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Linda-Martina Apel, Maßstab wissenschaftlicher Unredlichkeit in:

Linda-Martina Apel

Verfahren und Institutionen zum Umgang mit Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, page 212 - 220

Rechtsvergleichende Untersuchung zwischen Deutschland, Dänemark und den USA

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4240-3, ISBN online: 978-3-8452-2087-1 https://doi.org/10.5771/9783845220871

Series: Interdisziplinäre Schriften zur Wissenschaftsforschung, vol. 7

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212 E. Materielle Beurteilungsmaßstäbe In dem nun folgenden Abschnitt sollen die materiell-rechtlichen Beurteilungsmaßstäbe, an denen sich die Entscheidungen der DCSD über das Verhalten eines Forschers orientieren, näher beleuchtet werden. Die DCSD bedienen sich in ihrer Entscheidungspraxis zum einen eines ausdrücklich gesetzlich formulierten Unredlichkeitstatbestandes zum anderen eines gesetzlich nicht definierten Maßstabes guter Forschungspraxis. I. Maßstab wissenschaftlicher Unredlichkeit 1. Wissenschaftliche Unredlichkeit im weiteren Sinne Wie aufgrund der häufigen Verwendung im dritten Teil bereits angeklungen sein mag, wird in Dänemark überwiegend der Begriff „wissenschaftliche Unredlichkeit“ (videnskabelig uredelighed) bzw. scientific dishonesty als Oberbegriff für die gesamte Bandbreite von Fehlverhalten in der Wissenschaft verwendet. Die Wahl dieses Terminus geht auf die Empfehlungen der Arbeitsgruppe des Dänischen Medizinischen Forschungsrats zurück und wurde mit dessen weitem Bedeutungsgehalt begründet, der sich sowohl auf objektive Handlungen als auch die subjektiven Bewusstseinsformen des Handelns erstreckt. Die Arbeitsgruppe befand, dass die überwiegend in den Vereinigten Staaten bemühten Begriffe scientific fraud und scientific misconduct zu einseitig belegt sind. Während scientific fraud lediglich besonders schwere betrügerische Verstöße gegen Normen der Wissenschaftsethik erfassen soll und damit ebenso wie scientific swindle oder scientific cheating lediglich die Verwendung in konkreten Fällen nahe lege, lenke der Begriff scientific misconduct das Bewusstsein zu stark auf wissenschaftliche Verhaltensregeln und Etikette.263 Scientific dishonesty hingegen umfasse sowohl sämtliche bewusst betrügerischen Handlungen im Verlauf des Forschungsprozesses, von der Beantragung von Fördermitteln über den eigentlichen Forschungsprozess bis hin zur Veröffentlichung der Ergebnisse, als auch Fälle grob fahrlässigen Handelns, die einem vorsätzlichen Verhalten im Hinblick auf die negativen Konsequenzen für die Vertrauenswürdigkeit und Funktionsfähigkeit der Wissenschaft in nichts nachstehen.264 263 Andersen/Attrup/Axelsen/Riis, Scientific Dishonesty and Good Scientific Practice, S. 19. 264 Andersen/Attrup/Axelsen/Riis, Scientific Dishonesty and Good Scientific Practice, S. 19; Andersen/Axelsen/Riis, Danish medical bulletin 40, 1993, S. 250. 213 2. Wissenschaftliche Unredlichkeit im engeren Sinne als entscheidungsrelevanter materiellen Maßstab Wegen der großen Reichweite des Begriffes „videnskabelig uredelighed“ bedurfte es in Dänemark einer Unterscheidung zwischen unredlichen Verhaltensweisen, die in den Zuständigkeitsbereich der DCSD fallen und solchen Verhaltensweisen, die zwar inakzeptabel sind, jedoch nicht der Konzeption der dänischen Verfahrensmodells zuzuordnen sind. Eine entsprechende Differenzierung erfolgte erstmals durch die Phänomenologie der Arbeitsgruppe des Dänischen Medizinischen Forschungsrates, die eine Unterscheidung von drei Ausprägungsformen bzw. Kategorien wissenschaftlicher Unredlichkeit anregte.265 Zur ersten Kategorie zählt nach dieser Phänomenologie unredliches Verhalten, durch welches wissenschaftliche Inhalte verfälscht oder Beitragsleistungen eines Forschers zu Unrecht beansprucht werden.266 Hierunter sollten unter anderem das Erfinden von Daten, die Selektion „unerwünschter“ Forschungsergebnisse, die missbräuchliche Anwendung statistischer Methoden mit dem Ziel, Daten in ungerechtfertigter Weise zu interpretieren, die verzerrte Interpretation von Ergebnissen und ungerechtfertigter Schlussfolgerungen, das Plagiieren fremder Ergebnisse oder Veröffentlichungen, die verzerrte Wiedergabe fremder Forschungsergebnisse, die falsche oder ungerechtfertigte Zuweisung von Autorschaft und die Irreführung in Förderungsanträgen und Bewerbungen fallen.267 In subjektiver Hinsicht wurde Vorsatz verlangt. Ausschließlich diese erste Kategorie sollte in den Kompetenzbereich des damals vorgeschlagenen Untersuchungssystems fallen.268 Die zweite Kategorie umfasst unredliches Verhalten minderen Schweregrades, welches weniger die wissenschaftliche Aussage einer Forschungsleistung als die Wahrnehmung eines Forschers und seines sozialen Verhältnisses zu Kollegen von seiner Umwelt aufgrund unzutreffender Übertreibungen oder Auslassungen im Rahmen der eigenen Darstellung verzerrt.269 Hiervon werden unter anderem nicht gekennzeichnete Mehrfachveröffentlichungen und andere künstliche Ausdehnungen von Publikationslisten sowie die öffentliche Präsentation von Forschungsergebnissen unter Umgehung wissenschaftlicher Begutachtung, die Nichtwürdigung originärer Beobachtungen anderer Wissenschaftler und die Verweigerung der Mitautorschaft trotz Beitragsleistung zu einer Veröffentlichung, erfasst. Wegen ihres geringeren Einflusses auf spezifische Forschungsergebnisse sollten die Verhaltensweisen der zweiten Kategorie nach Auffassung der Arbeitsgruppe eher nicht Gegenstand der Untersuchungstätigkeit der vorgeschlagenen Komitees sein, obgleich die beiden 265 Andersen/Attrup/Axelsen/Riis, Scientific Dishonesty and Good Scientific Practice, S. 19 f. 266 Andersen/Attrup/Axelsen/Riis, Scientific Dishonesty and Good Scientific Practice, S. 19 f. 267 Der Bericht enthält zählt weitere Verhaltensweisen auf, die dieser ersten Gruppe zugerechnet werden können, ohne dass sich daraus ein abschließendes Bild ergeben soll, vgl. Andersen/ Attrup/Axelsen/Riis, Scientific Dishonesty and Good Scientific Practice, S. 20 f. 268 Vgl. oben 3. Teil, C. I. 2. c), S. 177 f. 269 Andersen/Attrup/Axelsen/Riis, Scientific Dishonesty and Good Scientific Practice, S. 20 ff. 214 ersten Gruppen eindeutig als Ausprägungen wissenschaftliche Unredlichkeit im weiteren Sinne deklariert werden.270 Schließlich skizzierte die Arbeitsgruppe eine dritte Kategorie von Fällen an der Grenze zu wissenschaftlicher Unredlichkeit, deren Ausprägungsformen allgemein geeignet sind, das Forschungsumfeld sowie die Beziehungen von Wissenschaftlern untereinander und von Wissenschaftlern zu Herausgebern wissenschaftlicher Veröffentlichungen negativ zu beeinflussen und dadurch Qualität und Glaubwürdigkeit der medizinischen Forschung in Zweifel zu ziehen.271 Zu diesen Verhaltensweisen gehört beispielsweise die sukzessive Veröffentlichung einer Studie – aufgespalten in mehrere smallest possible units, um zahlreiche Einzelpublikationen statt einer möglichen Gesamtpublikation zu erzielen. Ebenso fallen in diese Kategorie Formen der „Selbsttäuschung“ bei der Interpretation von Daten, die bis an ein grob fahrlässiges Verhalten heranreichen können. Die Arbeitsgruppe bezeichnete die Vorkommnisse der dritten Kategorie als Verletzung der kollegialen Etikette, die gewöhnlich die Kritik der Kollegen herausfordert, sodass sich eine hinreichende Sanktionierung in Gestalt einer Rufschädigung niederschlägt. Im Anschluss an diese Typenbildung unredlichen wissenschaftlichen Verhaltens wurde lediglich die erste der drei vorgeschlagenen Kategorien in die Konzeption des dänischen Verfahrensmodells übernommen.272 Der Zuständigkeitsbereich des medizinischen Komitees und der heutigen drei Fachkomitees war und ist mithin auf die Beurteilung der Frage beschränkt, ob im vorgelegten Fall eine solche wissenschaftliche Unredlichkeit im engeren Sinne aufgetreten ist oder nicht. Eine Beurteilung der Frage, ob ein Verhalten im Übrigen mit den Normen guter wissenschaftlicher Forschungspraxis in Einklang steht, oder aber in weiterem Sinne unredlich ist, ist nach der Verordnungskonzeption an sich nicht umfasst. Die Begründung für diese Beschränkung des Kompetenzbereichs der DCSD bestand darin, dass in der Forschungswelt keine Einigkeit über Normen guter Forschungspraxis bestand, dass solche Normen nirgendwo kodifiziert oder schriftlich festgehalten waren und dass sie daher nicht als bindend angesehen werden konnten.273 Trotz der Begrenzung des für das Komiteesystem maßgeblichen Unredlichkeitsmaßstabes ist dieser so breit angelegt, dass er Verhaltensweisen, die keine Reaktionsmöglichkeiten nach den herkömmlichen gesetzlichen Bestimmungen strafrechtlicher, arbeitsrechtlicher, urheberrechtlicher und sonstiger zivilrechtlicher Art auszulösen vermögen, erfassen kann.274 270 Vgl. auch: The Danish Committee on Scientific Dishonesty, Annual Report 1993, Chapter 6: The concept of dishonesty and the field of responsibility of DCSD. 271 Andersen/Attrup/Axelsen/Riis, Scientific Dishonesty and Good Scientific Practice, S. 21 f. 272 Zahle, Ugeskrift for Retsvæsen (UfR) Nr. 9 2003, Litterær afdeling, S. 91 (92). Vgl. Vedtægter af 18.12.1992 § 2 Nr. 2 u. 3. 273 Zahle, Ugeskrift for Retsvæsen (UfR) Nr. 9 2003, Litterær afdeling, S. 91 (92); Andersen/Brydesholt, in: The Danish Research Councils, The Danish Committee on Scientific Dishonesty, Annual Report 1995, S. 21. 274 Diesen Anspruch verfolgte das dänische Verfahrenssystem von Beginn an im Hinblick darauf, dass die sonstigen gesetzlichen Reaktionsmöglichkeiten nicht für den Umgang mit Fällen 215 3. Inhalt und Struktur der dänischen Unredlichkeitsdefinition a) Die Unredlichkeitsdefinition nach § 2 VO-DCSD Gemäß § 2 VO-DCSD findet seit der Neufassung der VO-DCSD275 bei der Beurteilung von Fällen durch die DCSD nachfolgende in objektive und subjektive Anforderungen aufgespaltene Definition wissenschaftlicher Unredlichkeit Anwendung:276 Wissenschaftliche Unredlichkeit umfasst vorsätzliches oder grob fahrlässiges Handeln in Form der Verfälschung, des Plagiats, der Verheimlichung oder ähnliches Handeln, dass eine unzulässige Irreführung über die wissenschaftliche Arbeit und/ oder die wissenschaftlichen Ergebnisse einer Person beinhaltet. Hierunter fällt: 1) nicht deklarierte Erfindung und Fälschung von Daten oder Substituieren durch fingierte Daten; 2) nicht deklariertes selektives und heimliches Aussortieren der eigenen unerwünschten Ergebnisse 3) nicht deklarierte unübliche und irreführende Anwendung statistischer Methoden; 4) nicht deklarierte voreingenommene oder verzerrte Interpretation der eigenen Ergebnisse und Verdrehung der eigenen Schlussfolgerungen 5) Plagiieren der Ergebnisse oder Veröffentlichungen anderer; 6) unzutreffende Nennung als Autor oder Mitautor, Irreführung über Titel und Arbeitsplatz; 7) Angabe mit unrichtiger Informationen über wissenschaftliche Qualifikationen277 wissenschaftlicher Unredlichkeit bestimmt und daher weniger geeignet zum Umgang mit den besonderen Bedingungen und Praktiken des Forschungswesens sind, vgl. Andersen/Brydesholt, in: The Danish Research Councils, The Danish Committee on Scientific Dishonesty, Annual Report 1995, S. 17. Zu den rechtlichen Reaktionsmöglichen auf wissenschaftliches Fehlverhalten außerhalb des Verfahrenssystems vgl.: Brydensholt, in: The Danish Research Councils, The Danish Committee on Scientific Dishonesty, Annual Report 1995, S. 4 (6 ff.). 275 Vgl. oben 3. Teil, C. IV. 3., S. 194. 276 Sehr ähnlich bereits die in der ersten Satzung des DCSD enthaltende Definition, vgl. The Danish Committee on Scientific Dishonesty, Annual Report 1994, Apendix 1: Rules, § 2 (3), S. 64. 277 Es handelt sich um eine eigene Übersetzung der Verfasserin, keine amtliche Übersetzung. Der Originalwortlaut des § 2 VO-DCSD lautet: „Ved videnskabelig uredelighed forstås en forsætlig eller groft uagtsom adfærd i form af forfalskning, plagiering, fortielse eller lignende, der indebærer en utilbørlig vildledning om egen videnskabelig indsats og/eller videnskabelige resultater. Omfattet er herefter bl.a.: 1) Uoplyst konstruktion af data eller substitution med fiktive data. 2) Uoplyst selektiv eller skjult kassation af egne uønskede resultater. 3) Uoplyst usædvanlig og vildledende anvendelse af statistiske metoder. 4) Uoplyst ensidig eller forvredet fortolkning af egne resultater og konklusioner. 5) Plagiering af andres resultater eller publikationer. 216 Der objektive Tatbestand der Unredlichkeitsdefinition lässt sich unterteilen in eine relativ weitgefasste Generalklausel, die abstrakt formuliert, welche Verhaltensweisen als wissenschaftliches Fehlverhalten anzusehen sind, und eine Spezifizierung dieser Klausel anhand einer nicht abschließenden Aufzählung von sieben tatbestandsmäßigen Handlungen. Die aufgezählten Beispiele sollen einerseits die bedeutendsten Ausformungen wissenschaftlicher Unredlichkeit erfassen und andererseits als Auslegungshilfe für die Anwendung der Generalklausel auf weitere Fälle dienen.278 Hierbei beziehen sich die ersten vier der aufgezählten Handlungsbeispiele auf den ersten Teil der Generalklausel, während die letzten drei vom zweiten personenbezogenen Teil erfasst werden.279 Der subjektive Tatbestand erfasst Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit. Im Hinblick darauf, dass nach allgemeiner Auffassung mit Hilfe von Verfahren zur Untersuchung wissenschaftlichen Fehlverhaltens nur bewusst unredliche Verhaltensweisen, jedoch nicht versehentliche, auf redliche Weise entstandene Fehler aufgedeckt werden sollen, wurde darauf verzichtet, diese dem Forschungsprozess naturgemäß anhaftenden Irrtümer ausdrücklich aus der Definition wissenschaftlichen Fehlverhaltens auszunehmen.280 Gleiches gilt für Fälle, in denen dem betroffenen Forscher der Vorwurf leichter oder mittlerer Fahrlässigkeit gemacht werden kann. Auch wenn es sich dabei nicht um standesgemäßes Verhalten handelt und diese Fälle geeignet sind, Missbilligung bei dem involvierten Berufsstand hervorzurufen, sollen diese Fälle mangels hinreichenden subjektiven Schweregehalts nicht in den Anwendungsbereich der Definition fallen. § 2 VO-DCSD zieht die Grenze hingegen dort, wo nachweislich grobe Fahrlässigkeit vorliegt. In diesem Fall soll sich ein Wissenschaftler nicht mehr auf sein mangelndes Verschulden zurückziehen können. 6) Uretmæssig angivelse af forfatterrolle, titel eller arbejdssted. 7) Afgivelse af urigtige oplysninger om videnskabelige kvalifikationer.” 278 Vgl. zu der früheren Definition in der Komiteesatzung: The Danish Committee on Scientific Dishonesty, Annual Report 1993, Chapter 6: The concept of dishonesty and the field of responsibility of DCSD. 279 Vgl. zu der früheren Definition in der Komiteesatzung: The Danish Committee on Scientific Dishonesty, Annual Report 1993, Chapter 6: The concept of dishonesty and the field of responsibility of DCSD. 280 So schon die ähnlich lautende Definition in der früheren Komiteesatzung: The Danish Committee on Scientific Dishonesty, Annual Report 1993, Chapter 6: The concept of dishonesty and the field of responsibility of DCSD. 217 b) Überarbeitete Definition nach Kritik und Definitionsvorschlag der Arbeitsgruppe für Regeln der Forschungsethik Diese neue, gegenüber dem Wortlaut von § 3 VO-DSCD a.F.281 leicht veränderte Definition wissenschaftlicher Unredlichkeit geht insbesondere auf die Kritik und einen durch die Arbeitsgruppe für Regeln der Forschungsethik282 verfassten Definitionsvorschlag283 zurück.284 Diese Kritik betraf insbesondere den Umstand, dass die Struktur des § 3 VO- DCSD a.F. aufgrund der Untergliederung der Norm in zwei Absätze einerseits eine strikte Trennung objektiver und subjektiver Tatbestandsmerkmale suggerierte, andererseits aber mehrere der in § 3 Abs. 1 VO-DCSD a.F. aufgezählten tatbestandsmäßigen Handlungen ein subjektives Element beinhalteten.285 In Kombination mit § 3 Abs. 2 VO-DCSD a.F., der auf subjektiver Ebene hinsichtlich aller Unredlichkeitshandlungen neben Vorsatz auch grobe Fahrlässigkeit ausreichen ließ, beinhalte- 281 Eine Gegenüberstellung beider Fassungen ist dem Jahresbericht 2005 der DCSD zu entnehmen: Danish Agency for Science Technology and Innovation (Hrsg.), Annual Report 2005, The Danish Committees on Scientific Dishonesty, S. 40 ff., 45 ff. 282 Vgl. zum Einsatz der Arbeitsgruppe oben 3. Teil, C. IV. 2., S. 193 f. 283 Der Vorschlag basiert auf einer zusammenfassenden Formulierung der geltenden Definition durch den dänischen Rechtswissenschaftler Zahle, Ugeskrift for Retsvæsen (UfR) 2003, Litterær afdeling, S. 91 (96): „Uredelighed foreligger hereefter – hvis bekendtgørelsens begreb skal sammenfattes – når en forsker ved forfalskning, ved plagiering eller på lignende grov måde vildleder om sin videnskabelige indsats.“ Wortlaut (deutsche Eigenübersezung der Verfasserin): „Wissenschaftliches Fehlverhalten liegt vor, wenn ein Forscher oder eine Forschergruppe durch (Ver-)Fälschung, Plagiieren, Verheimlichen oder auf ähnlich schwere Weise Personen über den wissenschaftlichen Einsatz oder Forschungsergebnisse irreführt, und umfasst unter anderem: (1) nicht deklariertes Fälschen oder Erfinden von Daten oder Substituierung durch fiktive Daten, (2) selektives und heimliches Aussortieren unerwünschter Ergebnisse, (3) nicht deklarierte irreführende Anwendung statistischer Methoden, (4) nicht deklarierte Missdeutung von Ergebnissen und Verdrehung von Schlussfolgerungen, (6) Plagiieren der Ergebnisse oder Veröffentlichungen anderer, (7) unberechtigte Bezeichnung als Autor oder Angabe des Arbeitsplatzes, (8) Bewerbungen mit bewusst unrichtigem Informationsgehalt.“ Originalwortlaut: „Videnskabelig uredelighed forligger, når en forsker eller en forskergruppe ved forfalsking, plagiering, fortielse eller på lignende grov måde vildleder om den videnskabelige indsats eller forskningens resultater, og omfatter bl.a.:“ (1) Uoplyst konstruktion af data eller substitution med fiktive data. (2) Selektiv og skjult kassation af uønskede resultater. (3) Uoplyst vildledende anvendelse af statistiske metoder. (4) Uoplyst forvredet fortolkning af resultater og forvridning af konklusioner. (5) Plagiering af andres resultater eller publikationer. (6) Groft fordrejet gengivelse af andres resultater. (7) Uretmæssig angivelse af forfatterrolle eller arbejdssted. (8) Ansøgninger med bevidst urigtige oplysninger.” 284 Vgl. zum Einsatz der Arbeitsgruppe oben 3. Teil, C. IV. 2., S. 193 f. 285 Danish Research Agency, Report on the rules governing research ethics, S. 6; Bergenholtz, Berlingske Tidende, 16. Januar 2004, verfügbar unter http://www.berlingske.dk/ popup:print= 396944?& (15.02.2007). 218 te diese Konstruktion die Gefahr des Entstehens von Missverständnissen hinsichtlich der subjektiven Anforderungen. Aus diesem Grund wurde die Unterteilung von objektivem und subjektivem Tatbestand in zwei Absätze aufgegeben und die Aufzählung der tatbestandsmäßigen Regelbeispiele von expliziten subjektiven Anforderungen befreit. Hierdurch wird die irreführende Konstellation der Vermischung vorsätzlicher und nicht notwendig vorsätzlicher tatbestandsmäßiger Handlungen von „objektiven“ und „subjektiven“ Unredlichkeitsvoraussetzungen im Übrigen vermieden.286 Die aktuelle Definition nimmt außerdem in die Umschreibung wissenschaftlicher Unredlichkeit eine nicht abschließende Aufzählung einzelner besonders schwerer unredlicher Verhaltensweisen (Verfälschung, Plagiat, Verheimlichung) auf, wodurch das diesen Verhaltensweisen innewohnende Element einer betrügerischen Absicht besonders betont wird, ohne dass subjektive Anforderungen in diesem Zusammenhang ausdrücklich formuliert werden.287 Diese Änderung soll den DCSD in besonderen Fällen auch bei fehlendem Nachweis von Vorsatz die Feststellung wissenschaftlichen Fehlverhaltens ermöglichen. Insbesondere ist hierbei an Fälle gedacht, bei denen der Beschuldigte anerkannte Verhaltensmuster missachtet oder sich allgemein bekannten Standards guter wissenschaftlicher Praxis widersetzt obwohl ihm die Geltung dieser Regeln bekannt sein musste, auch wenn dies nicht nachweisbar ist.288 Die beispielhafte Aufzählung tatbestandlicher Handlungsweisen wurde im Hinblick darauf, dass einige dieser Handlungen als redlich betrachtet werden müssen, sobald sie bei der Präsentation von Forschungsergebnissen offen gelegt werden, in einigen Punkten durch den Zusatz „nicht deklariert“ („uoplyst“) ergänzt. Die aktuelle Definition bezieht darüber hinaus in Abweichung von der Ausgangsversion das Verheimlichen bzw. Nichtoffenlegen von Informationen („fortielse“) ein, welches zu einer Irreführung über den Beitrag eines Forschers zu einer Forschungsarbeit oder zu Forschungsergebnissen führen kann. Keinen Eingang in die aktuelle Definition hat dagegen die Form der gemeinschaftlichen Begehensweise gefunden, obwohl der frühere Wortlaut auch wegen seines Fokus auf Forscher als Einzelpersonen – ungeachtet der Tatsache, dass Forschung überwiegend in Forschergruppen unterschiedlicher Größe durchgeführt wird – kritisiert worden war.289 Die Neufassung der VO-DSCD berücksichtigt je- 286 Siehe die Stellungnahme der Arbeitsgruppe für Regeln der Forschungsethik, Danish Research Agency, Report on the rules governing research ethics, S. 8, wonach insbesondere die Trennung zwischen objektiven und subjektiven Merkmalen vermieden werden sollte. Vgl. zur Aufspaltung des Unredlichkeitsbegriffes in der Entscheidungspraxis auch 3. Teil, E. I. 4., S. 219 f. 287 Danish Research Agency, Report on the rules governing research ethics, S. 8. 288 Eine solche Entscheidung soll nur unter der Voraussetzung getroffen werden können, dass Richtlinien für gute wissenschaftliche Praxis in dem maßgeblichen Forschungsbereich existieren und der Beschuldigte die anwendbaren Standards offensichtlich kannte, ihm diese Tatsache jedoch aus unterschiedlichen Gründen nicht nachgewiesen werden kann, vgl. Danish Research Agency, Report on the rules governing research ethics, S. 8 f. 289 Siehe die Stellungnahme der Arbeitsgruppe für Regeln der Forschungsethik, Danish Research Agency, Report on the rules governing research ethics, S. 7. 219 doch an anderer Stelle nunmehr ausdrücklich, dass die DCSD auch Fälle, die mehrere Personen/Forschergruppen betreffen, untersuchen kann, vgl. §§ 5, 8 Abs. 4, 12 Abs. 4 VO-DCSD. Durch diese Änderungen wurden die angesprochenen Kritikpunkte der früheren Definition größtenteils behoben. Zu Recht wurde ein vollständiger Verzicht auf die ausdrückliche Formulierung eines subjektiven Maßstabes nicht durchgehalten. Dies würde Auslegungsprobleme eher schaffen als beseitigen, da unklar bliebe, ob und in welcher Form fahrlässiges Handeln für die Verwirklichung des Unredlichkeitstatbestandes ausreicht. Die Neufassung der Definition vermittelt den Eindruck, dass der Unredlichkeitsmaßstab leicht erweitert wurde, um Fälle, die bislang nur durch den gesetzlich nicht definierten Maßstab guter Forschungspraxis erfasst werden konnten290, als wissenschaftliche Unredlichkeit im engeren Sinne behandeln zu können. Das vermeintliche Ziel einer Erleichterung der Beweislast kommt jedoch nicht zum Ausdruck. 4. Aufspaltung des Unredlichkeitsbegriffes in der Entscheidungspraxis der DCSD Die DCSD unterscheiden bei der Beurteilung ihrer Fälle in Anlehnung an die Struktur der Unredlichkeitsdefinition zwischen dem objektiven Inhalt und den subjektiven Anforderungen des Unredlichkeitsbegriffes. Daher wird in streng juristischem Stil zunächst geprüft, ob tatsächliche Handlungen vorliegen, die von den objektiven Begriffsmerkmalen des § 2 VO-DCSD erfasst werden. Ist dies der Fall, wird anschließend das Vorliegen von Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit überprüft.291 Das Verhalten des betroffenen Wissenschaftlers wird auch dann im Tenor der Entscheidung „objektiv betrachtet“ als „wissenschaftliche Unredlichkeit“ charakterisiert, wenn die subjektiven Unredlichkeitskriterien nicht erfüllt sind.292 Abgesehen davon, dass die Verknüpfung objektiver und subjektiver Elemente in § 3 Abs. 1 VO-DCSD a.F. eine saubere Trennung subjektiver und objektiver Unredlichkeitsmerkmale bislang ohnehin kaum zuließ293, trägt ein solcher Ausspruch nicht dem einheitlichen Unredlichkeitsbegriff, bestehend aus objektiven und subjektiven Merkmalen Rechnung, sondern führt zu Unklarheiten hinsichtlich der Bedeutung der Entscheidung. Eine Entscheidung im zuletzt beschriebenen Sinne erging im Fall Lomborg, wo der irreführende Wortlaut folgenden Teilausspruchs der DCSD geeignet war, über die 290 Vgl. unten 3. Teil, E. II., S. 220 ff. 291 Andersen/Brydesholt, in: The Danish Research Councils, The Danish Committee on Scientific Dishonesty, Annual Report 1995, S. 18 (Internet Version); Bergenholtz, Berlingske Tidende, 16. Januar 2004, verfügbar unter http://www.berlingske.dk/popup:print=396944?& (15.02.2007). 292 Vgl. Fall1/2002 „adfærd, der objektivt set måtte karakteriseres som videnskabelig uredelig.“, abgedruckt in: Danish Research Agency, 2002 Annual Report, The Danish Committees on Scientific Dishonesty, S. 38 (39). 293 Vgl. unter 3. Teil, E. I. 3. b), S. 217 f. 220 darin enthaltene Feststellung des Nichtvorliegens wissenschaftlicher Unredlichkeit zu täuschen:294 „Objektiv gesagt, fällt die Veröffentlichung des betreffenden Werkes unter den Begriff wissenschaftlicher Unredlichkeit. Unter Berücksichtigung der subjektiven Anforderungen, des Vorsatzes oder grober Fahrlässigkeit, kann Bjørn Lomborgs Veröffentlichung indessen nicht unter diese Charakteristik fallen...“295 Im Sinne der Vermeidung von Missverständnissen, die zu Lasten des betroffenen Wissenschaftlers und dessen Ansehen in der Öffentlichkeit gehen, ist nicht einzusehen, weshalb die methodische Aufspaltung des Unredlichkeitsbegriffes bei der Begutachtung auch Eingang in den Entscheidungstenor finden muss.296 Eine Differenzierung in den Gründen würde genügen, um die Entscheidung nachvollziehbar zu machen. II. Maßstab: Abweichung von guter wissenschaftlicher Praxis Obwohl der Entscheidungsmaßstab der DSCS seit jeher förmlich auf eine klar umgrenzte Definition wissenschaftlicher Unredlichkeit begrenzt ist, entwickelten die Komitees eine weitergehende Entscheidungspraxis und begannen zusätzlich mit einer gesetzlich nicht verankerten Norm für gute Forschungspraxis bzw. für die Verletzung guter Forschungspraxis zu arbeiten. Trotz Nichterfüllung des Unredlichkeitstatbestandes wird in der Entscheidung auf Verletzung guter Praxis erkannt, wenn sich das Handeln als kritikwürdig erweist. Im Folgenden soll diese Entscheidungspraxis und der dabei angelegte Maßstab näher erörtert werden. 1. Hintergrund Bereits das bis 1998 eingesetzte einzelne medizinische Komitee begann im Laufe seiner Tätigkeit nach und nach, sich bei der Fallbeurteilung über den in der damaligen Komiteesatzung festgehaltenen Unredlichkeitstatbestand297 hinaus eines Maßstabes für gute Forschungspraxis zu bedienen. Während es dieses Komitee in einem Fall aus dem Jahre 1993 noch unterlassen hatte, das unzulängliche Zitieren eines an 294 Beispielhaft sei folgender Pressesartikel mit dem defamierenden Titel „Debunker of global warming found guilty of scientific dishonesty“ genannt, wonach die DCSD auf wissenschaftliche Unredlichkeit erkannt haben sollen: Brown, The Guardian, 9. Januar 2003, verfügbar unter www.guardian.co.uk/print/0,3858,4579739-103690,00.html (15.02. 2007). 295 „Objektivt findes udgivelsen af den omhandlende publication at falde ind under begrebet videnskabelig uredelighed. Under hensyn til de subjective krav, der stilles om forsæt eller grov forsømmelighed kan Bjørn Lomborgs udgivelse imidlertid ikke falde ind under denne karakteristik…” 296 So auch die Entscheidung des dänischen Ministeriums für Wissenschaft, Technologie und Entwicklung im Fall Lomborg vom 17. Dezember 2003, S. 36. 297 Vedtægter, § 2 Stk. 2 und 3 (Statutes, § 2 Subs. 2 und 3).

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Zusammenfassung

Wissenschaftliches Fehlverhalten ist kein neuartiges, aber ein in Deutschland lange unbeachtetes Phänomen. Die Autorin vergleicht verschiedene nationale Standards und Verfahrensmodelle des Umgangs mit wissenschaftlichem Fehlverhalten und erkennt Tendenzen einer allgegenwärtigen zunehmenden Verkomplizierung und zugleich Internationalisierung von Regulierungssystemen in diesem Bereich.