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Lukas Novotny, Der Dialog nach 1989 in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 191 - 194

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

Bibliographic information
191 Wenn die Befragten der östlichen Seite über die deutsch-tschechischen Beziehungen sprechen, wird das Jahr 1968 ausdrücklich gar nicht erwähnt. Einige von ihnen erinnern sich, dass Tachau und Eger von Truppen der DDR besetzt worden seien. Da aber die Anwesenheit deutschsprachiger Soldaten unter der Bevölkerung für Unruhe sorgte, zogen sie sich bald wieder zurück und in beide Regionen sind dann die Sowjets einmarschiert. Eine Befragte deutscher Nationalität freute sich über die Reformbewegung in der Tschechoslowakei und erinnerte daran, dass in Eger in den 1960er Jahren die ersten Zusammenschlüsse von Angehörigen der deutschen Minderheit statt? nden konnten. Diese Zeit wird als Lockerung bezeichnet. „Das haben auch wir hier im Grenzland gespürt. Die Menschen hielten hier zusammen, vorher hielten sie sich gegenseitig in Schach“ (72,w) Diese Aktivitäten der Deutschen wurden aber mit der Niederschlagung der Reform verboten, so dass of? zielle Begegnungen und die Gründung eigener Vereinigungen von Angehörigen der deutschen Minorität erst nach der politischen Wende 1989 möglich wurden. „Wir haben das Jahr 1968 in Deutschland erlebt. Nachdem wir in den Nachrichten gehört haben, was in der Tschechoslowakei passiert ist, wollten wir in Deutschland bleiben. In Aš sind jedoch unsere Eltern geblieben und nach den Erfahrungen des Jahres 1945 war uns klar, dass es ihnen sehr schlecht gehen würde, wenn wir nicht zurückgekommen wären. Uns war klar, dass sie sie verschiedentlich beeinträchtigen würden, weil sie Deutsche sind. Und dann erlebten wir etwas Paradoxes. Wir waren die einzigen, die in die andere Richtung gefahren sind, weil die meisten über die Grenze nach Westdeutschland strömten. Sie winkten aus dem Zug, hielten tschechoslowakische Flaggen, weinten und schrien dabei: Es lebe die Tschechoslowakei. Damals hat der ganze Bahnhof in Schirnding geweint. (65,w) 11.5 Der Dialog nach 1989 Der Dialog nach 1989 ist nach Einschätzung der Befragten zu viel von der Vergangenheit beein? usst. Darin sind sich Bayern sowie Tschechen einig. In diesen Vergangenheitsdiskursen existieren zumindest drei Akteure: Deutsche, Tschechen und Sudetendeutsche. Dabei ist ebenfalls noch zwischen Bayern und Sudetendeutschen im Blick auf die Geschichtswahrnehmung zu unterscheiden, denn einige historische Daten der deutschen und tschechischen Geschichte werden aus einem anderen Blickwinkel gesehen und betrachtet. Schließlich hält es ein beträchtlicher Teil der westlichen Nachbarn nicht für richtig, wenn die Sudetendeutschen Forderungen gegenüber der tschechischen Seite erheben. Abgesehen von diesen Diskussionen und der Suche nach der (den) Geschichtswahrheit(en) stellen die Kon? iktthemen ansonsten kein Hindernis für die Entwicklung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit dar (dazu mehr im Kapitel 12.2). Dabei interessieren sich die Bürger diesseits und jenseits der Grenze kaum für die zwischenstaatliche Ebene des deutsch-tschechischen Dialogs. Etwas mehr sind die tschechi- 192 schen Befragten über die Ereignisse der „großen“ Geschichte der Zeit nach 1989 informiert, was vorwiegend mit ihrem erhöhten Interesse an der Bundesrepublik und somit an den gegenseitigen Beziehungen zu erklären ist. Deutschland erscheint als Land, das vor allem in wirtschaftlicher Sicht ein Vorbild für viele Tschechen ist. Das bestätigen die repräsentativen Meinungserhebungen. Mit der Aussage „Von den Deutschen haben wir immer was zu lernen“ identi? zieren sich zwei Drittel der Gesprächspartner in den tschechischen Grenzgebieten.423 Was die Vergangenheitsdiskurse betrifft, so ? nden sich in den Aussagen der tschechischen Befragten Verweise auf die Deutsch-tschechische Erklärung von 1997. Ihr Text ist deshalb so bekannt, weil es während der langen Zeit der Verhandlungen über den Inhalt in den tschechischen Medien eine heftige Diskussion gegeben hat. Das Dokument trug schließlich zu einer gewissen Beruhigung der angespannten Situation unter den Bürgern der tschechischen Grenzgebiete bei, und zwar nach der Mitte der neunziger Jahre. Die vorherigen Ängste der breiten Schichten beruhten auf der scheinbaren Unfähigkeit der tschechischen Politik, in der Frage der Besitzrückgabe an die Sudetendeutschen entsprechend zu reagieren. Dazu zwei typische Aussagen der tschechischen Interviewpartner: „F:Sie haben darüber gesprochen, dass hier die Grenzen irgendwie wegfallen. Sehen Sie es an Ihrem Alltag irgendwie? A: Na ja, zwar ist die Grenze nicht da, aber die Menschen bleiben gleich. Wissen Sie, hier sind viele ohne Arbeit und die ganze Europäische Union und diese Sachen nehmen sie eigentlich fast nicht wahr. Ich weiß sehr gut, dass sich viele Sorgen gemacht haben, dass nach dem Beitritt zur Union gleich ein großer Anstrom der Sudetedeutschen kommen wird. Das ist aber, denke ich, schon vorbei. Sie kommen zwar vielleicht, aber die Menschen haben davor keine Angst. Das geht doch nicht, dass jemand kommen kann und sagt, dieses Haus gehört mir und du gehst weg. Wir haben doch mit ihnen irgendwelche Abkommen, wo gesagt wird, dass sie nicht zu uns kommen. Ich denke zumindest. Zum Beispiel die Deutsch-tschechische Erklärung, die uns einige Sachen garantiert. Also wir sind zu recht hier. Wenn es Unrecht sein sollte, dass müssten wir wirklich darüber nachdenken, ob es überhaupt Sinn macht, hier zu leben.“ (66,m) „F: Es sieht so aus, als ob die Erklärung die offenen Vergangenheitsfragen abgeschlossen hat. Gab es hier vor ihrer Unterzeichnung irgendwelche Befürchtungen wegen den Forderungen der Sudetendeutschen? A: Sicher. Viele, daran kann ich mich gut erinnern. Vor allem aber unter den einge? eischten Kommunisten, die nach dem Umbruch gemeint haben, dass sie [die Sudetendeutschen] einfach kommen und dass unsere Republik zu Ende gehen wird. Das war in der Zeit, als der Eiserne Vorhang gefallen ist.“ (61,m) 423 Vgl. Lukáš Novotný (Fn. 22), S. 170f. 193 Die bayerischen Interviewten wissen dagegen über die Deutsch-tschechische Erklärung praktisch nichts. Dass es sie gibt, ist nur einem kleinen Teil der Heimatvertriebenen bekannt, vorwiegend aus den nördlichen Landkreisen des Grenzraumes. Der Grund liegt auf der Hand: Viele Punkte beziehen sich darin auf die Situation der Heimatvertriebenen und die sudetendeutsche Presse hat darüber ? eißig berichtet. Im Unterschied zu ihrer politischen Repräsentanz, die das Dokument freilich abgelehnt hat, begrüßen die meisten befragten Sudetendeutschen (und ihre Kinder) seine Unterzeichnung. Sie halten sie jedoch ähnlich wie die deutsche Außenpolitik nicht für das letzte Wort zur sogenannten sudetendeutschen Frage und erwarten weitere Schritte der tschechischen Politiker. Ihr angestrebtes Ziel ist die Versöhnung, die mit Gesten zu erzielen sei. Diese sollen dabei keinesfalls in der Besitzrückgabe bestehen, sondern im moralischen Bereich als „Anerkennung des Unrechts“ (68,m). Die tschechischen Politiker sowie die meisten tschechischen Interviewpartner betrachten dagegen die Erklärung von 1997 bereits als Schlussstrich, der das Ende der Diskussion über die offenen Vergangenheitsfragen markiert. Quantitativ gesehen stellt der Text für nahezu die Hälfte der im Grenzraum lebenden Tschechen die „Grundlage der Lösung“ der beiderseitigen offenen Vergangenheitsthemen dar.424 Am Beispiel des Dialogs nach 1989 zeigt sich sehr prägnant der Unterschied in der Wahrnehmung der „großen“ und „kleinen“ Geschichte bei den Befragten aus Bayern und Tschechien. Die bedeutenden und für den weiteren Verlauf der nachbarlichen Beziehungen grundlegenden Ereignisse wie die Staatsbesuche oder den Freundschaftsvertrag von 1992 kennt praktisch niemand. Die meisten halten diese auch für gar nicht so wichtig. Ein Großteil der Gesprächspartner auf beiden Seiten der Grenze weiß jedoch, wann in ihrer Region der Stacheldraht beseitigt wurde, wann die Bürger ihrer Gemeinden mit den Nachbarn an der Grenze zum ersten Mal zusammengekommen sind, wann der nächste Grenzübergang eröffnet wurde usw. Diese lokalen Ereignisse beein? ussten ihre Lebenssituation sowie die Beziehung zum jeweiligen Nachbarland weit mehr als die Aktivitäten der Politiker in den Hauptstädten. Den euphorisch erlebten und mit dem Ende des Kalten Krieges zusammenhängenden Akt der Grenzöffnung dominiert paradox ein Vorgang, zu dem es zwar an der Grenze kam, der aber von der großen Politik initiiert wurde - die symbolische Durchtrennung des Stacheldrahtes durch die beiden Außenminister, Hans-Dietrich Genscher und JiUí Dienstbier. Für die Erlebnisgeneration war es „etwas Großes und Unvorstellbares“ (59,m), wie eine bayerische Befragte meinte. „Bis dahin konnte ich davon nur träumen, dass der Eiserne Vorhang irgendwann abgeschafft werden könnte“ (49,m), sagte ein Interviewpartner aus Tschechien. Mit der Beseitigung der Barrieren an der Grenze verschob sich der Dialog von den Zentren, soweit vorhanden, in die Regionen. Dort entstanden viele verschiedene grenzüberschreitende Aktivitäten wie etwa die Euroregionen oder Städtepartnerschaften. Die Zeitzeugen beschreiben diese ersten Kontakte ausführlich und verbinden damit die euphorischen Gefühle des damaligen Anfangs. 424 Lukáš Novotný (Fn. 22), S. 174f. 194 Der deutsch-tschechische Dialog erlebte in den neunziger Jahren freilich mehrere Höhen und Tiefen. Insbesondere am Ende des 20. Jahrhunderts war in Mitteleuropa wieder eine Tendenz zur Radikalisierung, das heißt zur Anwendung nationalistischer Rhetorik zu verzeichnen. Die Debatten um die sudetendeutsche Frage spitzten sich besonders zu, nachdem im Jahr 2000 in Österreich die Freiheitlichen Jörg Haiders (FPÖ) in die Regierung eingetreten waren und mit der Volkspartei eine Koalition gebildet hatten. Wien verschärfte daraufhin seine Kritik an der Vergangenheitspolitik der Tschechischen Republik und drohte schließlich mit der Blockierung der Verhandlungen beim Beitritt des Landes zur EU. Seitdem sind die Präsidialdekrete wieder zum bedeutenden Thema der Politik geworden. Sie wurden tschechischerseits zum Symbol der Verteidigung sogenannter „nationaler Interessen“. Beein? usst von der heftigen Debatte, die dort in den heftigen Äußerungen politischer Emotionen während der Wahlkampagne anlässlich der tschechischen Parlamentswahlen (2002) gipfelte, konnten sich die Befragten nicht vorstellen, dass die Dekrete je abgeschafft würden. Andererseits scheint festzustehen: Die gegenseitigen Beziehungen sind für die meisten Interviewpartner diesseits und jenseits der Grenze gut. Allein in Tschechien halten sie aktuell mehr als vier Fünftel der Grenzlandbewohner sogar für sehr oder mindestens eher gut. Nur jeder zehnte Bürger zeigt sich kritisch gegenüber dem jetzigen Stand der deutsch-tschechischen Nachbarschaft. Meist geht es hier um Menschen mit niedrigerem sozialen Status, also um Rentner, Arbeitslose und Bürger mit unterdurchschnittlichem Einkommen. Was die politische Orientierung betrifft, ? nden wir mehr Kritiker unter den linksorientierten Personen. Allerdings überwiegt auch bei diesen Gruppen die positive Bewertung der Beziehungen. Zutreffend äußerte sich zum Stand der Beziehungen ein 68jähriger Befragter aus der Region Aš: „Wenn hier jemand immer wieder zum Beispiel in den Zeitungen für Unruhe sorgt und schreibt, wie schlecht es steht zwischen Deutschen und Tschechen, so trifft es mich immer wie von einem Vibrator am Knie. Das kann mich richtig ärgern. Die Menschen müssen doch dafür bezahlt werden, sonst kann ich es mir nicht erklären. Ich kann es jedenfalls nicht verstehen, warum sie es sagen, weil hier bei uns, und ich kenne hier viele Menschen, ist es nicht so heiß. Das wird völlig über? üssig nur aufgeblasen, was der ganzen Sache nur schadet. Daneben kann ich auch Deutsch, so dass ich mich mit ihnen verständige und wir haben überhaupt keine Probleme. Wir haben schon Probleme, aber die lösen wir doch gleich. Aber die Vergangenheit ist es sicher nicht. Sie ist zwar noch nicht abgeschlossen und man sollte es irgendwie beruhigen, aber die Menschen, die ich an der Grenze kenne, die bewegt so was auch nicht. Wir können einfach miteinander ganz normal umgehen.“ (68,m) 11.6 Der Beitritt Tschechiens zur EU Die sog. Osterweiterung der Europäischen Union stellt für Deutschland und Tschechien ein bedeutendes Ereignis dar. Beide Länder gehören somit nach einer langen An-

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.