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Lukas Novotny, Der Widerstand im Protektorat in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 87 - 90

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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87 ratsamt wurde in die wichtige Position des Staatssekretärs der Sudetendeutsche und Karlsbader Buchhändler Karl Hermann Frank berufen, der ab Ende April 1939 auch die SS und die Protektoratspolizei befehligte. Er wurde somit für seinen radikalen Standpunkt in der Zeit vor München belohnt und machte in der Okkupationsverwaltung eine Karriere. Hitler ernannte ihn im August 1943 sogar zum deutschen Staatsminister für Böhmen und Mähren. Frank war es auch, der den Anstoß zur Einführung des „Judensterns“ in ganz Deutschland gab und im Oktober 1941 zusammen mit Heydrich in Prag eine Konferenz über die „Endlösung“ der Tschechen im Protektorat leitete.201 Frank war es schließlich, der das tschechische Dorf Lidice vernichten ließ. Der NS-Terror im Protektorat, der 1941 mit der Entsendung des Chefs des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich immer mehr anwuchs, vertiefte die Gräben zwischen Tschechen und Deutschen entscheidend. Dieser zerschlug die Protektoratsregierung, ließ Ministerpräsident Eliáš verhaften und zum Tode verurteilen und unterdrückte mit harter Faust die Intellektuellen. Über 400 Personen wurden nach Standgerichtsurteilen exekutiert, weitere 5.000 inhaftiert. Die nationalsozialistische Rassenpolitik sah im Protektorat eine gewaltige „Umvolkung“ vor. Die Tschechen galten nämlich weitgehend als „assimilierungswürdig“, so dass eine rassische Verfolgung der gesamten Bevölkerung zumindest während des Krieges nicht angestrebt wurde. Lediglich die „rassisch unverdaulichen Tschechen“ sollten ausgesiedelt bzw. zusammen mit der „reichsfeindlichen Intelligenzschicht“ einer „Sonderbehandlung“ unterzogen werden.202 Die Brutalität des Besatzungsregimes dokumentiert die Einschätzung von K.H. Frank, demzufolge etwa 100 Hinrichtungen im Monat oft ohne Gerichtsverhandlung vollzogen wurden.203 6.2 Der Widerstand im Protektorat Außerdem versuchte man jeglichen Widerstand im Protektorat bereits im Keim zu ersticken, indem man schon kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen eine rigorose Verfolgung von tschechischen Widerständlern und Regimegegnern entfesselte. Der tschechische Widerstand wird dabei nach Meinung des Historikers Václav Kural in der deutschen wie in der tschechischen Historiographie unterschätzt.204 Au? ehnung muss sich nämlich nicht gerade durch viele offenkundige und aktive Widerstandsakte 201 Vgl. Boris ?elovsky: Germanisierung und Genozid. Hitlers Endlösung der tschechischen Frage. Deutsche Dokumente 1933-1945. Dresden/Brno 2005, S. 37-43. 202 Siehe dazu die „Denkschrift über die Behandlung des Tschechenproblems und die zukünftige Gestaltung des böhmisch-mährischen Raumes“ vom 28.8.1940, abgedruckt bei: Die Deutschen in der Tschechoslowakei 1933 – 1947. Dokumentensammlung, zusammengestellt, mit Vorwort und Anmerkungen versehen von Václav Král, Prag 1964, S. 419. 203 Vgl. Václav Kural: Pläne zum Transfer der deutschen Bevölkerung aus der ?SR, in: Zden?k Beneš/Václav Kural: Geschichte verstehen. Prag 2002, S. 187-191, hier 191. 204 Václav Kural: Kollaboration und der tschechische Widerstand im Protektorat, in: Robert Maier (Hrsg.): Tschechen, Deutsche und der Zweite Weltkrieg. Von der Schwere geschichtlicher Erfahrung und der Schwierigkeit ihrer Aufarbeitung. Studien zur internationalen Schulbuchforschung; 94. Hannover 1997, S. 57-66, hier 60. 88 auszeichnen, sondern vielmehr auch nur einen ausgedehnten passiven Widerstand breiter Bevölkerungsschichten bedeuten, an den sich dann die umfassende Illegalität anlehnen konnte.205 Gegnerschaft lag in der Besinnung auf nationale Traditionen und kulturelle Vergangenheit. An Aktionen wie der Überführung der sterblichen Überreste des romantischen Schriftstellers Karel Hynek Mácha, den Feierlichkeiten beim Gedenken des Kirchenreformators Jan Hus wie auch den nationalen Feierlichkeiten, zum Beispiel als Erinnerung an die Gründung der Tschechoslowakei, nahmen viele Bürger teil, die dadurch ihre ablehnende Haltung zeigten. Die Antwort der Okkupationsmacht waren Machtausübung und Verfolgung. Am 16. November 1939 ordnete Hitler eine „Sonderaktion“ an, bei der am folgenden Tag alle tschechischen Hochschulen geschlossen wurden. Sie öffneten erst nach Kriegsende wieder. Im Protektorat blieben nur die deutschen Hochschulen funktionsfähig. 1200 Studenten wurden in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt, Sprecher der Studentenverbände und Dozenten ohne richterliches Urteil exekutiert. Die „Maßnahmen“ der Polizei erfolgten auf direkte Anweisung Hitlers, der sich hier direkt einschaltete. Damit war ein neuer Zeitabschnitt im Protektorat eingeleitet, denn zu Massenkundgebungen sollte es nicht mehr kommen. Doch die deutschen Pläne bezüglich der Tschechen gingen noch weiter. Hitler erläuterte: „Wir werden die Tschechen und Böhmen nach Sibirien oder in die wolhynischen Gebiete verp? anzen, wir werden ihnen in den neuen Bundesstaaten Reservate anweisen. Die Tschechen müssen heraus aus Mitteleuropa.“206 Besonders brutal handelten die Okkupanten gegen kommunistische und sozialdemokratische Politiker, Juden sowie deutsche Emigranten.207 Die zweite große Verhaftungswelle fand bereits am 1. September 1939 statt, dem Tag des Kriegsausbruchs, als die Gestapo unter dem Tarnnamen „Aktion Albrecht I.“ etwa 2.000 tschechische prominente Persönlichkeiten als Geiseln festnahm.208 Es ging dabei um die tschechischen „nationalen Führungsschichten“, die nun als potentielle Widerstandsgefahr präventiv mundtot gemacht werden sollten. Ein Monat später, am 1. Oktober 1939, demonstrierte die breite Bevölkerung anlässlich des ersten „Jahrestages“ des Münchener Abkommens. Der Widerstand organisierte eine koordinierte Aktion, bei der die Straßenbahnen in Prag bestreikt wurden. Die in den Morgenstunden sonst überfüllten Wagen starrten vor Leere, dafür waren die Bürgersteige voller Menschen. Die Verhafteten wurden sich vorwiegend ins Konzentrationslager Theresienstadt eingeliefert, in die ehemalige Festung und Stadt an der Grenze des Reichsgaus, die 1941 als zentrales Ghetto war. „Deutsche Stellen hatten diesen Menschen schamlose 205 Vgl. Detlef Brandes: Die Flüsterpropaganda. Tschechen unter deutschem Protektorat, Teil 1: Besatzungspolitik, Kollaboration und Widerstand im Protektorat Böhmen und Mähren bis Heydrichs Tod (1939 – 1942). München 1969, S. 78. 206 Georg Herde/Alexa Stolze: Die Sudetendeutsche Landsmannschaft. Geschichte, Personen, Hintergründe – eine kritische Bestandsaufnahme. Köln 1987, S. 75. 207 Vgl. Detlef Brandes: Nationalsozialistische Tschechenpolitik im Protektorat Böhmen und Mähren, in: Detlef Brandes/Václav Kural (Hrsg.): Der Weg in die Katastrophe. Deutsch-tschechoslowakische Beziehungen 1938–1947. Essen 1994, S. 39-56, hier 42. 208 Vgl. Stanislav Záme?ník: Das war Dachau. Luxemburg 2002, S. 117. 89 Versprechungen über die bevorstehende gute und sorglose Zukunft gemacht und sie bewusst irregeführt [...] die Ankömmlinge fragten manchmal schon auf dem Bahnhof oder an der Schleuse, ob ein oder zwei Zimmer für sie reserviert wären, oder wünschten sich Südseite und einen Balkon. Sie zeigten Bestätigungen über große Beträge auf 80.000 Reichsmark und mehr, mit denen sie sich für einen lebenslänglichen Aufenthalt, samt Verp? egung, in Theresienstadt eingekauft hatten.“209 Theresienstadt, ein Ort des Grauens, hatten die Nazis als Kurort mit vielen Hotels dargestellt. Die Juden starben dort freilich an den von der Okkupationsmacht geschaffenen mörderischen Lebensbedingungen. Das Lager war meist eine Zwischenstation auf dem Weg in das Massenvernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Bis zum Kriegsende wurden dort über 200.000 Häftlinge gefangen gehalten, von denen 140.000 umkamen oder in ein anderes Konzentrationslager gingen. Von den etwa 82.000 aus dem Protektorat deportierten Juden – egal, ob sie sich vor 1938 zur deutschen, tschechischen oder jüdischen Nationalität bekannt hatten - überlebten nur ca. 11.200. Die 77.279 Namen der Opfer des Holocaust aus der Tschechoslowakei sind in der Pinkas-Synagoge in Prag eingraviert. Da nun offene Massenkundgebungen nicht mehr denkbar waren, ging man zu vielen kleinen Versammlungen mit symbolischem Charakter über. Bestimmte Linden in der ganzen Republik wurden zu „Freiheitslinden“ erklärt. Unter ihnen versammelte sich die Bevölkerung und zeigte dadurch ihren stillen Protest gegen die Besatzer. Wallfahrten wie die zum heiligen Lautentius (sv. Vavinec) in Domažlice/Taus nahmen den Charakter nationaler Kundgebungen an, so dass sie später verboten wurden. Am 14. September 1940, dem Todestag des von der Bevölkerung verehrten Präsidenten und Republikgründers Tomáš G. Masaryk, waren die Standorte der von den Nationalsozialisten zerstörten Masaryk-Denkmäler mit Blumen übersät. Am 28. Oktober 1940 trugen breite Bevölkerungsschichten schwarze Krawatten und Trauer? or. Die nächste Chance zu einer Aktion sah die tschechische Bevölkerung im Frühjahr 1941 bei einer deutschen Kundgebung in der mittelböhmischen Stadt Kolín. Die Bürger verließen aus Protest die Stadt.210 Flüsterpropaganda und Flüsterwitze waren während der ganzen Protektoratszeit sehr ausgeprägt. Großen Ein? uss übten dabei die tschechischen Sendungen über den Londoner BBC und die von Radio Moskau aus. BBC initiierte zum Beispiel am 14. September 1941 einen einwöchigen Boykott der von den Nationalsozialisten gelenkten Presse. Somit wurde wiederum der Todestag Masaryks in Erinnerung gerufen. Die Aktion endete kurz vor der Abberufung des Reichsprotektors Neurath und wurde gegen ihn zusätzlich als Indiz mangelnder Durchsetzungskraft angeführt.211 Dieser öffentlich wahrgenommene Protest fand Beachtung auch im Ausland. Den tschechischen Widerstand kann man in einen heimischen und einen ausländischen gliedern. Organisierte Widerstandsgruppen im Protektorat entwickelten ihre Tä- 209 Hans G. Adler: Theresienstadt: 1941 – 1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Göttingen 1955, S. 104. 210 Vgl. Helmut Haasis: Tod in Prag. Das Attentat auf Reinhard Heydrich. Reinbek bei Hamburg 2002, S. 29. 211 Vgl. Miroslav Ivanov: Der Henker von Prag. Das Attentat auf Heydrich. Berlin 1993, S. 52. 90 tigkeit seit der Besetzung des Reststaates. Die wichtigsten von ihnen waren ON (Obrana národa - Verteidigung der Nation), PU (Politické ústedí – Politisches Zentrum) und PVVZ (Peti?ní výbor „v?rni z?staneme“ – Petitionsausschuss „wir bleiben treu“). In der ON vereinigten sich Militärs, im PU Intellektuelle und Politiker und der PVVZ stand für Sozialdemokraten und Linksintellektuelle offen. Diese nichtkommunistischen Hauptgruppen schlossen sich im Jahre 1940 zum ÚVOD (Ústední vedení odboje domacího – Zentralkomitee des heimischen Widerstands) zusammen. Dazu gab es im ganzen Protektorat noch kleinere regionale Gruppierungen, die auf eigene Faust arbeiteten. Sie unterstützten vor Ort die Bevölkerung, sorgten für Kleidung und Lebensmittel. Anlaufstelle für diesen Widerstand war neben anderen die traditionsreiche SOKOL-Gemeinde (Falke). Neben diesen Widerstandsformen organisierte auch die in die Illegalität geratene Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei zahlreiche Aktionen. Viele der leitenden Funktionäre gingen nach Moskau, wo die Exilführung der Partei ausgebildet wurde. Eine Komplikation für die weitere Entwicklung der Tätigkeit der Kommunisten stellte freilich der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 dar. Er verursachte (nicht nur) unter den (tschechischen) verwirrten und desorientierten Kommunisten eine Krise. Die Parteiführung in Moskau stand anfangs hinter dem Nichtangriffspakt, weswegen sie den in London tätigen Exilpräsidenten Edvard Beneš und seine Mitarbeiter als imperialistische Feinde bezeichnete und die Bildung der tschechoslowakischen Auslandsarmee ablehnte. Zu Benešs Plan der Erneuerung der Tschechoslowakei erklärten die Kommunisten, dass er imperialistische und antisowjetische Pläne verfolge.212 Eine Richtungsänderung brachte erst der Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion. 6.3 Die Emigrantenregierung und ihre Armee Präsident Edvard Beneš war nach seiner Emigration um die Erhaltung der rechtlichen Kontinuität der Tschechoslowakei aus der Zeit vor dem Münchener Abkommen bemüht. Als Priorität seiner diplomatischen Tätigkeit in London bestimmte er die internationale Anerkennung der politischen Repräsentanz des Landes im Ausland. Deswegen beabsichtigte er die Bildung einer provisorischen Exilregierung, die als Vertretung gegenüber den westlichen Ländern gedacht war. Ihre Anerkennung durch die britische Regierung, die USA und die Sowjetunion erfolgte im Juli 1941.213 Die Regierung hatte ihre eigenen Minister und handelte – wenn es die Bedingungen ermöglichten – auf Grund der tschechoslowakischen Gesetze aus der Zeit vor München. Ministerpräsident wurde der Vorsitzende der katholisch orientierten Tschecho- 212 Ebd., S. 51 213 Vgl. Detlef Brandes: Der Weg zur Vertreibung 1938-1945. Pläne und Entscheidungen zum „Transfer“ der Deutschen aus der Tschechoslowakei und aus Polen. München 2005, S. 126f. – Edvard Beneš: Šest let exilu a druhé sv?tové války. e?i, projevy a dokumenty z r. 1938 [Sechs Jahre Exil und Zweiter Weltkrieg. Reden, Ansprachen und Dokumente aus den Jahren 1938- 1945]. Prag 1946, S. 458.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.