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Lukas Novotny, Der Mustergau Sudetenland in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 82 - 84

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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82 wir uns gleichzeitig dessen bewusst sein, dass Großbritannien mit Chamberlain und Frankreich mit Daladier in diesem Zeitraum de facto Verbündete von Hitlerdeutschland waren.“188 5.2 Der Mustergau Sudetenland Neuere Forschungen zeigen freilich, dass viele Sudetendeutsche angesichts der Realität im NS-Staat zutiefst erschrocken waren. Dennoch feierten die meisten von ihnen den Einmarsch der Wehrmacht mit Kundgebungen und mit Angriffen auf örtliche Tschechen, Juden und NS-Gegner. Das Münchener Abkommen war für sie die Verwirklichung ihrer Vorstellung von Freiheit. Sie schleiften tschechoslowakische Denkmäler, verbrannten Bücher demokratischer Schriftsteller und setzten Synagogen in Brand. Die etwa 850 000 auf dem annektierten Gebiet verbliebenen Tschechen hatten kein leichtes Leben zu erwarten. Sie verloren ihre Rechte, ihre Vereine, die politischen Parteien wurden aufgelöst. Der Gebrauch der tschechischen Sprache war verboten, und zwar nicht nur in den Ämtern, sondern auch in der Öffentlichkeit.189 Die politische und kulturelle Unterdrückung der tschechischen Minderheit zeigte sich bald in ihrer sozialen Degradierung. In der von den Nationalsozialisten geführten (Kriegs-) Wirtschaft wurde der nichtloyalen tschechischen Bevölkerung das Eigentum beschlagnahmt. Der wirtschaftliche Druck führte zu einer schrittweisen Liquidierung vieler tschechischer Betriebe. Bis Mitte Dezember 1938 ? ohen mehr als 200 000 Tschechen und loyale Bürger der tschechoslowakischen Republik aus dem besetzten Grenzland oder sie wurden ausgewiesen.190 Tausende lebten lange Monate in provisorischen Lagern, denn nur für einen Teil von ihnen konnte man eine Unterkunft ? nden. Die einzigartige soziologische Studie von Jaroslav Šíma aus dem Jahre 1945 zeigt, welche Motive die in den Grenzgebieten lebende tschechische Bevölkerung zu ihrem Umzug in das Landesinnere nötigten: Die meisten Befragten beschwerten sich über die aggressive Haltung vieler Deutscher und hatten deshalb Angst um ihr Leben.191 Die tschechoslowakische Regierung initiierte deshalb die Entstehung eines Instituts für die Unterstützung der Umsiedler. Noch vor der deutschen Besetzung waren aus den Grenzgebieten vor allem viele Juden abgereist, egal welcher Nationalität sie angehörten. Die Massen? ucht beschleunigte die Inbesitznahme des jüdischen Eigentums. 188 Václav Houžvi?ka (Fn. 99), S. 237. 189 Vgl. Josef Bartoš: ?eské obyvatelstvo v okupovaném pohrani?í [Die tschechische Bevölkerung im okkupierten Grenzland], in: Václav Kural/Zden?k Radvanovský (Hrsg.): „Sudety“ pod hákovým kížem [Das Sudetenland unterm Hakenkreuz]. Ústí nad Labem 2002, S. 169-179, hier 173. 190 Zur Vertreibung der tschechischen Bevölkerung aus den annektierten Gebieten gibt es viele Zeitzeugenaussagen. Vgl. Mnichov. Vzpomínková kronika [München. Eine Erinnerungschronik]. Prag 1969, S. 410f. 191 Vgl. Jaroslav Šíma: ?eskoslovenští pest?hovalci v letech 1938-1945 [Die tschechischen Umsiedler in den Jahren 1938-1945]. Prag 1945. 83 Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten begann man auf den 22 5000 qkm des neu entstandenen Reichsgaus Sudetenland mit seinen 2,9 Millionen Deutschen vor allem die Nürnberger Gesetze konsequent durchzusetzen. In die Sudetengebiete kamen reichsdeutsche Funktionäre, die in wenigen Tagen für die gesellschaftliche Gleichschaltung im neuen am 30. Oktober 1938 von Hitler entstandenen NSDAP-Gau sorgten. Gemeinsam mit Konrad Heinlein setzten sie sich entscheidend für die Überführung der Sudetendeutschen Partei in die NSDAP ein. Sie wurde bereits am 5. November 1938 aufgenommen. Einige südböhmische und südmährische von Hitler annektierte Randgebiete der Tschechoslowakei sowie das Hultschiner Ländchen in Schlesien hat man den österreichischen, bayerischen und schlesischen NSDAP- Gauen angeschlossen. Im Sudetengau war die Organisationsdichte der NSDAP prozentual zur Bevölkerung die höchste. Trotz des hohen Mitgliederbeitrags betrug die Zahl im Februar 1942 510.000, also 17,3 Prozent der erwachsenen Bevölkerung des Reichsgaus. Der Reichsdurchschnitt lag nur bei 7,8 Prozent. Im April 1943 zählte das Amt des Reichsschatzmeisters sogar 526.790 Mitglieder im Gau. Ähnlich hoch war die Engagiertheit der Sudetendeutschen im NS-Frauenbund, in der sudetendeutschen SA sowie in anderen Institutionen. Allerdings gibt es zwischen den 526.790 im April 1943 festgestellten NSDAP- Mitgliedern und der Zahl der SdP-Mitglieder einen großen Unterschied. Ende März 1938 zählte die SdP 770.101 Mitglieder und Ende April sogar 1.057.968. Von diesen gelangten freilich nicht alle in die NSDAP. Das lässt sich nicht allein mit einer mangelnden Bereitschaft der NSDAP zu ihrer Aufnahme begründen. Sicher mochten sich nicht alle von ihnen der NS-Bewegung anschließen, denn sie hätten ihren „Volkstumskampf“ mit der Eingliederung der Sudetengebiete in das Reich als beendet betrachten müssen. Auf jeden Fall erhielt die NSDAP bei den Nachwahlen zum Reichstag im Gau Sudetenland am 4. Dezember 1938 98,9 Prozent der abgegebenen Stimmen. Parallel mit der Überführung der SdP in die NSDAP wurden auch aus anderen sudetendeutschen politischen Organisationen nationalsozialistische Einrichtungen. Es entstand die sudetendeutsche Sturmabteilung (SA), in der sich Mitglieder des paramilitärischen Freiwilligen Selbstschutzes und des Sudetendeutschen Freikorps sammelten. Im Juni 1939 befanden sich 160.000 Mitglieder in ihren Reihen. Viele Turner sahen die SA gewissermaßen als Fortsetzung des Turnverbands. Der Turnverband selber ging jedoch im Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen auf. Ähnlich war es in der sudetendeutschen Hitlerjugend, zu der viele Mitglieder der Sudetendeutschen Volksjugend kamen. Mehr Zeit als die Überführung der SdP-Strukturen in die NSDAP nahm die gesellschaftliche Gleichschaltung in Anspruch. Das Ziel war die Verwirklichung der totalen Menschenführung in den annektierten Gebieten der Tschechoslowakei. Wie Volker Zimmermann dokumentiert, war die Gleichstellung des Vereins- und Verbandswesen kompromissloser als im Reich. Den sudetendeutschen Organisationen blieb praktisch nicht viel übrig als sich diesen Weisungen zu beugen.192 Sie mussten für ihre Einglie- 192 Volker Zimmermann (Fn. 115), S. 162. 84 derung in die NS-Volksgemeinschaft außerdem noch eine Verwaltungsgebühr zahlen. Dadurch gewann das Amt des Stillhaltekommissars eine gute ? nanzielle Basis. Der Stillhaltekommissar schloss im November 1939 seine Tätigkeit ab. In diesem Zeitpunkt waren die sozialdemokratischen, kommunistischen, tschechischen und jüdischen Verbände aufgelöst. Bis 1940 wickelte der Stillhaltekommissar insgesamt 66.408 sudetendeutsche und tschechische Organisationen ab, von diesen stellte er 14.204 frei, löschte 41.244 aus dem Vereinsregister und löste 10.960 auf. Von den 4.708 hauptamtlichen Kräften vor der Besetzung waren im Jahre 1940 nur noch 561 übrig geblieben, von den 156.600 ehrenamtlichen Mitarbeitern nur noch 28.332.193 Die freigestellten Verbände wurden nun gezwungen, das Führerprinzip zu übernehmen. Wegen des gewaltigen Umfanges der politischen und gesellschaftlichen Gleichschaltung sprach die Gauleitung bald von einem „Mustergau“. Auch Henlein führte diesen Begriff in Munde. Im Reichsgau Sudetenland verblieben etwa 300.000 Bürger tschechischer Herkunft. Die deutschen Behörden hatten freilich enormes Interesse an der weiteren Verringerung dieses Anteils. Der öffentliche Gebrauch ihrer Sprache war untersagt, ihre Schulen und kulturellen Einrichtungen wurden verboten. Das wiederum missachtete das Recht auf Selbstbestimmung, das Henlein für die Sudetendeutschen so vehement gefordert hatte. Wie die tatsächliche Lage nunmehr war, darum konnte es keinen Zweifel geben: „Der völkische Radikalismus wird durch die Erfordernisse des deutschen Aggressionskrieges gebremst, macht sich aber in sporadischen Enteignungs- und Terroraktionen gegen die verbliebene nicht-deutsche Bevölkerung immer wieder bemerkbar.“194 Während die SS meinte, eine große Zahl dieser Tschechen eindeutschen zu können, beharrten die sudetendeutschen Politiker auf der Feststellung ihrer politischen „Unzuverlässigkeit“. Von den im Land Verbliebenen dürften noch im Oktober 1938 etwa 10.000 sudetendeutsche Antifaschisten in Gefängnisse und KZs eingeliefert worden sein, bis zum Jahresende waren es etwa 20.000. Der Großteil von ihnen waren Mitglieder der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiter-Partei (DSAP), der Kommunistischen Partei (KP) und der freien Gewerkschaften. Aber auch ein Flügel in der Sudetendeutschen Partei, der sich nicht zum Nationalsozialismus bekannt hatte, wurde nun ausgeschaltet, seine Anhänger verfolgte man. Im ersten Kriegsjahr entstand schließlich unter den sudetendeutschen Sozialdemokraten und Kommunisten ein Untergrund, der auf den noch bestehenden Organisationen beider Parteien aufbaute. Leopold Grünwald berichtet von etwa 185 dokumentierten Widerstandsgruppen, die in den sudetendeutschen Ballungszentren teilweise über ein dichtes Netz von Ortsgruppen verfügten.195 193 Ebd, S. 165. 194 Erich Später (Fn. 114), S. 21. 195 Zum Widerstand der Sudetendeutschen siehe Leopold Grünwald: Sudetendeutscher Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Für Frieden, Freiheit, Recht. Benediktbeuren 1986.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.