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Sigrid Roßteutscher, Vital, partizipatorisch, brückenbildend? in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 363 - 368

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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363 nisationen, dafür aber deutlich häufiger den thematischen Organisationsriesen. Damit erweisen sich religiöse Organisationen hinsichtlich zweier Aspekte der Brückenbildung – sozialstrukturell und thematisch – dem säkularen Sektor überlegen, weisen aber Defizite in Bezug auf die organisatorische Vernetzung aus. 10.4 Vital, partizipatorisch, brückenbildend? Im Idealfall ist die Vereinswelt dicht, institutionell ausdifferenziert und dynamisch. Der in ihr beheimatete Verein ist durch hohe Partizipationsraten gekennzeichnet, die Vereine sind untereinander vernetzt und Sozialkapital wird generiert. Das ist das „Syndrom“ einer gesunden demokratieförderlichen Zivilgesellschaft. Vermutlich sieht die Realität ein wenig anders aus. Bereits unsere bisherigen Analysen haben gezeigt, dass religiöse Vereine zwar häufig „besser“ abschneiden als säkulare Vereine, aber eben nicht immer. So gelingt ihnen die Überbrückung von Geschlechterund Altersgrenzen besser, die Überbrückung ethnischer Grenzen aber schlechter als dem säkularen Verein. Brückenbildendes Sozialkapital wird in sozialer und thematischer Hinsicht generiert, aber die organisatorische Vernetzung – eine Dimension, die in der aktuellen Diskussion einen hohen Stellenwert besitzt – ist geringer als im säkularen Sektor. Die widersprüchlichen Befunde beweisen, dass wir es nicht mit einem „Sozialkapital-“ oder „Zivilgesellschaftssyndrom“ zu tun haben, wo Zivilgesellschaften entweder entlang aller Aspekte punkten oder aber defizitär bleiben, sondern mit Einzelmerkmalen, die miteinander in positiver Beziehung stehen können, aber nicht müssen. Im Folgenden soll das Beziehungsmuster zwischen den hier untersuchten partizipativen und Sozialkapital generierenden Leistungen der Vereinswelt noch einmal genauer beleuchtet werden. Die ersten Zeilen in Tabelle 36 beinhalten eine Darstellung der Beziehungen zwischen den drei verschiedenen Aspekten vitaler Zivilgesellschaften, die in Abschnitt 9.1 dieses Kapitels analysiert und diskutiert wurden. Die Vereinsdichte ist positiv und in nicht geringem Maße mit der Fertilität und Dynamik des Sektors verknüpft. Dies gilt sowohl für den religiösen Bereich (Pearson’s r von .84) als auch für den säkularen Sektor (.48). Hier behält die Organisationssoziologie Recht. Dynamische Vereinswelten sind auch dicht, bzw. nur in dichten Vereinswelten hat das Organisationsmodell die Legitimität, die Neugründungen ermöglicht. Die Dichte, und auch das gilt für beide Sektoren, steht zudem in einer durchweg positiven Beziehung zur Repräsentativität bzw. Themenbreite der Organisationswelt. Je dichter, also je mehr Organisationen pro Kopf der Bevölkerung zur Verfügung stehen, desto facettenreicher und umfassender ist das Angebot. Konkurrenz, würde die ökonomische Schule sagen, führt zur Ausbildung von Nischenangeboten und damit zur vollständigeren Vertretung der Ansprüche potentieller Klienten. Fertilitätsraten untergraben dagegen in allen Sektoren die zur Auswahl stehende Themenbreite. Diese Negativbeziehung ist im säkularen Sektor sogar ein wenig ausgeprägter als im religiösen Kontext. Warum? 364 Tabelle 36: Zum Zusammenhang zwischen verschiedenen Aspekten zivilgesellschaftlicher und demokratischer Leistungen (Pearsons’ r) Religiöser Sektor Säkularer Sektor Vereinsdichte Fertilität Themenbreite Vereinsdichte Fertilität Themenbreite Vitale Zivilgesellschaft: Vereinsdichte 1.00 .84 *** .33*** 1.00 .48 *** .58*** Fertilität 1.00 -.13*** 1.00 -.28*** Themenbreite 1.00 1.00 Rekrutierung: Zahl Aktiver -.15*** -.16 *** -.07* .01 -.03 * .05*** Zahl Ehrenamtlicher -.12*** -.11 *** -.05 .03 -.03 .04** Mobilisierung: Aktive/Mitglieder .10** .14 *** -.04 -.04* -.01 -.06*** Ehrenamt./Mitglieder .08** .05 .12*** .03* -.01 .01 Brückenbildung: Soziale Mischung -.13*** -.10 ** -.11** -.03 -.03 .02 Org. Vernetzung -.05 -.08 ** .05 -.02 -.03 .04** Themenvernetzung -.07** -.11 *** .01 -.12*** -.11 *** -.04** Anmerkung: Signifikanzniveau: *** > 0,001, ** > 0,01 *, > 0,05. Theoretisch – besonders, wenn die rational choice Logik zugrunde gelegt wird – ist ein positiver Zusammenhang zu erwarten: Neue Organisationen sind innovativ und decken mit höherer Wahrscheinlichkeit Themen ab, die der ältere Teil der Organisationswelt vernachlässigte. Daher steigt mit der Geburtenrate auch die Zahl der angebotenen Themen und damit die Repräsentativität oder institutionelle Vollständigkeit, wie die Organisationssoziologie das nennen würde. Dies ist empirisch eindeutig nicht der Fall. Der Negativzusammenhang im säkularen Sektor könnte mit der bereits in hohem Maße vorhandenen institutionellen Vollständigkeit zu erklären sein. Die säkulare Vereinswelt ist themenreicher, „kompletter“ als die religiöse. Daher mag es für junge Organisationen schwieriger sein, noch nicht entdeckte Nischen für sich nutzbar zu machen. Die in Tabelle 36 dargestellten Resultate könnten somit als ceiling Effekte interpretiert werden: Je dichter die Organisationswelt ist, desto höher die Geburtenrate, aber desto weniger freie Nischen stehen den Neugründungen zur Verfügung. Im religiösen Sektor ist die Zivilgesellschaft aber nirgendwo so „komplett“, dass Neugründungen nicht das Themenspektrum erweitern könnten. Daher lässt sich die theoretisch nicht zu erwartende negative Beziehung zwischen Fertilität und Themenbreite nur so interpretieren, dass Geburtenraten nur dort hoch sind, wo noch viele thematische Nischen existieren. Sind diese Nischen erst einmal gefüllt, ist die Organisationswelt (nahezu) komplett, verliert die Zivilgesellschaft ihre Dynamik, da Neugründungen seltener werden. Überspitzt formuliert: Zivilgesellschaften sind entweder facettenreich und thematisch differenziert oder dynamisch. Zwischen den unterschiedlichen Strukturmerkmalen vitaler Zivilgesellschaften – Dichte, Ferti- 365 lität und Repräsentativität – besteht also ein in der Regel starker, wenn auch nicht unbedingt positiver Zusammenhang. Wie ist das nun mit den verschiedenen Aspekten der Partizipations- und Sozialkapitalgenerierung? Aspekte vitaler Zivilgesellschaften sind interessanterweise kaum mit den partizipativen Leistungen der Vereinswelt verknüpft (Tabelle 36). Im säkularen Sektor sind Vereinsdichte, Fertilität und Themenbreite quasi ohne Bedeutung für die Rekrutierung und Mobilisierung von Aktiven und Ehrenamtlichen innerhalb einzelner Organisationen (der stärkste Effekt besitzt eine Größenordnung von -.06). Im religiösen Sektor zeigt sich ein etwas anderes Bild. Gerade die Vereinsdichte und die Dynamik der religiösen Zivilgesellschaft sind negativ mit dem Rekrutierungserfolg religiöser Organisationen verknüpft (Pearson’s r zwischen -.11 und -.16). Dies bedeutet, je mehr Organisationen und je mehr junge Organisationen existieren, desto weniger Aktive und Ehrenamtliche kann der einzelne religiöse Verein für sich reklamieren. Dagegen steigt tendenziell in dichten dynamischen Vereinslandschaften die vereinsinterne Mobilisierungskapazität: dichte, fertile Umwelten halten religiöse Organisationen klein (im Sinne von Ehrenamtlichen und Aktiven), aber effektiv (im Sinne der Mobilisierung vom vorhanden Mitgliederpool). Deutlich, aber fast durchweg negativ, sind die Beziehungen zwischen Strukturmerkmalen der Zivilgesellschaft und der Sozialkapital–Generierungsfähigkeit der Vereinswelt. Dort, wo der religiöse Sektor dicht, dynamisch und themenreich ist, sind seine Vereine eher isoliert, eher one-issue Gruppierungen und sozial homogen. Vor allem der Zusammenhang zwischen zivilgesellschaftlicher Vitalität und der bridging-Kapazität des Vereinswesens ist eindeutig negativ (Pearson’s r zwischen -.11 und -.13). Der brückenbildende Verein ist eher in vereinsarmen, wenig dynamischen und institutionell inkompletten Vereinslandschaften zuhause. Wieder finden sich im säkularen Sektor weit geringere, in der Regel nicht signifikante Beziehungsmuster. Nur die Negativbeziehung zwischen Vereinsdichte und Fertilität einerseits, sowie der Überbrückung thematischer Interessen ist auch hier nicht zu übersehen. Für den säkularen Sektor muss man daher davon ausgehen, dass zivilgesellschaftliche Vitalität und die partizipativen und sozialkapital-generierenden Leistungen seiner Vereinswelt von einander völlig unabhängige Aspekte bilden. Von einem Syndrom „lebendige Zivilgesellschaft“ kann also auch hier keine Rede sein. Wie aber steht es mit dem Zusammenhang zwischen eben diesen partizipativen und sozialkapital-generierenden Leistungen der Vereinswelt? Können wir wenigstens hier davon ausgehen, dass sich beide Aspekte gegenseitig befruchten? Tabelle 37a beschreibt das Beziehungsmuster im säkularen Bereich, das so mit dem Beziehungsgeflecht in religiösen Sektoren verglichen werden kann (Tabelle 37b). Für den säkularen Sektor gilt: In Vereinen mit vielen Aktiven sind auch viele Ehrenamtliche zu finden. Zudem ist die Mobilisierungskapazität hoch. Dies gilt allerdings nur für das Verhältnis von Aktiven zu Mitgliedern, nicht aber für die Generierung von Ehrenamtlichkeit aus dem Pool der Mitglieder. In aktivistischen Organisationen, Vereinen mit vielen aktiven Mitgliedern, werden eher weniger Mitglieder zur ehrenamtlichen Arbeit motiviert. Der Zusammenhang zwischen der Zahl der Aktiven und verschiedenen Merkmalen des Sozialkapitals ist ebenfalls positiv, aber weniger stark ausgeprägt. Am deutlichsten ist die Beziehung zwischen der Zahl der 366 Aktiven und der sozialen Mischung der Mitgliederbasis. Dort, wo viele Menschen aktiv sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese verschiedene soziale Merkmale tragen. Tabelle 37a: Partizipation und Engagement im säkularen Sektor - Merkmale im Zusammengang (Pearson’s r) Anmerkung: Signifikanzniveau: *** > 0,001, ** > 0,01 *, > 0,05. Auch die organisatorische Vernetzung des Vereins und die innerorganisatorische Themenbreite steigen mit der Zahl der Aktiven. Der Zusammenhang ist noch deutlicher, betrachtet man die Zahl der Ehrenamtlichen, die zu einem Verein gehören. Dies leuchtet auch ein, sind es doch in der Regel die Ehrenamtlichen in administrativen oder ideellen Funktionen, die für Kontaktpflege und Netzwerkbildung Verantwortung tragen. Interessanterweise ist der Zusammenhang zwischen der Mobilisierungskapazität und Sozialkapital-Indikatoren entweder nicht vorhanden oder (leicht) negativ. Der scheinbare Idealverein, der einen hohen Prozentsatz seiner Mitglieder zu Aktiven oder Ehrenamtlichen mobilisiert, ist weniger effizient in der Generierung von Sozialkapital als der Verein, der schlicht große Massen an Aktiven und Ehrenamtliche produziert: Gerade dort, wo der Anteil der Aktiven am Mitgliederpool hoch ist, sinkt die Fähigkeit des Vereins, Menschen unterschiedlichen Geschlechts, Alters oder ethnischer Herkunft zu integrieren, Kontakte zu anderen Organisationen zu halten und mehrere Themen gleichzeitig abzudecken. Der partizipative Verein scheint seine Mobilisierungskraft aus einer homogenen, nach innen gerichteten Mitgliederbasis zu ziehen. Ein eindeutig positives Beziehungsgeflecht finden wir zwischen unterschiedlichen Merkmalen der Sozialkapital-Generierung. Dort, wo die Mitgliederbasis sozial gemischt ist, finden eher inter-organisatorische Kontakte statt und die Breite der angebotenen Themen steigt. Die Kausalität des Zusammenhangs ist natürlich nicht eindeutig. Es ist durchaus plausibel, anzunehmen, dass eine sozial heterogene Mitgliederbasis die organisatorische Vernetzung stimuliert, da Querverbindungen zu Partizipation Sozialkapital Aktive Ehrenamtlich Aktiv zu Mitgl. Ehrenamt zu Mitgl. Soziale Mischung Org. Vernetzung Themenvernetz. Rekrutierung: Zahl Aktive 1.00*** .32*** .45*** -.14*** .26*** .8*** .9*** Zahl Ehrenamtl. 1.00 .10*** .35*** .16*** .10*** .14*** Mobilisierung: Aktive/Mitgl. 1.00 .29*** -.03* .00 -.03* Ehren./Mitgl. 1.00 -.05** .04** .08*** Sozialkapital: Soziale Misch. 1.00 .13*** .13*** Org. Vernetz. 1.00 .18*** Themenvernetz. 1.00 367 anderen Sektoren logischer sind (so ist es wahrscheinlich, dass ein Bastelverein, der Frauen und Kinder unter seinen Mitgliedern hat, Kontakte zu anderen Jugendgruppen oder Frauengruppen aufbaut). Wollebæk und Selle (2003: 70) würden dagegen argumentieren, dass organisatorische cross-pressure Situationen, die aus solchen institutionalisierten Kontakten entstehen, dazu führen, dass sich Menschen unterschiedlicher Herkunft in diesen Netzen begegnen. Unterscheidet sich die religiöse Vereinswelt von den Strukturen im säkularen Sektor? Tabelle 37b zeigt das Beziehungsgeflecht im religiösen Sektor. Tabelle 37b: Partizipation und Engagement im religiösen Sektor - Merkmale im Zusammengang (Pearson’s r) Anmerkung: Signifikanzniveau: *** > 0,001, ** > 0,01 *, > 0,05. Die präsentierten Korrelationskoeffizienten suggerieren eine prinzipielle Strukturgleichheit zwischen beiden Sektoren. Die Zusammenhänge sind sowohl in der Richtung als auch in ihrer Stärke vergleichbar. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel und betreffen allein die Stärke der Beziehung: So ist der Zusammenhang zwischen den partizipativen Leistungen (im Sinne der Generierung großer Zahlen an Aktiven und Ehrenamtlichen) und den Sozialkapital-Leistungen im religiösen Bereich deutlich ausgeprägter als im säkularen Sektor. Auch der interne Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Sozialkapital-Indikatoren ist im religiösen Sektor mit Koeffizienten zwischen .21 und .27 noch ein wenig deutlicher. Diese Analysen sind auch getrennt für den katholischen und protestantischen Sektor durchgeführt worden, zeigen aber weder systematische Abweichungen vom religiösen Sektor an sich, noch inter-konfessionelle Unterschiede, die erwähnenswert wären. Das Beziehungsgeflecht zwischen Aspekten vitaler Zivilgesellschaften, der Partizipations- und Mobilisierungsleistung der Vereinswelt, sowie der vereinsinternen Kapazität zur Generierung sozialen Kapitals ist – mit kleinen Varianten im religiösen Sektor – über die Sektorengrenzen hinweg vergleichbar. Ein Syndrom der vitalen, partizipativen und sozialkapitalreichen Zivilgesellschaft besteht in keinem Partizipation Sozialkapital Aktive Ehrenamtlich Aktiv zu Mitgl. Ehrenamt zu Mitgliedern Soziale Mischung Org. Vernetzung Themenvernetz. Rekrutierung: Zahl Aktive 1.00 *** .47*** .21*** -.10 *** .37*** .11*** .23*** Zahl Ehrenamtl. 1.00 .07* .28 *** .26*** .15*** .22*** Mobilisierung: Aktive/Mitgl. 1.00 .34 *** -.05 -.01 -.06* Ehren./Mitgl. 1.00 -.06 .12*** .01 Sozialkapital: Soziale Misch. 1.00 .21*** .24*** Org. Vernetz. 1.00 .27*** Themenvernetz. 1.00 368 Fall. Interessant ist vor allem der beinahe restlos fehlende Zusammenhang zwischen Merkmalen zivilgesellschaftlicher Vitalität und der partizipativen Leistung der in ihr aktiven Vereine. Um dieser (nicht-existenten) Beziehung auf die Spur zu kommen, soll zum Abschluss dieses Kapitels ein kleines Experiment gewagt werden, dass die Dichte bzw. Größe des Vereinssektors systematischer mit den partizipativen Qualitäten der Vereine in Beziehung setzt. 10.5 Die gesellschaftliche Integration säkularer und konfessioneller Vereinswelten im Vergleich Dieser letzte „experimentelle“ Analyseschritt berührt ein Thema, das bisher noch keine Erwähnung fand. Die partizipative und Sozialkapital generierende Wirkung (aber natürlich auch die repräsentative, bündelnde und kontrollierende Funktion im Sinne der Pluralismustheorie) des Vereinswesens steigt mit der Zahl der Menschen, die von ihm erfasst werden. Je mehr und je tiefer die Vereinswelt in die Gesellschaft integriert ist, desto mehr Menschen profitieren von ihren Segnungen und desto stärker wird die Qualität demokratischen Regierens beeinflusst. Zu untersuchen, wie viele Mitglieder, Aktive und Ehrenamtliche pro Verein mobilisiert werden, ist eine Möglichkeit sich dieser Frage zu nähern. Eine zweite Option besteht in einer Untersuchung der Vereinsdichte, des organisatorischen supply. Wie obige Beziehungsanalysen gezeigt haben, sind beide Indikatoren allerdings kaum miteinander verbunden. Eine Antwort auf die Frage, wie weit der assoziative Sektor in die Gesellschaft integriert ist, lässt sich also auf diese Weise nicht wirklich gewinnen. Um beide Indikatoren systematischer zu verknüpfen, zeigt Tabelle 38, wie sich Dichte – die Zahl der lokal aktiven Vereine pro Kopf der Bevölkerung – und die Zahl der in diesen Vereinen aktiven Menschen in einen Indikator gesellschaftlicher Integration übersetzen lassen. Die Analysen haben in diesem Sinne Experimentalcharakter, weil davon ausgegangen wird, dass sich die Vereine, die sich an unserer Studie beteiligt haben und von denen gültige Angaben zur Zahl der Mitglieder, Aktiven oder Ehrenamtlichen vorliegen, in ihrer Größe und ihrem Mobilisierungspotential nicht systematisch von den Vereinen unterscheiden, die keinen Fragebogen ausgefüllt zurückgeschickt haben.246 Tabelle 38 präsentiert zwei verschiedene Integrations- oder Penetrationsmaße. Der erste Block zeigt, inwieweit Vereine durch ihre Mitglieder, Aktive und Ehrenamtliche in die lokale Gemeinschaft an sich integriert sind. Hier liegt die Gesamtbevölkerungszahl zu Grunde. Der zweite Block dokumentiert die Integration des Ver- 246 Dies betrifft einen sehr unterschiedlichen Prozentsatz der existierenden Vereine. Die durchschnittliche Rücklaufquote liegt bei 42 Prozent, es bestehen aber große lokale Abweichungen. So variiert der gültige Rücklauf zwischen circa einem Drittel (Aberdeen, Sabadell, Mannheim), steigt auf um und über 50 Prozent im Fall der Städte Chemnitz, Enschede, Aalborg, Lausanne und Bern und klettert bis zu 74 Prozent im Fall der kleineren ost- und westdeutschen Gemeinde (vgl. Einleitung, Tabelle 2).

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.