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Linda-Martina Apel, Kumulation von Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens in den 70er und 80er Jahren in:

Linda-Martina Apel

Verfahren und Institutionen zum Umgang mit Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, page 50 - 53

Rechtsvergleichende Untersuchung zwischen Deutschland, Dänemark und den USA

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4240-3, ISBN online: 978-3-8452-2087-1 https://doi.org/10.5771/9783845220871

Series: Interdisziplinäre Schriften zur Wissenschaftsforschung, vol. 7

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50 direkt betreffen und die betroffenen Wissenschaftler darüber hinaus eine vertragliche Beziehung mit der Finanzierungsbehörde unterhalten.116 III. Schlussfolgerung Verfassungsrechtlicher Schutz von forschungsrelevanten Tätigkeiten ist in den USA deutlich geringer ausgeprägt als in Deutschland, wo Eingriffe in die Freiheit der Forschung und der Lehre nur unter Zugriff auf andere Werte von Verfassungsrang eine Rechtfertigung erfahren können. Die Rechtsprechung erstreckt den Schutz ohnehin lediglich auf die Publikation von Forschungsergebnissen. Selbst wenn man denjenigen Vertretern der Literaturmeinung folgen will, die ein vollwertiges neues Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit anerkennen, herrscht insgesamt eine weitaus weniger schonende Eingriffspraxis vor, so dass auch Verfahren zur Behandlung wissenschaftlichen Fehlverhaltens sich an weniger strengen Maßstäben messen lassen müssen. Academic freedom steht der rechtlichen Verantwortlichkeit von Forschern für Fehlverhalten nicht entgegen.117 Bei der Verfahrensausgestaltung ist allerdings der Verfassungsgarantie des procedural due process Rechnung zu tragen, was zur Folge hat, dass sich Verfahren zum Umgang mit Verdachtsfällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens (, die über den Prozess der bloßen Tatsachenfeststellung hinausgehen,) konstitutioneller Verfahrenselemente wie beispielsweise eines Anhörungstermins bedienen müssen. Im Einzelnen wird auf die Verfahrensanforderungen an anderer Stelle näher einzugehen sein.118 C. Geschichtliche Entwicklung des US-amerikanischen Verfahrensmodells Ähnlich wie in Deutschland gab auch in den Vereinigten Staaten von Amerika eine Welle von öffentlich bekannt gewordenen Fehlverhaltensfällen den Anstoß zur öffentlichen Diskussion von scientific misconduct119, die innerhalb weniger Jahre zu ersten staatlichen Regulierungsmaßnahmen im Hinblick auf Verfahren zum Umgang mit wissenschaftlichen Fehlverhaltens führte.120 Im Folgenden sollen die einzelnen Schritte der Entwicklung des US-amerikanischen Verfahrensmodells beleuchtet werden. 116 Howard, Hastings Law Journal Vol. 45 (1994), S. 309 (343 f.); a.A. Andersen, Journal of Law and Technology Vol. 3 (1988), S. 121 (141). 117 Vgl. Stegemann-Boehl, Fehlverhalten von Forschern, S. 34. 118 Vgl. unten 2. Teil, F., S. 118 ff. 119 Francis, Science and Engineering Ethics Vol. 5 (1999), S. 261 f.; La Follette, in: Lock/ Wells/Farthing (Hrsg.), Fraud and Misconduct in Biomedical Research, S. 33 ff. 120 Vgl. zur Entwicklungsgeschichte des deutschen Verfahrensmodells 4. Teil, C., S. 313 ff. 51 I. Kumulation von Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens in den 70er und 80er Jahren Das Phänomen wissenschaftlichen Fehlverhaltens rückte in den USA aufgrund einer sich Mitte der 70er und Anfang der 80er Jahre ereignenden Reihe von Fehlverhaltensfällen, der in den Medien starke Beachtung gezollt wurde, in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit. 1974 etwa gab der Forscher William Summerlin vom traditionsreichen Sloan-Kettering-Institute für Krebsforschung in New York vor, die Ergebnisse von Hauttransplantationsversuchen ohne Abstoßungsreaktion bei verschiedenfarbigen Mäusen demonstrieren zu können. Er bediente sich dabei eines schwarzen Filzschreibers zur Einfärbung angeblich auf weiße Mäuse transplantierter dunkler Hautpartien.121 Bereits wenige Jahre später musste eine Gruppe von Krebsforschern unter der Leitung von Marc Strauss einräumen, 1978 am Boston University Medical Center in einer durch die NIH geförderten Studie über die experimentelle Behandlung von Krebspatienten mit speziellen onkologischen Medikamente klinische Forschungsdaten verändert und gefälscht zu haben.122 In dem Zeitraum von 1978 bis 1980 plagiierte Elias Alsabti in den USA zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, indem er gestohlene Manuskripte und bereits veröffentlichte Forschungsartikel unter eigenen Namen erneut bei weniger renommierten Zeitschriften im Inund Ausland zur Veröffentlichung einreichte.123 Die geringe Popularität der ausgewählten Zeitschriften gewährleistete, dass die Plagiate über einen längeren Zeitraum nicht nachvollzogen wurden, weil die betroffenen Autoren die Zeitschriften, in denen ihre Arbeiten zum wiederholten Male erschienen, nicht lasen.124 1981 schließlich wurde bekannt, dass John R. Darsee, Forscher der Harvard Medical School, eine kardiologische Studie mit gefälschten Daten veröffentlicht hatte.125 In der Fol- 121 Siehe zu diesem Fall Hixson, The Patchwork Mouse, 1976. 122 Marc Strauss wurde daraufhin 1982 für einen Zeitraum von vier Jahren von jeglicher Art der Förderung durch Programme des Department of Health and Human Services ausgeschlossen. Siehe zu den Fehlverhaltensfeststellungen im Einzelnen die Notice of Debarment im Federal Register, Public Health Service, HHS, Debarment From Eligibility for Financial Assistance, 47 Fed. Reg. 25413 (June 11, 1982). 123 Der irakische Medizinstudent war 1977 zu einer Assistenzarztausbildung, die ihm von dem Bruder des jordanischen Königs Hussein, Kronprinz Hassan, finanziert wurde, nach Amerika gekommen. Dort gelang es ihm trotz fehlender Examina und mittels geschönter Lebensläufe an mehreren renommierten US-amerikanischen Forschungseinrichtungen zu arbeiten, bis die Plagiatsfälle 1980 an die Öffentlichkeit drangen. Für eine Zusammenfassung der Alsabti- Affäre vgl. Broad, Science Vol. 208 (1980), S. 1438-1440; ders., Science Vol. 209 (1980), S. 249; ders., Science Vol. 209 (1980), S. 886-887; ders., Science Vol. 210 (1980), S. 291 und Lawrence, Forum on Medicine, September 1980, S. 582-587. 124 Broad/Wade, Betrug und Täuschung in der Wissenschaft, S. 49 f. 125 Der junge Nachwuchswissenschaftler John Darsee hatte im Mai 1981, durch Beobachtungen seiner Kollegen bloßgestellt, die Fälschung von Experimentendaten eingestanden. Man sah in Harvard von einer Veröffentlichung des Falles ab und begnügte sich damit, Darsee die Lehrbefugnis zu entziehen ihn aber weiter am Institut arbeiten zu lassen, in der Hoffnung, dass es sich um eine einmalige Verfehlung gehandelt habe. Fünf Monate später stellte sich aufgrund von Unregelmäßigkeiten in Forschungsdaten, die Darsee für ein NIH finanziertes instituts- 52 gezeit befassten sich drei Untersuchungskomitees126 mit dem Fall Darsee, mehrere seiner zahlreichen vorangegangenen wissenschaftlichen Veröffentlichungen wurden zurückgezogen127. Im gleichen Jahr stand auch der Student und Nachwuchsforscher Marc Spector an der Cornell University wegen Fälschung von Krebsforschungsexperimenten, die ihm zur Entwicklung einer bahnbrechenden Theorie in der Krebsursachenforschung dienen sollten, unter Verdacht.128 Die Bedeutung und Anzahl der Vorkommnisse in den Jahren 1974-1981, insgesamt waren in diesem Zeitraum zwölf gravierende Fälle wissenschaftlichen Fehlverhaltens aufgedeckt geworden, nährten Zweifel an der Redlichkeit in der Wissenschaft, der Integrität des Forschungsprozesses und der Effektivität wissenschaftlicher Selbstverwaltung und Selbstkontrolle.129 Insbesondere Wirkung und Erfolg der damals üblichen informellen Untersuchungen dieser Fehlverhaltensfälle durch die betroffenen Forschungseinrichtungen oder Untereinheiten der forschungsfördernden federal agencies wurde bezweifelt.130 Weder Forschungs- noch Forschungsförderungseinrichtungen verfügten über geeignete Normen oder ein standardisiertes Verfahren zum Umgang mit Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, daher übergreifendes Projekt vorgelegt hatte, heraus, dass die vormalige Fälschung kein Einzelfall war. Broad/Wade, Betrug und Täuschung in der Wissenschaft, S. 12 ff., Broad, Science Vol. 215 (1982), S. 478-482 und 874-876; Relman, The New England Journal of Medicine Vol. 308 (1983), S. 1415-1417. 126 Sowohl die Harvard Medical School als auch das National Heart, Lung and Blood Institute (NHLBI) beriefen im Fall Darsee Untersuchungskomitees ein. Darüber hinaus fand eine weitere Untersuchung an der Emory University School of Medicine, dem früheren Arbeitgeber Darsees statt, vgl. Steward/Feder, Nature Vol. 325 (1987), S. 207. 127 Angesehene Koautoren, die in Darsees Arbeiten aufgeführt waren, stritten jegliche Mitverantwortung für die Unregelmäßigkeiten in Darsees Veröffentlichungen ab; Steward/Feder, Nature Vol. 325 (1987), S. 207 (210 ff.); Relman, The New England Journal of Medicine Vol. 308 (1983), S. 1415 (1416 f.); vgl. zu den Vorwürfen Stewards und Feders die Stellungnahme von Darsees Vorgesetzten in Harvard Braunwald, Nature Vol. 325 (1987), S. 215 ff. 128 Die Ergebnisse der Experimente Spectors riefen durch ihre beschränkte Reproduzierbarkeit in der Fachwelt verschiedentlich Zweifel hervor, die jedoch in Ermangelung des Zugriffes auf originäre Daten nicht untermauert werden konnten. Bis schließlich zumindest eine der Fälschungen von einem Mitglied derselben Fakultät anhand der Originaldaten aufgedeckt werden konnte. Dennoch ist der Fall beispielhaft für das Versagen wissenschaftlicher Überprüfungsmechanismen, da der angesehene Professor und Mentor Spectors, Efraim Racker, selbst – sei es aufgrund übermäßigen Vertrauens in die Fähigkeiten seines Schützlings oder aufgrund eigenen Strebens nach einem nobelpreiswürdigen Durchbruch mit Hilfe der Forschungsarbeiten Spectors – keine Hinweise auf Probleme wahrnahm und offensichtlich nur unzureichende Überprüfungen der Theorie vornahm. Fox, Theory Explaining Cancer Partly Retracted, Chemical and Engineering News, Sept. 7., 1981, S. 34-35; Wade, New Scientist Vol. 91 (1981), S. 781 f.; McKean, Discover Nov. 1981, S. 18-23. 129 Vgl. ORI Homepage, Historical Background, unter: http://ori.hhs.gov/about/history.shtml (15.02.2007). 130 U.S. Department of Health and Human Services, HHS Fact Sheet: Promoting Integrity in Research, October 22, 1999, S. 1; Hallum/Hadley, ASM News Vol. 56 (1990), S. 647 (648 f.). 53 wurden die zunehmend – insbesondere in der biomedizinischen Forschung – auftretenden misconduct-Verdachtsfälle von Fall zu Fall unterschiedlich behandelt.131 II. Reaktion des Kongresses Das Thema rückte in den Folgejahren aufgrund der Emergenz weiterer spektakulärer Fälle wissenschaftlichen Fehlverhaltens und mehrerer Berichte, die die Inkompetenz der National Institutes of Health (NIH), der Universitäten und anderer Forschungseinrichtungen in Bezug auf einen geeigneten Umgang mit Fehlverhaltensvorwürfen thematisierten, immer mehr in das Interesse des Kongress.132 1. Öffentliche Anhörungen des Kongresses 1981 führte Albert Gore, Jr., damals Abgeordneter und Vorsitzender des Investigations and Oversight Subcommittee des House Science and Technology Committee133, die ersten öffentliche Anhörungsverfahren (public hearings)134 über Betrug und Fälschung in der Wissenschaft durch, die das sich immer stärker abzeichnende Problem des wissenschaftlichen Fehlverhaltens in der amerikanischen Forschung 131 Mazur, Minerva Vol. XXVII (Spring 1989), S. 178 (180 ff.); Woolf, Jurimetrics Journal Vol. 29 (1988), S. 67 (84 ff.). Die Association of American medical Colleges (AAMC) empfahl daher bereits im Jahr 1982 ihren Mitgliedseinrichtungen die Verabschiedung von Guidelines, nach denen Vorwürfe wissenschaftlichen Fehlverhaltens untersucht werden sollen, Association, of American Medical Colleges, The Maintenance of High Ethical Standards in the Conduct of Research, S. 3. 132 Reynolds, Tennessee Law Review Vol. 66 (1999), S. 801 (805 f.); ORI: An Introduction. U.S. Department of Health and Human Services, September 1993, S. 1 aus: Dustira, The Federal Role in Influencing Research Ethics Education and Standards in Science, Professional Ethics, Volume 5, Nos. 1 und 2, S. 139. 133 In den USA ist innerhalb des Ausschusssystems des Kongresses zwischen ständigen Ausschüssen (standing committees) und Sonderausschüssen (select oder special committees) zu unterscheiden. Letztere werden nur zur Erledigung einer bestimmten Aufgabe eingesetzt und anschließend wieder aufgelöst. Sie erfüllen keine legislatorischen Aufgaben. Gleiches gilt auch für die aus Mitgliedern beider Kammern zusammengesetzte joint committees, die ausschließlich mit der Durchführung von Untersuchungen oder der Ausarbeitung von Studien betraut sind. Vgl. hierzu Smith/Deering, Committees in Congress. Das House Science and Technology Committee war ebenso wie das heutige Committee on Science ein ständiger Ausschuss des Repräsentantenhauses mit mehreren Unterausschüssen (derzeit: Subcommittee on Environment, Subcommittee on Energy, Subcommittee on Research, Subcommittee on Space). 134 Der Kongress besitzt die Kompetenz, durch seine bestehenden ständigen Ausschüsse oder aber durch eigens für besondere Zwecke eingesetzte Spezialausschüsse Untersuchungen und Kontrollen durchzuführen. Ihnen stehen zu diesem Zweck rechtliche Zwangsmittel, darunter z.B. die Rechte, Zeugen zu laden, oder die Herausgabe wichtiger Dokumente zu verlangen, zur Verfügung, vgl. Shell in: Lösche/Adams (Hrsg.), Länderbericht USA, S. 207 (226 ff.).

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Zusammenfassung

Wissenschaftliches Fehlverhalten ist kein neuartiges, aber ein in Deutschland lange unbeachtetes Phänomen. Die Autorin vergleicht verschiedene nationale Standards und Verfahrensmodelle des Umgangs mit wissenschaftlichem Fehlverhalten und erkennt Tendenzen einer allgegenwärtigen zunehmenden Verkomplizierung und zugleich Internationalisierung von Regulierungssystemen in diesem Bereich.