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Sigrid Roßteutscher, Quellen sozialen Engagements in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 383 - 394

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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383 Zusammenfassend lässt sich somit sagen, dass eine Reihe unterschiedlicher Faktoren die Vitalität religiöser Vereinslandschaften bestimmen. Die multivariaten Modelle können – nimmt man die R2-Statistik ernst – Unterschiede in der Vitalität quasi vollständig aufklären (zwischen .70 und .99). Staat-Kirche-Verhältnisse und religiöser Pluralismus leisten einen signifikanten Beitrag zur Erklärung religiöser Vitalität. Von den drei empirisch zu beobachtenden Effekten ist allerdings nur einer theoriekonform: Regulierung bremst. Staatliche Privilegierung und Subventionierung sind dagegen hilfreich und inspirieren religiöse Vitalität in jeder Hinsicht. Für Protagonisten der rational choice Schule aber wohl noch unangenehmer ist die Tatsache, dass die Konkurrenz zwischen verschiedenen Konfessionen eben nicht steigende, sondern sinkende Vitalitätsraten zur Folge hat. 11.2 Quellen sozialen Engagements Die Einheit der Analyse sind nun die Vereine. Wie in Kapitel 9 können daher Mehrebenenanalysen durchgeführt werden, die das theoretische Argument widerspiegeln. Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche, sowie der davon abzuleitende Grad religiösen Pluralismus, beeinflussen – so die rational choice Theorie – das Partizipationsmuster und die Sozialkapitalausstattung der lokal aktiven Vereine. Wie in Kapitel 9 wurden die Analysen zunächst auf den religiösen Sektor beschränkt, da anzunehmen ist, dass die staatliche Regulierung religiöser Anbieter und religiöser Wettbewerb allein hier eine erklärende Rolle spielen. In einem zweiten Schritt wurde die Gesamtzahl aller Vereine zugrunde gelegt, um zu bewerten, ob in beiden Sektoren unterschiedliche Wirkkräfte zu beobachten sind. Ebenfalls wie in Kapitel 9 zeigt der obere Teil der Tabellen 40 bis 44c Varianzberechnungen.250 In der ersten Zeile – Null- oder Intercept only-Modell – ist dokumentiert, wie sich die Varianz auf die verschiedenen Ebenen – als Varianzanteil der Makroebene (Varianz zwischen Ländern/Gemeinden) bzw. Mikroebene (als Unterschiede innerhalb des Vereinswesens) – verteilt. Die nächsten beiden Zeilen begründen das Basismodell. Hier werden die Argumente der Organisationstheorie überprüft, die davon ausgeht, dass bestimmte organisatorische Merkmale (kleine Größe, flache Hierarchien, etc.) die Partizipations- und Sozialkapital generierende Fähigkeit der Vereine prägen. Die in Kapitel 9 vorgestellten Indikatoren organisatorischer Verfasstheit sind nun die zentralen „unabhängigen“ Variablen in diesem Basismodell. Das Alter der Organisationen wurde als zusätzlicher Indikator in das Basismodell integriert, um zu kontrollieren, ob gewisse Leistungen der Vereine schlicht eine Funktion organisatorischen Alterns sein könnten. Das Basismodell wurde zweimal berechnet, da im zweiten Durchgang alle nicht-signifikanten Indikatoren, sowie Indikatoren mit Effektgrößen unter .10 aus der Analyse ausgeschlossen wurden. Ein solches Vorgehen war not- 250 Die Prozentwerte wurden ermittelt, indem die Covarianz-Parameter des jeweiligen Effektmodels in Beziehung zum Nullmodell gesetzt wurden; Covarianz (Nullmodel) – Covarianz (Effektmodel) / Covarianz (Nullmodel). 384 wendig, um ausreichend Freiheitsgrade für die in den nächsten Schritten hinzuzufügenden konfessionellen Indikatoren und Kontextfaktoren zu bewahren.251 Im nächsten Schritt werden konfessionelle Indikatoren dem Basismodell hinzugefügt. So kann überprüft werden, ob bestimmte Konfessionen, unabhängig von organisatorischen oder strukturellen Merkmalen, besonders zur Mobilisierung und Sozialkapitalgenerierung befähigt sind. Sowohl die Organisationstheorie als auch rational choice würden eine solche Möglichkeit im Prinzip ausschließen. Für die Organisationstheorie ist das katholische Defizit allein durch die Größe, Hierarchie und den Zentralismus des katholischen im Vergleich zum protestantischen Milieu erklärbar. In der rational choice Logik kommt es ausschließlich auf das Verhalten des Staates sowie auf das Ausmaß inter-konfessioneller Konkurrenz an, die das gesamte religiöse Leben befruchten sollten. Konfessionelle Eigenschaften spielen in beiden Argumentationen keine Rolle. Andere Autoren (ausführlich in Kapitel 3) sind explizit der Meinung, dass der konfessionelle Inhalt eine eigenständige Bedeutung trägt. So wird beispielweise unterstellt, dass der protestantische Individualismus soziales, auf die Gemeinschaft bezogenes Engagement eher untergräbt, während die dem Katholizismus eigene Kollektivorientierung solches befördern sollte (z.B. Offe/Fuchs 2001). Wiederum andere Autoren erwarten vom Protestantismus ein besonders hohes soziales und gemeinschaftliches Engagement, da es in seiner Natur läge, nicht dem Staat zu vertrauen, sondern Kollektivgüter in eigener Regie herzustellen (z.B. Curtis et al. 2001). In einem dritten Schritt werden nun zunächst Kontextfaktoren, die zentrale Eigenschaften der lokalen Zivilgesellschaft berühren –Dichte des Vereinswesens insgesamt, Säkularisierungsgrad lokaler Zivilgesellschaften, sowie Größe der Gemeinde (Wohnbevölkerung) – dem bereits um konfessionelle Indikatoren erweiterten Basismodell hinzugefügt. Diese drei Indikatoren wurden ausgewählt, da sie sich einerseits in der Analyse religiöser Vitalität als wirkkräftig erwiesen haben und andererseits mit keinen der nun neu hinzugefügten Individuallevelindikatoren hoch korrelieren. Die allgemeine Vereinsdichte (nicht nach religiösem und säkularem Sektor differenziert) wurde als Repräsentant zivilgesellschaftlicher Vitalität zusätzlich ins Modell integriert. In einem vierten und letzen Schritt schließlich wird die Aussagekraft des ökonomischen Modells bewertet. Welche Rolle spielen Variationen im Staat-Kirche-Verhältnis und religiöser Wettstreit bei einer Erklärung unterschiedlicher Partizipationsmuster und der Fähigkeit zur Generierung sozialen Kapitals? Um mit Tabelle 40 und der Frage, wie viele Aktive ein Verein rekrutieren kann, zu beginnen: Im religiösen Sektor sind 15 Prozent der Varianz in der Rekrutierungsfähigkeit ein Unterschied zwischen Ländern bzw. Gemeinden, während im Vereinswesen insgesamt nur magere drei Prozent der Varianz als Unterschied zwischen Ländern/lokalen Kontexten zu verstehen ist. Dies ist ein durchgängiges Merkmal dieser 251 Obwohl auf der Mikro- bzw. Vereinsebene Hunderte bzw. Tausende von Fällen zur Verfügung stehen, sind Analysen auf der Makroebene auf zwölf Fälle (Gemeinden) beschränkt. Aus diesem Grund können maximal 10 (12-1 (Intercept) – 1 (Random effect)) Indikatoren gleichzeitig analysiert werden. 385 Analysen. Der Varianzanteil auf der Makroebene ist im religiösen Sektor weitaus höher als dies für das Vereinswesen insgesamt der Fall ist. Mit anderen Worten, der religiöse Sektor unterscheidet sich von Land zu Land, von Gemeinde zu Gemeinde, deutlich stärker als das Vereinswesen an sich, wo ein sehr hoher Prozentwert der Unterschiede als Differenz innerhalb der Vereine einer Lokalität zu verstehen ist. Unsere Organisationsmerkmale (das Basismodell) können erstaunliche 54 Prozent (religiöser Sektor) bzw. 42 Prozent (Vereinswesen insgesamt) der Unterschiede in der Aktivenzahl erklären! Noch erstaunlicher ist vielleicht, dass Organisationsmerkmale auch einen massiven Teil der Varianz erklären können, die sich zwischen den Ländern bzw. Gemeinden befindet. Soll heißen, Unterschiede hinsichtlich Vereinsgröße, Ausstattung mit festange-stelltem Personal oder Finanzmitteln erklären als sogenannte Kompositionseffekte Länderunterschiede, da das religiöse und säkulare Vereinswesen von Land zu Land, von Gemeinde zu Gemeinde im Schnitt über unterschiedlich große Ressourcen verfügt. Die Vereine einiger Länder sind größer, reicher und personalstärker als die anderer Länder oder Städte (im Extremfall Bern im Vergleich zu Aalborg), daher wirken unsere Mikroindikatoren nicht nur auf der Mikroebene (d.h. erklären, warum manche Vereine mehr Aktive besitzen als andere), sondern tragen in erheblichem Ausmaß (circa 92 Prozent „Varianzaufklärung“ im Fall des religiösen Sektors; 85 Prozent im Fall der Vereinswelt insgesamt) auch dazu bei, Unterschiede zwischen Ländern zu erklären. Die Größe, also die Zahl der Mitglieder, ist der Faktor, der mit Abstand die größte Wirkkraft entfaltet (.63, vgl. Tabelle 40): mit der Zahl der Mitglieder steigt die Zahl derer, die auch aktiv am Vereinsleben partizipieren. Dieser zunächst trivial anmutende Effekt – natürlich können kleine Vereine zwangsläufig nur wenige Aktive mobilisieren – wird ein wenig bedeutungsvoller, bedenkt man, dass der Indikator Vereinsgröße beinahe allein dafür verantwortlich ist, dass manche Gemeinden mit einem weitaus kleineren Reservoir sozial Aktiver auskommen müssen als andere. Konfessionelle Faktoren wirken ebenfalls – doch weitaus schwächer.252 Im Vergleich zu katholischen Vereinen und abzüglich aller Effekte, die bereits durch Organisationsmerkmale erfasst wurden, verfügen calvinistische Vereine und Vereine aus dem protestantischen Sektenmilieu über mehr aktive Mitglieder. Lutheraner und Vereine nicht-christlicher Provenienz sind hinsichtlich der Zahl der Aktiven nicht signifikant vom katholischen Verein verschieden. Es gibt also einen kleinen, signifikanten Unterschied zugunsten des protestantischen, aber nicht-lutherischen Vereinswesens, der über Organisationsmerkmale hinaus geht. Diese konfessionellen Nuancen verschwinden allerdings im Vergleich zum säkularen Verein völlig. 252 Die Größe der Effektkoeffizienten ist nicht direkt vergleichbar, da alle Variablen außer den sogenannten „dummies“ zur konfessionellen Zugehörigkeit standardisiert wurden. Daher sind die Schätzparameter der standardisierten Variablen grundsätzlich etwas gedämpft im Vergleich zu den unbehandelten Konfessionsvariablen. Der Größenunterschied zwischen dem Effektparameter für Vereinsgröße (.63) und dem Nettoeffekt für Calvinismus (.26) ist also eher stärker als dies die Schätzparameter zeigen. 386 Tabelle 40: Zur Erklärung von aktiver Partizipation Zahl der Aktiven Religiöse Vereine N=643 Alle Vereine N=4206 Varianzkomponenten in % Varianzkomponenten in % Gemeinde Vereine Gemeinde Vereine Nullmodell 15,2 84,8 3,0 97,0 Basismodell (Organisationsmerkmale) 88,0 46,8 84,9 41,1 BM (bereinigt) 91,7 54,3 85,2 41,9 BM + Konfession 94,2 54,6 85,2 41,9 BM + Konfession + Zivilgesellschaft 98,4 54,6 81,9 41,9 BM + Konfession + Zivilgesellschaft + Relig. Markt 97,8 54,8 97,7 41,9 Organisationsmerkmale: Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Größe (Mitglied) .64*** .63*** .61*** .66*** Zahl Angestellte .07 - .00 - Jahresbudget .10 .08*** .09*** - Quelle: privat .04 - .05** - Quelle: öffentl. -.01 - -.01 - Inst. Demokratie -.00 - -.02 - Inst. Profess. -.01 - .07*** - Hier. Einbettung .06 - .01 - Alter .01 - .05*** - Konfession: Katholisch .05 - Lutherisch -.04 -.06 -.03 - Calvinistisch .19* .26** .13 - Prot. Sekten .11 .17* .06 - Nicht-Christl. -.06 -.05 -.05 - Zivilgesellschaft: Vereinsdichte -.02 - -.02 - Säkularisierung -.07* - .01 - Gemeindegröße .02 - -.01 - Religiöser Markt: Privilegierung -.02 -.02 -.03 -.03 Regulierung -.02 -.02 .07* .07* Vielfalt -.07 -.07 .01 .01 Pluralismus -0.8* .02 Marktmonopol .09** -.00 Anmerkungen: Mehrebenenanalysen. Ausschluss aller Fälle mit fehlendem Wert auf einem der Indikatoren. Standardisierte Variablen. Ohne Gewichtung. Signifikanzniveau: *** > 0,001, ** > 0,01 *, > 0,05. 387 Neben den bereits in Tabelle 39 wegen Multikollinearität ausgeschlossen Indikatoren, musste auch der Indikator für subkulturelle Verankerung aus den Analysen entfernt werden, da dieser zu hoch mit den konfessionellen Variablen korreliert. Um den Verlust von Freiheitsgraden zu minimieren, wurden aus dem hierarchischen Modell alle Indikatoren entfernt, deren Wert unter .10 lag. Die für das multivariate Modell angegebenen Schätzparameter (letzter Schritt) beruhen in jedem Fall auf Analysen mit dem Herfindahl-Index („Vielfalt“). Hinsichtlich der Zahl der im Verein Aktiven unterscheiden sich konfessionelle Vereine aller Provenienz nicht grundsätzlich vom nicht-religiösen Verein.253 Die teils massiven konfessionellen Unterschiede, die hinsichtlich der Verfügbarkeit von Aktiven festzustellen sind (Kapitel 10), werden vollständig durch Organisationsmerkmale aufgeklärt. Einen darüber hinaus gehenden konfessionellen Effekt gibt es nicht. Hinzufügen des ersten Blocks an Kontextfaktoren verändert die Gesamterklärungskraft des Modells unwesentlich. Nur im religiösen Sektor trägt der lokale Grad der Säkularisierung (im Vergleich zum Basismodell, aber auch im Vergleich zum um konfessionelle Indikatoren ergänzten Basismodell) zur Erklärung nationaler bzw. kommunaler Unterschiede bei. Der Grad der Säkularisierung hat negative Auswirkungen auf die Zahl der Aktiven im religiösen Sektor. Je marginaler der religiöse Arm der Zivilgesellschaft ist, desto schwieriger ist ein aktivistenreiches Innenleben. Den religiösen Vereinen gelingt die Kompensation also gerade nicht. Sie können ihre geringe organisatorische Präsenz nicht durch innerorganisatorische Partizipation ausgleichen. Die Wirkung der Indikatoren, die dem rational choice Modell angehören, ist bescheiden. Alle Effekte bleiben unter .10. Allerdings können auch sie, wie die zuvor untersuchten Kontextfaktoren, in einem gewissen Umfang erklären, warum zwischen Ländern und Gemeinden Unterschiede in der Zahl der Aktiven existieren (Anstieg der Varianzerklärung auf nun beachtliche 98 Prozent). Die Effekte sind wenig theoriekonform. Dort, wo das religiöse Leben pluralistisch ist, sind pro Verein weniger Aktive anzutreffen, als dort, wo eine oder zwei Kirchen den religiösen Markt monopolisieren. Für das Vereinswesen insgesamt zeichnet sich sogar ein zwar marginaler, aber signifikant positiver Effekt staatlicher Regulierung ab (der ebenfalls zu einer fast einhundertprozentigen Varianzaufklärung führt). Angesichts des äußerst geringen Varianzanteils von nur drei Prozent, der sich auf der Makroebene befindet, sollten solche Makroeffekte aber nicht überschätzt werden. Prinzipiell gilt allerdings, dass Organisationsmerkmale – und hier vor allem und fast ausschließlich die Größe der Mitgliederbasis – die einzigen wirklich bedeutenden Faktoren zur Erklärung unterschiedlicher Partizipationsraten bereitstellen. Dies trifft auf den religiösen Sektor im gleichen Umfang zu wie auf das Vereinswesen insgesamt. Aktive sind das Rückgrat des Vereins, da sie ihn lebendig halten. Ehrenamtliche sind in mancher Hinsicht noch ein wenig wichtiger, da sie all die kleinen und großen Arbeiten erledigen, ohne die ein Verein auf Dauer nicht existieren könnte. 253 Im Modell zum religiösen Sektor sind katholische Vereine die Kontrast- bzw. Vergleichsgruppe. Im Modell zum Vereinswesen insgesamt sind alle Werte im Vergleich zur Kontrastgruppe der nicht-religiösen Vereine zu interpretieren. 388 Tabelle 41: Zur Erklärung ehrenamtlichen Engagements Zahl der Ehrenamtlichen Religiöse Vereine N=642 Alle Vereine N=4180 Varianzkomponenten in % Varianzkomponenten in % Gemeinde Vereine Gemeinde Vereine Nullmodell 12,8 87,2 1,2 98,8 Basismodell (Organisationsmerkmale) 96,0 13,4 10,3 2,7 BM (bereinigt) 97,1 13,4 34,9 12,2 BM + Konfession 98,9 24,0 44,4 12,8 BM + Konfession + Zivilgesellschaft 97,2 24,0 21,4 12,8 BM + Konfession + Zivilgesellschaft + Relig. Markt 100.0a 24,0 58,7 12,8 Organisationsmerkmale: Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Größe (Mitglied) .48*** .41*** .25*** .26*** Zahl Angestellte .59*** .54*** .24*** .21*** Jahresbudget .09 - .11*** .13*** Quelle: privat -.02 - -.03 - Quelle: öffentl. -.05 - -.02 - Inst. Demokratie -.03 - -.02 - Inst. Profess. .05 - .09*** - Hier. Einbettung -.06 - .02 - Alter -.01 - .04 - Konfession: Katholisch .19*** .20*** Lutherisch -.02 -.04 .10 .10 Calvinistisch .24* .15 .46*** .44*** Prot. Sekten .21 .15 .40** .40** Nicht-Christl. .05 .01 .19* .19* Zivilgesellschaft: Vereinsdichte -.03 - .02 - Säkularisierung .03 - .02 - Gemeindegröße -.02 - -.00 - Religiöser Markt: Privilegierung -.02 -.02 -.04 -.04 Regulierung .10** .10** .03 .03 Vielfalt .07 .07 .02 .02 Pluralismus .06 .04 Marktmonopol -.09 -.03 Anmerkungen: siehe Tabelle 40. a Kovarianzen sind statistisch redundant. 389 Auch wird gern behauptet, dass es die Ehrenamtlichen sind, welche die vereinsinterne „Schule der Demokratie“ besonders intensiv durchlaufen, am ehesten Gelegenheit erhalten, ihr Kompetenzniveau zu erhöhen und durch ihr Engagement in besonderem Maße zur Produktion kollektiver Güter beitragen (vgl. Kapitel 3). Aus einer Sozialkapital-Perspektive ist es daher bedeutsam, sehr viele Ehrenamtliche zu „generieren“. Tabelle 41 zeigt, dass die Verfügbarkeit von Ehrenamtlichen wiederum im religiösen Sektor höhere Varianzanteile auf der Makroebene erbringt, also im Länder- bzw. Städtevergleich mehr Unterschiede zu finden sind (13 Prozent) als im Vereinswesen insgesamt (knapp ein Prozent). Damit ist der Makrovarianzanteil etwas geringer als dies im Fall der Aktiven war. Ein ähnliches Ergebnis brachten bereits die deskriptiven Analysen in Kapitel 10, die dokumentierten, dass sich Zivilgesellschaften immer ähnlicher werden, je höher die Kriterien für Mitgliedschaft werden: massive Unterschiede hinsichtlich Mitgliederzahlen, noch große, aber bereits deutlich geschrumpfte Länderunterschied in Bezug auf Aktive und eher geringe im Fall der Ehrenamtlichen. Der religiöse Sektor unterscheidet sich noch in einer zweiten Hinsicht von der Vereinswelt im Allgemeinen: nicht nur sind größere Variationen im Ländervergleich zu erklären, auch können solche Variationen – auf der Makro- und der Mikroebene – weitaus besser erklärt werden als im Vereinswesen insgesamt. Organisationsmerkmale und konfessionelle Indikatoren erklären um die 24 Prozent der Varianz auf der Mikro- bzw. Vereinsebene und zusätzlich fast die gesamte Varianz, die sich auf der Makroebene ansiedelt. Im Vereinswesen ist die Erklärungskraft mit circa 13 Prozent auf der Mikroebene und maximal 60 Prozent auf der Makroebene deutlich schwächer, wenn auch für sozialwissenschaftliche Verhältnisse durchaus zufriedenstellend. Die Größe des Vereins ist wiederum von überragender Bedeutung, allerdings wird ihr nun durch den Indikator, der den Umfang angestellten Personals bemisst, ein Wirkfaktor gleichen Ranges hinzugefügt. Die Zahl der Ehrenamtlichen erhöht sich in mitgliederreichen Vereinen, die über professionelles Personal verfügen und reich an finanziellen Mitteln sind. Hierbei gibt es keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Vereinssektoren, auch wenn die verschiedenen Wirkkräfte des Professionalismus im säkularen Sektor differenzierter zum Tragen kommen. Dort ist zwar die Bedeutung angestellten Personals etwas schwächer, dafür kommt ein weiterer Faktor ins Spiel, der im religiösen Sektor nicht von Bedeutung ist: dort, wo Vereinsstrukturen arbeitsteilig und professionalisiert sind, gibt es mehr Ehrenamtliche als dort, wo solche Strukturen nicht implementiert wurden oder dort, wo die kleine Vereinsdemokratie institutionalisiert wurde – ein Ergebnis, das dem gängigen Mythos vom kleinen, flachen, demokratischen Verein als Inspiration ehrenamtlichen Engagements vollständig zuwider läuft. Konfessionelle Eigenschaften scheinen deutlicher zu wirken, als dies hinsichtlich der Zahl der Aktiven der Fall war. Im säkularen Sektor betrifft ihr Effekt fast ausschließlich die Makroebene, erklärt also als Kompositionseffekt Länderunterschiede eher als Varianzen innerhalb einzelner Zivilgesellschaften. So lässt sich durch die Hinzufügung konfessioneller Indikatoren die Erklärungskraft des Modells im Vereinswesen insgesamt von knapp 35 Prozent auf 44 Prozent erhöhen, die Passung des 390 Modells auf der Mikroebene steigt dagegen nur geringfügig (um 0,6 Prozent). Im religiösen Sektor ist dies umgekehrt. Konfessionelle Unterschiede wirken auf die Mikroebene, erklären also Unterschiede zwischen Vereinen, während Länderunterschiede bereits durch Organisationsmerkmale umfassend erklärt werden können. Wiederum sind es innerhalb des konfessionellen Sektors die calvinistischen Vereine, die im Vergleich zu katholischen Organisationen über einen Vorsprung an Ehrenamtlichen verfügen. Die Analyse des Vereinssektors insgesamt zeugt dagegen vom partizipativen Vorteil des gesamten religiösen Sektors. Bis auf lutherische Vereine, die keinen signifikanten Unterschied zum säkularen Verein aufweisen, sind alle religiösen Vereine reicher an Ehrenamtlichen als der nicht-religiöse Verein. Ein genereller Vorteil, der nicht über spezifische Organisationsmerkmale vermittelt ist, sondern wohl in der Tat im Zusammenhang mit einer allen Konfessionen eigenen Betonung von Altruismus, Mitmenschlichkeit und Sympathie zu erklären ist – ein Vorteil, der allerdings wiederum im calvinistischen sowie im Sektenmilieu besonders deutlich aufscheint. Zivilgesellschaftliche Merkmale, die als erste Kontextfaktoren den Mikroindikatoren zugefügt werden, bleiben ohne jegliche Bedeutung. Dies gilt für beide Sektoren gleichermaßen. Weder die Dichte der lokalen Zivilgesellschaft, noch ihr Säkularisierungsgrad oder die Größe der Gemeinde beeinflussen die Fähigkeit des assoziativen Sektors, Ehrenamtliche zu generieren. Im religiösen Sektor führt die Addierung ökonomischer Kontextfaktoren dazu, dass konfessionelle Effekte an Signifikanz verlieren. Mit anderen Worten, der scheinbare Vorteil calvinistischer Vereine gegenüber katholischen Vereinen ist (auch) der Tatsache geschuldet, dass regulative Systeme, die in Ländern mit calvinistischer Provenienz wie der Schweiz ausgeprägter sind als in solchen mit starken katholischen Bevölkerungsanteilen, zur Generierung von Ehrenamtlichen beitragen. Bis hierhin standen quantitative Betrachtungen im Mittelpunkt: Wie viel Aktive oder Ehrenamtliche werden in Vereinen „produziert“. Tabellen 42 und 43 betonen einen alternativen Gesichtspunkt: die interne Mobilisierungskapazität lokaler Vereine. Mit anderen Worten, wie viele (welchen Prozentsatz) ihrer Mitglieder können Vereine als Aktive oder Ehrenamtliche gewinnen? Als simples Beispiel: ein Verein mit einer kleinen Mitgliederbasis kann einen sehr hohen Mobilisierungsquotienten erreichen, wenn es ihm gelingt, acht seiner insgesamt zehn Mitglieder zu mobilisieren. Ein Großverein mit 1000 Mitgliedern mag zwar 100 Aktive oder Ehrenamtliche rekrutieren (den kleinen Verein in quantitativer Hinsicht also deutlich ausstechen), erbringt dennoch eine deutlich schlechtere Mobilisierungsleistung von nur 1:10. Diese Mobilisierungsfähigkeit ist offensichtlich zu einem sehr hohen Maße auf vereinsinterne Prozesse zurückzuführen, die wenig Varianz von Land zu Land, von Gemeinde zu Gemeinde erlauben. Auch gelingt es kaum, oder viel weniger als dies hinsichtlich des quantitativen Aspekts der Fall war, durch organisatorische oder konfessionelle Merkmale zu erklären, warum manchen Vereinen die Mobilisierung besser gelingt als anderen: Während Organisationsmerkmale auf der Mikroebene zu über 50 Prozent erklären konnten (vgl. Tabelle 40), wie viele Aktive Vereine beherbergen, ist die Aussagekraft des Modells hinsichtlich interner Mobilisierung deutlich beschränkter: circa sieben Prozent im religiösen Sektor, vier Prozent im Vereinswesen insgesamt. 391 Tabelle 42: Zur Erklärung von Mobilisierungskapazitäten: Aktive Innerorganisatorisches Verhältnis von Aktiven zu Mitgliedern Religiöse Vereine N=591 Alle Vereine N=3972 Varianzkomponenten in % Varianzkomponenten in % Gemeinde Vereine Gemeinde Vereine Nullmodell 6,9 93,4 2,8 97,2 Basismodell (Organisationsmerkmale) 39,2 7,0 57,1 5,4 BM (bereinigt) 49,4 6,6 52,9 4,1 BM + Konfession 43,3 7,1 50,7 4,4 BM + Konfession + Zivilgesellschaft 41,7 7,1 42,1 4,4 BM + Konfession + Zivilgesellschaft + Relig. Markt 16,5 7,1 69,3 4,4 Organisationsmerkmale: Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Größe (Mitglied) -.27*** -.30*** -.22*** -.18*** Zahl Angestellte .02 - .00 - Jahresbudget .06 - .07*** - Quelle: privat .02 - .03 - Quelle: öffentl. -.00 - -.02 - Inst. Demokratie -.07 - -.10*** -.05** Inst. Profess. -.01 - .08*** - Hier. Einbettung .11 - .06* - Alter .00 - .04* - Konfession: Katholisch .23*** .24*** Lutherisch -.05 -.05 .13* .12* Calvinistisch .17 .19 .20 .20 Prot. Sekten .23 .25* .26* .27* Nicht-Christl. -.16 -.15 .03 .03 Zivilgesellschaft: Vereinsdichte .04 - -.02 - Säkularisierung -.09 - -.01 - Gemeindegröße .03 - -.04 - Anmerkungen: siehe Tabelle 40. Relig. Markt: Privilegierung .02 .02 -.05 -.05 Regulierung -.06 -.06 .07 .07 Vielfalt -.03 -.03 -.01 -.01 Pluralismus -.05 -.01 Marktmonopol .11 .01 392 Es bleibt somit zu konstatieren, dass die vereinsinterne Mobilisierung zu einem sehr großen Teil von Faktoren abhängt, die durch unsere Indikatoren nicht erfasst werden können. Im religiösen Sektor findet sich ein Aspekt, der eine gewisse Bedeutung erlangt – ein Aspekt, der bereits die bisherigen Analysen dominierte: Vereinsgröße. Allerdings: der Vorteil geht nun – wie die Organisationstheorie besagt – ganz in Richtung kleine Gruppen. Je weniger Mitglieder ein Verein besitzt, desto eher gelingt ihm die Mobilisierung dieser Mitglieder. Umgekehrt: Mitgliederreiche Vereine müssen Trittbrettfahren in höheren Ausmaß tolerieren; das Verhältnis zwischen Mitgliedern und Aktiven ist deutlich schlechter als im kleinen Verein. Dies stimmt für den religiösen Sektor sowie für die Vereinswelt im Ganzen; es trifft auf die Mobilisierung Ehrenamtlicher (Tabelle 43) genauso zu wie auf die Mobilisierung Aktiver. Eine überzeugende Bestätigung der Organisationstheorie liefern die Analysen dennoch nicht. Insbesondere die Ergebnisse für die Vereine insgesamt zeigen, dass neben dem Vorteil kleiner Größe vor allem die Kräfte der Professionalisierung wirken: reichen Vereinen; Vereinen, die intern arbeitsteilig und professionell arbeiten; Vereinen, die in hierarchische Supra-Strukturen eingegliedert sind und solche, die auf eine demokratische Verfassung verzichten, gelingt es eher, Aktive zu generieren als dem flachen, wenig arbeitsteiligen, demokratisch und dezentral verfassten Ideal. Diese Zusammenhänge zeigen sich in identischer Form hinsichtlich der internen Mobilisierung von Ehrenamtlichen. Hier kommen noch zwei weitere Faktoren hinzu: fest angestelltes Personal, sowie die Unabhängigkeit von privaten Quellen der Finanzierung (vgl. Tabelle 43). Damit bestätigt sich auch bezüglich interner Mobilisierungskapazitäten die Bedeutung der professionals. Ein von festen Angestellten geprägtes Organisationsumfeld ist der Generierung ehrenamtlich Tätiger in jeder Hinsicht – quantitativ und qualitativ – von Nutzen. Gleichzeitig erbringt der Negativeffekt des mitgliederfinanzierten Vereins einen weiteren Beweis gegen die Schlüssigkeit der rational choice Logik. Vereine, die für ihre Finanzierung vor allem von Mitgliederbeiträgen und privaten Spenden abhängen, sind gerade nicht durch ein hochgradig engagiertes Innenleben gekennzeichnet. Damit sind hinsichtlich Mobilisierung mehrere Faktoren wirksam, die abgesehen von der kleinen Grö- ße allesamt verschiedene Aspekte der Professionalisierung und Institutionalisierung abdecken: Personal, Reichtum, mitgliederunabhängiges Budget, keine demokratischen Strukturen, dafür aber ein arbeitsteiliger, professionalisierter Vereinsaufbau. Insgesamt erklären diese Wirkkräfte immerhin beinahe 25 Prozent der Varianz auf der Mikroebene (13 Prozent im religiösen Sektor) und über 50 Prozent (90 Prozent im religiösen Sektor) des allerdings verschwindend geringen Varianzanteils, der durch Unterschiede zwischen Ländern und Kommunen erklärt werden muss (circa drei Prozent). Konfessionelle Variationen wirken kaum: allein Organisationen aus dem Milieu protestantischer Sekten beweisen einen gewissen Mobilisierungsvorsprung (hinsichtlich aktiver Mitglieder) gegenüber dem katholischen Vereinsmilieu (siehe Tabelle 42). Im Vergleich zum säkularen Sektor zeigt sich jedoch der Mobilisierungsvorsprung des religiösen Sektors. Vor allem katholischen Vereinen und Vereinen aus dem Umfeld protestantischer Sekten gelingt es – abzüglich aller Vorteile, die gerade im katholischen Fall bereits durch die kleine Gruppengröße erfasst werden – vergleichsweise effizient, den vorhanden Mitgliederpool zu aktivieren. 393 Tabelle 43: Zur Erklärung von Mobilisierungskapazitäten: Ehrenamtliche Innerorganisatorisches Verhältnis von Ehrenamtlichen zu Mitgliedern Religiöse Vereine N=615 Alle Vereine N=4062 Varianzkomponenten in % Varianzkomponenten in % Gemeinde Vereine Gemeinde Vereine Nullmodell 3,3 96,7 2,6 97,4 Basismodell (Organisationsmerkmale) 90,9 13,2 53,6 24,9 BM (bereinigt) 29,7 8,0 44,9 23,0 BM + Konfession 34,1 7,9 42,3 24,0 BM + Konfession + Zivilgesellschaft 45,3 7,9 56,6 24,0 BM + Konfession + Zivilgesellschaft + Relig. Markt 36,0 7,9 43,1 24,0 Organisationsmerkmale: Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Größe (Mitglied) -.38*** -.43 *** -.37*** -.36*** Zahl Angestellte .19*** .14 ** .08*** Jahresbudget .13* .11 * .11*** .15*** Quelle: privat .01 - -.12*** -.13*** Quelle: öffentl. -.11 - .01 - Inst. Demokratie -.04 - -.14*** -.10*** Inst. Profess. -.00 - .07*** - Hier. Einbettung .10 - .05 - Alter -.04 - .00 - Katholisch .33*** .34*** Lutherisch -.13 - .13* .14* Calvinistisch .03 - .30*** .29** Prot. Sekten -.16 - .10 .10 Nicht-Christl. .01 - .35*** .35*** Zivilgesellschaft: Vereinsdichte .06 - .08 - Säkularisierung -.00 - .06 - Gemeindegröße .10 - .01 - Religiöser Markt: Privilegierung .05 .05 -.01 -.01 Regulierung -.08 -.08 -.03 -.03 Vielfalt .05 .05 .05 .05 Pluralismus .10 .08 Marktmonopol -.04 -.06 Anmerkungen: siehe Tabelle 40. 394 Betrachtet man die Rekrutierung Ehrenamtlicher aus der eigenen Mitgliedsbasis, so gibt es keine signifikanten konfessionellen Vor- oder Nachteile gegenüber dem katholischen Verein. Allerdings zeigt sich wiederum der Vorteil des gesamten religiösen Organisationskontextes gegenüber dem säkularen Verein. Wiederum sind Katholiken, dieses Mal aber auch Calvinisten und Vereine nicht-christlicher Religionen im Vorteil gegenüber dem säkularen Verein. Die Effekte sind signifikant, tragen allerdings kaum dazu bei, die Passung des Modells zu erhöhen. Mit anderen Worten, der positive Effekt calvinistischer Vereine wie er sich in Tabelle 43 (zum innerorganisatorischen Verhältnis von Ehrenamtlichen zu Mitgliedern) niederschlägt, ist ein Nettoeffekt, der schlicht besagt, dass trotz der Organisationsstruktur des Calvinismus, die prinzipiell mobilisierungshemmend wirkt, calvinistische Vereine ein aktivistischeres Innenleben haben als ihrer Größe entspricht. Auch der katholische Positiveffekt muss in einem solchen Licht betrachtet werden. Die Organisationsform des Katholizismus, welche wie die der Lutheraner vom Kleingruppenprinzip geprägt ist, befruchtet inner-organisatorische Mobilisierung. Der katholische Positiveffekt signalisiert somit, dass innerorganisatorische Partizipationsraten noch über den Raten liegen, die durch geringe Mitgliederzahlen inspiriert werden. Die Diskussion um die Wirkung der Kontextfaktoren ist schnell abgeschlossen. Weder Indikatoren, die dem rational choice Modell angehören, noch zivilgesellschaftliche Merkmale der Makroebene tragen zu einer Erklärung bei, warum es manchen Vereinen besser als anderen gelingt, ihre Mitglieder zu mobilisieren. Das ist angesichts des geringen Varianzanteils, der auf der Makroebene zu verorten ist, auch nicht weiter überraschend. Was an geringer Varianz zwischen den Kommunen existiert, wird durch Organisationsmerkmale – als Kompositionseffekte – hinreichend erklärt. 11.3 Quellen Sozialen Kapitals Nach der Vitalität religiöser Zivilgesellschaften und der Rekrutierungs- und Mobilisierungskompetenz konfessioneller Vereine im Vergleich miteinander, aber auch im Vergleich zum säkularen Verein, steht nun der dritte and letzte Komplex demokratischer und zivilgesellschaftlicher Leistungen im Mittelpunkt des Interesses: Soziales Kapital generiert sich vor allem in Vereinen, denen es gelingt, Brücken unterschiedlichster Natur zu bauen. Können konfessionelle Variationen, Organisationsspezifika oder aber Unterschiede im Verhältnis zwischen Staat und Kirche erklären, warum manche Organisationen eher bonding betreiben und es anderen dagegen zumindest tendenziell gelingt, Brücken zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Erfahrungshorizonte zu schlagen oder Verknüpfungen zu anderen Vereinen herzustellen. Es ist diese letzte Kompetenz der Brückenbildung, die aus einer Sozialkapital-Perspektive von zentraler Bedeutung ist, da nur hier generalisiertes Vertrauen entstehen kann, Menschen grundlegende demokratische Tugenden der Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Interessen entwickeln, die Tugend des Kompromisses erlernen und über den egoistischen Tellerrand hinausblicken. Tabelle

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.