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Christoph Weinrich, Bewertung der Forschung zur germanischen Ehrenstrafe in:

Christoph Weinrich

Statusmindernde Nebenfolgen als Ehrenstrafen im Sanktionensystem des StGB, page 85 - 87

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4236-6, ISBN online: 978-3-8452-1710-9 https://doi.org/10.5771/9783845217109

Series: Gießener Schriften zum Strafrecht und zur Kriminologie, vol. 30

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85 gegangen.394 Weiterhin soll der Rechtslose unfähig gewesen sein, eine ebenbürtige Ehe zu schließen und Erbe oder Vormund zu sein sowie rechtlich schutzlos Beleidigungen ausgesetzt gewesen sein.395 II. Bewertung der Forschung zur germanischen Ehrenstrafe Betrachtet man dieses System der Ehrenstrafe, so ist auch hier auffällig, dass Ehre und Ehrenstrafe Auswirkungen auf die gesellschaftliche Position des Einzelnen gehabt haben sollen. Daneben scheint ein übergeordnetes Prinzip die Reaktion auf ein Verhalten zu sein, dass gegen die Verbundenheit einer Gruppe gerichtet ist, also gegen wichtige moralische Werte verstößt. Damit könnte die Erhaltung dieser Werte die Funktion der Ehrenstrafe gewesen sein. Die Annahme einer germanischen Wurzel der Ehrenstrafe ist aber keineswegs zwingend. Logisch und damit frei von Zweifeln ist an dieser Stelle nur, dass wegen der fehlenden Komplexität des gesellschaftlichen Gebildes auf dem Gebiet des heutigen Deutschland der Ehrbegriff nicht an einen Bürgerstatus gekoppelt sein konnte.396 Alles andere muss jedoch in Zweifel gezogen werden. Die Quellenlage zu einem wie auch immer gearteten germanischen Rechtskreis kann insgesamt nicht als gesichert angesehen werden.397 Schon die Fundamente der Forschung zur Rechtsgeschichte der Germanen stammen aus einer Zeit, die aus ideologischen Gründen bemüht war, ein germanisches Heldenszenarium zu erzeugen,398 so dass auch die hinter der Ehrenstrafe vermuteten moralischen Werte angezweifelt werden müssen. Bedeutende Elemente der früheren Forschung zu den vermeintlichen Rechtssätzen der Germanen wurden aus der Cäsar- und der Tacitus-Quelle,399 andere aus dänischen Landrechten,400 aus Rückschlüssen späterer Volksrechte401 oder gar aus norwegischen Rechtssammlungen402 hergeleitet.403 Bereits die auf antiken Quellen fußende einheitliche Beurteilung der Germanen als ein Volk ist mittlerweile in der Diskussion.404 Solche Zweifel ergeben sich schon aus der unterschiedlichen Bezeichnung der Stämme in der Tacitus-Quelle, in der eine Unsicherheit in der Ein- 394 Hagen, Die Entwicklung der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte, Seite 11. 395 Fuchs, Die Ehrenstrafen, Seite 36. 396 Kießlich, Die Ehrenstrafen, Seite 11; Marezoll, Über die bürgerliche Ehre, Seite 291; Betz, Die Ehrenstrafen, Seite 8. 397 Wesel, Geschichte des Rechts, Seite 260, vgl. aber auch schon für die frühen Germanen Kühne, Die Ehrenstrafen, Seite 4; Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte, Band I, Seite 25. 398 Wesel, Geschichte des Rechts, Seite 260; Rüping/Jerouschek, Grundriß der Strafrechtsgeschichte, Rn. 2. 399 Vgl. nur von Hippel, Deutsches Strafrecht, Seite 101; Dolles, Die Nebenstrafen an der Ehre, Seite 22, der Tacitus, cap. 13 heranzieht; auch Betz, Die Ehrenstrafen, Seite 9, beruft sich auf diese Quellen. 400 Vgl. Fuchs, Die Ehrenstrafen, Seite 34. 401 Vgl. Hagen, Die Entwicklung der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte, Seite 11. 402 Vgl. Fuchs, Die Ehrenstrafen, Seite 35. 403 Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte, Band I, Seite 50. 404 Wesel, Geschichte des Rechts, Seite 261. 86 ordnung der Germanen insgesamt zum Ausdruck kommt.405 Im Rahmen des Rechts kann gerade auch die Friedlosigkeit als Sanktion im Bereich der Ehrenstrafen406 nicht mehr als gesichert angesehen werden,407 da ein Nachweis für sie nur bei nordgermanischen Stämmen möglich ist und ein Rückschluss auf andere Stammesgruppen nicht zweifelsfrei durchgeführt werden kann.408 Dies gilt umso mehr, als die skandinavischen Quellen ebenfalls nicht mehr als Ausprägungen eines urgermanischen Rechts sein können.409 Ähnliches gilt für die so genannten leges barbarorum, die schon wegen des römisch-christlichen Einflusses nicht zur Bildung von Schlüssen auf ein ursprüngliches germanisches Recht taugen.410 Demzufolge wird die Friedlosigkeit heute nicht mehr als Ausdruck umfassenden Rechtsdenkens gesehen.411 Damit ergeben sich erhebliche Zweifel an der bisherigen Darstellung zur Ehrenstrafe germanischen Rechts. Zu vermuten steht allerdings, dass schon frühe Ordnungen eine – zum Teil sicher auch graduelle – Ausstoßung des Einzelnen aus der Gemeinschaft gegebenenfalls als Surrogat für dessen Tötung vorsahen,412 da der Ausschluss von Gruppenmitgliedern das notwendige Gegenbild der Mitgliedschaft in einer Gruppe bildet. Dabei ist die graduelle Ausstoßung von der vollkommenen dahingehend zu unterscheiden, dass bei letzterer die ausstoßende Gemeinschaft keinen Einfluss mehr auf den Einzelnen hat, sobald er der Ausstoßung nachkommt und das Einflussgebiet der Gemeinschaft verlässt.413 Eine solche Sanktion wäre wie die Todesstrafe Statusvernichtung, sie kann damit nur Ehrenvernichtung sein. Allerdings birgt eine dementsprechende Ehrenvernichtung, ohne den Einzelnen zu töten, bereits den Gedanken der Ehrenminderung in sich. Für die Ehrenstrafe kann daher festgehalten werden, dass Vorläufer innerhalb eines wie auch immer gearteten germanischen Rechtssystems nicht gesichert festzustellen sind. Ein Ergebnis, das nicht verwundert, wenn für ein System der Entziehung bestimmter Partizipationsrechte ein Mindestmaß an Komplexität einer gesellschaftlichen Ordnung und zumindest das Bestehen eines organisierten Staatsverbandes vorausgesetzt werden muss. Eine Differenzierung in private Delikte und öffentliches Strafrecht konnte auch in einem solchen System noch nicht stattgefunden haben,414 so dass auch insofern keine staatlichen Ehrenstrafen bestehen konnten. Grundlagen für ein öffentliches Strafrecht werden allenfalls im Militärischen zu 405 Wesel, Geschichte des Rechts, Seite 264. 406 In die sie unter anderem Fuchs, Die Ehrenstrafen, Seite 32ff., einordnet. 407 Schmidt, Die Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, Seite 30; Wesel, Geschichte des Rechts, Seite 261; Rüping/Jerouschek, Grundriß der Strafrechtsgeschichte, Rn. 2, betonen, dass dieses Institut einer ideologiekritischen Überprüfung nicht standhält. 408 Schmidt, Die Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, Seite 30. 409 Busch, Das Germanenbild der deutschen Rechtsgeschichte, Seite 121f. 410 Busch, Das Germanenbild der deutschen Rechtsgeschichte, Seite 120; Rüping/Jerouschek, Grundriß der Strafrechtsgeschichte, Rn. 3. 411 Busch, Das Germanenbild der deutschen Rechtsgeschichte, Seite 130. 412 Esser, Die Ehrenstrafe, Seite 43. 413 Esser, Die Ehrenstrafe, Seite 43. 414 Wesel, Geschichte des Rechts, Seite 269. 87 sehen sein, in dem die Verletzung öffentlicher Interessen offenkundig wird.415 Ausgangspunkte für Ehrenstrafen werden jedoch auch bei den germanischen Stämmen vorhanden gewesen sein. Wegen der fehlenden öffentlichen Strafgewalt sind diese vor allem im Bereich der demütigenden Strafen zu vermuten, da es vor allem auf den Vollzug der Sanktion durch die Mitglieder der jeweiligen Gemeinschaft angekommen sein muss. C. Entwicklung der Ehrenstrafe im Hoch- und Spätmittelalter I. Darstellung der Ehrenstrafen im Mittelalter Erst das Mittelalter mit der Friedensbewegung des 11. und 12. Jahrhunderts ist die eigentliche Geburtsstunde eines öffentlichen Strafrechts,416 so dass es sich lohnt, für die Betrachtung der Ehrenstrafe hier erneut anzusetzen. Dominante Strafzwecke während des Mittelalters waren die Genugtuung des Verletzten417, die Vergeltung418 und die Abschreckung419. Das mittelalterliche Strafrecht ist es auch, an das spontan gedacht wird, wenn die Ehrenstrafe zum Thema wird. Dies deshalb, weil gerade hier unterschiedliche Sanktionen vor allem aus dem Bereich der Schandstrafen – wie etwa der Pranger – schon zum Allgemeinwissen zählen. Auch die Quellenlage ist etwa mit dem Sachsen- oder Schwabenspiegel420 im Hinblick auf die Ehrenstrafen ergiebiger.421 Allerdings muss berücksichtigt werden, dass die Ansätze einer einheitlichen Strafrechtspflege durch die Schwächung der Stellung des Kaisers spätestens ab dem Ende der Hohenstaufer verkümmerten422 und deswegen in der Betrachtung auf die Sanktionen in den einzelnen Stadtrechten und Territorien zurückgegriffen werden muss. 415 Wesel, Geschichte des Rechts, Seite 270; Wolfslast, Staatlicher Strafanspruch, Seite 64, sieht die Entwicklung des öffentlichen Strafrechts aus gemeinschaftsbedrohenden Taten und sieht zusätzlich sakrale Verbrechen als Ausgangspunkt der Bestrafung durch die Gemeinschaft. 416 Schild, Alte Gerichtsbarkeit, Seite 14. 417 His, Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, Seite 367. 418 His, Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, Seite 371, sieht hier den Einfluss kirchlichen Rechts. 419 His, Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, Seite 374ff. 420 Der Sachsenspiegel ist eine Darstellung des Rechts in der ostsächsichen Heimat seines Verfassers Eike von Repgow, die er von 1220-1230 verfasste und die auch anderen Rechtsbüchern der Zeit wie etwa dem Schwabenspiegel von 1275 zur Vorlage diente, vgl. Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte, Band I, Seite 246. 421 His, Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, Seite 569, spricht von einer reichen Entfaltung der Ehrenstrafen im Mittelalter. 422 Jescheck/Weigend, Strafrecht AT, § 10 III.

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Zusammenfassung

Die statusmindernden Nebenfolgen stellen die Ehrenstrafen des heutigen StGB dar. Dieses Ergebnis steht am Ende einer Untersuchung, in der der Autor sich mit den Nebenfolgen, aber auch mit den Begriffen Ehre und Strafe auseinandersetzt. Dabei gelingt es ihm, die Verbindung von Ehrverständnissen und Ehrenstrafen durch die Geschichte nachzuweisen und zu zeigen, dass die Geschichte der Ehrenstrafe in Deutschland mit der Strafrechtsreform von 1969 keinen Abbruch gefunden hat. Gleichzeitig stellt er sich die Frage nach der Notwendigkeit von Ehrenstrafen in heutiger Zeit, die er in begrenztem Umfang für notwendig erachtet.