Content

Lukas Novotny, Aufbau in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 20 - 23

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

Bibliographic information
20 auftretende neue Themen, vor allem über Kon? ikte der deutsch-tschechischen Geschichte, verlieren offensichtlich ihr negatives Ein? usspotential auf die Gestaltung der gegenseitigen Nachbarschaft. Die Tschechen nehmen immer häu? ger deren positive Effekte wahr, sei es die auf politischen Ausgleich bedachte Orientierung beider Diplomatien, sei es die sich ständig vertiefende grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Das hat eine günstigere Betrachtung der Qualität der Kontakte zur Folge.22 Auf der deutschen Seite liegt die erste Pilotuntersuchung zum Geschichtsbewusstsein der Grenzbewohner Bayerns ebenfalls bereits vor.23 Diese fasst in knapper Form die Ergebnisse einer qualitativen regionalen Erhebung zusammen. Außerdem möchte ich auf das Projekt „Border Identities“24 hinweisen, in dessen Verlauf mit den qualitativen Methoden der Sozialforschung die diskursive Konstruktion von Identitäten in Grenzregionen entlang der Ost- und Südostgrenze der EU sowie die Selbst- und Fremdbilder der Menschen am ehemaligen Eisernen Vorhang untersucht wurden.25 Aus dem oben Angeführten geht einerseits hervor, dass die im zweiten Teil meiner Arbeit dargestellte qualitative Erhebung eine Forschungslücke schließen will, da im bayerisch-böhmischen Grenzraum noch keine umfangreiche Befragung zur Vergangenheit durchgeführt wurde. Andererseits gibt es zwar vor allem aus dem tschechischen Grenzraum ein umfassendes quantitatives Datenmaterial zur Erforschung von Einstellungen der Bürger: jedoch fehlen bisher Erkenntnisse aus der Anwendung qualitativer soziologischer und politikwissenschaftlicher Methoden, die interdisziplinär ausgewertet und interpretiert werden müssten. 1.3 Aufbau Die Arbeit gliedert sich in einen theoretischen Teil, der das methodische Gerüst für die späteren Schritte und seine Anwendung auf die Vergangenheitsdiskurse von Deutschen und Tschechen zu den Ereignissen des 20. Jahrhunderts festlegt. Im zweiten Kapitel wird die theoretische Erkundung des Themenkomplexes „Vergangenheitsdiskurs“ vorgestellt. Dabei werden das zugrunde liegende Konzept erörtert und eine erste de? nitorische Annäherung an die Thematik geliefert. Die daran anschließenden ausführlichen theoretischen Überlegungen zu Begriffen „Geschichtsbewusstsein“ und 22 Vgl. Lukáš Novotný: Unsere Deutschen? Einstellungen in den tschechischen Grenzgebieten zur deutsch-tschechischen Vergangenheit, in: Brücken 14. Germanistisches Jahrbuch Tschechien- Slowakei 2006. Prag 2006, S. 161-180. 23 Vgl. Michael Weigl/Michaela Zöhrer: Regionale Selbstverständnisse und gegenseitige Wahrnehmung von Deutschen und Tschechen. München 2005. 24 Vgl. Werner Holly: „You‘re half a Sudeten-German.“ Identity and Social Style in Ethnographic Interviews of Three-generation Families at the German-Czech Border, in: Wolfgang Aschauer/ Ingrid Hudabiunigg (Hrsg.): Alteritätsdiskurse im sächsisch-tschechischen Grenzraum. Chemnitz, S. 65-71. 25 Vgl. Wolfgang Aschauer/Ingrid Hudabiunigg (Hrsg.): Alteritätsdiskurse im sächsisch-tschechischen Grenzraum. Chemnitz 2005. 21 „Vergangenheitsbewältigung“, die Elemente der Vergangenheitsdiskurse darstellen, erschließen einerseits Gesichtspunkte individueller und kollektiver Vergangenheitsdiskurse sowie für ihre empirische Erfassung geeignete Forschungsperspektiven, andererseits werden die Relevanz und Aktualität von Vergangenheitsdiskursen und Vergangenheitspolitik in politikwissenschaftlichen Zusammenhängen nachgewiesen. Für meine Zielsetzungen erscheint vor allem die theoretische Darlegung der Grenze und der Alteritätserfahrung als wichtig.26 Dieser Überbau bildet im Hinblick auf die historische Darstellung von Vergangenheitsdiskursen in Deutschland und in der Tschechischen Republik und bei der empirischen Untersuchung eine unentbehrliche Grundlage. Die folgenden sieben Kapitel (drei bis neun) beschreiben die historischen Entwicklungen der deutsch-tschechischen Symbiose mit dem Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert. Angesichts der mehr als 800 Jahre dauernden Gemeinschaft auf dem Gebiet der böhmischen Länder sind in ganz Europa keine zwei anderen Völker zu ? nden, die sich einander gegenseitig so durchdrungen haben und damit einander so nahe stehen wie gerade Deutsche und Tschechen. Ich betone dabei nur historische Meilensteine der deutsch-tschechischen Beziehungen, insbesondere die Katastrophe zwischen 1938 und 1947. Denn die deutsch-tschechische Situation war nicht nur durch die deutsche Gewalttat gegenüber den Tschechen – die Teilung des tausendjährigen Böhmens (1938) – beein? usst, sondern auch von der Vertreibung der deutschen Bevölkerung der böhmischen Länder aus ihrer Heimat geprägt. Ich möchte hier betonen, dass es mir fern liegt, irgendeine Gleichsetzung zu verwenden, wenn ich mich der Geschichte dieser stürmischen zehn Jahre (1938-1947) zuwende. Tatsache ist, dass die Tschechoslowakei durch die deutsche Expansionspolitik als Staat in der Zeit 1938/39 zerschlagen worden ist, dass dadurch die tschechische Bevölkerung von der Gefahr der beabsichtigten Auslöschung ihrer nationalen Existenz bedroht war und dass die jüdischen Bewohner des Landes weitgehend vernichtet wurden. Es besteht außerdem kein Zweifel daran, dass die tschechoslowakischen Deutschen nach 1945 oft gewaltsam vertrieben, vor allem zwangsweise ausgesiedelt worden sind – und dass diese Vorgänge viele Opfer kosteten sowie traumatische Erinnerungen, kontroverse Rechtsstandpunkte und Misstrauen gegenüber den Anderen hinterließen. Sie sind bis heute wirksam, bilden einen Bestandteil der historischen Identität bei (Sudeten-)Deutschen und Tschechen, verursachen weiterhin problematische Wahrnehmungen von Asymmetrien in der Relation zwischen beiden Ländern und den Staatsbürgern. Dazu biete ich als Ergänzung einen Überblick über das Zusammenleben von Deutschen und Tschechen in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit sowie über die diametral entgegengesetzten außenpolitischen Konzeptionen beider Staaten in dieser 26 Die Untersuchung der Rolle der Grenze innerhalb der Vergangenheitsdiskurse war ursprünglich nicht geplant. Da sie die Interviewpartner insbesondere in ihren Erinnerungen an den Kalten Krieg oft erwähnt haben, wurden dieser Gesichtspunkt sowie die Stellung der jeweils Anderen im Rahmen der „erinnerten“ Geschichte“ bei der Auswertung und Interpretation des Datenmaterials berücksichtigt. 22 Zeit, die schließlich zur offensichtlichen Feindseligkeit und zum Münchener Abkommen, zum Triumph der „Versöhner“ und zur Politik des Appeasement geführt haben. Ich widme mich dabei der aggressiven Politik des Dritten Reiches gegenüber der Tschechoslowakei, außerdem der sogenannten Zweiten Republik und der sechsjährigen Existenz des Protektorats Böhmen und Mähren. Den eindeutigen Schlusspunkt des deutsch-tschechischen Zusammenlebens in den böhmischen Ländern bedeutete freilich die Vertreibung der Deutschen, die in mehreren Phasen verlief, angefangen bei den spontanen wilden Vertreibungen in den ersten Nachkriegswochen bis hin zur organisierten Aussiedlung der tschechoslowakischen Deutschen. Nach der sechsjährigen Existenz des Protektorats Böhmen und Mähren und der darauf folgenden Ausweisung der Deutschböhmen (Sudetendeutschen) schien es, als sei das deutsch-tschechische Verhältnis an einem Endpunkt angelangt. Ähnlich wie man von einer zweiten Geschichte des Nationalsozialismus spricht, ging auch nach der Machtübernahme durch die Kommunisten in der Tschechoslowakei im Jahre 1948 und nach der Gründung beider deutscher Staaten im Jahre 1949 die Geschichte der deutschtschechischen Kontakte weiter. Zu beschreiben ist hier ebenfalls die Entwicklung der bilateralen Beziehungen in der Zeit des Kalten Krieges, also in einer Phase der gegenseitigen Distanzierung und Vorsicht. Vor 1990 besaßen beide Seiten überhaupt keine Eigenständigkeit, sondern waren nur den sich wandelnden Formen der Verhältnisse der zwei Militärpakte angepasst. Neben der allgemeinen Verschärfung der Lage behandle ich weitere Faktoren, hauptsächlich die Entstehung von Organisationen der Vertriebenen und ihre Akzeptanz in Deutschland sowie in der Tschechoslowakei. Aus der Sicht der Bewältigung der kon? iktbeladenen Vergangenheit wird freilich erst die Zeit nach dem Zerfall des Kommunismus bedeutend, denn jetzt wurden gleich mehrere Zeichen des politischen Willens gesetzt, die zu einer wesentlichen Beruhigung der bisher emotional zugespitzten Vergangenheitsdiskurse beigetragen haben. Außerdem hat man ziemlich bald nach 1989 die politische und zwischenmenschliche Annäherung für beide Länder eingeleitet. Diese Aktivitäten überwiegen in den Grenzgebieten, verstärken das Kooperationspotential beider Nachbarn und werden daher ebenfalls dargestellt. Aus der Begegnung der zwei Kulturen entstanden jedoch neue Probleme, die gegenwärtig die Grenzbewohner beschäftigen und oft als Folge der Vergangenheitsdiskurse zu sehen sind. Die weiteren Kapitel (zehn bis zwölf) beschäftigen sich mit einzelnen Phasen der Vergangenheitsdiskurse in der Bundesrepublik und in der Tschechischen Republik seit 1918, mit ihrer Intention und Qualität sowie mit den moralischen, rechtlichen und politischen Gesichtspunkten. Denn die Art und Weise, wie man sich zur eigenen historischen Entwicklung und zur „gemeinsamen“ Geschichte stellt, beein? usst entscheidend die Identitätsbildung. Ich gehe dabei auf die Erkenntnisse aus der eigenen im bayerisch-böhmischen Grenzraum der Euregio Egrensis durchgeführten Untersuchung ein. Es werden Faktoren des Bewusstseins in Anbetracht der deutsch-tschechischen Geschichte untersucht sowie die Art und Weise, wie beide Nationen die historischen Ereignisse wahrnehmen und bewältigen. Da jede Auseinandersetzung mit diesem Thema schließlich das gegenwärtige Handeln der Bürger beein? usst – man kann es mit Michel Foucault so formulieren: „Die 23 Kontrolle des Gedächtnisses der Menschen ist Kontrolle ihrer Gegenwart“27 –, halte ich die Einbeziehung des kommunikativen Gedächtnisses für einen Bestandteil der Beschäftigung mit den Vergangenheitsdiskursen und der darauf beruhenden Politik. Mit Hilfe von qualitativen Daten aus der eigenen Erhebung wird die Meinungsbildung in beiden Ländern dargelegt. Es interessiert mich auch, wie sich die deutsch-tschechische Geschichte in der Erinnerungskultur manifestiert und wie dazu die Bürger stehen. Außerdem befasse ich mich mit der Betrachtung des „Anderen“ sowie dem Stellenwert dieses „Anderen“ in der eigenen nationalen und historischen Identität. Die Art und Weise zu berücksichtigen, wie die Interviewpartner an die historischen Ereignisse zwischen Deutschen und Tschechen erinnern, erscheint deshalb als wichtig, weil die Sprecher mittels Erinnerungen, Erlebnisse und Erzählungen erklären können, wer man überhaupt kulturell und politisch ist. Die Arbeit endet mit einer Schlussbetrachtung im Kapitel dreizehn. Sie wertet die jeweiligen methodischen Wege im Hinblick auf deren Ergiebigkeit und die Vergleiche der qualitativen wie quantitativen Struktur der Vergangenheitsdiskurse und Perzeptionsmuster aus, resümiert die wichtigsten Befunde, beantwortet die eingangs formulierten zentralen Forschungsfragen und leitet daraus schließlich einige weiterführende Gesichtspunkte und Empfehlungen für den deutsch-tschechischen Dialog ab. 1.4 Methode und Untersuchungsdesign Um dem Zielkatalog meiner Untersuchung gerecht zu werden, war ihre interdisziplinäre Ausrichtung– politikwissenschaftlich-historische Analyse einerseits, empirische Sozialforschung andererseits – unerlässlich. Neben der Beschreibung der nationalen (also deutschen und tschechischen) Vergangenheitsdiskurse nutze ich die Anwendung qualitativer soziologischer und politikwissenschaftlicher Methoden für die Erforschung der im kulturellen wie auch im kommunikativen Gedächtnis erscheinenden historischen Ereignisse der deutsch-tschechischen Beziehungen auf der regionalen Ebene im bayerisch-böhmischen Grenzgebiet. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen die in Frage kommenden nationalen Komponenten, dargestellt werden jedoch auch die für die Grenzregion relevanten Vergangenheitsdiskurse. Denn es besteht eine direkte Verbindung zwischen dem gesamtstaatlichen Geschichts- und Mentalitätswandel und dem regionalen Selbstverständnis (nicht nur) der Menschen auf beiden Seiten der deutsch-tschechischen Grenze. Durch ein intensives Studium der wissenschaftlich relevanten Arbeiten sowie eines breit gefächerten Quellenbestandes – Heimatliteratur und Presse – wurden die theoretischen Grundlagen der Studie gelegt und die inhaltlichen sowie strukturellen Entwicklungen der Diskurse zwischen Deutschen und Tschechen nachgezeichnet. Eine sozialwissenschaftliche Datenrecherche – eigene qualitative Erhebung – diente dazu, die aktuelle Widerspiegelung von Geschichte im kommunikativen Haushalt der Inter- 27 Michel Foucalt: Film and Popular History: An Interview with Michel Foucalt, in: Radical Philosophy 11 (1975), S. 24f.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.