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Lukas Novotny, Protektorat und der Zweite Weltkrieg in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 167 - 174

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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167 Für einen gewissen Teil der tschechischen Bevölkerung stellt München jedoch weiterhin ein Ereignis dar, das die Betrachtung der Deutschen und vor allem der Sudetendeutschen negativ beein? usst. Diesen – ebenfalls meist älteren und politisch fast ausschließlich linksorientierten - Befragten zufolge waren sie die Hauptschuldigen. Deshalb seien ihre Vertreibung und Zwangsaussiedlung eine richtige Entscheidung gewesen, „weil sonst könnte es wieder zu einem neuen München kommen“ (66,m). Es kann vermutet werden, dass sich diese Gruppe mit der Zeit verkleinern wird. 11.2 Protektorat und der Zweite Weltkrieg Die Erinnerungen der Deutschen und Tschechen an die Jahre der NS-Zeit sowie der Vertreibung sind so leidvoll geprägt und oft gegensätzlich akzentuiert, dass sie bei den Betroffenen zum großen Teil bis heute lebendig geblieben sind und oft nur ansatzweise verarbeitet werden. Selbst die erste Nachkriegsgeneration von Deutschen und Tschechen ist durch die erzählten Erinnerungen in ihren Familien beein? usst. In Bayern wird das eigentliche Protektorat Böhmen und Mähren kaum spontan genannt. Wenn speziell danach gefragt wird, so stellt man fest, dass die jüngere Generation bis 40 Jahre oft gar nicht weiß, was das eigentlich war. Sie weiß aber, dass zu dieser Zeit „Deutschland einen Krieg gegen die Tschechoslowakei geführt hat und dabei viel Leid den Tschechen angetan hat“ (35,m) und dass dabei „bestimmt viele Menschen umgekommen sind in dieser Zeit.“ (47,w) Die bayerischen Interviewpartner beschäftigen sich freilich eher mit dem Nationalsozialismus. Er wird als „dunkle Zeit mit viel Verdrängung, Heimlichkeiten und Angst (40,w) bezeichnet. „Wo viele sagen, dass wir das nicht gewusst hätten. Meine Mutter hat mir immer erzählt, dass ihr Vater meine Großmutter immer zu Recht gewiesen hat, sie solle bloß den Mund halten, weil sie sie sonst abholen.“ (40,w) Die Befragten bringen die Hitlerzeit oft mit dem Nationalstolz in einen Zusammenhang. Eine 40-jährige Erzieherin beispielsweise distanziert sich davon: „Ich meine, ich kann zwar verstehen, wenn andere Menschen aus anderen Nationen Nationalstolz haben, aber ich weiß gar nicht, was das ist. Ich weiß gar nicht, auf was ich stolz sein soll. Ich ? nde es besser, wenn die Menschen in Frieden auskommen. (40,w) [...] „Wenn ich an meine Tochter denke. Ich habe immer gesagt: ich bin stolz auf mein Land, oder habe es nie so empfunden, ganz im Gegenteil. Ich habe mich immer geschämt, eine Deutsche zu sein. Aber meine Tochter ärgert das. Sie sagt, ich will auch stolz sein können auf mein Land, sie ? ndet das blöd, wenn wir jetzt die Gelackmeierten sind, bloß weil Hitler diesen Blödsinn gemacht hat, und jetzt alle auf uns herabsehen. Ich denke, die wollen das nicht mehr. Das hat sie sehr getroffen.“ (40,w) 168 „Wir Deutschen knabbern daran immer noch, was im Dritten Reich passiert ist und wir haben da noch ein schlechtes Gewissen. Selbst wir jungen Deutschen, obwohl wir das ja gar nicht verschuldet haben, nicht einmal unsere Eltern. Aber man ist sich dessen bewusst, dass damals ein riesiges Verbrechen stattgefunden hat und das kann man auch nicht so einfach abschütteln irgendwo. Das hat es gegeben und das muss bewältigt werden. F.:Wie denken Sie über diese Zeit? A: Schlimm, ganz schlimm war das. […] Das war in meinen Augen ein riesiges Verbrechen was den Menschen angetan worden ist und man kann nur hoffen, dass nie mehr so etwas passiert. F.:Wie stehen Sie dazu, dass diese Schuld immer weiter gegeben wird? A:Finde ich nicht gut. […] Ich denke, die Deutschen sind sich schon der Schuld bewusst.“ (37,w) Die Debatte der letzten Jahre zeigt, dass in Deutschland stolz oder sehr stolz respektive überhaupt ein Deutscher zu sein, nicht nur die Rechtsextremisten betrifft, sondern auch breite Bevölkerungsschichten. War der Satz „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“ lange Zeit vor allem trotziges Erkennungszeichen rechter Skinheads, trifft er inzwischen längst beim Großteil der Bevölkerung auf Zustimmung. Während noch 1996 in der ALLBUS-Umfrage 64 Prozent der Befragten ab 18 Jahren bekundeten, sie seien „sehr“ oder „ziemlich stolz“, Deutsche zu sein, waren es vier Jahre später bereits 73 Prozent. Unter Jugendlichen ist der Nationalstolz zwar deutlich schwächer ausgeprägt, aber auch hier ist in den letzten Jahren ein Anstieg festzustellen.405 Die oben zitierte 40jährige Erzieherin wünscht zwar, dass „wir irgendwann dazu übergehen, dass das ein ganz normales historisches Ereignis wird für die jüngeren Leute“ (40,w), sie ist allerdings davon überzeugt –damit spricht sie wie die Mehrheit der Befragten in den bayerischen Grenzgebieten -, für ihre Generation werde es dazu nicht mehr kommen. Andererseits bemerkte sie – neben einigen anderen Interviewpartnern -, dass die Generation ihrer Kinder zur NS-Vergangenheit bereits einen viel größeren Abstand einnehme. „Meine Tochter sagt immer: Das ist Geschichte, so wie für uns Napoleon Geschichte ist.“ (40,w) An repräsentativen Befragungen zur Nazi- Verganganheit kann man diese Entwicklung tatsächlich nachweisen (s. unten). Die betreffende Erzieherin hält es außerdem für wichtig und richtig, wenn die Erlebnisse von der einen an die nächste Generation weitergegeben werden. Die meisten Befragten sehen dies jedoch nicht so und meinen, die junge Generation dürfe damit nicht mehr belastet werden. Das gelte auch für die Beziehungen zur Tschechischen Republik. Ihnen zufolge sei es nicht fair, wenn andere Nationen, auch die Tschechen, den Deutschen immer wieder die NS-Verbrechen vorwerfen. „Und die Kinder wollen das gar nicht so. Denen hängt das zum Hals raus.“ (37,w) Die nationalsozialistische Vergangenheit hat nach Ansicht der Befragten im bayerischen Grenzraum für die Beurteilung der Deutschen durch die Tschechen also eine eigene Bedeutung. Dass der Nationalsozialismus dabei für das Ausland heute noch eine große Rolle spielt, gaben in einer 2000 bundesweit durchgeführten repräsentati- 405 Klaus Ahlheim/Bardo Heger (Fn. 10), S. 25. 169 ven Meinungsumfrage insgesamt 59 Prozent der Deutschen an und 34 Prozent glaubten, dass er keine so große Bedeutung mehr hat.406 In der Frage nach der Aufarbeitung dieser Vergangenheit sowie des Zweiten Weltkriegs mag es sicher überraschen, dass ein Teil der mittleren Generation zwischen 40 und 60 Jahren die Art und Weise kritisiert, wie man sich in der Bundesrepublik mit dem geschichtlichen Erbe auseinandersetzt. Hierzu typische Aussagen der Vertreter der älteren und mittleren Generation: „War ich noch Zeitzeuge, zweiter Weltkrieg, mein Vater hat teilnehmen müssen, ist Gott sei Dank unbeschadet körperlich daraus hervorgegangen. Der zweite Weltkrieg hat Europa zerstört und die Aufarbeitung dieses Wahnsinns müssen wir jetzt noch tun, das dauert eben wie gesagt noch Generationen, bis das, was da zerstört worden ist, einigermaßen wieder gut gemacht worden ist, wobei die menschlichen Schicksale, die Millionen Menschen, die gestorben sind, die sind weg. Aufarbeitung? Gelungen ist, dass Frieden herrscht in erster Linie, gelungen ist, dass sich die einzelnen Kriegsteilnehmer, die Länder wieder näher gekommen sind, dass sie Freundschaften geschlossen haben, dass sich die Menschen nicht mehr hassen, dass die Menschen nicht mehr den Feind sehen, dass sie kein Feindbild mehr haben und das baut sich langsam ab.“ (63,m) „Für mich als Bube, war der Krieg sehr interessant. Die Durchsagen haben mich begeistert. Voreingenommen durch die Leiter vom Jungvolk. Kein Unterricht, wir konnten draußen sein. Einen Luftangriff habe ich miterlebt. Der Einmarsch der Amerikaner. Wir waren halt unvoreingenommen, sind hinter dem Panzer her, bis uns die Mütter rein geholt haben. Der Krieg war für uns junge Burschen interessant, das war ja von oben gewollt, dass man hinein wächst in dieses Kriegshandwerk.“ (68,m) „Mein Vater war Pilot im Weltkrieg, war in amerikanischer Gefangenschaft. Insofern für die Region, wie auch für mich, ein katastrophaler Einschnitt, für die Politik, für die Menschen. Und für die Region natürlich eine hemmende, bremsende fast tödliche Wirkung.“ (59,m) F: Dann sehen Sie keine richtigen Phasen der Aufarbeitung? A: Das wurde nicht richtig aufgearbeitet. F: Was könnte man anders machen? Was könnte man mehr aufarbeiten? A: In den Schulen könnte schon mehr gemacht werden. Wir haben in der Schule schon ausgiebig darüber gesprochen. Aber es gibt immer noch so viele, die behaupten, dass das nicht stimmt, Holocaust und so. Ich denke, man müsste da mehr drauf eingehen, mehr drüber reden und intensiver. Vielleicht auch Zeitzeugen dazu einladen. Es gibt ja nicht mehr viele. Wenn man noch lange wartet, dann sind die alle gestorben. Dann ist niemand mehr da, der das weitergeben kann. Im Fernsehen läuft jetzt immer viel, bloß ich kenne auch viele Leute, die grundsätzlich keine Dokumentar? lme ansehen. Ich 406 Wilhelm Bürklin/Christian Jung (Fn. 394), S. 677f. 170 weiß nicht, ob das dann gesehen wird, wenn sich die Leute nicht dafür interessieren, auch weiß ich nicht, wie man sie motivieren kann, sich damit zu beschäftigen. (40,w) „F.: Wie ging man mit dieser Vergangenheit um? A.: Sehr unterschiedlich, wie die Menschen selber zum Nationalsozialismus eingestellt waren. Ich habe auch vor wenigen Jahren noch die Äußerung gehört, bei Hitler hätte es das nicht gegeben. Und andere wo in der Familie schon traditionsgemäß der Widerstand da war, oder das Sehen zumindest, dass das nicht richtig ist. Da wurde dann auch darüber gesprochen und bei den anderen ist auch sehr viel verdrängt worden. Es ist halt gar nicht drüber gesprochen worden. (47,w) Wie aus meiner Untersuchung hervorgeht, ist die bundesdeutsche Öffentlichkeit in der Frage nach dem Schlussstrich unter die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus gespalten. Die dauerhafte Aufarbeitung der NS-Vergangenheit wurde immer wieder durch so genannte „Schlussstrichdebatten“ herausgefordert. Während gemäß den qualitativ gewonnenen Daten eine Mehrheit einen solchen wünscht, überwog der Erhebung des Instituts für praxisorientierte Sozialfoschung von 2000 zufolge noch die Meinung, dass die Deutschen keinen ziehen sollten (52 Prozent). 43 Prozent sprachen sich dafür aus. Bereits im Jahre 1995 fragte jedoch das Allensbacher Institut für Demoskopie: „Kürzlich sagte jemand: Heute, fünfzig Jahre nach Kriegsende sollten wir nicht mehr so viel über die Nazi-Verganganheit reden, sondern endlich einen Schlussstrich ziehen. Würden Sie sagen, der hat recht oder der hat nicht recht?“. Damals meinten bereits 59 Prozent der Antwortenden (63 Prozent in den alten und 41 in den neuen Bundesländern): Der hat recht.407 Ein ganz ähnliches Ergebnis hatte auch schon eine Emnid-Umfrage von 1991 erbracht. 66 Prozent der Befragten im Westen und 46 Prozent im Osten waren der Auffassung, „46 Jahre nach Kriegsende sollten wir nicht mehr soviel über die Judenverfolgung reden, sondern endlich einen Schlussstrich unter die Verganganheit ziehen“.408 Noch in den neunziger Jahren befanden sich die meisten Schlussstrich-Anhänger unter der älteren Generation. Ihr Anteil betrug in der Emnid-Umfrage 70 Prozent unter den Gewährsleuten ab 60 Jahren, gegenüber 53 Prozent unter den 18- bis 29jährigen. Eine repräsentative Forsa-Befragung im Auftrag der Wochenzeitschrift „Die Woche“ vom Mai 2000 signalisierte für den Westen der Republik jedoch eine Trendwende. Die Schlussstrich-Mentalität war zum ersten Mal unter den 19- bis 29jährigen mit 69 Prozent weit stärker verbreitet als unter den Westdeutschen ab 60 Jahren, von denen 53 Prozent den Schlussstrich wünschten. Unter den 15- bis 17jährigen teilten dies sogar 81 Prozent.409 Die bisher neuesten Erkenntnsise zum Thema „Schlusstrich“ bietet die Studie „Deutsche und Juden“ der Bertelsmann- Stiftung von 2007. Ihr zufolge fordert die Mehrheit der Deutschen (58 Prozent) im 407 Vgl. Elisabeth Noelle/Renate Köcher (Hrsg.): Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie. Bd. 10: 1993-1997. München 1997, S. 518. 408 Vgl. Mehr verdrängt als bewältigt? In: Der Spiegel, Nr. 3 vom 13.1. 1992, S. 52-66, hier S. 65. 409 Klaus Ahlheim/Bardo Heger (Fn. 10), S. 25. 171 Hinblick auf die Judenverfolgung einen Schlussstrich unter der Vergangenheit zu ziehen. Allerdings ist dieser Anteil seit 1991 leicht gesunken (um vier Prozentpunkte). Auffällig ist im Trendvergleich die Zunahme des Anteils der damaligen Schlussstrich- Gegner von 20 Prozent auf 37 Prozent im Jahr 2007. In der Studie verlangen deutlich mehr Westdeutsche (60 Prozent) einen Schlusstrich unter der Vergangenheit als Ostdeutsche (50 Prozent).410 In meiner qualitativen Feldstudie aus den bayerischen Grenzgebieten bestätigte sich diese Trendwende ebenfalls. Für die jüngeren Befragten sei die Nazi-Verganganheit sowie die „Routine des Beschuldigens“ eine gewisse Belastung, „mit der wir jedoch leben müssen“ (25,w). Ein Interviewpartner aus der Oberpfalz weist in einem ganz anderen Zusammenhang darauf hin, dass die Tschechoslowakei nach 1933 viele Juden sowie deutsche Antifaschisten und Sozialdemokraten aufgenommen habe. Bekannt ist auch die Emigration Thomas Manns in die Tschechoslowakei. Wenn solches Wissen bei den Befragten überhaupt vorkommt, dann ist es nur bei denjenigen mit dem höheren Bildungsgrad vorhanden. „Was also schon interessant war, auch hier vor Ort, grad nach 1933, dass also da viele Sozialdemokraten, die in Amberg eben verfolgt waren, die ? üchten mussten, die halt in die Tschechoslowakei ge? üchtet sind. Und dass eben auch aus der Tschechoslowakei viele Flugblätter kamen, die in Amberg verteilt wurden, also eingeschmuggelt wurden, damals über die grüne Grenze. Von daher, das hat also für Amberg durchaus auch, speziell jetzt aus der Geschichte der sozial, äh, aus der Geschichte, der, des, des Widerstandes gegen die Nazis durchaus, äh, Berechtigung.“ (35,m) „Hitler“, „schlimm“, „viele Tote“, „Bomben“, „Ungerechtigkeit, viel Leid und starke Verwerfungen der Erde“, das sind nur einige der Konnotationen, die die bayerischen Befragten mit dem Zweiten Weltkrieg verbinden. Für sie war er eine „selbst verursachte Katastrophe“ (69,m), die „viel kaputt gemacht“ (17,w) und „zur Selbstzerstörung geführt“ habe (69,m). Einen Ausdruck der gestiegenen Aufmerksamkeit stellte in der Zeit unserer Interviews der Film „Der Untergang“ dar, auf den sich alle Altersgruppen oft bezogen. Damit verbanden sie meist Betroffenheit. Er hat offensichtlich zu Diskussionen über die NS-Vergangenheit insbesondere bei der jungen Generation beigetragen. „Die haben jetzt mit der Schule den Kino? lm „Der Untergang“ angeschaut. Das war schon ein einschneidendes Erlebnis. Obwohl wir auch schon vorher sehr viel darüber gesprochen haben. Aber jetzt sieht sie [die Tochter] es vielleicht doch ein wenig anders: Nicht nur, dass es ärgerlich ist für sie, sondern auch, dass es wirklich schlimm war, was damals passiert ist. F: Wie waren die Reaktionen der Schüler, als sie in Film „Der Untergang“ war? A: Betroffenheit. Meine Tochter sagte, es war totale Stille im Kino als der Film aus war. Keiner hat gesprochen. (40,w) 410 Vgl. Deutsche und Juden – Verbindende Vergangenheit, trennende Gegenwart? Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zum Deutschland-Bild unter Juden in Israel und den USA und zum Israel- Bild in Deutschland. Gütersloh/Berlin 2007, S. 19. 172 Ähnlich wie der Zweite Weltkrieg wird auch die Existenz der Konzentrationslager kritisch gesehen. Den Befragten ist die Gedenkstätte Flossenbürg nicht unbekannt, die sich in ihrer Nähe be? ndet, und wissen, dass es ein KZ war. Einige von ihnen haben den Ort mit der Schule besucht und kennen ihn seither. Typisch für alle Aussagen sind die Erklärungen eines 61 Jahr alten, nicht weit davon entfernt lebenden Mannes. „Schrecken und Schaudern“, sind seine ersten Worte. Er weiß auch, dass aus dem Lager Todesmärsche in Richtung Böhmen gegangen sind, bei denen viele Menschen umkamen. „Ich kenne die Gedenkstätte, ich kenne den Weg, wo die Menschen getrieben wurden von Bärnau rüber. Schrecken und Schaudern. Und ich ? nde, man kann den Jugendlichen, den heranwachsenden Kindern nicht eindringlich genug dieses vor Augen führen. Und dieser Makel in der Geschichte, der wird uns ewig verfolgen.“ (61,m) „Konzentrationslager. Grausam, ganz einfach grausam. [...] Es ist hinter vorgehaltener Hand immer wieder ein bisschen was durchgesickert. Aber es hat sich niemand was sagen trauen. Da sind ja dann die Märsche, kurz bevor der Amerikaner gekommen ist, sind ja die Märsche der Gefangenen weit durchs Land gezogen und man hat dann gesehen, die ausgemergelten Körper, die Todgeweihten, die sind ja bei den Märschen zusammengebrochen. Und es ist, man hat die Flossenbürger schon öfters befragt, ob denn da wirklich niemand was mitgekriegt hat. Das war also abseits im Wald. Man hat eigentlich nur von bestimmten Stellen aus reinschauen können und diejenigen, die dort beschäftigt waren, die haben sich gehütet, irgendwas zu sagen. Die haben ja nicht gewusst, ob sie dann nicht die nächsten sind. Die in der Gaskammer stehen.“ (57,w) „Flossenbürg ist so eine Sache, wir sind in der Schule mal in das KZ gefahren und haben uns das angeschaut. […] Also ich muss sagen, das war damals kein schöner Tag, wie wir da rauf gefahren sind, ich war auch nur einmal dort und ich bin auch nicht unbedingt scharf da nochmal hinzufahren. Ich denke als Weidener oder als Oberpfälzer, wo es ja wirklich sehr nahe liegt, sollte man einmal dort gewesen sein, aber das reicht dann auch wieder.“ (23,w) Einige, insbesondere jüngere Befragte, warnen im Zusammenhang mit dem Dritten Reich vor dem Anwachsen des Neonationalismus. Sie nennen als Beispiel die Bundesländer in Ostdeutschland und zeigen wegen der steigenden Zahl von Sympathisanten der NPD Beunruhigung. Sie meinen, man solle solche „Ausschreitungen gegen die Demokratie“ nicht dulden. Darüber wird gerade in Wunsiedel öfter gesprochen. Dort versammeln sich die Neonazis regelmäßig zu Festakten am Grab von Rudolf Heß. Hingewiesen wir auch auf den neuen Trend des Neonazismus, nämlich auf die immer mehr verbreitete Faszination der Jugend durch die neonazistische Bewegung. „1939? Da fällt mir der Nationalsozialismus ein und auch dieser Neonationalsozialismus. In Hof ist er komischerweise überhaupt noch nicht an die Öffentlichkeit getreten. Wo der auftaucht, ist Wunsiedel, ganz stark in Wunsiedel 173 durch den Heß-Todestag. […] Und der hat auch in Selb, glaube ich, gewohnt. In Selb oder in Schönwald hat der gewohnt. Und in Marktredwitz ist der Rechtsradikalismus ganz stark unter den Arbeitslosen vertreten und auch unter den Jugendlichen. Weil sie es einfach alle besser wissen.“ (32,w) Die tschechischen Befragten verurteilen ganz entschieden den Nationalsozialismus sowie den Krieg. Sie erwähnen die antitschechische Stimmung seitens des Dritten Reichs sowie die Gefahr einer unmittelbaren Vernichtung der tschechischen Nation, die von den Nazis geplant war. Über eigene Erlebnisse sprechen allerdings nur wenige, meist Bürger deutscher Nationalität. Denn die anderen Betroffenen haben den Krieg nicht in den Grenzgebieten erlebt oder sie waren noch nicht auf der Welt. Ein 86-jähriger Sudetendeutscher zum Beispiel erinnert sich, wie seine Mitschüler damals immer mehr und mehr den NS-Gedanken verfallen seien und wie vor dem Münchener Abkommen in seiner Gemeinde die Zahl der Henlein-Anhänger ständig gewachsen ist. Er erlebte den Krieg im Sudetengau. Der Krieg beein? usste ihn und seine Familie insofern, als es „den Eltern schlecht ging, dass sie noch mehr Not erleben mussten als während der Wirtschaftskrise“ (85,m). Symbol? guren des NS-Wahnsinns waren für meine Interviewpartner vor allem Henlein, Frank und Heydrich. Ähnlich wie in der eigenen Erhebung zeigt sich auch in den anderen tschechischen repräsentativen Meinungsumfragen, dass die NS-Zeit ein bedeutender Faktor ist, der auf die Qualität der gegenseitigen Beziehungen einen gewaltigen Ein? uss ausübt. In der Untersuchung des Soziologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften von 2005 vertreten diese Auffassung 63 Prozent der Grenzlandbewohner. Es fällt dabei auf, dass ein Großteil der Befragten in meiner qualitativen Erhebung die Hauptschuld für die Annexion der Sudetengebiete sowie für den Krieg bei den Sudetendeutschen sieht. Die Verbindung zwischen ihnen und der Zerschlagung der ?SR ist in den Augen der tschechischen Öffentlichkeit sicherlich mit ein Grund dafür, dass die Wahrnehmung der Vertriebenen nicht positiv ausfällt. In den Meinungsumfragen zeigt sich dies insbesondere darin, dass mehr als ein Drittel der Bevölkerung (im Jahr 2005 waren es 41 Prozent) damit auch die Vertreibung rechtfertigt.411 Die betreffende Einstellung ist zum großen Teil Folge der kommunistischen Propaganda, zum Teil entspringt sie jedoch den direkten Erfahrungen der Erlebnisgeneration. „Die Sudetendeutschen haben uns hier stark seckiert. Ich erinnere mich, wie ich noch in Prag war, dass ich dort öfter gegenüber einem oder mehreren Deutschen wie etwa der Hitler-Jugend begegnet bin. Da mussten wir als tschechisches Gesindel vor ihnen Buckel machen. Egal, ob wir fünfzehn oder siebzig Jahre alt waren. Die ehemaligen Hitler-Jungen sind heute sechzig Jahre alt. Und es war so, dass wenn man nicht den Kopf gebeugt hat, man sofort eine Ohrfeige bekommen hat. Also die Aversion gegenüber den Deutschen und gegenüber den Sudetendeutschen war hier einfach groß.“ (66,m) 411 Lukáš Novotný (Fn. 22), S. 171f. 174 Die Erlebnisgeneration erinnert sich ziemlich häu? g auch an die Todesmärsche, die vom Konzentrationslager Flossenbürg her insbesondere durch die Region Tachov kamen und weiter in Richtung Böhmerwald gingen. Der Böhmerwald stellte nämlich für die Nazis einen relativ sicheren Ort dar. Die Befragten haben die Bilder der neben den Straßen liegenden Toten noch im Kopf. Diese Erinnerungen verstärkten damals zunehmend den Hass gegenüber den Deutschen, der dann bei einem Teil der Bevölkerung in den übertriebenen nationalen Ausschreitungen während der Vertreibung gipfelte. Im Gegensatz zu den repräsentativen Umfragungen fürchteten meine tschechischen Interviewpartner nicht, dass in Deutschland der Nationalsozialismus wieder entstehen könnte. Zwar zeigten sie Empörung über die Vorgänge am Heß-Grab in Wunsiedel, sie bemerkten jedoch, es handle sich dort eher um Randgruppen. Der Neonationalsozialismus stellte für sie also keine Gefahr und Bedrohung der deutschen Demokratie dar. Dagegen zeigen eben die erwähnten repräsentativen Meinungsumfragen in den tschechischen Grenzgebieten, dass die Hälfte der Tschechen ein Wiedererstarken der rechten Szene im Nachbarland befürchtet. Andererseits behauptet etwa ein gleicher Anteil, dass sich das Land de? nitiv mit der Nazi-Vergangenheit auseinandergesetzt hat.412 11.3 Vertreibung und Neubesiedlung Die Heimatvertreibung wird bei den Interviews oft erwähnt. Eine große Rolle spielt sie in Erzählungen der tschechischen Befragten, die sich immer wieder darauf sowie auf die Zeit beziehen, als „hier noch Deutsche gelebt haben“ (22,m). In Bayern sprechen darüber besonders die Vertriebenen selber. Dazu kommen einige, die weniger die Vertreibung als vielmehr das Elend der regionalen Auffanglager erwähnen. Allgemein scheint das Thema im nördlichen Teil des bayerischen Untersuchungsgebietes sehr viel präsenter zu sein als in der südlichen Oberpfalz. Was die Landkreise Hof, Wunsiedel und Tirschenreuth betrifft, teilen die Befragten – besonders die Älteren - mehrheitlich die Meinung, dass den Sudetendeutschen „schreckliches Unrecht angetan wurde“ (49,m) und dass sie „schweres Schicksal hatten“ (53,m). Sie zeigen auch Verständnis dafür, dass die Vertriebenen „so sehr an der Vergangenheit festhalten“ (63,w), und halten dies für keinen Störfaktor in den deutsch-tschechischen Beziehungen. Sie schätzen außerdem sehr die „großartige Leistung“ (53,m), dass es nach dem Krieg gelungen sei, so viele Vertriebene zu integrieren. Diese Gesprächspartner antworten viel emotionaler und zeigen sich betroffener als diejenigen aus den Landkreisen in der Oberpfalz. Dass das Thema der Heimatvertreibung im nördlichen Untersuchungsgebiet öfter auftaucht, liegt zum einen daran, dass die Landsmannschaften und andere Organisationen der Vertriebenen dort viel aktiver sind als zum Beispiel in der Region Schwandorf, wie der Berichterstattung sudetendeutscher Medien zu entnehmen ist. Zum anderen ist aber auch nicht zu übersehen, dass die Integration der Heimatvertriebenen im Fichtel- 412 Ebd., S. 170f.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.