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Edmund Ratka, Identität und Normen im Diskurs: „a concept of layered structures” in:

Edmund Ratka

Frankreichs Identität und die politische Integration Europas, page 41 - 43

Der späte Abschied vom Nationalstaat

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4233-5, ISBN online: 978-3-8452-1748-2 https://doi.org/10.5771/9783845217482

Series: Münchner Beiträge zur europäischen Einigung, vol. 21

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41 konzeption für die jeweiligen Politikfelder festgesteckten Rahmen, der die Möglichkeitsbedingungen staatlichen Handelns definiert, können dann andere Variablen zum Tragen kommen, die sich auch aus anderen theoretischen Annahmen ableiten können: das staatliche Machtkalkül und Sicherheitsstreben des Realismus, die nutzenmaximierenden gesellschaftlichen Akteure des Neoliberalismus oder weitere ideelle Faktoren wie die Erwartungshaltung anderer Länder und transnationale Normen. Da diese Studie die Grundmuster und Entwicklungslinien französischer Europapolitik aufdecken will, beschränkt sie sich auf die Ermittlung des identitär begründeten Handlungsspielraums. Es ist also festzuhalten, dass eine bestimmte, im Diskurs dominante Identitätskonzeption nur bestimmte außenpolitische Normen erlaubt, welche ihrerseits nur ein bestimmtes außenpolitisches Verhalten erlauben. Damit wirken Identitätskonzeptionen und Normen als Gründe für die Außenpolitik eines Landes. Sie machen Politikoptionen erst möglich bzw. beschränken durch eine Restriktion der als angemessen erachteten Alternativen die möglichen außenpolitischen Positionierungen. Die Wirkung dieser beiden ideellen Faktoren findet über den Diskurs statt. 3.3 Identität und Normen im Diskurs: „a concept of layered structures” In den beiden vorhergehenden Kapiteln wurde die Annahme expliziert, dass Identität in sozialen Interaktionen und durch die Bedeutungszuweisungen der Akteure konstruiert wird. Wodak et al. weisen darauf hin, dass unter den verschiedenen sozialen Praxen den diskursiven Praxen sowohl bei der Ausbildung als auch bei der Artikulation von Identität eine besondere Bedeutung zukommt (Wodak et al. 1998: 70 f.). Werden kollektive Identitätskonzeptionen diskursiv produziert und reproduziert (Wodak 2006: 105 f.), müssten sie im Diskurs aufzufinden sein. Der Begriff des Diskurses wird in den Sozialwissenschaften sehr unterschiedlich verwendet. Er soll hier im Sinne der als „analytisch-pragmatisch“ bezeichneten Variante der Diskursforschung („Discourse Analysis“) als ein „Feld komplexer sprachlicher und symbolischer Interaktion, auf dem (politische) Akteure ihr Verständnis von Wirklichkeit sowie die Logik ihres Handelns generieren“ verstanden werden (Kerchner 2006: 50). Bezogen auf den Untersuchungsgegenstand dieser Studie meint Diskurs die Verständigung der französischen politischen Eliten über Frankreichs Europapolitik. Wirklichkeitskonstruktionen wie kollektive Identitätskonzeptionen werden aber nicht nur im Diskurs (re-) produziert und lassen sich damit an ihm ‚ablesen‘, sondern wirken auch über den Diskurs (siehe Zehfuß 1998: 126). Um nachvollziehen zu können, wie Vorstellungen über kollektive Identität im Diskurs sichtbar und wirksam werden, ist es hilfreich, sich auf Modelle der Diskurstheorie stützen. Diese rekurrieren ihrerseits meist auf Ideen des französischen Philosophen Michel Fou- Kempin (2008: 24), Stahl (2006: 49), Wæver (2005: 41-42), Boekle, Nadoll und Stahl (2000: 29), Risse et al. (1999: 149, 157) und Banchoff (1999: 278). 42 cault.12 Foucault begreift Diskurse als geordnete und in sich sinnvolle Aussagensysteme (Foucault 2005: 156, auch 82), deren Strukturen das ‚Sagbare‘ ordnen bzw. festlegen, was überhaupt gesagt werden kann. Demnach gehört jede Aussage zu einer bestimmten Regelmäßigkeit. Diese Aussageregelmäßigkeiten sind hierarchisch geordnet, sodass sich ein „Stammbaum der Aussagen“ ergibt (Foucault 2005: 209), wobei sich an dessen Wurzel die „leitenden Aussagen“ befinden (Foucault 2005: 210), auf denen dann spezifischere und klarer abgrenzbare Aussagen aufbauen: „[Es] existiert ein vertikales Abhängigkeitssystem: Alle Positionen des Subjekts, alle Typen der Koexistenz zwischen Aussagen, alle diskursiven Strategien sind nicht gleichermaßen möglich, sondern nur die diejenigen, die durch die vorhergehenden Ebenen autorisiert werden“ (Foucault 2005: 106). Ole Wæver übersetzt diesen diskurstheoretischen Grundgedanken in das Bild einer „layered discursive structure“ (Wæver 2002: 31 f.), in der nicht jedes politische Statement möglich oder ‚sagbar‘ ist.13 Damit werden außenpolitische Handlungsoptionen letztlich durch diskursive Strukturen bestimmt (Wæver 2005: 35; 2002: 27). Über die verschieden Grade der Sedimentierung lässt sich so auch die Frage nach Kontinuität und Wandel beantworten: Je tiefer die diskursiven Schichten liegen, desto stabiler sind sie. Das Fazit der post-strukturalistischen Diskurstheorie, dass Diskursstrukturen die Möglichkeiten politischen Handelns „unabhängig von dahinter stehenden Motivlagen“ kanalisieren (Fürst 2008: 49), geht wohl zu weit, lässt es doch die Bedeutung der individuellen Akteure sehr in den Hintergrund treten. Es bleibt aber festzuhalten, dass über „neue Begründungsmuster oder die Verschiebung der Gewichtung verschiedener Begründungsmuster in einem Diskurs […] unter Umständen ein neuer Möglichkeitsraum des Handelns geschaffen wird, beispielsweise, indem Handlungsoptionen, die vielleicht ‚objektiv’ schon immer bestanden, nun als solche wahrgenommen und bezeichnet werden“ (Baumann 2005: 105 f.). Wird nun die Vorstellung eines geschichteten Diskurses bzw. eines Diskursbaumes auf die hier als Gründe für außenpolitisches Verhalten angenommenen ideellen Faktoren übertragen, ist die Identitätskonzeption als tiefere Schicht bzw. Wurzel/Stamm und die Normen als darüber gelagerte Schicht bzw. als Ast zu verstehen. Es sind nur die Normen denk- und sagbar, die mit einem zugrunde liegenden Identi- 12 Die Verwendung einzelner Gedanken Foucaults als ‚diskursanalytische Werkzeuge‘, ohne eine Diskursanalyse seines Stils durchzuführen, wäre zumindest bei Foucault selbst wohl auf wenig prinzipiellen Widerstand gestoßen. Zu Beginn seiner Vorlesungsreihe des Jahres 1976 am Collège de France erklärte er seinen Zuhörern: „[Ich] denke, dass Sie mit dem was ich sage, völlig frei umgehen sollten. Das betrifft die Forschungswege, Ideen, Modelle ebenso wie die Skizzen und Instrumente: machen Sie damit, was Sie wollen. Unter Umständen interessiert es mich, im Grunde aber geht es mich nichts an“ (Foucault 1999: 7 f.). 13 Es sind in erster Linie die Arbeiten der Kopenhagener Schule um Ole Wæver, die eine von Foucault inspirierte Diskurstheorie für die Außenpolitikforschung entwickelt haben (siehe insbesondere Wæver 2005; Hansen/Wæver 2002; Larsen 1997; Holm 1997). Auf das Werk Foucaults berufen sich außerdem Fürst (2008), Kempin (2008) und Stahl (2006) sowie – jenseits der Außenpolitikforschung – etwa die Beiträge in Kerchner/Schneider (2006). Die Vielfalt dieser Beispiele zeigt, wie unterschiedlich Foucault in der Politikwissenschaft rezipiert wird. 43 tätselement in Verbindung gebracht werden können oder zumindest auf keinen ‚identitären Widerstand‘ im Elitendiskurs treffen. Als Scharnier zwischen den einzelnen Identitätselementen und außenpolitischen Normen fungieren Argumentationsmuster. Damit ist die Art und Weise gemeint, wie vom (abstrakten) Identitätselement zur (konkreten) Norm ‚hinargumentiert‘ bzw. wie die Norm in die gemeinsam geteilte Identitätskonzeption eingebettet oder in ihr verankert ist (siehe Stahl 2007: 148). Die Identitätselemente wirken also als „konsensualer Ausgangspunkt“ bzw. „ultimatives Argument“ (Boekle/Nadoll/Stahl 2001: 14). Ob die Rednerinnen und Redner im politischen Elitendiskurs nun bewusst eine Verbindung zum Identitätselement knüpfen, um öffentliche Unterstützung zu generieren (siehe Stahl 2006: 58; Wagner 2004: 196), oder ob die Normen eine quasi automatische Konkretisierung der Identitätselemente in Handlungsanweisungen für einzelne Politikfelder bedeuten, wie es aus diskurstheoretischer Sicht anzunehmen wäre, ist im Hinblick auf die Fragestellung dieser Studie nicht entscheidend. In jedem Fall gilt, dass bestimmte Identitätselemente nur bestimmte außenpolitische Normen ermöglichen. Auf der Grundlage dieses theoretischen Gerüsts kann in den beiden folgenden Kapiteln ein Analyseraster für die sich anschließende Diskursanalyse formuliert werden. Dabei sind zwei Fragen zu beantworten, auf welche Weise welche Texte zu lesen sind (siehe Wæver 2005: 39-42). 3.4 Die Auswertungsmethode: „Reading how?“ Ein Gutteil der sozialkonstruktivistischen Außenpolitikforschung, die sich mit Texten und Diskursen beschäftigt, verzichtet auf eine explizite oder gar einheitliche Auswertungsmethode.14 Offenbar ist zur Erfassung ‚weicher‘ Phänomene wie Identitätskonzeptionen und Normen in einem ebenso ‚weichen‘ Feld wie Diskurs eine offene Vorgehensweise, die dem Spürsinn des qualitativen Forschers ausreichend Raum lässt, angemessener als standardisierte Verfahren. Um eine möglichst systematische Untersuchung der Texte und eine möglichst große Transparenz des Forschungsprozesses zu gewährleisten, bedarf es jedoch der Entwicklung eines zumindest grobmaschigen Interpretationsrasters. Den Grundstein hierfür liefert das im vorigen Kapitel formulierte Theoriemodell. Demnach ist bei der Analyse des Diskurses nach außenpolitischen Normen und Identitätselementen sowie den diese ideellen Faktoren verbindenden Argumentationsmustern zu suchen. Dabei wird, dem „concept of layered structures“ folgend, bei kontroversen Debatten das Abstraktionslevel bis hin zu den Identitätselementen als oberste diskursive Gemeinsamkeiten (geteilte „codes“) sukzessive erhöht (siehe Wæver 2005: 36). Um Identitätselemente zu erkennen ist es also notwendig „die argumentative Kette so lange zurückzuverfolgen, bis man auf jenes Element stößt, das selbst nicht argumentativ hergeleitet wird und somit am Anfang der Argumenta- 14 Siehe beispielsweise Kempin 2008; Stahl 2006; Joerißen/Stahl 2003; Krotz 2002; Boekle/Rittberger/Wagner 2001; Marcussen et al. 2001; Risse et al. 1999; Banchoff 1999.

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Zusammenfassung

Ist Frankreich Motor oder Bremse der europäischen Einigung? Die vorliegende Studie arbeitet anhand dreier Vertragsverhandlungen (Fouchet-Pläne, Vertrag von Maastricht, Europäische Verfassung) die französische Position zur politischen Integration Europas systematisch heraus. Über eine Analyse des Diskurses der politischen Elite werden die Vorstellungen von der Identität Frankreichs ermittelt, die den Entwicklungslinien und Widersprüchen der französischen Europapolitik zugrunde liegen. Heute dominiert eine Identitätskonzeption, bei der die Nation vom Staat entkoppelt und zugleich mit einem unvermindert französischen Universalismus ausgestattet ist. Daraus werden Prognosen abgeleitet und anhand der Europapolitik Sarkozys überprüft.