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Lukas Novotny, Problemstellung in:

Lukas Novotny

Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen, page 13 - 16

Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4248-9, ISBN online: 978-3-8452-1727-7 https://doi.org/10.5771/9783845217277

Series: Extremismus und Demokratie, vol. 19

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13 1. Einleitung 1.1 Problemstellung Gegenstand meiner Arbeit sind die Untersuchung und Beschreibung der Vergangenheitsdiskurse zu den deutsch-tschechischen Beziehungen und des Geschichtsbewusstseins von Deutschen und Tschechen als eines politischen Faktors in ihren Zusammenhängen seit 1918. Sie verfolgt die zentrale Fragestellung, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es in den Perzeptionsmustern von Vergangenheit im nationalen und regionalen Vergleich sowie im Blick auf die Generationen in Deutschland und Tschechien gibt und wie sich der Faktor Vergangenheit in den öffentlichen politischen Diskursen sowie im kommunikativen Gedächtnis widerspiegelt. Dabei gilt herauszu? nden, welche historischen Ereignisse in der Öffentlichkeit und im individuellen Erinnern rezipiert wurden, welche nicht und warum nicht. Ferner soll untersucht werden, wie die Auswirkungen des Eisernen Vorhangs auf die Vergangenheitsbetrachtung in Deutschland und in der Tschechoslowakei waren und ob die Vergangenheitsdiskurse seit der Öffnung der Grenze 1989/90 strukturellen und thematischen Veränderungen unterliegen. Meine Arbeit sucht außerdem nach Antworten auf die Fragen, wie sich die Politik bezüglich der Vergangenheit in und zwischen beiden Ländern formiert und ob die Bewältigung von umstrittenen Fragen in den deutsch-tschechischen Beziehungen eine positive Wirkung auf die Verbesserung der Wahrnehmung des jeweiligen Nachbarn und der gegenseitigen Beziehungen hat. Bekanntlich hat ein „Geschichtsboom“ am Ende des 20. Jahrhunderts viele Länder Europas erfasst. Er betrifft die Zeitgeschichte besonders stark, denn die Nähe zur Gegenwart verdichtet das Interesse noch mehr. Henri Rousso, ein führender französischer Zeithistoriker, verfasste 1998 dazu ein Buch, dessen Titel „Vergangenheitsbesessenheit“ lautet.1 Dieses Werk verlängert die Kette der Indizien dafür, dass die Tradierung von Geschichte und die Auseinandersetzung mit ihr vielfältiger und diffuser geworden sind. Der Boom bezieht nicht nur die Zeitgeschichte ein, sondern greift über die Epochen hinweg. In den vergangenen Jahrzehnten schien dabei nur die Bundesrepublik Deutschland eine belastende Geschichte zu haben, und nur für sie schien sich die Aufgabe der Vergangenheitsbewältigung zu stellen. Im Historikerstreit wurde dieses Faktum eindrucksvoll bestätigt. Der heutige Blick auf Länder wie Italien, Japan, die Sowjetunion und die postkommunistischen Staaten – unter ihnen die heutige Tschechische Republik – ebenso auf die USA, Chile usw. gibt Beweise dafür, dass der Bedarf an öffentlichen, politischen und medialen Vergangenheitsdiskursen mehr oder weniger auch anderswo ausgeprägt ist. „Die Aufgabe, die Hinterlassenschaften der Vergangenheit zu 1 Vgl. Henri Rousso: La hantise du passé: entretien avec Philippe Petit. Paris 1998. 14 bewältigen, stellt sich überall dort, wo ein abrupter Übergang von vordemokratischen bzw. autokratisch-diktatorischen Verhältnissen zu einem demokratischen politischen System statt? ndet.“2 Kulturelle Werte wie „Vergangenheitsbezug“ und „Traditionsbildung“ tragen wesentlich zur Identitätsbildung bei. Geschichte als Politikum reicht von der historischen Legitimation des jeweiligen Grundgesetzes bis zum staatlich initiierten und geförderten Gedenken an Ereignisse und Personen der jüngsten nationalen und europäischen Vergangenheit. Steht die Geschichtspolitik im Dienste des Nationalbewusstseins, des Patriotismus oder der Identitätsp? ege, ist oder soll sie an die demokratische Ordnung gebunden, in die europäische Gemeinschaft eingefügt und für Erinnerungsvielfalt offen sein. Deutschland und die Tschechische Republik bieten sich in einem besonderem Maße als Untersuchungsfall an, da bei ihnen die historische Dimension immer ein Kon? iktpotential enthält und da – selbstverständlich liegt die Bundesrepublik klar vor Tschechien – weitreichende gesetzliche Bestimmungen mit dem Ziel der Vergangenheitsbewältigung erlassen wurden und werden.3 Ausgangspunkt des interdisziplinären Vorhabens meiner Untersuchung sind die seit 1989 zu beobachtenden strukturellen Veränderungen in den Vergangenheitsdiskursen und die Schwankungen in der gegenseitigen deutsch-tschechischen Wahrnehmung zwischen den Polen Euphorie über das Ende des Kalten Krieges sowie Dominanz negativer Stereotypisierungen. Die sich seitdem verändernden ökonomischen, politischen, kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen wurden von der Bevölkerung auf beiden Seiten – das gilt besonders für die Grenzgebiete der zwei Länder – schon bald als fremd und damit beängstigend wahrgenommen. Zahlreiche gesellschaftliche grenz- überschreitende Initiativen zur Verbesserung der Kontakte und zur Veränderung im Bewusstsein bezüglich einer vielfach gemeinsamen Geschichte vermochten es bisher nicht, diesen Perzeptionsmustern, den Stimmungen und Stimmungsumschwüngen entgegen zu wirken. Dies führt weiterhin zu bestimmten Irritationen in der gegenseitigen Betrachtung. Nachbarschaftliche Regionen begegnen sich also auch nach dem Beitritt Tschechiens zur Europäischen Union – in offenem Widerspruch zur Idee von einem Europa der Regionen - mehr durch Abgrenzung als durch Annäherung.4 Der Verbesserung dieser grenzübergreifenden Kontakte stehen oft die Vergangenheit, eine 2 Helmut König: Von der Diktatur zur Demokratie oder Was ist Vergangenheitsbewältigung, in: Ders./ Michael Kohlstruck/Andreas Wöll (Hrsg.): Vergangenheitsbewältigung am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft. Sonderheft 18. Opladen 1998, S. 371-392, hier 375. 3 Vgl. Ulrich Battis/Günther Jakobs/Eckhard Jesse: Vergangenheitsbewältigung durch Recht. Drei Abhandlungen zu einem deutschen Problem. Berlin 1992. – Christiane Brenner: Vergangenheitspolitik und Vergangenheitsdiskurs in Tschechien 1989-1998, in: Helmut König/Michael Kohlstruck/Andreas Wöll (Hrsg.): Vergangenheitsbewältigung am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft. Sonderheft 18, Opladen 1998, S. 195-232. 4 Vgl. Michael Weigl: Geschichte als Kompass der Nachbarschaft – Zur Wirkungsmacht der Heimatvertreibung in regionalen Identitäten des bayerischen Grenzraumes zu Tschechien, in: Wolfgang Aschauer/Ingrid Hudabiunigg (Hrsg.): Alteritätsdiskurse im sächsisch-tschechischen Grenzraum. Chemnitz 2005, S. 107-118. 15 unterschiedliche Auffassung hinsichtlich der historischen Prägestempel sowie die Position des jeweils Anderen in den Vergangenheitsdiskursen im Wege. Ausgehend von der skizzierten theoretischen und historischen Grundlegung setzt sich meine Untersuchung zum Ziel, die Einstellungen von Deutschen und Tschechen zu den deutsch-tschechischen Beziehungen im 20. Jahrhundert zu beschreiben. Es gilt herauszu? nden, wie das kon? iktvolle Zusammenleben von Deutschen und Tschechen in einem Staat, die Kriege und die darauf folgende Vertreibung sowie Zwangsaussiedlung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei beide Länder beein? usst hat und bis heute beein? usst und welche Position die Bürger beider Länder dazu einnehmen. Die Vergangenheitsdiskurse werden hier nach Inhalten, Perzeptionsmustern und Akzentverschiebungen untersucht. Eine besondere Aufmerksamkeit widme ich dabei der Erforschung der öffentlichen und politischen Meinung in beiden Ländern als den zentralen Themen und der Frage nach der Rolle des jeweils Anderen für die Wahrnehmung historischer Ereignisse. Für meine Zielsetzung ist es im Hinblick auf die erlebte (kommunikatives Gedächtnis), tradierte und kanonisierte (kulturelles Gedächtnis) Vergangenheit von Bedeutung, zu untersuchen, wie sich Individuen (persönliche Erinnerung), Kleingruppen (etwa Familien; mikrosoziale Erinnerung) und Großformationen (z.B. Schichten, Nationen; makrosoziale Erinnerung) zur deutsch-tschechischen Vergangenheit stellen und auf welche Art sich die Merkmale der öffentlichen Erinnerungen, unter ihnen Selektivität, Variabilität und Rekonstruktion, in den deutschtschechischen Diskursen niederschlagen. Deshalb werden Ergebnisse von Erforschungen der öffentlichen Meinung in beiden Ländern herangezogen. Dazu führte ich im bayrisch-böhmischen Grenzraum eine eigene qualitative Erhebung zur Rolle der deutsch-tschechischen Vergangenheit durch. Zur Erlangung meiner Ziele ist die Beantwortung folgender Leitfragen notwendig: Welche Spezi? ka weisen die Vergangenheitsdiskurse über die deutsch-tschechischen Zusammenhänge in Deutschland und in Tschechien auf? Wie gehen damit die Bürger beider Staaten um? Wie beein? usst die kon? iktvolle Vergangenheit die gegenseitigen politischen Beziehungen? Welche Bedeutung kommt dem „deutschen Faktor“ in den tschechischen Einstellungen und dem „tschechischen Faktor“ in den deutschen Positionen zu? Da es heute üblich ist, die Verantwortung der jeweils eigenen Seite für den katastrophalen Verlauf der deutsch-tschechischen Geschichte des 20. Jahrhunderts aufzuarbeiten und sich selber auch als Täter zu begreifen, möchte ich diesem möglicherweise sehr schmerzhaften Prozess meine besondere Aufmerksamkeit schenken. Ich will also keineswegs nur Fehler, Versäumnisse und Verbrechen au? isten, sondern ebenfalls positive Tatsachen und Erfolge des Zusammenlebens beschreiben. Weiterhin interessiert mich, welche Erinnerungsdynamik im Zeitablauf entstanden ist sowie entsteht und wie sich Individuen, Gruppen, Nationen und Gesellschaften jeglicher Art zu ihrer Vergangenheit ins Verhältnis setzen, auf welche Weise sie sich historisch in der Gegenwart begreifen und wie sie in diesem Kontext den Anderen sehen. Kurz: In welchem Sinne und wozu wird Geschichte als Argument oder als Waffe eingesetzt. 16 Um dieser Fragestellung gerecht zu werden, wurde die Thematik interdisziplinär mit Methoden der historischen und politikwissenschaftlichen Analyse sowie der empirischen Sozialforschung bearbeitet. Die explorative Vorgehensweise soll dabei eine Forschungslücke schließen helfen, da bisher kein qualitatives Datenmaterial erhoben wurde, das geeignet wäre, die erwähnten Diskurse im Allgemeinen und aus dem bayerisch-böhmischen Grenzgebiet im Besonderen zu beschreiben und zu untersuchen. 1.2 Forschungsstand Untersuchungen der historischen Ereignisse zwischen Deutschen und Tschechen sind Thema vieler Historiker und Politologen. Zu den meistbehandelten Zeitabschnitten gehören die Jahre der so genannten Ersten Tschechoslowakischen Republik5, das Münchner Abkommen von 19386, das Dritte Reich, das Protektorat Böhmen und Mähren7, die Genese und Durchführung der Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Krieg sowie die Dekrete des Staatspräsidenten Edvard Beneš.8 Zwischen den vielen Publikationen zu den bilateralen geschichtlichen Beziehungen beobachten wir qualitative Unterschiede je nach Forschungsstand des jeweiligen Landes und dessen historischer Identität. 5 Vgl. Jan Ken: Die Kon? iktgemeinschaft. Tschechen und Deutsche 1780-1918. München 1996 – Václav Kural: Tschechen und Deutsche im tschechoslowakischen Staat (1918-1938). Prag 2001. – Eugen Lemberg/Gotthold Rhode: Das deutsch-tschechische Verhältnis seit 1918. Stuttgart 1969. – Johann Wolfgang Brügel: Tschechen und Deutsche 1918–1938. München 1974. 6 Vgl. Miloslav John: Záí 1938. Role a postoje spojenc? ?SR [September 1938. Rolle und Haltung der Verbündeten der ?SR]. Olomouc 2000 – Karl Merz: Deutsch-tschechische Tragödie: das Münchener Abkommen des Jahres 1938. Ursachen, Zustandekommen, Folgen, völkerrechtliche Aspekte und Kritik. Hamburg 1972. – Boris ?elovsky: Das Münchner Abkommen 1938. München 1974. 7 Vgl. Detlef Brandes: Die Tschechen unter deutschem Protektorat, 2 Bände, München u.a. 1969; 1975. – Václav Kural: Statt Gemeinschaft ein Auseinandergehen. Tschechen und Deutsche im Großdeutschen Reich und der Weg zum Abschub (1938-1945). Prag 2002 – Volker Zimmermann: Die Sudetendeutschen im NS-Staat. Politik und Stimmung der Bevölkerung im Reichsgau Sudetenland (1938-1945). Essen 1999 – Miroslav Kárný (Hrsg.): Deutsche Politik in Protektorat Böhmen und Mähren unter Reinhard Heydrich: 1941-1942. Eine Dokumentation. Berlin 1997 – Václav Kural/Zden?k Radvanovský u.a.: „Sudety“ pod hákovým kížem [Sudetenland unterm Hakenkreuz]. Ústí nad Labem 2002. 8 Vgl. Tomáš Stan?k: Odsun N?mc? z ?eskoslovenska [Abschub der Deutschen aus der Tschechoslowakei], Prag 1991. – ders.: Vertreibung und Aussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei 1945-1948, in: Jörg K. Hoensch/Hans Lemberg (Hrsg.): Begegnung und Kon? ikt. Schlaglichter auf das Verhältnis von Tschechen, Slowaken und Deutschen. Essen 2001, S. 207- 230. – Jaroslav Ku?era: Odsun nebo vyhnání? Sudetští N?mci v ?SR v letech 1945-1947 [Abschub oder Vertreibung? Sudetendeutsche in der ?SR in den Jahren 1945-1947]. Prag 1992. – Václav Pavlí?ek u.a. (Hrsg.): Benešovy dekrety. Sborník text? [Die Beneš-Dekrete. Eine Textsammlung]. Prag 2002. – Niklas Perzi: Die Beneš-Dekrete. Eine europäische Tragödie. St. Pölten 2003.

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Zusammenfassung

In den deutsch-tschechischen Beziehungen spielt die Geschichte eine wichtige Rolle. Sie wird zum einen als Argument für die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft benutzt, zum anderen aber auch als Waffe, um die andere Seite möglichst negativ darzustellen.

Die Arbeit untersucht an Hand eines qualitativen Datenmaterials die Funktion der Vergangenheitsdiskurse in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.