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Edmund Ratka, Die Konzeptionalisierung von Identität und Normen in:

Edmund Ratka

Frankreichs Identität und die politische Integration Europas, page 39 - 41

Der späte Abschied vom Nationalstaat

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4233-5, ISBN online: 978-3-8452-1748-2 https://doi.org/10.5771/9783845217482

Series: Münchner Beiträge zur europäischen Einigung, vol. 21

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39 3.2 Die Konzeptionalisierung von Identität und Normen Dem Theoriedesign dieser Studie liegt die Annahme zugrunde, dass sich die französische Europapolitik auf die Vorstellung über die kollektive Identität Frankreichs zurückführen lässt, die im Elitendiskurs dominant ist. Identität ist dabei nicht nur in der öffentlichen und politischen Debatte, sondern auch in der Wissenschaft zu einem gleichsam prominenten wie umstrittenen Begriff avanciert, der dementsprechend vielfältig und unscharf gebraucht wird. Während Brubaker und Cooper deshalb dafür plädieren, in der Wissenschaft auf alternative Begriffe zurückzugreifen (Brubaker/Cooper 2007: 46 f.), lassen sich für Forscher wie Richard Mole die unterschiedlichen Definitionen und Anwendungen des Identitätsbegriffs auf einen gemeinsamen Nenner bringen: „At its simplest, identity seeks to convey who we are or are perceived to be and the way we, as individuals or groups, locate ourselves and others in the social world“ (Mole 2007: 3). Diese Studie hält mit Blick auf seine wissenschaftliche Anschlussfähigkeit und Präsenz in der politischen Debatte am Identitätsbegriff fest. Zu betonen ist aber, dass er hier als Analysekategorie zum Einsatz kommt und keine bestimmte inhaltliche Vorstellung von kollektiver Identität unterstellt. Im Gegensatz zu anderen konstruktivistischen Arbeiten, die mit Bezeichnungen wie „nationale Identität“ (siehe Stahl 2006), „state identity“ (siehe Banchoff 1999; Jepperson/Wendt/Katzenstein 1996) oder „nation state identity“ (siehe Marcussen et al. 2001) arbeiten, soll deshalb der neutralere Begriff „Konzeption der kollektiven Identität Frankreichs“ bzw. verkürzt „(kollektive) Identitätskonzeption“ verwendet werden. Gehen wir für die Bestimmung der kollektiven Identitätskonzeption vom Individuum aus, kann auf das aus der Sozialpsychologie stammende Konzept der sozialen Identität rekurriert werden. Soziale Identität wird dort definiert als „that part of an individual’s self-concept which derives from his membership of a social group (or groups), together with the value and emotional significance attached to this“ (Tajfel 1978: 63). Wenn jetzt eine bestimmte soziale Identität für die Mitglieder einer Gruppe von so großer Bedeutung ist, dass sie es den Mitgliedern dieser Gruppe ermöglicht, sich als Gruppe positiv vom Rest der Welt abzugrenzen, ist von kollektiver Identität zu sprechen (siehe Weller 2002: 46). Ein solches Verständnis von kollektiver Identität beschränkt sich auf die Selbstzuschreibung der Mitglieder eines Kollektivs und unterscheidet sich somit vom Konzept der „Rolle“, bei welchem auch Fremdzuschreibungen einbezogen werden (siehe Stahl 2006: 51 f.). In der Terminologie von Brubaker und Cooper, die die verschiedenen Bedeutungsdimensionen des Identitätsbegriffs auffächern, könnte dieses Verständnis kollektiver Identität als „kategoriale Selbstidentifikation“ bezeichnet werden (Brubaker/Cooper 2007: 66-76). Bezogen auf den Untersuchungsgegenstand dieser Studie sind damit die Bedeutungszuschreibungen gemeint, die es den Franzosen erlauben, sich als Gemeinschaft der Franzosen, als „imagined community“ zu verstehen (Anderson: 1991: 6). Dazu wird ein kollektives Selbstbild gezeichnet, das die Gemeinschaft „Frankreich“ von anderen Gemeinschaften unterscheidet. Kollektive Identität kann somit als „set of narratives that sustain we-ness through time” verstanden werden (Banchoff 1999: 268). 40 Hier soll nun nicht der Anspruch erhoben werden, die Vorstellungen über die kollektive Identität Frankreichs in Gänze zu erfassen. Entsprechend des Untersuchungsinteresses ist lediglich die in der französischen politischen Elite vorherrschende Konzeption der kollektiven Identität Frankreichs zu untersuchen, die der französischen Position zur politischen Integration Europas zugrunde liegt. Die im Methodenteil der Studie noch zu konkretisierende Eingrenzung auf die politische Elite ergibt sich aus der Tatsache, dass es dieser Personenkreis ist, der für die Außenpolitik eines Landes unmittelbar verantwortlich zeichnet. Außerdem verfügen politische Eliten, wie Ronja Kempin unterstreicht, „im bourdieuschen Sinn über ‚symoblisches Kapital‘, das ihren Deutungen politischer Ereignisse und Handlungen Gewicht und Autorität verleiht“ (Kempin 2008: 51). Inwiefern die im Elitendiskurs konstatierten Identitätskonzeptionen und die außenpolitischen Normen dann von der französischen Gesellschaft in ihrer Breite geteilt werden, kann hier nicht abschließend beantwortet werden. Allerdings wurde insbesondere seitens der sozialkonstruktivistischen Forschung darauf hingewiesen, dass sich zumindest in demokratischen Regierungssystemen die in der Gesellschaft relevanten sozialen Wirklichkeitskonstruktionen in den Äußerungen von Regierungsvertretern und Parlamentsabgeordneten widerspiegeln.10 Identitätselemente mögen die Grundlage dafür bilden, welches staatliches Verhalten als angemessen bzw. als überhaupt möglich erachtet wird, übersetzen sich aber als allgemeine, eher abstrakte Vorstellungen vom kollektiven Selbst in der Regel nicht in konkrete Politikfelder. Um erklären zu wollen, wie europapolitische Entscheidungen möglich wurden, braucht es einen Zwischenschritt, der eine solche Übersetzung leistet: außenpolitische Normen, die als „collective expectations about proper behaviour for a given identity“ zu verstehen sind (Jepperson/Wendt/Katzenstein 1996: 54). Von Boekle, Rittberger und Wagner kann dabei das Konzept der Kommunalität („communality“) von Normen übernommen werden: Je verbreiteter eine Norm ist, desto größer ist ihr zu erwartender Einfluss auf außenpolitisches Verhalten (Boekle/Rittberger/Wagner 2001: 109). Als soziale Wirklichkeitskonstruktion wirken aber auch die außenpolitischen Normen nicht direkt und präzise. Hier ist dem von sozialkonstruktivistischen Forscherinnen wie Audie Klotz und Martha Finnemore entfalteten Argument zu folgen, dass Normen bestimmte Ziele nationaler Außenpolitik als legitim erscheinen lassen (Klotz 1995: 25 f.; Finnemore 2003: 14-17). Auf diese Weise legen die Normen einen Handlungsspielraum fest, innerhalb dessen sich die nach außen vertretbare Regierungspositionen bewegen.11 In dem auf Grundlage der kollektiven Identitäts- 10 Siehe etwa Boekle, Rittberger und Wagner, die von Parlamentariern als „‚mouthpiece’ of societal norms“ sprechen (Boekle/Rittberger/Wagner 2001: 130), sowie Schörnig (2007: 23 f.) und Wagner (2004: 196). Auch in ihrem Selbstverständnis sehen sich die nationalen Parlamente gern als „Spiegelbild der Völker“, wie es die Abgeordnete Renate Hellwig in einer Buchveröffentlichung des Deutschen Bundestages formuliert (Hellwig 1993: 7). 11 Auch wenn sie nicht immer so benannt wird, ist die Vorstellung eines identitär oder normativ begründeten Handlungsspielraums in der konstruktivistischen Außenpolitikforschung sehr verbreitet. Siehe neben Finnemore (2003: 15) und Klotz (1995: 26) unter anderem auch 41 konzeption für die jeweiligen Politikfelder festgesteckten Rahmen, der die Möglichkeitsbedingungen staatlichen Handelns definiert, können dann andere Variablen zum Tragen kommen, die sich auch aus anderen theoretischen Annahmen ableiten können: das staatliche Machtkalkül und Sicherheitsstreben des Realismus, die nutzenmaximierenden gesellschaftlichen Akteure des Neoliberalismus oder weitere ideelle Faktoren wie die Erwartungshaltung anderer Länder und transnationale Normen. Da diese Studie die Grundmuster und Entwicklungslinien französischer Europapolitik aufdecken will, beschränkt sie sich auf die Ermittlung des identitär begründeten Handlungsspielraums. Es ist also festzuhalten, dass eine bestimmte, im Diskurs dominante Identitätskonzeption nur bestimmte außenpolitische Normen erlaubt, welche ihrerseits nur ein bestimmtes außenpolitisches Verhalten erlauben. Damit wirken Identitätskonzeptionen und Normen als Gründe für die Außenpolitik eines Landes. Sie machen Politikoptionen erst möglich bzw. beschränken durch eine Restriktion der als angemessen erachteten Alternativen die möglichen außenpolitischen Positionierungen. Die Wirkung dieser beiden ideellen Faktoren findet über den Diskurs statt. 3.3 Identität und Normen im Diskurs: „a concept of layered structures” In den beiden vorhergehenden Kapiteln wurde die Annahme expliziert, dass Identität in sozialen Interaktionen und durch die Bedeutungszuweisungen der Akteure konstruiert wird. Wodak et al. weisen darauf hin, dass unter den verschiedenen sozialen Praxen den diskursiven Praxen sowohl bei der Ausbildung als auch bei der Artikulation von Identität eine besondere Bedeutung zukommt (Wodak et al. 1998: 70 f.). Werden kollektive Identitätskonzeptionen diskursiv produziert und reproduziert (Wodak 2006: 105 f.), müssten sie im Diskurs aufzufinden sein. Der Begriff des Diskurses wird in den Sozialwissenschaften sehr unterschiedlich verwendet. Er soll hier im Sinne der als „analytisch-pragmatisch“ bezeichneten Variante der Diskursforschung („Discourse Analysis“) als ein „Feld komplexer sprachlicher und symbolischer Interaktion, auf dem (politische) Akteure ihr Verständnis von Wirklichkeit sowie die Logik ihres Handelns generieren“ verstanden werden (Kerchner 2006: 50). Bezogen auf den Untersuchungsgegenstand dieser Studie meint Diskurs die Verständigung der französischen politischen Eliten über Frankreichs Europapolitik. Wirklichkeitskonstruktionen wie kollektive Identitätskonzeptionen werden aber nicht nur im Diskurs (re-) produziert und lassen sich damit an ihm ‚ablesen‘, sondern wirken auch über den Diskurs (siehe Zehfuß 1998: 126). Um nachvollziehen zu können, wie Vorstellungen über kollektive Identität im Diskurs sichtbar und wirksam werden, ist es hilfreich, sich auf Modelle der Diskurstheorie stützen. Diese rekurrieren ihrerseits meist auf Ideen des französischen Philosophen Michel Fou- Kempin (2008: 24), Stahl (2006: 49), Wæver (2005: 41-42), Boekle, Nadoll und Stahl (2000: 29), Risse et al. (1999: 149, 157) und Banchoff (1999: 278).

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Zusammenfassung

Ist Frankreich Motor oder Bremse der europäischen Einigung? Die vorliegende Studie arbeitet anhand dreier Vertragsverhandlungen (Fouchet-Pläne, Vertrag von Maastricht, Europäische Verfassung) die französische Position zur politischen Integration Europas systematisch heraus. Über eine Analyse des Diskurses der politischen Elite werden die Vorstellungen von der Identität Frankreichs ermittelt, die den Entwicklungslinien und Widersprüchen der französischen Europapolitik zugrunde liegen. Heute dominiert eine Identitätskonzeption, bei der die Nation vom Staat entkoppelt und zugleich mit einem unvermindert französischen Universalismus ausgestattet ist. Daraus werden Prognosen abgeleitet und anhand der Europapolitik Sarkozys überprüft.