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Sigrid Roßteutscher, Leistungen der Vereinswelt: freie Märkte, religiöser Pluralismus oder Organisationsstrukturen? in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 401 - 410

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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401 Schließlich zeigt der Blick auf den Gesamtsektor, dass die mangelnde Signifikanz konfessioneller Unterschiede innerhalb des religiösen Sektors darin begründet liegt, dass religiöse Vereine aller Couleur dem säkularen Verein an Themenbreite überlegen sind. Hiermit zeigt sich zum ersten Mal ein massiver und durchgehender Effekt, der alle Konfessionen von nicht-christlichen Religionsgemeinschaften bis zu den Katholiken betrifft. Dem religiösen Verein gelingt es, ganz unabhängig von seiner jeweils spezifischen Organisationsstruktur, besonders gut, Angebote an Menschen mit unterschiedlichen Präferenzen und Interessen unter einem Dach zu offerieren. 11.4 Leistungen der Vereinswelt: freie Märkte, religiöser Pluralismus oder Organisationsstrukturen? In der Konkurrenz zweier alternativer Theoriestränge, die beide für sich in Anspruch nehmen, zu erklären, warum die religiöse Vereinslandschaft mancherorts vitaler, aktivistischer und reicher an Sozialkapital ist als anderswo, gibt es einen eindeutigen Verlierer. Die Annahmen der rational choice Theorie der Religion werden nicht bestätigt. Mehr noch: selbst dort, wo ihre zentralen Indikatoren – Marktstrukturen und religiöser Wettstreit – in nicht marginalem Umfang zur Erklärung religiöser Vitalität beitragen, tun sie dies in einer Art und Weise, die dem theoretischen Modell widerspricht. Allein hinsichtlich verschiedener Makroeigenschaften der Vitalität religiöser Zivilgesellschaften – die Dichte der Vereinslandschaft, ihre Verjüngungsfähigkeit oder ihr Themenspektrum – tragen Variationen im Staat-Kirche-Verhältnis und das Ausmaß konfessioneller Konkurrenz in einem erheblichen Umfang zur Erklärung bei (R2 zwischen .27 und. 51, vgl. Tabelle 39). Zwar erweist sich der Einfluss staatlicher Regulierung theoriekonform als durchweg negativ, doch wirken staatliche Privilegien und Muster der Subventionierung in jedem einzelnen Fall als Katalysatoren religiöser Vitalität. Die Wirkung religiösen Wettstreits ist wiederum eindeutig hemmend, nur die Monopolstellung einer oder zweier Konfessionen wirkt vitalitätsfördernd – ein Ergebnis ganz im Sinne des klassischen Verdikts der Säkularisierungstheorie. Betrachtet man dagegen die Leistungen des religiösen Sektors hinsichtlich der Generierung von Aktiven, Ehrenamtlichen und Sozialkapital so ist der Beitrag der rational choice Theorie entweder restlos insignifikant oder hochgradig marginal. Selbst im marginalen Fall stehen die geringfügigen Effekte häufiger im Widerspruch zum theoretischen Ansatz als dass sie sich mit ihm in Einklang bringen ließen. Rational Choice Indikatoren – das konnte Kapitel 9 zeigen – haben ebenfalls nur einen bescheidenen Anteil an einer Erklärung unterschiedlicher Organisationsprinzipien. Mit anderen Worten, auch die Merkmale, die in diesem Kapitel zur Erklärung herangezogen wurden, sind durch das Verhältnis zwischen Staat und Kirche oder religiösen Pluralismus nicht oder kaum zu erklären: Weder zur Beantwortung der Frage, warum manche Vereine partizipativer oder sozialkapitalreicher sind als andere, noch der Frage, warum manche hierarchisch, dezentral oder demokratisch verfasst sind, kann dieser Theoriestrang einen nennenswerten substantiellen Beitrag liefern. 402 Der Ertrag der Organisationstheorie muss völlig anders bewertet werden. Organisationsmerkmale sind teilweise sogar hochgradig erklärungskräftig. Ob Vereine Ehrenamtliche und Aktive rekrutieren oder mobilisieren, ob sie sich als ideale Plattformen zur Generierung sozialen Kapitals erweisen, ist in hohem – und manchmal sogar ausschließlichem – Maße von organisatorischen Eigenschaften abhängig. Kein anderer Indikatorenkomplex, und dies gilt nicht nur für rational choice Indikatoren, sondern ebenso für konfessionelle Indikatoren und Indikatoren, die Grundbeschaffenheiten der Zivilgesellschaft abbilden, haben einen auch nur vergleichbaren Einfluss auf die demokratischen oder zivilgesellschaftlichen Leistungen des religiösen, aber auch des Vereinssektors insgesamt. Damit bestätigt sich auch eine Annahme aktueller Partizipations- und Sozialkapitaltheorien von Verba et al. bis Putnam: konfessionelle Unterschiede lassen sich in erheblichem Umfang auf spezifischen Konfessionen eigene Organisationsprinzipien zurückführen. Die Erklärungskraft der Konfession an sich – als theologische Kategorie oder Wertgemeinschaft – bleibt weit hinter der Bedeutung organisatorischer oder struktureller Eigenschaften zurück. Die in Kapitel 10 registrierten hochgradigen Unterschiede zwischen Vereinen einzelner Konfessionen, aber auch zwischen religiösem und säkularem Sektor sind in einem hohen Maße durch Organisationsmerkmale erklärbar. Dies soll nicht heißen, dass konfessionelle Eigenschaften völlig zu vernachlässigen wären. Es gibt den Unterschied, der über Organisationsstrukturen hinausgeht. Allerdings erweist sich vor allem hinsichtlich der Mobilisierung von Aktiven und Ehrenamtlichen, aber auch bezüglich der thematischen Breite der Unterschied zwischen säkularem Verein und religiösem Verein als bedeutungsvoller als der interkonfessionelle Unterschied: religiöse Vereine aller Art sind dem nicht-religiösen Verein eindeutig überlegen. Ähnliches lässt sich auch hinsichtlich der Brückenbildungskapazität des Vereinswesens sagen, auch wenn hier konfessionelle Unterschiede ein wenig klarer zu Tage treten (als Vorteil nicht-christlicher, calvinistischer bzw. Vereine aus dem Sektenmilieu hinsichtlich der sozialen Mischung der Mitglieder, als alleiniger Vorteil des katholischen Milieus im Punkte organisatorische Vernetzung). Diesen signifikanten und in der Regel alles andere als trivialen Effekten zum Trotz, können solche konfessionellen Besonderheiten die Passung des Organisationsmodells meist nur geringfügig verbessern. Dabei darf keinesfalls vergessen werden, dass konfessionelle Varianten in einem erheblichen Umfang Organisationsstrukturen bestimmen (vgl. Kapitel 9). Konfessionen wählen sich, oder entwickeln, historisch spezifische Organisationsmodelle. Sind diese einmal implementiert, dann sind sie es, die über die demokratischen und zivilgesellschaftlichen Leistungen einzelner Konfessionen entscheiden – die Konfession selbst wirkt nur noch am Rande. Organisationsmerkmale tragen also in einem teilweise erheblichen Umfang zur Erklärung zivilgesellschaftlicher und demokratischer Leistungen bei. Die Erklärungskraft des reinen Organisationsmodells variiert zwischen einem Minimum von 5,4 Prozent erklärter Varianz (vereinsinterne Mobilisierung von Aktiven im Sektor insgesamt) und einem Maximum von 54 Prozent (Rekrutierung von Aktiven im religiösen Sektor). Hinzu kommt, dass Organisationsmerkmale nicht nur – wie zu erwarten ist – zur Erklärung von Variationen innerhalb der Vereinslandschaft beitragen, sondern in einem sehr hohen, und in manchen Fällen sogar umfassenden, Maße 403 Makrounterschiede aufklären. Wenn manche Zivilgesellschaften in toto aktivistischer oder sozialkapitalreicher sind als andere, so liegt das fast ausschließlich – und deutlich mehr als an den sogenannten Kontextfaktoren, die theoretisch diese Unterschiede erklären sollten – an der von Land zu Land, von Gemeinde zu Gemeinde verschiedenen Verteilung von Organisationsmerkmalen. Kurz gesagt, wenn Größe ein Faktor ist, der fast allein dafür ausschlaggebend ist, dass viele Aktive „generiert“ werden, dann haben die Zivilgesellschaften der Länder einen Vorteil, deren Vereinswesen von großen Vereinen geprägt ist. Damit ist allerdings schon angedeutet, dass die Organisationstheorie zwar, was die Wirkkraft ihrer Indikatoren angeht, einen haushohen Sieg über die rational choice Theorie erlangt, dass sie hinsichtlich der Richtung der postulierten Zusammenhänge aber beinahe ebenso häufig daneben liegt wie letztere. Plakativ gesagt: je größer, desto besser; je professionalisierter, desto effektiver. Nur großen, mitgliederstarken Vereinen gelingt die Rekrutierung einer nicht unerheblichen Zahl von Aktiven und Ehrenamtlichen. Nur große Vereine schaffen die Voraussetzungen für eine sozialkapitalreiche Zivilgesellschaft. Umgekehrt: je kleiner der Verein, desto ausgeprägter die Tendenz zum bonding und desto schwächer die Fähigkeit, Brücken zwischen Menschen unterschiedlicher Erfahrungshorizonte und Interessenlagen zu bauen. Wenn also calvinistische Vereine und Vereine aus dem Sektenmilieu als „school of democracy“ oder Hort der Sozialkapitalgenerierung katholische Vereine ausstechen, dann liegt dies daran, dass ihre Vereinsstruktur zum großen, professionellen, ressourcenreichen Verein neigt, während das katholische Milieu eher durch kleine, weniger professionalisierte, verhältnismäßig arme Vereine geprägt ist (vgl. Kapitel 9) – ein Zusammenhang, der den gängigen Idealisierungen (und gängigen Erklärungen für das katholische „Defizit“) der Kleingruppe völlig widerspricht. Geringe Größe ist nur in einem Fall von Vorteil: die vereinsinterne Mobilisierung von Aktiven und Ehrenamtlichen aus dem vorhandenen Mitgliederpool gelingt kleinen Vereinen besser als Organisationsriesen. Eine Bestätigung des Mythos vom partizipativen Vorteil des kleinen, flachen, dezentral strukturierten Vereins findet sich aber auch hier nicht. Die größten Mobilisierungserfolge erreichen Vereine, wenn sich kleine Größe mit Wohlstand, hohem Grad der Professionalisierung und hierarchischer Einbettung paart. Demokratische Verfassung und Mitgliederfinanzierung sind dem Mobilisierungserfolg abträglich (vgl. Tabellen 42 und 43). Durch sämtliche Analysen hinweg wirken Faktoren, die solche partizipativen, flachen, demokratischen Vereinsstrukturen abbilden, entweder gar nicht oder signifikant negativ. Umgekehrt: Indikatoren, die Hierarchie und Professionalisierung abbilden – fest angestelltes Personal, hohes Jahreseinkommen, Abhängigkeit von öffentlichen Mitteln, Institutionalisierung arbeitsteiliger Strukturen, hierarchische Einbettung in Supra-Strukturen – wirken, wenn sie wirken, durchweg positiv auf die unterschiedlichsten Leistungen des Vereinssektors und zwar unabhängig davon, ob allein die religiöse Vereinslandschaft betrachtet wird oder der Sektor in seiner ganzen Breite. 404 Die Größe macht’s Die (positive) Wirkung professioneller Strukturen ist eindeutig. Mit wenigen Ausnahmen sind die unterschiedlichen Effekte die über Einkommen, Angestellte, hierarchische Einbettung etc. wirken allerdings von einem einzigen Hauptfaktor überlagert: Vereinsgröße. Ob ein Verein vielen Menschen die Gelegenheit zu aktiver Mitarbeit bietet, ob ein Verein seine Mitglieder mobilisieren kann oder ob Brücken verschiedenster Natur gebaut werden können, ist vor allem – und in manchen Fällen beinahe ausschließlich – eine Frage seiner Größe. In den bisherigen Analysen ist davon ausgegangen worden, dass Größe monoton wirkt: je kleiner bzw. je größer, desto besser. Ist dies die richtige Annahme? Immerhin gibt es Autoren die argumentieren, dass vor allem mittelgroße Vereine hinsichtlich Mobilisierung und innerorganisatorischer Partizipation sowohl dem kleinen als auch dem großen Verein unterlegen sind, der Zusammenhang also ein kurvenlinearer sei (Finke 1994). Olson (1965), aber auch Weber und Troeltsch, betonen dagegen die Überlegenheit sehr kleiner Vereine, da Probleme der Kontrolle und Sanktionierung von Trittbrettfahren schon bei relativ kleiner Größe manifest werden (vgl. Kapitel 3). Da Vereinsgröße für fast alle untersuchten zivilgesellschaftlichen Leistungen der bestimmende und mit Abstand erklärungskräftigste Faktor ist, lohnt sich eine genauere Untersuchung ihrer Wirkung. Dazu wurden die multivariaten Mehrebenmodelle wie in Tabellen 40 bis 44c dargestellt (also unter Einbeziehung aller Kontroll- und Kontextfaktoren) nochmals wiederholt, die Größenvariable allerdings durch fünf sogenannte dummy Variablen ersetzt, die einen detaillierteren Blick auf die Wirkung der Vereinsgröße erlauben. Tabelle 45 zeigt die Effekte des zerlegten Größenindikators. Vergleichsmaßstab ist in jedem Fall der Organisationsriese mit 500 und mehr Mitgliedern. Bezüglich der massenhaften Rekrutierung von Aktiven und Ehrenamtlichen (Spalten 1 und 2 in Tabelle 45) ist schon der Verein mit 100-500 Mitgliedern dem Organisationsriesen mit einer Mitgliederbasis, welche die 500 übersteigt, deutlich unterlegen. Für alle Vereine, die noch kleiner sind (unter 100 Mitgliedern) ist der Nachteil massiv, d.h. der Zwergverein mit weniger als zehn Mitgliedern ist von diesem Nachteil in etwa gleich stark betroffen wie Vereine, die in der Größenkategorie von 50-99 Mitgliedern rangieren. Der Effekt ist also nicht wirklich monoton, da prinzipiell alle Vereine der Produktionskraft des Organisationsriesen unterlegen sind – ein Negativeffekt, der sich für Vereine unter 100 Mitgliedern als besonders dramatisch erweist. Hinsichtlich der vereinsinternen Mobilisierungskapazität (Spalten 3 und 4) ergibt sich ein völlig anderes Bild. Der monotone Positiveffekt sinkender Vereinsgröße resultiert vor allem aus einem deutlichen Vorteil sehr kleiner (weniger als zehn Mitglieder) und kleiner Vereine (bis unter 50 Mitglieder). Vereine mittlerer Größe (50-99 Mitglieder) sind in ihrer Mobilisierungskapazität entweder nicht signifikant vom Organisationsriesen zu unterscheiden (Verhältnis Aktiver zur Mitgliederbasis in beiden Sektoren, Verhältnis Ehrenamtlicher zu Mitgliederbasis im religi- ösen Sektor) oder der Vorteil ist ein sehr geringer (Verhältnis Ehrenamtlicher zu Mitgliederbasis im Vereinswesen insgesamt). 405 Tabelle 45: Der Einfluss von Vereinsgröße: monoton oder nicht? Anmerkung: Mehrebenenanalysen (siehe Anmerkung zu Tabelle 40). Signifikanzniveau: *** > 0,001, ** > 0,01 *, > 0,05. Kontrast- bzw. Vergleichsgruppe sind durchgängig Vereine mit 500 und mehr Mitgliedern. Die Effekte wurden auf der Basis des jeweiligen Gesamtmodells (siehe „Schätzparameter letzter Schritt“ in Tabellen 40 bis 44c) berechnet. Im Fall der Vereine, die zwischen 100 und unter 500 Mitgliedern besitzen, zeigt sich nun ein negativer Effekt: im Vergleich zum Organisationsriesen haben solche Vereine nur beschränkte Mobilisierungsfähigkeiten – Fähigkeiten, die signifikant hinter der Mobilisierungskapazität des Großvereins zurückbleiben. Hier erweist sich also in der Tat der von Finke (1994: 9-10) prognostizierte und anhand einer Untersuchung amerikanischer Baptisten-Gruppen auch bestätigte kurvenlineare Zusammenhang. Vereine mittlerer Größe leiden an beiden Enden. Sie sind zu groß, um die Überschaubarkeit (und Sanktionsfähigkeit) des Kleinvereins zu erhalten, aber gleichzeitig zu klein, um professionelle Mobilisierungsstrategien und -techniken entwickeln zu können. Systematische Unterschiede zwischen dem religiösen Sektor und dem Vereinswesen als Ganzem finden sich nicht. Das Verhältnis von Vereinsgröße und der Fähigkeit des Vereins eine bunte Alters-, Geschlechts- und Herkunftsmischung an seiner Basis zu realisieren, zeigt noch am ehesten den ursprünglich vermuteten monotonen Effekt: sehr kleine und kleine 1 2 3 4 Zahl der Aktiven Zahl der Ehrenamtlichen Verhältnis Aktive zu Mitglieder Verhältnis Ehrenamtliche zu Mitglieder Nur Religiöse Alle Vereine Nur Religiöse Alle Vereine Nur Religiöse Alle Vereine Nur Religiöse Alle Vereine Größe (monotoner Effekt) .63*** .66*** .41 *** .26*** -.30*** -.18 *** -.43*** -.36*** Unter 9 Mitglieder -1.93*** -2.00*** -1.30 *** -.93*** .84*** .70 *** 1.58*** 1.86*** 10-49 Mitglieder -1.82*** -1.99*** -1.32 *** -.91*** .48*** .29 *** .49** .47*** 50-99 Mitglieder -1.61*** -1.82*** -1.22 *** -.81*** .17 -.09 .16 .15*** 100-499 Mitglieder -.92*** -1.08*** -1.07 *** -.68*** -.24* -.25 *** -.10 -.16*** 5 6 7 Ausmaß Soziale Mischung Ausmaß organisatorischer Vernetzung Ausmaß thematischer Vernetzung Nur Religiöse Alle Vereine Nur Religiöse Alle Vereine Nur Religiöse Alle Vereine Größe (monotoner Effekt) .39*** .30*** .02 .04* .24*** .10 *** Unter 9 Mitglieder -1.13*** -.85*** -.02 -.10 -.65*** -.29 *** 10-49 Mitglieder -1.14*** -.85*** -.06 -.14** -.58*** -.39 *** 50-99 Mitglieder -.75*** -.53*** -.11 -.06 -.41** -.28 *** 100-499 Mitglieder -.45*** -.28*** .03 -.05 -.15 -.24 *** 406 Vereine (bis unter 50 Mitglieder) sind deutlich homogener als Großvereine; der Nachteil sinkt mit jeder weiteren Größenkategorie. Mit anderen Worten: die Fähigkeit zum bridging ist im Organisationsriesen mit Abstand am größten, mit sinkender Größe der Mitgliederbasis steigt die Tendenz zum bonding schrittweise an. Ähnliches gilt auch für das Ausmaß thematischer Vernetzung, der Zahl unterschiedlicher Interessen, die ein Verein bedient. Allerdings ist ein echter monotoner Effekt nur innerhalb des religiösen Sektors zu beobachten: hier sinkt die Zahl der angebotenen Themen parallel zur Mitgliedergröße. Im Vereinssektor insgesamt lässt sich eher eine Zweiteilung der Vereinswelt beobachten. Im Vergleich zum Organisationsriesen bedienen alle anderen Vereinstypen gleichermaßen eine begrenzte Zahl an Themen. Organisatorische Vernetzung ist und bleibt auch in diesen Analysen als einzige unserer abhängigen Variablen nicht von Größenfaktoren beeinflusst. Größe wirkt am deutlichsten dort, wo auch Größe Resultat ist: der Rekrutierung einer großen Zahl an Aktiven und Ehrenamtlichen. Wie bereits kurz erwähnt, ist dieser Effekt zunächst trivial. Allein mitgliederstarke Vereine können Massen an Aktiven und Ehrenamtlichen „produzieren“. Selbst bei optimaler Mobilisierungsleistung kann ein Zwergverein mit zehn Mitgliedern maximal zehn Aktive oder Ehrenamtliche generieren – in quantitativer Hinsicht keine umwerfende Leistung. Aus diesem Grund fokussiert die Diskussion um die Leistung des kleinen Vereins – auch ohne dies explizit so zu thematisieren – immer die vereinsinterne Mobilisierungskapazität. Hier sind, wie dies auch diese Untersuchung bestätigt, kleine Vereine in der Tat Spitze. Allerdings ist der Effekt nicht monoton, sondern beschränkt sich allein auf die sehr kleinen Vereine, während Vereine mittlerer Größe sogar hinter der Mobilisierungsleistung sehr großer Vereine zurückstehen. Allein diese Tatsache rechtfertigt einen genaueren Blick auf die partizipativen Leistungen der Organisationsriesen. Aber auch der eindeutige und massive Vorteil des Großvereins in quantitativer Hinsicht ist in seiner zivilgesellschaftlichen Gesamtwirkung eben nicht trivial. Wenn wir es – entweder aus einer „Schule der Demokratie“ oder aus einer Sozialkapital-Perspektive – für wichtig und richtig erachten, dass so viele Menschen wie möglich von den potentiellen Segnungen sozialer Partizipation profitieren und wenn wir weiter davon ausgehen, dass aus diesen individuellen Segnungen Kollektivgüter entstehen, die für die Qualität und Zukunft moderner Demokratien von existentieller Bedeutung sind, dann kann die Rekrutierungsleistung des Großvereins nicht schlicht ignoriert werden oder gegen die überlegene interne Mobilisierungskapazität kleiner Vereine ausgespielt werden. Tabelle 46 ist ein Versuch, die zivilgesellschaftliche Leistung des Großvereins aus einer anderen Sicht zu bestimmen. Hier wird der partizipative Beitrag großer und kleiner Vereine im Vergleich für den Vereinssektor insgesamt, sowie für den säkularen und religiösen Sektor getrennt ausgewiesen. Basis der Berechnung sind simple Verteilungsrelationen (Zahl der Vereine in einer Kategorie, Spalte 1) und die für diesen Typ Verein durchschnittliche Zahl an Aktiven und Ehrenamtlichen (Spalten 3 und 4). Als Beispiel: in der Vereinswelt unserer zwölf Gemeinden insgesamt gehören 3122 Vereine (das sind circa 47 Prozent aller Vereine) zum Typus Kleinverein mit weniger als 50 Mitgliedern. Diese Vereine verfügen im Schnitt über 18 Aktive 407 und zehn Ehrenamtliche. Insgesamt werden also vom Kleinverein ungefähr 56.000 Aktive und 31.000 Ehrenamtliche „generiert“ (Spalten 5 und 7). Das heißt, die 47 Prozent Kleinvereine rekrutieren zehn Prozent der vom Vereinswesen insgesamt rekrutierten Aktiven und leisten 21 Prozent der Gesamtproduktion an Ehrenamtlichen (Spalten 6 und 8). Die Organisationsriesen dagegen, die im Gesamtbild einen eher marginalen Platz einnehmen und nur elf Prozent aller Vereine stellen, verfügen im Schnitt über 283 Aktive und 80 Ehrenamtliche. Ihr Beitrag zur Gesamtproduktion ist somit gewaltig: es entspricht einem Anteil von 39 Prozent aller Aktiven und 41 Prozent aller Ehrenamtlichen. Tabelle 46: Kleine und große Vereine im Vergleich 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 N In % MW Aktive MW Ehrenamtl. Aktive insgesamt Ehrenamtliche insgesamt In % alle Vereine N In % N In % Aktive Ehrenamtl. Alle Vereine 6679 100,0 82 22 547.678 100,0 146.938 100,0 100,0 100,0 Kleine (bis 50) 3122 46,7 18 10 56.196 10,3 31.220 21,2 10,3 21,2 Große (500 und mehr) 759 11,4 283 80 214.797 39,2 60.720 41,3 39,2 41,3 Säkulare Vereine 5428 100,0 88 22 477.664 100,0 119.416 100,0 87,2 81,3 Kleine (bis 50) 2327 42,9 19 10 44.213 9,3 23.270 19,5 8,1 15,8 Große (500 und mehr) 672 12,4 283 74 190.176 39,8 49.728 41,6 34,8 33,8 Religiöse Vereine 1251 100,0 54 23 67.554 100,0 28.773 100,0 12,3 19,6 Kleine (bis 50) 795 63,4 14 8 11.130 16,5 6.360 22,1 2,0 4,3 Große (500 und mehr) 87 7,0 286 125 24.882 36,8 10.875 37,8 4,5 7,4 Das heißt, wollte man alle Großvereine durch Kleinvereine ersetzen, ohne ein Minus an Aktiven und Ehrenamtlichen zu riskieren, müssten auf einen Schlag 11.933 Kleinvereine (anstelle der 759 Großvereine) geschaffen werden, um einen Ausgleich für den Verlust an Aktiven zu gewähren bzw. 6072 Kleinvereine um die Produktion an Ehrenamtlichen auszugleichen – eine Reorganisation des Vereinswesens mit wahrhaft gigantischen Ausmaßen. Der religiöse Sektor weicht in mehrerlei Hinsicht vom säkularen Sektor ab, der allein auf Grund seiner Größe das Gesamtbild reproduziert. Zunächst ist der Anteil kleiner Vereine sehr viel höher: 63 Prozent aller religiösen Vereine besitzen weniger als 50 Mitglieder (säkularer Sektor: 43 Prozent). Dementsprechend ist der Raum für Großvereine noch geringer: sieben Prozent im Vergleich zu zwölf Prozent im säkularen Vereinswesen. Diese sieben Prozent (oder 87 Vereine) verfügen im Schnitt 408 über 286 Aktive und 125 Ehrenamtliche. Gerade hinsichtlich der Ehrenamtlichen sind die Unterschiede zum säkularen Sektor frappant. Dort verfügen Kleinvereine über durchschnittlich zehn Ehrenamtliche, Großvereine über 74. Die Diskrepanz zwischen groß und klein ist somit im religiösen Sektor deutlich ausgeprägter: 125 im Vergleich zu acht Ehrenamtlichen, die von kleinen Vereinen „produziert“ werden. Damit stellen im religiösen Sektor die 64 Prozent Kleinvereine nur 17 Prozent aller Aktiven und 22 Prozent aller Ehrenamtlichen, die im religiösen Sektor rekrutiert werden. Die wenigen Großvereine dagegen schaffen 37 Prozent aller Aktiven und 38 Prozent aller Ehrenamtlichen im religiösen Kontext. Auch hier wäre eine drastische Umorganisation des Vereinswesens von Nöten, sollten Kleinvereine die Produktionsleistung der Organisationsriesen auffangen. Statt der 87 Großvereine würden 1777 Kleinvereine benötigt, um den Ausfall an Aktiven auszugleichen oder 1359 Kleinvereine zur Generierung der Zahl an Ehrenamtlichen, die von den wenigen Organisationsriesen gestellt werden. Wie auch immer man diese Vergleichszahlen betrachtet, die zivilgesellschaftliche Leistung der Großorganisation ist gigantisch. Ohne sie wären lokale Zivilgesellschaften um viele Aktive und Ehrenamtliche ärmer. Auch wenn ihre interne Mobilisierungskapazität deutlich hinter der des so gerne idealisierten Kleinvereins zurücksteht, so ist ihr Gesamtbeitrag zu einer partizipativen, engagierten und folglich an Sozialkapital reichen Gesellschaft signifikant. Großvereine müssen schlicht aufgrund ihrer Größe Trittbrettfahren in einem höheren Ausmaß tolerieren als Kleinvereine255, sie leiden an geringer Intimität, Überschaubarkeit und Sanktionierbarkeit von Passivität und Indifferenz. Betrachtet man ihre Rekrutierungsleistung, die trotz all dieser der Größe zu schuldenden Hemmschwellen zu Stande kommt, so leiden sie aber mindestens so sehr unter einer übertrieben negativen öffentlichen und akademischen Wahrnehmung. Zu schnell unterstellt man ihnen Trägheit, mangelnde Attraktivität, Technokratisierung und Integrationsprobleme (z.B. Zimmer 1996: 44ff; van Deth 1996: 10f.; Heinze und Olk 1981; Eberts und Schmid 1987; Schmidt 1988; Milofsky 1988: 185), während umgekehrt dem flexiblen Kleinverein zu schnell die beinahe ausschließliche Verantwortung für gesunde, partizipative, demokratische Entwicklungen zugeschrieben wird. Diese etwas krude Vorstellung vom apathischen, wenig integrativen Massenverein, der kaum einen zu Engagement inspiriert, hat sich tief ins öffentliche Bewusstsein eingegraben. So formulierte der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude auf einer Podiumsdiskussion der Süddeutschen Zeitung: „Früher konnte man sagen: Ehrenamt siedelt sich bei der Kirche an, bei den Betriebsräten, Parteien und Vereinen. Heute haben diese Organisationen ihre Attraktivität verloren, weil ihre Strukturen verkrustet sind. Menschen wollen sich nicht ihr Leben lang in ihnen engagieren. Sie wollen nicht das Gefühl haben, ausgebeutet zu werden. Selbstbestimmt eine überschaubare Aufgabe für eine befristete Zeit übernehmen: Das ist die neue Form des Ehrenamtes, das heute nicht mehr im Namen der Großorganisationen entsteht“ (zitiert nach: Hoch 1998: 57). 255 Wie unsere Analysen (vgl. Tabelle 45) zeigten gilt dies allerdings weniger als bei Vereinen mittlerer Größe. 409 Diese Wahrnehmung ist verzerrt. Es ist natürlich sehr gut möglich, dass manche Kleinvereine den Kern eines „neuen“ Typs an Ehrenamtlichkeit in sich tragen, und sich in Zukunft weitere Verschiebungen weg von der allgemein als technokratisch und unattraktiv empfundenen Großorganisation hin zur kleinen, heimeligen, flexiblen Kleingruppe ergeben. Noch aber tragen die verschmähten Großvereine einen erklecklichen Anteil lokaler Zivilgesellschaften auf ihren Schultern. Auch um ihre Integrationsfähigkeit ist es besser bestellt als vielfach angenommen. Wenn irgendwo Brückenbildungs-Kapazitäten vorhanden sind, dann dort. Unsere Analysen zeigen den deutlichen Vorteil des Großvereins gegenüber dem Kleinverein: Kleinvereine neigen zum bonding. Hier sammeln sich Menschen ähnlichen Alters, Geschlechts oder ethnischer Herkunft, hier werden in der Regel nur ein oder wenige Themen berührt. Die große Organisation dagegen bietet Raum für Menschen mit sehr unterschiedlichen Interessenlagen und unterschiedlichen Erfahrungshorizonte. Wenn bridging eine aus gesellschaftlicher und demokratischer Perspektive so zentrale Qualität des Vereinswesen sein sollte, wie dies die neueren Beiträge im Kontext Sozialkapital suggerieren, dann spricht auch in diesem Punkt vieles für die eminent wichtige Rolle großer Organisationen gerade auch im Vergleich zur kleinen Organisation, deren Defizite bei aller Idealisierung zu selten wahrgenommen werden.

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.