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Linda-Martina Apel, Begriffe der wissenschaftlichen Unredlichkeit und des wissenschaftlichen Fehlverhaltens in:

Linda-Martina Apel

Verfahren und Institutionen zum Umgang mit Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, page 383 - 384

Rechtsvergleichende Untersuchung zwischen Deutschland, Dänemark und den USA

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4240-3, ISBN online: 978-3-8452-2087-1 https://doi.org/10.5771/9783845220871

Series: Interdisziplinäre Schriften zur Wissenschaftsforschung, vol. 7

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383 ordnet den Untersuchungsausschuss auf ihrer Internetseite unter die Rubrik „Kommissionen und Ausschüsse des Hauptausschusses“ ein.557 Der Unterausschuss wirkt in wissenschaftlichen Fehlverhaltensverfahren als vereinsrechtlichen Ordnungsorgan, dem die Durchsetzung der im Verband geltenden Ordnungen mitübertragen ist. E. Materieller Beurteilungsmaßstab: Wissenschaftliches Fehlverhalten I. Begriffe der wissenschaftlichen Unredlichkeit und des wissenschaftlichen Fehlverhaltens Fehlverhalten ist ein Verstoß gegen Normen, Unredlichkeit ein Verstoß gegen ethische und moralische Normen. Spielen sich Normverstöße im forschungsrelevanten Umfeld ab, sodass Normen und Fehlverhaltensweisen einen spezifischen Bezug zur Wissenschaft aufweisen, rechtfertigt dies eine Limitierung des Betrachtungshorizonts auf wissenschaftliches Fehlverhaltens und wissenschaftliche Unredlichkeit. In Deutschland herrscht der Gebrauch des Begriffs „wissenschaftliche Unredlichkeit“ vor, um den Gegensatz zu guter wissenschaftlicher Praxis, zu kennzeichnen. Wissenschaftliche Unredlichkeit liegt vor, wenn bewusst auf die Einhaltung elementarer wissenschaftlicher Grundregeln der scientific community verzichtet wurde.558 Demgegenüber findet der breitere Begriff „wissenschaftliches Fehlverhalten“ oder „Fehlverhalten in der Forschung“ vorwiegend dort Anwendung, wo eine Normverletzung tatbestandlich verfasst wird und als materieller Prüfungsmaßstab das Eingreifen und die Anwendung von Verfahrensregeln lenkt.559 Der größeren Verfahrensrelevanz des Begriffes „wissenschaftliches Fehlverhalten“ ist es geschuldet, dass die Arbeit im deutschen Teil überwiegend mit diesem Begriff operiert. Nach der Schutzrichtung lässt sich im Kontext der Wissenschaft zwischen Normen, die den internen Vorgang wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung und Kommunikation betreffen, und Normen differenzieren, die an der externen Grenze der Wissenschaft zu anderen Interessen und Rechtsgütern anzusiedeln sind.560 Wissenschaftliche Fehlverhaltensverfahren heben vordergründig auf Verstöße gegen den ersten Normtypus ab. Zwischen beiden Typen gibt es Überschneidungen und fließende 557 Vgl. http://www.dfg.de/dfg_im_profil/struktur/gremien/hauptausschuss/kommis-sionen_ausschuesse/index. html (15.02.2007). 558 Empfehlungen der Kommission „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“, Vorbemerkung in: DFG, Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis, Denkschrift, S. 6. 559 Empfehlungen der Kommission „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“, Vorbemerkung in: DFG, Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis, Denkschrift, S. 6. Vgl. auch Schmidt-Aßmann, NJW 1998, S. 1225, (1225 f.), der den Begriff des Fehlverhaltens auf jeden Verstoß gegen Normen mit spezifischem Bezug zur Wissenschaft – unabhängig welcher Herkunft und ob kodifiziert oder nicht – verwendet. 560 Schmidt-Aßmann, NVwZ 1998, S. 1225. 384 Übergänge wie spätestens im Zusammenhang mit der Sanktionierung interner Normverstöße deutlich wird. II. Der Tatbestand wissenschaftlichen Fehlverhaltens Ein Untersuchungsverfahren setzt den Verdacht wissenschaftlichen Fehlverhaltens, die Reaktion eines deutschen Verfahrensgremiums auf wissenschaftliches Fehlverhalten setzt die Feststellung eines solchen Fehlverhaltens anhand eines zuvor errichteten Bewertungsmaßstabs voraus.561 Wohingegen die eigentlichen Konsequenzen und Sanktionen wissenschaftlichen Fehlverhaltens eigenen Tatbeständen aus den Bereichen des Arbeits-, Zivil-, Straf- und Disziplinarrechts folgen. Eine wissenschaftsadäquate Konkretisierung der Fehlverhaltensdefinition ist Inhalt der institutsinternen Verfahrensregeln. 1. Inhalt und Struktur des objektiven Tatbestands a) Tatbestände deutscher Forschungseinrichtungen Wissenschaftliches Fehlverhalten liegt nach dem weitgehend übereinstimmendem Eingangswortlaut der Tatbestandsdefinitionen aller deutschen Forschungseinrichtungen vor, „...wenn in einem wissenschaftserheblichen Zusammenhang bewusst oder grob fahrlässig Falschangaben gemacht werden, geistiges Eigentum anderer verletzt oder die Forschungstätigkeit Dritter erheblich beeinträchtigt wird.“562 Diversifikationen halten sich trotz institutioneller Verantwortung in Grenzen, was maßgeblich auf den Verdienst der Verfahrensempfehlungen von Dachgesellschaften und deren Rezeption durch die Mitgliedsinstitutionen zurückzuführen ist.563 Allerdings ist im Anschluss an die Verfahrensregeln der DFG und die Empfehlungen der 561 Vgl. oben unter 4. Teil, B. II. 1., S. 306 ff. und Rupp, in: Anderbrügge/Epping/Löwer (Hrsg.), Dienst an der Hochschule: Festschrift für Leuze, S. 437 (446). 562 DFG, Verfahrensordnung zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten, beschlossen durch den Hauptausschuss am 26. Oktober 2001, unter I 1; MPG, Verfahrensordnung bei Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten, beschlossen vom Senat der MPG am 14.11. 1997, geändert am 24.11.2000, Anlage 1 (Katalog von Verhaltensweisen, die als wissenschaftliches Fehlverhalten anzusehen sind); HRK, Empfehlungen des 185. Plenums vom 6. Juli 1998 zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten in den Hochschulen, Ds. Nr. 1 85/9 HRK, unter B. 1.; Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e.V. (WGL), Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis in den Instituten der Leibnitz-Gemeinschaft vom 19.11.1998, unter C. 563 Vgl. zu einzelnen Abweichungen Hartmann/Fuchs, WissR 36 (2003) S. 204 (207, 216 ff.).

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Zusammenfassung

Wissenschaftliches Fehlverhalten ist kein neuartiges, aber ein in Deutschland lange unbeachtetes Phänomen. Die Autorin vergleicht verschiedene nationale Standards und Verfahrensmodelle des Umgangs mit wissenschaftlichem Fehlverhalten und erkennt Tendenzen einer allgegenwärtigen zunehmenden Verkomplizierung und zugleich Internationalisierung von Regulierungssystemen in diesem Bereich.