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Lukas Novotny, Nationalitäten im neuen Staat in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 52 - 56

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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52 Grenzgebieten, sondern zum Beispiel auch in Passau und Regensburg dieser Opfer. Der 4. März hatte vor allem, nachdem Konrad Henlein zum aktiven Politiker aufgestiegen war, eine wichtige mobilisierende Funktion im Rahmen des „völkischen Freiheitsdiskurses“. Seine Relevanz für die Rekonstruktion der Sudetendeutschen als Gruppe gilt in gewisser Hinsicht bis heute. Als Reaktion auf den 4. März 1919 schrieb der österreichische Außenminister Otto Bauer den Siegermächten einen Protestbrief, in dem er sich gegen den Anschluss der Sudeten an die Tschechoslowakei wandte. Er verlangte die Bildung einer Kommission, welche die Legitimität der neuen Staatsgrenze der Tschechoslowakei überprüfen sollte. Die französische Regierung lehnte diese Forderung ab und erklärte die aktuelle Staatsgrenze für endgültig.96 Die Repräsentanten der deutschen Parteien in der Tschechoslowakei waren von dieser Entwicklung enttäuscht. Sie erwarteten harte Verhandlungen über ihre Forderungen und hofften auf Autonomie. Stattdessen entschied die Diplomatie der Siegermächte über ihre Zukunft. Als Reaktion auf diese Ereignisse bot Staatspräsident Masaryk den Deutschen und ihrem führenden Repräsentanten Lodgman von Auen erneut einen Ministersessel an. Dies wurde wieder im Sinne des damaligen politischen Negativismus abgelehnt, was auch die reichsdeutsche Politik für einen der schwersten Fehler der sudetendeutschen Politik hielt. Bei den Kon? ikten zwischen Deutschen und Tschechen in den ersten zwei Jahren nach der Gründung der Tschechoslowakei eskalierte das gegenseitige politische Misstrauen und es gelang nicht mehr, sch davon zu distanzieren. Das wiederum zeichnete das weitere Zusammenleben beider Nationalitäten im neuen gemeinsamen Staat vor.97 3.3 Nationalitäten im neuen Staat Die neu entstandene Tschechoslowakei verstand sich als demokratisches Land mit dem Prinzip der Gleichheit aller Bürger. Verglichen mit den Nachbarländern war sie eine außergewöhnlich gut funktionierende Demokratie. Als bedeutendstes Problem in innenpolitischer wie außenpolitischer Hinsicht erwies sich jedoch, dass sie ihrem Charakter nach kein Nationalstaat, sondern ein Nationalitätenstaat war.98 Der Anteil der Minderheiten an der gesamten Bevölkerungszahl war nach den of? ziellen, freilich oft unzuverlässigen Statistiken beträchtlich. Er machte 33 Prozent aus, was den Verhält- 96 Österreich erkannte die Tschechoslowakei erst mit der Unterzeichnung des Vertrags von Saint- German vom 9. September 1919 an. Damit endete jeglicher Versuch der österreichischen Diplomatie, die tschechoslowakische Staatsgrenze anzufechten. 97 Vgl. Volker Zimmermann: Sudetendeutsche in der Ersten Tschechoslowakischen Republik und im NS-Staat, in: Barbara Coudenhove-Calergi/Oliver Rathkolb (Hrsg.): Die Beneš-Dekrete. Wien 2002, S. 54-69. 98 Der tschechische Philosoph Emanuel Rádl bezeichnete es am Ende der zwanziger Jahre als Hauptschwäche des tschechoslowakischen Staates, dass er nicht als Vertrags-Staat, sondern als Macht-Staat entstand, nämlich durch die rigorose Geltendmachung der tschechischen Überlegenheit. Vgl. Emanuel Rádl: Válka ?ech? s N?mci [Der Krieg der Tschechen mit den Deutschen]. Prag 1928. 53 nissen in anderen Ländern wie Polen (34 Prozent), Litauen (29 Prozent) und Lettland (25 Prozent) entsprach. Als Au? age der Pariser Friedenskonferenz von 1919 verp? ichteten sich alle neu entstandenen Nationalstaaten im östlichen Europa zur Gewährleistung der Minderheitenrechte und zum Gleichheitsprinzip ungeachtet der Herkunft. Die Grundsätze dieses Vertrags wurden ein Bestandteil der tschechoslowakischen Verfassung von 1920. Die Stellung der Deutschen in der mononational de? nierten Tschechoslowakei auf multinationalem Territorium war insofern spezi? sch, als es deutlich mehr Deutsche als Slowaken gab und weil sie sich grundsätzlich nicht als „Minderheit“ fühlen wollten. Sie bewohnten in einem relativ geschlossenen Siedlungsgebiet die nördlichen, westlichen und südlichen Randgebiete der böhmischen Länder. Daneben gab es vor allem an der böhmisch-mährischen Grenze die deutschen Sprachinseln und viele Deutschen lebten in größeren Städten wie Prag oder Brünn. Während einige der Gebiete der Tschechoslowakei eine absolute Mehrheit von Deutschen aufwiesen (wie das Egerland oder Nordmähren-Schlesien), gab es auch deutsch-tschechische Mischsiedlungen wie zum Beispiel im nordböhmischen Kohlenrevier oder entlang der Sprachgrenze. Sowohl Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk als auch Außenminister Edvard Beneš war sich darin einig, dass der Gewinn der Deutschen für eine gemeinsame Politik nur dann erfolgreich sein konnte, wenn man ihnen als der steuerkräftigsten Minderheit weitreichende Konzessionen hinsichtlich ihrer nationalen Existenz bewilligen würde. Dies erwies sich als das permanente Dilemma der Ersten Republik. Oft wird übersehen, dass es in der Tschechoslowakei eine sehr moderne Nationalitätenpolitik mit bis zu dieser Zeit nirgends geltenden Garantien der Minderheitenrechte gab.99 „Kaum eine deutsche Minderheit in Europa wies ein derart lebendiges Parteien- und Organisationsleben sowie Publizistik und Zeitungswesen auf, besaß einen so großen Anteil an Wirtschaftskraft wie die Deutschen in der Tschechoslowakei.“100 Auf der internationalen Ebene wurden die Deutschen im Land genauso gut wie andere Gruppen für eine Minderheit gehalten, wogegen bis zur Sudetenkrise von 1938 weder Deutschland noch Österreich protestierten. Die staatlichen Repräsentanten hatten trotzdem mit der grundsätzlich ablehnenden Haltung der Sudetendeutschen gegenüber der neuen ?SR und mit deren Bemühungen um Autonomie zu kämpfen. In diesem Sinne möchte ich keinesfalls der Auffassung von Friedrich Prinz zustimmen, wonach man die Deutschen grundsätzlich mit politischen wie militärischen Mitteln zu unterwerfen versuchte, denn diese konnten – wie bereits erwähnt – ein buntes gesellschaftliches und politisches Leben entwickeln. Zu Zeiten der Tschechoslowakei gab es in der deutschen Minderheit fast keine Emigration. Bei der Beurteilung der erwähnten Kon? iktgemeinschaft kann man daher mit Volker Zimmermann einig sein, dass es weniger eine groß angelegte nationale Unterdrü- 99 Vgl. Václav Houžvi?ka: Návraty sudetské otázky [Die wiederkehrende Sudetenfrage]. Prag 2005, S. 109-116. 100 Volker Zimmermann (Fn. 97), S. 61. – Vgl. dazu Boris Barth/Josef Faltus/Eduard Kub?/Jan Ken (Hrsg.): Konkurrenzpartnerschaft. Die deutsche und die tschechoslowakische Wirtschaft in der Zwischenkriegszeit. Essen 1999. 54 ckung (der Sudetendeutschen) durch die tschechoslowakische Regierung, sondern kleinliche, schmerzhafte Nadelstiche im gegenseitigen Zusammenleben waren, wie etwa schikanöse Sprachprüfungen für deutsche Beamte, die Unwillen hervorriefen. „Dieser nationale Kleinkrieg auf beiden Seiten machte sich offenbar auf allen Ebenen bemerkbar, etwa auf deutscher Seite in einer geringen Bereitschaft zum Erlernen der tschechischen Sprache.“101 In vielen Fällen ging es um eine „gefühlte“ Diskriminierung, die – Zimmermann zufolge – in der Realität nicht so dramatisch war. In der folgenden Tabelle mit einer Übersicht über die dem Staat angehörigen Bevölkerung kann man die Verteilung der Nationalitäten auf der Grundlage der Volkszählung von 1930 ablesen. Neben den 3,2 Millionen Deutschen, die hauptsächlich in den böhmischen Ländern lebten und die ihren Minderheitenstatus nie voll akzeptierten, gab es dort die im östlichen Zipfel (Karpato-Ukraine) ansässigen orthodoxen Ruthenen oder Ukrainer, dann auch Ungarn, Polen und Juden. Ein besonderes Phänomen bildeten die Juden. Sie galten bei den Tschechen in ihrer Mehrheit als Vertreter des Deutschtums und der so genannten Germanisierung der böhmischen Länder, auch wenn sich 50 Prozent von ihnen zur tschechoslowakischen und nur 35 zur deutschen (15 zur jüdischen) Nationalität bekannten.102 Viele kulturelle Einrichtungen (zum Beispiel Theater) wurden von den deutschsprachigen Bewohnern jüdischer Nationalität getragen, andererseits verzeichnete die deutschnationale Bewegung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auch in Böhmen, Mähren und Schlesien immer mehr antisemitische Züge.103 Gesetzlich war jedoch in der Tschechoslowakei die Diskriminierung der Juden verboten, und es ist eine Tatsache, dass man allseitig um das Zurückdrängen des Antisemitismus bemüht war. 101 Volker Zimmermann (Fn. 97), S. 53. 102 Vgl. Jörg K. Hoensch, Stanislav Biman und L‘ubomír Lipták (Hrsg.): Judenemanzipation, Antisemitismus und Judenverfolgung in Deutschland, Österreich-Ungarn, den böhmischen Ländern und in der Slowakei. Essen 1999. 103 Der Ein? uss der Juden auf die Kultur in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit war tatsächlich unübersehbar. Man denke nur an die große Anzahl von Künstlern jüdischer Herkunft, besonders an die Prager deutsche Literatur. Vgl. Kateina ?apková: Speci? c Featurs of Zionism in the Czech Lands in the Interwar Period, in: Judaica Bohemiae 38 (2002), S. 106-159. 55 Wie damals in Europa typisch, betrachtete die Tschechoslowakei das Sprachenrecht für den bedeutendsten Aspekt der Nationalität. Selbst der Begriff „Nationalität“ wurde von der Muttersprache abgeleitet. Das am 29. Februar 1920 gemeinsam mit der Verfassung der Tschechoslowakei verabschiedete Sprachgesetz gab jedem Bürger das Recht, sein eigenes Idiom zu benutzen.104 Dies umfasste die private wie die öffentliche Sphäre und schloss die Anwendung zum Beispiel in Printmedien oder bei öffentlichen Versammlungen mit ein. Bedeutend war die Zusage des Staates, sich um den Erhalt des deutschen Schulwesens zu kümmern. Bis auf wenige Ausnahmen hatten die Kinder aus deutschen Familien die Möglichkeit, Schulen mit Unterricht in Deutsch zu besuchen. Einzigartig war das deutsche Hochschulwesen. Keine andere deutsche Minderheit in Europa usw. hatte eine autonome Universität, wozu noch technische Hochschulen in Prag und Brünn kamen. Die of? zielle „Staatssprache“ war zwar die tschechoslowakische, dies bedeutete jedoch nicht, dass man sich im Umgang mit öffentlichen Ämtern nicht eines anderen Idioms bedienen durfte. Präsident Masaryk wollte Deutsch als zweite Staatssprache ansehen, musste jedoch die Kritik der nationalistisch geprägten tschechischen und slowakischen Politiker abwehren, vor allem der Nationaldemokratischen Partei von Karel Kramá. Weswegen er die beabsichtigte Idee nicht realisieren konnte. Unter den Sudetendeutschen wurde die Nichtumsetzung dieses Ziels in die Praxis als Unrecht empfunden. 104 Einigen tschechischen Historikern zufolge war das Sprachenrecht in der Tschechoslowakei großzügiger als in der europäischen Rechtsinterpretation damals üblich. Während man gewöhnlich nur den Sprachgebrauch vor Gerichten garantierte, erweiterte es das tschechoslowakische Minderheitenrecht der Ersten Republik um weitere Staatsorgane. Dazu gab es heftige Diskussionen darüber, inwieweit man das Sprachenrecht gegenüber der deutschen Minderheit anwenden kann. Hierzu Eva Broklová: ?eskoslovenská demokracie 1918-1938 [Die Tschechoslowakische Demokratie 1918-1938]. Prag 1992. Tab. 1: Verteilung der Nationalitäten in der Tschechoslowakei im Jahre 1930 Gesamte ?SR Böhmische Länder Slowakei Karpatoukraine Einw. in Tsd. % Einw. in Tsd. % Einw. in Tsd. % Einw. in Tsd. % Gesamtzahl Einw. 14 480 100 10 495 100 3 254 100 709 100 Tschechen 7 406 51,1 7 265 69,2 121 3,7 21 2,9 Slowaken 2 282 15,8 44 0,4 2 225 68,4 13 1,9 Deutsche 3 232 22,3 3 051 29,1 148 4,5 13 1,9 Ungarn 692 4,8 10 0,1 572 17,6 109 15,4 Ukrainer/Ruthenen 549 3,8 11 0,1 91 2,8 447 63,0 Polen 82 0,5 80 0,8 1 0,3 0,2 0,0 Juden (nur Nationalität) 187 1,3 30 0,3 65 2,0 91 12,9 Sonstige 50 0,3 4 0,0 31 0,9 14 2,0 56 Es gab freilich auch positive Beispiele, wie zum Beispiel den aus der Habsburger Monarchie übernommenen deutsch-tschechischen Ferienaustausch, der mit dem Ausdruck „na handl“ oder „na vexl“ bedacht wurde. Die tschechoslowakische Regierung hätte sich – im Rückblick betrachtet - gerade hier stärker für die Fortsetzung dieses Projekts einsetzen sollen, bei dem die Kinder die Sprache der anderen Seite erlernen konnten. Offensichtlich war die Bereitschaft dazu jedoch auf beiden Seiten gering. 3.4 Parteien und Parteiensystem In der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit bildeten die Angehörigen der größten Nationalitäten, auch wenn sie dem gleichen Parteitypus angehörten, jeweils gesonderte Parteien.105 Es gab zum Beispiel eine tschechoslowakische Sozialdemokratie, eine deutsche und eine ungarische. Die Kommunisten waren die einzige internationale Partei und verfügten über Angehörige aus allen Volksgruppen. Besonders die deutschen Parteien waren wegen ihrer ablehnenden Haltung und den Protestdemonstrationen in den ersten Jahren nach der Gründung des Staates schwer für eine Zusammenarbeit in der Staatspolitik zu gewinnen. Präsident T.G. Masaryk bot ihren Repräsentanten mehrmals Ministersessel in der Regierung an, unter anderen nach dem unglücklichen 4. März 1919. Die Verweigerung einer Mitarbeit durch die politischen Repräsentanten der Sudetendeutschen bei der Regierungsbildung hielt, wie schon erwähnt, auch die deutsche Politik für einen schweren Fehler. Andererseits sorgte die tschechische Seite selber in den Gründungsjahren des neuen Staates für die Erhaltung der Kluft zwischen beiden Nationalitäten. Als Beispiel können Straßenunruhen erwähnt werden, bei der man Denkmäler Josephs II. beschädigte. Der gesellschaftliche und politische „Negativismus“, die ablehnende Haltung der Deutschen gegenüber dem neuen Staat, hielt bis in die mittleren zwanziger Jahre an, und zwar trotz des am 10. September 1919 verabschiedeten Friedens von Saint Germain, mit dem die Selbständigkeit und die Grenzen der Tschechoslowakei gerantiert worden waren. Am 26. Mai 1920 gründeten Parlamentarier der Parteien Bund der Landwirte, Deutsche Nationalpartei, Deutsche Christlich-soziale Volkspartei, Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei und Deutsche Demokratische Freiheitspartei den Deutschen parlamentarischen Verband, der eine „vereinigte“ Opposition gegen die tschechischen und slowakischen Parteien bildete. Der Verband zer? el jedoch am 29. November 1922 in eine Gruppe von Parteien, die bereit waren, mit den tschechoslowakischen Staatsorganen zusammenzuarbeiten, und in eine zweite, welche weiter gegen diese kämpfte. Während die Deutschnationale Partei die Zusammenarbeit mit den Tschechen ablehnte und eine solche als Verrat der nationalen Interessen ansah, war sich die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei der Vorteile des Aktivismus und der Teil- 105 Vgl. Rüdiger Kipke: Die politischen Systeme Tschechiens und der Slowakei: eine Einführung. Wiesbaden 2002.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.