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Lukas Novotny, München – peace for our time? in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 72 - 77

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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72 1,45 Millionen Deutsche in sein Territorium übernehme. Beneš´ Plan des Verzichts auf ein Sechstel des deutschen Siedlungsgebietes der Tschechoslowakei und der Aussiedlung von etwa der Hälfte der Deutschen wurde von den Westmächten selbstverständlich abgelehnt.156 Chamberlain und der französische Ministerpräsident Daladier setzten Beneš – gegen die Opposition Churchills – erneut unter diplomatischen Druck und „empfahlen“ ihm, alle Gebiete mit mehr als 50 Prozent der deutschen Bevölkerung aufzugeben – für die Tschechoslowakei ein gewaltiger Schock. Hitler war nur zu einem auf den 1. Oktober befristeten Ultimatum bereit. Diese ultimative Art und Weise Berlins war wiederum für Prag unakzeptabel. Der Krieg schien damit unabwendbar zu sein. Beneš musste schließlich einsehen, dass vom Westen keine militärische Hilfe mehr zu erwarten war und ein sowjetisches Hilfsangebot am Widerstand der Nachbarstaaten gegen einen Durchmarsch der Roten Armee scheitern würde. Daher lehnte er eine alleinige Kriegserklärung an Deutschland ab – worauf seine Generäle drängten. Ministerpräsident Milan Hodža trat hierauf am 21. September zurück. Nach einer Woche weiterer ? eberhafter Verhandlungen und nach der Generalmobilmachung der tschechoslowakischen Armee, bei der wohlbewaffnete Divisionen kampfbereit standen, sollte eine hastig einberufene Konferenz in München am 29. September 1938 (ohne die Teilnahme der Tschechoslowakei) die Abtretung des sog. Sudetenlandes ans Reich beschließen. Die Tschechoslowakei hatte sich diesem Diktat zu unterwerfen. Insbesondere das damalige Appeasement-Verhalten Frankreichs hinterließ bei Beneš genauso wie im ganzen tschechischen Volk tiefe Spuren und wurde als Verrat empfunden. 4.4 München – peace for our time? Die Wendung in der bisher gespannten Lage brachte, wie soeben betont, die Münchner Konferenz zustande: Nach einer Idee Mussolinis vom 28. September 1938 sollten die vier Großmächte die Situation lösen. Chamberlain hatte den italienischen Führer und engsten Verbündeten Hitlers um seine Vermittlerrolle gebeten. Hitler zeigte seine Bereitschaft. Er war sich nämlich dessen bewusst, dass es sich nicht lohnen würde, einen Krieg mit den westlichen Großmächten zu riskieren, wenn nicht alle diplomatischen Wege ausgeschöpft worden seien. Deshalb organisierte er gemeinsam mit Mussolini die Münchener Konferenz, zu der Daladier und Chamberlain eingeladen wurden. Das Abkommen war Ergebnis der Vorstellungen der Vertreter der vier Mächte. Diese glaubten seinerzeit wirklich, über den betroffenen fünften Staat verfügen zu können, der auch vorher schon im Spiel dieser Mächtigen war. Die drei nichtdeutschen Signatarmächte, Großbritannien, Frankreich und Italien, verstanden die Rechtslage offenbar ähnlich wie Hitler. Großbritannien und Frankreich distanzierten sich von dem Vertrag erst im Laufe der Kriegsjahre. 156 Vgl. dazu Dagmar Perman: The Sharping of the Czechoslovak State. Leiden 1962, S. 159ff. 73 Der britische Historiker Ian Kershaw hält das Münchener Abkommen für ein tragisches Beispiel britischer Außenpolitik. Ihm zufolge hatte es insbesondere für Großbritannien und für seine ehemaligen außenpolitischen Leitsätze schwere Folgen; es beein? usste negativ sein Prestige im internationalen Kontext. Dazu trug auch noch unmissverständliche Anordnung bei, die Chamberlain am 30. September 1938 dem britischen Botschafter Newton nach Prag schickte: „You should at once see President (Beneš) and on behalf of His Majesty´s Government urge acceptance of plan that has been worked out today after prolonged discussion with a view to avoiding con? ict. You will appreciate that there is no time for argument: it must be a plain acceptance.“157 Der tschechoslowakische Außenminister Kamil Krofta wurde bereits um sechs Uhr abends an diesem Tage vom deutschen chargé d´ affaires A. Hencke mit den Ergebnissen der Konferenz in München bekannt gemacht. Der Außenminister antwortete den Briten wie folgt: „Im Namen des Präsidenten der Republik sowie der Regierung teile ich mit, dass wir uns den Entscheidungen fügen, die in München über uns ohne uns verabschiedet wurden. Ich möchte Sie nur darauf aufmerksam machen, dass hiermit der gegen uns geführte Presse- und Rundfunk-Krieg aufhören muss, denn sonst wäre es nicht möglich, die Münchener Beschlüsse auf friedlichem Wege zu realisieren. Ich will nicht kritisieren, aber es ist für uns eine Katastrophe, die wir nicht verdient haben. Wir fügen uns und werden uns darum bemühen, dass unser Volk ruhig leben kann. Ich weiß nicht, ob Ihre Länder von den in München getroffenen Entscheidungen pro? tieren werden. Wir sind sicher nicht die letzten, nach uns wird es noch anderen Ländern so ergehen.“158 Das Münchner Abkommen bedeutete das Ende der Versailler Nachkriegsordnung. Sie hatte kein einziges der Nationalitätenprobleme Mitteleuropas gelöst, denn in den nicht-annektierten Gebieten der Tschechoslowakei sind damals 240 000 Deutsche zurückgeblieben und im von Hitler beanspruchten Teil hatten 578 000 Tschechen ihr Zuhause. Wenn man noch die Österreich und Polen zugeschlagenen Gebiete hinzurechnet, so befanden sich in den abgetretenen Regionen der Republik mindestens 822 000 Tschechen.159 Als nicht zukunftsfähig erwies sich eindeutig die einseitige Orientierung der tschechoslowakischen Außenpolitik an Frankreich. Die Münchener Krise wirft auch Fragen zur Einstellung Beneš´ und seiner Entschlossenheit zum Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland auf. Wie Václav Houžvi?ka anführt, war eine der meistgestellten Fragen in London, ob der Staatspräsident tatsächlich zum Kampf für die Erhaltung der Tschechoslowakei entschlossen sei.160 Bemerkenswerte Erkenntnisse über sein Denken sowie über die Einstellungen der westlichen Mächte bringt Radomír Luža. Ihm zufolge war Beneš stets zu defensiv orientiert. Er kritisiert ihn deswegen dafür, dass er seinen westlichen Verbündeten die tschechoslowakische Position nicht genügend erklären konnte und dass er nicht kon- 157 Ebd., S. 138. 158 Vgl. Jindich Dejmek: Historik v ?ele diplomacie – Karel Krofta [Der Historiker an der Spitze der Diplomatie – Karel Krofta]. Prag 1998, S. 343f. 159 Václav Houžvi?ka (Fn. 99), S. 252. 160 Ebd., S. 225. 74 sequent genug auf seiner Politik bestand. Lužas´ Auffassung nach war dies etwas, was Frankreich wie Großbritannien fürchteten, denn in diesem Falle hätten beide Länder bei einem Angriff auf Prag zu Hilfe kommen müssen.161 Die Bereitschaft, einen Krieg zu führen, hätte die Briten und ihre Appeacement-Politiker zu einer Druckausübung auf die Führung der Sudetendeutschen Partei gezwungen. In Wirklichkeit befand sich jedoch die tschechoslowakische Regierung ständig unter Druck. Die Tschechoslowakei selber sei von der öffentlichen Meinung in Frankreich und Großbritannien als ein fast totalitäres Land angesehen worden. Das ist der zweite Kritikpunkt Lužas an der Außenpolitik von Beneš. Trotz des sichtbaren moralischen Vorteils vermochte er die Öffentlichkeit in Frankreich und Großbritannien nicht von der Richtigkeit seiner Schritte zu überzeugen. Kritisch sieht Benešs Verhalten auch der tschechische Historiker Zbyn?k Zeman. Der Staatspräsident sei seiner Feststellung zufolge Opfer der eigenen Taktik geworden, die auf einer übertriebenen Weichheit des Staats basierte. Zeman untersuchte sein politisches Handeln und stellte bei ihm die mangelnde Berücksichtigung der internationalen Lage der Tschechoslowakei während der Münchner Krise fest. Daraus ergaben sich gleich mehrere Fehler, die mit der Erhöhung des internationalen Drucks noch deutlicher wurden. Zeman behauptet, Beneš sei nicht genug darauf vorbereitet gewesen, die Republik im Kampf gegen den Nationalsozialisten zu führen. Auch habe er in dieser Hinsicht der Nation nicht vertraut.162 Gegen diese Auffassungen stellt sich der tschechische Historiker Jan Tesa. In seinem Buch „Das Münchener Syndrom“ lehnt er die Verschiebung der politischen Verantwortung auf die Person des Staatspräsidenten ab.163 Doch kritisiert auch er Beneš ebenfalls, nämlich dafür, dass dieser - gezwungenermaßen - die ihm von Runciman und Henlein aufgedrängte Version des Nationalitätenstatuts annahm und dass er die Sudetendeutsche Partei als den bedeutendsten Vertreter der Sudetendeutschen akzeptierte. Der tschechische Historiker Václav Kural befasste sich in seiner umfangreichen Studie mit der Variante einer Verteidigung der Tschechoslowakei gegen den eventuellen Angriff Hitlers.164 Ihm zufolge war die tschechoslowakische Politik bei der Verteidigung der eigenen Interessen gegenüber den Briten, Franzosen und Deutschen nicht aktiv genug. Kural untersuchte die Zeit der Generalmobilmachung vor dem Münchener Abkommen und kam zu dem Ergebnis, dass sie der Wehrmacht den Moment der Überraschung nahm und man Zeit für weitere Verhandlungen gewann. Das tschechoslowakische Verteidigungssystem, bestehend aus vielen Bunkern, Kanonen, Fahrzeugen, Flugzeugen und Panzern hätte seiner Überzeugung nach die Überlegenheit der Militäreinheiten des Gegners ausgeglichen. Kural gibt allerdings zu, dass die Verteidigung mit der Waffe viele Opfer gekostet hätte. Dies wäre aber eine nicht ganz un- 161 Vgl. Radomír Luža: The Transfer of the Sudeten Germans. 1964, S. 153f. 162 Zbyn?k Zeman: Edvard Beneš. Prag 2002, S. 145f. 163 Jan Tesa (Fn. 119), S. 81. 164 Vgl. Václav Kural: Mohli jsme se bránit? [Konnten wir uns wehren?] In: Písn? tajné 5 (2003), S. 99-110. 75 denkbare und auf jeden Fall moralisch besser zu begründende Möglichkeit für die tschechoslowakische Politik gewesen. Der Streit der tschechischen (sowie auch deutschen) Historiker um München dreht sich heute größtenteils um das Handeln von Edvard Beneš. Wie kompliziert seine Position (nicht nur) im September 1938 war, zeigt der Ratschlag des tschechoslowakischen Diplomaten Hubert Ripka vom 20. September 1938.: „Herr Präsident, jetzt liegt es nur an Ihnen, ob wir kapitulieren werden oder einen Widerstand zeigen. Ich kenne das Risiko eines Widerstands: wir können geschlagen werden. Aber diese Niederlage würde nicht die moralische Kraft der Nation zerbrechen – diese würde sich bei der ersten Gelegenheit wieder aufraffen. Dagegen könnte die Kapitulation eine Zersetzung für mehrere Generationen verursachen. Davon würden wir uns kaum mehr erholen. Ich sage es offen und es ist auch die Meinung vieler meiner Freunde: Wir ziehen das furchtbare Risiko eines Kriegs einer schmachvollen Kapitulation vor, die in unserer Nation alles Reine, Starke und Entschlossene tilgen würde.“165 Hubert Ripka de? nierte somit als erster ein Phänomen, das seit München die moderne tschechische Geschichte begleitet – den Münchener Komplex als Symbol einer machtlosen und unverständlichen Kapitulation und als Symbol der Verlassenheit. Er ist bis heute tief im historischen Gedächtnis der tschechischen Nation verankert, wie noch später gezeigt wird. Verstärkt wurde er während der politischen Krisen in der Tschechoslowakei in den Jahren 1948 und 1968. Der bereits erwähnte Hubert Masaík wiederum kam auf Grund authentischer Informationen aus erster Hand zu dem Schluss, dass die Kapitulation vor dem reichsdeutschen und internationalen Druck ein besserer Weg gewesen sei als die Führung eines Krieges. Der Kampf gegen die Wehrmacht hätte Masaík zufolge den Selbstmord der Nation bedeutet.166 Beneš erhielt dazu noch am 26. September ein Memorandum des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, in dem ihn jener bat, den Kon? ikt zwischen beiden Ländern friedlich und ohne Blutvergießen zu lösen. Ähnlich interpretiert die Haltung des Staatspräsidenten auch Václav Havel. „Beneš wusste, dass seine Entscheidung, das Münchener Diktat abzulehnen, von Unverständnis und Widerstand der demokratischen Welt begleitet worden wäre, die aus ihm einen tschechischen Nationalisten, Störenfried, Provokateur oder Hasardeur gemacht hätte, der aberwitzig hoffte, auch weitere Völker in einen Krieg hineinzuziehen, den es überhaupt nicht hätte geben müssen.“167 Bei der Beurteilung des Münchener Abkommens sind sich die Historiker und Politikwissenschaftler jedoch in einem einig: Die Wunden, die die Tschechoslowakei durch „München“ zugefügt worden sind, waren tödlich. Die Nation hatte den Glauben an sich selbst und an die Demokratie verloren. Es herrschte das Gefühl der Verlassenheit. Der Münchner Komplex zeigt eine bis heute zu beobachtende Asymmetrie. Für 165 Zitiert nach Jan Ken: Do emigrace [In die Emigration]. Prag 1963, S. 55. 166 Vgl. Hubert Masaík: V prom?nách Evropy [In den Veränderungen Europas]. Prag/Litomyšl 2002, S. 248. 167 Zitiert bei Ivan Šedivý: ?eši, ?eské zem? a velká válka 1914-1918 [Die Tschechen, die Böhmischen Länder und der große Krieg]. Prag 2001, S. 347. 76 die Tschechen ist er der größte Sündenfall geblieben, der die Bedrohung der nationalen Existenz darstellte. Die meisten Sudetendeutschen nahmen die Ergebnisse der Münchener Konferenz dagegen mit Begeisterung auf. Sie feierten die Befreiung, wie die Bilder vom Hitlers Besuch in Asch oder Karlsbad zeigen. Die unterschiedlichen Interpretationen von München haben sich tief in das historische Gedächtnis der Tschechen und Sudetendeutschen eingegraben. Nach dem Münchener Abkommen und der Abtretung der Grenzgebiete an Deutschland erfolgten am 1. Oktober 1938 ein polnisches Ultimatum und die Annexion des Gebietes T?šín/Teschen, später auch kleinerer Teile von slowakischen Regionen durch Polen. Hitler hat sich jedoch nicht mit den im Münchener Abkommen durchgesetzten Grenzen zufrieden gegeben. Bereits am 10. November 1938 forderte er (und erhielt er) nachträglich kompromisslos noch einen Teil des Chodenlandes und der Gebietsstücke um Jilemnice/Starkenbach sowie ?eskodubsko/Böhmisch Aicha mit Umland. Aus den an Deutschland zugeschlagenen Gebieten wurde ein großer Teil der nichtdeutschen Bevölkerung vertrieben, jüdische Bewohner verfolgte man und ihr Eigentum kam in deutsche Hände.168 Die besetzten Gebiete mussten innerhalb weniger Stunden 210.000 dort lebende ethnische Tschechen verlassen.169 Viele von ihnen gingen aus den Grenzgebieten „freiwillig“, denn sie fürchteten die Aggressivität der Heinleinanhänger. Noch während viele Sudetendeutsche im Sudetenland frenetisch die einrückende Wehrmacht bejubelten, setzte bereits die Verfolgung ein. Mindestens 10.000 Menschen, vorwiegend Sozialdemokraten, Kommunisten, Personen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kirche, dazu Juden, sogar Leute aus Henleins Stab und aus seiner Partei verhaftete die Gestapo in den ersten Monaten der Existenz des neuen Reichsgaus.170 Die sudetendeutsche Historiographie führt an, dass „von Oktober bis Dezember 1938 2 500 Sudetendeutsche allein ins KZ Dachau eingewiesen wurden. Insgesamt erfolgten etwa 20 000 Verhaftungen und Verschickungen. Ins westliche Ausland ? üchteten schätzungsweise 30 000 Sudetendeutsche“171. Bald darauf brannten im Sudetenland die Synagogen. Viele Sudetendeutsche konnten bereits die starke Einschränkung ihrer vielfältigen Vereinstätigkeit und der örtlichen Presse durch die Nazionalsozialisten nicht übersehen. Wie Volker Zimmermann bemerkt, waren von diesen Ereignissen Sudetendeutsche auf allen Ebenen betroffen. Denn die Verwaltung befand sich in der 168 Vgl. Gemeinsame deutsch-tschechische Historikerkommission (Hrsg.): Kon? iktgemeinschaft, Katastrophe, Entspannung. Skizze einer Darstellung der deutsch-tschechischen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert. München 1996, S. 45ff. 169 Im Gegenzug durfte die verkleinerte Tschechoslowakei 250.000 auf ihrem Territorium lebende Deutsche ausweisen. Vgl. Rainer Münz: Ethnische Säuberungen. Zum „Transfer“ der Sudetendeutschen, in: Barbara Coudenhove-Kalergi/Oliver Rathkolb (Hrsg.): Die Beneš-Dekrete. Wien 2002, S. 130-137, hier 132f . 170 Vgl. Ralf Gebel: „Heim ins Reich“. K. Henlein und der Reichsgau Sudetenland 1938-1945. München 1999. 171 Vgl. Oskar Böse/Rolf-Josef Eibicht (Hrsg.): Die Sudetendeutschen. Eine Volksgruppe im Herzen Europas. München 1989, S. 73. 77 Hand einheimischer Funktionäre, die meist von der SdP zur NSDAP gewechselt waren.172 Wenn auch die meisten Sudetendeutschen ihre „Heimkehr ins Reich“ feierten, so sollte man nicht übersehen, dass eine kleine, aber gewichtige Minderheit über das Münchener Abkommen hinaus der Republik die Treue hielt, bis hin zu Verfolgung, Konzentrationslager oder Exil. Nach der Kapitulation der tschechischen Regierung ? üchteten zwischen 10 000 und 30 000 Sozialdemokraten und Kommunisten ins Landesinnere, um von dort den Kampf gegen die Nationalsozialisten fortzusetzen.173 Viele von ihnen wurden von den tschechoslowakischen Behörden zurückgeschickt und damit dem NS-Terror ausgeliefert. Trotzdem gelang rund 7 000 sudetendeutschen Antifaschisten die Flucht und ca. 30 000 sudetendeutschen Juden die Emigration. Die Aufnahmeländer der Flüchtlinge waren vor allem Großbritannien, Kanada, Skandinavien und die Sowjetunion.174 Der britische Ministerpräsident Neville Chamberlain hatte bei seiner Rückkehr aus München auf dem Londoner Flughafen vor einer jubelnden Masse optimistisch versichert, er habe nun „peace for our time“ gesichert. In Wahrheit war es der erste große Schritt zur deutschen Hegemonie über ganz Europa, denn „es ging Hitler gar nicht um die Sudetendeutschen, sondern um die Aufhebung des französischen Sicherheitssystems und die Zerschlagung des tschechoslowakischen Staates und die Einschüchterung aller Ostmitteleuropäer auf dem geplanten Weg zur Zerstörung der Sowjetunion und der Unterjochung Russlands [...]. Die Sudetendeutschen ließen sich von diesem gewaltigen Strom der Macht und des Gefühls der Erfüllung ihrer Selbstbestimmung mitreißen.“175 Das Ereignis ging in die Geschichte als Symbol für kurzsichtige Diplomatie ein.176 Aus dem heutigen Blickwinkel wurde damit der Krieg nicht verhindert, sondern nur um einige Monate aufgeschoben. Hitler, insgeheim enttäuscht, da er um einen Kriegsgrund gebracht war, suchte alsbald einen neuen Anlass für seinen Angriff. Erst die Annexion der verbliebenen Teile der böhmischen Länder und der Einmarsch in Prag im März 1939 öffneten den Alliierten Großbritannien und Frankreich die Augen und überzeugten sie davon, dass mit Hitler keine Verträge geschlossen werden konnten. 172 Vgl. Volker Zimmermann (Fn. 97), S. 64. 173 Vgl. Adolf Hasenoehrl: Kampf, Widerstand, Verfolgung der sudetendeutschen Sozialdemokraten: Dokumentation der deutschen Sozialdemokraten aus der Tschechoslowakei im Kampf gegen Henlein und Hitler. Stuttgart 1983. 174 Vgl. Leopold Grünwald: Sudetendeutscher Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Benediktbeuren 1986. 175 Rudolf Hilf: Deutsche und Tschechen. Symbiose-Katastrophe-Neue Wege. Opladen 1995, S. 147f. 176 Vgl. John Wheeler-Bennett: Munich: Prologue to Tragedy. New York 1965.

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References

Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.