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Lukas Novotny, Die Tschechoslowakei und der Tschechoslowakismus in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 48 - 50

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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48 3. Deutsche und Tschechen in der Tschechoslowakei 1918-1938 3.1 Die Tschechoslowakei und der Tschechoslowakismus Der am 28. Oktober 1918 gegründeten Tschechoslowakischen Republik blieben nur zwei Jahrzehnte vergönnt. Diese Epoche, die durch das Münchener Abkommen beendet wurde und die man als „Erste Republik“ bezeichnet, war die letzte, in der die Bürger verschiedener Nationalitäten, vor allem Tschechen, Slowaken, Deutsche, Juden und Ungarn, zusammenlebten und – wie es der Historiker Jan Ken ausdrückte – eine „Kon? iktgemeinschaft“85 bildeten. Es folgte die Katastrophe des bereits 1938 beginnenden nächsten Jahrzehnts, welche zur Vertreibung sowie Ausweisung von nahezu allen Sudetendeutschen und Ungarn führte sowie zur bald darauf folgenden Teilung Europas mit dem Ausbruch des Kalten Krieges. Die Tschechoslowakische Republik entstand 1918 aus einer Mischung von intensiver, selbstverständlicher Gemeinsamkeit und sich steigerndem Kon? ikt zwischen Deutschen, Tschechen sowie anderen Nationalitäten in den böhmischen Ländern bzw. innerhalb der Habsburgermonarchie.86 Sie war das Ergebnis langjähriger diplomatischer Bemühungen einer Gruppe von tschechischen Politikern unter der Leitung des Philosophen und zeitweiligen Reichsratsabgeordneten Tomáš Garrigue Masaryk sowie seines wichtigsten Mitarbeiters und Kenners der internationalen Politik Edvard Beneš, die kurz nach Kriegsbeginn 1914 ins Lager der Alliierten emigriert waren.87 Dieser kleinen, von landsmannschaftlichen Vereinen der Tschechen in Europa und in den USA unterstützten Exilgruppe gelang es schließlich, in den letzten Kriegsjahren, nachdem die tschechoslowakischen Truppen als Kombattanten der Alliierten anerkannt worden waren, auf Grundlage des vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson verkündeten Selbstbestimmungsrechtes der Nationen, die Unabhängigkeit für einen zu bildenden neuen Staat durchzusetzen.88 85 Ken benutzt diese Bezeichnung vor allem für das deutsch-tschechische Verhältnis in den böhmischen Ländern vor 1918. Vgl. Jan Ken (Fn. 5). 86 Hierzu Jií Koalka: Tschechen im Habsburgerreich und in Europa 1815-1914. Sozialgeschichtliche Zusammenhänge der neuzeitlichen Nationsbildung und der Nationalitätenfrage in den böhmischen Ländern. Wien/München 1991. 87 Die Historiker bestreiten keineswegs ihre diplomatischen Kenntnisse, einige kritisieren sie jedoch für ihren Nationalismus. Denn sie veranlassten im Exil die Alliierten, der Gründung der Tschechoslowakei zuzustimmen, die außer Tschechen und Slowaken auch Polen, Ungarn, Ukrainer und 3,5 Millionen Deutsche umfasste. Hierzu Alfred de Zayas: Die Nemesis von Potsdam. Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen. München 2005, S. 55f. 88 Vgl. Bruce Kent: The Spoils of War - The Politics, Economics and Diplomacy of Reparations 1918–1932. Oxford 1989. 49 Die Monarchie Österreich-Ungarn zer? el zwar in fünf Nachfolgestaaten, die Entstehung dieser Tschechoslowakei war jedoch nichts Selbstverständliches und ist nur vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung Böhmens sowie der Rechtsexistenz des böhmischen Staates zu begreifen. Um diese Gründungstendenzen zu verstärken, propagierten die Exiltschechen die These des sog. Tschechoslowakismus. Demnach bilden die Tschechen und Slowaken eine einzige zusammengehörige tschechoslowakische Nation und sprechen eine gemeinsame Sprache.89 Ein künftiger Staat sollte deshalb alle Tschechoslowaken umfassen und, was den Westen betrifft, aus den historischen Gebieten der böhmischen Länder bestehen (neben der Slowakei). In der Tschechoslowakei wurde der Tschechoslowakismus zur of? ziellen staatlichen Ideologie. Er begründete die Existenz der neuen ?SR.90 Daran vermochte die Tatsache nichts zu ändern, dass dort neben Tschechen, Slowaken und anderen nationalen Minderheiten vor allem Deutsche lebten, die 23 Prozent der Staatsbevölkerung bildeten. In Böhmen und Mähren erreichte der Anteil fast ein Drittel der Bevölkerung. Sie bezeichneten sich damals noch nicht als Sudetendeutsche, sondern als Prager oder Brünner Deutsche, Egerländer oder Böhmerwäldler. Sie sprachen mit verschiedenen Dialekten und hatten unterschiedliche Volksbräuche. In die Länder der böhmischen Krone waren sie zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert gekommen, sie wurden von dem herrschenden Geschlecht der Pemysliden ins Land gerufen und besiedelten seither insbesondere die „Ränder“ Böhmens. Die große Mehrheit dieser Deutschen sah ihre politische Heimat nicht in der Tschechoslowakei, sondern in einem Deutsch-Österreich, einem Staat aller Deutschen. Aus ihrem speziellen Blickwinkel betrachteten Hans Lemberg zufolge die Deutschen die durch den Staatsrechtsgedanken begründete Tendenz der Tschechoslowakischen Republik als nahezu imperialistisch, das gesamte Gebiet der böhmischen Länder einschließlich der Siedlungsgebiete mit einer Mehrheit der deutschen Bevölkerung in den neuen Staat einzugliedern.91 Mit dem Untergang des Habsburger Reiches am Ende des Ersten Weltkriegs wurde die „tschechoslowakische Frage“ als gelöst betrachtet, die „sudetendeutsche Frage“ aber gleichzeitig geschaffen. Der Friedensvertrag von Versailles bestätigte tatsächlich die bereits früher akzeptierte Gründung der Tschechoslowakei. Die Vertreter aller sudetendeutschen Parteien manifestierten ihre Ablehnung zunächst mit der Ausrufung Deutsch-Österreichs am 30. Oktober 1918, also zwei Tage nach der Gründung der Tschechoslowakei. Noch am 29. Oktober befanden die deutschen Abgeordneten über die Selbständigkeit der nordböhmischen Bezirke und über die Entstehung von Deutsch-Böhmen mittels der Landesversammlung Deutsch-Böhmen (Sitz in Liberec/Reichenberg). Sie forderten die 89 Vgl. Viliam Plevza: Die Nationalitätenpolitik in der Ersten Tschechoslowakischen Republik, in: Frank Boldt (Hrsg.): München 1938. Das Ende des alten Europa. Essen 1990, S. 27-42 90 Dazu mehr Jan Rychlík: Tschechoslawismus und Tschechoslowakismus, in: Walter Koschmal u.a. (Hrsg.): Deutsche und Tschechen. Geschichte-Kultur-Politik. München 2001, S. 91-102. 91 Vgl. Hans Lemberg: Tschechen, Slowaken und Deutsche in der Tschechoslowakischen Republik 1918-1938, in: Detlef Brandes u.a. (Hrsg.): Tschechen, Slowaken und Deutsche. Nachbarn in Europa. Hannover 1995, S. 30-49, hier 32. 50 Entstehung der eigenberechtigten Provinz des Staates Deutsch-Österreich.92 Sie lehnten dabei die Lösungsvorschläge der tschechischen Seite ab (deutsche Minister in der Regierung, Entstehung dreier Verwaltungseinheiten für deutschsprachige Bürger, Deutsch als zweite Staatssprache, stärkere Unterstützung der Bildungs- und Kulturpolitik usw.). Die Pläne der Deutschen waren jedoch nicht im Einklang mit der Entscheidung des Friedensvertrags von Versailles, der auch den Anschluss Österreichs an Deutschland verbot. Außerdem entstanden jetzt die Provinzen Sudetenland mit Opava/ Troppau, Deutsch-Südmähren mit Znojmo/Znaim und Böhmerwaldgau mit ?eský Krumlov/Krummau als Regierungssitz. Die „Landesregierungen“ dieser Regionen konnten aber nicht mit der uneingeschränkten Unterstützung aller Bürger für eine separatistische Lösung rechnen. Große Teile der deutschen Bevölkerung waren vor allem kriegsmüde und eher an geordneten Verhältnissen in der Tschechoslowakei interessiert. Der tschechische Historiker Jaroslav Valenta betrachtet die Vorstellung, die mehrheitlich von Deutschen bewohnten Gebiete an Deutschland und Österreich abzutreten, als unrealistisch: „Beurteilen wir hier die sudetendeutsche Politik vom Gesichtspunkt der realen Situation von 1918 (eine Unterteilung in Sieger und Besiegte war nach einem vierjährigen Krieg, der für viele Zeitgenossen einen großen Schock und ein Trauma bedeutete, nötig), muss man sie kurz als eine ganz unreale und unrealistische Politik charakterisieren. Die Verwirklichung ihrer Vorstellungen [der Sudetendeutschen] und ihrer Sehnsucht nach Vereinigung mit Österreich und im Zusammenhang damit nach einer Verbindung mit Deutschland würde ganz eindeutig bedeuten, dass Deutschland aus dem verlorenen Krieg stärker hervorgeht, als es im Jahre 1914 in ihn eingetreten ist. Und dass es ihm wenigstens teilweise gelingt, die Konzeption Mitteleuropas, das heißt des großdeutschen vereinten mitteleuropäischen Raums, zu realisieren. Solche Kriegsergebnisse konnten die Sieger niemals akzeptieren. Der Mangel an Bereitschaft oder die Unfähigkeit, sich dieser grundlegenden Tatsache bewusst zu werden, bedeutete einen prinzipiellen Fehler mit ebenso grundlegenden Folgen.“93 3.2 Der 4. März 1919 Mit den Autonomieversuchen der mehrheitlich von Deutschen bewohnten Gebiete konnten die Tschechen (und Slowaken) nicht einverstanden sein, denn damit hätte man die Existenz des neuen Staates in Frage gestellt. Deshalb wurden diese „Sudeten- 92 Vgl. Antonín Faltys: Deutschböhmen - Versuch einer bürgerlichen Lösung der tschechisch-deutschen Beziehungen im Rahmen der bürgerlich-demokratischen Revolution nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie. Historica 22 (1983). Prag, S. 77-118. 93 Jaroslav Valenta: Der Bruch zwischen Deutschen und Tschechen in den böhmischen Ländern im Jahre 1918, in: N.N.: Tschechen und Deutsche. Historische Tabus. Prag 1995, S. 62-71, hier S. 68. – Ähnlich behaupten auch Eva und Hans-Henning Hahn nicht, dass die Siegermächte Interesse an der Vergrößerung des deutschen Staates gehabt hätten. Vgl. Eva Hahn/Hans-Henning Hahn: Sudeton?mecké vzpomínání a zapomínání [Sudetendeutsches Erinnern und Vergessen]. Prag 2002, S. 29f.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.