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Lukas Novotny, Ursachen der Spannungen zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 61 - 63

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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61 4. „München“ – die Katastrophe im deutsch-tschechischen Verhältnis 4.1 Ursachen der Spannungen zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei Das Münchener Vier-Mächte-Abkommen vom 30. September 1938, auf dessen Grundlage die Tschechoslowakei umfangreiche Grenzgebiete (28.263 qkm mit 2,8 Millionen Deutschen und 719.000 tschechischen Bewohnern, von denen viele in den Reststaat ? üchteten oder in der Folgezeit vertrieben wurden) an Deutschland abtreten musste, verursachte in der tschechischen Gesellschaft eine gewaltige Erschütterung.119 Der Glaube an eine Allianz mit den westlichen Ländern Großbritannien und Frankreich war untergraben, ebenso wie das Vertrauen in die Politik von Präsident Edvard Beneš. Dabei ging es, wie Rudolf Jaworski meinte, „längst nicht mehr um verletzte Minderheitenschutzgesetze oder um das Selbstbestimmungsrecht der Sudetendeutschen, sondern um die Zerschlagung der Tschechoslowakei“.120 Die Annexion Österreichs am 15. März 1938 verschlimmerte die Lage der Tschechoslowakei zusätzlich. Der Staat stellte zwar bereits vorher die Sicherheitsfragen in den Vordergrund, als die Weimarer Republik durch die Diktatur ersetzt wurde, Deutschland den Völkerbund und die Abrüstungskonferenz von 1933 verließ, die Wehrmacht am 7. März 1936 in das entmilitarisierte Rheinland einrückte und somit gegen den Versailler Friedensvertrag von 1919 und den Vertrag von Locarno von 1925 verstieß. Nach dem Anschluss Österreichs war das Land praktisch von allen Seiten von potentiellen Feinden umgeben, da „die Regimes in Ungarn und Polen Deutschland unterstützten und territoriale Forderungen an die CSR stellten“.121 Dazu verunsicherten Nachrichten über militärische Vorbereitungen der Wehrmacht auf einen Angriff die Lage. Nach Volker Zimmermann waren spätestens mit dem Anschluss Österreichs große Teile der Sudetendeutschen nicht mehr zu einem Ausgleich bereit. Sie zogen das Leben in einem von Nationalsozialisten regierten Großdeutschland einem Leben in einer von Tschechen und Slowaken dominierten Tschechoslowakei vor.122 In dieser Atmosphäre initiierte der reichsdeutsche Außenminister Ribbentrop Verhandlungen mit Staatspräsident Edvard Beneš über einen Nichtangriffspakt. Ribbentrops enger Mitarbeiter Albrecht Haushofer stellte auch Überlegungen hinsichtlich der Vorbereitung eines deutsch-tschechischen Ausgleichs an, die den Verzicht Deutschlands auf den Anschluss der tschechoslowakischen Grenzgebiete vorsahen. Für diese 119 Vgl. dazu Boris ?elovsky: Das Münchner Abkommen 1938. München 1974. – Jan Tesa: Mnichovský komplex. Jeho pí?iny a d?sledky [Münchener Komplex. Seine Ursachen und Folgen]. Prag 2000. 120 Rudolf Jaworski (Fn. 110), S. 43. 121 Erich Später (Fn. 114), S. 16. 122 Vgl. Volker Zimmermann (Fn. 97), S. 58. 62 Garantie sollte Prag den Sudetendeutschen eine kulturelle und wirtschaftliche Gleichstellung gewährleisten. Haushofer zufolge wäre das grundlegende Ziel der Verhandlungen die Verringerung des Ein? usses der Bündnisverträge der Tschechoslowakei mit Frankreich und Großbritannien gewesen. Im Folgenden möchte ich die Ursachen der sich steigernden Spannungen zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei benennen. Erstens beunruhigte Hitler die bedeutende Position der Tschechoslowakei in Mitteleuropa. Der Staat war einer der festen Verbündeten Frankreichs und vertrat im Jahre 1918 ähnliche Auffassungen über die Zukunft Nachkriegsdeutschlands. Deshalb befürchtete Edvard Beneš als Außenminister bereits nach der Machtübernahme im Herbst 1933 einen Angriff und p? ichtete dem deutschen Gesandten in Prag Koch bei, „dass beide Seiten alles zur Beseitigung der Kriegshysterie tun müssen, und fügte hinzu, dass diese Hysterie zu großen Teilen durch das ständige Marschieren in Deutschland verursacht sei, worin die Menschen eine Kriegsvorbereitung sähen.“123 Grund zu Befürchtungen gaben Beneš auch der Nichtangriffspakt Deutschlands mit Polen vom Januar 1934 und die Versicherung der deutschen Diplomaten, dass ein ähnliches Abkommen mit der Tschechoslowakei nicht in Frage komme.124 Zweitens betrachteten die Nationalsozialisten die böhmischen Länder als „pars Germaniae“, als Bestandteil des Großdeutschen Reiches. Über die Germanisierung der böhmischen Länder und die Aussiedlung der Tschechen sprach Hitler bereits im Jahre 1932.125 Als Instrument dieser Germanisierung benutze die reichsdeutsche Außenpolitik gerade die deutsche Minderheit. Berlin unterstützte ähnlich wie sonst in Mittelund Osteuropa verstreute deutsche Minderheiten durch eine großzügige Volkstumspolitik, die Hitler eine Basis für seine Eroberungspolitik gewährte. Drittens stellte im Oktober 1933 das Verbot der Schwesterpartei der NSDAP, der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (DNSAP), ein Kon? iktpotential dar. Die Partei löste sich freiwillig auf, um den Schritten der tschechoslowakischen Staatsorgane zuvorzukommen. Bald darauf folgte das Ende für die Deutsche Nationalpartei. Funktionäre beider Parteien wurden entweder vor Gericht gestellt oder sie entgingen der Verhaftung durch Flucht nach Deutschland. Eine beträchtliche Zahl sudetendeutscher Nationalsozialisten trat schließlich der im selben Jahr entstandenen Sudetendeutschen Heimatfront bei. Viertens war die Tschechoslowakei Hitler deshalb ein Dorn im Auge, weil sie zahlreichen deutschen Emigranten (darunter zum Beispiel den Schriftstellern Heinrich und Thomas Mann) politische und kulturelle Arbeit ermöglichte. Von 1933 bis 1938 stellte Prag ein Zentrum der deutschen Emigration und des politischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus dar. Während einer Sitzung des Vorstands der Sozial- 123 Boris Celovsky: Germanisierung und Genozid. Hitlers Endlösung der tschechischen Frage. Deutsche Dokumente 1933-1945. Dresden/Brno 2005, S. 14f. 124 Ebd., S. 15. 125 Vgl. Robert Kva?ek: Europa und die ?SR in den dreißiger Jahren, in: Zden?k Beneš/Václav Kural (Hrsg.): Geschichte verstehen. Die Entwicklung der deutsch-tschechischen Beziehungen in den böhmischen Ländern 1848-1948. Prag 2002, S. 99-109, hier 100. 63 demokratischen Partei Deutschlands vom 21. Mai 1933 in Saarbrücken wurde beschlossen, dass der neue Mittelpunkt der Tätigkeit Prag werden soll. Die Entscheidung ? el noch vor dem Betätigungsverbot vom 21. Juni 1933. Der Weggang aus Deutschland hatte jedoch zahlreiche Gegner (an der Spitze mit Paul Löbe). Ein Teil des Vorstandes (Otto Wels, Sigmund Crummenerl, Hans Vogel, Paul Hertz, Erich Ollenhauer und Friedrich Stampfer ging jedoch und organisierte dort das Prager Auslandszentrum SOPADE.126 Fünftens war die tschechoslowakische Diplomatie an der kollektiven Sicherheit innerhalb Europas interessiert. Sie nahm 1934 an den Verhandlungen über die kollektive Verteidigungspolitik der Region Mitteleuropa teil. Leider konnte es – vorwiegend auf Grund des Widerstands von Deutschland und Polen – zu keinem Ostpakt kommen. Die Tschechoslowakei schloss jedoch zwei Bündnisverträge mit Frankreich und der Sowjetunion ab. Der Vertrag mit Moskau über gegenseitige Unterstützung vom 16. Mai 1935 sorgte im Reichsaußenministerium für Empörung. Hitler verurteilte den Vertrag und sah darin eine Provokation. Er beschuldigte Prag geheimer militärischer Umtriebe mit der UdSSR. Nichts halfen wiederholte Proklamationen Beneš´, dass sich die Politik der Tschechoslowakei stets nach Westen orientierte und dass sich das Land niemals zum Instrument einer gegen das Dritte Reich ausgerichteten Politik machen lasse und es auch nicht zu einem Vasall Russlands werden würde.127 Sechstens führte Hitler eine offensive Propagandakampagne gegen die Tschechoslowakei, besonders in Großbritannien und Frankreich. Die Tschechoslowakei sollte als „Mutterschiff des Bolschewismus“ entlarvt werden. Zutreffend beschreibt die Situation der Historiker Robert Kva?ek: „Britische Unterstützer von Henlein hatten zwar keine Kenntnisse der Nationalitätensituation in der ?SR, sie beein? ussten diese aber durch ihre Inschutznahme der Sudetendeutschen Partei beträchtlich. Letztendlich trugen sie zur Verschärfung der Nationalitätenlage bei, erschwerten in einem wesentlichen Maße ihre innenpolitische Lösung und schufen Voraussetzungen für ihre Ausnutzung durch Hitler als internationales Problem.“128 4.2 Das Karlsbader Programm Nach dem unerwarteten Sieg der Sudetendeutschen Partei in den Wahlen zur Nationalversammlung von 1935 verstärkte sich deutlich die ? nanzielle Hilfe aus dem Dritten Reich. Heinlein begab sich völlig in die Dienste Adolf Hitlers. Am 13. November 1936 ersuchte seine Partei im Reichsaußenministerium um einen Rat in der Frage, wie die Abgeordneten der Sudetendeutschen Partei im tschechoslowakischen Parlament 126 Vgl. Daniel Kraft: Political exile – the Social Democratic Party, in: Exile in Prague and Czechoslovakia 1918-1938. Prague 2006, S. 128-137, hier 128. 127 Boris Celovsky (Fn. 123), S. 16. 128 Robert Kva?ek (Fn. 125), S. 102.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.