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Sigrid Roßteutscher, Quellen Sozialen Kapitals in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 394 - 401

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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394 Betrachtet man die Rekrutierung Ehrenamtlicher aus der eigenen Mitgliedsbasis, so gibt es keine signifikanten konfessionellen Vor- oder Nachteile gegenüber dem katholischen Verein. Allerdings zeigt sich wiederum der Vorteil des gesamten religiösen Organisationskontextes gegenüber dem säkularen Verein. Wiederum sind Katholiken, dieses Mal aber auch Calvinisten und Vereine nicht-christlicher Religionen im Vorteil gegenüber dem säkularen Verein. Die Effekte sind signifikant, tragen allerdings kaum dazu bei, die Passung des Modells zu erhöhen. Mit anderen Worten, der positive Effekt calvinistischer Vereine wie er sich in Tabelle 43 (zum innerorganisatorischen Verhältnis von Ehrenamtlichen zu Mitgliedern) niederschlägt, ist ein Nettoeffekt, der schlicht besagt, dass trotz der Organisationsstruktur des Calvinismus, die prinzipiell mobilisierungshemmend wirkt, calvinistische Vereine ein aktivistischeres Innenleben haben als ihrer Größe entspricht. Auch der katholische Positiveffekt muss in einem solchen Licht betrachtet werden. Die Organisationsform des Katholizismus, welche wie die der Lutheraner vom Kleingruppenprinzip geprägt ist, befruchtet inner-organisatorische Mobilisierung. Der katholische Positiveffekt signalisiert somit, dass innerorganisatorische Partizipationsraten noch über den Raten liegen, die durch geringe Mitgliederzahlen inspiriert werden. Die Diskussion um die Wirkung der Kontextfaktoren ist schnell abgeschlossen. Weder Indikatoren, die dem rational choice Modell angehören, noch zivilgesellschaftliche Merkmale der Makroebene tragen zu einer Erklärung bei, warum es manchen Vereinen besser als anderen gelingt, ihre Mitglieder zu mobilisieren. Das ist angesichts des geringen Varianzanteils, der auf der Makroebene zu verorten ist, auch nicht weiter überraschend. Was an geringer Varianz zwischen den Kommunen existiert, wird durch Organisationsmerkmale – als Kompositionseffekte – hinreichend erklärt. 11.3 Quellen Sozialen Kapitals Nach der Vitalität religiöser Zivilgesellschaften und der Rekrutierungs- und Mobilisierungskompetenz konfessioneller Vereine im Vergleich miteinander, aber auch im Vergleich zum säkularen Verein, steht nun der dritte and letzte Komplex demokratischer und zivilgesellschaftlicher Leistungen im Mittelpunkt des Interesses: Soziales Kapital generiert sich vor allem in Vereinen, denen es gelingt, Brücken unterschiedlichster Natur zu bauen. Können konfessionelle Variationen, Organisationsspezifika oder aber Unterschiede im Verhältnis zwischen Staat und Kirche erklären, warum manche Organisationen eher bonding betreiben und es anderen dagegen zumindest tendenziell gelingt, Brücken zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Erfahrungshorizonte zu schlagen oder Verknüpfungen zu anderen Vereinen herzustellen. Es ist diese letzte Kompetenz der Brückenbildung, die aus einer Sozialkapital-Perspektive von zentraler Bedeutung ist, da nur hier generalisiertes Vertrauen entstehen kann, Menschen grundlegende demokratische Tugenden der Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Interessen entwickeln, die Tugend des Kompromisses erlernen und über den egoistischen Tellerrand hinausblicken. Tabelle 395 44a beginnt mit einer Analyse der bridging-Kompetenz hinsichtlich einer sozial gemischten Mitgliederbasis. Wie in Kapitel 10, wird soziale Mischung als die Fähigkeit beschrieben, Mitglieder unterschiedlichen Geschlechts, unterschiedlichen Alters, und ethnischer Herkunft in einer der Größe der jeweiligen Gruppe in etwa entsprechenden Weise zu integrieren.254 Tabelle 44a zeigt zunächst, dass hier wieder große Variationen zwischen den Ländern bzw. Gemeinden existieren (21 Prozent der Varianz im religiösen Sektor und elf Prozent im Vereinswesen insgesamt ist auf der Makroebene zu verorten). Wiederum lassen sich solche Makrovarianzen in gro- ßem Umfang als Kompositionseffekte, ausgelöst durch die unterschiedliche Verteilung von Organisationsmerkmalen, erklären. So tragen im religiösen Sektor die Implementierung professioneller Vereinsstrukturen und vor allem Mitgliederreichtum dazu bei, dass circa zwei Drittel der Makrovarianz und 14 Prozent der Varianz auf der Mikroebene erklärt werden können. Dies trifft auf die Vereinswelt insgesamt in ähnlichem Maße zu, doch gesellen sich weitere signifikante Faktoren hinzu: Vereine, die sich zu einem hohen Prozentsatz aus öffentlichen Quellen speisen und solche die in hierarchische Strukturen eingebettet sind, haben eine höhere soziale Mischung als Vereine, die klein, flach, dezentral strukturiert sind und unabhängig von der öffentlichen Hand operieren – wiederum ein Ergebnis, das dem Mythos des kleinen Idealvereins diametral entgegenläuft. Konfessionelle Faktoren spielen zwar im Vergleich zu Organisationsmerkmalen noch immer eine eher untergeordnete Rolle, doch erhöht sich die Passung des Modells ein wenig deutlicher als dies hinsichtlich der Generierung von Aktiven und Ehrenamtlichen der Fall war (der erklärte Varianzanteil auf der Mikroebene steigt im religiösen Sektor von 13,9 auf 15,5 Prozent, auf der Makroebene von 71 auf circa 80 Prozent). Innerhalb des religiösen Sektors sind es vor allem Vereine aus dem Milieu protestantischer Sekten und nicht-christliche Organisationen, die einen deutlich höheren Mischungsgrad erreichen als katholische Vereine. Katholische und lutherische Vereine sind vom säkularen Verein nicht signifikant zu unterscheiden, calvinistische, nicht-christliche und Sektenorganisationen dagegen haben eine deutlich gemischtere Zusammensetzung als nicht-religiöse Vereine. Da sich ein recht hoher Varianzanteil auf der Makroebene befindet, ist es nicht erstaunlich, dass Kontextfaktoren in diesem Fall einen Beitrag zur Erklärung von Länderunterschieden leisten können. Signifikant wirkt vor allem der Säkularisierungsgrad innerhalb des religiösen Sektors. Zwar mögen nicht-christliche Vereine und Organisationen aus dem Umfeld protestantischer Sekten hinsichtlich sozialer Mischung dem katholischen Verein überlegen sein, allerdings wirkt dieser Vorteil im Kontext hochgradig säkularisierter Zivilgesellschaften. Mit anderen Worten, die soziale Mischung des religiösen Vereins ist dort am höchsten, wo der religiöse Sektor stark marginalisiert ist. Hier scheint die randständige Positionierung dazu zu führen, dass religiöse Vereine unterschiedlichere Typen von Mitgliedern aufnehmen bzw. weniger sozial segmentierte Spartenvereine produzieren (können) als dort, wo der Säkularisierungsprozess weniger weit fortgeschritten ist. 254 Siehe Kapitel 10 für eine ausführliche Beschreibung der Indikatorenbildung. 396 Tabelle 44a: Zur Generierung von Sozialkapital – Soziale Brücken Soziale Mischung der Mitglieder Religiöse Vereine N=543 Alle Vereine N=3435 Varianzkomponenten in % Varianzkomponenten in % Gemeinde Vereine Gemeinde Vereine Nullmodell 20.8 79.2 10,8 89,2 Basismodell (Organisationsmerkmale) 66.4 14.0 64,2 12,0 BM (bereinigt) 70.9 13.9 49,9 9,4 BM + Konfession 79.5 15.5 52,4 10,6 BM + Konfession + Zivilgesellschaft 86.2 15.7 50,0 10,6 BM + Konfession + Zivilgesellschaft + Relig. Markt 95.8 15.7 89,7 10,6 Organisationsmerkmale: Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Größe (Mitglied) .44*** .39 .31*** .30 Zahl Angestellte .02 - -.01 - Jahresbudget -.01 - .04* - Quelle: privat .05 - -.02 - Quelle: öffentl. .11 - .10*** .14 *** Inst. Demokratie .00 - .00 - Inst. Profess. .10* .12** .06** - Hier. Einbettung .08 - .12*** .05 Alter -.02 - -.07*** - Konfession: Katholisch -.02 -.02 Lutherisch .09 .14 .07 .08 Calvinistisch .15 .10 .38** .38 ** Prot. Sekten .47*** .44** .55*** .55 *** Nicht-Christl. .50*** .50*** .59*** .58 *** Zivilgesellschaft: Vereinsdichte .10 - .01 - Säkularisierung .18* .02 .10 - Gemeindegröße -.06 - -.04 - Religiöser Markt: Privilegierung .16* .16* .11* .11 * Regulierung .01 .01 -.04 -.04 Vielfalt .07 .07 .08 .08 Pluralismus .05 .09 Marktmonopol -.16 -.14** -.14 ** Anmerkungen: siehe Tabelle 40. 397 Allerdings verliert dieser Effekt an Signifikanz, wenn im letzten Schritt Indikatoren des ökonomischen Modells hinzugefügt werden. Hier wirkt vor allem staatliche Privilegierung – und zwar positiv: dort, wo der Staat manche Konfessionen finanziert und ihnen Privilegien hinsichtlich gewisser Positionen im Bildungs- oder Wohlfahrtssektor einräumt (in solchen Systemen ist der Säkularisierungsgrad gering), entwickeln religiöse Vereine eine größere soziale Mischung als in Trennungssystemen, die solche Privilegien nicht erteilen. Dieser Pro-Staats-Effekt wirkt somit als eine Ergänzung zu dem Mikroeffekt, der deutlich machte, dass staatlich finanzierte oder subventionierte Vereine eine höhere Brückenbildungskompetenz ausbilden als solche Vereine, die keinen oder nur geringfügigen Zugang zu öffentlichen Mitteln haben. Es mag gut möglich sein, dass dies genau in der Absicht der öffentlichen Hand liegt, die Jugendprojekte oder Projekte zur Integration ethnischer Minderheiten finanziert und damit als Nebeneffekt auch eine höhere soziale Integration auf Vereinsebene erzielt. Wie Tabelle 44b ausweist, ist die Frage, ob ein Verein in regelmäßigem Kontakt zu anderen Vereinen steht oder in kooperative Netzwerkstrukturen eingebettet ist, wiederum fast ausschließlich auf der Mikroebene zu beantworten. Der Varianzanteil, der sich auf Unterschiede zwischen Ländern und Kommunen zurückführen lässt, ist mit drei bzw. vier Prozent eher gering. Aber auch auf der Ebene der Vereine können unsere verschiedenen Indikatoren nur einen bescheidenen Beitrag zur Erklärung leisten: acht Prozent aufgeklärte Mikrovarianz im religiösen Sektor, noch magerere sechs Prozent im Vereinswesen insgesamt. Zum ersten Mal spielt die Vereinsgröße keine Rolle. Ob Vereine organisatorisch vernetzt sind oder nicht, ist völlig unabhängig davon, ob es sich um mitgliederstarke oder mitgliederarme Vereine handelt. Dennoch wirkt wiederum fast die ganze Bandbreite organisatorischer Professionalisierung: finanzkräftige Vereine, Vereine, die einen erklecklichen Anteil ihrer Mittel von der öffentlichen Hand erhalten, Vereine, die in Dachorganisationen eingegliedert sind und Vereine mit einem arbeitsteiligen und professionalisierten Organisationsaufbau sind eher vernetzt als arme, dezentral organisierte Vereine ohne Zugang zu öffentlichen Mitteln und Vereine, die intern weniger arbeitsteilig und hierarchisch strukturiert sind. Auch hier liegt eine Erklärung auf der Hand: Kommunen sind häufig Initiatoren solcher themenspezifischer Netzwerke (Jugendarbeitslosigkeit, Kriminalität, Stadtfeste, etc.) und fordern Vereine zur Kooperation auf, mit denen sie auch sonst in Kontakt stehen – und dies sind in der Regel solche, die ihr bzw. der kommunalen Verwaltung in Aufbau und Struktur am ähnlichsten sind. Konfessionelle Unterschiede tragen innerhalb des religiösen Sektors zu einer nicht unwesentlichen Erhöhung des erklärten Varianzanteils auf der Makroebene bei (wo sich allerdings nur drei Prozent der Gesamtvarianz ansiedelt). Das um konfessionelle Indikatoren erweiterte Basismodell erklärt nun beinahe 94 Prozent (Basismodell: 63 Prozent) und zeugt von der Ausnahmestellung des katholischen Vereinslebens: alle konfessionellen Organisationen sind in geringerem Maße vernetzt als der katholische Verein – Überbleibsel der intensiven katholischen Milieubindung, deren Niveau von keiner anderen Konfession erreicht wurde. 398 Tabelle 44b: Zur Generierung von Sozialkapital – Organisatorische Brücken Organisatorische Vernetzung Religiöse Vereine N=638 Alle Vereine N=4149 Varianzkomponenten in % Varianzkomponenten in % Gemeinde Vereine Gemeinde Vereine Nullmodell 3,0 97,0 4,0 96,0 Basismodell (Organisationsmerkmale) 64,6 5,9 38,3 5,3 BM (bereinigt) 63,3 7,7 48,0 6,2 BM + Konfession 93,8 7,8 47,3 6,4 BM + Konfession + Zivilgesellschaft 32,6 8,1 42,9 6,4 BM + Konfession + Zivilgesellschaft + Relig. Markt 88,0 7,8 50,2 6,4 Organisationsmerkmale: Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Größe (Mitglied) .02 - .04* Zahl Angestellte -.02 - -.00 Jahresbudget .15 *** .12*** .07*** Quelle: privat .00 - -.06** Quelle: öffentl. .19 ** .17*** .10*** .14*** Inst. Demokratie .01 -.01 - Inst. Profess. .15 ** .21*** .16*** .20*** Hier. Einbettung .15 .15*** .18*** Alter .04 .05** - Konfession: Katholisch .21** .22*** Lutherisch -.17 * -.17 -.01 -.00 Calvinistisch -.17 -.11 .10 .10 Prot. Sekten -.23 -.18 -.05 -.05 Nicht-Christl. -.34 ** -.31** -.17 -.17 Zivilgesellschaft: Vereinsdichte .02 - .01 - Säkularisierung -.02 - .06 - Gemeindegröße .03 - .01 - Religiöser Markt: Privilegierung .04 .04 .05 .05 Regulierung -.06 -.06 .02 .02 Vielfalt -.10 * -.10* .04 .04 Pluralismus -.11 * .04 Marktmonopol .11 * -.05 Anmerkungen: siehe Tabelle 40. 399 Der Spezialfall katholisches Organisationsmilieu wird auch in den Analysen zum Vereinswesen insgesamt deutlich: im Vergleich zum säkularen Verein sind nur katholische Vereine signifikant höher vernetzt. Von den Kontextfaktoren wirken allein die verschiedenen Pluralismus- Indikatoren, allerdings ohne zu einer Verbesserung des bereits mehr oder weniger gesättigten Makromodells beizutragen. Pluralistische Situationen sind der organisatorischen Vernetzung abträglich; je mehr Konfessionen mit einander konkurrieren, desto schwächer werden die Netze, die den religiösen Sektor insgesamt mit einander verknüpfen. Konkurrenz erhöht die Abschottung. Das Umgekehrte ist in der Monopolsituation der Fall: je mehr eine oder zwei Konfessionen den Sektor dominieren, desto enger werden die Verknüpfungen im Organisationsumfeld. Schließlich fehlt noch ein letzter Aspekt organisatorischer Brückenbildung: inwieweit gelingt es Vereinen, mehr als ein Thema anzusprechen und somit Menschen unterschiedlicher Interessen unter ihrem Dach zu integrieren? Tabelle 44c zeugt zunächst davon, dass der religiöse Sektor wiederum deutlich heterogener ist als die Vereinswelt im Allgemeinen. Mit knapp neun Prozent Varianzanteil auf der Makroebene sind Länderunterschiede zwar nicht besonders ausgeprägt, aber immerhin dreimal so hoch wie dies für den Vereinssektor insgesamt festzustellen ist. Im religiösen Sektor tragen allein Organisationsmerkmale zu einer Erklärung thematischer Breite bei. Sowohl Kontextfaktoren als auch konfessionelle Indikatoren bleiben ohne jede Bedeutung, auch wenn die (insignifikanten) Effekte suggerieren, dass calvinistische Vereine und Organisationen der protestantischen Sekten ein begrenzteres Themenspektrum anbieten als katholische Vereine. Im religiösen Sektor wirken vor allem vier Faktoren, die gemeinsam 90 Prozent der Makrovarianz und 17 Prozent der Mikrovarianz erklären. Mitgliederstarke Vereine, reiche Vereine, Vereine, die intern arbeitsteilig und professionell strukturiert sind, Vereine, die nicht in hierarchische Supra-Strukturen eingebettet sind, bieten mehr Themen an als Vereine, die klein, arm, flach, aber in Dachorganisationen eingebunden sind. Gerade letzteres ist interessant, da mit der Wirkung hierarchischer Einbettung zum ersten Mal ein systematischer Unterschied zwischen religiösem Sektor und Vereinssektor insgesamt zutage tritt. Im gesamten zivilgesellschaftlichen Sektor ermutigen hierarchische Einbindungen Themenbreite. Hiermit spiegelt sich demzufolge ein prinzipieller Unterschied in der Bedeutung der Dachorganisation für die beiden Sektoren wider, der bereits in den deskriptiven Analysen (Kapitel 9) durchschien. Die typische religiöse Dachorganisation ist die Kirche oder Kirchengemeinde. Unter ihrem Dach entwickelt sich eine Vielzahl von häufig kleinen, flach organisierten, freiwilligen Gruppen – Chöre, Frauen- und Krabbelgruppen, Bibellesezirkel, etc. – die aber in der Tendenz eher „one-issue“- Vereinigungen sind. Im säkularen Sektor dagegen ist der typische Verein, der sich in regionale oder nationale Dachorganisationen eingliedert, ein großer lokaler Mehrspartenverein, der unterschiedliche Angebote unter seinem Dach vereinigt (der Sportverein, der nicht nur unterschiedliche Sportarten anbietet, sondern sich auch explizit zur Integrationsarbeit und Arbeit mit Kindern und Jugendlichen berufen fühlt). 400 Tabelle 44c: Zur Generierung von Sozialkapital – Thematische Brücken Innerorganisatorische Vernetzung von Themen Religiöse Vereine N=650 Ale Vereine N=4206 Varianzkomponenten in % Varianzkomponenten in % Gemeinde Vereine Gemeinde Vereine Nullmodell 8,5 91,5 3,0 97,0 Basismodell (Organisationsmerkmale) 67,3 8,8 0,0b 11,0 BM (bereinigt) 90,4 17,4 0,0b 6,6 BM + Konfession 69,9 17,9 12,1 8,9 BM + Konfession + Zivilgesellschaft 74,2 17,6 30,4 8,9 BM + Konfession + Zivilgesellschaft + Relig. Markt 79,6 17,6 0,0b 8,9 Organisationsmerkmale: Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Größe (Mitglied) .14* .24*** .10 *** .10*** Zahl Angestellte .01 - .06 *** - Jahresbudget .21*** .26*** .08 *** - Quelle: privat .04 - -.01 - Quelle: öffentl. .04 - .04 * - Inst. Demokratie -.05 - -.05 ** - Inst. Profess. .18** .15*** .12 *** .15*** Hier. Einbettung -.27* -22* .24 *** .15*** Alter .06 - -.03 * - Konfession: Katholisch .38 *** .38*** Lutherisch .01 - .28 *** .28*** Calvinistisch -.23 - .59 *** .59*** Prot. Sekten -.18 - .67 *** .68*** Nicht-Christl. .11 - .57 *** .57*** Zivilgesellschaft: Vereinsdichte -.06 - -.06 - Säkularisierung -.06 - -.08 - Gemeindegröße .02 - .05 - Religiöser Markt: Privilegierung .02 0.2 -.01 -.01 Regulierung -.05 -.05 -.00 -.00 Vielfalt -.01 -.01 -.01 -.01 Pluralismus .03 -.01 Marktmonopol .01 .04 Anmerkungen: siehe Tabelle 40. b Anstieg der Kovarianz-Prarameter im Vergleich zum Nullmodell. 401 Schließlich zeigt der Blick auf den Gesamtsektor, dass die mangelnde Signifikanz konfessioneller Unterschiede innerhalb des religiösen Sektors darin begründet liegt, dass religiöse Vereine aller Couleur dem säkularen Verein an Themenbreite überlegen sind. Hiermit zeigt sich zum ersten Mal ein massiver und durchgehender Effekt, der alle Konfessionen von nicht-christlichen Religionsgemeinschaften bis zu den Katholiken betrifft. Dem religiösen Verein gelingt es, ganz unabhängig von seiner jeweils spezifischen Organisationsstruktur, besonders gut, Angebote an Menschen mit unterschiedlichen Präferenzen und Interessen unter einem Dach zu offerieren. 11.4 Leistungen der Vereinswelt: freie Märkte, religiöser Pluralismus oder Organisationsstrukturen? In der Konkurrenz zweier alternativer Theoriestränge, die beide für sich in Anspruch nehmen, zu erklären, warum die religiöse Vereinslandschaft mancherorts vitaler, aktivistischer und reicher an Sozialkapital ist als anderswo, gibt es einen eindeutigen Verlierer. Die Annahmen der rational choice Theorie der Religion werden nicht bestätigt. Mehr noch: selbst dort, wo ihre zentralen Indikatoren – Marktstrukturen und religiöser Wettstreit – in nicht marginalem Umfang zur Erklärung religiöser Vitalität beitragen, tun sie dies in einer Art und Weise, die dem theoretischen Modell widerspricht. Allein hinsichtlich verschiedener Makroeigenschaften der Vitalität religiöser Zivilgesellschaften – die Dichte der Vereinslandschaft, ihre Verjüngungsfähigkeit oder ihr Themenspektrum – tragen Variationen im Staat-Kirche-Verhältnis und das Ausmaß konfessioneller Konkurrenz in einem erheblichen Umfang zur Erklärung bei (R2 zwischen .27 und. 51, vgl. Tabelle 39). Zwar erweist sich der Einfluss staatlicher Regulierung theoriekonform als durchweg negativ, doch wirken staatliche Privilegien und Muster der Subventionierung in jedem einzelnen Fall als Katalysatoren religiöser Vitalität. Die Wirkung religiösen Wettstreits ist wiederum eindeutig hemmend, nur die Monopolstellung einer oder zweier Konfessionen wirkt vitalitätsfördernd – ein Ergebnis ganz im Sinne des klassischen Verdikts der Säkularisierungstheorie. Betrachtet man dagegen die Leistungen des religiösen Sektors hinsichtlich der Generierung von Aktiven, Ehrenamtlichen und Sozialkapital so ist der Beitrag der rational choice Theorie entweder restlos insignifikant oder hochgradig marginal. Selbst im marginalen Fall stehen die geringfügigen Effekte häufiger im Widerspruch zum theoretischen Ansatz als dass sie sich mit ihm in Einklang bringen ließen. Rational Choice Indikatoren – das konnte Kapitel 9 zeigen – haben ebenfalls nur einen bescheidenen Anteil an einer Erklärung unterschiedlicher Organisationsprinzipien. Mit anderen Worten, auch die Merkmale, die in diesem Kapitel zur Erklärung herangezogen wurden, sind durch das Verhältnis zwischen Staat und Kirche oder religiösen Pluralismus nicht oder kaum zu erklären: Weder zur Beantwortung der Frage, warum manche Vereine partizipativer oder sozialkapitalreicher sind als andere, noch der Frage, warum manche hierarchisch, dezentral oder demokratisch verfasst sind, kann dieser Theoriestrang einen nennenswerten substantiellen Beitrag liefern.

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.