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Lukas Novotny, Die Zeit nach 1989 in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 211 - 220

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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211 werden kann. Das Fest besteht bis heute (wieder alljährlich). Der politische Faktor sowie die Interpretation der Hussiten-Bewegung als revolutionärer Klassenkampf und ewiger Kon? ikt mit Deutschland sind allerdings verschwunden. Im Folgenden äußert sich ein 67-jähriger Gesprächspartner aus der Region Tachau, der im Grenzschutz tätig war. Er verteidigt die damals übliche Praxis wie die regelmä- ßigen Streifengänge, die Sicherung mit Elektrozäunen oder die Erschießung von „Ruhestörern“ und sieht darin etwas für die damalige Zeit ganz Normales und Notwendiges. Diesem Befragten kommt es auch nicht ungewöhnlich vor, wenn direkt an der Grenze mehrere Mahnmale stehen, die an Menschen erinnern, die beim illegalen Grenzübertritt ums Leben kamen. „Man hat zwar die Waffe benutzt, aber wenn jemand auf Sie schießen würde und Sie eine Maschinenpistole in der Hand haben, dann werden Sie dort nicht so lange warten, bis er Sie trifft. Sie benutzen einfach die Waffe. Alle Mitglieder des Grenzschutzes schwörten, die Grenze zu schützen. es war eigentlich ihre gesetzliche P? icht. Und sagen Sie selbst, welcher Staat schützt seine Grenze nicht? Ein solcher Staat verdient dann die Selbstständigkeit nicht, wenn er nicht die Grenze sichern kann. Also hier kann man einfach nicht sagen, dass man irgendwo nur so mit der Waffe herumläuft.“ (67,m) Wie emotional belastet das Thema des Grenzschutzes ist und wie intensiv darüber diskutiert wird, zeigte die Absicht des Rathauses in Cheb/Eger, ein Denkmal für die „Opfer des Eisernen Vorhangs“ zu errichten. Es sollte am Grenzübergang Svatý Kíž- Waldsassen errichtet werden als Erinnerung an über 90 Personen, die in der Region Cheb beim Grenzübertritt getötet wurden. Der geplante Gedächtnisort stieß bereits bei den Verhandlungen im Stadtrat im Jahre 2005 auf den Widerstand einer großen Gruppe ehemaliger Mitglieder der Grenztruppen und von links orientierten Politikern. Für sie hätte das eine Schändung ihres „Heimatdienstes“ bedeutet.437 Inzwischen steht aber das Mahnmal. 12.1.3 Die Zeit nach 1989 Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs geschahen an der deutsch-tschechischen Grenze große Veränderungen. Während der Kalte Krieg klar bestimmt hat, wer Freund und wer Feind war, begaben sich jetzt Deutsche und Tschechen – eigentlich zum ersten Mal im 20. Jahrhundert – auf die Suche nach Gemeinsamkeiten, auf die sie die Nachbarschaft gründen wollten. Es gab gemeinsame Events beim Durchtrennen des Grenzzaunes zwischen beiden Ländern. Um die ganze Welt ging das Foto von den beiden Außenministern Hans-Dietrich Genscher und Jií Dienstbier, das sie zeigt, wie sie im Dezember 1989 mit einer Riesenzange symbolisch den Stacheldraht durchschnitten. 437 Dazu beispielsweise Radni?ní listy m?sta Cheb [Mitteilungsblatt des Rathauses Cheb] vom März 2005. - Mladá fronta dnes vom 17. Juni 2005 (Regionalausgabe für den Karlsbader Bezirk). 212 Es entstanden neue Grenzübergänge und grenzüberschreitende Kontakte in fast allen Bereichen. Kaum aber war die Angst von Euphorie und Neugier abgelöst worden und hatten sich die Grenzlandbewohner kennengelernt, begann in den Verhaltensmustern Gleichgültigkeit vorzuherrschen. Sie prägt bis heute am stärksten die Nachbarschaft zwischen beiden Ländern und ist in Deutschland häu? ger zu beobachten als in Tschechien. Aus einer deutsch-tschechischen quantitativen Untersuchung von Geographie-Instituten (1995) geht hervor, dass für 75 Prozent der Befragten in den bayerischen Grenzgebieten die Grenzöffnung das Leben negativ beein? usst hat.438 Als Gründe wurden die Kriminalität und Umweltbelastung genannt. Positive Reaktionen wie die Festigung der Kontakte mit Freunden und Bekannten oder die Verbesserung der Lebensbedingungen kommen selten vor. Der Fall des Eisernen Vorhangs bedeutete dagegen eine Veränderung zum Besseren für viele Tschechen. 47 Prozent der Befragten aus dem tschechischen Gebiet der Euregio Egrensis meinen, dass sich das Leben positiver gestaltet. Dank der Grenzöffnung hätten sie günstigere Arbeitsmöglichkeiten bekommen und ihre ? nanzielle Lage sei verbessert.439 Negative Einschätzungen wie erhöhte Kriminalität und Umweltverschmutzung stehen dagegen ganz im Hintergrund. Wir beobachten, dass sich also bereits sechs Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die öffentliche Meinung in Bayern und Tschechien deutlich voneinander zu unterscheiden begann. Wie sieht es nun heute aus? Die meisten Interviewpartner im bayerischen Untersuchungsgebiet verbinden den Fall des Kommunismus insbesondere mit der Öffnung gegenüber Ostdeutschland. Einige Neugierige unternahmen zwar Wanderungen in die bis dahin gefürchtete unmittelbare Grenznähe und verfolgten, wie dort die Sperranlagen abgebaut wurden. Insgesamt kann man aber feststellen, dass die Grenze zum Gebiet der ehemaligen DDR für die Bevölkerung des genannten Untersuchungsgebiets vergleichsweise wichtiger zu sein scheint als jene zur Tschechoslowakei. In Erinnerungen wird sie viel öfter als diese andere erwähnt. Alle Befragten bringen unabhängig von der Region die Grenzöffnung mit einem euphorischen Gefühl in Verbindung. Der heimatliche Raum rückte aus dem Schattendasein vor der Grenze mehr in den Mittelpunkt. Die damit einhergehende Veränderung in der Selbstde? nition wird in mehreren Erinnerungen der Interviewpartner greifbar. „Also im Hinblick auf diese ganze Grenzöffnung, da sind wir unheimlich dankbar, dass wir das jetzt so erleben dürfen oder auch hier jetzt reisen können und unheimlich viel entdecken können. Wir fühlen uns ziemlich zentral gelegen, sagen wir mal nach Prag, nach Frankfurt, München, Berlin, also eigentlich doch so ziemlich im Mittelpunkt. [...] Wir sind dann voller Euphorie rüber gegangen mit Rucksäcken, das war ja nur ein Fußgängerüberweg, ein Radüberweg, sind 438 Jaroslav Dokoupil (Fn. 393), S. 104. 439 Zur Problematik der Arbeitsmigration aus Tschechien in die Bundesrepublik siehe Rudolph Hedwig: Grenzgängerinnen und Grenzgänger aus Tschechien in Bayern, in: dies. (Hrsg.): Wanderungsraum Europa: Menschen und Grenzen in Bewegung. Berlin 1994, S. 225-249. 213 da rüber gepilgert und es war einfach ein wunderschönes Erlebnis. Ich bin da wirklich mit dem Rucksack auch rüber, ich war so begeistert, bin gleich in eine Buchhandlung, habe mir vier so dicke Wörterbücher gekauft, die habe ich noch da, die kann ich Ihnen zeigen, so in der Euphorie jetzt musst du Tschechisch lernen.“ (46,w) „Als die Russen einmarschiert waren, sind wir beide unabhängig voneinander von einem Hilfsimpuls beseelt worden, und wir meinten aus lauter Sympathie jetzt mit den okkupierten Tschechen Tschechisch lernen zu müssen. Erstens ist es an der Schwierigkeit der Sprache gescheitert, und dann saßen wir über kurz oder lang allein, und dann haben wir es wieder sein lassen.“ (59,m) „F: Was hat sich mit der Grenzöffnung verändert? A: Für uns hat sich schlagartig sehr viel verändert. Wir hatten hier diese ganzen Ströme an DDR-Besuchern, die sich dann in unserer Stadt auch das Besuchergeld auszahlen ließen. Das war erst schon sehr aufregend und fast ein Schock. Weil die gewohnte Ruhe dahin war: es war ein Verkehrskollaps, was wir hier überhaupt nicht kannten. Aber es hat natürlich auch viele Begegnungen gebracht, Mitmenschen, die man sonst nie kennen gelernt hätte. Im nächsten Jahr waren dann die Grenzen nach Tschechien offen, so dass man einfach nur so rübergehen konnte. Mit Personalausweis oder Pass. Und das haben wir sofort genutzt und sind dann mal nach Eger gefahren, um uns das anzusehen. Das war beeindruckend.“ (40,w) Die Grenze hat mit der seinerzeitigen Öffnung ihre Bedrohung weitestgehend verloren. Das Leben gestaltete sich für die dortigen Bürger leichter, „da nicht nach 20 Kilometern ein Soldat auf einem Turm steht und mit der Pistole knallt“ (40,w). Die dem Fall des Kommunismus vorangehenden Ereignisse des Jahres 1989 wie die Montagsdemonstrationen in der DDR, der wachsende Ausreisestrom der Ostdeutschen über die Deutsche Botschaft in Prag oder die Prager Samtene Revolution vom 17. November 1989 wurden von den Befragten bis auf Ausnahmen nicht thematisiert. Viel wichtiger war für sie die Tatsache, dass auf einmal die gefürchtete Grenze in ihrem Lebensraum eben offen war (woran die meisten bereits nicht mehr geglaubt hatten). Die anschlie- ßenden konkreten Auswirkungen sind für die Regionen allerdings meist negativ ausgefallen. Es wird kritisiert, dass vor allem die Ruhe aufgehört habe. Denn durch die Öffnung neuer Übergänge sei der Verkehr deutlich gestiegen. Auch wurde entdeckt, wie sehr die Industrieregionen der Tschechoslowakei und der DDR die Umwelt in Bayern verschmutzten. Die negativen Ein? üsse nennen gleich mehrere Interviewpartner als problematischen Punkt der neuen Nachbarschaft. Der Zustand dauert bis heute an. „Da gibt es natürlich massive Probleme, wenn der Verkehr durch die Ortschaften hier rollt. In unserem Dörfchen wird die Geschwindigkeit auf 30 begrenzt, da rollen die Lkws durch und da wird ja jetzt diese Ortsumgehung gebaut, die kommt von da oben hier nach da unten rein. Wir befürchten ein höheres Verkehrsaufkommen und auch mehr Lärm, weil wir hier direkt betroffen sind.“ (46,w) 214 Nach der Euphorie traten auch die größeren Unterschiede im Lebensstandard und in der Sozialstruktur beider Nachbarräume mehr und mehr ans Tageslicht. Außerdem ist in Bayern die Gruppe derjenigen, die der Grenze keine trennende Funktion mehr zuschreiben, noch sehr klein. Dazu gehören vorwiegend die dortigen kulturellen und politischen Eliten. Sie fassen die neue Situation durchaus als Positivum auf. Für einige gibt es hier „keine richtige Grenze mehr, sondern nur noch eine Sprachgrenze. Ich bedauere, dass meine Freunde in Eger Deutsch können, aber ich nicht Tschechisch“. (49,m). Dies gilt als Symbol neuer Freiheiten. Das während des Ost-West-Kon? ikts bestehende Gefühl des Eingekesselt-Seins wurde von der Erfahrung „dieser ungewohnten Freiheit, in alle vier Himmelsrichtungen fahren zu können“ (40,w) abgelöst. Die neue Möglichkeit wird allerdings – und zwar von allen Interviewpartnern gleichermaßen hervorgehoben – sehr unterschiedlich genutzt. „Für mich war das Vorher eigentlich beklemmend. Wenn man an die Grenze nach Waldsassen ging. […] Ich interessiere mich ein bisschen für Geschichte. Und es war wirklich so, dass man halb eingesperrt war. In die eine Richtung konnte man nicht, und wenn man wollte, war Schikane dabei.“ (57,m) Auf der einen Seite ist im bayerischen Untersuchungsgebiet ein schon recht selbstverständlicher Einkaufstourismus nach Böhmen zur Selbstverständlichkeit geworden. Er geht weit über Benzin und Zigaretten hinaus und schließt auch Besuche in der Apotheke, beim Frisör usw. ein. Für die betreffenden Personen ist die Grenze zwar „noch irgendwie da, aber ich sehe sie nicht mehr“. (40,w). Sie weigern sich sogar, in einer mentalen Karte, die ihnen vorgelegt wurde, diese einzuzeichnen. „Sie haben Flüsse eingezeichnet, aber mich wundert: Sie haben die Grenze nicht eingezeichnet. A: Die ist ja auch nicht mehr da. Ich kenne sie natürlich noch ungefähr. Soll ich? F: Nein, wenn Sie das von selber nicht gemacht hätten, dann nicht. A: Also ich kann sie ja mal gestrichelt malen. So genau weiß ich das auch nicht mehr. So ungefähr, war es halt immer. Es stimmt schon, die Grenzen sind noch irgendwie da, aber ich sehe sie nicht mehr. Ja gut, nach Tschechien gibt es schon noch Grenzkontrollen. Das ist alles kein Problem mehr.“ (69,m) Andererseits gelingt es einem Großteil der Bevölkerung auf der untersuchten bayerischen Seite nicht, die zumeist negativen Prägungen der Ost-West-Konfrontation abzustreifen, so dass sie sich dem Nachbarland weiterhin verschließen. Sie sehen auch ihren Arbeitsmarkt bedroht. „Seit der Grenzöffnung überwiegen negative Veränderungen. Wir haben hier eine Arbeitslosigkeit, die sich durch die Pendler ergeben hat. Das ist unser wichtigstes Problem“. (49,m) Mit Verweis auf die illegalen Arbeitskräfte aus Tschechien wird freilich dem Nachbar eine neue Form der Bedrohung zugeschrieben. Der Erweiterung der Europäischen Union um Länder wie Tschechien stehen sie skeptisch, ja sogar negativ gegenüber. Das galt noch zum Zeitpunkt meiner Erhebung. In den Köpfen war die Grenze noch fest verankert und mit einer konkreten Angst verbunden: „Mir ist nie wohl, wenn ich so einen halben Kilometer von der Grenze bin, da wird mein Gefühl anders, also irgendwie so eine Bedrohung oder so unfrei“. Es gebe, 215 so geht es im Gespräch weiter, „ein ungutes Waldstück, weil da noch die Grenze ist, obwohl niemand mehr auf mich schießt.“ (40,w) „Seit die Grenze offen ist, geht’s uns noch schlechter als vorher. Erst hat es geheißen, ja, es wird alles besser, es wird alles besser und es ist dann alles schlechter geworden. Und die Leute sagen dann, ok, ich will nichts mit Tschechen zu tun haben.“ (23,w) In den Landkreisen Hof, Wunsiedel und Tirschenreuth beschwert man sich auch heute noch häu? g über die periphere Lage. Die Bürger emp? nden sich als „das letzte Stück vom Westen“. Zwar wird die Grenzöffnung ebenfalls grundsätzlich positiv gesehen, die Folgen dieses Prozesses bewerten die Bürger jedoch kritisch. Einige meinen sogar, der Region würde es nunmehr noch schlechter gehen als zur Zeit des Kalten Krieges. „Die Grenze ist ja nach wie vor da, aber sie ist nicht mehr so bedrohlich, sagen wir einmal so. […] An der Grenze zu wohnen ist nicht leicht. Schon von Kindheit auf haben wir diese Grenze akzeptieren müssen und vielleicht hat uns das auch irgendwie geprägt, dass man ganz einfach sagt, gut, eine Grenze ist einfach eine Grenze. Die ist nicht zu ändern, das ist auch eines von den Dingen, das nicht zu ändern ist. Aber ansonsten, na ja, wie gesagt, das war halt früher, das war einfach der Feind, der da drüben war. Und wir waren herüben. […] Nach uns kommt nichts mehr, weil das, was jenseits der Grenze war, das war nicht mehr existent, wir durften da ja nicht rüber. Das war einfach nicht erreichbar und von daher gesehen war an der Grenze die Welt einfach aus. Anders kann man das gar nicht beschreiben. Und auch heute noch fühle ich mich irgendwie abseits der Welt. Viel hat sich für uns nicht geändert. Mir geht es sogar noch schlechter als vor 1989. Zwar ist der Feind verschwunden, aber für mich hat das nichts gebracht.“ (57,w) Den lokalen Eliten zufolge beein? usst die Grenze deutlich das Selbstverständnis der oberpfälzischen Region. Sie steht zumeist sinnbildlich für neue Chancen, die sich für die Region und ihre Bürger ergeben. Die eigene Einschätzung, Brücke zwischen Ost und West zu sein, ist in den Aussagen der Befragten greifbar. Einige von ihnen, insbesondere mit universitärer Ausbildung, heben positiv hervor, dass die Oberpfalz gerade seit 1989 wieder eine richtige und echte Oberpfalz geworden sei, denn das „Bedrängte der Lage ist weggefallen. [...] die Oberpfalz ist zur Brücke erst geworden mit dem Wegfall der Grenze“. (59,m) Mit dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs sah sich der Regierungsbezirk wieder eingebettet in seine ihm historisch und geographisch zugewiesene Bestimmung, eine Heimat zu sein, die „über Jahrzehnte mit dem Rücken zur Wand leben musste, aber sich schon früh den Wandlungen bei den Nachbarn im Osten öffnete und jetzt in der Mitte Europas liegt.“ (59,m). „Die Oberpfalz ist ja direkt ein Puffer [zwischen West und Ost]. Das waren wir eigentlich von jeher. Bloß zur Zeit des eisernen Vorhangs, da ist es ja nicht nach Osten gegangen. Da hat man überhaupt keine Möglichkeit gehabt. (57,w) 216 Die Situation auf der tschechischen Seite: Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs standen die betreffenden Grenzregionen plötzlich vor der Aufgabe, Kontakte nach Deutschland zu knüpfen, also nicht mehr nach Kon? ikten, sondern nach Kooperationen zwischen Deutschen und Tschechen zu suchen. Sie zeigten eine positive Einstellung gegenüber verschiedenen grenzüberschreitenden Aktivitäten, die zur Beseitigung der Unterschiede zwischen den Nachbarn beitragen sollten und initiierten sogar selbst viele Schritte, die in der Gründung der Euregio Egrensis gipfelten. Die Zukunft ihrer Städte und Regionen sehen sie in der engen Zusammenarbeit mit bayerischen und sächsischen Partnern in den Grenzräumen, da auch diese strukturell schwächer seien und deshalb ähnliche Probleme hätten. „Hier gab es vor dem Krieg keine Sprachbarriere. Jetzt ist sie aber hier und wir müssen einfach die Kontakte knüpfen und p? egen. Wir müssen es anders machen als vor dem Krieg, denn heute gibt es hier kein Egerland mehr. Und es wird hier auch kein Egerland mehr geben. [...] Es verbindet uns gerade dieser niedrige Lebensstandard. Das gilt auch für die bayerischen Grenzgebiete. Sie sind zwar reicher als wir, aber im Vergleich mit dem Landesinneren ist es dort ähnlich wie bei uns. Das ist der negative Faktor unserer Grenzlage. Dieses Phänomen gibt es nicht nur bei uns sondern in ganz Europa. […] Allgemein gilt deshalb, wir sind beide etwas ärmer, deshalb sollten wir uns gegenseitig helfen.“ (48,m) Der betreffende Interviewpartner nimmt die Grenze zwar als eine natürliche Trennlinie zwischen Deutschen und Tschechen wahr, die jedoch nicht mehr als Bedrohung betrachtet wird, sondern als „normaler Bestandteil des Staates, der für alle und jederzeit zugänglich ist“ (48,m). Der Normalisierung in der Wahrnehmung ging, wie betont, ebenfalls eine Phase der Euphorie in den ersten Jahren nach der Grenzöffnung voran, bei der sich fast alle Befragten zunächst eine neue Qualität der Nachbarschaft versprochen hatten. Diese Zeit hat die Bevölkerung oft noch in frischer Erinnerung. Viele Menschen nahmen an Begegnungen teil, die entlang der ganzen Grenze zu Deutschland und Österreich stattfanden, fuhren zum Einkaufen in die bayerischen Städte, besuchten dort Schwimmhallen, Festspiele usw. „Im Jahre 1990 wurde die Grenze feierlich geöffnet und wir gingen zu Fuß zur Grenze, um uns anzusehen, wie es dort aussieht. Es war für uns ein großes Erlebnis. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass es überhaupt möglich sein kann“ (72,w). Ähnlich wie unsere Interviewpartnerin erlebten auch andere einen Kulturschock, als sie mit dem dortigen Alltag konfrontiert wurden. Diese Phase dauerte bei jenen nicht lange an, die von der Öffnung der Grenze nicht pro? tieren konnten. Man erkannte auf beiden Seiten zunehmend die realen Unterschiede in den Lebensstandards und Mentalitäten und stellte sich immer mehr mit dem Rücken zueinander. Die ökonomischen Unterschiede gerade der Haushalte wurden zu einer neuen Barriere, die Desinteresse und oft auch Angst hervorbrachte. „Als sich die Grenzen öffneten und wir endlich ausreisen konnten, haben wir gesehen, wie es im Westen funktioniert. Unser Verwandter in Selb war gewohnt, seine Garage nicht abzuschließen. Als wir zu ihm zum ersten Mal nach der 217 Wende gekommen sind, haben wir versucht, ihn zu überzeugen, damit er sie abschließt. Und er fragte mich, warum denn. Und heute? Heute schließt er immer ab.“ (65,w) „F: Welche Bedeutung hat für Ihren Alltag die Staatsgrenze mit Bayern? A: „Na ja, der Anfang war gut, das hat mir gefallen, aber heute habe ich keine Lust mehr, dorthin zu fahren. Ich habe dafür eigentlich kein Geld, um dort etwas zu kaufen. Und auch das Land interessiert mich eigentlich nicht.“ (49,m) Auch den 30-jährigen Interviewpartner aus dem Landkreis Tachov zieht es nicht nach Deutschland. Zwar lebt er nahe der Grenze, trotzdem war er aber nur einmal im Leben im Nachbarland. Die Öffnung im Jahre 1989 veränderte sein Leben kaum. Das einzige, was sich in seinen Augen etwas anders entwickelt hat, ist der Fremdenverkehr in seiner Stadt. Er bekannte: „Wissen Sie, für mich ist es eigentlich egal, ob die Grenze zugemauert war oder ob sie offen ist. Für mich ändert sich nicht viel. Ich war in Deutschland nur einmal im Leben. Und da musste ich noch meinen Pass vorweisen.“ (28,m) Ähnlich wie in Bayern überwiegt also auch in Tschechien Gleichgültigkeit gegen- über der Grenze. Sie spielt für die meisten keine bedeutende Rolle mehr, d.h. sie beein? usst nicht unmittelbar den Alltag. Trotzdem bleibt sie im kommunikativen Gedächtnis, und zwar insbesondere bei der älteren Generation. „Es steckt in uns die Tatsache drin, dass es hier die Grenze gibt und dass wir immer etwas nicht können. Insbesondere die älteren Bürger erleben es so. Aber unsere Enkelkinder werden es hier nicht mehr als Grenzland betrachten. Die Grenze wird hier aber für immer bleiben und wir werden immer die schlechteren sein.“ (72,m) „Wir waren hier die letzten vierzig Jahre immer in den Osten gedreht, deshalb kommt es mir normal vor, dass es hier die Grenze gibt. Heute ist es doch etwas anderes. Früher habe ich die Grenze überall gespürt. Heute, wenn ich zum Beispiel einkaufen gehe, dann merke ich sie nicht mehr.“ (41,m) Die Grenze wird dabei auch in Tschechien insbesondere von lokalen Eliten, zum Beispiel von der Intelligenzschicht als etwas angesehen, was über? üssig ist. Diese sozialen Gruppen pro? tierten dann auch am meisten von der Grenzöffnung, sie konnten als erste Kontakte mit Deutschland (z.B. Bayern, Sachsen) aufnehmen, eröffneten Geschäfte und Firmen usw. Andererseits gibt es darunter einige mit einem kritischen Blick auf die Entwicklung vor Ort. Ein Interviewpartner aus der Region Tachau ist sich zwar der Vorteile der neuen Freizügigkeit durchaus bewusst, bemerkt aber, dass nicht nur sein Land, sondern auch Deutschland, Bayern und Österreich (Bavoráci a Rakušáci) vom Wegfall des Eisernen Vorhangs pro? tiert haben. „Hier gab es einfach früher das beschissene Grenzgebiet, wo der Hund verreckt ist und wo 40 Jahre lang nichts war. Wir hatten hier zum Beispiel eine hohe Arbeitslosigkeit. Vor zwanzig oder dreißig Jahren lag sie bei 20 oder 30 Prozent. Die da drüben hinter der Grenze verdienten sehr viel an der Grenzöff- 218 nung, denn unser Markt war absolut ungesättigt. Viele Tschechen sind zum Einkaufen nach Deutschland gefahren. Und sie verdienten auch deshalb, weil wir eine völlig offene und liberalisierte Ökonomik ohne Barrieren waren. Sie haben daran einfach viel Geld verdient. Deshalb ? nde ich es nicht richtig, wenn gerade die Österreicher und Bayern bei unserem EU-Beitritt die Einschränkungen im Personenverkehr durchgesetzt haben. Ich kann es zwar zum Teil nachvollziehen, aber ? nde es nicht fair, dass wir nicht gleichberechtigte Partner werden können. Sie wollen ihre Einschränkungen, dabei pro? tierten sie von unserer Markt-Ungesättigtheit. Und für sie haben wir nach der Wende auch keine Einschränkungen eingeführt. Das haben sie schon irgendwie vergessen.“ (37,m) Im Vordergrund seiner persönlichen Sicht der Zeit nach 1989 stehen Unterschiede der deutschen und tschechischen Wirtschaft. Er kritisiert Deutschland (und Österreich) wegen der mit dem Beitritt Tschechiens zur EU verbundenen Einschränkung für Arbeitnehmer. Die Grenzregionen kämpfen freilich nicht nur damit, sondern außerdem auch mit einer Reihe von strukturellen Problemen, die im Landesinneren nicht bestehen, wie zum Beispiel mit der Kriminalität. Dazu kommt, dass Zigaretten und Benzin über die Grenze geschmuggelt werden. Darüber hinaus gebe es ein geringes Angebot an Arbeitsplätzen in traditionellen Industriebereichen (wie in der Textilindustrie in Aš/ Asch oder in der Holzverarbeitung in Tachov/Tachau und Klatovy/Klattau), die Verschmutzung der Umwelt als Folge der Öffnung neuer Übergänge (zwischen 1990 und 1996 wuchs der LKW-Verkehr in ?eská Kubice-Furth im Wald von 97.000 LKWs im Jahre 1990 auf 343.000 im Jahre 1996), die Ausnutzung der billigen tschechischen Arbeitskraft, die keine langfristige Perspektive für die Beschäftigung bedeutet, oder die Bedrohung einiger Tierarten (der Naturschutzpark Böhmerwald warnt vor einem weiteren Anwachsen des Verkehrs, der die Existenz der geschützten Luchse bedrohe) usw. Ähnlich wie der oben zitierte Befragte denkt eine große Gruppe von Bürgern der Grenzgebiete zu Bayern, die nicht glauben, dass unter diesen ungleichen Bedingungen in der Arbeitsmarktfrage eine faire Nachbarschaft aufgebaut werden könne. „Wissen Sie, das mit der Staatsgrenze wird oft bagatellisiert. Wir brauchen doch die Staatsgrenze. Wir hier im Egerland müssen uns doch gegenüber denjenigen in Selb und Hof abgrenzen. Dafür haben wir gute Gründe, auch historische. Die Unterschiede zwischen uns sind jederzeit spürbar und man kann sie kaum verwischen. Die Staatsgrenze trennt hier eigentlich zwei Welten, die vor allem im wirtschaftlichen Bereich sehr unterschiedlich sind. Wir können zwar darüber diskutieren, inwieweit die beiden Welten ähnlich sind oder inwieweit sie sich unterscheiden, aber wir sind einfach anders. Und deshalb brauchen wir die Staatsgrenze.“ (65,w) Die hier Befragte thematisiert zwar die Grenze offensiv, für den Alltag wird ihr jedoch kaum mehr Bedeutung beigemessen. Die Menschen von dort setzen sich vielmehr besonders mit der Sprachbarriere sowie auch mit der wirtschaftlichen Asymmetrie zwischen beiden Ländern auseinander. 219 „Ich gehe oft über die Grenze. Ich sehe es mir dort an, wie schön sie es dort haben. Aber dann gehe ich wieder zurück und ich kehre gerne wieder zu uns zurück, weil dort zwar alles so schön ist, sie haben dort bunte Gärten und saubere Straßen, aber was nutzt es mir, wenn ich es mir mit meiner Krone nicht erlauben kann. Wenn ich die Krone auf Euro umrechne, dann ist es klar, dass ich es mir nicht leisten kann.“ (68,m) Neben den unterschiedlichen ökonomischen Standards des bayerischen und böhmischen Grenzlands thematisiert die Interviewpartnerin den Faktor der Vergangenheit, oder besser gesagt, die Stereotypen und Fremdheitskonstruktionen, die bis heute ein Kon? iktpotential in den gegenseitigen Beziehungen darstellen. Die tschechischen Randgebiete werden paradoxerweise von einigen Befragten sogar als „Stoßstange“ angesehen, an welche die Deutschen sowieso einmal anschließen werden. Diese Auffassungen hängen seltsamerweise mit der Aktualität der sog. Sudetenfrage zusammen. Für Bayern und Tschechien sind also folgende Kategorisierungen der Wahrnehmung von Grenze bestimmend geworden: Der bayerischen und tschechischen Bevölkerung ist die Einstellung dazu vor 1945 gemeinsam. Damals handelte es sich um eine offene Grenze, die zwar zwei Länder getrennt hat, sie war aber keine Sprachbarriere, da in den tschechoslowakischen Gebieten zu Bayern überwiegend Deutsche gelebt haben. Mit dem Jahr 1945 veränderten sich ihre Rolle und somit auch ihre Wahrnehmung. Nach der Vertreibung und der Zwangsaussiedlung der deutschen Bevölkerung entstanden nicht nur eine Staats-, sondern eben auch eine Sprachgrenze. Außerdem ergab sich die kompromisslos trennende Funktion zweier ideologischer Welten. Die Bedeutung der Grenze wuchs insbesondere auf der tschechoslowakischen Seite, wo sie durch mehrere Maßnahmen zu einer unüberwindbaren Barriere gemacht wurde. In der Zeit von 1948 bis 1989 überwogen in der Wahrnehmung Angst und Gleichgültigkeit. Die Angstgefühle waren öfter in den Erinnerungen der bayerischen Befragten vorhanden. Sie fürchteten diese Grenzsituation eigentlich mehr als die Tschechen, weil sie freien Zutritt zur Grenze hatten und sehen konnten, wie dort die Befestigungen aus Stacheldraht, Hundelauf-Anlagen, Wachtürme und Selbstschussanlagen ausgesehen haben und wie die Schießbefehle befolgt wurden. Angst und Bedrohung prägten das Bild freilich auch im tschechischen Teil. Große Veränderungen geschahen mit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Auf beiden Seiten erlebte die Bevölkerung die Öffnung mit Begeisterung und Euphorie. Es wuchs deutlich das Interesse am Nachbarland, man war sich der Nachbarschaft sehr bewusst, zu sehr. Diese Euphorie ging allerdings schon nach kurzer Zeit auf beiden Seiten in Gleichgültigkeit über, die in Bayern etwas mehr zu spüren ist als in Tschechien. Im Blick auf die neue Lage sind in beiden Gebieten auch vermehrt emotionalisierte und extremere (positive wie negative) Einstellungen zu verzeichnen. In Bayern fürchtete ein Großteil der Bevölkerung den geplanten Wegfall der Grenzkontrollen, also die Eingliederung Tschechiens in den Schengener-Raum. Die noch vor dem Beitritt Tschechiens zur Europäischen Union verhandelten Übergangsregelungen, die unter anderem die Beseitigung der Kontrollen um mehrere Jahre verzögern sollten, 220 wurden auf der bayerischen Seite begrüßt (vom damaligen Innenminister Günther Beckstein) und als Schutz vor der billigen tschechischen Arbeitskraft wahrgenommen. 12.2 Der Nachbar Der jeweils „Andere“ war in die Selbstde? nitionen und biographischen Erzählungen der Grenzlandbewohner Bayerns und der Tschechoslowakei bis 1989 höchst unterschiedlich eingebettet. In den regionalen Identitätskonstruktionen der Bayern kam der tschechische Andere zumindest bis 1968 kaum vor. Erst mit der Niederschlagung des Prager Frühlings und der neuen Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel fand ein Umdenken statt. Der Nachbar wurde in den Alltagserzählungen erwähnt und schrittweise in das Bewusstsein integriert. Dies ist insbesondere in der Oberpfalz zu beobachten. Dort gewann der Gedanke, Brücke zwischen Bayern und Böhmen zu sein, für das regionale Selbstverständnis spätestens seit den Ereignissen des damaligen Augusts an Bedeutung. So kann man in den Interviews auch Hinweise auf slawische Siedlung und Traditionen des Raumes antreffen. In Tschechien dagegen spielte der westdeutsche „Andere“, hier als Bayer, immer eine bedeutende Rolle. Gegen ihn entfaltete das kommunistische Regime daher eine aggressive Propaganda, so dass ein Tscheche Westdeutschland und Westdeutsche entweder positiv als den freien Westen oder negativ als Imperialisten wahrgenommen hat, je nach politischer Einstellung. Die in dieser Zeit entstandenen negativen Stereotype sind bei einem Teil der eher linksradikal eingestellten Bevölkerung noch heute vorhanden. Die politische Wende in der Tschechoslowakei sowie die symbolische Durchtrennung des bisher undurchlässigen Grenzzaunes brachten die Bevölkerung auf beiden Seiten in eine unbekannte Situation. Sie lernten sich kennen und waren bei jeder Begegnung oder jedem Besuch des Nachbarlandes gezwungen, die bisher vorgefertigten Urteile zu überprüfen und zu korrigieren. Das Spektrum der Einstellung des „Anderen“ in den regionalen Denkschemata und in biographischen Erzählungen reicht vom weitgehenden Desinteresse bis zum Entgegenkommen. Versucht man, diese Wahrnehmung analytisch zu erfassen, kann vereinfacht von vier Handlungsorientierungen ausgegangen werden. Eine konsequente Zuordnung von Bildungsschichten oder Altersschichten zu einer von ihnen scheint nicht möglich zu sein. Gleichfalls ? nden sich beispielsweise Heimatvertriebene in allen vier Orientierungen wieder. Sehr wohl können aber jeder Kategorie bestimmte Wahrnehmungsmuster und auch Referenzräume von Identität zugeschrieben werden. Im Einzelnen handelt es sich um folgende Einstellungen: Abwehr: Die Wahrnehmung des tschechischen Nachbarn ist bei denjenigen Bayern, die in Ablehnung verharren, erwartungsgemäß erheblich von negativen Vorurteilen und Stereotypen geprägt. Beispielsweise wird konstatiert, dass Tschechen „es wie im Westen machen wollen, damit aber nicht umgehen können“ oder dass sie „faul sind“ (57,w). Praktisch ausschließlich bei Personen dieser Handlungsorientierung ist vom „Tschech“ oder Slawen die Rede. Mit diesem Wahrnehmungstypus setzt sich die kon-

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References

Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.