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Lukas Novotny, Die Heydrichiade in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 92 - 94

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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92 Aufforderung zu weiteren Gesprächen im Herbst 1942 reagierte er wieder positiv. Wie der Historiker Detlef Brandes in seiner umfangreichen Studie bemerkt, brach aber diesmal die Verhandlungen Beneš ab. Gegen seinen Plan hatte sich nämlich das britische Außenministerium gewandt, das stets um die Beschränkung der Zwangsaussiedlung bemüht war. Daraufhin trat der Exilpräsident von den Gesprächen zurück. Brandes macht in seiner Beschreibung der Beziehungen zwischen beiden deutlich, Beneš habe Jaksch allzu langes Zögern bei der Eingliederung seiner Partei in die Exilorgane vorgeworfen und Jaksch habe gleichzeitig nur wenig Möglichkeiten gehabt, zu einer Einigung mit dem Exilpräsidenten zu kommen, denn dieser verlangte von ihm die Zustimmung zum Aussiedlungsprinzip. Nach dem zweiten – und wie sich zeigte - letzten Abbruch der Verhandlungen versuchten Jaksch und seine Partei, die britische öffentliche Meinung für eine Ablehnung der Vertreibungspläne zu gewinnen. Im August 1944 gründete er mit Vertretern der sudetendeutschen Katholiken ein Demokratisches Sudeten-Komitee. Zu dieser Zeit bestand auf dem föderalistischen Programm der Tschechoslowakei mit der Gründung deron Kantone für die Deutschsprachigen mit selbständiger Verwaltung. Im Laufe der letzten Kriegsmonate musste Jaksch freilich erkennen, dass die Rückgliederung der Grenzgebiete in die Tschechoslowakei immer wahrscheinlicher wurde. Er richtete seine Politik deshalb auf die Verringerung des Ausmaßes der geplanten Zwangsaussiedlung. Im März 1944 ließ der sozialdemokratische Vorsitzende Fallschirmspringer über dem Reichsgau Sudetenland absetzen, um dort vor der Aussiedlung zu warnen und eine breite antifaschistische Front einschließlich der Republikanischen Wehr zur Bestrafung der Nazis zu bilden. 6.4 Die Heydrichiade Mit dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion festigte sich der Widerstand im Protektorat in allen Bereichen. In dieser Situation sandte Hitler am 27. September 1941 den Experten für radikale Lösungen, Reinhard Heydrich, nach Prag und ernannte ihn zum stellvertretenden Reichsprotektor. Heydrich rief sogleich den Ausnahmezustand in den Großstädten aus und entfesselte eine neue Terrorwelle, die sich in ihrer Qualität von den vorangegangenen fühlbar unterschied. Es kam zu 4.000 bis 5.000 Festnahmen und Hunderten von Hinrichtungen. Am 27. Mai 1942 wurde von einer Gruppe tschechischer Fallschirmagenten, die aus London entsandt worden waren, in Prag-Libe? ein Attentat auf Heydrich verübt, an dessen Folgen er nach wenigen Tagen starb.216 Dieser Vorfall traf die deutsche Reichsregierung ziemlich unvorbereitet und ihre Reaktion war entsprechend heftig. Für die Ergreifung der Täter setzte man eine Belohnung von einer Million Reichsmark aus. Hitler forderte als Sühne unter anderem die Erschießung von 10 000 Tschechen. 216 Vgl. Miroslav Ivanov: Das Attentat auf Heydrich. Augsburg 2000. - Hellmuth Günther Dahms: Prag 1942: das Attentat auf Heydrich. Widerstand im „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“, in: Zeitschrift für geschichtliches Wissen 10 (1978), S. 771-786. 93 Es folgte die bis dahin größte und blutigste Terrorwelle in der Geschichte des Protektorats. Sie erhielt in der tschechischen Historiographie mit der Bezeichnung „Heydrichiade“ sogar einen eigenen Namen, der ihren besonders grausamen Charakter unterstreichen soll. Die Fallschirmspringer wurden schließlich nach langer Gegenwehr in der Prager Kyrill-Method-Kirche in den Selbstmord getrieben. Wieder wurde der zivile Ausnahmezustand ausgerufen, der Tschechen aller Gesellschaftsschichten unmittelbar bedrohte. Aufgrund des Grundsatzes der kollektiven Verantwortung kam es zu Tausenden von Festnahmen und Verurteilungen. Die Besatzer begannen mit der Inhaftierung von Angehörigen zahlreicher tschechischer Emigranten, um die Exilregierung in London besonders stark unter Druck zu setzen. Im Laufe von zwölf Wochen wurden 1357 Menschen erschossen, darunter 477 „wegen Guthei- ßung des Attentats“. Ganze Familien des heimischen Widerstandes ? elen dem NS- Terror zum Opfer. Die Namen der Getöteten las man jeden Tag im Rundfunk vor. Die Dörfer Lidice und Ležáky wurden buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht und ihre Bewohner erschossen (199 Männer in Lidice, 34 in Ležáky, unter ihnen 8 Frauen) oder in Konzentrationslager verschleppt (184 Frauen kamen nach Ravensbrück, 80 „nichteindeutschungsunfähige“ Kinder starben in den Gaskammern von Chelmno).217 Menschen aus Lidice, die sich im Krankenhaus befunden hatten, wurden nach ihrer Genesung erschossen. Dabei hatten die Bewohner von Lidice mit dem Attentat auf Heydrich nichts zu schaffen, es war für die Repressalien auf unbestätigten Verdacht hin ausgewählt worden, um Hitler zu beruhigen. An Heydrichs Todestag deportierten die Nazis 3 000 Juden in die polnischen Vernichtungslager. Lidice wurde zum Symbol für das Versagen von Zivilisation und Kultur in Europa. „Lidice shall live!“, ein Slogan, der 1942 von Auslandstschechoslowaken und Antifaschisten (u.a. Thomas und Heinrich Mann) Eingang in die Öffentlichkeit fand. Am 12. Juli desselben Jahres nahm die amerikanische Gemeinde Stern Park Gardens, hauptsächlich von Exiltschechen bewohnt, den Namen Lidice an. Obwohl die Sonderkommandos der Nazis bei ihrem Drang nach Osten mehrere Gemeinden dem Erdboden gleichmachten, hatte sich nur Lidice tief in das kollektive Gedächtnis der Welt eingegraben, so dass etwa der amerikanische Minister Frank Knox feststellte: „Wenn uns einmal künftige Generationen fragen werden, warum wir in diesem Krieg gekämpft haben, werden wir ihnen die Geschichte von Lidice erzählen.“218 In der Bevölkerung herrschten vor allem Angst und Schrecken, da endlose Hausdurchsuchungen bei sehr vielen Familien stattfanden. Nachdem im Herbst 1942 der Ausnahmezustand aufgehoben wurde, kam es bis zum Ende des Krieges zu keinen großen Massenverhaftungswellen mehr. Der stille Terror gegen die aktiven oder passiven Regimegegner setzte sich allerdings weiter fort. Besonders brutal waren die Vergeltungsaktionen gegenüber den Partisanen. In der Tschechoslowakei ? elen auch die 217 Wolfgang Benz: Flucht und Vertreibung aus dem Osten: Deutsche Erinnerungen zwischen Integration und Interessenpolitik, in: ders. (Hrsg.): Wann ziehen wir endlich den Schlussstrich? Von der Notwendigkeit öffentlicher Erinnerung in Deutschland, Polen und Tschechien. Berlin 2004, S. 9-28, hier 26. - Eduard Stehlík: Lidice: Geschichte eines tschechischen Dorfes. Prag 2004. 218 Zitiert nach Niklas Perzi (Fn. 8), S. 174. 94 letzten Schüsse des Krieges zwi Tage nach der of? ziellen Kapitulation. Während des Prager Aufstands in den letzten Tagen der zu Ende gehenden deutschen Herrschaft erlebte die Bevölkerung, wie deutsche Tief? ieger Bomben auf die Prager Innenstadt warfen. Die Brutalität beim Prager Aufstand219 wie auch die Eisenbahntransporte von KZ-Häftlingen verstärkten die antideutsche Stimmung. Diese eskalierte noch mehr nach der Rückkehr der etwa 400.000 tschechischen und slowakischen Zwangsarbeiter aus dem Reich.220 Die Stimmung in der tschechoslowakischen Öffentlichkeit am Kriegende beschreibt treffend Benešs Generalsekretär im Exil und späterer Justizminister Prokop Drtina: „Ich weiß, dass es auch anständige Deutsche gibt und dass diese Leute menschlich genauso leiden wie wir, gerade deswegen, weil sie Deutsche sind. Vielleicht noch mehr. Aber es liegt einfach nicht in der menschlichen Kraft, dass der deutschen Nation die Verantwortung für den Nationalsozialismus abgenommen wird. Nur durch eigene Taten können die Deutschen ihre Schuld verringern [...]. Heute, nach den Schüssen auf den Prager Straßen, glaube ich, dass ich das Recht habe zu fragen, warum sich in den ganzen langen Jahren nicht eine deutsche Hand gefunden hat, die zeigen wollte, dass sich das deutsche Volk nicht wünscht, von Ungeheuern wie Reinhard Heydrich und Karl Hermann Frank vertreten zu werden! [...] Und war es keine deutsche Mutter, kein deutscher Vater, keine deutsche Schule, kein deutscher Lehrer, kein deutscher Of? zier, keine deutsche Armee, kein deutscher Staat, keine deutsche Nation, die Reinhard Heydrich aufgezogen haben?“221 Insgesamt ? elen zwischen 337.000 und 343.000 Tschechen und Slowaken dem national-sozialistischen Terror zum Opfer, wobei über 20.000 von ihnen in Konzentrations- oder anderen Lagern, auf Todesmärschen oder in den Gestapogefängnissen starben. Viele Opfer der Verhaftungswellen gingen durch die Vernichtungslager.222 219 Durch den Prager Aufstand, der am 5. Mai 1945 begann und sich gegen die deutsche Besatzung, die deutsche Minderheit in Prag und die tschechischen Kollaborateure richtete, wurde die Protektoratsregierung gestürzt und es entstand eine kurzfristige Anarchie. Sie wurde durch den Einmarsch der sowjetischen Truppen am 9. Mai 1945 beendet. Vgl. Karel Bartošek: Der Prager Aufstand. Berlin 1965. 220 Vgl. Alice Teichová: Die Tschechen in der NS-Kriegswirtschaft, in: Arnold Suppan/ Elisabeth Vyslonzil (Hrsg.): Edvard Beneš und die tschechoslowakische Außenpolitik 1918-1948. Frankfurt a.M. 2002, S. 165-178. 221 Prokop Drtina: A nyní promluví svatý Pavel [Und jetzt spricht der heilige Paulus]. Prag 1945, S. 215f. 222 Darunter ca. 265.000 Juden und 7.000 Roma, die die rassische Verfolgung im Zuge der „Endlösung der Judenfrage“ nicht überlebt haben. Weiter etwa 3.000 Personen, die während des Zwangsarbeitseinsatzes starben sowie ca. 6.800 Soldaten der Auslandsarmee, die an der Ostfront oder in Afrika ? elen. Zusätzlich starben über 4.000 Menschen bei Luftangriffen und rund 8.000 bei „bewaffneten Zusammenstößen“ im Protektorat. Schließlich wurden etwa 8.500 Tschechen und Slowaken von den Nationalsozialisten hingerichtet. Zur näheren Aufschlüsselung der Zahlenangaben siehe: Pavel Škropil: Probleme bei der Berechnung der Zahl der tschechoslowakischen Todesopfer des nationalsozialistischen Deutschlands, in: Detlef Brandes/Václav Kural (Hrsg.): Der Weg in die Katastrophe. Deutsch-tschechoslowakische Beziehungen 1938–1947. Essen 1994, S. 163–164.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.