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Linda-Martina Apel, Reaktion des Kongresses in:

Linda-Martina Apel

Verfahren und Institutionen zum Umgang mit Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, page 53 - 56

Rechtsvergleichende Untersuchung zwischen Deutschland, Dänemark und den USA

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4240-3, ISBN online: 978-3-8452-2087-1 https://doi.org/10.5771/9783845220871

Series: Interdisziplinäre Schriften zur Wissenschaftsforschung, vol. 7

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53 wurden die zunehmend – insbesondere in der biomedizinischen Forschung – auftretenden misconduct-Verdachtsfälle von Fall zu Fall unterschiedlich behandelt.131 II. Reaktion des Kongresses Das Thema rückte in den Folgejahren aufgrund der Emergenz weiterer spektakulärer Fälle wissenschaftlichen Fehlverhaltens und mehrerer Berichte, die die Inkompetenz der National Institutes of Health (NIH), der Universitäten und anderer Forschungseinrichtungen in Bezug auf einen geeigneten Umgang mit Fehlverhaltensvorwürfen thematisierten, immer mehr in das Interesse des Kongress.132 1. Öffentliche Anhörungen des Kongresses 1981 führte Albert Gore, Jr., damals Abgeordneter und Vorsitzender des Investigations and Oversight Subcommittee des House Science and Technology Committee133, die ersten öffentliche Anhörungsverfahren (public hearings)134 über Betrug und Fälschung in der Wissenschaft durch, die das sich immer stärker abzeichnende Problem des wissenschaftlichen Fehlverhaltens in der amerikanischen Forschung 131 Mazur, Minerva Vol. XXVII (Spring 1989), S. 178 (180 ff.); Woolf, Jurimetrics Journal Vol. 29 (1988), S. 67 (84 ff.). Die Association of American medical Colleges (AAMC) empfahl daher bereits im Jahr 1982 ihren Mitgliedseinrichtungen die Verabschiedung von Guidelines, nach denen Vorwürfe wissenschaftlichen Fehlverhaltens untersucht werden sollen, Association, of American Medical Colleges, The Maintenance of High Ethical Standards in the Conduct of Research, S. 3. 132 Reynolds, Tennessee Law Review Vol. 66 (1999), S. 801 (805 f.); ORI: An Introduction. U.S. Department of Health and Human Services, September 1993, S. 1 aus: Dustira, The Federal Role in Influencing Research Ethics Education and Standards in Science, Professional Ethics, Volume 5, Nos. 1 und 2, S. 139. 133 In den USA ist innerhalb des Ausschusssystems des Kongresses zwischen ständigen Ausschüssen (standing committees) und Sonderausschüssen (select oder special committees) zu unterscheiden. Letztere werden nur zur Erledigung einer bestimmten Aufgabe eingesetzt und anschließend wieder aufgelöst. Sie erfüllen keine legislatorischen Aufgaben. Gleiches gilt auch für die aus Mitgliedern beider Kammern zusammengesetzte joint committees, die ausschließlich mit der Durchführung von Untersuchungen oder der Ausarbeitung von Studien betraut sind. Vgl. hierzu Smith/Deering, Committees in Congress. Das House Science and Technology Committee war ebenso wie das heutige Committee on Science ein ständiger Ausschuss des Repräsentantenhauses mit mehreren Unterausschüssen (derzeit: Subcommittee on Environment, Subcommittee on Energy, Subcommittee on Research, Subcommittee on Space). 134 Der Kongress besitzt die Kompetenz, durch seine bestehenden ständigen Ausschüsse oder aber durch eigens für besondere Zwecke eingesetzte Spezialausschüsse Untersuchungen und Kontrollen durchzuführen. Ihnen stehen zu diesem Zweck rechtliche Zwangsmittel, darunter z.B. die Rechte, Zeugen zu laden, oder die Herausgabe wichtiger Dokumente zu verlangen, zur Verfügung, vgl. Shell in: Lösche/Adams (Hrsg.), Länderbericht USA, S. 207 (226 ff.). 54 fokussierten.135 Über die Diskussion um die Frage, ob die Vorfälle wissenschaftlichen Fehlverhaltens als Handlungen fehlgeleiteter Individuen oder als Indikatoren grundlegender struktureller Probleme in der Wissenschaft aufgenommen werden sollten136, entfachte ein bis heute andauernder Disput über die geeignete Definition und Regulierung wissenschaftlichen Fehlverhaltens.137 Ende der 80er Jahre begann eine weitere Serie von public hearings unter der Leitung des demokratischen Abgeordneten und Vorsitzenden des House Energy and Commerce Committee John Dingell, Jr.138, welche unter anderem Ermittlungen in zwei der bedeutendsten amerikanischen Verdachtsfälle um den Nobelpreisgewinner David Baltimore und den AIDS Forscher Robert Gallo einschlossen139. In Folge dieser Anhörungsverfahren nahm der Druck auf die scientific community und die federal agencies im Hinblick auf den Bedarf nach Entwicklung stärkerer Qualitätskontroll- und Aufsichtsmechanismen in der Wissenschaft weiter zu.140 Über einen langen Zeitraum hinweg hatte man bei der Gewährleistung von Qualität in der Forschung allenthalben grundlegend auf das System des peer review vertraut. Nun vertraten Kongress und scientific community deutlich konträre Ansichten in Bezug auf die Verbreitung wissenschaftlichen Fehlverhaltens, das erforderliche Maß an Verantwortlichkeit angesichts der Betroffenheit staatliche Fördermittel, die Effektivität der Forschungseinrichtungen im Umgang mit Fehlverhaltensfällen und die Kontroverse darüber, wer am besten geeignet ist, die Untersuchung, Überwachung und Steuerung des Problems zu übernehmen.141 Das Argument der selbstkorrektiven Natur der Wissenschaft konnte dem Druck intensiver öffentlicher Prüfung und den 135 Fraud in Biomedical Research: Hearings Before the Subcommittee on Investigations and Oversight of the House Committee on Science, 97th Cong., 1st Sess. 2 (March 32 and April 1, 1981). 136 Der überwiegende Teil der als Zeugen geladenen angesehenen Wissenschaftler bekannte sich deutlich zu der Auffassung, dass Betrug in der Wissenschaft kein ernsthaftes Problem sei, sondern dass es sich um wenige Einzelfälle handele, die das Wissenschaftssystem mit Hilfe seiner demokratischen, selbstkorrektiven Mechanismen zu lösen in der Lage sei. Siehe hierzu auch Rennie/Gunsalus, in: Lock/Wells/Farthing, Fraud and Misconduct in Biomedical Research, S. 13 (14 f.); Green, University of Michigan Journal of Law Reform, Vol. 20:4 (1987) S. 1009 ff.; Broad & Wade, Betrayers of the Truth, S. 86 f. 137 Francis, Science and Engineering Ethics Vol. 5 (1999), S. 261 (262); Hollander, in: Max- Planck-Gesellschaft (Hrsg.), Max Planck Forum 2, Ethos der Forschung, Ethics of Research, Ringberg-Symposium Okt. 1999, S. 199 (201). 138 U.S. Congress (1989), Fraud in NIH Grant Programms, House of Representatives, Committee on Energy and Commerce, Subcommitee on Oversight and Investigations, 100th Cong., 2nd Sess., April 12, Serial No. 100-189, U.S. Government Printing Office, Washington D.C. 139 Vgl. Reynolds, Tennessee Law Review Vol. 66 (1999), S. 801 (808, 810 ff.). Zu den Fällen vgl. auch 2. Teil, C. IV. 2., S. 68 ff., Fn. 229 und 230. 140 Tatsächlich hatte zu diesem Zeitpunkt der Rulemaking-Prozess der federal agencies nach Ermächtigung durch den Health Research Extension Act bereits begonnen, siehe 2. Teil, C. III., S. 56 ff. 141 Heinz/Chubin, BioScience Vol. 38 (1988), S. 559 (560 f.); Bloom, The Journal of NIH Research Vol. 1 (May/June 1989), S. 14 u. 16. 55 Forderungen nach stärkerer Verantwortlichkeit nicht mehr standhalten.142 Zusätzlich wurden die Nachteile und Schwächen des bisherigen peer review Systems durch zunehmenden Erfahrungsaustausch und erste wissenschaftlichen Untersuchungen beleuchtet.143 Die Debatte begann sich schließlich immer weniger um die Frage der Notwendigkeit der Akzeptanz externer Kontrolle durch die scientific community zu drehen, sondern wendete sich verstärkt bereits den möglichen Ausformungen dieser Kontrolle zu.144 2. Gesetzgeberische Aktivitäten 1985 ergriff der Kongress für den medizinische Forschung eine erste konkrete gesetzgeberische Maßnahme zur Institutionalisierung von Verantwortungsbereichen des Departments of Health and Human Services (DHHS) und der staatlich geförderten Forschungsinstitutionen im Umgang mit Fehlverhaltensfällen, indem er den Health Research Extension Act erließ, durch den der Public Health Service Act um Section 493145 ergänzt wurde.146 Section 493 beinhaltet die Ermächtigung des Gesundheitsministers zum Erlass einer Verordnung (regulation), durch welche Institutionen, die eine staatliche Förderung des Public Health Service (PHS) für Forschungsprojekte der Biomedizin oder Verhaltensforschung beantragen, zum Nachweis der Einrichtung eines Verwaltungsverfahrens (administrative process), dass der 142 Francis, Science and Engineering Ethics Vol. 5 (1999), S. 261 (262); Charrow, The Journal of NIH Research Vol. 1 (May/June 1989), S. 15. 143 Vgl. beispielsweise Rennie, Guarding the Guardians: Research on Peer Review. Program of First International Congress on Peer review in Biomedical Publication, Chicago, Illinois, May 10-12, 1989. 144 Francis, Science and Engineering Ethics, Vol. 5 (1999), S. 261 (262); Heinz/Chubin, BioScience Vol. 38 (1988), S. 559 (561). 145 Health Research Extension Act of 1985, Pub. L. No. 99-158, § 493, 99 Stat. 820, 874-75 (1985) (codified as amended at 42 U.S.C. § 289(b) (1998)): “PROTECTION AGAINST SCIENTIFIC FRAUD SEC. 493. (a) The Secretary shall by regulation require that each entity which applies for a grant, contract or cooperative agreement under this Act for any project or program which involves the conduct of biomedical or behavioral research submit in or with its application for such grant, contract or cooperative agreement assurances satisfactory to the Secretary that such entity (1) has established (in accordance with regulations which the Secretary shall prescribe) an administrative process to review reports of scientific fraud in connection with biomedical and behavioral research conducted at or sponsored by such entity; and (2) will report to the Secretary any investigation of alleged scientific fraud which appears substantial. (b) The Director of NIH shall establish a process for the promt and appropriate response to information provided the Director of NIH respecting scientific fraud in connection with projects for which funds have been made available under this Act. The process shall include procedures for the receiving of reports of such information from recipients of funds under this Act and taking appropriate action with respect to such fraud.” 146 Goldner, American Journal of Law and Medicine Vol. 24 (1998), S. 293 (294 f.). 56 Überprüfung von Verdachtsmomenten des Wissenschaftsbetrug dient, und zur Anzeige jeder Untersuchung von erheblich erscheinenden Missbrauchsvorwürfen gegenüber dem Gesundheitsminister, verpflichtet wurden. Die Verfahrensausgestaltung sollte sich an den ministeriellen Rahmenvorgaben der Verordnung orientieren. Daneben beinhaltete Section 493 die Verpflichtung des Leiters (directors) der NIH, ein eigenes Verfahren, welches die unverzügliche und sachgerechte Reaktion auf Informationen über Wissenschaftsbetrug, einschließlich der Prozedere für die Entgegennahme von Anzeigen der Forschungsinstitutionen, und ein angemessenes Vorgehen im Hinblick auf das betrügerische Verhalten gewährleistet, bereitzustellen. Das Gesetz ergänzte die bereits zuvor bestehende Ermächtigung des Department of Health and Human Services (DHHS)147, unter der das Ministerium wissenschaftlichem Fehlverhalten in den 70er und 80er Jahren nachgegangen war, und etablierte mit der Übertragung der Erstverantwortung in Fehlverhaltensfällen an die einzelnen Forschungseinrichtungen eines der bis zum heutigen Tage anzuwendenden Grundprinzipien des amerikanischen Verfahrensmodells im Umgang mit Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens.148 Dieses wurde im Jahr 1993 durch den NIH Revitalization Act149, der insbesondere für die gesetzliche Verankerung einer selbständigen Behörde zur Fehlverhaltensbekämpfung innerhalb des DHHS sorgte, geändert und ergänzt. III. Die Entwicklung bundesrechtlicher exekutiver Normen mit Prinzipien und Verfahrensregeln zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten Ende der 80er Jahre begannen zwei der forschungsfördernden federal agencies, der Public Health Service (PHS) und die National Science Foundation (NSF), mit der Entwicklung und Verabschiedung förmlicher exekutiver Normen, so genannter rules oder regulations150, die den Umgang mit Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens 147 Die Ermächtigung resultiert aus der gesetzlichen Übertragung der Verantwortung für die Vergabe staatlicher Forschungsgelder und der damit verknüpften Verantwortung für die sachgerechte Verwendung der Mittel und der Einhaltung der einschlägigen Gesetze und Verordnungen (Public Health Service Act, 42 U.S.C. 241, 242, 275 et seq., 281 et seq.). 148 Zu den Grundprinzipen gehört, dass die Forschungseinrichtungen aufkommende Vorwürfe – damals wie heute – zunächst selbst überprüfen und diese den funding agencies anzeigen. Letztere – bzw. die später geschaffenen Spezialbehörden – übernehmen die Aufsichtsfunktion und können zudem selbst geeignete Maßnahmen ergreifen (zentrale Überwachungsfunktion und Korrekturfunktion). Vgl. Pascal, Science and Engineering Ethics Vol. 5 (1999), S. 183 (184) sowie unten 2. Teil, D. I. 1., S. 77 ff. 149 NIH Revitalization Act of 1993, Publ.L. 103-43, Title I, § 161, 42 U.S.C. 289b. 150 Die US-amerikanische Rechtsprechung und Literatur bedient sich einer uneinheitlichen Terminologie. Obwohl jeweils abstrakt generelle Regelungen mit Außenwirkung als Pendant zu den deutschen Rechtsverordnungen gemeint sind, sprechen Richter, Verwaltungspraktiker und auch Wissenschaftler teilweise von rules und teilweise von regulations. Zu dieser Variabilität der US-amerikanischen verwaltungsrechtlichen Terminologie vgl. Schwartz, Administrative Law, S. 162. Steht der Prozess der executiven Rechtsetzung in Rede, so wird mit der

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Zusammenfassung

Wissenschaftliches Fehlverhalten ist kein neuartiges, aber ein in Deutschland lange unbeachtetes Phänomen. Die Autorin vergleicht verschiedene nationale Standards und Verfahrensmodelle des Umgangs mit wissenschaftlichem Fehlverhalten und erkennt Tendenzen einer allgegenwärtigen zunehmenden Verkomplizierung und zugleich Internationalisierung von Regulierungssystemen in diesem Bereich.