Content

Christoph Weinrich, Die Funktion der Ehrenstrafe in der Geschichte in:

Christoph Weinrich

Statusmindernde Nebenfolgen als Ehrenstrafen im Sanktionensystem des StGB, page 137 - 138

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4236-6, ISBN online: 978-3-8452-1710-9 https://doi.org/10.5771/9783845217109

Series: Gießener Schriften zum Strafrecht und zur Kriminologie, vol. 30

Bibliographic information
137 der Ehrenstrafe als Oberbegriff verbunden wurden, es sich also in der Tat um zwei Seiten der selben Medaille handelt. II. Die Funktion der Ehrenstrafe in der Geschichte Für die Ehrenstrafe in der Geschichte kann festgehalten werden, dass die Basis ihrer Entwicklung entgegen den Ergebnissen früherer Forschung romanistisch ist.860 Auffällig an der Betrachtung zur Geschichte der Ehrenstrafe ist, dass diese unabhängig von ihrer Erscheinungsform als Schand- oder Ehrenstrafe immer – zumindest auch – dazu diente, den als gesellschaftlich unzuverlässig angesehenen Straftäter von Funktionen fernzuhalten, die von der Gesellschaft zur jeweiligen Zeit als sensibel angesehen wurden. Die Unzuverlässigkeit drückte sich dabei zum Teil in der Verwirklichung besonderer Tatbestände – immer jedoch in Fällen besonders schwerer Kriminalität – aus , was sich in der direkten oder indirekten Anbindung an das Verbrechen zeigte. In der Großen Strafrechtskommission wurde dementsprechend die Ehrenstrafe als eine Strafe gesehen, die ein gesteigertes sozialethisches Unwerturteil über die Tat und den Täter durch einen Eingriff in die soziale Geltung des Täters zum Ausdruck bringt.861 Dies kann nach dem hier in der Geschichte festgestellten für die Ehrenstrafe insgesamt gelten. Daher ist die hier gefundene Definition der Ehrenstrafe um das Element des gesteigerten sozialen Unwerturteils zu erweitern. Die Ehrenstrafe ist damit eine staatliche Sanktion, die wegen eines Verhaltens in der Vergangenheit schuldbezogen gezielt in die Partizipationsfähigkeit oder in die Partizipationsmöglichkeit eingreift. Sie hat hat zum Ziel, gesellschaftliche Stabilität zu wahren und zu erzeugen, sie beinhaltet ein gesteigertes soziales Unwerturteil. Die Ehrenstrafe hatte immer die Funktion der Stabilisierung der Gesellschaft, bzw. der in ihr herrschenden Bedingungen, da sie immer Reaktion auf Angriffe gegen als besonders wichtig empfundene Rechtsgüter war. Sie schränkte dabei Rechte ein, die für die Gesellschaft einen Ausdruck der Partizipationsmöglichkeiten des Einzelnen bedeuten. Unter diesem Gesichtspunkt erscheinen die Schandstrafen, losgelöst von ihrer konkreten Ausgestaltung, auch nicht als Akt mittelalterlicher Barbarei. Die Herabwürdigung des Einzelnen in den Augen der Gemeinschaft kann vielmehr zu einer Zeit, als eine wirkungsvolle staatliche Strafrechtspflege nicht existierte, als effektives Mittel zur Erreichung dieses Zwecks angesehen werden. Je weiter die Verfeinerung der Strafrechtspflege fortschritt, desto entbehrlicher wurde auch die Mitwirkung der Allgemeinheit am Ausschluss der Straftäter von bestimmten Positionen, und mit einer fortschreitenden Entwicklung wurde auch der Umfang der als bedeutend erachteten Positionen geringer, da ihre Bedeutung mit fortschreitender Individualisierung zwangsläufig abnehmen musste. Die Verminderung der Ehrenstrafe kann also auf die Entwicklung der Gesellschaft862 zurückgeführt wer- 860 So auch Esser, Die Ehrenstrafe, Seite 87. 861 Gallas in Niederschriften über die Sitzungen der Großen Strafrechtskommission, Seite 217. 862 Vgl. Jakobs, Strafrecht AT, 1. Abschn., Rn. 1, der Strafen generell an die Gegebenheiten, in denen sich der Staat bewegt, angeknüpft sieht. 138 den. Die Entwicklung der Ehrenstrafen folgt insofern der allgemeinen Entwicklung des Strafrechtsystems. Hier lässt sich eine Stabilisierung der Gesellschaft insgesamt erkennen. Je umfassender die Mitwirkungsmöglichkeiten des Einzelnen an der Gesellschaft wurden, desto mehr schwand das Bedürfnis einer strikten Ausscheidung des Straftäters von bestimmten Positionen. Der Gedanke der Resozialisierung, der mit dazu beitrug, die Ehrenstrafen einzuschränken,863 bedeutet ja auch nichts anderes als ein Vertrauen darin, dass die Gesellschaft die Wiedereingliederung des Straftäters akzeptiert, was Stabilität voraussetzt und ausdrückt. Hieran lässt sich auch erkennen, dass der Umfang der Ehrenstrafe mit der Ausrichtung des Strafrechts auf Strafzwecke verbunden ist. Je deutlicher sich das Strafrecht an Sicherungserwägungen anlehnt, desto umfangreicher ist die Ehrenstrafe. Demgegenüber ist sie umso mehr eingeschränkt, je deutlicher das Bestreben ist, den Straftäter wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Somit wird aus der geschichtlichen Entwicklung der Ehrenstrafe auch deutlich, dass je unsicherer die Gesellschaft im Umgang mit bestimmten Straftätern ist und je stärker ein Staat – wie im Falle der beiden deutschen Diktaturen – den Straftäter stigmatisieren und kontrollieren will, die Ehrenstrafe umso umfangreicher wird. Im Rückblick auf die eingangs erwähnte Entwicklung der Ehrenstrafe aus der Rechtlosigkeit einerseits und der Demütigungsstrafe anderseits lässt sich insgesamt festhalten, dass die letztere im Mittelalter die Ehrenstrafe dominiert hat. Seit der Aufklärung wurde dieser Aspekt jedoch immer weiter zurückgedrängt, so dass im Zuge dessen sogar der Begriff „Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte“ durch die Strafrechtsreform von 1969 fiel. Ob dies einen Abbruch der Entwicklung der Ehrenstrafe darstellt, ob dies sogar das Ende der Ehrenstrafe war, wird, wie an anderer Stelle bereits erwähnt, im folgenden Kapitel zu klären sein. 863 Schmidt, ZStW 45 (1925), Seite 11, sieht dies vor allem für die demütigenden Strafen, aus heutiger Sicht ist dies aber auf die Ehrenstrafe insgesamt zu beziehen.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die statusmindernden Nebenfolgen stellen die Ehrenstrafen des heutigen StGB dar. Dieses Ergebnis steht am Ende einer Untersuchung, in der der Autor sich mit den Nebenfolgen, aber auch mit den Begriffen Ehre und Strafe auseinandersetzt. Dabei gelingt es ihm, die Verbindung von Ehrverständnissen und Ehrenstrafen durch die Geschichte nachzuweisen und zu zeigen, dass die Geschichte der Ehrenstrafe in Deutschland mit der Strafrechtsreform von 1969 keinen Abbruch gefunden hat. Gleichzeitig stellt er sich die Frage nach der Notwendigkeit von Ehrenstrafen in heutiger Zeit, die er in begrenztem Umfang für notwendig erachtet.