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Edmund Ratka, Die Auswertungsmethode: „Reading how?“ in:

Edmund Ratka

Frankreichs Identität und die politische Integration Europas, page 43 - 46

Der späte Abschied vom Nationalstaat

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4233-5, ISBN online: 978-3-8452-1748-2 https://doi.org/10.5771/9783845217482

Series: Münchner Beiträge zur europäischen Einigung, vol. 21

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43 tätselement in Verbindung gebracht werden können oder zumindest auf keinen ‚identitären Widerstand‘ im Elitendiskurs treffen. Als Scharnier zwischen den einzelnen Identitätselementen und außenpolitischen Normen fungieren Argumentationsmuster. Damit ist die Art und Weise gemeint, wie vom (abstrakten) Identitätselement zur (konkreten) Norm ‚hinargumentiert‘ bzw. wie die Norm in die gemeinsam geteilte Identitätskonzeption eingebettet oder in ihr verankert ist (siehe Stahl 2007: 148). Die Identitätselemente wirken also als „konsensualer Ausgangspunkt“ bzw. „ultimatives Argument“ (Boekle/Nadoll/Stahl 2001: 14). Ob die Rednerinnen und Redner im politischen Elitendiskurs nun bewusst eine Verbindung zum Identitätselement knüpfen, um öffentliche Unterstützung zu generieren (siehe Stahl 2006: 58; Wagner 2004: 196), oder ob die Normen eine quasi automatische Konkretisierung der Identitätselemente in Handlungsanweisungen für einzelne Politikfelder bedeuten, wie es aus diskurstheoretischer Sicht anzunehmen wäre, ist im Hinblick auf die Fragestellung dieser Studie nicht entscheidend. In jedem Fall gilt, dass bestimmte Identitätselemente nur bestimmte außenpolitische Normen ermöglichen. Auf der Grundlage dieses theoretischen Gerüsts kann in den beiden folgenden Kapiteln ein Analyseraster für die sich anschließende Diskursanalyse formuliert werden. Dabei sind zwei Fragen zu beantworten, auf welche Weise welche Texte zu lesen sind (siehe Wæver 2005: 39-42). 3.4 Die Auswertungsmethode: „Reading how?“ Ein Gutteil der sozialkonstruktivistischen Außenpolitikforschung, die sich mit Texten und Diskursen beschäftigt, verzichtet auf eine explizite oder gar einheitliche Auswertungsmethode.14 Offenbar ist zur Erfassung ‚weicher‘ Phänomene wie Identitätskonzeptionen und Normen in einem ebenso ‚weichen‘ Feld wie Diskurs eine offene Vorgehensweise, die dem Spürsinn des qualitativen Forschers ausreichend Raum lässt, angemessener als standardisierte Verfahren. Um eine möglichst systematische Untersuchung der Texte und eine möglichst große Transparenz des Forschungsprozesses zu gewährleisten, bedarf es jedoch der Entwicklung eines zumindest grobmaschigen Interpretationsrasters. Den Grundstein hierfür liefert das im vorigen Kapitel formulierte Theoriemodell. Demnach ist bei der Analyse des Diskurses nach außenpolitischen Normen und Identitätselementen sowie den diese ideellen Faktoren verbindenden Argumentationsmustern zu suchen. Dabei wird, dem „concept of layered structures“ folgend, bei kontroversen Debatten das Abstraktionslevel bis hin zu den Identitätselementen als oberste diskursive Gemeinsamkeiten (geteilte „codes“) sukzessive erhöht (siehe Wæver 2005: 36). Um Identitätselemente zu erkennen ist es also notwendig „die argumentative Kette so lange zurückzuverfolgen, bis man auf jenes Element stößt, das selbst nicht argumentativ hergeleitet wird und somit am Anfang der Argumenta- 14 Siehe beispielsweise Kempin 2008; Stahl 2006; Joerißen/Stahl 2003; Krotz 2002; Boekle/Rittberger/Wagner 2001; Marcussen et al. 2001; Risse et al. 1999; Banchoff 1999. 44 tionskette steht“ (Stahl 2007: 148). Letztlich besteht die Aufgabe darin, den ‚Diskursbaum‘ nachzuzeichnen bzw. – in der Formulierung Foucaults – „die Regelmä- ßigkeit einer diskursiven Praxis ans Licht zu bringen“ (Foucault 2005: 206). Weiter ausgebaut und spezifiziert werden kann dieser Grundriss der Analyserasters durch Verfahren der qualitativen Inhaltsanalyse, wie sie etwa von Philipp Mayring ausgearbeitet worden sind.15 Mit Zusammenfassung, Explikation und Strukturierung unterscheidet Mayring drei Grundformen des Interpretierens (Mayring 2007: 58 f., 77, 82 f.). Dementsprechend werden beispielsweise bei der für die in dieser Studie durchgeführten Analyse von Parlamentsdebatten Redebeiträge mit gleicher Argumentation und Wortwahl zusammengenommen und umfangreichere Textpassagen verkürzt paraphrasiert bzw. anhand aussagekräftiger Zitate wiedergegeben. Um eine bessere Einordnung der Aussagen zu ermöglichen, sind im Sinne der ‚Explikation‘ zusätzliche Informationen, etwa zur Parteizugehörigkeit einer Rednerin oder eines Redners, bereitzustellen, die sich nicht im Text selbst finden lassen. Als wichtigste inhaltsanalytische Technik gilt die ‚Strukturierung‘, die darauf abzielt, „eine bestimmte Struktur aus dem Material herauszufiltern. Diese Struktur wird in Form eines Kategoriensystems an das Material herangetragen“ (Mayring 2007: 82 f.). Die Kategorien können dabei entweder deduktiv oder induktiv entwickelt werden. Während bei einer deduktiven Kategorienbildung die Kategorien durch theoretische Überlegungen bestimmt werden, leitet eine induktive Kategorienbildung diese „direkt aus dem Material in einem Verallgemeinerungsprozess ab“ (Mayring 2007: 74 ff.). Mayring weist aber darauf hin, dass – im Gegensatz zur „offenen Kodierung“ der „Grounded Theory“16 – auch bei einer induktiven Vorgehensweise die Definition der Kategorien theoriegeleitet und im Hinblick auf die Fragestellung zu erfolgen hat (2007: 75 f.). Für das Kategoriensystem der in dieser Studie vorzunehmenden Diskursanalyse ergeben sich die beiden Oberkategorien aus dem theoretischen Ansatz: Identitätselemente (als erste Schicht bzw. Wurzel/Stamm) und außenpolitische Normen (als zweite Schicht bzw. Ast). Die Argumentationsmuster als dritter entscheidender Bestandteil des Diskurses werden nicht über eine eigene Kategorie, sondern gemeinsam mit den Identitätselementen ermittelt und wiedergegeben. In den ‚Diskursbäumen‘, in denen die Ergebnisse der Diskursanalyse zusammengefasst sind, werden sie der Übersichtlichkeit halber separat aufgeführt (siehe die Abbildungen 5 und 6 in Kapitel 6.1). 15 Diskurs- und Inhaltsanalyse werden hier nicht als gegensätzlich verstanden. Vielmehr ist die qualitative Inhaltsanalyse bzw. ihre Verfahren als eine mögliche ‚technische‘ Umsetzung der ‚Metamethode‘ Diskursanalyse zu sehen. Entsprechend beruft sich etwa auch Rainer Baumann für seine „diskursanalytische Untersuchung“ explizit auf Verfahren der qualitativen Inhaltsanalyse (Baumann 2005: 106). 16 Die „Grounded Theory“, die Ende der 1960er von Barney G. Glaser und Anselm L. Strauss entwickelt worden ist (Glaser/Strauss 1967), liefert sowohl ein methodologisches Rahmenkonzept zur einer gegenstandsbegründeten Theoriebildung sowie konkrete Forschungsstrategien zur Datenerhebung und -auswertung. Für eine aktuelle Anwendung in der Außenpolitikforschung siehe Fürst (2008: 72-76). 45 Die inhaltlichen Unterkategorien von Identitätselementen und außenpolitischen Normen sollten hingegen induktiv gebildet werden. Die an das Textmaterial zu stellenden Fragen orientieren sich dabei sowohl an dem für die Verhaltensanalyse entwickelten Raster (siehe Kapitel 2.1) als auch an den theoretischen Annahmen von der Bedeutung ideeller Faktoren und der diskursiven Verbindung von Normen und Identitätselementen. a) Normenfrage: Welches außenpolitische Verhalten Frankreichs erwarten bzw. fordern die Diskursteilnehmer? - Frage mit Bezug auf die Verhaltenskategorie 1 (allgemeine Haltung zur Konstruktion eines politischen Europa): Was sagen die Rednerinnen und Redner über die politische Integration Europas und die Rolle, die Frankreich dabei spielen soll? - Frage mit Bezug auf die Verhaltenskategorie 2 (befürwortete Form der Integration für ein politisches Europa): Was sagen die Rederinnen und Redner über Souveränitätsabgabe? b) Identitätsfrage: Auf welchen Identitätselementen, also auf welchen ein Zusammengehörigkeitsgefühl und kollektives Selbstbild der Franzosen stiftenden Narrativen beruhen diese außenpolitischen Verhaltenserwartungen? Mit diesem Frageraster wurde der Datensatz der Diskursanalyse bearbeitet. Im Laufe des Forschungsprozesses konnten auf diese Weise die Unterkategorien „Proaktiver Universalismus“ und „Nationalstaatsbewusstsein“ als relevante Identitätselemente und „Aktive Befürwortung des Aufbaus eines politischen Europas“ und „Bewahrung der staatlichen Souveränität“ als relevante außenpolitische Normen herausgearbeitet werden. Abbildung 3: Das Kategoriensystem zur Diskursanalyse (potenzielle) Identitätselemente (potenzielle) außenpolitische Normen Pro-aktiver Universalismus Nationalstaatsbewusstsein Aktive Befürwortung des Aufbaus eines politischen Europas Bewahrung der staatlichen Souveränität Mit „Universalismus“ ist hier der Glaube gemeint, dass Frankreich ein einzigartiges Land mit Werten ist, die universelle Geltung besitzen. Der dieser Konzeption inhärente Widerspruch wird aufgelöst, indem die Einzigartigkeit der französischen Nation aus der Vorstellung abgeleitet wird, die französische Nation sei Schöpferin und privilegierte Trägerin der als universell verstandenen Werte. Das Attribut „proaktiv“ unterstreicht die missionarische Komponente dieses Universalismus: Der 46 französischen Nation wird die Pflicht auferlegt, ihre universellen Werte weltweit zu verbreiten. Der Begriff „Nationalstaat“ wird in der Regel als „territoriale Übereinstimmung von Nation und Politische[m] System“ definiert (Nohlen/Schulze 2005: 601). Als „Nationalstaatsbewusstsein“ soll dementsprechend eine Identitätskonzeption bezeichnet werden, in welcher Staat und Nation eine unauflösliche Verbindung eingehen und immer zusammen gedacht werden: „Wir sind eine Nation plus ein Staat!“ 17 3.5 Die Erhebungsmethode: „Reading what?“ Auf die Frage, welche und wie viele Texte für eine Diskursanalyse gelesen werden sollten, lautet Wævers augenzwinkernde Antwort: „Any text, as long as you read for long enough“ (Wæver 2005: 40). Wenn diskursive Strukturen im politischen Raum eine bedeutende Rolle spielten, müssten sie sich bei ausreichender Abstrahierung prinzipiell in jedem einschlägigen Text finden lassen. Aus einer theoretischen Perspektive mag dieses Argument überzeugen. Ein nicht limitierter Textkorpus gefährdet jedoch die Nachvollziehbarkeit des Forschungsprozesses und lädt zum Vorwurf des „anything goes“ geradezu ein, dass dann jedes Verhalten mit Bezug zu irgendeiner irgendwo gefundenen Norm erklärt werden könne (siehe Kowert/Legro 1996: 487). Solcher Kritik setzt sich beispielsweise die Studie von Thomas Risse et al. (1999) aus, in welcher der Einfluss von Identitätskonzeptionen auf die Haltung zur Euro- Einführung der politischen Eliten in Deutschland, Großbritannien und Frankreich untersucht wird. Als Indikatoren für die Identitätskonzeption der politischen Elite werden dort „elite statements“ über die Vorstellungen vom Nationalstaat und seinem Verhältnis zu Europa und zur Besonderheit der eigenen Nation, über „concepts of ‚others’“ und über „visions of political order“ herangezogen (Risse et al. 1999: 156). Auf eine weitere Einschränkung und Charakterisierung des Textmaterials oder auf eine substanzielle Begründung für die Selektion der zitierten Belege wird verzichtet. So führen Risse et al. eine Aussage Mitterrands, in der Europa als „unser Vaterland“ bezeichnet wird, als zentralen Nachweis für die Europäisierung der französischen Nationalstaatsidentiät ins Feld (Risse et al. 1999: 171). Allerdings handelt es sich bei der Quelle nicht um einen Teil des politischen Diskurses im engeren Sinne, sondern um eine Bemerkung in einer sehr feuilletonistisch und mehr autobiografisch geprägten ausführlichen Einleitung Mitterrands für einen Sammelband seiner Reden.18 17 Für die nähere inhaltliche Bestimmung dieser Analysekategorien, die sich aus der Diskursanalyse ergibt, siehe die diesbezügliche Zusammenfassung der Ergebnisse in Kapitel 6.1. 18 Auch Marcusssen et al. (2001: 107) und Larsen (1997: 101) messen in ihrer Argumentation diesem Zitat eine wesentliche Bedeutung bei. Dass die Aussage Mitterrands, selbst wenn sie trotz ihres Kontextes für die Analyse herangezogen wird, die Europäisierung der französischen Nationalstaatsidentität nicht belegen kann, wird in der Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand in Kapitel 6.2 gezeigt.

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Zusammenfassung

Ist Frankreich Motor oder Bremse der europäischen Einigung? Die vorliegende Studie arbeitet anhand dreier Vertragsverhandlungen (Fouchet-Pläne, Vertrag von Maastricht, Europäische Verfassung) die französische Position zur politischen Integration Europas systematisch heraus. Über eine Analyse des Diskurses der politischen Elite werden die Vorstellungen von der Identität Frankreichs ermittelt, die den Entwicklungslinien und Widersprüchen der französischen Europapolitik zugrunde liegen. Heute dominiert eine Identitätskonzeption, bei der die Nation vom Staat entkoppelt und zugleich mit einem unvermindert französischen Universalismus ausgestattet ist. Daraus werden Prognosen abgeleitet und anhand der Europapolitik Sarkozys überprüft.