ähnliche Stereotypen und aggressive Fremdheitskonstruktionen sind nun aber auch auf der tschechischen Seite zu ? nden. Wie in Bayern entstehen sie auf Grund mangelhafter Informationen über den Anderen und sind vorschnell sowie dogmatisch. Während in Bayern eher die mit einer aktuellen Situation zusammenhängenden Vorurteile und Stereotypen benutzt werden, bedienen sich die Interviewpartner in Tschechien vorwiegend der historisch gefestigten Denkschemata. „Und vergessen Sie bitte nicht, dass jede deutsche Politik seit dem Samo- Reich und Großmährischen Reich, immer expansiv war. Sie zeigen uns klar, dass die Länder wie zum Beispiel Polen oder wir einfach ihre Länder sind. Und da müssen wir in unserer Geschichte nicht so weit kommen, nehmen wir zum Beispiel den heiligen Wenzel. Er war doch ihr Vasall. Er hat sie dabei noch unterstützt. Deshalb musste ihn Boleslaw ermorden, denn Boleslaw war ein Böhme, aber Wenzel war es nicht. Also, sie warten darauf, wenn unsere Politiker irgendwann etwas sagen. Es ist für uns schwer, Deutschland ist doch unser Nachbar und wir sind von seiner Wirtschaft und Ökonomik abhängig.“ (66,m) In der Mitteilung begegnen wir die während des Kalten Kriegs verbreiteten historischpolitischen Stereotype. Sie stellten die Deutschen als expansive Kolonialisten des mitteleuropäischen Raumes dar. Zur Verfestigung seiner Gedanken sucht der Betreffende nun Hilfe in der ältesten böhmischen Geschichte. Den heiligen Wenzel, der als Gründer des tschechischen Staates betrachtet wird, verurteilt er für sein übertriebenes Entgegenkommen gegenüber den deutschen Nachbarn. Seine Aussage ist deshalb interessant, weil jener, auch Wenceslaus genannt, als Märtyrer starb, was die mit ihm und seinen Rollen verbundene Verehrung begründete. Seit dem 19. Jahrhundert erfuhr der Kult eine Säkularisierung, als er zum Symbol des Kampfes für die Wiederbelebung des tschechischen Staates wurde. Negative Einschätzungen solcher Art ? ndet man in den Gesprächen mehr. Zum Beispiel sprach eine Interviewpartnerin über Deutsche als „Nazis, die niemand mag“ (77,w). Derartige Aussagen verwendet ausschließlich die älteste Generation, die noch den NS-Terror während des Protektorats Böhmen und Mähren erlebt hat. Es handelt sich um eine kleine Gruppe, denn aus einer repräsentativen empirischen Untersuchung des Soziologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik aus dem Jahr 2005 geht hervor, dass sich das Nachbarland nach Ansicht von 54 223 Prozent der Bürger aus den tschechischen Grenzgebieten „de? nitiv mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandergesetzt hat“.440 Andererseits überwiegt in der Öffentlichkeit der Grenzräume die Meinung, dass wir „uns vor den Deutschen immer in Acht nehmen müssen“. Gewisse Vorsicht teilen 61 Prozent der Bewohner. Sie muss jedoch nicht unbedingt mit der Geschichte zusammenhängen, denn die Gesellschaft ist in dieser Frage gespalten. Genau die Hälfte der Befragten teilt freilich die Auffassung, dass „in Deutschland der Nationalsozialismus wieder aufstehen kann“. Der Rest sieht das nicht so. Das negative Bild der Anderen im gegebenen Verhaltensmuster bestimmen übrigens die Sudetendeutschen mit, die von einem Teil der Bevölkerung den Nazis gleichgestellt werden. Einige Interviewpartner formulieren somit ihre Abwehr eher als Reaktion auf die Forderungen der Organisationen der Vertriebenen. Sie bezeichnen die Sudetendeutschen pejorativ als „Sude?áci“ und weisen auf die Ver? echtung von deren einstiger politischen Repräsentanz mit dem NS-Regime hin. Die Ablehnung durch diese kleine Gruppe unter den Befragten kann mit einer weiteren Feststellung aus den soziologischen Erhebungen im tschechischen Grenzgebiet zusammenhängen, der zufolge ein Drittel der Personen, meist die Älteren unter ihnen, der Meinung ist, dass „wir gegenüber den Deutschen machtlos sind“. Jedoch ist empirisch schwer zu erfassen, inwieweit die hier angesprochene Machtlosigkeit mit der politischen Größe Deutschlands zusammenhängt und ob dabei die ökonomische und wirtschaftliche Asymmetrie eine Rolle spielen kann. Denn beides ist in den Interviews etwa in gleichem Maße vorhanden. Daneben tauchen ethnische Vorurteile auf, die erst nach 1989 in Folge der Begegnungen von Deutschen und Tschechen entstanden sind. Demzufolge würden Erstere zu sehr schreien, sie würden sich überall breit machen und zur Arroganz neigen. Das erklärt deutlich ein Gewährsmann aus dem Landkreis Cheb. „Für mich ist es egal, ich mache keine Unterschiede zwischen Menschen. Ich mache Unterschiede nur dann, wenn man sich wirklich nicht benehmen kann und spielt einen frajer, also einen großen Herren. Zum Beispiel wenn zu mir die Deutschen kommen und geben mir einen Euro und sie denken, dass ich alles für sie machen werde. Aber da irren sie sich. Ich sage ihnen einfach, dass ich kein Deutsch kann.“ (28,m) Die Angesprochenen nehmen außerdem Deutsche nicht gleich als Deutsche wahr. Sie treffen oft Unterscheidungen zwischen Ost- und Westdeutschen. Während ansonsten häu? g vorurteilsbehaftete Charakteristika der nördlichen Nachbarn zugeschrieben werden, fällt die Einstellung gegenüber Westdeutschen im Allgemeinen und Bayern im Besonderen überwiegend positiv aus. In einem günstigen Licht erscheinen Eigenschaften wie Sauberkeit, Pünktlichkeit oder auch gewisse Gemeinsamkeiten zwischen Bayern und Tschechen (Bier, Ruhe, Humor). Die Ostdeutschen werden dagegen von den tschechischen Nachbarn vornehmlich als laut und arrogant angesehen, sie begeg- 440 Lukáš Novotný (Fn. 22), S. 170f. 224 nen ihnen mit größeren Vorbehalten. Kritik gegenüber dem Freistaat Bayern wird indes nur wegen seiner Unterstützung der sudetendeutschen Forderungen geäußert. „Es gibt einen Unterschied zwischen dem Sachsen und Bayern. Der Bayer ist mehr ansässig, für mich ist er freundlich, hat Verständnis für einen guten Humor. Er ist selbstbewusst und hat eine eigene Meinung, auf der er besteht. Der Sachse ist für mich jemand, der ständig unzufrieden und laut ist, der Angst hat und mit Misstrauen auf den Bayern blickt. Meine Wahrnehmung hängt sicherlich mit der DDR zusammen. Sie sind deshalb so laut, weil sie zu erkennen geben möchten: Ich bin auch ein Deutscher. Da sehe ich einen Unterschied.“ (41,m) „Das ist aber interessant, dass die Deutschen so sauber sind. Aber so bald sie ihr Land verlassen, dann sind sie Schweine. Ganz egal, ob es Ostdeutsche oder Westdeutsche sind. Trotzdem gibt es hier einen Unterschied zwischen dem Ostdeutschen und Westdeutschen. Beide zeigen bei uns ihre Großmannsucht. Am Anfang habe ich gedacht, dass sie mir eine Banane geben wie einem Affen. Unsere Leute sind dann auch dumm, denn es gefällt ihnen dort jeder Kitsch. Was die Ossis (tschech. Osík-Ossi) betrifft, sie wurden Teil Großdeutschlands und zeigen es uns bei jeder Gelegenheit, damit wir sicher sein können, dass sie die Wessis und wir die Ossis sind.“ (65,w) Insgesamt betrachtet taucht dieser Wahrnehmungstypus (Abwehr) in Bayern selten auf, im tschechischen Untersuchungsgebiet ist er nicht eindeutig mit einer Altersgruppe zu verbinden. Ausdrücklich kritische Aussagen über die Tschechen sind nur selten gefallen, was zum Teil vielleicht eine Hö? ichkeit war. Um dennoch etwas Negatives behaupten zu können, wurden allgemeine Formeln wie „es wird gesagt“, „viele denken“ usw. benutzt. In Tschechien wiederum tauchen öfter Abwehrhaltungen auf und werden direkt formuliert, insbesondere bei der älteren Generation, den ehemaligen Grenzschützern und den kommunistischen Funktionären. Sie benutzen noch die alten Stereotype des Kalten Kriegs über die „Revanchisten“ und bedienen sich des Feinddenkens, das in den Deutschen „expansive Kolonialisten“ sieht. Ihre Argumente verbreiten in den Grenzgebieten die Klubs des tschechischen Grenzlands, denen vorwiegend ehemalige Grenzschutzsoldaten angehören. Außerdem konnte beobachtet werden, dass die Geschichte mehr das tschechische Bild von den Deutschen als das deutsche Bild von den Tschechen beein? usst. Die Vergangenheit wird meist für die Darstellung der negativen Vorurteile eingesetzt. Aus den Ergebnissen der erwähnten Untersuchung des Soziologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften geht hervor, dass für 45 Prozent der Tschechen die beiderseits bestehenden Voreingenommenheiten eine negative Wirkung auf die Qualität der deutschtschechischen Zusammenarbeit ausüben.441 441 Vgl. Lukáš Novotný/Jitka Laštovková: Grenzüberschreitende Kontakte und Zusammenarbeit in der öffentlichen Meinung, in: Tschechisch-deutsche Zusammenhänge 2 (2005), S. 3-5. 225 Entgegenkommen: Das Gegenstück zur abwehrenden Haltung stellen jede Interviewpartner dar, die eine Nähe zum tschechischen oder deutschen Nachbarn suchen, also auf ihn zugehen. Mit dem Umbruch des Jahres 1989/90 verbinden sie das Gefühl der „ungewohnten Freiheit in alle vier Himmelsrichtungen fahren zu können“ (69,m). Das euphorische Emp? nden, endlich die Enge der Zeit des Kalten Krieges von sich abzuschütteln, hält bei ihnen bis heute an. Dies geht so weit, dass sich ein bayerischer Befragter sogar weigerte, auf der ihm vorgelegten mentalen Karte die Grenze einzuzeichnen mit der Begründung, das verbiete ihm sein Gewissen. Ein anderer besucht sogar „ab und zu“ das Pilsner Theater. Von allen Personen mit einer derartigen Handlungsorientierung wird die Grenze nicht mehr als solche empfunden, sondern ganz selbstverständlich und regelmäßig überquert. Die neue Qualität der Nachbarschaft sehen sie als große Chance für die Region an, sich durch den Austausch der Kulturen zu öffnen und so nicht nur politisch-geographisch im Herzen Europas eine zentrale Position zu erlangen. Problemlagen werden dabei von ihnen nicht verkannt, sondern als Herausforderung verstanden. „Und in dem Moment, wo der Jií Dienstbier den Hans-Dietrich Genscher da umarmt hat, da hab ich mir gedacht, was zwischen den zwei Männern jetzt da möglich war, das muss doch auch mal zwischen zwei Staaten oder zwischen zwei, ja, auch Rassen, ja, zwischen den Germanen und Slawen möglich sein, denn das ist ja eigentlich der, der Ursprung aller Gegensätze. Die Slawen vom Osten und die Germanen.“ (49,m) In der ökonomischen Asymmetrie zwischen Bayern und Böhmen sehen sie beispielsweise weniger eine Gefahr für die regionale Wirtschaft, sondern vielmehr einen Auftrag schlechthin, Versäumnisse der Vergangenheit vergessen zu machen und sich zu modernisieren. Entsprechend positiv und aufgeschlossen ist auch ihr Bild der Nachbarn. Sie werden als „herzlich“ beschrieben, neben vielen grenzüberschreitenden Kontakten p? egen sie ebenfalls tiefe Freundschaften. Wie jene, die in starrer Abwehrhaltung verharren, bilden die Personen dieser aufgeschlossenen Handlungsorientierung ebenfalls nur eine verhältnismäßig kleine gesellschaftliche Gruppe. In Bayern ? ndet man solche Einstellungen insbesondere in der gebildeten Schicht, etwa bei Lehrern oder Bürgermeistern. Sie verwahren sich gegen einseitige Vorurteile und verweisen auf die Gemeinsamkeiten, die zwischen Deutschen und Tschechen im Laufe der Geschichte entstanden sind. Für das „Hochkochen“ bestimmter Themen wie Autoklau machen sie die Medien verantwortlich. Fehler werden öfter in den eigenen Reihen gesucht. Außerdem klagen sie darüber, das sich „viele Landsleute in Tschechien wie Kolonialherren aufführen“. Für einige von ihnen sind Tschechen vergleichsweise sogar offener und freundlicher und dort „ist alles schön und ruhig und es ist echt komplett anders als bei uns.“ (17,w). Diese Interviewpartner besitzen in der Regel die besten Informationen über das Nachbarland und haben Kontakte nach drüben. Einige wenige kennen und lernen die andere Sprache. Die Tschechen werden als zuverlässig, freundlich und kulturell hochstehend bezeichnet. 226 „Der Kontakt mit Tschechen hat immer wunderbar geklappt. Da kann man nichts sagen. Das sind Leute wie Sie und ich, und jeder schaut wie er überlebt, und wie er seinen Kopf aus der Schlinge retten kann. Und das machen die genauso. Das sind gemütliche Leute, nette Leute, es gibt viel Kontakt. Die kommen rüber zu Feuerwehr-Festen, und dann fahren wir wieder rüber.“ (53,m) „F: Wie könnte man die Tschechen charakterisieren? A: Sie haben sehr Disziplin. Evtl. liegt das am Kommunismus. Die Kinder sind nicht wie die Unseren überall mit den Fingern dran. Wenn sie kommen, ziehen sie sich sofort die Schuhe aus. A: Es sind äußerliche Merkmale, aber charakteristisch. […] Sehr hö? ich. Sie geben gerne. Sagen Bitte und Danke. Rufen an, wenn ich Geburtstag habe. Bringen Pilsener Bier mit. Rosen vor der Tür. Die bringen immer was mit. Herzlichkeit. […] Ich würde sie bezeichnen als gutherzige, ausgleichend, nicht polarisierend. Intelligente Leute, kulturell hochstehend, gemütlich. Nicht zu vergessen, sind die Oberpfälzer ja auch. Was sich wieder über die Musik erklärt, den beidseitigen Musikgebrauch.“ (59,m) Die Interviewpartner treffen meist keine schnellen Urteile und sind auch über das im tschechischen Grenzgebiet verbreiteten Problem mit Sinti-Roma und über die Kriminalität mancher sozialen und ethnischen Gruppen informiert. Das Verhalten dieser sozial schwächeren Schicht wie ihre Wochenend-Hamsterfahrten beein? ussten in den ersten Jahren nach der Grenzöffnung das Bild der Tschechen in Deutschland negativ. Aufgrund der Annäherung des Lebensstandards der Bürger beider Länder wird diese Asymmetrie mit der Zeit an Bedeutung verlieren. „Wenn sich bei mir immer gegen die Tschechen ein bisschen was aufstellt, das ist nach der Grenzöffnung. Da sind immer zwei Frauen gekommen, haben geklingelt, und gefragt, ob ich Kleidung hätte für Kinder und ich sagte ja, dann habe ich da was hergerichtet, und die kamen dann wieder, denn ins Haus habe ich niemanden reingelassen. Das würde ich aber mit allen machen. Und irgendwann sind sie dann im Frühjahr wieder gekommen. Und ich habe ihnen wieder Kleidung hergerichtet. Dann kamen sie immer öfter und wollten schon Trinken und Essen. Dann habe ich jetzt gesagt, das habe ich schon hergegeben. […] Ich glaube, dass das ein Sinti-Roma-Problem ist. Das müssen die geregelt kriegen. Wenn die das in die Grenzregion verlagern, passt das natürlich wunderbar mit den Vorurteilen zusammen. Das könnte Probleme geben. Die Mehrzahl der Tschechen würden sich so nicht verhalten. Der normale Bürger würde hier nicht unterscheiden zwischen Tschechen und Sinti oder so. Die Vorurteile, die latent vorhanden sind, blühen natürlich. Denken Sie an die Sharon-Politik, der Antisemitismus ist wieder gewachsen. Es gibt Leute, die haben was gegen Sinti, gegen Roma. Es braucht bloß ein paar Leute, die sich so benehmen, und dann entzündet sich der latent vorhandene Antisemitismus wieder.“ (59,m) 227 „F: Wie würden Sie die Franken charakterisieren? A: Rauer Menschenschlag, aber gutherzig. Die Tschechen sind auf jeden Fall ruhig. Darin sind sie uns wahrscheinlich ähnlich, zumindest die, die ich bisher kennen gelernt habe. Ruhig und zurückhaltend. Geduldig, mit der nicht einfachen wirtschaftlichen Lage. Ich bewundere die Leute, die hierher her fahren zu unseren Wertstoffhöfen und sich das raussuchen, was man noch halbwegs reparieren kann und da halbwegs wieder was draus machen. Das ist doch ein Zeichen für gewisse Beharrlichkeit und auch ein gewisses Sich-Zurecht-Finden mit der Situation und damit umgehen können.“ (40,w) Die Tschechen wiederum, bei denen die Kategorie „Entgegenkommen“ überwiegt, re? ektieren ihr Verhältnis zu den Deutschen durchaus selbstkritisch. Sie sind sich dessen bewusst, dass das Bild, das die Bayern vom tschechischen Nachbarn haben, nicht unerheblich beein? usst wird durch Kriminalität sowie die sozioökonomische Situation einiger sozialer und ethnischer Gruppen in den Grenzgebieten, mit allen Schattenseiten wie Diebstähle, Prostitution oder Schwarzmärkte. Im Unterschied zu den bayerischen Nachbarn verfügen sie über ziemlich gute Kenntnisse von den grenzüberschreitenden Aktivitäten und weisen öfter auf die historische Ver? echtung beider Länder hin. Sie wollen an diese Zeiten anknüpfen und sehen darin eine neue Chance für ihre Region. Kon? iktgeladene Themen, die das Image beider Völker negativ beein? ussen, wie den Einkaufs- oder Sextourismus und die Unterschiede in den ökonomischen Standards betrachten sie als ein vorübergehendes Problem, das mit dem Ausgleich der Lebensstandards allmählich und mit der vertieften europäischen Integration ganz verschwinden wird. Die Beziehungen ihres Landes zu Deutschland halten sie für gut. In der Geschichte sehen sie vorwiegend positive Abschnitte, die die Nachbarschaft geprägt haben. Sie verschließen sich nicht den kon? iktgeladenen Themen und sind verschiedentlich bereit, vorhandenes Unrecht wiedergutzumachen. In diese zahlenmäßig ebenfalls nicht große Gruppe gehören vorwiegend kulturelle Eliten, einige Politiker und die altansässigen Deutschen. Fast alle verfügen über gute Deutschkenntnisse und über zahlreiche Kontakte zum Nachbarland. „Ich denke, dass sie gleich wie wir sind. Sie sind Mitteleuropäer und Europäer, die mit uns viel Gemeinsames haben. Es gab damals zum Beispiel das Römische Reich mit dem Böhmen Karl IV. Und sie besiedelten doch auch unsere Gebiete. Und selbst vom Charakter her sind wir ähnlich. Auch unter ihnen gibt es Gute und Schlechte.“ (70,m) „Ich denke, wir sind gleich. Die Deutschen sind ja vielleicht etwas sparsamer als wir. Aber ansonsten sehe ich keine besonderen Unterschiede. Auch sie verbringen viel Zeit im Garten, sind ruhig und wollen ein angenehmes Leben haben. Es verbindet uns sicher, dass wir beide so ruhig sind. Auch wir kümmern uns um unsere Häuschen und sind stolz darauf. Das sieht man doch, auch wenn nicht bei allen. Es macht mich immer traurig, wenn ich sehe, dass jemand zum Beispiel in der Presse Spaltungen machen will. Die Menschen müssen dafür doch bezahlt werden, ansonsten kann ich es mir nicht erklären. So machen es 228 die Politiker. Ich kann es nicht verstehen, denn wenn man mit den Leuten hier spricht, dann sagen sie ihnen, dass es nicht so heiß ist, wie darüber geschrieben wird. Es wird alles zu viel aufgeblasen. Ich kann etwas deutsch, deshalb spreche ich mit ihnen und sehe, dass wir eigentlich keine Probleme haben. Zwar haben wir welche, aber es sind meistens Sachen, die zu verbessern sind. Aber die Vergangenheit ist es bestimmt nicht. Es ist zwar alles noch offen und man sollte es irgendwie beruhigen, aber ich denke, dass dies auch die Nachbarn nicht beschäftigt. Wir können uns einfach miteinander unterhalten.“ (68,m) Im Unterschied zum vorherigen Wahrnehmungstypus führen die Interviewpartner positive Faktoren an. Während einige die Tatsache kritisieren, dass Deutsche in der Regel kein Tschechisch sprechen und lernen wollen, möchte diese Gruppe jede Aktivität hochschätzen, die die sprachliche Barriere beseitigen soll. Die Asymmetrie in der Kenntnis der Sprache des Nachbarn wird laut Erhebung des Soziologischen Instituts aus dem Jahr 2005 von 39 Prozent als negativer Faktor dargestellt, der die Qualität der deutsch-tschechischen Beziehung vor allem an der Grenze beein? usst. Aus einer anderen Untersuchung in den bayerisch-tschechischen Grenzregionen von 1995 geht hervor, dass auf der tschechischen Seite mehr als 60 Prozent der Bürger Deutsch kennen oder zumindest verstehen. Im Unterschied dazu sprechen oder verstehen dagegen nur sieben Prozent Bayern Tschechisch. Die meisten haben freilich nur eine geringe Kenntnis.442 „Und die Deutschen lernen Tschechien kennen. Wir haben dort deshalb auch viele Freunde und ich weiß, dass sie uns mögen. Ich meine Tschechien und die Tschechen.“ (57,m) Beobachtende Distanzierung: Die weitaus größere Gruppe der Bayern und Tschechen nimmt allerdings die Haltung beobachtender Distanz ein. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat für sie zwar die Grenze ihre vor 1989 empfundene Bedrohung verloren und sie besuchen unregelmäßig das Nachbarland, trotzdem sehen sie weiterhin eine Scheidelinie zwischen dem „Eigenen“ und dem „Fremden“, wie aus den folgenden zwei Aussagen von Bayern zu ersehen ist. „Vom Wald oder von der Umgebung her ist es [in Tschechien] auch nichts Anderes. Und genau das habe ich mir eigentlich auch gedacht – und trotzdem ist es eben ein anderes Gefühl, wenn ich dort bin. Dort ist es einfach fremd.“ (45,w) „Es ist noch nicht so, wie es vielleicht mal wird. Wobei ich da zuversichtlich bin. Die andere Generation, die wenig noch mit unserer Generation zu tun hatte oder auch nicht so Bescheid weiß, die wird da wesentlich offener an die 442 Jaroslav Dokoupil (Fn. 393), S. 110. 229 Sache [Kontakt zu Tschechen] rangehen. Ich merke das hier am hiesigen Gymnasium und auch an der hiesigen Realschule, dass man dort Kontakte zu irgendwelchen Städten hat, wo die Klassen rüber und unsere nach drüben gehen.“ (61,m) Persönliche Kontakte, die über unverbindliche Gespräche am Arbeitsplatz oder im Verein hinausgehen, p? egen sie hingegen nicht. Es zeigt sich, wie die Sprache zu einer Barriere wird. Im bayerischen Grenzraum wird gerade ihr ein großer Stellenwert zugemessen. Das korrespondiert mit Ergebnissen der quantitativen Erhebung im dortigen Grenzland im Rahmen des Projekts „Gute Nachbarschaft“ aus dem Jahre 2001, wo über 80 Prozent der befragten bayerischen Akteure (lokale Eliten) fehlende Sprachkenntnisse als ein sehr hohes bis durchschnittliches Problem für den Aufbau von guten nachbarschaftlichen Kontakten eingeschätzt haben.443 Die Bayern im Grenzland zeigen jedoch kaum ein Interesse am Erlernen der Nachbarsprache. Sie haben dafür ihre Gründe, sie sei zum Beispiel „sauschwer“ und die internationale Einsatzmöglichkeit gering. Ähnliche Ergebnisse wurden auch in meiner qualitativen Erhebung erzielt. Nur die wenigsten bayerischen Bürger könnten sich tschechisch verständigen. Zwar teilen viele mit, dass Sprachkurse in ihrer Nähe nach der Wende angeboten, und anfangs auch gut besucht wurden, dann aber lösten sich die Gruppen auf, „angeblich wegen geringer Teilnehmerzahl“. (57,w) „Wenn es nicht so schwer wäre, würde ich die Sprache lernen.“ (27,m) Die Sprachbarriere beklagt dabei insbesondere die Intelligenzschicht, d.h. die Gruppe mit Hochschulausbildung. Der Gedanke, trotzdem anzufangen zu lernen, kommt ihnen dabei zumeist nicht: „Aber die Deutschen lernen kein Tschechisch, das ist typisch. F.: Können Sie ein bisschen Tschechisch? A.: Nein, nur so Wörter, die man so braucht. Prost und so.“ Die Tatsache, dass ein großer Teil der tschechischen Bevölkerung wiederum Deutsch kann, spielt als Argument fürs Lernen keine Rolle. Eine junge Befragte hält die Sprache für das größte Problem überhaupt zwischen den beiden Nationen und sagt etwas übertrieben: „Also, der Oberpfälzer spricht nicht einmal kein gutes Deutsch. Mit Tschechisch muss es dann auch so sein“. (25,w) Ein immer wiederkehrendes Argumentationsmuster besteht auch darin, dass man ja guten Willens sei, aber andere die Verständigung zwischen Bayern und den Nachbarn erschweren würden. So gebe „es schon Vorurteile“, sie selbst aber würden sich von ihnen distanzieren. Beispielsweise hätte die Tatsache, dass Tschechen in Bayern Sperrmüll nach Nützlichem und Brauchbarem durchwühlten, die Angst geschürt, sie würden alles mitnehmen, was nicht „niet- und nagelfest“ sei. Natürlich, so die Interviewpartner, sei dieser Vorwurf unberechtigt. Die Hysterie der anderen aber habe dazu geführt, dass sie selber an solchen Tagen alle Wertgegenstände einschließen und die Türen verriegeln würden. Sie beobachten also zwar, wie Vorurteile allmählich abgebaut werden, andererseits „darf man nicht vergessen, was 443 Vgl. Katrin Stech: Nachbarschaftliche Mentalität im bayerisch-tschechischen Grenzraum. Untersuchung im Rahmen des Pilotprojekts „Gute Nachbarschaft“. Augsburg/Kaiserslautern 2002, S. 63. 230 in Jahrzehnten an Hass und Vorurteilen gewachsen ist. Das kann man nicht wegreden“ (57,w), wie eine bayerische Befragte sagt. Sie spüren bei den Tschechen außerdem ein gewisses Misstrauen, was „sich zwar inzwischen etwas gelegt hat. Wenn halt wieder irgendetwas zwischen uns passiert, etwas Unangenehmes, dann schwappt das wieder hoch. Und dann sind es wieder die Tschechen oder in Tschechien drüben sind es wieder die Deutschen.“ (57,w) Ansonsten erscheinen die Tschechen bei den Vertretern dieses Wahrnehmungstypus (die deutsche Seite) als positiv. Eigenschaften wie „? eißig“ oder „freundlich“ fallen häu? g. Bemerkenswert ist wieder jedoch, dass diese Attribute durchwegs einer sachlich-nüchternen Begriffsebene entstammen. „Freundlich“ meint eben nicht „herzlich“. Dass sich das eigene Gebiet infolge der Grenzöffnung mit dem Nachbarland auseinandersetzen muss, interpretieren sie entsprechend weniger als Chance, denn als Bürde: „Die Stimmung hier ist schlecht, das kann keiner bestreiten. Ich meine, man fürchtet eben schon um seinen Arbeitsplatz. [...] Das ist auch keine Stimmungsmache, die Leute haben auch zum Teil […] nichts gegen Tschechen oder Tschechien.“ In der eigenen Identität werden die Nachbarn als „Andere“ je nach Individuum stärker mit der (Mikro-) Region oder der Nation kontrastiert. So ist auch die Wortwahl „hier“ und „drüben“ in den Narrativen dieser Befragten allgegenwärtig. Die Ereignisse des Jahres 1989/90 werden entsprechend nur bedingt als revolutionäre Veränderung der eigenen Lebenswelt begriffen: „Sonst weiß ich eigentlich nicht soviel, dass halt die Mauer, der Eiserne Vorhang gefallen ist [...] Also für uns glaube ich war beides egal.“ Dem regionalen Identitätskonstrukt von der Region „im Herzen Europas“ wird die traditionelle Erfahrung der Peripherie gegenübergestellt. Die Region liege wirklich am Rande, die Menschen seien „noch nicht so frei“. „Für mich ist das wirklich immer noch Grenze. […] Ich fühle mich nicht in der Mitte Europas“ (61,m). Auch in Tschechien gehören zum vorliegenden Wahrnehmungstypus viel mehr Befragte als im Falle der vorherigen zwei Gruppen. Die betreffenden Gewährsleute zeigen zwar Interesse an Deutschland, dieses beschränkt sich allerdings oft nur auf die Informationen aus den Medien. Persönliche Kontakte suchen solche Interviewpartner nicht oder nur selten, sie verschließen sich aber auch nicht gegenüber den Nachbarn. Hierher gehören außerdem diejenigen, die ihre Einstellungen gegenüber den Deutschen schrittweise verändert haben, und zwar von der euphorischen Stufe bis zur beobachtenden Distanzierung. „Ich weiß, dass sie anders sind, sie haben dort überall Ordnung und haben auch eine bessere Lebensmoral. Andererseits, wenn man sieht, wie sie zu uns ihren Abfall abtransportieren und wie sie sich hier benehmen, dann sehe ich, dass sie sind wie wir, bloß mit dem Unterschied, dass sie dort strengere Gesetze und somit auch strengere Regresse haben. Aber ansonsten erscheinen sie mir ähnlich wie wir. Wenn sie die Möglichkeit haben, etwas schlecht zu machen, dann tun sie es.“ (49,m) 231 „Am Anfang gab es hier eine unkritische Bewunderung insbesondere gegen- über den Bayern, denn jeder weiß, dass es das reichste Land ist. Bayern ist einfach Bayern. Diese Bewunderung ist aber allmählich verschwunden. Wir haben uns gegenseitig kennengelernt und wissen, dass wir beide Fehler haben. Es ist aber gut, dass wir die Möglichkeit zum Kennenlernen haben.“ (61,m) Regungslosigkeit: Wenn die bei dieser Handlungsorientierung zumindest punktuelle Neugierde auf den „Anderen“ wegfällt, ist auch bereits der schmale Grad hin zur regungslosen Gleichgültigkeit gegenüber den Nachbarn überschritten. So gibt die Mehrzahl der Befragten an, unmittelbar nach der Grenzöffnung oft in das andere Land gereist zu sein, dass dies für sie aber seit Jahren nicht mehr von Interesse sei oder gar nicht mehr in Frage komme. Meist überquert die bayerische Seite die Grenze lediglich für den Einkauf in grenznahen Supermärkten und Tankstellen sowie „Vietnamesenmärkten“, nur selten dringt sie in das Landesinnere vor. Sie hat eigentlich keinen persönlichen Kontakt zur tschechischen Bevölkerung. „So fahre ich halt rüber, wenn der Tank leer ist, dann nehme ich eine Stange Zigaretten mit. Mehr interessiert mich nicht.“ (61,m) „Irgendetwas muss man ja von der Grenzregion haben.“ (57,w) „Tanken, Zigaretten und Alkohol. Und natürlich Sex. Das ist der Kontakt bei uns mit Tschechen.“ (27,m) Diese Schicht steht dem tschechischen „Anderen“ mit ausgeprägter Teilnahmslosigkeit gegenüber. Die geringe Auseinandersetzung mit dem östlichen Nachbarn zeugt von Desinteresse und einer gewissen Gleichgültigkeit. Das spiegelt sich auch in der allgemeinen Bewertung wider. Ihnen werden positive wie negative Attribute in Ambivalenz zugeschrieben. Ein irgendwie gearteter Handlungsimpuls geht hiervon allerdings nicht aus: „Man hat auch so wenig mit Tschechen zu tun, man kommt gar nicht so richtig zusammen. Und viele haben auch gar kein Interesse, sag ich jetzt mal, mit Tschechen in Kontakt zu treten.“ (23,w) Sie erscheinen als zwangsläu? ge Normalität im Alltag der Grenzregionen, ihre Gegenwart wird nicht besonders geschätzt. Positiv an dieser Handlungsorientierung scheint zu sein, dass Gleichgültigkeit als Nährboden negativer Vorurteile kaum taugt. Regungslosigkeit ist auch in den tschechischen Verhaltensmustern stark vertreten. Das bestätigen repräsentative Untersuchungen des Soziologischen Instituts im eigenen Grenzland. Nur ein Drittel der Befragten hat einen Kontakt mit Deutschland. 18 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sehen wir deshalb, wie weit noch die Bürger beider Länder voneinander entfernt sind. Dieser Feststellung entsprechen auch die Erkenntnisse aus dieser qualitativen Erhebung. Die meisten reagieren auf den deutschen Nachbar ebenfalls gleichgültig und zeigen kein Interesse an ihm. Zwar geben viele an, dass sie nach der samtenen Revolution „neugierig auf den Westen waren“ und deshalb nach Deutschland gefahren sind und ihr Interesse an diesem Land bekundeten. Diese Neugier ließ jedoch relativ schnell nach. Die Betroffenen besitzen heute in der Regel nicht einmal Grundkenntnisse in der Geographie der an ihre Region angrenzenden Landkreise in Bayern. In ihrem „gelebten Raum“ erscheinen die Deutschen selber nur selten. Wie einer der Interviewten aus Eger anführt, setzt sich die Mehrheit der Bevölkerung mit dem Nachbarland und mit den deutsch-tsche- 232 chischen Beziehungen nicht auseinander. Sie hält das nicht für notwendig, da „andere Probleme wie die Arbeitslosigkeit oder Kriminalität in der eigenen Region viel wichtiger“ zu sein scheinen. „Hier interessieren sich die Menschen für Deutschland nicht. Sie wissen auch nur ganz wenig über deutsch-tschechische Beziehungen. Das einzige, was sie lösen, ist, ob etwas in deutschen Geschäften billiger als in unseren ist. Aber sonst interessieren sie sich gar nicht für Deutschland.“ (68,m) Dieser Wahrnehmungstypus kommt in Tschechien allerdings etwas weniger als auf der bayerischen Seite vor. Der Arm-Reich-Gegensatz und dessen Folgeprobleme motivieren letztendlich doch zu einem gewissen Interesse an den Nachbarn. Trotzdem ? nden wir vereinzelt noch diejenigen, die bisher nicht „drüben“ waren und die es auch nicht „hinüber“ zieht. Während in den Verhaltensmustern der Deutschen gegenüber den Tschechen Gleichgültigkeit überwiegt, gehört die Mehrheit der im Grenzland lebenden Tschechen doch wohl eher in die Kategorie der distanzierten Beobachtung. Demzufolge scheinen sie mit ihrem immerhin geringen Interesse die Anderen zu übertreffen. Diese Asymmetrie hängt eben mit dem erwähnten Arm-Reich-Gegensatz und mit der Kenntnis der Sprache zusammen. Da mehr Tschechen Nutzen von der Bundesrepublik haben als es umgekehrt der Fall ist, kommt den Deutschen eine deutlich wichtigere Rolle zu. Auf beiden Seiten ist also Abwehr vorhanden. Im Westen zeigt sie sich etwas mehr als in Tschechien, was wiederum mit der erwähnten Ungleichheit zu tun hat. Vorurteile gegenüber dem jeweiligen Nachbarn gibt es freilich auf beiden Seiten des Untersuchungsgebietes. In der Tschechischen Republik sind die Grundlage für ihre Bildung die kon? iktgeladene Geschichte, insbesondere der Zweite Weltkrieg und die damit zusammenhängenden Ereignisse. Es tauchen hier kaum „neue“ Vorurteile auf, die meisten sind aus der Zeit des Kalten Kriegs und der kommunistischen Propaganda übernommen worden. Die bayerische Grenzlandbevölkerung wiederum bedient sich fast ausschließlich der mit der aktuellen sozioökonomischen Lage zusammenhängenden Voreingenommenheiten. Ihre Beseitigung ist allerdings ohne persönliche Kontakte zwischen den Bürgern beider Länder nicht möglich. Das Potenzial für die Knüpfung neuer Verbindungen, die dann zur Bildung einer grenzüberschreitenden Gemeinschaft führen würden, wäre durchaus vorhanden, denn sowohl Deutsche wie Tschechen geben oft an, dass sie gerne Beziehungen zum Nachbarland hätten. Die meisten sehen jedoch die Sprache oder eben den historischen Ballast als Hindernis. Auf beiden Seiten besteht also noch zu wenig Bereitschaft, diese Barrieren zu überwinden. 12.3 Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit Da bereits im Vorfeld der Durchführung unserer Interviews die Befragten mit den Themen bekannt gemacht wurden und somit wussten, dass sie sich auf die deutsch-tschechischen Zusammenhänge beziehen werden, war von Anfang an deutlich, wer von ihnen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit positiv gegenübersteht, wer dage-

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.