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Lukas Novotny, Die Nicht-Vertriebenen und ihr Schicksal in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 129 - 131

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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129 8.4 Die Nicht-Vertriebenen und ihr Schicksal Nach den großen Aussiedlungswellen blieben insgesamt höchstens 250.000 Menschen deutscher Nationalität im Lande zurück. Die of? ziellen Zahlen sprechen sogar nur von 160.000 Deutschen (zum Jahre 1950). Der Anteil an Minderheiten, der noch im Jahr 1930 32 Prozent betrug, erreichte nach der Volkszählung des Jahres 1950 lediglich 6 Prozent. Die Zahl der Tschechen und Slowaken im Lande war damit im Verhältnis entscheidend gestiegen und betrug im Jahre 1970 94 Prozent, während es im Jahr 1930 66 Prozent waren.328 Das Regime behielt vor allem den Kreis brauchbarer Fachleute zurück, ohne den eine ganze Reihe von Betrieben im ausgesiedelten und nur langsam neubesiedelten Grenzland produktiv nicht mehr weiterexistieren hätte können.329 Etwa 35 Prozent von allen nicht vertriebenen Deutschen blieben allein aus diesem Grund in der alten Heimat zurück. Eine weitere Gruppe, die etwa 50 Prozent ausmachte, bildeten Partner in nationalgemischten Ehen.330 Diese Personen verzichteten am schnellsten auf das Bekenntnis zur deutschen Nationalität und übernahmen die des Ehepartners, meist die tschechische oder slowakische. In die letzte Gruppe der Zurückgebliebenen gehörten auch Antifaschisten und Menschen ohne Eigentum. Die „zurückbehaltenen“ Deutschen haben es anfangs als Privileg betrachtet, dass sie nicht abgeschoben wurden. Sie hatten aber oft ein hartes Leben vor sich. Sie konnten vor allem nicht in ihren Häusern bleiben und verstreuten sich im Landesinnern. Dort mussten viele von ihnen Zwangsarbeit leisten. Falls man sie beim Deutschsprechen erwischte, wurden sie beschimpft, da ihre Muttersprache im kommunikativen Umgang verboten war. Schon im Jahr 1946 hat das tschechoslowakische Innenministerium gewarnt, die nichtvertriebenen Deutschen könnten freundschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen über die Grenze hinweg unterhalten. Deshalb sollten die unmittelbar an der Grenze lebenden ins Landesinnere umgesiedelt werden. Im Jahre 1947 verwarf zwar Klement Gottwald die These von der Kollektivschuld der Deutschen mit dem Ziel, sie für den sozialistischen Aufbau zu gewinnen. Denn viele von ihnen waren eben wirtschaftlich oder sonst unabkömmliche Personen. Aber selbst diese Deutschen hat man von wenigen Ausnahmen abgesehen wie alle anderen behandelt. Auf sie bezog sich die Enteignung, ein spezielles Präsidialdekret machte sie zu Staatenlosen.331 Teilwei- 328 Stephan M. Horak: Eastern European National Minorities 1919/1980. A Handbook. Littleton 1985, S. 2. 329 Vgl. Beate Ihme-Tuchel: Die tschechoslowakische Politik gegenüber der deutschen Minderheit und das Verhältnis zur DDR zwischen 1949 und 1960, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 44, (1996), S. 965-978. – Rudolf Hilf (Fn. 247), S. 112f. 330 Vgl. Heinrich Kuhn: Die kulturelle Lage der Deutschen in der ?SSR, in: Menschen vor dem Volkstod. 200 000 Deutsche in der ?SSR. München 1961, S. 49-58, hier 51. 331 „Ob?an?m n?mecké národnosti zapojených do odboje a uznaným antifašist?m z?stalo zachováno státní ob?anství podle § 2 dekretu 33/45, dalším ob?an?m na základ? jejich kladného postoje k republice a specialist?m jednotlivých pr?myslových odv?tví bylo státní ob?anství podle § 3 dekretu 33/45 vráceno. [Den Bürgern deutscher Nationalität, die in den Widerstand eingebunden waren, und allen anerkannten Antifaschisten blieb die Staatsangehörigkeit erhalten gemäß § 2 130 se erst durch die Regierungsverordnung Nr. 7 vom 13. April 1948 und 1953 durch Gesetz wurde den bis dahin immer noch staatenlosen Deutschen die Staatsbürgerschaft zwangsweise zuerkannt. Auch wenn die Mai-Verfassung von 1948 bereits staatsbürgerliche Rechte zusicherte, blieben die Deutschen gegenüber anderen Minderheiten jedoch weiterhin diskriminiert.332 In einem ziemlich beschränkten Maße waren im Laufe der 50er Jahre freilich unter dem Dach der Gewerkschaften wieder vereinzelte kulturelle Aktivitäten geduldet (es erschien auch die Zeitung „Aufbau und Frieden“). Die Nationalitätenpolitik wurde unter dem Referenzrahmen der Sozialpolitik „abgewickelt“. Bei ihrer Umsetzung für die deutsche Minderheit ging man vorsichtig vor, da es „Befürchtungen vor den möglichen Konsequenzen bezüglich der Deutschen gab.“333 Die Verfassung der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik vom 11. Juni 1960 und eine öffentliche Erklärung des Staatspräsidenten Antonín Novotný, wonach die Frage der Deutschen durch die Abschiebung nach dem Krieg ein für allemal „erledigt“ sei, bedeutete allerdings einen großen Rückschlag für ihre sich langsam entwickelnde Kulturtätigkeit. Der Stand de jure wurde in die Praxis umgesetzt. Während andere Nationalitäten erwähnt und ihnen Rechte eingeräumt waren (§ 25), wollte man die Deutschen weiter übersehen und damit unter anderem auch ausschließen. Ziel der tschechoslowakischen Politik war es, die in ihrer Heimat Verbliebenen innerhalb eines absehbaren Zeitraumes völlig zu assimilieren. Dies kam jedoch nicht ganz zur Ausführung. Erst der Reformschub von 1968 beseitigte die rechtlose Stellung der Deutschen in der Tschechoslowakei endgültig. Im Verfassungsgesetz über die Stellung der Nationalitäten (Nr. 144/1968 Slg.) vom 27. Oktober 1968 ist auch die deutsche nationale Minderheit als kulturell geschützt ausdrücklich einbezogen und anerkannt worden. Art. 3 sicherte allen Bürgern ungarischer, deutscher, polnischer und ukrainischer Nationalität das Recht auf Bildung in der eigenen Sprache, auf kulturelle Entfaltung, Benutzung ihrer Sprache im amtlichen Verkehr, Zusammenschluss in kulturellen gesellschaftlichen Organisationen und das Recht auf Presse und Informationen in ihrer Sprache zu. Wolf Oschlies kommentierte damals jedoch: „Vieles steht indessen nur auf dem Papier und die wenigen durchgeführten Unternehmungen können in der deutlich überalteten des Dekrets, allen weiteren Bürgern auf der Grundlage ihrer positiven Einstellung zur Republik und den Spezialisten einzelner Industriezweige wurde die Staatsbürgerschaft nach § 3 des Dekrets 33/45 zurückgegeben]. Vgl. Podklady Rady vlády pro národnosti ve dnech 28. a 29. dubna 1997 v Šumperku. Zpráva o postavení n?mecké národnostní menšiny v ?eské republice. Bod II. [Unterlagen für die Verhandlung des Rates für die Nationalitäten in den Tagen 28. und 29. April 1997 in Mh. Schönberg. Bericht über die Stellung der deutschen nationalen Minderheit in der Tschechischen Republik]. Unveröff. (Internes Material des Kulturverbands der Bürger deutscher Nationalität). 332 Vgl. Brunno Simma/Michael Steiner/Martin Kriele 1980: Menschenrechte für Deutsche in Osteuropa. Bonn 1980, S. 20-24. 333 Thomas Klete?ka: Tschechien, in: Brennpunkt Europa. Minderheiten im Kreuzfeuer des Nationalismus. München 1996, S. 249-252, hier 250. 131 und regional zerstreut lebenden deutschen Minderheit praktisch nichts bewirken.“334 Damals wurde auch über die Initiierung einer selbständigen kulturellen Institution der Bürger deutscher Nationalität beraten. Die Gründung musste sich allerdings wegen der Ereignisse des Prager Frühlings verzögern, so dass die Organisation Kulturní sdružení ob?an? ?SSR n?mecké národnosti [Kulturverband der Bürger der ?SSR deutscher Nationalität, im Folgenden Kulturverband] erst 1969 mit Sitz in Prag entstehen konnte. Dieser scheinbar positiven Entwicklung gebot allerdings die Ära von Husáks Normalisierung Einhalt. Den Spielraum für die Deutschen hatte man wieder eingeengt und es entstand das, was westliche Beobachter Anfang der 70er Jahre dramatisch als „Biafra des Geistes“ bezeichneten.335 In die Führungspositionen des Kulturverbands gelangten jetzt Kommunisten. Die Gründungsmitglieder, sofern sie die neue Lage nicht akzeptieren wollten, wurden dagegen völlig eliminiert. Der Verband erschien als Teil der Nationalen Front, es wurde die Politik der Neubolschewisierung eingeleitet. So entwickelte sich das Ganze – von den Initiatoren selbst als „Kind des Prager Frühlings“ genannt – zur Organisation der Deutschen. Als Presseorgan diente die Prager Volkszeitung. Mit Blick auf die ungünstige demographische Entwicklung wurden die Deutschen bereits in den 80er Jahren als „Gruppe ohne Zukunft bezeichnet“ – kurzum vor dem „Volkstod“ stehend. In deutschen Kreisen hat man oft mit pejorativen Ausdrücken über diese Restgruppe gesprochen. Zutreffend beschrieb die Lage der Gebliebenen in den 1980er Jahren Ortfried Kotzian, als ihm auf einem Friedhof eines kleinen Riesengebirgsdorfes eine Angehörige der deutschen Minderheit sagte: „Wissen Sie, meine Schwester und ich, wir sind gerne hier. Es ist so ruhig da und wir sind unter lauter Deutschen! Es waren die Toten gemeint, die auf dem Friedhof die letzte Ruhe gefunden haben.“336 334 Wolf Oschlies: Weniger Deutsche in der Tschechoslowakei, in: Aktuelle Analysen 8 (1981), S. 1-5, hier 4. 335 Vgl. Hans Lemberg: Nationale Minderheiten in der Tschechoslowakei, in: Georg Brunner/Hans Lemberg (Hrsg.): Volksgruppen in Ostmittel- und Südosteuropa. Baden-Baden 1994, S. 97-109, hier 100. 336 Ortfried Kotzian (Fn. 296), S. 395.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.