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Lukas Novotny, Wilde Vertreibung und geordneter Transfer in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 106 - 112

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

Bibliographic information
106 wirkt dabei kontraproduktiv. Als Warnung erweist sich bis heute Václav Havels Entschuldigung für das Vertreibungsgeschehen, die von einem Teil der Sudetendeutschen als tschechisches Schuldeingeständnis gewertet wurde, der weitere Zugeständnisse hätten folgen müssen. Die Dekrete bleiben somit ein Politikum, ein erprobtes Mittel, um immer wieder in die Diskussion eingreifen zu können. 7.4 Wilde Vertreibung und geordneter Transfer Auf dem tschechoslowakischen Gebiet entstanden 1215 Internierungslager, 846 Arbeits- und Stra? ager sowie 215 Gefängnisse, durch welche mehrere Zehntausend Deutsche gingen. Diese verloren mit dem Dekret Nr. 33 über „die Regelung der tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft von Personen deutscher und magyarischer Nationalität“ vom 2. August 1945 die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft.262 Damit war der Endpunkt der Entwicklung zur schrittweisen Aberkennung der Staatsbürgerschaft erreicht. Die Internierung in den Lagern erfolgte oft spontan auf Grund einer Anzeige und ohne vorherige Untersuchung.263 Im Herbst 1945 lebten in diesen Lagern mehr als 150.000 Deutsche. Von ihnen sollten nach Tomáš Stan?ks Untersuchungen in den Jahren 1945 bis 1948 etwa 10.000 Personen sterben, meist infolge von Epidemien, völliger Erschöpfung und Altersschwäche. Eines dieser Lager war auch Theresienstadt, das aus einem Konzentrationlager der Nazis zu einem Internierungslager für die deutsche Bevölkerung umfunktioniert wurde. Auch nach dem Krieg herrschten dort also unmenschliche Bedingungen. „In die Kleine Festung wurden Deutsche des Landes und reichsdeutsche Flüchtlinge eingeliefert. Bestimmt gab es unter ihnen welche, die sich während der Besatzungsjahre manches hatten zuschulden kommen lassen, aber die Mehrzahl, darunter viele Kinder und Halbwüchsige, wurden bloß eingesperrt, weil sie Deutsche waren.“264 Nach der Befreiung hatten ehemalige Häftlinge die Verwaltung der Kleinen Festung übernommen. Sie begannen umgehend damit, die Einrichtung als Internierungslager für Deutsche zu nutzen. Diese Aufgabe erfüllte sie bis 1948. Gerade die Entstehungsphase wurde also von Ex-Häftlingen bestimmt, sie dauerte bis Juli 1945. In dieser Zeit waren deutsche Kriegsgefangene und Nazis bzw. Personen, denen Nazi- oder Kriegsverbrechen vorgeworfen wurden, dort eingesperrt. Am 2. Juli 1945 übernahm das Innenministerium der Tschechoslowakei die Verwaltung der Kleinen Festung und bestimmte die Einrichtung hauptsächlich für die Internierung von Deutschen, die aus ihrer Heimat vertrieben werden sollten. In der dritten Phase – sie umfasst etwa vier Monate im Jahr 1946 – 262 Vgl. hierzu Helmut Slapnicka: Die Vertreibung der Deutschen aus der Sicht der innerstaatlichen Rechtsordnung, in: Bohemia 42 (2001), S. 11–26. 263 Vgl. Zden?k Beneš/Jií Pešek: Die Durchführung der Zwangsaussiedlung, in: Zden?k Beneš/ Václav Kural (Hrsg.): Geschichte verstehen. Die Entwicklung der deutsch-tschechischen Beziehungen in den böhmischen Ländern 1848-1948. Prag 2002, S. 214-235, S. 222. 264 Vgl. Hans G. Adler: Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Göttingen 1955, S. 314. 107 wurden die meisten Internierten von dort entweder in andere Lager oder direkt nach Deutschland abgeschoben. Die daran anschließende Au? ösung dauerte bis Februar 1948. In diesem Jahr verließen die letzten deutschen Häftlinge Theresienstadt. Am 8. Juni 1945 entstanden auf Grund eines Erlasses des Innenministeriums auch Verwaltungskommissionen, die die parallel verlaufende Vertreibung der Deutschen mit der tschechischen Besiedlung der Randgebiete koordinieren sollten. Nachdem die Regierung im Dezember 1945 Durchführungsrichtlinien zur Aussiedlung der Deutschen verabschiedet hatte, denen zufolge unter anderem vorgeschrieben war, wie viele Kilos Gepäck und wieviel Bargeld die Sudetendeutschen beim Transfer mitnehmen dürfen, konnte der „geordnete“ Ablauf der Ausweisung im Januar 1946 beginnen. Inzwischen waren jedoch bereits einige meist von der Armee inszenierte Mordexzesse vorgefallen, die bis heute im kollektiven Gedächtnis der Sudetendeutschen tief verankert sind. Dazu gehört vor allem der sog. Brünner Todesmarsch von etwa 20.000 Deutschen vom 30. Mai 1945, bei dem die psychisch erschöpften Sudetendeutschen von der paramilitärischen Organisation, den sog. Revolutionären Garden, bis zur österreichischen Grenze gejagt wurden.265 Die meisten hat man jedoch dort zurückgewiesen und nach Pohoelice/Pohorelitz bei Brünn in ein Internierungslager gebracht. Bei dem Todesmarsch starben etwa 1.000 Personen, weitere Personen kamen in Folge einer Epidemie ums Leben, die im Lager ausbrach.266 Die tschechoslowakische Regierung verabschiedete noch am 25. September 1945 einen Erlass, in dem solche Taten eindeutig als Verbrechen bezeichnet wurden. Das massenhafte Vorgehen gegen Deutsche und Ungarn war der Grund für die Bildung einer Sonderkommission im Juli 1947. Daneben gab es andere Exekutionen und Lynchaktionen, die jedoch auf Grund des Dekrets Nr. 115/46 vom 8. Mai 1946 über die Rechtmäßigkeit der mit dem Kampf um die Wiedererlangung der Freiheit für Tschechen und Slowaken zusammenhängenden Maßnahmen (das bekannte „Amnestiegesetz“) als straffrei bezeichnet wurden. Das betraf die Ereignisse vom 30. September 1938 bis 28. Oktober 1945. Die zeitliche Grenze für die Amnestie wurde eben auf den 28. Oktober 1945 festgesetzt. Das Gesetz war jedoch kein Generalpardon für alle Verbrechen, wie von manchen sudetendeutschen Historikern gedacht wird. Die tschechoslowakische Regierung gab am 25. September sogar einen Erlass bekannt, nach dem einige vom Mai 1945 bis September 1945 verübte Taten als Verbrechen bezeichnet wurden und gerichtlich bestraft werden sollten.267 Die vorher erwähnten großen Mordaktionen sind jedoch amnestiert worden, oder ihre Untersuchung wurde wegen Beweismangel eingestellt. Es gab immerhin eine Parlamentskommission, die sich mit diesen Exzessen beschäftigte. Tatsache ist, dass es in der Zeit der antideutschen 265 Vgl. Emilia Hrabovec: Vertreibung und Abschub. Deutsche in Mähren 1945-1947. Frankfurt a.M. 1995. – Tomáš Stan?k (Fn. 259), S. 115-121. 266 Vgl. Vojt?ch Žampach: The Expulsion of the Germans from Brno and the Immediate Consequences, 30 May to 7 July 1945, in: The Prague Yearbook of Contemporary History 1998. Prague 1999, S. 85-156. 267 Vgl. Zden?k Beneš/Jií Pešek (Fn. 264), S. 227. 108 Stimmung in der Gesellschaft schwierig war objektiv vorzugehen. Es fehlte auch am politischen Willen dazu. Während der sog. wilden Vertreibung wurden zwischen 500.000 und 600.000 alteingesessene Deutsche aus den böhmischen Länden ausgewiesen.268 Der geregelte Transfer der Sudetendeutschen verlief schließlich seit Herbst 1945 (bzw. Anfang 1946) bis Frühjahr 1947. Die tschechoslowakische Regierung wollte ihn binnen eines Jahres durchgeführt wissen, was sich jedoch als unmöglich erwies. Die Alliierten in den Besatzungszonen Deutschlands stellten nach einigen Monaten die Aufnahme der Transporte vorübergehend ein oder plädierten für die Verringerung des Tempos der Aussiedlung, denn sie hatten im verwüsteten Deutschland genug Probleme mit der provisorischen Unterbringung, Versorgung wie auch mit den Reaktionen der alteingesessenen Deutschen gegenüber den „fremden“ Sudetendeutschen respektive Stammesgenossen. Dagegen drängte die tschechoslowakische Regierung auf den möglichst schnellen Transfer. In die Transporte wurden sogar auch Repräsentanten des Hitler-Regimes, vor allem Mitglieder der NSDAP und der SS, eingereiht, die in Internierungslagern und Gefängnissen saßen. Sie entgingen somit ihrer Bestrafung. Diese geordnete Ausweisung verlief in drei Phasen. Während der ersten, die vom Herbst 1945 bis zum Jahresende andauerte, entstanden die Sammelstellen und wurden die notwendigen organisatorischen Grundlagen sowohl in der Tschechoslowakei wie auch in den Besatzungszonen geschaffen. Vom Januar 1946 bis Mai 1946 fuhren dann die meisten Aussiedlerzüge in die amerikanische Besatzungszone, weil die Sowjets auf Grund der ernsten Wirtschaftsprobleme die Aufnahme vorübergehend eingestellt hatten. In dieser zweiten Phase wurden Regeln für die Überstellung wie auch die Anzahl der Züge und die Namenslisten der Ausgesiedelten vereinbart. Die dritte Phase verlief vom Juni bis Oktober 1946, aufnahmebereit waren jetzt auch die Sowjets. Der letzte Zug mit den Sudetendeutschen verließ den Bahnhof in Karlsbad am 29. Oktober 1946. Auch das sollte aber nicht der letzte Transport sein. Weitere folgten noch im April 1947. Die Amerikaner hatten jedoch erneut erhebliche soziale Probleme mit der Aufnahme der Vertriebenen. Ein entscheidendes Kriterium war auch die Proklamation von US-Staatssekretär Byrnes (bekannt als Stuttgarter Rede) über das Ende der Strafpolitik gegenüber Deutschland. Während die Sowjets die Abschiebung vorbehaltlos weiter unterstützten, war die Zustimmung der Westalliierten insbesondere angesichts der in den ersten Nachkriegsmonaten geschehenen „wilden Vertreibungen“ nicht mehr so eindeutig. Während des Jahres 1947 wurde jedoch der Transfer wieder fortgeführt, wenn auch nicht mehr in dem großen Ausmaß. Ein Grund für die mehr oder weniger freiwillige Aussiedlung waren diesmal vorwiegend die Familienzusammenführungen. Die Zahlen der nach der Beendigung dieser einzelnen Phasen in der Tschechoslowakei verbliebenen Deutschen sind ungenau. Ende 1947 sollen noch an die 200.000 auf dem Territorium der Tschechoslowakei gelebt haben, davon etwa ein Zehntel in der Slowakei. Diese Ungenauigkeit ergibt sich teils aus Umzügen einzelner Personen, 268 Ebd., S. 227. 109 teils aus Unklarheiten bei der Bestimmung der Nationalität in Mischehen. In den Jahren 1950 und 1951 gab es schließlich das letzte organisierte Ereignis einer Ausweisung. Im Rahmen der „Aktion Link“ verließen auf Initiative der Bundesregierung und des Internationalen Roten Kreuzes insgesamt 17.000 Deutsche ihre Heimat. Zurückgeblieben sind nur solche Deutsche, die aktive Antifaschisten waren oder in Mischehen lebten.269 Während der wilden Vertreibungen mussten allerdings auch einige in Mischehen lebende Personen tschechischer Herkunft ausgesiedelt werden, die man für Verräter hielt. Allgemein betrachtet erschien die Beziehung der Majorität gegenüber den tschechischen Partnern in Mischehen als sehr gespannt. Nicht gut war auch die Stellung gegenüber den deutschsprachigen Juden. Gemeinsam mit ihren tschechischsprachigen Landsleuten stellten sie die nicht mehr als 50.000 den Holocaust überlebenden tschechoslowakischen Juden dar. Die Verwaltungen verhielten sich in den ersten Monaten nach dem Krieg gegen die deutschsprachigen Juden genauso restriktiv wie gegen die deutsche Bevölkerung in den Randgebieten, so dass einige dieser Mitbürger – insbesondere solche in der Slowakei – ebenfalls ausgesiedelt wurden. Zudem stellten sich die Bemühungen der Überlebenden um Rückgabe ihres während der Besatzungszeit von den Deutschen beschlagnahmten Eigentums als Problem dar. Dieses stand unter nationaler Verwaltung und die Restitution verlief oft sehr langsam, manchmal kam es zu überhaupt keiner Rückgabe. Für die aktiven deutschen Antifaschisten und diejenigen, die die Republik vor München verteidigt hatten, galt dagegen ein Vermögens- und Personenschutz. Ihr Besitz wurde in der Regel nicht kon- ? sziert und sie gingen auch nicht in die Aussiedlertransporte. Auf Grund ihrer deutschen Herkunft stießen sie jedoch beim Großteil der Tschechen auf Misstrauen, das im öffentlichen Leben sichtbar wurde. Viele von ihnen entschlossen sich deswegen zum freiwilligen Umzug nach Deutschland, meist in die sowjetische Besatzungszone. Manche emigrierten auf Grund ihrer Sprachprobleme, denn der Gebrauch ihrer Muttersprache war in der Öffentlichkeit verboten. Für den Umzug der Antifaschisten galten keine Sonderregeln über die bewegliche Habe. Sie konnten praktisch mit der gesamten Haushaltsausstattung wegziehen. Nach der Untersuchung von Hana Mejdrová verließen insgesamt 140.000 deutsche Antifaschisten die Tschechoslowakei.270 Die Aussiedlung der Sudetendeutschen lief nicht ohne Todesfälle ab. Die Zahlen sind bis heute ungenau. Als übertrieben erscheint zum Beispiel die von den deutschen und österreichischen Publizisten gemachte Angabe von 220.000 bis 270.000.271 Demnach sollte fast jeder zehnte Vertriebene bei den Aussiedlungsaktionen gestorben sein. Solche Behauptungen ermöglichten freilich die Konstruktion der Sudetendeutschen 269 Zden?k Radvanovský: Die Stellung der deutschen Antifaschisten in der tschechoslowakischen Nachkriegsgesellschaft und ihre freiwillige Übersiedlung in die SBZ/DDR in den Jahren 1945/46, in: Manfred Wille (Hrsg.): 50 Jahre Flucht und Vertreibung. Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei der Aufnahme und Integration der Vertriebenen in die Gesellschaften der Westzonen/Bundesrepublik und der SBZ/DDR. Magdeburg 1997, S. 131-137. 270 Vgl. Hana Mejdrová (Fn. 146). 271 Die Berechnungen der sudetendeutschen Publikationen beruhen auf der Differenz der Volkszählung von Mai 1939 und derjenigen von 1950 in den Aufnahmestaaten und wurden teils errechnet, teils geschätzt. Vgl. Gerald Reitlinger: The Final Solution. London 1953, S. 489-501. 110 Landsmannschaft als Opferverband. Die Gemeinsame Deutsch-tschechische Historikerkommission befasste sich ebenfalls intensiv mit den statistischen Berechnungen und gelangte in der im Jahre 1996 veröffentlichten „Stellungnahme der Deutsch- Tschechischen Historikerkommission zu den Vertreibungsverlusten“ zu 15.000 bis 30.000 Todesfällen.272 Die Vertreibung der Sudetendeutschen ist in der tschechischen Gesellschaft (insbesondere in den Grenzgebieten) kein Tabuthema: In der Öffentlichkeit überwiegt die Meinung, die Aussiedlung der Deutschen sei berechtigt und notwendig gewesen. Diese Ansicht bleibt seit mehreren Jahren konstant. Den Untersuchungen des Soziologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik zufolge halten über zwei Drittel der im Grenzland lebenden Tschechen die Vertreibung für berechtigt. Im Jahre 2005 betrug der Anteil sogar 74 Prozent. Langfristig betrachtet stieg also die Zahl der vorbehaltlosen Verfechter der Aussiedlung.273 Die Zwangsausweisung der Sudetendeutschen verursachte nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Tschechoslowakei große wirtschaftliche Probleme. Quali? zierte und unabkömmliche Arbeitskräfte kamen zwar als Letzte in die Transporte, einige wurden sogar völlig ausgeschlossen oder verließen das Land individuell erst viele Jahre danach. Trotzdem hatte dies die Bedrohung einiger der in den Grenzgebieten verbreiteten Industriebereiche wie der Textil-, Glas- oder Chemieindustrie sowie die Störung der organisch gewachsenen sozialen Struktur dieser Regionen zur Folge. Parallel zum Transfer wurde deshalb die Neubesiedlung durch Tschechen, Auslandstschechen, Slowaken und Angehörige anderer Minderheiten vorangetrieben. Bis Ende 1947 verließen rund 3 Millionen Deutsche ihre Heimat, schätzungsweise aber auch 2,1 Millionen Tschechen, und 160.000 Slowaken fanden hier wiederum ein neues Zuhause.274 Die ersten kamen sogar schon im November und Dezember 1945. Insgesamt waren zwischen den Jahren 1945 und 1948 4,6 Millionen Personen in Bewegung, deren Ausgangspunkt oder Ziel die böhmischen Länder waren. Diese demographischen Veränderungen beein? ussten nicht nur die Einwohnerzahl der Tschechoslowakei, sondern auch die Sozialstruktur. Die Zwangsaussiedlung der Sudetendeutschen verkomplizierte die sozioökonomische Entwicklung des tschechischen Grenzlands entscheidend. Die ausgesiedelten Deutschen konnten nämlich zahlenmäßig kaum ersetzt werden. So lebten in den tschechoslowakischen Randgebieten im Jahre 1950 um etwa ein Drittel weniger Menschen als im Jahr 1930. Den größten Bevölkerungsrückgang verzeich- 272 Die Stellungnahme ? ndet sich im Anhang dieser Dissertation. Vgl. dazu Jaroslav Ku?era: Statistische Berechnungen der Vertreibungsverluste - Schlußwort oder Sackgasse? In: Detlef Brandes/Václav Kural (Hrsg.): Der Weg in die Katastrophe. Deutsch-tschechoslowakische Beziehungen 1938-1947. Essen 1994, S. 186-200. 273 Zur aktuellen Stimmungslage in Tschechien Lukáš Novotný (Fn. 22). 274 Im Durchschnitt waren rund 61 Prozent der am 22. Mai 1947 in den Grenzgebieten lebenden Bevölkerung nach dem 1. Mai 1945 zugewandert. Vgl. Popula?ní, ekonomický a národnostní vývoj pohrani?ních okres? ?SR od roku 1930 do roku 2010 [Bevölkerungsentwicklung, ökonomische und Nationalitätenentwicklung in den Grenzbezirken der ?SR von 1930 bis 2010]. Prag 1989, S. 11. 111 nete Westböhmen mit rund 51 Prozent im Vergleich zum Jahr 1930. In südmährischen Grenzbezirken betrug die Abnahme der Einwohnerzahl hingegen nur 25 Prozent. Die mit der Vertreibung und Zwangsaussiedlung der Deutschen einhergehende Wiederbesiedlung war wichtig für die Erfüllung des Ziels der tschechoslowakischen Regierung: Schaffung eines Nationalstaat der Tschechen und Slowaken ohne nationale Minderheiten.275 Die Behörden standen in diesen Jahren vor der schwierigen Aufgabe, die aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen neu zusammengewürfelte soziale Struktur zu stabilisieren. Sie unternahmen dazu mehrere Anwerbungen. Die Stabilisierung gelang erst im Laufe von mehreren Jahren. In die Randgebiete kamen meist Tschechen aus dem Landesinneren. Diese – etwa 80 Prozent aller Neusiedler - konnten sich in ihrem neuen Zuhause relativ leicht einleben. Problematischer war die Übersiedlung für Tschechen und Slowaken aus dem Ausland. Diese sog. Reemigranten, die die böhmischen Länder im 19. Jahrhundert oder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verlassen hatten, kämpften mit sprachlichen Problemen und mussten oft ihre bisherigen Kontakte abbrechen. Ihre Sozialisierung in den neuen Gebieten verlief deshalb oft komplizierter. Die beschlagnahmten Besitztümer der deutschen Bevölkerung wurden nicht verschenkt, sondern es mussten dafür Übernahmepreise entrichtet werden, die allerdings eher symbolischen Charakter hatten. Von den insgesamt 204.200 den Deutschen kon? szierten Häusern wurden in den ersten Nachkriegsjahren circa 180.000 an die angekommenen Siedler verkauft. Diese Bevölkerung begann nun auf Befehl der Kommunistischen Partei die Geschichte der Grenzgebiete neu zu schreiben. Dadurch sollte das Vertrauen in die neue Heimat gestärkt werden angesichts soziodemographischer, ökonomischer und wirtschaftlicher Probleme, mit denen das Grenzland bis zum politischen Umbruch im Jahre 1989 zu kämpfen hatte. Es gab kein Wort über die ursprüngliche Besiedlung durch Deutsche oder sie wurde verschiedentlich sogar in Frage gestellt. Die Deutschen selber wurden durchweg als Schädlinge der tschechischen Nation und de? nitiv als Fremde etikettiert. Gleichzeitig schuf man die Fremdheitskonstruktion des westdeutschen Nachbarn, der „Bonner Machthaber“, als eines Feindes, der das „Kanonenfutter für den nächsten Krieg vorbereitet, Potsdam zertreten hat und wieder militaristisch wird“.276 Diesen konfrontativen Stil behielt die tschechische Historiographie und Presse bis 1989 bei. Angesichts der propagandistischen Rhetorik und einer aggressiven Fremdstellung der tschechoslowakischen Kommunisten erwies es sich bei der Auswertung der (regionalen) Presse wie auch der Literatur im besonderen als kompliziert und schwierig, empirisch einwandfreie Spuren eines regionalen Bewusstseins bis zum politischen Umbruch von 1989 zu identi? zieren. So ist zwar beispielsweise noch 1946 275 Zitiert nach Andreas Wiedemann: „Wir bauen ein glückliches Leben im tschechischen Grenzgebiet auf.“ Symbiose und Kon? ikte in der neuen Gesellschaft der ehemaligen Sudetengebiete 1945-1948, in: Dietmar Neutatz/Volker Zimmermann (Hrsg.): Die Deutschen und das östliche Europa. Aspekte einer vielfältigen Beziehungsgeschichte. Festschrift für Detlef Brandes zum 65. Geburtstag. Essen 2006, S. 81-102, hier 83. 276 Pravda 3/1966 vom 11. Januar 1966. 112 in der Presse die Klage darüber zu lesen, dass der Grenzraum den Neusiedlern wie ein fremdes Land vorgekommen sei, „man lebt hier schlechter, ist nicht ausreichend oder überhaupt mit schlechten Grundnahrungsmitteln versorgt“ usw.277 Mit der steigenden Zahl der Bewohner wuchs jedoch das in der Presse propagierte Selbstverständnis der Grenzgebiete ganz im Sinne des kommunistischen Regimes zu einem „festen Schutzdamm, der Heimat werden soll“.278 Der Eiserne Vorhang veränderte allerdings auch die Wahrnehmung der Tschechen durch die benachbarten Deutschen, insbesondere bei denjenigen in den Grenzgebieten. Die Grenze und die schrittweise Peripherisierung der bayerischen an die Tschechoslowakei grenzenden Landkreise riefen mitunter Angst und immer öfter Desinteresse hervor. 277 Pravda vom 21. August 1946, S. 1 278 Pravda vom 30. August 1955.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.