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Linda-Martina Apel, Tatsächliche Umsetzung staatlicher Verantwortung in legitimationsbildenden Mustern in Standardbildungsverfahren in:

Linda-Martina Apel

Verfahren und Institutionen zum Umgang mit Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, page 470 - 477

Rechtsvergleichende Untersuchung zwischen Deutschland, Dänemark und den USA

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4240-3, ISBN online: 978-3-8452-2087-1 https://doi.org/10.5771/9783845220871

Series: Interdisziplinäre Schriften zur Wissenschaftsforschung, vol. 7

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470 der Abweichung von dem gesetzlich manifestierten verfestigten Unredlichkeitsmaßstab ebenfalls auf Widerstand.138 Diese Unterschiede und Konsequenzen in der Offenheit der Maßstäbe der Nationen belegen die besondere Eignung des deutschen Modells für eine in hohem Maße sach- und interessengerechte Standardgenese, die ein Absenken der Anforderungen in den Einzelstrukturen rechtfertigt. VI. Tatsächliche Umsetzung staatlicher Verantwortung in legitimationsbildenden Mustern in Standardbildungsverfahren Gemeinwohlsichernde Instrumente finden sich nicht in gleicher Weise auf allen Ebenen der Standardgenese wieder. Zum Teil sind es die institutionellen Besonderheiten oder aber die konfligierenden spezifischen Verfahrensinteressen der von Fehlverhaltensverfahren Betroffenen, die bis in alle Verzweigungen des Vermittlungsvorgangs von staatlichen und wissenschaftlichen Einflüssen gleichermaßen ausdifferenzierte und präsente gemeinwohlsichernde Vorkehrungen verhindern. Die Verankerung weiter Teile des Standardisierungsprozesses bei den Forschungs- und Forschungsförderungseinrichtungen führt im deutschen Verfahrensmodell zu einer enormen Vielfalt der binnenorganisatorischen Einflussträger und Standardisierungseinheiten, die einer erschwerten Zuordenbarkeit zum gesellschaftlichen oder staatlichen Bereich139 unterliegen. Dies verkompliziert die Ermittlung der adäquaten Anforderungen nach den zuvor genannten Kriterien, insbesondere im Verhältnis zum staatlichen Einfluss. Es ist nicht auf den ersten Blick auszumachen, an welchen Stellen der Staat die Einzelvorgänge vollständig aus der Hand gibt und an welchen er vermittelt über die Besetzung von Gremien und Organen mitentscheidet und somit selbst Gemeinwohlinteressen zur Geltung verhilft. Staatliche Verantwortung und gesellschaftliche Teilhabe realisieren sich im Bereich wissenschaftlicher Organisationen ausdifferenziert entsprechend deren funktionaler und relationaler Aufgliederung. Die Zurechnung wissenschaftlicher Organisationseinheiten zum Staat ist insofern eine Frage der gleitenden Übergänge und keine leicht zu lösende Aufgabe.140 Die Organisationsform kann für die daran anschließenden Legitimationsfragen lediglich als Indiz herhalten. Selbst innerhalb staatlich zurechenbarer Organisationen unterfallen nicht notwendig auch alle Organisationshandlungen demokratischer Organisation und ebenso umgekehrt.141 Defizite und Schwierigkeiten der Austarierung von Gemeinwohlbelangen im Einzelfall werden durch den Einbezug der Pluralität des deutschen Wissenschaftssystems aufgefangen und ausbalanciert. In den Binnenstrukturen wohnt dem Prozess 138 Vgl. oben 3. Teil, E. II., S. 220 ff. 139 Vgl. zu der groben Kategorisierung oben 4. Teil, D. III. 1., S. 352 ff. 140 Vgl. Schuppert, Die Erfüllung öffentllicher Aufgaben durch verselbständigte Verwaltungseinheiten. 141 Trute, Die Forschungs zwischen grundrechtlicher Freiheit und staatlicher Institutionalisierung, S. 215 f. 471 allerdings eine gewisse Intransparenz inne, die es durch die Ermittlung konstruktiver Ansätze einer adäquaten Konzeption des Vermittlungsvorgangs von staatlichen und wissenschaftlichen Einflüssen im Standardisierungsprozess aufzuhellen gilt. Im Folgenden werden einzelne Muster in der Standardisierung herauszuarbeiten sein, die sich als geeignete vorwirkende Sicherungselemente bei der Standardbildung erweisen und damit die aufgestellte These von der Gemeinwohlverträglichkeit des Gesamtsystems stützen. 1. Sachverständige Entscheidung, gleichmäßige Interessenberücksichtigung und Neutralität bei der Formulierung von abstrakt generellen Verhaltensstandards a) Gremienvorarbeit Die Generierung von abstrakt generellen Verhaltensstandards gründet – den historischen Linien der Verfahrensmodelle der behandelten Nationen nach zu urteilen – auf der Arbeit von Expertengremien, deren Mitglieder weitgehend unabhängig von ihrem nationalen Hintergrund und ihrer Einsetzung Empfehlungen für Mindeststandards wissenschaftlicher Handlungs- und Kommunikationspraxis herausgearbeitet haben bzw. in unregelmäßigen Abständen neu herausarbeiten und überarbeiten. Der Schwerpunkt in der Besetzung dieser Gremien liegt in erster Linie auf dem Einbezug von breit gefächertem Sachverstand für eine große Palette von Forschungsbereichen einerseits sowie für ethische und rechtliche Sonderfragen in Bezug auf gute wissenschaftliche Praxis und den Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten andererseits. Es findet eine personelle Verkopplung ausdifferenzierten Wissens in den Disziplinen und Forschungstypen mit Erfahrungswissen über die Konzeption wissenschaftsadäquater Handlungsmaßstäbe statt. Als klassische Beispiele können die Kommission „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“ der DFG142 sowie die sachverständige Arbeitsgruppe des Dänischen Medizinischen Forschungsrates143 dienen, welche Vertreter aus den am stärksten von Fehlverhaltensfällen betroffenen Forschungsdisziplinen mit Vorerfahrung in diesem Bereich vereinten144. Über den Einbezug eines internationalen Wissenschaftlerkreises gewährleistete die DFG die Berücksichtigung der Erkenntnisse und Vorgehensweisen anderer Nationen und deren Expertenkreise auf dem angesprochenen Gebiet. Diese verselbständigten pluralistisch besetzten Expertengremien gewährleisten ein hohes Maß an Sachgerechtigkeit in Fragen guter wissenschaftlicher Praxis und des Umgangs mit wissenschaftlichem Fehlverhalten.145 Sie weisen je nach Initiator 142 Dazu oben 4. Teil, C. II. 1., S. 315 f. 143 Dazu oben 3. Teil, C. I. 1., S. 173 f. 144 Vgl. die Mitgliederliste in: DFG, Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis, Denkschrift, S. 3. 145 Allgemein im Hinblick auf externe Sachverständigengremien Trute, Die Forschung zwischen grundrechtlicher Freiheit und staatlicher Institutionalisierung, S. 317 f. 472 und Aufgabenstellung aber Defizite hinsichtlich einer neutralen Beurteilung des Bedarfs nach direktem staatlichen Eingreifen des Staates und dessen unmittelbarer Verantwortungsübernahme auf. Dies lässt sich nicht nur anhand des Gremiums „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“, das vom Ansatzpunkt her schon auf die Realisierung einer primär außerstaatlichen Lösung angelegt war, exemplifizieren, sondern ist sehr schön auch an den externen US-amerikanischen Expertengremien zu beobachten146. Je nachdem, ob die Einsetzung einer staatlichen oder einer im gesellschaftlichen Bereich wurzelnden Institution zugeschrieben werden kann, erfolgt auch die Besetzung tendenziell mit in der einen oder der anderen Richtung stärker vorgeprägten Gremienmitgliedern. In dieser Hinsicht ist den Gremien der Einfluss von wissenschaftsinternen Machtzirkeln immanent. Da Standardbildung und Inkorporation jedoch in erster Linie auf einen sachgerechten materiellen Output angelegt sind, Inkorporation von Standards eine Beteiligung gesellschaftlicher Akteure schon voraussetzt, ist dieser Gesichtspunkt für die Gewährleistung materiell sachgerechter Standardbildung weniger relevant. Die Frage, welche Verantwortungsanteile Staat und Private bei der Umsetzung und Durchführung tragen, ist eine übergeordnete Vorfrage, welche die Ausgestaltung des Zusammenwirkens betrifft, deren widerstreitende Beurteilung das materielle Ergebnis aber nicht zwingend behindert. Dies entbindet freilich den Staat nicht von der Berücksichtigung aller relevanten Gesichtspunkte, einschließlich der grundrechtsadäquaten Ausgestaltung der Inkorporationsprozesse bei der Öffnung staatlicher Entscheidungsprozesse für Private. b) Generierung abstrakter Standards in den Institutionen Die weitgehende Übernahme der Standardempfehlungen von Expertengremien durch staatliche, private und intermediäre Institutionen der Wissenschaftssysteme deutet daraufhin, dass die Arbeitsergebnisse von Expertengremien trotz der differenzierten Einstellung dieser Gremien zum notwendigen Umfang staatlicher Verantwortungsübernahme sowohl in privaten und intermediären Einrichtungen als auch in Einrichtungen unter staatlicher Organisationsherrschaft Akzeptanz finden und damit öffentlichen wie privaten Interessen nicht grundlegend widerstreiten. Grund dafür ist nicht zuletzt die bereits angesprochene relative Gleichläufigkeit von öffentlichen Interessen und Interessen der individuell forschungstreibenden Personen im Wissenschaftssystem. Kursorisch betrachtet ist sowohl der Staat als Mittelgeber und teils mittelbarer teils unmittelbarer Nutznießer eines funktionierenden Wissenschaftssystem als auch der einzelne Forscher und seine Einrichtung an einem funktionierenden Handlungs- und Kommunikationssystem interessiert, das allgemein anerkannte Prinzipien wissenschaftlicher Arbeit berücksichtigt. Teilweise wird die Umsetzung solcher Empfehlungen in abstrakt formulierte Verhaltensstandards von einer zweiten übergeordneten Empfehlungsebene wissen- 146 Vgl. oben 2. Teil, C. V., S. 70 ff. 473 schaftsfördernder Dachgesellschaften begleitet, die den Empfehlungsinhalt mit institutionellen und fachlichen Besonderheiten der Mitgliedseinrichtungen in Einklang zu bringen versucht.147 Bei den Dachgesellschaften bestehen gewisse Bedenken hinsichtlich der hinreichenden Rückkopplung und Repräsentativität von disziplinären und tätigkeitsbezogenen sowie Statusinteressen.148 Mag es noch zu regelmäßigen Rückkopplungen an die Trägerschichten der ihnen angeschlossenen Einrichtungen kommen, eine Repräsentationskompetenz für die Angehörigen der Mitgliedseinrichtungen wird weder über diese ausreichend vermittelt, noch durch einen direkten Zurechnungszusammenhang gewährleistet. Dies dürfte insbesondere etwa für die Belange von Nachwuchswissenschaftlern und ihrer Betreuung gelten. Dadurch wird die Standardbildung „von unten“ in gewisser Weise gestört. Dieses Problem wird aber dadurch abgeschwächt, dass in der Regel keine Bindung der Mitgliedseinrichtungen an diese hochstufigen Standards und Verfahrensregeln existiert. 149 Weitere Mechanismen der Repräsentanz von Interessen und Sachverstand entfalten ihre Wirkung bei der Überführung von Standardempfehlungen in institutionseigene Standardkataloge und Verfahrensordnungen. Hier sind es die an der abstrakten Formulierung von Verhaltensregeln beteiligten Organe, die eine sachverständige, interessengerechte und neutrale Lösung gewährleisten müssen. In den vereinsrechtlich organisierten Forschungseinrichtungen wird ein gleichmäßiger Zugang von Sachverstand und wissenschaftlichen Interessen nur dort sichergestellt, wo ein Vereinsorgan mit Verantwortlichkeit für forschungsrelevante Fragen und entsprechender Besetzung die Standardisierung an die – wenn auch nur organisationsspezifischen, meist nicht die Bandbreite der Forschungstypen und Disziplinen abdeckenden – Belange der wissenschaftlichen Mitgliedergruppen und Mitarbeiter rückbindet. In diesem Sinne hat etwa die MPG ihre Regelwerke durch den Senat beraten und verabschiedet, der sich als zentrales Entscheidungs- und Aufsichtsgremium aus den 32 von der Hauptversammlung gewählten Senatoren sowie weiteren 15 Amtssenatoren zusammensetzt. Die Wahlsenatoren kommen sowohl aus dem wissenschaftlichen Umfeld als auch aus der Wirtschaft, der Politik, der Medien und dem weiteren gesellschaftlichen Umfeld. Amtssenatoren sind der Präsident, der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Rats, die Vorsitzenden der drei Sektionen, die Generalsekretärin, drei von den Sektionen entsandte wissenschaftliche Mitarbeiter, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats sowie fünf Minister oder Staatssekretäre als Vertreter des Bundes und der Länder. Ferner gehören dem Senat Ehrenmitglieder und Ehrensenatoren mit beratender Stimme an. Durch die Beratung und Entscheidung von wissenschaftlichen Konventionen in dieser Besetzung wird nicht nur den drei Geboten der Einbeziehung von Sachverstand, Interessenberücksichtigung und Neutralitätssicherung Genüge getan. Die Repräsentanten aus dem weiteren gesellschaftlichen Umfeld 147 Vgl. oben 4. Teil, D. II. 3. b) ff), S. 351 f. 148 Trute, Die Forschung zwischen grundrechtlicher Freiheit und staatlicher Institutionalisierung, S. 231, 603. 149 Vgl. oben 4. Teil, D. II. 3. b) ff), S. 351 ff. Eine Ausnahme stellt insoweit der Forschungsverbund Berlin e.V. dar. 474 sichern darüber hinaus Transparenz und Verknüpfung mit wesentlichen externen Informationen. Staatliche Vertreter sorgen für das Hineinreichen staatlich vermittelter Handlungslegitimation und können innerorganisatorisch nicht repräsentierte Interessen anderer Forschungstypen vertreten. Ähnlich gelagert ist die Situation bei der DFG. Bereits oben wurde auf deren pluralistische Mitgliederstruktur und die interdisziplinäre Sachkompetenz der DFG verwiesen, die auch durch den Beschluss des Hauptausschusses der Einrichtung über die Verfahrensordnung zum Umgang mit wissenschaftlichen Fehlverhalten zum Ausdruck gelangt.150 Der Hauptausschuss besteht aus den wissenschaftlichen Mitgliedern des Senats, dem wissenschaftspolitischen Gremium der Deutschen Forschungsgemeinschaft, aus Vertretern des Bundes, die insgesamt 16 Stimmen führen, aus 16 Vertretern der Länder sowie aus zwei Vertretern des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Die staatlichen Vertreter sichern, dass auch andere als die von den wissenschaftlichen Mitgliedern vertretenen Gemeinwohlinteressen Eingang in die Standardgenese finden. Bei einer bisweilen anzutreffenden Verfassung abstrakter Verhaltensmaßstäbe durch die Einrichtungsleitungen von privatrechtlichen Forschungsvereinen besteht gegenüber den Beispielen von MPG und DFG die Gefahr der zu großen Distanziertheit von Mitgliederinteressen. Die als Forschungs-GmbHs organisierten Großforschungseinrichtungen haben über die Beteiligung des sich aus gewählten Mitgliedern und leitenden Wissenschaftlern zusammengesetzten Mitwirkungsorgans der wissenschaftlichen und technischen Mitglieder ein Forum für die Einbeziehung von Sachverstand und Sachinteressen geschaffen.151 Allein die abstrakt formulierten Standards der Universitäten und Ressortforschungseinrichtungen unterliegen der Zuordnung zur öffentlichen Gewalt und damit nach den Maßstäben für staatliches Handeln einer hinreichenden legitimatorischen Absicherung. 2. Sachgerechtigkeit, Interessenberücksichtigung und Neutralität bei der Generierung von Verhaltensstandards in Fehlverhaltensverfahren a) Institutionalisierung in den Verfahrensgremien Die Entscheidungen in Fehlverhaltensverfahren werden erheblich vorgeprägt durch die an der Standardbildung beteiligten Verfahrensgremien, wobei gemeinwohlsichernde Verfahrensentscheidungen wiederum über die Besetzung der Gremien und der hierüber gewährleisteten Interessenrepräsentanz vordeterminiert werden. Die Standardisierungs- und Verfahrensherrschaft unmittelbar von den wissenschaftlichen Mitgliedern einer Institution gewählter Verfahrensverantwortlicher wird durch die potentiell betroffenen Personen legitimiert. Solch autonom legitimierte Vertreter sind allerdings nur in wenigen Einrichtungen anzutreffen, und zwar ten- 150 Vgl. 4. Teil, D. II. 3. b) aa), S. 328 ff. 151 Vgl. oben 4. Teil, D. II. 3. b) ee) (2), S. 342 ff. 475 denziell eher unter den Ombudsleuten als unter den Untersuchungskommissionen. Ein Beispiel für ein am Standardisierungsprozess beteiligtes gewähltes Untersuchungsgremium bildet die von allen wissenschaftlichen Mitarbeitern mit abgeschlossenem Studium gewählte Kommission der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung mbH (GBF).152 Einrichtungen mit einem breiten Fächerkanon wie die MPG nutzen die Möglichkeit disziplinäre Interessenvertreter in die Gremien zu entsenden und dort mit den konkreten Sachverstandserfordernissen des Einzelfalls in Einklang zu bringen, indem Vertreter aus den verschiedenen Sektionen mit weiteren Mitgliedern aus dem betroffenen Fachbereich gepaart und um juristischen Sachverstand ergänzt werden.153 Die MPG unterstützt die Neutralität des Gremiums überdies durch einen externen Vorsitzenden sowie ein Einsetzungsverfahren unter Beteiligung dieses Vorsitzenden, des Senats und des Präsidenten.154 Ein Sicherungsmechanismus für Neutralität und gleichmäßige Interessenberücksichtigung im Rahmen der Standardbildung durch Fehlverhaltensverfahren bilden auch zentrale hochstufige Verfahrensinstanzen, die differierende Einzelergebnisse ausgleichen und den ansonsten dezentralen Standardbildungsprozess durch ein höheres Maß an Distanz und Ergebnistransparenz steuernd unterstützen. Trotz seines dezentralen Ansatzpunktes konnte auch das deutsche Verfahrensmodell auf solche zentralisierten Verfahrensinstanzen nicht vollständig verzichten. Die WGL etwa offeriert ihren Mitgliedseinrichtungen die Möglichkeit der Durchführung von Untersuchungsverfahren durch einen sachverständig und interessenwahrend besetzten Untersuchungsausschuss des Dachverbands.155 Der für die Untersuchung von Fehlverhaltensfällen mit DFG-Bezug zuständige Unterausschuss zur Untersuchung von Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens gewährleistet einerseits mittelbaren Einfluss der dem Hauptausschuss angehörenden staatlichen Vertreter auf Angelegenheiten, in die staatliche Fördermittel und damit auch verstärkt den Einbezug staatlicher Interessen und Gemeinwohlvermittlung, da der Unterausschuss ein ständiger Unterausschuss des Hauptausschusses ist und die Unterausschussmitglieder vom Hauptausschuss gewählt werden. Andererseits sorgt der doppelte Verfahrensaufwand in der Institution und bei der DFG in staatlich geförderten Fällen für eine gewisse Pluralisierung von Verfahren. b) Einschaltung unabhängiger Sachverständiger Auch in Individualverfahren ist sachliche Expertise häufig mit Interessenwahrung verbunden oder durch involvierte Einrichtungen Dritter beeinflusst. Daher wird als neutralitätssicherndes Element grundsätzlich die Hinzuziehung externer Sachver- 152 Vgl. oben 4. Teil, D. III. 1. b) bb) (2), S. 377 f. 153 Vgl. oben 4. Teil, D. III. 1. b) bb) (2), S. 374 f. 154 Vgl. oben 4. Teil, D. III. 1. b) bb) (2), S. 374 f. 155 Vgl. oben 4. Teil, D. III. 1. b) bb) (2), S. 375 ff. 476 ständiger als Sicherungselement zum Schutz vor spezifischen Individualinteressen ermöglicht. In Kombination mit Ausschlussmöglichkeiten von Gremienmitgliedern im Falle der Befangenheit sind diese Sicherungen neutralitätsschützend. Wirksamkeitsverstärkend ist die Einräumung von Ablehnungsrechten gegenüber einzelnen Gremienmitgliedern oder Sachverständigen für sämtliche Verfahrensbeteiligte. c) Einhaltung bestimmter Verfahrensschutzrechte Im Übrigen sorgen die überall ähnlich ausgestalteten Verfahrensordnungen ebenfalls für einen Gemeinwohlverträglichkeit sichernden Effekt. Der Einbezug der von einem Fehlverhaltensverfahren konkret betroffenen Personen unter Einhaltung rechtsstaatlich fundierter Verfahrensschutzrechte bietet diesen Personen ein Forum für Darstellungsmöglichkeiten von Interessenstandpunkten, die letztlich auch disziplinäre, typusbedingte und tätigkeitsbezogene Besonderheiten einschließen und auf das Verfahrensergebnis zurückwirken. 3. Fazit Die Anforderungen sachgerechter Aufgabenerfüllung, gleichmäßiger Interessenwahrung und hinreichender Neutralitätssicherung werden auch in zahlreichen institutionellen Einzelarrangements eingehalten oder jedenfalls gefördert. Der Querschnitt durch die Organe und Gremien deutscher Institutionen hat gezeigt, dass trotz bzw. gerade wegen der Anbindung an die einzelnen Institutionen besonderer Wert auf die Gewährleistung von Unparteilichkeit und Neutralität gelegt wird. Dort wo Einzelarrangements Anforderungsdefizite aufweisen, darf der den Eigenrationalitäten der Wissenschaft entsprechende institutionenübergreifende Gesamtprozess einer Standardgenese nicht aus den Augen verloren werden, der auch Einrichtungen in den Prozess einschließt, die einseitig von spezifischen Interessen überlaufen sind und mangelnde Pluralität der Gremien in Eigenregie nicht absolut durch andere gemeinwohlsichernde Mechanismen ausgleichen können. Die Funktionalität des Gesamtsystems und seine grundrechtliche Fundierung erlaubt insoweit einzelne Absenkungen der Maßstäbe zugunsten der Aufrechterhaltung von Selbstregulierung und staatlicher Distanz. Allerdings könnte über die Förderung bestimmter Aspekte der Standardbildung, die in einigen Einrichtungen unterrepräsentiert sind, aber den Eigenrationalitäten nicht zuwider laufen, ein zusätzlicher Ausgleich erzielt werden. Insbesondere der gleichmäßige Zugang zu Informationen über Standardbildungsentwicklungen im eigenen Wissenschaftssystem sowie in anderen Nationen ist ein solcher Aspekt. Verzögerte Kenntnisnahme oder mangelndes Bewusstsein für verbreitete, gar international bereits anerkannte Maßstäbe, können nämlich zu kurzfristigen aber vermeidbaren Fehlentwicklungen führen. Umstrittene Gesichtspunkte, wie die Regeln 477 über die Mitautorenschaft und die daraus folgende Verantwortlichkeit oder der Umgang mit Primärdaten können durch den Einbau von stärkerer Transparenz in den Bildungsprozess leichter der Homogenisierung zugeführt werden. Hierfür sollten die bereits vorhandenen Internationalisierungstendenzen durch sachbezogenen gezielten Informationsaustausch als fester Bestandteil der Standardgenese über die Arbeit von Expertengremien hinaus auf weitere Ebenen der Standardbildung ausgedehnt werden. Hier ist an die Veröffentlichung und den Austausch von anonymisierten Abschlussberichten zu konkreten Verfahren mit der Möglichkeit der Stellungnahme der Fachöffentlichkeit, eingebettet in einen organisatorischen Rahmen, der die Gewähr für die bestmögliche Sachgerechtigkeit und Interessenberücksichtigung bietet, gedacht. C. Abschließende Bewertung und Ausblick Die Auseinandersetzung mit den Governancestrukturen der drei Vergleichsländer sowie den Mechanismen des Zustandekommens und der Implementierung wissenschaftlicher Standards lassen Tendenzen einer allgegenwärtigen zunehmenden Verkomplizierung und zugleich Internationalisierung von Regulierungssystemen erkennen. Dabei handelt es sich um weltweit aufgefächerte internationale Dependenzen und Kooperationen zwischen nationalen Interessenvertretern und Regierungsverantwortlichen, wie es nicht nur unter den Mitgliedern der scientific community, sondern zwischen den Vertretern nahezu aller gesellschaftlichen Teilbereiche und Regelungsbereiche gibt. Die Akteure solch internationaler Kooperationsstrukturen mannigfaltiger Gestalt und Ausprägung transportieren in ihrem jeweiligen Aktivitätsbereich neben Kompetenz, Integrität, Kompetenz, Kreativität und Vernetzung eine Vielzahl weiterer attraktiver Eigenschaften. Sie verfügen nicht selten über erstaunlich enge Verbindungen zu nationalen und internationalen Parallelinstitutionen und Verantwortlichen und setzen sich so zu globalen Netzwerken zusammen, die – was ihren Bekanntheitsgrad und ihre strukturelle Ausformung anbetrifft – noch im Schatten der offiziellen internationalen Organisationen stehen. Deren Vorteile jedoch in der effizienten Lösung interntionaler Probleme, ihrer Schnelligkeit und Flexibilität liegen. Um diese nur schwer im Detail identifizierbaren Strukturen in ihrer Gesamtheit visualisieren zu können und die von ihnen tatsächlich bereits übernommenen Funktionen zu offenbaren, hat Anne-Marie Slaughter eine Kategorisierung dieser Netzwerke in horizontal government networks, vertical government networks und disaggregated international organisations vorgenommen.156 Dabei löst sie sich vom Bild des klassischen Einheitsstaates und betrachtet die Welt durch eine Brille, die sämtliche Einzelinstitutionen der Legislative, Judikative oder Exekutive sowie deren Aktivitäten einer Nation auch im internationalen Kontext in ihre einzelne Komponenten zerlegt und als solche hervorhebt statt Staaten im inter- und supranationalen 156 Slaughter, A New World Order, S. 15 ff., S. 131 ff.

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Zusammenfassung

Wissenschaftliches Fehlverhalten ist kein neuartiges, aber ein in Deutschland lange unbeachtetes Phänomen. Die Autorin vergleicht verschiedene nationale Standards und Verfahrensmodelle des Umgangs mit wissenschaftlichem Fehlverhalten und erkennt Tendenzen einer allgegenwärtigen zunehmenden Verkomplizierung und zugleich Internationalisierung von Regulierungssystemen in diesem Bereich.