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Lukas Novotny, Vergangenheitsdiskurs und Grenze in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 44 - 47

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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44 ben ihr Wirkungspotenzial, und es bestehen Möglichkeiten ihrer Rückkehr ins aktive historische Gedächtnis. Anders verhält es sich zum Beispiel mit der NS-Diktatur und ihrer Bewältigung in Deutschland. Dies gilt auch für die Aufarbeitung der kommunistischen Ära in der Tschechischen Republik. Man begegnet in diesem Fall einer größeren Publizität, einem gesteigerten Interesse. Mit der einfachen Historisierung, also Einordnung in das historische Gedächtnis, ist es dagegen schwieriger. Hier kommen wesentlich mehr nationale Emp? ndlichkeiten, mehr Erinnerungen und ein intensiverer Erinnerungs- und Gedenkensbedarf ins Spiel. Es ist nämlich nicht so, dass die Zeit alles gleichmäßig mit einer versöhnlichen Patina überzieht und die historischen Ereignisse gleich dem historischen Gedächtnis und dem Erinnerungshaushalt zuführt. Noch leben ja einige Zeitzeugen. Ihre Erinnerungen sind unmittelbar sowie intensiver und die betroffenen Mitbürger wollen einfach auf Grund ihrer moralischen Ansichten die Erinnerung und das Gedenken jener Ereignisse. Außerdem kann auf Grund der Aktualität und der unterschiedlichen Intensität des Erinnerns die justizielle Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit als noch nicht abgeschlossen gelten. Beides trifft für die zwei Diktaturen des 20. Jahrhunderts zu, sie werden aus diesen und vielen weiteren Gründen vergegenwärtigt. 2.3 Vergangenheitsdiskurs und Grenze Eine Grenze bleibt keinesfalls konstant, sie erscheint als eine variable historisch determinierte Kategorie, die die eigene regionale, nationale und kulturelle Identität mitgestaltet. Sie ist ein bedeutendes Mittel zur Unterscheidung zwischen dem Eigenen und dem Anderen.78 Aus den Antworten der von uns Befragten und aus ihren Biographien geht ihre Bedeutung deutlich hervor. Die Grenze zwischen Deutschland und Tschechien veränderte im 20. Jahrhundert mehrmals ihre Stellung und Funktion. Historisch gesehen handelt es sich allerdings um eine stabile zwischenstaatliche Trennlinie, die sich in ihrer neuesten Geschichte – bis auf die Annexion der Sudetengebiete durch das Dritte Reich – nicht territorial verändert und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch zwei ideologische Welten getrennt hat. Bis 1938 war sie eine Demarkationslinie zwischen zwei Staaten. Sie war jedoch keine Sprachgrenze, da in den tschechoslowakischen Grenzregionen überwiegend Deutsche gelebt haben. Noch während der Münchner Krise schlug der tschechoslowakische Präsident Edvard Beneš ihre Verschiebung vor. Ein großer Teil des Egerlandes sollte Hitlerdeutschland zugeschlagen werden. Zur Verwirklichung dieses Vorhabens kam es bekanntlich nicht, damit hätte sich Hitler niemals zufrieden gegeben. Nach der Besetzung der tschechoslowakischen Randgebiete war die Grenze keine Staatsgrenze mehr. Ihre Funktion erhielt sie erst wieder mit dem Kriegsende. Sie blieb nach der 78 Zum Vergleich siehe Geörgy Éger: Region, Border, Periphery, in: Ders./Josef Langer (Hrsg.): Border, Region and Ethnicity . Results of an International Comparative Research. Klagenfurt 1996, S. 15-30. 45 Vertreibung der Deutschen konstant sowie unverändert und wurde zu einer ethnischen, sprachlichen Grenze. Die Ereignisse des Krieges und des Kriegsendes beein? ussten deutlich die Entwicklung in beiden Grenzgebieten. Insbesondere die Vertreibung der Deutschen hatte tiefgreifende sozioökonomische Veränderungen auf beiden Seiten zur Folge. Die bayerischen Grenzländer mussten Zehntausende Vertriebene aufnehmen, in die tschechoslowakischen westlichen Gebiete zogen dagegen viele Neusiedler aus dem ganzen Lande. Während die bayerischen Grenzgebiete ihre wirtschaftliche und soziodemographische Lage im Laufe der nächsten Jahre verbessert haben, hatte die tschechische Seite mit immer größeren Problemen zu kämpfen. Die Bevölkerungsstruktur war unstabil, viele Neuangekommene blieben nicht lange in ihrem neuen Zuhause und kehrten bald in das Landesinnere zurück. Während der zentral organisierten Wiederbesiedlung kamen in diese Gebiete neben Tschechen und Slowaken auch Auslandstschechen (aus der Ukraine oder aus Polen)79 und zahlreiche Angehörige nationaler Minderheiten. Das kommunistische Regime wollte mit ihrer Hilfe „das aufbauen, was das Volk will: eine feste tschechische Bastion“80. Diese meist negativen Veränderungen der Grenzregionen wie die planmä- ßig durchgeführte Verwüstung vieler unmittelbar an der Grenze gelegenen und kaum neubesiedelten Ortschaften, die Einführung eines überwachten Raumes mit eingeschränkten bürgerlichen Rechten (zum Beispiel Passierscheine für das Leben im Ascher Zipfel) machten aus diesen Regionen sehr schnell entleerte Gebiete. In einem Verzeichnis von 1947 lagen 157 Orte nahe der Grenze, deren Besiedlung aus staatlichem Interesse unerwünscht war. Im April 1950 ist eine zwei bis sechs Kilometer breite Zone entlang des Grenzverlaufs geräumt worden. Der „Sicherheitsstreifen“ entlang der Grenze zur Bundesrepublik Deutschland und mit der Republik Österreich ist im Jahre 1955 sogar an der DDR-Grenze weitergeführt worden. Zu dieser Verlängerung ist es wegen den zunehmenden Fluchten tschechoslowakischer Bürger nach Westberlin gekommen. Im April 1957 hat deswegen das DDR-Außenministerium eine Beschwerde wegen der verwahrlosten Gemeinden an der Grenze eingereicht. Die Kritik an Prag bezog sich auch darauf, dass die Tschechoslowakei an der Grenze einen Stacheldrahtzaun aufgebaut hatte. Die mittlerweile verödeten Gebiete – insbesondere an der Grenze zu Westdeutschland und Österreich - wurden schließlich aufgeforstet. Bestimmend waren die Entfernung zur Grenze und die für das Militär strategische Lage einer Ortschaft. Wie Geheimdokumente des tschechoslowakischen Innenministeriums zeigen, wurde im Jahr 1950 angeordnet, Straßen, die zur Grenze führten, unbefahrbar zu machen. Diese Prozesse trugen andererseits sehr dazu bei, dass dort viele Naturschönheiten erhalten 79 Dazu siehe Quido Kastner: Osídlování ?eského pohrani?í od kv?tna 1945 [Die Besiedlung des tschechischen Grenzgebietes seit dem Mai 1945]. Prag 1996. – Jaroslav Vaculík: Reemigrace a usídlování voly?ských ?ech? v letech 1945-1948 [Reemigration und Besiedlung der Wolhynien-Tschechen in den Jahren 1945 bis 1948]. Brno 1984. 80 Vgl. Pravda 2/1946 vom 2. Januar, S. 2. 46 geblieben sind. Diese stellen heute ein Potential für die Entwicklung des Fremdenverkehrs dar. Schwere Folgen hatte die Vertreibung für die Wirtschaft. Es gelang oft lange Jahre nicht, spezielle Fachleute und andere meist quali? zierte Arbeiter zu ersetzen, so dass die Betriebe nicht mehr wie vor der Vertreibung produzieren konnten. Eine negative Entwicklung war auch in der Landwirtschaft zu verzeichnen, insbesondere als Folge der Kollektivierung. An der Grenze zu Bayern gab es abgesehen von einem kurzen Zeitabschnitt während des Prager Frühlings und von einem Minimum an wirtschaftlichen Beziehungen während des Kalten Kriegs (vgl. die Ausfuhr von Braunkohle von Sokolov/Falkenau nach Arzberg oder die Verbindungen der Porzellanfabriken in der Karlsbader Region mit Selb) keinen bedeutenden Kontakt.81 In der Wahrnehmung der Grenze überwogen bis 1989 Stereotype der Konfrontation zwischen Ost und West. Die westliche tschechoslowakische Grenze galt als „Schutzwall“ gegen den Kapitalismus und Imperialismus.82 Man konnte jederzeit spüren, dass sich dort zwei verfeindete Staaten mit zwei unterschiedlichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systemen gegenüber standen. Der unmittelbare Grenzstreifen wurde zu einem geschlossenen Militärübungsraum. Allgemein galt: Je näher man zur Grenze kam, desto schwächer war die Infrastruktur. Auf Grund der unterschiedlichen Entwicklung in beiden untersuchten Regionen entstanden bis heute nicht überwundene Differenzen in Lebensstandard, so dass man in der Zeit des Kalten Krieges sowie in ersten Jahren nach der Wende sogar von einer mexikanischen Grenze sprechen konnte. Im Jahre 1989 war freilich der Eiserne Vorhang gefallen, die Grenze öffnete sich und wurde immer stärker durchlässig. Es entstanden neue Grenzübergänge und viele grenzüberschreitende Aktivitäten. Dies übte einen positiven Ein? uss auf die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Entwicklung der Grenzgebiete aus, in die das Leben zurückkehrte. Der bayerisch-böhmische Grenzraum mit der ehemaligen geschlossenen und streng bewachten Grenze wurde schrittweise zu einem Vermittlungsraum.83 Trotz des unterschiedlichen Lebensstandards kämpfen bis heute beide Grenzgebiete mit ähnlichen soziodemographischen Problemen wie unterdurchschnittliche wirtschaftliche Entwicklung, ungenügende Verkehrsinfrastruktur, Abwanderung der Intelligenz oder ungenügendes Angebot an Arbeitsstellen und Kulturveranstaltungen. Der unterschiedlicher Lebensstandard verkom- 81 Vgl. Jörg Maier: Bavorské pohrani?í jako soused a partner ?eského pohrani?í v procesu evropské integrace [Das bayerische Grenzland als Nachbar und Partner des tschechischen Grenzlands im Prozess der europäischen Integration], in: Václav Houžvi?ka (Hrsg.): ?eské pohrani?í v procesu evropské integrace. [Das tschechische Grenzland im Prozess der europäischen Integration]. Ústí nad Labem 1992, S. 6-15. 82 Vgl. Pravda (Plze?) vom 2. Januar 1946, S. 2. – Pravda (Plze?) vom 30. August 1955, S. 3. 83 Vgl. Milan Jeábek/Jaroslav Dokoupil/Tomáš Havlí?ek: ?eské pohrani?í. Bariéra nebo prostor zprostedkovávání? [Das tschechische Grenzgebiet. Barriere oder Vermittlungsraum?] Prag 2004. 47 pliziert die Suche nach gemeinsamen Lösungen dieser Asymmetrie.84 Andererseits pro? tieren (noch) beide Seiten von dieser wirtschaftlichen Ungleichheit (Pendler, billige Arbeitskräfte usw.). Zur Verringerung dieser Unterschiedlichkeiten werden Mittel aus EU-Strukturfonds genutzt, die die bayerischen Regierungsbezirke, die tschechischen Bezirke, Gemeinden, Euroregionen und Bürgervereinigungen beantragen können. 84 Zum Problem der Asymmetrie an Grenzen siehe Werner Holly/Jií Nekvapil/Ilona Scherm/Pavla Tišerová: Unequal Neighbours: Coping with Asymmetries, in: Bordering European Identities. Journal of Ethnic and Migration Studies. Vol. 29: 5 (2003), S. 819-834.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.