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Lukas Novotny, Der Eiserne Vorhang in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 203 - 211

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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203 bekam man zehn Kronen pro Woche. An den Werktagen waren alle im Reich und am Samstagmittag kamen alle zurück.“ (85,m) Aus seiner Lebensgeschichte ist mehrfach die Identi? zierung mit der Tschechoslowakei spürbar (ingroup: Und dann haben wir einen großen Fehler gemacht, denn wir ließen unsere Leute über die Grenze gehen). Deutschland betrachtet er als Fremdland. Er und seine Eltern waren über die Entwicklung des Nachbarlandes nach der Macht- übernahme Hitlers informiert. Der Befragte war kein entschiedener Kämpfer für oder gegen den Nationalsozialismus. Er hält es heute aber für einen Fehler, dass Sudetendeutsche zum Arbeiten hinüber gegangen sind, und er macht für diese Situation die tschechoslowakischen Organe schuldig, die in den mehrheitlich von Deutschen bewohnten Randgebieten der Ersten Republik die auf Grund der Weltwirtschaftskrise entstandene Arbeitslosigkeit nicht ausreichend bekämpften. Viele seiner Mitbürger deutscher Nationalität aus der Zwischenkriegs- und Kriegszeit identi? zierten sich jedoch nicht mit diesem Staat, wie man den Wahlergebnissen von 1935 und 1938 entnehmen kann, als die irredentistische und von Hitlerdeutschland ? nanziell unterstützte Sudetendeutsche Partei ihre Erfolge feierte. Für die Wahrnehmung der Grenze bis 1945 bedeutet das, dass sich diese Bürger verschiedentlich für ihre Nichtanerkennung eingesetzt haben. Spätestens seit 1938 sahen die meisten deutschen politischen Repräsentanten ihr politisches Ziel im Anschluss der Heimatgebiete an das Reich. Einige von ihnen kamen ins Reich, wurden dort von der auf vollen Touren laufenden antitschechoslowakischen Propaganda beein? usst, erhielten Waffen usw. Der Wunsch dieser Deutschen erfüllte sich – wie bekannt – mit der Unterzeichnung des Münchener Abkommens Ende September 1938. Die Grenze selber ist dann während des Zweiten Weltkrieges explizit nicht mehr thematisiert worden. Mit der Verschmelzung des Sudetenlandes mit dem Reich verschwand sie einfach. Bei ihrer Beseitigung fanden jedoch zahlreiche Feiern statt. 12.1.2 Der Eiserne Vorhang Der Eiserne Vorhang war der Umschlag ins Gegenteil. Jetzt entstand eine Grenze als unüberwindbare Barriere zwischen dem kapitalistisch sowie marktwirtschaftlich orientierten Westdeutschland und der Tschechoslowakei mit real-existierendem Sozialismus. Das System zwang die Menschen, umzudenken und ihre Lebenswelt neu zu de- ? nieren. Der alltägliche kleine Grenzverkehr, die Praktizierung eines Berufs im Nachbarland, die P? ege althergebrachter Traditionen wie grenzüberschreitende Wallfahrten, oder das verwandtschaftliche Band nach Böhmen oder Bayern hinüber - all dies gehörte jetzt der Vergangenheit an. Auf der einen Seite lebten die Guten, auf der anderen die Bösen. „Das war halt früher, das war einfach der Feind, der da drüben war. Und wir waren herüben. Ich meine, bei uns ist es ein gängiger Ausdruck, der Feind“ (57,w), wie eine Befragte aus der Oberpfalz erklärt. Die Bevölkerung auf beiden Seiten musste schnell lernen, die Unterscheidung zwischen diesen zwei ideologisch unterschiedlichen Welten als etwas Natürliches und De? nitives zu betrachten. Das Land am Rand 204 wurde zu einem Raum, dem man selten einen Besuch abstattete oder abstatten konnte. Die Lage beein? usste nachhaltig den Alltag in den bayerischen und tschechischen grenznahen Landkreisen. Die Bewohner dieser Regionen erlebten das als Bedrohung und fürchteten den Kontakt mit der Grenze. Der Kalte Krieg zwischen West und Ost war vor Ort kein abstraktes Bedrohungsszenarium, vermittelt durch die Medien, sondern war konkrete Alltagserfahrung. Auf der westdeutschen Seite des Eisernen Vorhangs entstand zwar kein Grenzstreifen, zu dem der Zutritt verboten war, trotzdem sorgte die Situation für Unruhe. Kaum jemand wagte es, sich am Anfang der Grenze zu nähern, denn die auf der anderen Seite zu hörenden Schüsse jagten den Menschen Angst ein. Falls sich dann doch jemand später näher heranwagte, wurde dies zu einem unvergesslichen Erlebnis, das in den Interviews oft erwähnt wird und bei manchen bis heute wirksam ist. Hier ein Beispiel: „Es waren Soldaten da, Grenzer, und es waren auch Selbstschussanlagen da. Und wie ich jetzt voriges Jahr mit, mit einer Gruppe nach Buchloe gegangen bin [...] und auf einmal waren wir auf dem verkehrten Weg. Und da hängen die Selbstschussanlagen, also die „Toten Augen“ hängen da noch überall herum. F: Ja? Heute noch? A: Heute noch. Ich meine, die sind nicht mehr in Betrieb, aber wir sind da direkt, das Stück da rauf, das sind wir direkt an der Grenze gegangen und man sieht sie überall. Die anderen haben das nicht gesehen, ich habe mich gehütet, das denen zu sagen. Aber die Augen von den Selbstschussanlagen, die hängen noch überall herum. F: Aha. Hat die Grenze noch heute für Sie so eine bedrohliche, so was Bedrohliches? Oder ist das nicht mehr so? A: Nicht mehr so. Aber es ist halt eine Grenze, und bevor ich die überschreite, gehört ein bisschen eine Überwindung dazu.“ (57,w) Die bayerische Grenzlandbevölkerung lernte während des Kalten Krieges, mit der Grenze zu leben und vor ihr sowie vor den Nachbarn Angst zu haben. Die Befragten thematisieren in ihren Erinnerungen allerdings öfter den Eisernen Vorhang zur DDR. Für das Angrenzen an die Tschechoslowakei „interessieren sich“ nur einige von ihnen, in der Regel diejenigen aus dem südlichen Teil des Untersuchungsgebietes, aus der Oberpfalz, oder jene, die in der unmittelbaren Grenznähe leben. Dazu eine weitere Meinung: „Die Grenze war ja schon da, als ich geboren wurde. Und von daher war sie für mich unabänderlich. Ich habe nie in meinem Leben daran gedacht, dass sie fallen könnte. Und ich hatte auch Angst vor der Grenze als Kind. Wie waren zwar näher an der DDR-Grenze, aber für mich war die tschechische Grenze ungefähr ähnlich. Man ist ja nicht hingegangen und hat die erforscht, wodurch sie sich unterscheiden. Wir haben nachts oder tagsüber manchmal gehört, wie Tiere auf Minen getreten sind, oder Schüsse gehört: Also als Kind hatte ich Angst. Und später habe ich sie akzeptiert, man hat sich damit arrangiert. Es war also die totale Überraschung, als sie dann ? el.“ (58,w) 205 „Wir wurden auch bespitzelt. Wir hatten ja Kontakte zu DDR-Bürgern: Mein Vater hat damals in Hof die Kasernen mit ausgebaut, da kamen im DDR-Fernsehen Bilder von den Bauarbeitern, die und die arbeiten an unserer Vernichtung, das sind Volksfeinde. Solche Sachen kriegt man natürlich als Kind mit. Man wusste, man ist ein leichtes Angriffsziel, und von daher war es auch Schutz vor Bedrohung.“ (49,m) Die Grenze stellte für diesen Interviewpartner sowie auch für viele andere einen gewissen Schutz dar, denn Angst jagte einem der Warschauer Pakt ein. Er wusste, dass es an der „Hohen Saas“ im militärischen Sperrgelände (Hof) eine Radarstation gab. Diese war von den Amerikanern in den 1960er Jahren errichtet worden und zählte in der Zeit des „Kalten Krieges“ zu den größten derartigen Einrichtungen in Europa. Von hier aus konnte man bis weit hinter den Ural sämtliche Truppenbewegungen registrieren. Den bayerischen Grenzregionen kam im Ost-West-Kon? ikt eine besondere Bedeutung zu, die in der militärischen Präsenz vor Ort zu spüren war. Neuansiedlungen von Militär wie in Regen (1960) oder der amerikanische Ausbau des bereits 1908 unter Luitpold von Bayern gegründeten Truppenübungsplatzes Grafenwöhr brachten in die wirtschaftlich schwachen Gebiete („Industrietote Zonen“430), die sich dazu noch über die Benachteiligung durch die bayerischen Landesregierung oder den Bund beschwert hatten, neue Impulse. Die Bevölkerung war sich sehr schnell dessen bewusst, dass diese militärischen Maßnahmen kein „Kriegsspiel“ der Politik sind. Sie selber erlebte dies insbesondere bei der Niederschlagung des Prager Frühlings, welche konkrete Angst auslöste. Überall dort, wo sich die Grenze nicht in Wäldern verbarg, sondern eingesehen werden konnte, ließen die Panzer auf der tschechoslowakischen Seite keine Zweifel daran aufkommen, dass der „gefürchtete Feind“ direkt vor der eigenen Haustür stand. Die Interviewpartner fühlten sich außerdem in ihrem Lebensraum beschränkt, da „die Fahrtrichtung nur die südliche war“ (58,w). Oder eben die westliche. Sie sahen sich eingebettet in den „Gürtel der Verteidigungslinie“.431 Die Grenzlandbewohner gewannen deshalb nach 1989 die „ungewohnte Freiheit in alle vier Richtungen fahren zu können“ zurück und haben dies auch ? eißig zum Reisen nach Tschechien genutzt. Die Tatsache, dass seinerzeit die Lebensräume um eine Himmelsrichtung reduziert waren, erwähnen viele Befragte. Unser 49-jähriger Interviewpartner aus dem Landkreis Wunsiedel sah die Grenze vor 1989 auch als etwas, was nicht mehr zu beseitigen war. „Durch die Geburt nach 1945 war für mich die Grenze als etwas Gegebenes, was man nicht abschaffen konnte. Also musste man mit der Grenze leben. Wir haben uns daran gewöhnt“ (49,m). Er konnte sich gar nicht mehr vorstellen, dass sie irgendwann verschwinden wird. Auch im Familien- und Bekanntenkreis wurde darüber nicht mehr diskutiert und wie er bemerkt, gab es bis zum Fall des Eisernen Vorhangs nur wenige Indizien dafür, dass dies 430 Vgl. Der Neue Tag vom 21. November 1950. 431 Geleitwort des Ersten Bürgermeisters Alois Reitbauer, in: Stadt Regen (Hrsg.): Festschrift anlässlich der Erhebung der Stadt Regen zur Garnisonsstadt 1960. Regen o.J. (1960), S. 8. 206 je geschehen würde. Einige Befragten unternahmen damals „Aus? üge“ zur Grenze „und da stand dann immer: gesperrt. Das war einfach auch so eine Attraktion, wir sind immer hingefahren und haben Besuchern gezeigt, hier ist Schluss. Da war für uns wirklich das Ende der Welt“ (46,w). Die meisten haben sich damals mit der Ost-West- Konfrontation abgefunden. Nur ganz wenige Einheimische versuchten während des Kalten Krieges Kontakt mit Tschechen aufzunehmen: „Die meisten von uns hatten den Stacheldraht vor Augen und hielten die Grenze für unüberwindbar. Auch da muss ich sagen, dass meine Frau und ich uns nicht gehalten haben an diese Stereotype, nachvollzogene, internalisierte Selbstabschottung, sondern wir haben schon in den 60ern, zur Zeit des Prager Frühlings einen Besuch in Prag gemacht. Und ich hatte auch einen ganz laufenden Kontakt zu Tschechen.“ (69,m) Und nun die andere Seite: Erinnerungen von tschechischen Befragten an die Jahre von 1945 bis 1948 sind nur selten vertreten. Die wenigen Zeitzeugen erwähnen oft, wie sie ebenfalls Aus? üge zur Grenze unternahmen und dort mit Polizisten und Menschen von der anderen Seite sprachen. In dieser Zeit gab es offensichtlich noch keine Sperranlagen, da in den Interviews zum Beispiel die Rede davon ist, wie die Vertriebenen noch heimlich hinüber gegangen sind, um aus ihren Häusern einige Sachen zu holen. Ein Interviewpartner aus dem Landkreis Eger erinnert sich noch daran, wie ihm „Bekannte erzählt haben, dass einige Sudetendeutsche auch deshalb heimlich wieder zurück gekommen sind, weil sie ihre Häuser niedergebrannt haben“. (72,m) Dies mag in Einzelfällen stimmen, in der Literatur wird darüber jedoch nicht berichtet. Die Aussage entspricht eher einem Vorurteil aus der Zeit des weit verbreiteten Hasses auf Deutschland und die (Sudeten-)Deutschen. „Hinter dem Stacheldraht“ (39,m), „hinter dem Zaun“ oder „das bayerische oder beschissene Grenzland, wo der Hund verreckt ist und wo es 40 Jahre lang tote Hose war“ (37,m) – das sind nur einige Beschreibungen der Situation, wie wir sie bei tschechischen Interviewpartnern im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg vor? nden. Die Grenze wurde als eine die bürgerlichen Freiheiten einschränkende Barriere wahrgenommen. Die westlichsten Landkreise der Tschechoslowakei erschienen als unattraktiv, sie hatten in der ganzen Republik ein schlechtes Image als Ort, „von dem man nicht weiß, was es dort überhaupt gibt und wem es gehört“ (41,m). In diesen neu zu besiedelnden Regionen akzentuierte die Staatsmacht die Wichtigkeit der Staatsgrenze als Schutz vor dem westlichen „Imperialismus“. Seit der zweiten Hälfte des Jahres 1949 verwandelte sie diese deshalb in einen undurchlässigen Wall. Im bayerisch-tschechoslowakischen Abschnitt mit einer Länge von 356 Kilometern wurde ein spezielles Überwachungssystem geschaffen. Die Schöpfer der Anlagen ließen sich bei der Sicherung der Undurchdringlichkeit von den Konzentrationslagern und Gefängnissen der nationalsozialistischen und kommunistischen Totalität inspirieren. In der Landschaft wurden bald die sogenannten Verbots- und Grenzzonen de? niert, innerhalb derer das Leben besonders geregelt war. Die Bewohner der unmittelbar an Bayern gelegenen Ortschaften mussten ihre Häuser verlassen. 207 Trotz vieler Einschränkungen und Bespitzelungen entstand im Laufe der Jahrzehnte bei den dort lebenden Bürgern eine authentische Grenzland-Identität. Zu ihrer Vertiefung bezog man sich vor allem auf die historischen Traditionen des Hussitismus oder des Chodenlandes, denn gerade in den betreffenden Zeiträumen der böhmischen Geschichte wurde großer Wert auf die Grenze und den Grenzschutz gelegt. Dieser nahm im alltäglichen Leben eine dominierende Rolle ein, da „man jederzeit gespürt hat, dass bei uns die Welt endet“. (41,m) Über die Situation vor Ort sprechen spontan insbesondere die Interviewpartner aus dem Süden des Tachauer Landkreises und die Bewohner des Ascher Zipfels. Die meisten geben zu, dass sie nicht exakt gewusst hätten, was dort geschieht, wie der Eiserne Vorhang konkret aussieht. Informationen erhielten sie im Laufe der Zeit von Soldaten des Grenzschutzes, die ab und zu etwas verraten haben. Die meisten zeigten gegen- über dem Eisernen Vorhang eine kritische Einstellung. Es gibt aber auch eine kleine Gruppe, die die Bedingungen an der Grenze zu Westdeutschland aus den Jahren 1948 bis 1989 für etwas Positives und Notwendiges betrachten. Hierher gehören jene Bürger, die Kommunisten waren oder beim Grenzschutz gearbeitet haben. Sie sahen darin eine bedeutende Funktion für die Bewahrung des Friedens. Für sie stellte Deutschland weiterhin eine potentielle Gefahr dar, deshalb unterstützten sie diese übertriebenen Verteidigungsmaßnahmen.432 Ein anderer Befragter zum Beispiel kam in den Tachauer Landkreis bei der ersten Welle der Neubesiedlung. Er erinnert sich, dass die Grenze damals noch offen war und erst nach 1948 gesperrt wurde. Die Ereignisse des Februars 1948 beein? ussten dann aber entscheidend die Entwicklung des Landes und somit auch des dortigen Gebietes. Sie lösten zahlreiche oft spontane Migrationen aus. Seit dieser Zeit überwogen in der Wahrnehmung dieser Situation auch auf der östlichen Seite Angstgefühle. „An der Grenze begannen die Probleme erst seit 1948 [...] bis 1948 konnte ich einfach ruhig entlang der Grenze spazieren. Ich ging oft über die Grenze auf das deutsche Gebiet und traf dort Deutsche, grüßte sie und sie grüßten mich. Dann kam das Jahr 1948 und da ? el der Eiserne Vorhang und das war´s. Da war Schluss für mich. Ich will es nicht allzu lange erklären, aber viele Menschen sind einfach aus verschiedenen Gründen über die Grenze ge? ohen.“ (66,m) „Wir wollten als Kinder in den Grenzstreifen gehen, aber wir hatten Angst. Der Zutritt war dort streng verboten, nur Förster konnten dorthin, wenn sie dort etwas mit den Bäumen machen wollten. Aber ein normaler Mensch, der dazu noch nicht ideologisch gut angeschrieben war, hatte keine Chance, einen Erlaubnisschein für den Grenzstreifen zu bekommen. Mich hat es auch nicht gelockt, was würde ich dort denn suchen? Soldaten mit Waffen?“ (70,w) Eine interessante und abenteuerliche Geschichte über einen illegalen Grenzübertritt wusste ein anderer Befragter aus dem Landkreis Tachau zu erzählen. Er selber führte 432 Vgl. Pravda (Plze?) 69/1955 vom 30. August, S. 3. 208 in den ersten Jahren des Eisernen Vorhangs als Schleuser eine Bekannte nach Bayern. Auch wenn die Flucht erfolgreich war, wurde er als Helfer entdeckt, worauf ihn die Staatssicherheit verhaftete und in den 1950er Jahren einige Male verfolgte. „Dieser Raum wurde sehr bewacht. Trotzdem habe ich ihr geholfen. F: Und haben Sie sie über die Grenze geführt? Klar, ich kannte es dort doch gut. Besser als der Grenzschutz.“ (84,m) Trotz des strengen Verbots konnten also einige Bürger in den von Soldaten bewachten Streifen gehen, meist diejenigen, die dort gearbeitet haben (insbesondere Förster). Andere drängten dorthin heimlich und auf eigene Gefahr. Mit der Zerstörung der Ortschaften an der Grenze wurde freilich die Entvölkerung der Gebiete fortgesetzt. Einen großen kulturellen Verlust bedeutete insbesondere die Beseitigung vieler wertvoller Gebäude, meist Kirchen. Während der Interviews verwiesen darauf insbesondere die älteren Befragten und altansässige Deutsche. Für die dortigen bis 1945 überwiegend von einer deutschen (und jüdischen) Bevölkerung bewohnten Gebiete sind damals meteorologisch lang andauernde und harte Winterzeiten typisch gewesen. Diese Naturbedingungen und die schlechte Infrastruktur verkomplizierten deshalb die Wiederbesiedlung zusätzlich. Die nach 1948 erfolgte Schaffung des Grenzstreifens mit eingeschränktem Zutritt für die Zivilbevölkerung hatte daher weitere Aussiedlungen zur Folge. Andererseits blieb eine kaum beeinträchtigte Umwelt mit vielen Naturschönheiten erhalten. Die Befragten lernten sie immer dann kennen, wenn es in diesem Gebiet zu Verschiebungen des Grenzstreifens kam. In dieser vordersten Linie handelte es sich um eine Zone mit stark eingeschränkten Zugangsmöglichkeiten. Es gab dort viele Stützpunkte der Grenzarmee, und die wenigen Gemeinden, die hier erhalten blieben, waren durchsetzt von Spitzeln. Die vorherrschenden Bedingungen und das „Zusammenleben“ mit dem Militär beein? ussten den Alltag äußerst negativ. Eine Befragte aus der Region Cheb nennt als Beispiel die Kirchenbesuche. Gläubige hat man verschiedentlich daran gehindert. Sie wurden dazu auch noch von der Geheimpolizei überwacht, wie sie sich erinnert. Sie war ursprünglich in die Region Cheb aus dem Böhmerwald gekommen. Der Grenzstreifen entstand erst nach ihrem Umzug. Dort in der böhmerwäldischen Heimat kannte sie die unmittelbaren Grenzgebiete nicht. Umso mehr habe sie sich gefreut, als der Streifen weiter nach Westen verschoben wurde. Zu seiner „Verkleinerung“ kam es im Jahre 1961 und sie beschreibt in unserem Interview ihre Eindrücke davon. Das Ereignis ist für sie bis heute so bedeutend geblieben, dass sie das für wichtiger hält als die spätere Grenzöffnung selbst. „F: Und die Grenze, wie sehen Sie ihre Öffnung im Jahre 1989? A: Ich habe hier nicht viel davon gesehen. Aber ich erinnere mich gut daran, als ich noch im Böhmerwald war. Dort hat man im Jahre 1961 den Grenzstreifen etwas in Richtung Grenze verschoben. Ein Teil öffnete sich deshalb. Die Natur war wirklich jungfräulich. Ganz unberührt. Das war sehr schön. Jetzt ist es alles so offen, also auch das Schöne hat sich geöffnet so, dass man es jederzeit besuchen kann. Heute ist alles zu viel offen, überall stoßen Sie auf Touristen und es werden dort neue Pensionen und Hotels gebaut.“ (83,w) 209 Wenn die Befragten darüber sprechen, dann ist bei den meisten zu spüren, dass sie heute oft gar nicht mehr erkennen, ob sie nun in der Nähe der Grenze leben oder nicht. Damals, vor 1989, waren die Einschränkungen dagegen auf Schritt und Tritt zu spüren. Ihr Leben blieb doch sehr eingeschränkt. Insgesamt lässt sich sagen, dass sich die tschechischen Befragten viel weniger dessen bewusst sind, dass sie in der Grenznähe leben als die bayerischen. Der Grund liegt unter anderem in der stärker ausgeprägten Grenzlandidentität der Bayern. „F: Spielt es noch heute für Sie eine Rolle, wenn Sie hier im Grenzgebiet leben? A: Das kann ich heute nicht richtig beurteilen. Heute eher nicht, aber bestimmt lebte es sich hier schlechter vor dem Jahr 1989, als es hier den Grenzstreifen gab. Da konnte man in verschiedene Orte nicht gehen wegen der Grenze. Aber heute spielt es, denke ich, keine Rolle mehr, ob man an der Grenze lebt oder nicht, weil man überallhin gehen kann. Auch über die Grenze. (38,m) Im nördlichen Teil des tschechoslowakischen Grenzlands zu Bayern verliefen zwar in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre und nach 1950 die Wellen der Wiederbesiedlung. Über die Zukunft des Ascher Zipfels war in Prag aber noch nicht de? nitiv entschieden worden. Die Region lag direkt an der Grenze und sollte deshalb ganz abgesperrt werden. Dabei war sie bis zur Vertreibung der Deutschen ein wegen der Textilindustrie reiches Gebiet mit mehr als 15.000 Einwohnern. Dort befanden sich noch in der zweiten Hälfte der 30er Jahre etwa 150 Kleinbetriebe, die Kleidung, Handschuhe und Spitzen hergestellt haben. Die Zahl der nach der Ausweisung der Deutschen im Ascher Zipfel Neuangekommenen war deutlich geringer als die der ehemaligen Einheimischen. Auch wenn dort relativ viele Deutsche als quali? zierte Fachkräfte zurückgeblieben sind, konnte man die Bevölkerungszahl aus der dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts bei weitem nicht mehr erreichen. Auf Grund des Mangels an Fachleuten mussten deshalb die neuen Machthaber etwa die Hälfte der Betriebe in der Textilindustrie schließen. Daran änderte die Versicherung der Prager Politiker nichts, dass die kommunistische Partei an der Erhaltung dieses traditionellen Industriezweigs im Ascher Zipfel enormes Interesse habe.433 Die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Ähnlich wie in den grenznahen Regionen des Tachauer Landkreises handelte es sich um einen nicht mehr zugänglichen Raum, zu dem man ohne spezielle Passierscheine keinen Zutritt hatte. Die Grenze schränkte somit das Leben der dortigen Bürger gewaltig ein. „Bei Házlov war eine Schranke und dort standen die Mitglieder des Grenzschutzes (péesáci), die sie nicht weiter fahren ließen. Wenn man nach Aš mit dem Zug gefahren ist, musste dort der Zug wie an der Grenze anhalten und alle ohne gültige Passierscheine mussten aussteigen.“ (41,m) 433 Dazu mehr in Pravda (Plze?) vom 28. Oktober 1978. 210 „Aš ist spezi? sch. Wenn Sie auf eine Karte schauen, dann sehen Sie, dass es ein kleiner Zipfel ist. Nach dem Krieg gab es hier immer wieder Tendenzen, die es hier schließen wollten. Einfach schließen und dort Ziegen züchten. Darauf haben sie dann verzichtet. In Haslau mussten wir Ausweise vorlegen wie an der Grenze. Dort endete der Grenzstreifen. Ich hatte in die damaligen Entscheidungen keinen Einblick, weil ich Deutsche war, aber es war klar, dass dort nur die Ausgewählten leben konnten.“ (65,w) Die Einwohner von Asch kritisierten das System der Passierscheine als Voraussetzung für den Übertritt in den Grenzstreifen. Ein Interviewpartner erinnert sich daran und sagt dazu, dass man dort „wie in einem Kä? g lebte“. (68,m) Erst in den Jahren 1957 bis 1958 ließ die Zentralmacht eine Studie zur weiteren Zukunft des sogenannten Zipfels einschließlich notwendiger Investitionen ausarbeiten. In dieser Zeit veränderte sich die Region grundlegend. Es verschwanden historische Bauten des architektonisch sehr wertvollen Stadtzentrums sowie auch ganze Dörfer in der Ascher Region. Die Stadt selber gehörte allerdings weiterhin zu den meistbewachten Orten in der ganzen Republik, über den Zipfel ? ohen nämlich Menschen aus der DDR in den Westen. In der Geschichte des Eisernen Vorhangs stellte, wie schon erwähnt, schließlich der Prager Frühling einen bedeutenden Einschnitt dar. Nach der Besetzung durch die Armeen des Warschauer Paktes wuchs die Zahl der Flüchtlinge nach Westdeutschland rasch an. Allein im August 1968 passierten illegal 55 Zivilisten und vier Uniformierte die Grenze. Das war etwa so viel wie in den sieben Monaten davor (57 Personen und vier Uniformierte).434 Vielen anderen ist die Flucht freilich nicht gelungen. Wie wir außerdem betonten, wollte man in der ganzen Zeit den tschechischen bzw. tschechoslowakischen Charakter der bis 1945 überwiegend von Deutschen bewohnten Gebiete unterstreichen. Deshalb entstanden an mehreren Orten neue Traditionen, die an den Hussitismus und die Choden anknüpften. Die Veranstaltungen waren meist mit Militärparaden, speziellen kulturellen Programmen, historischen Feierlichkeiten und Festspielen verbunden. In Tachau zum Beispiel fand ein historisches Hussiten- und Stadtfest bereits seit 1946 statt.435 Bis 1951 hatte das Ereignis keinen besonderen Charakter, es erinnerte allenfalls an die Choden-Traditionen. Ein großes Fest unter kommunistischer Regie sowie eine Parade des Grenzschutzes fanden jedoch im Jahre 1952 statt. Seitdem wurde alle fünf Jahre gefeiert.436 Hier zeigt sich, welchen mobilisierenden Charakter die Geschichte haben und wie sie zu politischen Zwecken ausgenutzt 434 Mehr dazu aus Sicht des bayerischen Polizisten Robert Bank: Das war der Eiserne Vorhang. Entstehung, Aufbau und Funktionsweise der Sperranlagen an der Westgrenze der ehemaligen ?SSR, in: Franz Amberger (Hrsg.): Grenzenlos. Straubing 2000, S. 16-29. 435 Vgl. Milada Krausová: Husitské války v historickém pov?domí obyvatel ?esko-bavorského pohrani?í. [Die Hussitenkriege im historischen Bewusstsein der Bewohner des böhmisch-bayerischen Grenzlands]. Domažlice 2000. 436 Vgl. Vladimír Býrut/Václav Jakl: Z historie oslav vít?zství husit? nad kižáky v bitv? u Tachova [Aus der Geschichte der Feiern des Siegs der Hussiten über die Kreuzritter in der Schlacht bei Tachau], in: Sborník okresního muzea v Tachov? 7 (1972), S. 1-12. – Pravda (Plze?) 66/1952 vom 22. August, S. 4. – Pravda 92/1957 vom 6. August, S. 1-2. 211 werden kann. Das Fest besteht bis heute (wieder alljährlich). Der politische Faktor sowie die Interpretation der Hussiten-Bewegung als revolutionärer Klassenkampf und ewiger Kon? ikt mit Deutschland sind allerdings verschwunden. Im Folgenden äußert sich ein 67-jähriger Gesprächspartner aus der Region Tachau, der im Grenzschutz tätig war. Er verteidigt die damals übliche Praxis wie die regelmä- ßigen Streifengänge, die Sicherung mit Elektrozäunen oder die Erschießung von „Ruhestörern“ und sieht darin etwas für die damalige Zeit ganz Normales und Notwendiges. Diesem Befragten kommt es auch nicht ungewöhnlich vor, wenn direkt an der Grenze mehrere Mahnmale stehen, die an Menschen erinnern, die beim illegalen Grenzübertritt ums Leben kamen. „Man hat zwar die Waffe benutzt, aber wenn jemand auf Sie schießen würde und Sie eine Maschinenpistole in der Hand haben, dann werden Sie dort nicht so lange warten, bis er Sie trifft. Sie benutzen einfach die Waffe. Alle Mitglieder des Grenzschutzes schwörten, die Grenze zu schützen. es war eigentlich ihre gesetzliche P? icht. Und sagen Sie selbst, welcher Staat schützt seine Grenze nicht? Ein solcher Staat verdient dann die Selbstständigkeit nicht, wenn er nicht die Grenze sichern kann. Also hier kann man einfach nicht sagen, dass man irgendwo nur so mit der Waffe herumläuft.“ (67,m) Wie emotional belastet das Thema des Grenzschutzes ist und wie intensiv darüber diskutiert wird, zeigte die Absicht des Rathauses in Cheb/Eger, ein Denkmal für die „Opfer des Eisernen Vorhangs“ zu errichten. Es sollte am Grenzübergang Svatý Kíž- Waldsassen errichtet werden als Erinnerung an über 90 Personen, die in der Region Cheb beim Grenzübertritt getötet wurden. Der geplante Gedächtnisort stieß bereits bei den Verhandlungen im Stadtrat im Jahre 2005 auf den Widerstand einer großen Gruppe ehemaliger Mitglieder der Grenztruppen und von links orientierten Politikern. Für sie hätte das eine Schändung ihres „Heimatdienstes“ bedeutet.437 Inzwischen steht aber das Mahnmal. 12.1.3 Die Zeit nach 1989 Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs geschahen an der deutsch-tschechischen Grenze große Veränderungen. Während der Kalte Krieg klar bestimmt hat, wer Freund und wer Feind war, begaben sich jetzt Deutsche und Tschechen – eigentlich zum ersten Mal im 20. Jahrhundert – auf die Suche nach Gemeinsamkeiten, auf die sie die Nachbarschaft gründen wollten. Es gab gemeinsame Events beim Durchtrennen des Grenzzaunes zwischen beiden Ländern. Um die ganze Welt ging das Foto von den beiden Außenministern Hans-Dietrich Genscher und Jií Dienstbier, das sie zeigt, wie sie im Dezember 1989 mit einer Riesenzange symbolisch den Stacheldraht durchschnitten. 437 Dazu beispielsweise Radni?ní listy m?sta Cheb [Mitteilungsblatt des Rathauses Cheb] vom März 2005. - Mladá fronta dnes vom 17. Juni 2005 (Regionalausgabe für den Karlsbader Bezirk).

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References

Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.