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Linda-Martina Apel, Auftreten wissenschaftlichen Fehlverhaltens in:

Linda-Martina Apel

Verfahren und Institutionen zum Umgang mit Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, page 313 - 314

Rechtsvergleichende Untersuchung zwischen Deutschland, Dänemark und den USA

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4240-3, ISBN online: 978-3-8452-2087-1 https://doi.org/10.5771/9783845220871

Series: Interdisziplinäre Schriften zur Wissenschaftsforschung, vol. 7

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313 C. Geschichtliche Entwicklung des Deutschen Verfahrensmodell Ähnlich wie in den USA standen auch in Deutschland Vorkommnisse missbräuchlicher Praktiken renommierter Wissenschaftler am Anfang der 1997 begonnenen Entwicklung präventiver und repressiver Maßnahmen gegen wissenschaftliches Fehlverhalten.248 An die aufkeimende Debatte über Effizienz und Ursachen des Versagens existierender Qualitätssicherungsmechanismen schloss sich zügig die ebenfalls aus den USA bekannte Diskussion über die Notwendigkeit staatlichen Eingreifens an.249 I. Auftreten wissenschaftlichen Fehlverhaltens Flankiert von einigen weniger Aufsehen erregenden aber keineswegs unbedeutenden Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens250 drang 1997 der wohl bekannteste und für die deutsche Wissenschaft folgenschwerste Fälschungsskandal um die beiden Medizinprofessoren und Krebsforscher Friedhelm Herrmann und Marion Brach an die Öffentlichkeit.251 Wie die rasch eingesetzte und mit Vertretern der betroffenen 248 Detmer, in: Hartmer/Detmer (Hrsg.), Hochschulrecht, Kapitel II Rn. 172. 249 DFG, Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis, Denkschrift, S. 3. 250 Mitte der neunziger Jahre beschäftigte auch der Fall des Bonner Chemiedoktoranden Guido Zadel, der der Fälschung wesentlicher Daten und Ergebnisse seiner preisgekrönten Doktorarbeit verdächtigt und überführt wurde, die Öffentlichkeit, Stegemann-Boehl, WissR 1996, S. 139; Finetti/Himmelrath, Der Sündenfall, S. 109 ff. Der Fall des Biophysikers Wolfgang Lohmann, der nichtreproduzierbare Ergebnisse aus der Hautkrebsforschung veröffentlicht hatte, drang sogar bis vor das höchste Verwaltungsgericht, vgl. BVerwGE 102, 304; kritisch zum erstinstanzlichen Urteil des VG Gießen vom 23.2.1993, Az. III/V E 651/9, Kleindiek, JZ 1993, S. 996 ff. Weitere Verdachtsfälle rankten sich um den Mediziner Meinolf Goertzen, VG Düsseldorf v. 11.04.1997, Az. 15 L 4204/96 (unveröffentlicht), die Tübinger Krebsforscher Alexander Kugler und Gernot Stuhler, Bartens/Albrecht, Die Zeit Nr. 29 (2001), den Göttinger Urologen Hermann Ringert, den Physiker Hendrik Schön, Rauner, Die Zeit, Nr. 25 (2002) und den Zoophysiologen und Leibnitz Preisträger Heinz Breer, Schnabel/Bartens, Die Zeit Nr. 21 (2003). Zu einigen genannten und weiteren Fällen Finetti/Himmelrath, Der Sündenfall, S. 108 ff., 124 ff. Anders gelagert war der im Jahr 1990 bekannt gewordene Fall der Philosophieprofessorin Ströker, die sich dem unberechtigten Vorwurf einer Kollegin ausgesetzt sah, in ihrer Doktorarbeit von bedeutende Philosophen abgeschrieben zu haben. Die von den philosophischen Fakultäten Bonn und Köln eingesetzten Kommisionen sahen sich letztendlich nicht in der Lage, die Vorwürfe aufrecht zu erhalten. Dennoch wurde die Angelegenheit zum Nachteil der Betroffenen über Jahre hinweg mediatisiert. Zu Hintergründen und Aufklärungsbemühungen der Betroffenen vgl. Stellungnahme des Ombudsmans der DFG, wissenschaftliches Fehlverhalten durch ungeprüft geäußerte Vorwürfe, von März 2001, vgl. http://www.rrz.uni-hamburg.de/dfg_ombud/publ_stellungnahme_03-2001.html (15.02.2007); Ströker, Im Namen des Wissenschaftsethos. Jahre der Vernichtung einer Hochschullehrerin in Deutschland 1990- 1999. 251 Ausführlich dazu Finetti/Himmelrath, Der Sündenfall, S. 33 ff.; Altenmüller, Spektrum der Wisenschaft, S. 98, 101 ff. 314 Einrichtungen besetzte gemeinsame Kommission zur Aufklärung der Vorwürfe wissenschaftlicher Fälschung und die „Task-Force F.H.“ der geschädigten Fördereinrichtungen DFG und Dr. Mildred-Scheel-Stiftung – Deutsche Krebshilfe252 aufdeckten, hatten die beiden Wissenschaftler von 1988 bis 1997 während ihrer gemeinsamen Tätigkeit an den Universitäten Mainz, Freiburg und Ulm, sowie am Max-Delbrück-Centrum in Berlin in erheblichem Umfang Ergebnisse und Aussagen in ihren wissenschaftlichen Publikationen gefälscht, um die geschönten Forschungsergebnisse erfolgreich für die Einwerbung von Drittmitteln einzusetzen.253 Die Praktiken kamen durch den Einsatz eines jungen Molekularbiologen und Mitarbeiters zum Vorschein, dem die Manipulation publizierter Abbildungen mit einem Bildbearbeitungsprogramm auffiel. Neben dem Fälscherpaar waren in die Affäre eine Vielzahl von Koautoren, darunter ihr früherer Lehrer und Freiburger Klinikautor Roland Mertelsmann254, verwickelt. Ein Großteil der involvierten Wissenschaftler zog sich darauf zurück, als „Ehrenautor“ eingesetzt worden zu sein, ohne die manipulierten Untersuchungen zu kennen. II. Die Initiative der DFG Der im In- und Ausland viel diskutierte Fall Herrmann-Brach motivierte die DFG, welche Mitte der neunziger Jahre bereits Grundsätze für den Umgang mit DFGinternen Verdachtsfällen und einen Katalog mit Fehlverhaltenssanktionen aufgestellt hatte255, zum Tätigwerden. Wie in Dänemark – nur unter gewissermaßen U.S.amerikanischen, das heißt durch konkrete Vorkommnisse geprägten Rahmenbedingungen – behalf man sich mit dem Einsatz einer wissenschaftlichen Expertenkommission. 252 Die Gemeinsame Kommission zur Untersuchung der Fälschungsvorwürfe übernahm unter dem Vorsitz Wolfgang Goreks von der Universität Freiburg die zentrale Aufklärung der Vorwürfe. Sie kooperierten mit mehreren lokal gebildeten Untersuchungsgremien der Einrichtungen in Lübeck, Ulm, Berlin, Mainz und Freiburg. Die „Task Force F.H.“ unter der Leitung des Würzburger Zellbiologen Rapp verfolgte eine gründliche Analyse des Publikationswerks von Friedhelm Hermann in einem Umfang von insgesamt 347 Veröffentlichungen. In ihrem Abschlußbericht kam sie zu dem Ergebnis, dass insgesamt 94 der untersuchten Veröffentlichungen konkrete Hinweise auf Datenmanipulationen beinhalteten. 132 Publikationen führten zu Entlastungen. 253 DFG-Pressemitteilung Nr. 26, vom 19. Juni 2000; Finetti/Himmelrath, Der Sündenfall, S. 33 ff. 254 Mertelsmann wurde nach einem zweiten Untersuchungsbericht, der ihm gravierende Mängel bei der Erhebung, Dokumentation und Publikation von Daten sowie die Vernachlässigung seiner Aufsichtspflicht vorwarf, für drei Jahre von seiner Tätigkeit als Gutachter und in den Gremien der DFG und von der Antragstellung der DFG ausgeschlossen. Er blieb jedoch ärztlicher Direktor der Universitätsklinik Freiburg. 255 Frühwald, Forschung – Mitteilungen der DFG 2-3 1995, S. 3, 30-31.; Altenmüller, Spektrum der Wissenschaft, Oktober 2000, S. 98.

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Zusammenfassung

Wissenschaftliches Fehlverhalten ist kein neuartiges, aber ein in Deutschland lange unbeachtetes Phänomen. Die Autorin vergleicht verschiedene nationale Standards und Verfahrensmodelle des Umgangs mit wissenschaftlichem Fehlverhalten und erkennt Tendenzen einer allgegenwärtigen zunehmenden Verkomplizierung und zugleich Internationalisierung von Regulierungssystemen in diesem Bereich.