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Lukas Novotny, Die Emigrantenregierung und ihre Armee in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 90 - 92

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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90 tigkeit seit der Besetzung des Reststaates. Die wichtigsten von ihnen waren ON (Obrana národa - Verteidigung der Nation), PU (Politické ústedí – Politisches Zentrum) und PVVZ (Peti?ní výbor „v?rni z?staneme“ – Petitionsausschuss „wir bleiben treu“). In der ON vereinigten sich Militärs, im PU Intellektuelle und Politiker und der PVVZ stand für Sozialdemokraten und Linksintellektuelle offen. Diese nichtkommunistischen Hauptgruppen schlossen sich im Jahre 1940 zum ÚVOD (Ústední vedení odboje domacího – Zentralkomitee des heimischen Widerstands) zusammen. Dazu gab es im ganzen Protektorat noch kleinere regionale Gruppierungen, die auf eigene Faust arbeiteten. Sie unterstützten vor Ort die Bevölkerung, sorgten für Kleidung und Lebensmittel. Anlaufstelle für diesen Widerstand war neben anderen die traditionsreiche SOKOL-Gemeinde (Falke). Neben diesen Widerstandsformen organisierte auch die in die Illegalität geratene Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei zahlreiche Aktionen. Viele der leitenden Funktionäre gingen nach Moskau, wo die Exilführung der Partei ausgebildet wurde. Eine Komplikation für die weitere Entwicklung der Tätigkeit der Kommunisten stellte freilich der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 dar. Er verursachte (nicht nur) unter den (tschechischen) verwirrten und desorientierten Kommunisten eine Krise. Die Parteiführung in Moskau stand anfangs hinter dem Nichtangriffspakt, weswegen sie den in London tätigen Exilpräsidenten Edvard Beneš und seine Mitarbeiter als imperialistische Feinde bezeichnete und die Bildung der tschechoslowakischen Auslandsarmee ablehnte. Zu Benešs Plan der Erneuerung der Tschechoslowakei erklärten die Kommunisten, dass er imperialistische und antisowjetische Pläne verfolge.212 Eine Richtungsänderung brachte erst der Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion. 6.3 Die Emigrantenregierung und ihre Armee Präsident Edvard Beneš war nach seiner Emigration um die Erhaltung der rechtlichen Kontinuität der Tschechoslowakei aus der Zeit vor dem Münchener Abkommen bemüht. Als Priorität seiner diplomatischen Tätigkeit in London bestimmte er die internationale Anerkennung der politischen Repräsentanz des Landes im Ausland. Deswegen beabsichtigte er die Bildung einer provisorischen Exilregierung, die als Vertretung gegenüber den westlichen Ländern gedacht war. Ihre Anerkennung durch die britische Regierung, die USA und die Sowjetunion erfolgte im Juli 1941.213 Die Regierung hatte ihre eigenen Minister und handelte – wenn es die Bedingungen ermöglichten – auf Grund der tschechoslowakischen Gesetze aus der Zeit vor München. Ministerpräsident wurde der Vorsitzende der katholisch orientierten Tschecho- 212 Ebd., S. 51 213 Vgl. Detlef Brandes: Der Weg zur Vertreibung 1938-1945. Pläne und Entscheidungen zum „Transfer“ der Deutschen aus der Tschechoslowakei und aus Polen. München 2005, S. 126f. – Edvard Beneš: Šest let exilu a druhé sv?tové války. e?i, projevy a dokumenty z r. 1938 [Sechs Jahre Exil und Zweiter Weltkrieg. Reden, Ansprachen und Dokumente aus den Jahren 1938- 1945]. Prag 1946, S. 458. 91 slowakischen Volkspartei Jan Šrámek. Am 21. Juli 1940 entstand auch der Staatsrat als Kontrollorgan des Präsidenten. In diesem Ersatzparlament waren alle Widerstandsrichtungen vertreten – bis auf die deutschen Repräsentanten, die ihre Teilnahme abgelehnt hatten. Die Aufgaben des Parlaments waren in der Exilzeit zwischen dem Präsidenten, der Regierung und dem Staatsrat aufgeteilt. Die einzelnen Kompetenzen bestimmten Dekrete, die Beneš erließ. Die Protektoratsregierung und Staatspräsident Hácha wurden nicht als Organe der Tschechoslowakischen Republik anerkannt. Das britische Außenministerium verlangte bei Verhandlungen über die Anerkennung der tschechoslowakischen Exilorgane freilich die Einigung der tschechoslowakischen mit der sudetendeutschen Seite. Das bedingte eine Unterstützung von deren Institutionen gemäß einem Abkommen zwischen Beneš und den Vertretern der tschechoslowakischen Deutschen. Im Herbst 1940 bot Beneš deshalb den sudetendeutschen Sozialdemokraten und ihrem Vorsitzenden Wenzel Jaksch die Aufnahme in den Staatsrat an. Die Exilregierung verhandelte mit Jaksch auch über die Zukunft der Deutschen in der Tschechoslowakei. Der Regierungsvorschlag ging von der Bildung dreier Kantone mit Deutschsprachigen aus. Ihre Entstehung sollten kleinere oder größere Bevölkerungsverschiebungen innerhalb der Tschechoslowakei begleiten. Da die führenden Widerstandsgruppen im Protektorat gegen die Aufnahme der sudetendeutschen Sozialdemokraten in den Staatsrat protestierten und kein Verständnis für die Entstehung von Kantonen aufbrachten, verschob Beneš die Diskussionen mit Jaksch um ein Jahr. Nach Ablauf der Frist scheiterten die Gespräche wieder an der Kritik aus dem Protektorat und aus der Exilarmee. Vor der Entfesselung des Kriegs hatte der Vorsitzende der sudetendeutschen Sozialdemokratie Wenzel Jaksch die Zukunft der annektierten Gebiete noch für völlig offen gehalten. Die Sozialdemokratie war die führende sudetendeutsche politische Kraft im Exil. Mit Jaksch mussten nach der Besetzung der Grenzgebiete etwa 3.000 sudetendeutsche Sozialdemokraten das Land verlassen. Eine mehrfache Anzahl wurde vom Hitlerregime in Konzentrationslagern eingekerkert. Jaksch ? oh nach Großbritannien und versuchte zunächst, mit der Exilregierung Benešs über eine Nachkriegslösung auf der Grundlage der Münchner Grenzen zu verhandeln. Er sprach sich dort für das Selbstbestimmungsrecht der Sudetendeutschen und für die Bildung einer autonomen Landesregierung innerhalb der föderalistischen Tschechoslowakei aus.214 Er plädierte auch für die Verwandlung der Tschechoslowakei in einen Nationalitäten-Bundesstaat. Diese Bemühungen scheiterten ebenso wie Jakschs anschließender Kampf gegen die Vertreibungspolitik der Alliierten und des tschechoslowakischen Exils.215 Jaksch zeigte nach langen Verhandlungen mit Vertretern der Exilregierung im Herbst 1940 Zustimmung in der Frage der Entstehung schon erwähnten drei Kantone nach Schweizer Vorbild. Nachdem ihm Beneš im Januar 1942 seinen neuen Plan der Zwangsaussiedlung erläutert hatte, der die Verringerung der Zahl der Deutschen auf höchstens eine Million vorsah, brach Jaksch die Verhandlungen ab. Gegenüber Benešs 214 Martin K. Bachstein (Fn. 118), S. 215. 215 Ebd., S. 258. 92 Aufforderung zu weiteren Gesprächen im Herbst 1942 reagierte er wieder positiv. Wie der Historiker Detlef Brandes in seiner umfangreichen Studie bemerkt, brach aber diesmal die Verhandlungen Beneš ab. Gegen seinen Plan hatte sich nämlich das britische Außenministerium gewandt, das stets um die Beschränkung der Zwangsaussiedlung bemüht war. Daraufhin trat der Exilpräsident von den Gesprächen zurück. Brandes macht in seiner Beschreibung der Beziehungen zwischen beiden deutlich, Beneš habe Jaksch allzu langes Zögern bei der Eingliederung seiner Partei in die Exilorgane vorgeworfen und Jaksch habe gleichzeitig nur wenig Möglichkeiten gehabt, zu einer Einigung mit dem Exilpräsidenten zu kommen, denn dieser verlangte von ihm die Zustimmung zum Aussiedlungsprinzip. Nach dem zweiten – und wie sich zeigte - letzten Abbruch der Verhandlungen versuchten Jaksch und seine Partei, die britische öffentliche Meinung für eine Ablehnung der Vertreibungspläne zu gewinnen. Im August 1944 gründete er mit Vertretern der sudetendeutschen Katholiken ein Demokratisches Sudeten-Komitee. Zu dieser Zeit bestand auf dem föderalistischen Programm der Tschechoslowakei mit der Gründung deron Kantone für die Deutschsprachigen mit selbständiger Verwaltung. Im Laufe der letzten Kriegsmonate musste Jaksch freilich erkennen, dass die Rückgliederung der Grenzgebiete in die Tschechoslowakei immer wahrscheinlicher wurde. Er richtete seine Politik deshalb auf die Verringerung des Ausmaßes der geplanten Zwangsaussiedlung. Im März 1944 ließ der sozialdemokratische Vorsitzende Fallschirmspringer über dem Reichsgau Sudetenland absetzen, um dort vor der Aussiedlung zu warnen und eine breite antifaschistische Front einschließlich der Republikanischen Wehr zur Bestrafung der Nazis zu bilden. 6.4 Die Heydrichiade Mit dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion festigte sich der Widerstand im Protektorat in allen Bereichen. In dieser Situation sandte Hitler am 27. September 1941 den Experten für radikale Lösungen, Reinhard Heydrich, nach Prag und ernannte ihn zum stellvertretenden Reichsprotektor. Heydrich rief sogleich den Ausnahmezustand in den Großstädten aus und entfesselte eine neue Terrorwelle, die sich in ihrer Qualität von den vorangegangenen fühlbar unterschied. Es kam zu 4.000 bis 5.000 Festnahmen und Hunderten von Hinrichtungen. Am 27. Mai 1942 wurde von einer Gruppe tschechischer Fallschirmagenten, die aus London entsandt worden waren, in Prag-Libe? ein Attentat auf Heydrich verübt, an dessen Folgen er nach wenigen Tagen starb.216 Dieser Vorfall traf die deutsche Reichsregierung ziemlich unvorbereitet und ihre Reaktion war entsprechend heftig. Für die Ergreifung der Täter setzte man eine Belohnung von einer Million Reichsmark aus. Hitler forderte als Sühne unter anderem die Erschießung von 10 000 Tschechen. 216 Vgl. Miroslav Ivanov: Das Attentat auf Heydrich. Augsburg 2000. - Hellmuth Günther Dahms: Prag 1942: das Attentat auf Heydrich. Widerstand im „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“, in: Zeitschrift für geschichtliches Wissen 10 (1978), S. 771-786.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.