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Lukas Novotny, Der 4. März 1919 in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 50 - 52

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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50 Entstehung der eigenberechtigten Provinz des Staates Deutsch-Österreich.92 Sie lehnten dabei die Lösungsvorschläge der tschechischen Seite ab (deutsche Minister in der Regierung, Entstehung dreier Verwaltungseinheiten für deutschsprachige Bürger, Deutsch als zweite Staatssprache, stärkere Unterstützung der Bildungs- und Kulturpolitik usw.). Die Pläne der Deutschen waren jedoch nicht im Einklang mit der Entscheidung des Friedensvertrags von Versailles, der auch den Anschluss Österreichs an Deutschland verbot. Außerdem entstanden jetzt die Provinzen Sudetenland mit Opava/ Troppau, Deutsch-Südmähren mit Znojmo/Znaim und Böhmerwaldgau mit ?eský Krumlov/Krummau als Regierungssitz. Die „Landesregierungen“ dieser Regionen konnten aber nicht mit der uneingeschränkten Unterstützung aller Bürger für eine separatistische Lösung rechnen. Große Teile der deutschen Bevölkerung waren vor allem kriegsmüde und eher an geordneten Verhältnissen in der Tschechoslowakei interessiert. Der tschechische Historiker Jaroslav Valenta betrachtet die Vorstellung, die mehrheitlich von Deutschen bewohnten Gebiete an Deutschland und Österreich abzutreten, als unrealistisch: „Beurteilen wir hier die sudetendeutsche Politik vom Gesichtspunkt der realen Situation von 1918 (eine Unterteilung in Sieger und Besiegte war nach einem vierjährigen Krieg, der für viele Zeitgenossen einen großen Schock und ein Trauma bedeutete, nötig), muss man sie kurz als eine ganz unreale und unrealistische Politik charakterisieren. Die Verwirklichung ihrer Vorstellungen [der Sudetendeutschen] und ihrer Sehnsucht nach Vereinigung mit Österreich und im Zusammenhang damit nach einer Verbindung mit Deutschland würde ganz eindeutig bedeuten, dass Deutschland aus dem verlorenen Krieg stärker hervorgeht, als es im Jahre 1914 in ihn eingetreten ist. Und dass es ihm wenigstens teilweise gelingt, die Konzeption Mitteleuropas, das heißt des großdeutschen vereinten mitteleuropäischen Raums, zu realisieren. Solche Kriegsergebnisse konnten die Sieger niemals akzeptieren. Der Mangel an Bereitschaft oder die Unfähigkeit, sich dieser grundlegenden Tatsache bewusst zu werden, bedeutete einen prinzipiellen Fehler mit ebenso grundlegenden Folgen.“93 3.2 Der 4. März 1919 Mit den Autonomieversuchen der mehrheitlich von Deutschen bewohnten Gebiete konnten die Tschechen (und Slowaken) nicht einverstanden sein, denn damit hätte man die Existenz des neuen Staates in Frage gestellt. Deshalb wurden diese „Sudeten- 92 Vgl. Antonín Faltys: Deutschböhmen - Versuch einer bürgerlichen Lösung der tschechisch-deutschen Beziehungen im Rahmen der bürgerlich-demokratischen Revolution nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie. Historica 22 (1983). Prag, S. 77-118. 93 Jaroslav Valenta: Der Bruch zwischen Deutschen und Tschechen in den böhmischen Ländern im Jahre 1918, in: N.N.: Tschechen und Deutsche. Historische Tabus. Prag 1995, S. 62-71, hier S. 68. – Ähnlich behaupten auch Eva und Hans-Henning Hahn nicht, dass die Siegermächte Interesse an der Vergrößerung des deutschen Staates gehabt hätten. Vgl. Eva Hahn/Hans-Henning Hahn: Sudeton?mecké vzpomínání a zapomínání [Sudetendeutsches Erinnern und Vergessen]. Prag 2002, S. 29f. 51 gebiete“ mit Zustimmung der Alliierten von der tschechoslowakischen Armee besetzt; man führte dort eine tschechoslowakische Verwaltung ein. Bemerkenswert ist freilich, dass Deutschland nach den Alliierten überhaupt das erste Land war, das die Tschechoslowakei anerkannt hat.94 Die Diplomatie der Weimarer Republik empfahl den führenden Deutschen in der neu entstandenen Tschechoslowakei sogar, sich schnellstmöglich in das politische Leben des Staates zu integrieren. Höchstwahrscheinlich stand dahinter die Annahme, dass sich so die Chancen auf Verhandlungen über die Stellung der Deutschen erhöhen würden. Der Widerstand gegen den Einsatz der tschechoslowakischen Armee im Grenzgebiet war (vielleicht auch deshalb) gering. Es gab sogar Orte wie Ústí nad Labem/Aussig, in denen die dortige Selbstverwaltung die Armee direkt anforderte. Die Gründe für diese Haltung waren meist pragmatisch, man fürchtete vor allem die Konkurrenz der starken Industrie in Deutschland. Als Beispiel für die ökonomische Dimension des Problems gilt die Trennung der Währung von Österreich im Jahre 1919 mit Schaffung einer stabilen Krone, von der auch die Deutschen pro? tierten. Viele hatten jedoch in Kriegsanleihen investiert, die durch die Währungstrennung allerdings entwertet wurden. Knapp ein Jahr nach der Staatsbildung wurde der Kon- ? ikt zwischen Deutschen und Tschechen um einen weiteren Streitpunkt erweitert, denn für den 4. März 1919, den Tag des Zusammentritts der Nationalversammlung Deutsch-Österreichs in Wien, wurde von einigen deutschen Parteien ein Generalstreik ausgerufen.95 Der Streik sollte die Welt auf das Problem des sudetendeutschen Selbstbestimmungsrechtes aufmerksam machen. In den meisten Städten verlief der Tag ruhig. Manchenorts griffen jedoch deutsche Radikale tschechoslowakische Staatsbeamte an, worauf die Staatsmacht auf entsprechende Weise antwortete. Dieses Ereignis verstärkte freilich die Spannungen zwischen den Sudetendeutschen und der Führung des jungen tschechoslowakischen Staates. Für die gemeinsame Zukunft war kein schlechterer Start vorstellbar. Am 4. März, der die deutsch-tschechischen Beziehungen für lange Zeit belasten sollte, starben über 50 Deutsche. Bei den tschechoslowakischen Soldaten versagten an jenem Tag Disziplin und Befehlsgewalt. Eine gewisse Rolle dürfte dabei die Tatsache gespielt haben, dass die Soldaten zum großen Teil Legionäre waren, die von der Kriegsfront her gewohnt waren, dass bei einem drohenden Angriff schnelles Reagieren die Rettung des eigenen Lebens bedeutet. Die damaligen Demonstrationen vom 4. März wurden bald zu einem Blutmythos der Sudetendeutschen, zum identitätsstiftenden Trauertag der tschechoslowakischen Deutschen und zum Symbol der Unterdrückung durch die Tschechen. Die über 50 Erschossenen, die überwiegend bei Zusammenstößen in Kada?/Kaaden und Šternberg/Sternberg umkamen, wurden bereits in den zwanziger Jahren als „Märzgefallene“ verehrt wegen ihres „Kampfes“ für die Freiheit des deutschen Volkes. Jedes Jahr gedachte man nicht nur in den tschechischen 94 Deutschland erkannte die Tschechoslowakei und deren Staatsgrenzen im Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919 an. Die Grenze legte Punkt 83 des Vertrags fest. 95 Hans Lemberg/Peter Heumos (Hg.): Das Jahr 1919 in der Tschechoslowakei und Ostmitteleuropa. München 1993. 52 Grenzgebieten, sondern zum Beispiel auch in Passau und Regensburg dieser Opfer. Der 4. März hatte vor allem, nachdem Konrad Henlein zum aktiven Politiker aufgestiegen war, eine wichtige mobilisierende Funktion im Rahmen des „völkischen Freiheitsdiskurses“. Seine Relevanz für die Rekonstruktion der Sudetendeutschen als Gruppe gilt in gewisser Hinsicht bis heute. Als Reaktion auf den 4. März 1919 schrieb der österreichische Außenminister Otto Bauer den Siegermächten einen Protestbrief, in dem er sich gegen den Anschluss der Sudeten an die Tschechoslowakei wandte. Er verlangte die Bildung einer Kommission, welche die Legitimität der neuen Staatsgrenze der Tschechoslowakei überprüfen sollte. Die französische Regierung lehnte diese Forderung ab und erklärte die aktuelle Staatsgrenze für endgültig.96 Die Repräsentanten der deutschen Parteien in der Tschechoslowakei waren von dieser Entwicklung enttäuscht. Sie erwarteten harte Verhandlungen über ihre Forderungen und hofften auf Autonomie. Stattdessen entschied die Diplomatie der Siegermächte über ihre Zukunft. Als Reaktion auf diese Ereignisse bot Staatspräsident Masaryk den Deutschen und ihrem führenden Repräsentanten Lodgman von Auen erneut einen Ministersessel an. Dies wurde wieder im Sinne des damaligen politischen Negativismus abgelehnt, was auch die reichsdeutsche Politik für einen der schwersten Fehler der sudetendeutschen Politik hielt. Bei den Kon? ikten zwischen Deutschen und Tschechen in den ersten zwei Jahren nach der Gründung der Tschechoslowakei eskalierte das gegenseitige politische Misstrauen und es gelang nicht mehr, sch davon zu distanzieren. Das wiederum zeichnete das weitere Zusammenleben beider Nationalitäten im neuen gemeinsamen Staat vor.97 3.3 Nationalitäten im neuen Staat Die neu entstandene Tschechoslowakei verstand sich als demokratisches Land mit dem Prinzip der Gleichheit aller Bürger. Verglichen mit den Nachbarländern war sie eine außergewöhnlich gut funktionierende Demokratie. Als bedeutendstes Problem in innenpolitischer wie außenpolitischer Hinsicht erwies sich jedoch, dass sie ihrem Charakter nach kein Nationalstaat, sondern ein Nationalitätenstaat war.98 Der Anteil der Minderheiten an der gesamten Bevölkerungszahl war nach den of? ziellen, freilich oft unzuverlässigen Statistiken beträchtlich. Er machte 33 Prozent aus, was den Verhält- 96 Österreich erkannte die Tschechoslowakei erst mit der Unterzeichnung des Vertrags von Saint- German vom 9. September 1919 an. Damit endete jeglicher Versuch der österreichischen Diplomatie, die tschechoslowakische Staatsgrenze anzufechten. 97 Vgl. Volker Zimmermann: Sudetendeutsche in der Ersten Tschechoslowakischen Republik und im NS-Staat, in: Barbara Coudenhove-Calergi/Oliver Rathkolb (Hrsg.): Die Beneš-Dekrete. Wien 2002, S. 54-69. 98 Der tschechische Philosoph Emanuel Rádl bezeichnete es am Ende der zwanziger Jahre als Hauptschwäche des tschechoslowakischen Staates, dass er nicht als Vertrags-Staat, sondern als Macht-Staat entstand, nämlich durch die rigorose Geltendmachung der tschechischen Überlegenheit. Vgl. Emanuel Rádl: Válka ?ech? s N?mci [Der Krieg der Tschechen mit den Deutschen]. Prag 1928.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.