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Lukas Novotny, Die Genese der Zwangsaussiedlung in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 95 - 97

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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95 7. Die Vertreibung und Zwangsaussiedlung der Sudetendeutschen 7.1 Die Genese der Zwangsaussiedlung In der Literatur über die deutschen Minoritäten im 20. Jahrhundert taucht der Begriff „fünfte Kolonne“ auf.223 Damit ist die irredentistische Tätigkeit dieser Minderheiten und ihr Beitrag zur Zerschlagung von Staaten gemeint. In Bezug auf die Sudetendeutschen erscheint diese Bezeichnung ebenfalls.224 „Wenn auch in unterschiedlichem Maß, trugen die nationalsozialistischen Organisationen innerhalb der deutschen Volksgruppen in den einzelnen Staaten Mittel- und Osteuropas mit dazu bei, solchen Einstellungen Vorschub zu leisten […] Auch wenn beispielsweise die tschechoslowakische Exilregierung sich in einem Memorandum vom Ende 1944 für den Verbleib von 800.000 Deutschen in der Tschechoslowakei aussprach, plädierte sie im Grunde zu diesem Zeitpunkt für die Aussiedlung aller 3,2 Millionen Sudetendeutschen.“225 Diese Kausalität, wonach die Vertreibung Folge der nationalsozialistischen Irredenta vieler deutschsprachiger Bürger der Tschechoslowakei sei, sieht auch der Historiker Tomáš Stan?k. „Deshalb war vorauszusehen, dass nach Hitlers Niederlage irgendeine Form der Vergeltung illoyale Elemente innerhalb der deutschen Minderheiten in Osteuropa treffen werde. Diese lex talionis traf auch auf die Sudetendeutschen zu.“226 Deren Aktionen oder Verschwörungen vor dem Krieg lassen sich dokumentarisch tatsächlich belegen. Ihre Umsiedlung als Form kollektiver Bestrafung schien in der Stimmung des totalen Kriegs durchaus berechtigt.227 Hitler selbst hatte dafür mehrere Beispiele gegeben, wie die Zwangsaussiedlung von ca. 100.000 Elsässern nach Vichy-Frankreich und von 650.000 Polen aus den annektierten Gebieten von Posen und Pommerellen in das sogenannte Generalgouvernement Polen.228 Die Umsiedlung ethnischer Gruppen während des Zweiten Weltkriegs und nach seinem Ende war in ihrem Umfang einzigartig. Allein in Europa gerieten mehr als 18 223 Vgl. Louis de Jong: Die Deutsche Fünfte Kolonne im Zweiten Weltkrieg. Stuttgart 1959, S. 145f. – Inis Claude: National Minorities. Cambridge 1959, S. 44-47. 224 Vgl. Klaus-Dietmar Henke: Der Weg nach Potsdam - Die Alliierten und die Vertreibung, in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen. Frankfurt a.M. 2000, S. 58-85. 225 Mathias Beer: Die Vertreibung der Deutschen. Ursachen. Ablauf, Folgen, in: Arno Surminski u.a. (Hrsg.): Flucht und Vertreibung. Europa zwischen 1939 und 1948. Hamburg 2004, S. 24-65, hier 35. 226 Vgl. Tomáš Stan?k: Politischer Hintergrund und Organisation der Aussiedlung der Deutschen aus den böhmischen Ländern, in: Odsun. Die Vertreibung der Sudetendeutschen. Hrsg. vom Sudetendeutschen Archiv. München 1995, S. 113-152. 227 Vgl. Andrew Bell-Fialkoff: Ethnic Cleaning. Basingstoke 1996, S. 226. 228 Vgl. Norman M. Naimark: Fires of Hatred: Ethnic Cleaning in Twentieth-Century Europe. Cambridge 2001. 96 Millionen Menschen in Bewegung, 12 Millionen davon machten Deutsche aus der Tschechoslowakei, Polen, Ungarn, Rumänien und Jugoslawien aus.229 Im Historikerdiskurs des 20. Jahrhunderts erscheint jedoch auch die Frage nach der Legitimität solcher kollektiver Bestrafungen in Form der Zwangsaussiedlung von Gruppen.230 Angesichts der Tatsache, dass die deutsche Minderheit an der Hitlerinvasion und an der Unterdrückung, die ihr folgte, maßgeblich schuld war, setzte sich dieser Gedanke während des Zweiten Weltkriegs gerade bei der im Exil lebenden politischen Repräsentanz der Tschechoslowakei durch.231 Die Diskussion über die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei begann aber eigentlich schon mit Hitlers Forderung eines Anschlusses der Sudetengebiete: „Gegen eine Wiederholung von München, eine erneute Abtrennung der von Deutschen besiedelten Grenzgebiete, sollten Vorkehrungen durch die Aussiedlung eines möglichst großen Teils der deutschen Bevölkerung getroffen werden.“232 Das bedeutendste Motiv für die Zwangsaussiedlung waren gerade München und die Ereignisse des Jahres 1938. Die Maßnahmen während der Okkupation wie die Terrorwellen gegenüber den Tschechen oder die Vernichtung von Lidice machten die Entwicklung schließlich fest und unumkehrbar. Die Pläne der tschechoslowakischen Exilregierung gewannen dadurch noch mehr an Gewicht, so dass sie sich in wesentlichen Punkten mit den Absichten der Alliierten hinsichtlich einer europäischen Nachkriegsordnung deckten. Bereits im Mai 1940 formulierten die von der britischen Regierung beauftragten Wissenschaftler unter der Leitung des Historikers Arnold Toynbee Entwürfe für eine Stabilisierung der Nachkriegsverhältnisse mit dem Titel „Transfer as Contribution to Peace“,233 worin konstatiert wird, dass eine solche in Mitteleuropa ohne den Transfer von einigen Millionen Deutscher nicht realisierbar sei. Der erste konsequente Vorschlag einer Aussiedlung der Deutschen aus ihren Wohnorten stammte also von den Briten und rechnete insgesamt mit dem Transfer von drei bis sieben Millionen aus Ostmitteleuropa je nach Verlauf der neuen Staatsgrenzen. Im britischen Außenministerium überwog schon im Frühjahr 1940 die Idee der Zwangsaussiedlung eines Teils der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei, Polen und jenem Teil Ostdeutschlands, der Polen übergeben werden sollte.234 Die Forderungen der tschechoslowakischen und polnischen Exilregierung nach radikalen Lösungen 229 Vgl. Joseph S. Schechtmann: Postwar Population Transfers in Europe 1945-1955. Philadelphia 1962. 230 Vgl. Tomáš Stan?k: Die Aussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei - ein Thema geschichtlicher und nationaler Selbst? ndung, in: Ztracené d?jiny aneb Ziemie Odzyskane? Verlorene Geschichte oder Wiedergewonnenes Land? Prag 1992, S. 11-22. – Albina F. Noskova: Migration of the Germans after the Second World War. Political und Psychological Aspects, in: Alfred J. Rieber (Hrsg.): Forced Migration in Central and Eastern Europe 1939-1950. London 2000, S. 96-114. 231 Vgl. Francis Dostál Raška: The Czechoslovak exile government in London and the Sudeten German issue. Prag 2002. 232 Detlef Brandes (Fn. 213), S. 461. 233 Ebd., S. 271ff. 234 Ebd., S. 466. 97 fanden insbesondere nach dem Angriff der Luftwaffe auf Großbritannien immer mehr Zustimmung. Auch die öffentliche Meinung in Großbritannien und im besetzten Frankreich zeigte kein Verständnis für die deutschen Minderheiten in beiden Ländern Mitteleuropas mehr. Churchill stimmte der Zwangsausweisung als Mittel zur Stabilisierung der Region im Dezember 1940 zu und verwies dabei auf den erfolgreichen Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei.235 Im Dezember 1941 sprach sich auch Stalin für die Entfernung der Deutschen aus Polen und für die Rückgabe der Sudetengebiete an die Tschechoslowakei aus. 7.2 Die Alliierten und die Vertreibung Der britische Außenminister Robert Anthony Eden stand schon vor seiner Reise nach Moskau im Dezember 1941 den geplanten Veränderungen positiv gegenüber. Nachdem er von Stalin ebenfalls die Zustimmung zum organisierten Abzug der Deutschen erhalten hatte, ließ sich sein Ministerium eine Unterlage über die deutsch-polnischen und deutsch-tschechoslowakischen Grenzen erarbeiten. Die Zahl der zu vertreibenden Bevölkerung aus Polen und der Tschechoslowakei wurde im Gutachten vom Februar 1942 auf 3 bis 6,8 Millionen geschätzt.236 Dieses Dokument bildete die Grundlage für den Beschluss der britischen Regierung vom 6. Juli 1942, mit dem das Münchener Abkommen für ungültig bezeichnet und die Zustimmung zum „allgemeinen Grundsatz des Transfers von deutschen Minderheiten in Mittel- und Südosteuropa nach Deutschland nach dem Krieg in Fällen, wo dies notwendig und wünschenswert erscheint“ gegeben wurde.237 Detlef Brandes ist der Auffassung, dass diese Ansicht schon seit langem überwog und dass der Beschluss nicht als unmittelbare Reaktion auf das Massaker in Lidice zu verstehen sei, wie oft vermutet wird.238 Die amerikanische Außenpolitik zeigte in der Frage der Vertreibungen in Mitteleuropa eine zwiespaltige Einstellung. Der Präsident Roosevelt hatte sich schon seit Anfang 1942 für die Übergabe Ostpreußens an Polen ausgesprochen. Seine Berater präferierten jedoch angesichts des Leidens unter der Bevölkerung beim griechisch-türki- 235 Ebd. Ein Jahr später erklärte er: „[...] die Vertreibung ist das [...] befriedigendste und dauerhafteste Mittel [...]. Reiner Tisch wird gemacht werden.“ Zitiert nach Niklas Perzi (Fn. 8), S. 200. 236 Vgl. Detlef Brandes (Fn. 213), S. 466. 237 Die Verwerfung des Münchner Abkommens durch die britische Regierung hängt eng mit der Anerkennung der Beneš-Regierung zusammen. Diese erfolgte ziemlich spät nach dem Ausbruch des Krieges und ist damit erklärbar, dass es sowohl dem British Foreign Of? ce als auch dem französischen Außenministerium widerstrebte, die Beziehungen zu Italien, Polen, Ungarn und der Slowakei zu belasten. „Nach dem Fall Frankreichs erkannten sie, dass sie nichts mehr zu verlieren hatten. Die Sowjetunion und die USA, die das Abkommen nicht unterzeichnet hatten, fühlten sich nicht an dessen Bedingungen gebunden und hatten sich daher auch nichts zu verwerfen.“ Bradley F. Abrams: Allierte Plannungen und Entscheidungen. Zur Nachkriegslösung des deutsch-tschechischen Kon? ikts, in: Barbara Coudenhove-Kalergi/Oliver Rathkolb (Hrsg.): Die Beneš-Dekrete. Wien 2002, S. 118-129, hier 120. 238 Vgl. Detlef Brandes (Fn. 213), S. 467.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.