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Sigrid Roßteutscher, Inter-organisatorische Kontakte in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 356 - 360

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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356 land), in den meisten findet sich jedoch ein zum Teil massiver Vorteil konfessioneller Organisationen (Enschede, Lausanne, Bern, Aalborg, Aberdeen). Die Meister des Brückenbildens sind – wie die Zusammenfassung in den letzten Zeilen von Tabelle 33 dokumentiert – die Calvinisten und protestantische Sekten, gefolgt von Vereinen nicht-christlicher Provenienz. Der katholische Vorteil ist klein, im Luthertum verschwindet er völlig. Allerdings: die Vorteile einzelner Konfessionen werden grundsätzlich geringer, je höhere Kriterien man ansetzt. Betrachtet man den Anteil der Organisationen, die sozial homogen sind, also weder Geschlechts-, Alters- noch Herkunftsunterschiede überbrücken, dann erscheinen calvinistische Vereine und Vereine aus dem Umfeld nicht-christlicher Religionen und protestantischer Sekten als relativ heterogen – sowohl im Vergleich zum säkularen Sektor als auch zu katholischen und lutherischen Vereinswelten. Vereine, die eine Dimension überbrücken sind in allen Vereinstypen mit circa 40 Prozent gleich stark vertreten. Der Vorteil des (nicht lutherischen) protestantischen Organisationssektors ist dagegen enorm, betrachtet man die Fähigkeit zur Überbrückung von zwei Merkmalen sozialer Unterscheidung. Hinsichtlich der gesamten Palette der hier untersuchten sozialen Merkmale sind nur noch Vereine nicht-christlicher Provenienz in irgendeiner Weise bemerkenswert. Mit knapp sieben Prozent der Vereine ist aber auch hier nicht wirklich von einer besonders ausgeprägten Fähigkeit zur Überbrückung sozialer Gegensätze zu sprechen. 10.3.2 Inter-organisatorische Kontakte Vereine können Brücken bauen, indem sie für Menschen mit unterschiedlichen sozialen und demographischen Merkmalen offen sind. Dieser Aspekt brückenbildenden Sozialkapitals stand bisher im Vordergrund. Vereine können aber auch Brücken bilden, indem sie enge Verknüpfungen zu anderen Vereinen – Vereinen, die eventuell andere Interessenslagen bündeln oder über andere Mitgliedsstrukturen verfügen – herstellen. Solche regelmäßigen und institutionalisierten Kontakte zwischen Organisationen, inter-organisatorische Netzwerke, können ebenfalls als ein Aspekt sozialen Kapitals betrachtet werden: „Membership in overlapping associations – or more precisely, overlapping associations that are of a particular kind – is thus seen by Macedo as an important social tool that should be used to foster liberal democratic virtues“ (Tamir 1998: 220). So stellten Wollebæk und Selle fest, dass die Frage, ob jemand im Verein auch wirklich aktiv ist oder wie viel Engagement er seinem Verein schenkt, bezüglich der Generierung von Sozialkapital (hier vor allem generalisiertem Vertrauen) im Vergleich zur Frage, wie viele verschiedene Mitgliedschaften ein Mensch kumuliert, relativ bedeutungslos ist. „Passive Members with multiple affiliations are more trusting than active members with only one affiliation, and trust other people to the same extent as active members with more than one affiliation“ (Wollebæk/Selle 2003: 77). 357 Dieses Argument gilt auch auf der Ebene der Organisationen und wird so zu einem Charakteristikum der Gesellschaft. Wenn Vereine mit anderen Vereinen vernetzt sind und so ein engmaschiges und dichtes Organisationsnetzwerk entsteht, dann bilden sich „cross-cutting ties among organizations“ (Caulkins 2004: 167) – organisatorische cross-pressure Situationen, die einen moderierenden Effekt auf die beteiligten Organisationen ausüben. Diese wiederum tragen zur Toleranz und Brückenbildung auf der Mitgliederebene bei, da, so Wollebæk und Selle (2003: 70), die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sich Menschen unterschiedlicher Herkunft in diesen Netzwerken begegnen. Auch für die Dynamik der Organisationsgesellschaft sind inter-organisatorische Vernetzungen vital. Sie gelten als Motor des Organisationsprozesses, ohne den weder Neugründungen, noch die Expansion existierender Organisationen möglich wären (Vermeulen 2005: 16). Organisatorische Kontakte sind zudem zentral für den Austausch von Information und Ressourcen, sowie für die Generierung von sozialem Vertrauen als Attribut der Vereinswelt an sich: „Through interorganisational relationships resources are exchanged, successful routines are transferred, communication networks are established and trust can spread throughout the organisational population” (Vermeulen 2005: 56). Die interne Vernetzung stärkt somit die Population an sich, während Organisationsgesellschaften, die sich durch einen hohen Anteil isolierter Organisationen auszeichnen, schwächer bzw. überlebensunfähiger sein sollten, da es nicht oder kaum zum Austausch zentraler Ressourcen und Informationen kommt, und ihnen auch die Legitimität fehlt, die stark vernetzte Populationen erreichen können (Aldrich 1999: 321; Knoke 2001: 65, 71). Laut Caulkins sind „ties“ zwischen ideologisch verwandten Organisationen (also z.B. zwischen unterschiedlichen katholischen Vereinen) nicht oder kaum in der Lage, generalisiertes Vertrauen zu produzieren, nur ideologisch unterschiedlichen Verknüpfungen gelingt dies (Caulkins 2004: 168; vgl. auch Zmerli/Newton 2007). Leider ist es auf der Basis dieses Datenmaterials zwar möglich, die Intensität und das Ausmaß organisatorischer Vernetzung zu erfassen, aber unmöglich, zu differenzieren, zwischen welchen Typen von Vereinen diese Netze und Kontakte bestehen. Allerdings ist dies – um gegen Caulkins und Zmerli und Newton zu argumentieren – vielleicht auch weniger wichtig als angenommen. Selbst ein rein katholisches Netzwerk, also eine geschlossene Organisationsstruktur, die nur Vereine einer ideologischen Ausrichtung auffängt, kann im Sinne Putnams zur gesellschaftlichen Brückenbildung beitragen, indem Arbeiter-, Frauen-, Kinder-, Senioren-, Sport- und Jugendgruppen miteinander in Kontakt treten. Nicht die ideologische Dimension wird überbrückt, sondern soziale Trennlinien hinsichtlich Status, Geschlecht, Generation, etc. Mit jeder „Brücke“, egal welcher Natur, steigt die Chance, dass sich Organisationen und damit Mitglieder von Organisationen begegnen, die sich auf einer Dimension gesellschaftlich-politischer Spaltung unähnlich sind. Thematisiert werden zwei verschiede Typen organisatorischer horizontaler Brückenbildung: Netzwerkintegration und regelmäßige Kontaktpflege zu anderen Vereinen. Als Netzwerke zählen alle Typen institutionalisierter, auf regelmäßiger Basis stattfindende Kontakte zwischen (mehreren) Vereinen, die in der Regel ein thematisches Interesse eint (Netzwerk Jugendarbeitslosigkeit, Agenda 2010, Stadt- 358 feste, Kriminalität, etc.).244 Als Kontakte gelten „bilaterale“ Beziehungen zwischen Vereinen, die in der Regel nicht institutionalisiert sind, sondern sich aus der täglichen Arbeit der Vereine ergeben.245 Tabelle 34 dokumentiert, wie viele Vereine Mitglied einer freiwilligen, horizontalen Netzwerkstruktur sind (Spalte 1), regelmä- ßigen Kontakt zu mindestens einem weiteren Verein halten (Spalte 2) bzw. mit wie vielen Vereinen sie solche regelmäßigen Beziehungen pflegen (Spalten 5 und 6). Betrachtet man die externe oder organisatorische Komponente des bridging ergibt sich ein völlig anderes Bild als hinsichtlich der vereinsinternen Kapazität zum Brückenbau zwischen Menschen mit unterschiedlichen sozialen Merkmalen. Allein die Vielzahl der negativen Vorzeichen bei der Berechnung der Prozentsatzdifferenz zum säkularen Sektor signalisiert, dass konfessionelle Vereine innerhalb der Organisationspopulation relativ isoliert sind. Diese Isolation ist im Fall der nicht-christlichen Vereine, die fast in allen Zivilgesellschaften den geringsten Vernetzungsgrad aufweisen, am stärksten ausgeprägt, die lutherischen Vereine folgen. Im Fall der Katholiken und der protestantischen Sekten sind Unterschiede zum säkularen Sektor marginal, calvinistische Vereine sind sogar ein wenig stärker in die Organisationsgesellschaft integriert als säkulare Vereine (siehe letzte Zeilen in Tabelle 34). Allerdings zeigen sich nicht nur konfessionelle Unterschiede, sondern auch deutliche Abweichungen von Zivilgesellschaft zu Zivilgesellschaft. So sind katholische und lutherische Vereine in Mannheim (aber auch in Sabadell, sowie calvinistische Vereine in Aberdeen) sogar etwas stärker vernetzt als ihre säkularen Gegenparte, während alle konfessionellen Vereine Enschedes im Vergleich zur nicht-religiösen Umwelt einen hohen Isolationsgrad aufweisen. Dieses Ergebnis spricht dafür, dass dort, wo religiöse Vereine wie in Mannheim (aber auch in Sabadell oder Aberdeen) einen nicht unerheblichen Anteil an der Zivilgesellschaft insgesamt stellen (vgl. Tabelle 33 oben), diese auch sehr viel enger vernetzt sind, als dort, wo das religiöse Element marginalisiert ist. Zwei Erklärungen bieten sich an: wo der religiöse Sektor eine gewisse numerische Größe erreicht, gelingt es ihm, konfessionelle Milieustrukturen aufzubauen oder besser zu konservieren. Wo religiöse Vereinsstrukturen in Auflösung begriffen sind und das religiöse Element an den zivilgesellschaftlichen Rand gedrängt wird, gehen auch die Verknüpfungen verloren, die für das konfessionelle Milieu typisch und verbindend waren. Die Vernetzungs- und Kontaktdichte wäre somit ein Ausdruck innerkonfessioneller Netzwerkbildung. Eine solche Interpretation ist aber nicht zwingend. Es ist genauso plausibel, dass die nicht-marginale Position konfessioneller Vereine die Integration in die Zivilgesellschaft insgesamt erleichtert. Das Religiöse ist nicht randständig, sondern ein wichtiger Teilaspekt zivilgesellschaftlicher Aktivität und kann somit von der Majorität säkularer Aktivitäten nicht ausgeschlossen werden. 244 Die Vereine wurden gefragt, ob „Ihre Gruppe/Organisation an einem freiwilligen Zusammenschluss (Netzwerk) von Organisationen beteiligt ist“. 245 Hierzu wurde gefragt: „Hatte Ihre Gruppe/Organisation während des letzten Jahres regelmä- ßig Kontakt zu anderen Gruppen/Organisationen in (Name der Stadt)?“ 359 Der Zusammenhang zwischen religiöser Vereinsdichte und der Brückenbildungsfunktion religiöser Vereine wird im Abschnitt 9.4 genauer untersucht. Tabelle 34: Ausmaß organisatorischer Vernetzung in konfessionellen Vereinen im Vergleich1 1 2 3 4 5 6 7 Netzwerk (%) Kontakte (%) weder noch % Differenz2 davon Zahl Kontakte (MW) Anzahl Kontakte insg. (MW) Zahl gültige Fälle Mannheim Säkulare 21,1 52,8 41,7 2,4 1,2 1127 Katholisch 29,2 60,8 33,2 8,5 2,2 1,3 211 Lutherisch 25,2 57,6 37,5 4,2 2,6 1,4 139 Andere Religionen 10,6 40,0 57,8 -16,1 2,2 0,9 45 Vaihingen/Enz Säkulare 24,5 54,9 36,1 2,3 1,2 138 Katholisch 14,8 23,1 69,2 -33,1 1,7 0,4 26 Lutherisch 37,0 42,3 46,2 -10,1 2,5 1,1 52 Andere Religionen 17,2 48,3 41,4 -5,3 1,7 0,8 29 Althütte Säkulare 17,6 41,2 52,9 2,7 1,1 17 Lutherisch 12,5 56,3 43,8 9,1 2,1 1,2 16 Chemnitz Säkulare 22,2 63,9 31,7 2,6 1,6 473 Katholisch 17,6 52,9 41,2 -9,5 2,9 1,5 17 Lutherisch 14,3 52,1 44,5 -12,8 2,7 1,4 145 Andere Religionen 28,0 52,0 40,0 -8,3 2,6 1,4 25 Limbach Säkulare 10,9 31,4 64,2 2,3 0,7 137 Lutherisch 17,6 48,0 52,0 12,2 2,9 1,4 50 Bobritzsch Säkulare 27,3 54,5 31,8 2,2 1,2 22 Lutherisch 5,9 41,2 58,8 -27,0 2,4 1,0 17 Enschede Säkulare 37,7 58,6 27,3 2,4 1,4 652 Katholisch 37,5 35,7 57,1 -29,8 2,6 0,9 14 Calvinistisch 11,8 50,0 50,0 -22,7 2,5 1,3 26 Protest. Sekten 21,9 53,1 37,5 -10,2 2,1 1,1 32 Andere Religionen 27,3 52,4 42,9 -15,6 2,8 1,5 21 Lausanne Säkulare 27,5 71,3 21,9 2,4 1,6 358 Katholisch 11,1 66,7 22,2 -0,3 2,5 1,4 7 Calvinistisch 40,0 60,0 20,0 1,9 1,0 0,6 5 Andere Religionen 33,3 66,7 33,3 -11,4 3,5 2,3 3 360 Bern Säkulare 19,8 63,5 30,1 2,2 1,3 550 Katholisch 0,0 66,7 33,3 -3,2 2,0 1,3 12 Calvinistisch 30,8 83,3 8,3 21,8 1,9 1,5 11 Protest. Sekten 14,3 85,7 14,3 15,8 1,8 1,6 7 And. Religionen 0,0 55,6 44,4 -14,3 2,0 1,1 9 Sabadell2 Säkulare 22,3 74,6 23,6 2,3 1,7 258 Katholisch 37,0 74,0 20,0 3,6 2,3 1,6 44 Protest. Sekten 71,4 71,4 14,3 9,3 2,4 1,7 7 Aalborg Säkulare 38,1 54,7 32,4 2,0 1,1 863 Lutheranisch 27,5 67,5 27,5 4,6 2,2 1,4 38 Protest. Sekten 40,0 40,0 40,0 -7,6 1,0 0,3 4 Aberdeen Säkulare 15,7 56,3 34,7 2,5 1,4 360 Calvinistisch 11,9 76,1 22,4 12,3 3,0 2,2 60 Protest. Sekten 5,6 52,9 41,2 -6,5 2,4 1,2 16 And. Religionen 20,0 60,0 40,0 -5,3 2,0 1,2 5 Gesamt Säkulare 26,3 58,5 33,7 2,3 1,3 4956 Katholisch 28,0 58,2 35,5 -1,8 2,2 1,2 338 Lutherisch 21,3 53,3 42,3 -8,6 2,6 1,3 463 Calvinistisch 15,7 72,0 25,0 8,7 2,7 1,9 92 Protest. Sekten 25,3 57,5 34,2 -0,5 2,2 1,2 71 Andere Religion 17,5 48,6 46,4 -12,7 2,3 1,1 139 Anmerkungen: 1 nur Konfessionen, die mit mindestens drei gültigen Fällen vertreten sind. 2 Prozentsatzdifferenz zwischen Organisationen im säkularen Sektor, die weder Mitglied eines horizontalen Netzwerkes sind, noch Kontakte zu anderen Vereinen haben, mit dem entsprechenden Anteil in den unterschiedlichen konfessionellen Sektoren. 10.3.3 Thematische Vernetzung Die thematische Breite eines Vereins kann als weiterer Zugang zur innerorganisatorischen Brückenbildung verstanden werden. Ein Verein, der Menschen mit unterschiedlichen sozialen Merkmalen aufnimmt, schafft Brücken sozialer Natur. Ein Verein, der verschiedene Themen, verschiedene ‚issues’ in seiner alltäglichen Arbeit verknüpft, schafft Brücken ideeller Natur, in dem er Menschen mit unterschiedlichen Interessen und Präferenzen offen steht. Im Prinzip gelten dieselben Argumente, wie sie für die Vernetzung von Menschen unterschiedlicher sozialer Merkmale geltend gemacht werden. In einem Verein, der eine weite Bandbreite von Interessen beherbergt, lernen Menschen andere Standpunkte, andere Meinungen und Einstellungen kennen, der Horizont weitet sich, und ein größeres Verständnis gegenüber fremden Perspektiven sollte zur Generierung gesellschaftlich und demokratisch erwünschten Sozialkapitals führen. Zur Analyse der thematischen Brückenfunktion säkularer und religiöser Vereine wurde auf die Frage nach den Bereichen, in denen

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.