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Lukas Novotny, Die Alliierten und die Vertreibung in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 97 - 102

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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97 fanden insbesondere nach dem Angriff der Luftwaffe auf Großbritannien immer mehr Zustimmung. Auch die öffentliche Meinung in Großbritannien und im besetzten Frankreich zeigte kein Verständnis für die deutschen Minderheiten in beiden Ländern Mitteleuropas mehr. Churchill stimmte der Zwangsausweisung als Mittel zur Stabilisierung der Region im Dezember 1940 zu und verwies dabei auf den erfolgreichen Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei.235 Im Dezember 1941 sprach sich auch Stalin für die Entfernung der Deutschen aus Polen und für die Rückgabe der Sudetengebiete an die Tschechoslowakei aus. 7.2 Die Alliierten und die Vertreibung Der britische Außenminister Robert Anthony Eden stand schon vor seiner Reise nach Moskau im Dezember 1941 den geplanten Veränderungen positiv gegenüber. Nachdem er von Stalin ebenfalls die Zustimmung zum organisierten Abzug der Deutschen erhalten hatte, ließ sich sein Ministerium eine Unterlage über die deutsch-polnischen und deutsch-tschechoslowakischen Grenzen erarbeiten. Die Zahl der zu vertreibenden Bevölkerung aus Polen und der Tschechoslowakei wurde im Gutachten vom Februar 1942 auf 3 bis 6,8 Millionen geschätzt.236 Dieses Dokument bildete die Grundlage für den Beschluss der britischen Regierung vom 6. Juli 1942, mit dem das Münchener Abkommen für ungültig bezeichnet und die Zustimmung zum „allgemeinen Grundsatz des Transfers von deutschen Minderheiten in Mittel- und Südosteuropa nach Deutschland nach dem Krieg in Fällen, wo dies notwendig und wünschenswert erscheint“ gegeben wurde.237 Detlef Brandes ist der Auffassung, dass diese Ansicht schon seit langem überwog und dass der Beschluss nicht als unmittelbare Reaktion auf das Massaker in Lidice zu verstehen sei, wie oft vermutet wird.238 Die amerikanische Außenpolitik zeigte in der Frage der Vertreibungen in Mitteleuropa eine zwiespaltige Einstellung. Der Präsident Roosevelt hatte sich schon seit Anfang 1942 für die Übergabe Ostpreußens an Polen ausgesprochen. Seine Berater präferierten jedoch angesichts des Leidens unter der Bevölkerung beim griechisch-türki- 235 Ebd. Ein Jahr später erklärte er: „[...] die Vertreibung ist das [...] befriedigendste und dauerhafteste Mittel [...]. Reiner Tisch wird gemacht werden.“ Zitiert nach Niklas Perzi (Fn. 8), S. 200. 236 Vgl. Detlef Brandes (Fn. 213), S. 466. 237 Die Verwerfung des Münchner Abkommens durch die britische Regierung hängt eng mit der Anerkennung der Beneš-Regierung zusammen. Diese erfolgte ziemlich spät nach dem Ausbruch des Krieges und ist damit erklärbar, dass es sowohl dem British Foreign Of? ce als auch dem französischen Außenministerium widerstrebte, die Beziehungen zu Italien, Polen, Ungarn und der Slowakei zu belasten. „Nach dem Fall Frankreichs erkannten sie, dass sie nichts mehr zu verlieren hatten. Die Sowjetunion und die USA, die das Abkommen nicht unterzeichnet hatten, fühlten sich nicht an dessen Bedingungen gebunden und hatten sich daher auch nichts zu verwerfen.“ Bradley F. Abrams: Allierte Plannungen und Entscheidungen. Zur Nachkriegslösung des deutsch-tschechischen Kon? ikts, in: Barbara Coudenhove-Kalergi/Oliver Rathkolb (Hrsg.): Die Beneš-Dekrete. Wien 2002, S. 118-129, hier 120. 238 Vgl. Detlef Brandes (Fn. 213), S. 467. 98 schen Bevölkerungsaustausch möglichst wenige Umsiedlungen. Im Juli 1942 stimmte die US-Außenpolitik of? ziell der Übergabe Danzigs an Polen zu. Die Haltungen der Briten und Sowjets brachten Ende des Jahres die Amerikaner zum Einverständnis mit der Angliederung Ostpreußens an Polen. Am 12. Mai 1943 gab US-Präsident Roosevelt dem tschechoslowakischen Exilpräsidenten Edvard Beneš seine Zustimmung zur Überführung der Sudetendeutschen nach Beendigung des Krieges. Die Sowjetunion hatte keine Einwände gegen die Ausweisung deutscher Minderheiten. Das sowjetische Außenministerium meldete sich erst dann mit Kritik zu Wort, als das britische Außenministerium und Beneš den Transfer nur einiger Sudetendeutscher nach Sibirien empfahlen. Die Sowjets und ihre Reparationskommission sahen dagegen die Zwangsarbeit von bis zu drei Millionen Deutschen vorwiegend gerade auf ihrem Gebiet vor. Stalin machte während den Verhandlungen über den britisch-sowjetischen Vertrag im Jahre 1942 klar, dass Polen Ostpreußen und alle Gebiete bis zur Oder erhalten sollte und dass aus diesem Territorium alle Deutschen evakuiert werden müssen. Die sowjetische Diplomatie trat besonders im Jahre 1942 in die Diskussion über die Zwangsaussiedlung voll ein. Der sowjetische Außenminister Molotov teilte im Juni 1942 Beneš mit, dass die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei „internes Problem“ der Tschechen und Slowaken sei. Er bot Prag Hilfe bei der Realisierung an. Im Juni 1943 erhielt die tschechoslowakische Exilregierung die endgültige Zustimmung der Sowjets zur Vertreibung.239 Diese wiederholte Stalin während des Besuches von Beneš in Moskau am 12. Dezember 1943. Es ist zu vermuten, dass Stalin angesichts seiner Vorstellungen über die Expansion des Kommunismus in die Länder Mittel- und Osteuropas hinein an der Vertreibung der deutschen Bevölkerung besonders interessiert war. Eine Teilaussiedlung der Sudetendeutschen hatte jedoch schon lange vor Kriegsbeginn, bereits am 17. September 1938, nach der weiteren Eskalierung der Situation im Grenzgebiet und der Entstehung des Sudetendeutschen Freikorps, Edvard Beneš der französischen Regierung vorgeschlagen. Der geheime Plan war die letzte verzweifelte Antwort auf die Politik der Sudetendeutschen Partei und sah die Reduzierung der Zahl der Deutschen innerhalb der Tschechoslowakei um zwei Drittel vor. Zurückbleiben sollten etwa 1,2 Millionen, meist Demokraten, Sozialisten und Juden, die aktiv gegen Hitler und Henlein kämpften. Im Laufe der nächsten Jahre verringerte er die Zahl schrittweise, so dass er in einem Memorandum vom November 1944 nur noch von 800.000 Deutschen sprach, die zurückbleiben durften.240 An diesem Vorhaben hielt Beneš bis März 1945 fest und versuchte, dafür im Exil besonders den Parteivorstand der sudetendeutschen Sozialdemokratie mit Wenzel Jaksch an der Spitze zu gewinnen. Die Pläne des Exilpräsidenten gegenüber der deutschen Minderheit radikalisierten sich also erst in Parallele dazu, wie sich der europäische Kon? ikt zum totalen Krieg ausweitete. Eine Rolle spielten dabei die Steigerung des Terrors und die rücksichtslose 239 Detlef Brandes (Fn. 213), S. 468.. 240 Vgl. Detlef Brandes (Fn. 213), S. 273. 99 Durchsetzung der „Herrenvolk“-Ideologie im Protektorat sowie die damit zusammenhängende Zahl der tschechischen Opfer nicht zuletzt bei der „Heydrichiade“. Beneš erklärte seine Vorstellung über den Bevölkerungstransfer aus der Tschechoslowakei im September 1941 mit klaren Worten: „Ich akzeptiere das Prinzip der Bevölkerungsumsiedlung [...] Wenn die Frage sorgfältig erwogen und rechtzeitig gründlich vorbereitet wird, kann die Übersiedlung schonend und unter angemessenen, humanen Bedingungen durchgeführt werden, und zwar unter internationaler Überwachung und mit internationaler Unterstützung.“241 Dem tschechoslowakischen Exilpräsidenten zufolge sollte die Aktion mit „keiner Brutalität oder Gewalt verbunden sein.“242 Außerdem sah er zunächst wie schon betont, nur die Aussiedlung von „illoyalen“ Sudetendeutschen, also Unruhestiftern vor. Diese Interpretation bot der Exilregierung allerdings einen weiten Spielraum, so dass der Kreis der zu vertreibenden Menschen immer weiter gezogen wurde. Beneš stieß mit seiner Konzeption jedoch sowohl bei der tschechoslowakischen Auslandsarmee wie auch bei Führern der Widerstandsgruppen im Protektorat auf Kritik. Sie lehnten jedes Zugeständnis an die Sudetendeutschen ab. Unter ihrem Druck blieb dem Staatspräsidenten schließlich nichts anderes mehr übrig als seine Vorstellungen zu radikalisieren und die Zahl jener Personen immer mehr zu erhöhen, die ausgesiedelt werden sollten. Der Vorsitzende der deutschen Sozialdemokraten und Hauptvertreter des sudetendeutschen Exils Wenzel Jaksch war dagegen nur für die Aussiedlung von denjenigen, die nachweisbar Schuld auf sich geladen hatten.243 Seine Gespräche mit Beneš in London bezüglich der Vertreibung von einer Million oder noch mehr Deutschen mussten deshalb auf Grund der unterschiedlichen Haltungen scheitern. Keiner der Alliierten stimmte allerdings der Vertreibung aller drei Millionen Deutschen aus der Tschechoslowakei oder überhaupt einer konkreten Zahl zu. Alle drei Mächte, die USA, die Sowjetunion und Großbritannien, befürworteten jedoch grundsätzlich den Transfer als Methode zur Beruhigung der ethnischen Kon? ikte in Mitteleuropa. Denn die Bevölkerungsumsiedlungen hatten infolge des Willens der Alliierten sowie der Exilregierungen der von Deutschland besetzten und systematisch ausgeraubten sowie zerstörten ostmitteleuropäischen Länder, nämlich den ehemaligen Nationalstaat wiederherzustellen, einen besonders hohen Stellenwert.244 Die tschechoslowakische Seite stimmte sogar (im Unterschied zur ablehnenden Haltung Polens) dem Vorschlag der westlichen Verbündeten nach einer Entschädigung für die Ausgewiesenen zu. Diese wurde schließlich nicht mehr realisiert. In der vielzitierten Rede vor dem britischen Unterhaus vom 15. Dezember 1944 sagte Premierminister Winston Churchill zur Vertreibung der Deutschen: „Sie wird die Vermischung 241 Ebd., S. 42. 242 Edvard Beneš: The Organization of Postwar Europe, in: Foreign Affairs, Bd. 20 (1942), S. 226- 242, hier 238. 243 Vgl. Martin K. Bachstein (Fn. 118). 244 Vgl. Mathias Beer (Fn. 290), S. 34. 100 von Bevölkerungen abschaffen, die zu endlosen Schwierigkeiten führt [...] Man wird einen reinen Tisch machen. Mich beunruhigen diese großen Umsiedlungen nicht, die unter modernen Verhältnissen besser als je zuvor durchgeführt werden können.“245 Ohne sich auf genaue Zahlen festzulegen, ließ Churchill auch in der Öffentlichkeit keinen Zweifel an der Notwendigkeit der zu diesem Punkt zweifellos schon feststehenden Umsiedlungspläne. Auf den Konferenzen von Teheran (1943) und Jalta (1945) zeigte sich, dass die USA und Sowjetunion in den Umsiedlungen der Deutschen ebenfalls ein notwendiges politisches Mittel der Kon? iktvermeidung sahen. Besonders die Sowjetunion hielt diese Bevölkerungsverschiebungen als Mittel zur Ausdehnung ihrer Macht für angebracht. Mit der fortschreitenden deutschen Besatzungsherrschaft, für die die Auslöschung der Gemeinde Lidice als Symbol gilt, wurden die entsprechenden Pläne der Alliierten immer konkreter. Für ihre Vorbereitung setzte die britische Regierung das „Interdepartmental Committee on the Transfer of German Population“ ein, das zum ersten Mal im Dezember 1943 zusammentrat. Diese Kommission sollte hauptsächlich die mit der Vertreibung zusammenhängenden Probleme diskutieren wie zum Beispiel die ökonomischen Nachteile für Deutschland, die mit der Ankunft einiger Millionen von Heimatvertriebenen vorauszusehen waren.246 Das Committee wies darauf hin, dass das Land zwar die zu vertreibenden Millionen der Deutschen langfristig aufnehmen kann, doch kurzfristig Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln, Wohnraum und Arbeitsplätzen zu erwarten seien. In dem Maße, wie sich das Kriegsende näherte, stieß Staatspräsident Beneš immer öfter auf Vorbehalte seitens der westlichen Alliierten, die sich weigerten, einem detaillierten Plan für die Aussiedlung zuzustimmen oder konkrete Zahlen festzusetzen. Die USA und Großbritannien wollten zwar keineswegs ihre Zustimmung zum Prinzip des Transfers zurückziehen. Sie kritisierten aber die geplante Geschwindigkeit des tschechoslowakischen Transfers und äußerten Befürchtungen bezüglich Nachkriegsdeutschland, das diese Deutschen aufnehmen soll. Das Committee schlug deshalb vor, mit der Vertreibung erst ein Jahr nach dem Waffenstillstand zu beginnen. Außerdem veranschlagte es die Vertreibungswellen auf eine Dauer von bis zu fünf Jahren. Die Experten machten sich dabei Benešs Vorschlag zu eigen, nach dem Krieg zuerst allen Deutschen, die nach dem deutschen Recht Reichsbürger seien, die Staatsangehörigkeit zu entziehen. Sie verabschiedeten außerdem den Beschluss über die Verrechnung des Vermögens der Vertriebenen mit den Reparationsforderungen der sogenannten Vertreiberstaaten. Mit der hier skizzierten Darstellung möchte ich nur darauf hinweisen, dass die Zwangsaussiedlung der Deutschen ein von den Alliierten geplantes Vorhaben war. 245 Zitiert nach Alfred de Zayas (Fn. 87), S. 47. 246 Siehe dazu Detlef Brandes: Die britische Regierung kommt zu einem Zwischenergebnis. Die Empfehlungen des britischen Interdepartmental Commitee on the Transfer of German Population vom Mai 1944, in: Zden?k Pousta/Pavel Seifter/Jií Pešek (Hrsg.): Occursus, setkání, Begegnung. Sborník ku poct? 65. narozenin Prof. Kena. Prag 1996, S. 45-68. 101 Es entspricht daher nicht den Tatsachen, wenn einige sudetendeutsche Historiker als Urheber der Vertreibungspläne den tschechoslowakischen Staatspräsidenten Beneš bezeichnen.247 Denn dieser suchte im Exil lange nach anderen Lösungsstrategien des deutsch-tschechischen Kon? ikts. Seine Vorstellungen radikalisierten sich erst unter dem Ein? uss der Briten (nach Hitlers Angriff auf Großbritannien) und angesichts der Haltung des heimischen Widerstands. Als Beneš bei Verhandlungen im Herbst 1942 Jaksch für die Aussiedlung einiger von dessen Landsleuten gewinnen wollte, mahnte ihn deswegen das britische Außenministerium dafür, weil man befürchtete, die erforderliche Zahl der zu vertreibenden Deutschen würde nicht erreicht werden.248 Die Widerstandsgruppen im Protektorat zeigten sogar Empörung über Benešs Angebot bezüglich der Teilnahme sudetendeutscher Sozialdemokraten im Staatsrat. Sie meldeten nach London, dass sie den Exilpräsidenten nicht mehr anerkennen würden, falls er nicht die Forderung nach einer völligen Aussiedlung der Sudetendeutschen akzeptiert und falls er weiterhin Zugeständnisse an Jaksch macht. Sie vertraten also radikale Positionen und beriefen sich dabei auf die großen Umsiedlungen einschließlich des Holocaust, die Hitler in ganz Europa organisierte. Den tschechoslowakischen Standpunkt hinsichtlich der Vertreibung beein? usste außerdem die Haltung der polnischen Exilregierung. Polen stellte in den britischen Plänen über die Neugestaltung Mitteleuropas einen Eckpfeiler dar. Seine Vertreter mit Ministerpräsident Wladislaw Sikorski an der Spitze hielten Benešs Strategie für zu gemäßigt und drängten auf die Unterstützung radikalerer Haltungen.249 Dekrete waren während des Kriegs ein übliches legislatives Mittel der Exilregierungen zur Erhaltung ihrer Kompetenzen. Die im Londoner Exil erlassenen Beschlüsse betreffen vor allem Rahmenbedingungen hinsichtlich technischer Fragen bei der Kriegsführung mit Deutschland. Die jeweiligen Fachminister arbeiteten insgesamt 143 derartige Entschließungen aus. Entsprechend der üblichen Prozedur wurden die Entwürfe im Präsidium des Ministerrates und in der Präsidentenkanzlei besprochen. Nach Einarbeitung der Änderungswünsche genehmigte sie der Ministerrat und unterzeichnete der Präsident. Die Bestimmungen waren zwar auf die Kriegszeit beschränkt, ihre Folgen überdauerten allerdings oft das Kriegsende. Einige schufen Bedingungen für die Entwicklung des Landes danach. Von besonderer Bedeutung war das Verfassungsdekret Nr. 11 vom 3. August 1944, das die Kontinuität der tschechoslowakischen Rechtsordnung festlegte und die Gesetzgebung während des Protektorats für ungültig erklärte. Die Regierung bereitete im Exil auch die wichtigsten Regelungen für die Aussiedlung der Sudetendeutschen vor. Nachdem die Alliierten ihre prinzipielle Zustimmung 247 Vgl. Hugo Fritsch: Hugo: das Delegationskind. Autobiographische Dokumentation. Schicksal eines Zwölfjährigen über Flucht, Vertreibung und Tod seiner Familie. Oberaudorf 2000. - Fritz Peter Habel: Die Sudetendeutschen. München 2002. 248 Vgl. Detlef Brandes: Der Weg zur Vertreibung 1938-1945. Pläne und Entscheidungen zum „Transfer“ der Deutschen aus der Tschechoslowakei und aus Polen. München 2005, S. 84ff. 249 Detlef Brandes (Fn. 213), S. 120ff. 102 gegeben hatten, legten die Minister eine möglichst hohe Zahl abzuschiebender Menschen fest. Man einigte sich darauf, dass das kon? szierte Eigentum der Vertriebenen eine ? nanzielle Vorleistung darstellen sollte, die später von den Reparationsforderungen abzuziehen sei. Viel wurde auch über die Staatsbürgerschaftsfrage diskutiert. Schließlich überwog die Meinung, die Staatsbürgerschaft den Deutschen und Ungarn kollektiv abzuerkennen. Eine Ausnahme sollten hier nur diejenigen Deutschen und Ungarn darstellen, die aktiv für die Befreiung der Tschechoslowakei kämpften. Auf Grund der Regierungsbeschlüsse noch im Exil durften die Vertriebenen ihr bewegliches Eigentum mitnehmen, für den Rest sollten sie Bestätigungen erhalten, die wiederum mit den Reparationen gegenverrechnet werden würden.250 Am 22. Januar 1945 stimmten die Briten schließlich der Übernahme aller von Deutschland nach dem Münchener Abkommen annektierten Gebiete durch die Tschechoslowakei zu. In der Frage der Festlegung der Grenzen weigerten sie sich freilich immer noch. Sie verwiesen auf den zukünftigen Friedensvertrag, zu dem es bekanntlich aber nicht kam. 7.3 Der Verlauf der Vertreibung Nach Kriegsende billigten die Alliierten auf der Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 grundsätzliche Maßnahmen gegen das Wiedererstarken Deutschlands. Im Artikel XIII des Abschlussberichts stimmten sie den „ordinary transfers of German populations“ aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zu.251 Die Zahlen der Aussiedler sowie die Ausführungsbestimmungen sollte der Alliierte Kontrollrat festlegen. Er genehmigte im November 1945 die Entfernung von 2,5 Millionen Deutschen aus der Tschechoslowakei, davon 750.000 in die sowjetische und 1.750.000 in die amerikanische Besatzungszone.252 Mit der Vereinbarung bestätigten die Alliierten die schon bis zur Potsdamer Konferenz in großem Umfang durchgeführten sogenannten „wilden“ Vertreibungen, die jedoch ihrer Vorstellung von einer ordnungsgemäßen und humanen Umsiedlung direkt widersprachen. Auch die weitere Umsiedlungspraxis entsprach oft nicht dem Artikel XIII des Abschlussberichts von Potsdam. Die Vertreibungen waren oft gewaltsam, kosteten Tausenden das Leben und beschränkten sich nicht allein auf Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei. Deshalb wurden noch im Jahre 1945 die Regierungen der drei Länder gebeten, weitere Ausweisungen zu unterlassen, bis die drei Alliierten den Bericht geprüft hätten, den der 250 Vgl. Václav Pavlí?ek: Die Frage der Legitimität der Zwangsaussiedlung, in: Geschichte verstehen. Die Entwicklung der deutsch-tschechischen Beziehungen in den böhmischen Ländern 1848-1948. Prag 2002, S. 271-276. 251 Vgl. hierzu Fritz Faust: Das Potsdamer Abkommen und seine völkerrechtliche Bedeutung. Frankfurt a.M. 1964. 252 Vgl. Eberhard Heidmann: The Potsdam Agreement. Selected Documents Concerning the German Question 1943-1949. Berlin 1967.

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References

Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.