Content

Linda-Martina Apel, Neuere Entwicklungen in:

Linda-Martina Apel

Verfahren und Institutionen zum Umgang mit Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, page 188 - 195

Rechtsvergleichende Untersuchung zwischen Deutschland, Dänemark und den USA

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4240-3, ISBN online: 978-3-8452-2087-1 https://doi.org/10.5771/9783845220871

Series: Interdisziplinäre Schriften zur Wissenschaftsforschung, vol. 7

Bibliographic information
188 nisse für den Fall der Feststellung wissenschaftlichen Fehlverhaltens.145 Darüber hinaus wurde ein gesetzlicher Rahmen für die Zusammensetzung der Komitees, die Ernennung der Komiteemitglieder und den Verantwortungsbereich des Vorsitzenden geschaffen.146 Die Ermächtigung des Forschungsministers zur konkretisierenden Normsetzung wurde neugefasst.147 IV. Neuere Entwicklungen In der jüngeren Vergangenheit sind die ehemals allenfalls in Wissenschaftlerkreisen bekannten DCSD in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses gerückt. Ausgangspunkt einer noch andauernden Debatte über die Existenzberechtigung der DCSD und die Ausformung ihrer Tätigkeit war die in mehrfacher Hinsicht umstrittene Entscheidung der drei Komitees über einen einzelnen Fall. Es handelt sich dabei um den mittlerweile weit über die Grenzen Dänemarks hinaus bekannten „Fall Lomborg“. Obgleich eine eingehende Auseinandersetzung mit der Kritik an der Entscheidung aus systematischen Gründen erst im Rahmen der Betrachtung des Beurteilungsmaßstabes und des Verfahrensablaufs vor den DCSD erfolgen kann, sollen die Hintergründe und Reaktionen auf diese Entscheidung bereits an dieser Stelle referiert werden. Zumal sie den DCSD – wenige Monate vor der Verabschiedung der gesetzlichen Grundlage der DSCD im Rahmen des neuen Gesetzes über Ratgebung in der Forschung – eine bis dahin nicht gekannte Aufmerksamkeit verschafft hat und die Zukunft des dänischen Verfahrensmodells in seiner heutigen Form in Frage stellt.148 1. Der Fall Bjørn Lomborg Bjørn Lomborg, ehemals Statistikprofessor am politologischen Institut der Universität Aarhus und amtierender Direktor des im Februar 2002 neu eingerichteten staatlichen Instituts für Umwelteinschätzung (Institut for Miljøvurdering)149, ist Verfasser 145 Lov om forskningsrådgiving m.v. nr. 405 af 28 may 2003, § 31 Stk. 1 und 2. 146 Lov om forskningsrådgiving m.v. nr. 405 af 28 may 2003, § 31 Stk. 3, § 32. 147 Lov om forskningsrådgiving m.v. nr. 405 af 28 may 2003, § 33. 148 Die DCSD sind infolge der Lomborg- Affäre selbst in den Mittelpunkt einer grundlegenden Debatte über Durchführung und Reichweite von Unredlichkeitsuntersuchungen gerückt. Zahlreiche dänische Forscher fordern im Zuge dessen die Auflösung der Komitees, Thørgesen, DJØFbladet 2003, nr. 3, erhältlich unter http://www.djoef.dk/ online/view_artikel?ID=1137& attr_folder=F (15.05.07), während ca. sechshundert Wis-senschaftler aus den Bereichen der Naturwissenschaften und der Medizin eine an die Forschungsbehörde (Forsknings- og Innovationsstyrelsen) adressierte Petition zur Unterstützung der Aufrechterhaltung der Komitees signierten. Vgl. Abott, Nature Vol. 421 (2003), S. 681. 149 Das Institut for Miljøvurdering (IMV) ist als unabhängige staatliche Sektorforschungseinrichtung unter dem Umweltsministerium mit dem Ziel errichtet worden, der dänischen Um- 189 des 2001 in der renommierten Cambridge University Press erschienenen skandalträchtigen Buches „The Skeptical Environmentalist – Measuring the Real State of the World“150. In deutscher Sprache wurde das Werk veröffentlicht unter dem Titel “Apocalypse No!- Wie sich die menschlichen Lebensgrundlagen wirklich entwickeln“. Darin wirft Lomborg allen Umweltwissenschaftlern vor, ein selektiv überzeichnetes von Endzeitszenarien bestimmtes Weltbild auszumalen, obwohl eine profunde Sammlung und Auswertung der tatsächlichen Fakten über Bevölkerungswachstum, Ressourcen, Umweltverschmutzung, Klimaveränderung, Artenvielfalt etc. nach seinen Erkenntnissen eine optimistische Grundaussage für die Zukunft zulässt.151 Bei dem Versuch, seine These von der unbegründet pessimistischen Umwelt-„Litanei“ zu belegen, bedient er sich jedoch – will man der Einschätzung der DCSD152 und Lomborgs zahlreichen namhaften Kritikern153 Glauben schenken, derselben unlauteren Methoden, die er den Umweltexperten vorwirft. Er selektiert und kompiliert unkritisch Daten aus der Fülle der Zahlen offizieller Statistiken und weltforschung einen innovativen Impuls zu verleihen. Die übergeordnete Leitung des Instituts erfolgt durch einen Vorstand (styrelse). Dem Vorstand gehören sieben Personen an, die von dem dänischen Umweltminister ernannt werden, drei davon auf Vorschlag des staatlichen Forschungsrats (statslige forskningsråd). Die Vertretung des Instituts nach außen und die Leitung der täglichen Geschäfte innerhalb der durch den Vorstand festgelegten Richtlinien obliegt dem Direktor. 150 Lomborg, The Skeptical Environmentalist. Measuring the Real State of the World, Camebridge University Press, Cambridge 2001. Es handelt sich um eine leicht geänderte und erweiterte Version des 1998 auf Dänisch erschienenen Werkes „Verdens sande tilstand“ („Der wahre Zustand der Welt“). 151 Das Buch schließt inhaltlich an eine Reihe von vier Artikeln an, die Lomborg zu Beginn des Jahres 1998 in der Tageszeitung „Politiken“ zum selben Themenbereich veröffentlicht hatte. Bereits die Artikelreihe zog eine Welle des Protests nach sich. 152 Vgl. die Entscheidung der DCSD, 2003 Annual Report, The Danish Committees on Scientific Dishonesty, S. 27 ff. 153 Vor der Erhebung der Beschwerden vor den DCSD fand eine umfangreiche internationale Debatte über „The skeptical environmentalist“, insbesondere in dem wissenschaftlichen Magazin „Scientific American“ statt. Die Zeitschrift veröffentlichte im Januar 2002 unter dem Gesamttitel „Misleasing Myths about the Earth“ vier Stellungnahmen führender Experten der unterschiedlichen Fachrichtungen, die Lomborg in seinem Werk behandelt. Schneider, Scientific American 286 (January 2002) S. 62 ff.; Holdren, Scientific American 286 (January 2002) S. 65 ff.; Bongaarts, Scientific American 286 (January 2002) S. 67 ff.; Lovejoy, Scientific American 286 (January 2002) S. 69 ff. Der dänische ökologische Rat veröffentlichte im Mai 1999 eine Gegenpublikation mit Beiträgen namhafter Gesellschafts- und Naturwissenschaftler unter dem Titel „Fremtidens Pris – talmagi i miljødebatten“ (“The Price of Futur”). Die fachliche Kritik folgte einer Reihe exuberanter Rezensionen der vornehmlich konservativen internationalen Tagespresse: z.D. The Economist: „This is one of the most valuable books on public policy – not merely environmental policy – to have been written for the intelligent general reader in the past ten years... The Skeptical Environmentalist is a triumph.”… 190 generiert daraus ein Kompendium einseitiger Zitate für jedes der zahlreichen in seinem Werk berücksichtigten umweltbezogenen Fachgebiete154. „The Skeptical Environmentalist“ wurde zum Gegenstand einer äußerst umstrittenen Entscheidung der DCSD vom 6. Januar 2003.155 Bjørn Lomborg wurde darin zwar von dem Verdacht wissenschaftlicher Unredlichkeit freigesprochen, seine Publikation dennoch stark kritisiert. Objektiv, so heißt es im Tenor der Entscheidung, falle die Veröffentlichung des vorliegenden Werks unter den Begriff wissenschaftlicher Unredlichkeit. Angesichts der fehlenden subjektiven Anforderungen jedoch, die Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit voraussetzen, kann die Publikation nicht unter den Begriff wissenschaftlicher Unredlichkeit fallen. Die Publikation werde dagegen als im Widerspruch zu den Standards guter wissenschaftlicher Praxis stehend betrachtet.156 Diese Entscheidung wurde in einem administrativen Rechtsbehelfsverfahren durch den dänischen Minister für Wissenschaft, Technologie und Entwicklung auf Einhaltung der Verfahrensvoraussetzungen überprüft, mit dem Ergebnis, das das Verfahren in der Entscheidung des Ministers am 17. Dezember 2003 wegen wesentlicher Verfahrensfehler an die DCSD zurückverwiesen wurde.157 Die DCSD sahen daraufhin von der erneuten Durchführung einer Untersuchung ab und stellten das Verfahren ein.158 Eine Beschwerde Lomborgs gegen die Ministerentscheidung ist derzeit bei dem parlamentarischen Ombudsman anhängig.159 154 In einem Interview mit “Science” begründet der ehemalige Vorsitzende der DCSD, Hans- Henrik Brydensholt, die Entscheidung der Komitees mit Lomborgs „systematischer Einseitigkeit“, Frank, Science Vol. 299 (2003), S. 326. 155 Vgl. die Entscheidung der DCSD, 2003 Annual Report, The Danish Committees on Scientific Dishonesty, S. 27 ff. 156 Vgl. die Entscheidung der DCSD, als Fälle 4, 5 und 6/2003 publiziert, in: Danish Research Agency, 2003 Annual Report, The Danish Committees on Scientific Dishonesty, S. 27 ff. 157 Entscheidung des dänischen Ministeriums für Wissenschaft, Technologie und Entwicklung im Fall Lomborg vom 17. Dezember 2003. Obwohl die VO-DCSD keine Aussage darüber trifft, inwieweit Entscheidungen der DCSD mit Rechtsmitteln angreifbar sind, wurde der Forschungsminister – als übergeordnete Verwaltungsbehörde- bis zum Inkrafttreten des § 34 RiFG zur als reguläre Rechtsmittelinstanz angesehen. Vgl. dazu 3. Teil, H. I., S. 262 ff. 158 Zur Begründung wurde angeführt, dass eine vollständige neue Untersuchung nur durch Einsatz von Ad-hoc-Komitees mit externer Expertenbeteiligung durchzuführen wäre, die einen Zeitraum von mindestens sechs bis zwölf Monaten in Anspruch nehmen würde. Die DCSD sahen im Hinblick darauf, dass in dem ersten Verfahren keine Verurteilung wegen wissenschaftlicher Unredlichkeit erfolgt war, keine dringende Veranlassung zu einer neuerlichen Untersuchung. Eine wiederholte Begutachtung des Falles unter Beschränkung auf die eigenen Kapazitäten der DCSD würde nach Auffassung der DCSD aller Wahrscheinlichkeit nach zu keinem anderen Verfahrensergebnis als dem bisherigen führen.Vgl. die Kurzzusammenfassung publiziert als Fälle 4, 5 und 6/2003, in: Danish Research Agency, 2003 Annual Report, The Danish Committees on Scientific Dishonesty, S. 27 ff. 159 Vgl. Politiken, „Lomborg klager over ministeriums afgørelse“, 15 januar 2004. Bjørn Lomborg ist der Auffassung, dass die Entscheidung der DCSD hätte vollständig durch das Ministerium annulliert werden müssen. Des Weiteren haben Mette Hertz und Henrik Stiesdal, Beschwerde bei dem Ombudsman eingereicht, weil ihre Beschwerde vor den DCSD nicht hin- 191 Die Lomborg-Entscheidung, der insgesamt drei Beschwerden160 zugrunde lagen, ist insbesondere zwei zentralen Kritikpunkten ausgesetzt. Der erste betrifft die Frage, ob ein solches Werk wie „The Skeptical Environmentalist“, das sich offensichtlich nicht – oder nicht ausschließlich – an einen kleinen Kreis umweltspezifisch qualifizierter Wissenschaftler wendet, unter den Begriff „Forschung“ und damit in den Zuständigkeitsbereich der DCSD fällt bzw. in Zukunft darunter fallen sollte. Lomborgs Buch spaltet die disziplinären scientific communities der Umwelt- und Sozialwissenschaftler sowie seine darüber hinausreichende Leserschaft in zwei Lager161: Diejenigen, die das Buch als das betrachten, was man gemeinhin als populärwissenschaftliches Werk oder Beitrag zur gesellschaftspolitischen Diskussion bezeichnen würde, und diejenigen, die es als wissenschaftszugehöriges Werk betrachten, welches eine Gefahr für die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft und eine Kompromittierung der ernsthaften Forschung in den umweltspezifischen Forschungsdisziplinen in sich birgt. Die erste Gruppe fasst eine Beurteilung der Publikation nach wissenschaftsethischen Unredlichkeitskriterien als eine Beschränkung der Meinungsäußerungsfreiheit für Wissenschaftler, die einen gesellschafskritischen Diskussionsbeitrag leisten, auf.162 Es handelt sich vorwiegend um Sozialwissenschaftler, die überdies fürchten, sich an naturwissenschaftlichen oder medizinischen Kriterien guter Forschungspraxis messen lassen zu müssen.163 Die zweite Gruppe – hierzu zählen unter anderem die überwiegende Anzahl der Mitglieder der DCSD – rechtfertigt die Beurteilung des Werkes nach wissenschaftlichen Maßstäben entweder mit dessen inhaltlich wissenschaftlichen Anknüpfungspunkt164, der Person des Autors oder mit der wissenschaftlichen Aufmachung des Buches, seiner entsprechenden Wahrnehmung in Forscherkreisen und dem eigenen wissenschaftlichen reichend Berücksichtigung erfahren hat, Berlinske Tidene, „Ny klage i Lomborgsag“, 7 januar 2004, vgl. auch die nachfolgende Fn. 160 Zwei Beschwerden basierten vorwiegend auf der öffentlichen Kritik an „The Skeptical Environmentalist“. Es handelt sich anbei um die Beschwerden des dänischen Biologen Kåre Fog (vom 21. Februar 2002) und der Ökologen Stuart Pimm und Jeff Harvey (vom 22. März 2002). Die dritte Beschwerde (vom 7. März 2002) wurde durch Henrik Stiesdahl und Mette Hertz eingelegt und betraf eine Reihe von Artikeln und Diskussionsbeiträgen Lomborgs, die in der Tageszeitung „Politiken“ erschienen sind und sich mit dem Treibhauseffekt befassen. Eine wesentlich später eingereichte vierte Beschwerde (vom 22. November 2002) von Torben Stockfleth Jørgensen wurde durch die DCSD nicht mehr berücksichtigt. 161 Jastrup/Tornbjerg, Politiken, 18 december 2003; Thøgersen, DJØFbladet 2003, nr. 3, erhältlich unter http://www.djoef.dk/online/view_artikel?ID=1137&attr_folder=F (15.05.2007). 162 Jastrup, Politiken, 29 januar 2004. 163 In einem offenen Brief einer Riege sozialwissenschaftlicher Forscher, abgedruckt in Jyllandsposten, 12. Januar 2003, wurde die Frage aufgeworfen, ob niedergeschiebene Standards für den Bereich der Sozialwissenschaften. Die Mitglieder des sozialwissenschaftlichen Fachkomitees konnten auf die „Vejledende Retningsliner for Forskningsetik i Samfundsvidenskaberne“ des Forschungsrats für die Sozialwissenschaften (Statens Samfundsvidenskabelige Forskningsråd) verweisen. 164 Zahle, Ugeskrift for Retsvæsen (UfR) 2003, Litterær afdeling, S. 91 (95). 192 Anspruch des Autors.165 Die Entscheidung löste eine allgemeine Debatte darüber aus, ob sämtliche schriftliche Beiträge eines Wissenschaftlers unabhängig von ihrem Charakter einer Beurteilung durch die DCSD unterzogen werden können sollten.166 Zweitens sorgte der missverständliche Tenor der Entscheidung der DCSD für Aufsehen. Dies betrifft einerseits die Aussage, dass das Werk Lomborgs objektiv betrachtet unter den Begriff wissenschaftlicher Unredlichkeit falle, obwohl wissenschaftliche Unredlichkeit mangels Vorliegen der subjektiven Voraussetzungen von Unredlichkeit nicht festgestellt werden konnte.167 Andererseits wurde die Kompetenz der DCSD, eine Entscheidung darüber zu treffen, ob das Verhalten eines Forschers mit Standards guter wissenschaftlicher Praxis in Einklang steht, bezweifelt.168 Über diese beiden Hauptkritikpunkte hinaus bestehen begründete Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Verfahrensweise, der sich die DCSD im Fall Lomborg bedient haben, indem sie diesen entgegen ihrer üblichen Praxis und der in der Verordnung über die DCSD (VO-DCSD) festgelegten Verfahrensbestimmungen einer gemeinsamen Beurteilung durch alle drei Fachkomitees unterzogen haben.169 Die Untersuchung und Darlegung von Fakten unter Einhaltung des Untersuchungsgrundsatzes und die Argumentation der DCSD bei der Begründung der Entscheidung wurde für nicht ausreichend erachtet.170 Nicht zuletzt ist die nichtanonymisierte Veröffentlichung der Entscheidung auf der Internetseite der Komitees unter Kritik 165 Vgl. Entscheidung der DCSD, lediglich als Kurzzusammenfassung publiziert, Fälle 4, 5 und 6/2003, in: Danish Research Agency, 2003 Annual Report, The Danish Committees on Scientific Dishonesty, S. 27 ff. 166 Die zentrale Forschungsbehörde (Forsknings- og Innovationsstyrelsen) hat im Hinblick auf den meinungsbildenden Einfluss von schriftlichen Beiträgen eines Wissenschaftlers für eine solche Regelung ausgesprochen, vgl. Jastrup, Politiken, 29 Januar 2004. 167 Vgl. die Entscheidung der DCSD, lediglich als Kurzzusammenfassung publiziert, Fälle 4, 5 und 6/2003, in: Danish Research Agency, 2003 Annual Report, The Danish Committees on Scientific Dishonesty, S. 27 ff.. Das Vorliegen von Vorsatz wurde verneint, weil Lomborg mit seinem Werk zahlreiche naturwissenschaftliche Forschungsdisziplinen berührte, für die er als Politologe kein Eperte ist, so dass man von nichtbeabsichtigten Fehlern seinerseits ausgehen musste. Zudem war man sich hinsichtlich des Unredlichkeitsmaßstabes der VO-DCSD im Unklaren darüber, ob die bewusst irreführende Anwendung statistischer Methoden und die bewusst verzerrte Interpretation von Ergebnissen und Verdrehung von Schlussfolgerungen (§ 3 Abs. 1 VO-DCSD) Vorsatz voraussetzt, oder ob grobe Fahrlässigkeit genügt. Vgl. dazu unten 3. Teil, E. I. 3. b), S. 217 f. 168 Entscheidung des dänischen Ministeriums für Wissenschaft, Technologie und Entwicklung im Fall Lomborg vom 17. Dezember 2003, S. 32 ff. 169 Nach der Beschlussfassung über die gemeinsame Behandlung durch alle drei Kommitees auf Vorschlag des gemeinsamen Vorsitzenden der DCSD wurde der Fall von einer fünfköpfigen internen Arbeitsgruppe vorbereitet und anschließend einer gemeinsamen Entscheidung zugeführt. Vgl. dazu unten 3. Teil, F. III. 3., S. 245. 170 Entscheidung des dänischen Ministeriums für Wissenschaft, Technologie und Entwicklung im Fall Lomborg vom 17. Dezember 2003, S. 40 ff. Die DCSD äußerten sich nicht explizit dazu, welche Teile des Buches an welchen Stellen Abweichungen von guter wissenschaftlicher Praxis aufweisen. Es wurde nur allgemein auf die Kritik der Artikel aus Scientific American verwiesen. 193 ten.171Auf die einzelnen Kritikpunkte wird unter besonderer Berücksichtigung der Entscheidung des Ministeriums für Wissenschaft, Technologie und Entwicklung im Rahmen der Darstellung der Ausgestaltung des Untersuchungsverfahrens vor den DCSD näher eingegangen.172 Damit ist der durchaus mehrdimensionale Fall Lomborg nicht erschöpfend wiedergegeben. Zu der teils wissenschaftlichen teils rechtlichen Kontroverse um die Beurteilung des Falles durch die DCSD und den Inhalt der Entscheidung tritt eine politische Komponente. Die Beschwerden vor den DSCD wurden gerade zu dem Zeitpunkt erhoben, zu dem die neugewählte konservative dänische Regierung Lomborg zum Leiter ihres neu eingerichteten staatlichen Sektorforschungsinstituts für Umwelteinschätzung ernennen wollte – und in der Folge auch ernannte. Die Ernennung erfolgte, obgleich sich zwischen Regierung und Opposition im Fahrwasser der kontroversen Pressestimmen zu Lomborgs Veröffentlichung bereits ein anhaltender Konflikt über die Qualifikationen des Wissenschaftlers entsponnen hatte. Eine von dem Meinungsforschungsinstitut Megafon am 16. Januar 2003 durchgeführte Umfrage über die Haltung der dänischen Bevölkerung zur der Frage, ob Bjørn Lomborg sein Direktorenamt fortführen solle, mag die politische Brisanz des Falles illustrieren.173 45 % der Befragten sprachen sich für einen Verbleib Lomborgs aus, während 27 % seinen Abschied befürworteten. Die politische Dimension der Lomborg-Affäre erstreckt sich jedoch nicht allein auf die berufliche Perspektive des Wissenschaftlers als Leiter einer staatlichen Forschungseinrichtung, umgekehrt war die Zukunft der Verfahren vor den DCSD zunächst ebenso vage. Insbesondere im Anschluss an die Zurückweisung des Falles im Rechtsmittelverfahren vor dem dänischen Minister für Wissenschaft, Technologie und Innovation wurden zunehmend Stimmen gegen die Fortsetzung der Arbeit der Komitees laut.174 2. Einsatz und Bericht der Arbeitsgruppe für Regeln der Forschungsethik Vor dem Hintergrund der Aufmerksamkeit, den die Entscheidung der DCSD im Fall Lomborg in der dänischen und ausländischen Presse hervorgerufen hat, setzte die zentrale Forschungsbehörde (Forsknings- og Innovationsstyrelsen)175 auf Anregung des dänischen Forschungsministers, Helge Sander, im Januar 2003 eine Arbeitsgruppe ein, deren acht Mitglieder auf Vorschlag verschiedener Interessengruppen 171 Entscheidung des dänischen Ministeriums für Wissenschaft, Technologie und Entwicklung im Fall Lomborg vom 17. Dezember 2003, S. 59 ff. 172 Vgl. unten 3. Teil, F., S. 228 ff. 173 Pagh, DJØFbladet Nr. 3, 2003, verfügbar unter http://www.djoef.dk/online/view_ artikel?ID= 1132 &attr_folder=F (15.05.2007). 174 Lando, Berlinske Tidene, 18 december 2003; Hansen/Worm/Ravn, Jyllands-Posten, 18 December 2003; Termansen, Berligske Tidene, 17 December 2003. 175 Heute: „Zentrale Forschungsbehörde für Wissenschaft, Technik und Innovation“ (Forsknings- og Innovationsstyrelsen). 194 ernannt wurden.176 Aufgabe dieser „Arbeitsgruppe für Regeln der Forschungsethik“ war es, neben weiteren Aspekten die Notwendigkeit einer Überarbeitung der Definition des Begriffes “scientific dishonesty“177, einer Veränderung von Form und Ver- öffentlichung der Entscheidungen der DCSD sowie der Spezifizierung der Arten von wissenschaftlichen Erzeugnissen, die in den Zuständigkeitsbereich der Komitees fallen, zu beurteilen.178 Die Ergebnisse und Reformvorschläge der Arbeitsgruppe wurden im Mai 2003 in einem Untersuchungsbericht mit dem Titel „Bericht über die forschungsethischen Regeln“179 veröffentlicht. Darin wurde unter anderem eine überarbeitete Definition wissenschaftlicher Unredlichkeit vorgeschlagen und die zunehmende Formulierung von Standards guter wissenschaftlicher Praxis empfohlen.180 Soweit die in dem Bericht der Arbeitsgruppe behandelten Aspekte Relevanz für die vorliegende Untersuchung aufweisen, werden die Empfehlungen der Arbeitsgruppe im Hinblick auf deren Umsetzung in der Zukunft an entsprechender Stelle berücksichtigt. 3. Neufassung der Verordnung über die DCSD Am 28. Juni 2005 schließlich erließ das dänische Ministerium für Wissenschaft, Technik und Innovation auf der Grundlage des neugefassten RiFG eine Neufassung der Verordnung über die DCSD (VO-DCSD), die am 1. August 2005 in Kraft trat181 und das frühere Regelwerk von 1998182 ablöste. Im Zuge dessen wurde eine überarbeitete Version der Unredlichkeitsdefinition sowie zahlreiche Verfahrensänderungen 176 Danish Research Agency, Report on the rules governing research ethics, S. 4 f. Mitglieder der Arbeitsgruppe waren: Der Vorsitzende Professor Mogens N. Pedersen (Department of Political Science and Public Management, University of Southern Denmark); Eva Zeuthen Bentsen (head of the Organisation, Management and Research Division under the Association of County Councils in Denmark, nominiert durch die Association of County Councils); Professor Peter Gundelach (Department of Sociology, University of Copenhagen, nominiert von den Research Councils); Egon Bech Hansen (Director of R&D at Danisco, nominiert durch die Danish Academy of Technical Science (ATV) und die Research Councils); Hans Peter Jensen (Vice Director of the Institute of Food Safety and Nutrition, nominiert durch die Directors’ Assembly of Government Research Institutions (SEDIRK)); Pia Jørnø, MSc, (Wissenschaftsjournalist, nominiert durch die Danish Writer’s Association); Professor Lars-Henrik Schmidt (Rector of the Danish University of Education (DPU), nominiert durch die Danish Rectors’ Conference); Professor Else Tønnesen (consultant doctor, Aarhus University Hospital, nominiert durch die Research Councils). 177 Siehe dazu 3. Teil, E. I., S. 212 ff., insbesondere 3. Teil, E. I. 3. b). S. 217 ff. 178 Der vollständiger Katalog der der Arbeitsgruppe übertragenen Aufgaben ist am zu Beginn des Untersuchungsberichts aufgelistet, Danish Research Agency, Report on the rules governing research ethics, S. 5. 179 Dänischer Titel: “Rapport vedrørende forskingsetiske regler“. 180 Danish Research Agency, Report on the rules governing research ethics, S. 4, 6 ff., 10 ff. Zum Definitionsvorschlag vgl. unten 3. Teil, E. I. 3. b), S. 217 ff. 181 Bekendtgørelse nr. 668 af 28. juni 2005 (Executive Order No. 668 of 28 June 2005). 182 Siehe oben 3. Teil, C. III., S. 186 ff. 195 vorgenomen, die nicht zuletzt auch auf die Erfahrungen mit dem Fall Lomburg, die Empfehlungen der „Arbeitsgruppe für Regeln der Forschungsethik“ sowie mit weiteren Praxisfällen zurückgehen.183 Insbesondere der Kompetenzbereich der DCSD wurde in diesem Zusammenhang gegenüber der Vorgängerregelung deutlich begrenzt. D. Struktur des heutigen dänischen Verfahrensmodells Im Folgenden soll die Grundstruktur des dänischen Verfahrensmodells beleuchtet werden. Diese zeichnet sich besonders durch ihre starke Zentralisierung und die gesetzliche Verankerung aus. Zunächst werden Zentralisierung und normative Grundlagen erörtert. Es folgt ein Blick auf die Akteure des Verfahrensmodells, insbesondere die Danish Committees on Scientific Dishonesty (DCSD). I. Zentralisiertes Verfahrensmodell In Dänemark findet Aufklärung wissenschaftlichen Fehlverhaltens nicht dezentral in den jeweils betroffenen Forschungseinrichtungen, sondern im Wesentlichen in der zentralen staatlichen Einrichtung, den Danish Committees of Scientific Dishonesty (DCSD) in ihrer heutigen Ausdifferenzierung in drei Fachkomitees184, statt. 1. Reichweite und Umfang der Zentralisation Zentralisation des Verfahrens i.S.d. dänischen Verfahrensmodells impliziert lediglich die Existenz einer in Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens überwiegend in Anspruch genommenen nationalen Untersuchungsinstanz, nicht jedoch das Vorhandensein einer zentralisierten Einrichtung mit umfangreicher Sanktionskompetenz. Sieht man einmal von der Sanktionswirkung der Feststellung wissenschaftlicher Unredlichkeit, kritischer Würdigung eines Fehverhaltens und der Berechtigung der DCSD zur Weitergabe von Informationen über eine positive Unredlichkeitsentscheidung ab. Die Entscheidung über konkrete Sanktionsmaßnahmen – wie beispielsweise der Kündigung oder der Entziehung wissenschaftlicher Grade – bleibt in Dänemark der jeweils involvierten Forschungseinrichtung überlassen. Damit ist – bedient man sich der Terminologie gerichtlicher Verfahren – gewissermaßen ein Verfahrensbestandteil des Erkenntnisverfahrens, nämlich die Bemessung der 183 Zu den wichtigsten Änderungen siehe Waaben, in: Danish Agency for Science Technology and Innovation (Hrsg.), Annual Report 2005, The Danish Committees on Scientific Dishonesty, S. 16 ff. 184 Die dänische Bezeichnung lautet Udvalgene Vedrørende Videnskabelig Uredelighed (UV- VU).

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Wissenschaftliches Fehlverhalten ist kein neuartiges, aber ein in Deutschland lange unbeachtetes Phänomen. Die Autorin vergleicht verschiedene nationale Standards und Verfahrensmodelle des Umgangs mit wissenschaftlichem Fehlverhalten und erkennt Tendenzen einer allgegenwärtigen zunehmenden Verkomplizierung und zugleich Internationalisierung von Regulierungssystemen in diesem Bereich.