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Lukas Novotny, Die Vertriebenen in der bundesdeutschen Gesellschaft in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 115 - 118

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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115 der fünfziger Jahre immer noch keine diplomatische Vertretung im jeweils anderen Staat gab. Nichtsdestotrotz war Prag in den fünfziger Jahren um die Normalisierung der diplomatischen Beziehungen mit Westdeutschland bemüht. Es erhoffte sich davon die Bestätigung der territorialen Nachkriegsordnung und die Festigung des status quo. Die Bundesregierung reagierte jedoch nicht auf diese Kontaktversuche. Prag wiederum agierte mit dem Argument des westdeutschen Revanchismus. Bonn machte mit der Durchsetzung der Hallstein-Doktrin vom September 1955 ebenfalls keine Annäherungsgesten. Die westliche Politik legte vielmehr den Schwerpunkt auf die Offenhaltung der deutschen Frage. Die Außenpolitik ignorierte deshalb die mittel- und osteuropäischen Staaten, um in Westeuropa keine Ängste vor einem erneuten deutschen Sonderweg zu wecken. Bis auf die Sowjetunion wurden keine völkerrechtlichen Beziehungen zu Staaten aufgenommen, die die DDR diplomatisch anerkannten. Anders war die Beziehung zur sowjetischen Besatzungszone. Das war die Konsequenz der im Jahre 1949 erfolgten Entstehung der Deutschen Demokratischen Republik. Diese sah in der Demokratisierung der im selben Jahr gegründeten Bundesrepublik Deutschland eine Bedrohung der eigenen Staatlichkeit. Die DDR und die Tschechoslowakei hatten deshalb trotz unterschiedlicher politischer Entwicklung ein gemeinsames Interesse: den Kampf gegen den Westen.285 Ostberlin verzichtete dafür auf sämtliche territoriale Ansprüche und auf die Forderungen der Vertriebenen, von denen sie etwa ein Drittel aufgenommen hatte und deren Umsiedlung sie für unabänderlich, gerecht und endgültig bezeichnete. Die gegenseitige Zusammenarbeit entwickelte sich auf der Grundlage des „Prager Protokolls“ vom Juni 1950. Jegliches Kon- ? iktpotential wurde also unverzüglich beseitigt. Die Beziehungen gestalteten sich zwar nicht besonders herzlich, aber doch pragmatisch und kon? iktfrei. 8.2 Die Vertriebenen in der bundesdeutschen Gesellschaft „Deutschlands Problem Nr. 1: 12 Millionen Vertriebene“, so der Titel der Zeitschrift „Das Parlament“ vom 12. März 1952.286 Diese Zahl – einige Berechnungen gehen von 15 Millionen vertriebenen Reichs- und Volksdeutschen aus - bezog sich auf beide deutschen Staaten. Die Zahl der Bevölkerung in den drei Westzonen insgesamt war im Jahre 1948 im Vergleich zum Stand von 1939 trotz hoher Kriegsverluste um 6,2 Millionen angestiegen. Es bestätigte sich somit die Sorge der Briten und Amerikaner, die bereits vor der Zustimmung zum Transfer besorgt waren, ein umfangreicher und rascher Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen könnte große soziale Probleme verursachen. Bei der Volkszählung vom 13. September 1950 betrug der Anteil der Flüchtlinge und Vertriebenen, so die im Westen gesetzlich festgeschriebenen Bezeichnungen, in 285 Vgl. Adolf Müller/Friedrich Utitz: Deutschland und die Tschechoslowakei. Freudenstadt 1972, S. 87. 286 Vgl. Das Parlament. Die Woche im Bundestag 2, 1952, S. 1. 116 der Bundesrepublik 16,5 Prozent, also 8,1 Millionen.287 In Bayern waren es 15 Prozent.288 Nach der oben zitierten Ausgabe der Zeitung „Das Parlament“ übertraf die Zahl der Vertriebenen die Bevölkerungsgröße Australiens und war mehr als doppelt so hoch wie diejenige der Schweiz. Zum gleichen Zeitpunkt lebten in der DDR über vier Millionen Vertriebenen bzw. Umsiedler, wie der dort verordnete Begriff lautete. Mit fast 25 Prozent war der Bevölkerungsanteil der Vertriebenen dort höher als bei der Bundesrepublik. Während es im Osten keine besondere Umsiedlerpolitik gab, räumte man im Westen dem Vertriebenenproblem in Politik, Gesetzgebung und Verwaltung einen besonderen Stellenwert ein. Die Alliierten präferierten die möglichst schnelle Integration sowie Assimilation der Vertriebenen und sahen darin das Instrument, um die Gefahr einer Verzögerung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus des Landes zu bannen. Mit der Lage der Ausgewiesenen nach ihrer Ankunft in Deutschland befasste sich eine amerikanische Sonderkommission von Völkerrechtlern, die in ihrem Bericht eine Rückkehr der Flüchtlinge und Vertriebenen in ihre alte Heimat für unrealistisch hielt. Als Grund erschien dort insbesondere die schmerzliche Erinnerung an die Nazi-Herrschaft, die das kollektive Bewusstsein in den Ländern Mittel- und Osteuropas hinterlassen hatte. Deshalb drängten die Amerikaner auf die Ausarbeitung eines Vertriebenengesetzes, das die staatsbürgerliche Gleichstellung der Betreffenden mit den Einheimischen unterstützen sollte. In den Besatzungszonen herrschten Befürchtungen, dass sie sich eventuell leicht radikalisieren ließen und somit ein unerwünschter Nationalismus sowie Revanchismus entstehen könnten. In Westdeutschland entstand deshalb im Jahre 1949 das Bundesministerium für Angelegenheiten der Vertriebenen. Es hatte die Aufgabe, die zahlreichen Flüchtlinge und Vertriebenen zu integrieren, die Bereitstellung von Wohnraum und den ? nanziellen Lastenausgleich zu organisieren sowie sich um die Angelegenheiten der Kriegsgeschädigten zu kümmern.289 Dies gelang und so haben die aus dem Osten stammenden Deutschen einen erheblichen Teil beim Wiederaufbau und beim Wirtschaftswunder Westdeutschlands geleistet.290 Noch im Jahre 1949 startete das Statistische Landesamt Bayern eine Untersuchung zur „Rückkehrbereitschaft“ der aus dem sog. Sudetenland 287 In manchen Aufnahmegebieten wie in Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig Holstein oder Bayern zählten die Vertriebenen anfangs bis zu 45 Prozent der Gesamtbevölkerung. Als Vertriebene werden heute auch die auf dem Gebiet der westlichen Besatzungszonen geborenen Kinder und Eltern, die aus den ehemaligen von Deutschen bewohnten Gebieten stammten, bezeichnet. Vgl. Theodor Eschenburg: Jahre der Besatzung 1945-1949. Stuttgart u.a. 1983, S. 385. 288 Vgl.Thomas Grosser: Die Integration der Vertriebenen in der Bundesrepublik Deutschland. Annäherung an die Situation der Sudetendeutschen in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, in: Hans Lemberg/Jan Ken/Dušan Ková? (Hrsg.): Im geteilten Europa. Tschechen, Slowaken und Deutsche und ihre Staaten 1948-1989. Essen 1998, S. 41-94. 289 Vgl. Mathias Beer: Symbolische Politik? Entstehung, Aufbau und Funktion des Bundesministeriums für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, in: Jochen Oltmer (Hrsg.): Migration steuern und verwalten. Deutschland vom späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Osnabrück 2003, S. 295-322. 290 Thomas Petersen (Fn. 15), S. 17. 117 stammenden Neubürger und kam zu dem Ergebnis, dass nur noch 47,6 Prozent zurück in ihre Heimatländer ziehen würden.291 Darunter waren überwiegend Rentner, Unterstützungsempfänger und Bauern, ganz im Unterschied zu Handwerkern, Lehrern, Ärzten und anderen Berufszweigen, die ihr Wissen, ihre geschickten Hände und manchmal sogar das allernotwendigste Werkzeug mitnehmen konnten. Eine leichte Mehrheit der Sudetendeutschen schien also bereits keine größeren wirtschaftlichen und sozialen Probleme mehr mit der Integration zu haben. Außerdem war die Regierung Konrad Adenauers bemüht, die meisten Stimmen der Vertriebenen für sich zu vereinnahmen, indem sie eine Reihe von ihren Forderungen in die eigene Politik aufnahm. Erstens verabschiedete die Bundesregierung im Jahre 1952 das Gesetz über den Lastenausgleich, das den Vertriebenen eine Wiedergutmachung für ihr verlorenes Eigentum zusagte. Diese bis zur deutschen Wiedervereinigung größte ? nanzielle innerstaatliche Transaktion war während eines festgelegten längeren Zeitraums auszuzahlen. Sie verschaffte den rund auf ein Viertel der Bevölkerung angewachsenen Vertriebenen einen Ersatz für das Verlorene. Zweitens sorgte sie mit der Inkraftsetzung des Bundesvertriebenen- und Flüchtlingsgesetzes vom 19. Mai 1953 für den erblichen Status des Vertriebenen. Somit stieg die Zahl der Vertriebenen weiter an. Während es noch im Jahre 1950 7,8 Millionen gab, betrugen sie im Jahre 1970 bereits 13 Millionen.292 Das Ministerium wurde erst 1969 aufgehoben und seine Zuständigkeiten hat man auf andere Ressorts verteilt. Die Einrichtung hatte bis zum Berliner Mauerbau 1961 auch nach Integrationsmöglichkeiten für die Flüchtlinge aus der DDR in die Bundesrepublik gesucht. Unter ihnen befand sich eine nicht unerhebliche Zahl zunächst dort angesiedelter Vertriebener.293 Mehr als jeder fünfte Bewohner der Bundesrepublik war zum Beispiel 1961 ein Flüchtling oder Vertriebener.294 Die Art und Weise, wie dieser Personenkreis in der Zeit des Neuaufbaus eines demokratischen Staatswesens in Deutschland eingegliedert wurde, stellt heute ein interessantes Studienobjekt und einen wertvollen Erfahrungsschatz dar: Bei der ersten Generation der Heimatvertriebenen handelt es sich um jene Sudetendeutsche, die oft den Hass vieler Tschechen erlebten und schreckliche letzte Tage und Wochen in der Heimat verbrachten. Zu dieser Schicht gehören diejenigen mit einer klaren Erinnerung an die alte Heimat, weil sie dort einen wesentlichen Teil ihres Lebens verbrachten. Ihr Denken ist bis heute am stärksten geprägt vom Unrechtsbewusstsein, „von der Frage, wie es möglich sein konnte, dass man Millionen Menschen die Heimat nimmt und sie mit wenigen Kilogramm Gepäck unter unmenschlichen Bedingungen in eine unbe- 291 Vgl. Erich Später (Fn. 114), S. 81. 292 Heute gibt es keine Möglichkeit mehr festzustellen, wie viel Bürger in der Bundesrepublik Deutschland leben, die sich als Sudetendeutsche bekennen. Vgl. Eva Hahn: Die Sudetendeutschen in der deutschen Gesellschaft, in: Jörg K. Hoensch/Hans Lemberg (Hrsg.): Begegnung und Kon? ikt. Schlaglichter auf das Verhältnis von Tschechen, Slowaken und Deutschen. Essen 2001, S. 249-270, hier 251. 293 Vgl. Helge Heidemeyer: Flucht und Zuwanderung aus der SBZ/DDR 1949-1961. Die Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik bis zum Bau der Berliner Mauer. Düsseldorf 1994. 294 Vgl. Albrecht Lehmann: Im Fremden ungewollt zuhaus. Flüchtlinge und Vertriebene in Westdeutschland 1945-1990. München 1993. 118 kannte Zukunft schickt“.295 Das Streben dieser an der Tätigkeit der Sudetendeutschen Landsmannschaft oder des Bundes der Vertriebenen aktiv beteiligten Erlebnisgeneration bestimmt bis heute den politischen Willen, eine Wiedergutmachung des Unrechts der Vertreibung zu erreichen. In der Gefühlswelt der Betroffenen stellt das „Heimatgefühl“ ein bedeutendes Element ihrer Identität dar. Die große Gruppe bilden jene Vertriebenen, die noch eine vage Erinnerung an die Heimat haben oder unmittelbar nach der Vertreibung (zwischen 1945 und 1955) geboren wurden. Für sie war nicht die Vertreibung das prägende Erlebnis ihrer Jugend, sondern das Sichzurecht? nden in Deutschland, wo man „etwas anderes ist, aus unerklärlichen Gründen nicht dazugehört, in gewissem Sinne auf Grund dieses Andersseins auch diskriminiert wird und selbst alles tun muss, um möglichst nicht aufzufallen“.296 Sie hätten daher oft ihre Herkunft und Geschichte verdrängt und seien auf Distanz zu Organisationen gegangen, welche den Erinnerungen verhaftet waren und weiter sind, heißt es von diesen Sudetendeutschen. Die Enkelgeneration der Vertriebenen wiederum ist gekennzeichnet von der Wissenshaltung bezüglich der Herkunft ihrer Großeltern. Sie kann unbelastet fragen, weil sie nicht mehr den Identitätsproblemen der Elterngeneration ausgesetzt ist. Die Enkel sind somit eindeutige Bayern, Schwaben, Rheinländer geworden.297 Als Beispiel einer positiven Integration der Sudetendeutschen in die bundesdeutsche Gesellschaft gilt die Gründung von Neugablonz (heute Ortsteils von Kaufbeuren). Die abgeschobenen Deutschen aus der Gablonzer Gegend zeigten sich dabei auch in Deutschland der unmittelbaren Nachkriegszeit als kunstfertige Schmuckhersteller, denn sie stellten aus Abfällen entsprechende Gegenstände her. Gegen den Willen der Amerikaner, die die Vertriebenen über ganz Deutschland verteilen wollten, gründeten sie in Südbayern das neue Gablonz. 8.3 Organisationen der Vertriebenen Die ersten Vertriebenenorganisationen auf dem Gebiet des ehemaligen Deutschen Reiches wurden Anfang Juni 1945 in Hamburg gegründet. Sie hießen die Notgemeinschaft der Ostdeutschen und Hilfstelle für Flüchtlinge aus den Sudetengebieten.298 Angesichts der allgemein schlechten sozialen Situation der Betroffenen de? nierten sie sich als humanitäre Hilfseinrichtungen, die bei der wirtschaftlichen und sozialen Eingliederung der Angekommenen in das Alltagleben helfen sollten. Hier ist darauf 295 Ortfried Kotzian: Die Aussiedler und ihre Kinder. Eine Forschungsdokumentation über die Deutschen im Osten der Akademie für Lehrerfortbildung Dillingen und des Bukowina-Instituts Augsburg. Dillingen/Donnau 1991, S.83 296 Ebd., S. 84. 297 Ebd., S. 85. 298 Vgl. Linus Kather: Die Entmachung der Vertriebenen. Erster Band: Die entscheidenden Jahre. München/Wien 1964, S. 20ff.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.