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Sigrid Roßteutscher, Engagement in kirchlichen Organisationen in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 336 - 344

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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336 Fast überall tragen religiöse Vereine nur im marginalen Umfang zur zivilgesellschaftlichen Angebotsvielfalt bei. Deutschland (West wie Ost) bildet einen interessanten Ausnahmefall. Aber auch die Themenbreite, die Themenvielfalt oder institutionelle Geschlossenheit, liegt im säkularen Sektor weit über der Angebotspalette des religiösen Bereichs. Hier zeigen sich allerdings große inter-konfessionelle Abweichungen. Das katholische und lutherische Vereinsmilieu kommen dem Angebotsreichtum des säkularen Spektrums am nächsten. Calvinisten, Vereine aus dem protestantischen Sektenmilieu und Vereine nicht-christlicher Provenienz beherbergen dagegen vermehrt Ein-Themen-Vereine, die sich ausschließlich dem religiösen Kernanliegen widmen. Auch die Analysen zur zivilgesellschaftlichen Dynamik bezeugen den Vitalitätsvorsprung katholischer und vor allem lutherischer Vereinswelten, die das dynamischste Element innerhalb des religiösen Sektors stellen. Calvinistische Vereine und Vereine aus dem Umfeld der protestantischen Sekten sind nicht nur (ur-)alt, sondern auch nicht in der Lage, sich regelmäßig durch Neugründungen zu verjüngen. Allerdings ist die gesamte säkulare Vereinslandschaft von einer größeren Dynamik und Verjüngungskapazität ausgezeichnet als das religiöse Vereinswesen, welches eher für Kontinuität aber auch geringe Innovationsfähigkeit steht. Anzeichen einer Revitalisierung des Religiösen sind hier nicht zu erkennen. 10.2 Engagement in kirchlichen Organisationen Inner-organisatorisches Engagement ist die zentrale abhängige Variable im rational choice Dreisatz: Deregulierung und Marktöffnung führen zu Organisationsvielfalt und Wettstreit. Letzterer impliziert hohe religiöse Partizipation und innerkirchliches Engagement. Operationalisiert wird religiöse Partizipation in der Regel durch die Kirchgangshäufigkeit bzw. Kirchenmitgliedschaft, die wiederum häufig durch nationale Repräsentativstudien erfasst wird (z.B. Iannaccone 1991; Land et al. 1991; Chaves/Cann 1992; Chaves et al. 1994; Stark/Iannaccone 1994; Iannaccone et al. 1995).237 Die Problematik nationaler Repräsentativstudien, in der Tat jeder supralokalen Analyseeinheit, ist der rational choice Schule bewusst, beruht doch die Gültigkeit ihrer Annahme auf einer Bestätigung im Kontext von „local religious situations, the ones people actually experience“ (Finke et al. 1996: 204). Aber auch die Operationalisierung von „religious vitality“ über Kirchgangshäufigkeit oder Kirchenmitgliedschaft ist eine nicht zwingende Lösung zur empirischen Überprüfung der Theorie. Die Argumentationslogik der ökonomischen Theorie ruht auf den von ihr postulierten Zusammenhängen zwischen Angebotsvielfalt und Partizipation: weil im freien Markt kein religiöser Anbieter staatlich privilegiert ist, entsteht eine Vielfalt religiöser Organisationen. Da diese nun miteinander um Anhänger konkurrieren müssen, schaffen sie ein Angebot, dass sich an den Bedürfnissen potentieller Kunden orientiert und sind daher erfolgreich in der Rekrutierung neuer 237 Die Partizipationsrate ergibt sich dann aus dem Prozentsatz der kirchlich Gebundenen/Kirchgänger in einer Region/Nation (Land et al. 1991: 238-239). 337 Mitglieder und können ihre Mitglieder zu vermehrtem innerkirchlichem Engagement bewegen. In der Tat mag das Endresultat eines solchen organisatorischen Wettstreits (der notwendigerweise ein lokaler Wettstreit sein muss) auch auf Nationalebene, im Aggregat, zu hoher Kirchgangshäufigkeit oder Kirchenbindung führen.238 Aber wie im Fall des in Kapitel 8 diskutierten Zusammenhangs zwischen staatlicher Regulierung und Pluralismus gibt es alternative Erklärungen für Kirchgangshäufigkeit bzw. Mitgliedschaft: kulturelle Traditionen, soziale Kontrolle, aber – im Sinne des Modernisierungsparadigmas – ließen sich auch Bildungsniveau, Urbanisierungsgrad, Umfang wohlfahrtsstaatlicher Arrangements etc. als Gründe unterschiedlicher Niveaus von Kirchenbindung und Kirchgangshäufigkeit benennen. Der exklusive Zusammenhang mit Mechanismen der Marktöffnung ist jedenfalls keinesfalls zwingend. Die Problematik ist erkannt: der ausschließliche Kirchgänger, derjenige, der hin und wieder zum Gottesdienst kommt, sich aber ansonsten an keiner weiteren Aktivität der Kirche beteiligt, mag der Organisation wenig nützen, da er zwar am kollektiven Gut partizipiert (dem Konsum sakraler Sinngebung in diesem Fall), aber wenig zu seiner Produktion beiträgt. Das Überleben der Kirche dagegen hängt vielmehr an den Mitgliedern, die bereit sind, an Sitzungen teilzunehmen, im Chor mitzusingen, Gruppensitzungen zu organisieren oder sich an Bibelstudien zu beteiligen (Iannaccone et al. 1995: 708). Dass Vertreter der rational choice Theorie diese Erkenntnis nicht nutzen, um zu einer überzeugenderen Messung von Partizipation zu gelangen, liegt an ihrer methodischen Fokussierung auf Repräsentativstudien: „The Gallup question provides no way to distinguish between minimally productive bench warmers and dedicated church servants.” (Iannaccone et al. 1995: 708). Viel überzeugender wäre es, wenn die ökonomische Theorie der Religion zeigen könnte, dass in pluralistischen Situationen, dort wo unterschiedliche Konfessionen um Anhänger konkurrieren, a) mehr religiöse Organisationen entstehen, b) diese erfolgreicher Mitglieder rekrutieren und c) ihre Mitglieder aktiver sind. In jedem Fall könnte dies verglichen werden mit gering oder weniger pluralistischen Situationen, wo Konfessionen kaum oder gar nicht um Anhänger konkurrieren. Dort sollten dann a) vergleichsweise wenige religiöse Organisationen existieren; b) diese sollten weniger Rekrutierungserfolge verbuchen und c) über eine eher passive und wenig engagierte Mitgliedschaft verfügen. Eine solche „organisationsnahe“ Operationalisierung erübrigte auch die Bildung einigermaßen merkwürdiger Ersatzindikatoren wie dies Chaves et al. (1994: 1090-1091) im Fall ihrer Untersuchung nichtchristlicher Partizipationsraten getan haben. In Ermangelung repräsentativer Daten über muslimische „Kirchgangshäufigkeit“ messen sie Partizipation als die Zahl der Muslime, die pro 100.000 Muslime, nach Mekka gepilgert ist. Wie dieser hochgradig individuelle Akt der Pilgerfahrt auf supply-Strukturen im Gast- bzw Heimatland zurückzuführen ist, lassen Chaves, Schraeder und Sprindys offen. Auch hier wäre 238 Auch an diesem Punkt konstatieren die Protagonisten selbst die Schwäche ihres Indikators: „[...] the measure remains a relatively crude estimate of actual involvement in the local church“ (Finke et al. 1996: 208). 338 die Überprüfung der Theorie weit erfolgreicher, wenn man nachweisen könnte, dass dort, wo trotz christlicher Gesellschaft ein freier Markt der Religion besteht a) auch nicht-christliche Organisationen prosperieren, b) diese nicht-christlichen Religionsgemeinschaften erfolgreich Mitglieder werben und c) diese Mitglieder organisationsintern aktiv sind. Wiederum ließe sich das Partizipationsmuster freierer Märkte mit dem Partizipationsmuster weniger freier Märkte vergleichen. Eine letzte Anmerkung: Auch aus einer Sozialkapital-Perspektive ist eine Konzentration auf Kirchgang wenig hilfreich, zeigen empirische Studien doch, dass die Generierung von Sozialkapital kaum oder gar nicht mit der Kirchgangshäufigkeit verbunden ist, sondern mit Engagement in kirchlichen Gruppen (z.B. Wuthnow 2002: 678; ausführlich in Kapitel 2). Dort sind die organisatorischen Möglichkeiten gegeben, dass dauerhafte Beziehungen entstehen, die zur Bildung sozialen Vertrauens und Normen der Reziprozität anregen und Gelegenheiten zur Erlernung zivilgesellschaftlicher Kompetenzen bieten. Passiv, aktiv, ehrenamtlich? Der Verein kennt drei Formen des Engagements. Die einen, häufig der größte Teil, sind nur passiv, zahlen ihre Beiträge, lesen vielleicht das Vereinsblatt und sind ansonsten nicht involviert. Andere sind dies. Sie kommen zu den Veranstaltungen, treiben Sport oder Basteln in der Gruppe und sind in irgendeiner Weise regelmäßig präsent. Eine dritte Gruppe tut noch ein wenig mehr: sie betätigt sich als Schriftoder Protokollführer, führt die Vereinskasse, leitet Sitzungen, bietet Kurse an, betreut Kinder bei den Hausaufgaben oder leistet karitative Hilfe für Bedürftige. Die letzte Gruppe der Ehrenamtlichen ist das Rückgrat jeden Vereins, ohne sie wäre die Organisation schnell am Ende ihrer Lebensfähigkeit. Bemüht man die Argumente der Partizipations- und Sozialkapitaltheorie wie sie in Kapitel 2 diskutiert wurden, so kommen die Segnungen des Vereinswesens ganz unterschiedlich bei den einzelnen Mitgliedstypen an. Die Ehrenamtlichen, die in aller Regel die administrative und ideelle Vereinselite stellen, sollten in besonderem Maße von der Kompetenzschulung sozialer Organisationen profitieren. Sie lernen im Verein, wie man andere überzeugt, wie man Reden hält, Briefe schreibt oder Sitzungen leitet. Diese Effekte kommen dem klassischen Aktiven schon weniger zugute. Allerdings: auch sie beteiligen sich an vereinsinternen Diskussionen, interagieren miteinander, werden politischen Stimuli ausgesetzt und erlernen Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Die passiven Mitglieder dagegen, die mit dem Verein in der Regel nur in der Form einer monatlichen oder jährlichen Geldüberweisung in Kontakt stehen, sollten von den Sozialkapital- und Partizipationsleistungen ausgeschlossen bleiben. Sie verbleiben außerhalb der in der Theorie zentralen auf Dauer angelegten Interaktion.239 239 In der Tat steckt die vermutete Irrelevanz passiver Mitgliedschaft hinter Putnams Abneigung gegenüber sogenannten „tertiären“ Organisationen – check book Organisationen, die gar nicht 339 Erstaunlicherweise lässt sich der Ausschluss der Passiven von der Generierung sozialen Kapitals in der empirischen Forschung so nicht bestätigen. Schon Almond und Verba stellten fest, dass über fünf Länder hinweg passive Mitglieder ein größeres Repertoire zivilgesellschaftlicher Kompetenzen besaßen, sich eher für Politik interessierten und demokratische Normen und Werte in einem höheren Ausmaß unterstützen als Nicht-Mitglieder (Almond/Verba 1963). Wie kann das sein? Putnam und andere verweisen auf die „rainmaker“ Effekte sozialer Partizipation (s.o.), Wollebæk und Selle erklären dieses Puzzle mit der motivationalen Seite sozialer Partizipation. Bereits die Entscheidung, Mitglied zu werden (oder zu bleiben), erhöht das Gefühl sozialer Zugehörigkeit, welches Normen der Reziprozität und Vertrauensgefühle wecken kann (Wollebæk/Selle 2003b: 69; Wollebæk/Selle 2004: 249).240 Auch sind – als Ergebnis dieser norwegischen Studie – passive Mitglieder sehr wohl bereit, in gewissen Fällen aktiv zu werden und sind dementsprechend über Ziele und Struktur ihrer Organisation informiert: „[...] the passive members represent a reserve of activists from which the association can draw when carrying out specific, short-term activities. [...] The passive member of this year might be the active member of yesteryear, or next year. Individuals drift in and out of different roles and functions in the associations, depending on their life situation, their motivation and current resources“ Wollebæk/Selle 2003b: 82). Tabelle 27 präsentiert Basiszahlen zur Verbreitung von Mitgliedern insgesamt, Aktiven und Ehrenamtlichen in europäischen Zivilgesellschaften. Wiederum werden unterschiedliche konfessionelle Sektoren mit dem jeweiligen säkularen Sektor verglichen. Die Zahlen weisen Durchschnittswerte (Mittelwerte) für jeden Mitgliedstyp pro Sektor und Land aus. Die ebenfalls dargestellten Differenzwerte präsentieren konfessionelle (durchschnittliche) Abweichung vom säkularen Sektor der jeweiligen Stadt oder Gemeinde. Mit anderen Worten, der Differenzwert besagt, wie viel mehr oder weniger Aktive und Ehrenamtliche konfessionelle Vereine im Vergleich zum säkularen Sektor rekrutieren. Dass religiöse Vereine – wenige Ausnahmen bestätigen die Regel – hinsichtlich ihrer Mitgliederbasis, grundsätzlich kleiner sind als säkulare Vereine, und dass vor allem katholische Vereine ganz entgegen vieler theoretischer Annahmen zu den Organisationszwergen gehören, ist bereits in Kapitel 9 ausführlich diskutiert worden. An dieser Stelle soll vor allem die Rekrutierung von Aktiven und Ehrenamtlichen im Vordergrund stehen. Tabelle 27 zeigt, dass sich der „Nachteil“ konfessioneller Vereine hinsichtlich Mitgliedergröße in vielen Zivilgesellschaften in einem nicht unerklecklichen Ausmaß auf die Generierung von Aktiven überträgt. erst versuchen, Mitglieder zu aktivieren sondern mit den über die Mitglieder rekrutierten Einnahmen professionelle Lobby-Politik betreiben (z.B. Putnam 1995a: 71-72, siehe auch Maloney 1999: 108-109). 240 Die Autoren beziehen sich dabei auf Andersons Konzept der „imagined community“ (Anderson 1991) und zitieren Whiteley, der empirisch nachweist, dass Gefühle nationaler Zugehörigkeit (Patriotismus) in der Tat soziales Vertrauen beflügeln (Whiteley 1999: 31). 340 Tabelle 27: Mitgliedschaft und Engagement: Konfessionen im Vergleich1 Mitglieder Aktive Ehrenamtliche Mannheim Diff. Diff. Diff. Säkulare 165 75 17 Katholisch 76 -89 43 -32 17 0 Lutherisch 77 -88 34 -41 15 -2 Andere Religionen 152 -13 67 -8 24 +7 Vaihingen/Enz Säkulare 151 67 14 Katholisch 35 -116 30 -37 7 -7 Lutherisch 33 -118 22 -45 12 -2 Andere Religionen 51 -100 31 -36 9 -5 Althütte Säkulare 140 106 15 Katholisch2 20 -120 5 -111 0 -15 Lutherisch 23 -117 14 -92 11 -4 Chemnitz Säkulare 123 81 18 Katholisch 22 -101 17 -64 12 -6 Lutherisch 27 -96 16 -65 7 -11 Andere Religionen 41 -82 32 -49 9 -9 Limbach Säkulare 73 45 11 Lutherisch 39 -34 30 -15 3 -8 Bobritzsch Säkulare 56 46 7 Lutherisch 16 -40 6 -40 6 -1 Enschede Säkulare 144 74 32 Katholisch 139 -5 103 +29 46 +14 Calvinistisch 241 +97 128 +54 74 +42 Protest. Sekten 97 -47 39 -35 27 -5 Andere Religionen 118 -26 31 -43 12 -20 Lausanne Säkulare 190 109 20 Katholisch 243 +54 64 -45 177 +157 Calvinistisch 146 -44 120 +11 106 +86 Andere Religionen3 367 +177 113 +4 47 +27 Bern Säkulare 202 108 23 Katholisch 254 +52 129 +11 22 -1 Calvinistisch 205 +3 92 -16 32 +9 Protest. Sekten 317 +115 211 +103 164 + Andere Religionen 235 +33 159 +51 50 +141 341 Sabadell Säkulare 204 90 13 Katholisch 92 -112 53 -37 14 +1 Protest. Sekten 119 -85 119 +29 14 +1 Aalborg Säkulare 188 110 26 Lutherisch 122 -66 43 -67 31 +5 Protest. Sekten 92 -96 43 -67 15 -11 Aberdeen Säkulare 125 80 28 Calvinistisch 209 +84 145 +65 60 +32 Protest. Sekten 134 +9 107 +27 76 +48 Gesamt Diff. Diff. Diff. Säkulare, N=5428 165 88 23 Katholisch, N=368 89 -76 49 -39 22 -1 Lutherisch, N=478 55 -110 27 -61 13 -10 Calvinistisch, N=102 211 +46 136 +48 61 +38 Protest. Sekten, N=75 129 -36 79 -9 48 +25 Andere Religion, N=143 165 0 54 -34 29 +6 Anmerkungen: 1 nur Konfessionen, die mindestens 3 gültige Fälle stellen. Dargestellt sind Mittelwerte und Mittelwertdifferenzen (kursiv gedruckte Spalten) zwischen konfessionellen Vereinen und dem säkularen Sektor. So haben katholische Vereine in Mannheim im Schnitt 32 Aktive weniger als säkulare Vereine, im lutherischen Sektor beläuft sich die Differenz sogar auf ein Minus von 41. Ähnliche, zum Teil noch signifikantere, Nachteile ergeben sich für konfessionelle Organisationen in allen (west- und ost-) deutschen Zivilgesellschaften. Der relative Nachteil katholischer Organisationen erstreckt sich auch auf Lausanne und Sabadell, stimmt aber nicht für Enschede und Bern. Dort rekrutieren katholische Vereine eine höhere Zahl Aktiver als säkulare Vereine. In Aalborg erweisen sich konfessionelle Organisationen ähnlich benachteiligt wie in deutschen Kontexten, in Aberdeen dagegen ist das gesamte konfessionelle Organisationsmilieu „aktivistischer“ als die säkularen Vergleichsgrößen. Die Unterschiede sind also teilweise recht idiosynkratischer Natur und scheinen relativ wenig mit prinzipiellen Charakterzügen konfessioneller Typen erklärbar. Interessanterweise verschwindet der Nachteil konfessioneller Vereine hinsichtlich der Bereitstellung von Ehrenamtlichen fast völlig oder wächst sich sogar zu einem echten Vorteil aus. Dies lässt sich auch aus der zusammenfassenden Darstellung (letzte Zeilen in Tabelle 27) ersehen. Der massive Nachteil katholischer und vor allem lutherischer Organisationen hinsichtlich Mitgliederstärke, beeinflusst deren Fähigkeit, Mitglieder zu aktivieren, ist aber kaum noch sichtbar, wenn die Zahl der Ehrenamtlichen, die im Schnitt im Verein aktiv sind, betrachtet wird. Der anfängliche Rekrutierungsvorsprung des calvinistischen Milieus bleibt dagegen über alle Kategorien der Mitgliedschaft erhalten: mehr Mitglieder, mehr Aktive, mehr Ehrenamtliche. 342 Die Rekrutierung großer Massen an Aktiven und Ehrenamtlichen ist nur eine Seite der partizipatorischen Leistungen der Vereinswelt. Im Endeffekt, so könnte man argumentieren, ist es keine große Kunst aus einem riesigen Mitgliederpool hohe Zahlen an Aktiven zu generieren. Die Leidenschaft vieler Anhänger des Sozialkapital-Ansatzes für den kleinen Verein liegt genau in dem vermuteten Zusammenhang zwischen engem Zusammenhalt und der Aktivierung der Vereinsmitglieder. Hier steht die Mobilisierungsqualität der Vereinswelt im Vordergrund. Als simples Beispiel: einem Verein mit 1000 Mitgliedern mag zwar nur die Mobilisierung von zehn Prozent der Gesamtheit an Mitgliedern gelingen, dennoch „produziert“ ein solcher Verein die stolze Summe von 100 Aktiven. Ein Verein mit nur 100 Mitgliedern dagegen mag in der Lage sein, die Hälfte seiner Mitglieder zu aktivieren (besitzt also eine weitaus höhere Mobilisierungskapazität als der Großverein), produziert mit 50 Aktiven aber dennoch nur die Hälfte dessen, was dem Großverein trotz geringerer Mobilisierungsleistung gelingt. Tabelle 28 zeigt die Mobilisierungskapazität des religiösen und des säkularen Sektors. Eindeutig kehrt sich der Organisationsnachteil konfessioneller Organisationen in das Gegenteil: konfessionelle Vereine fast allen Typs und in fast allen Zivilgesellschaften mobilisieren deutlich mehr Mitglieder zu Aktiven oder Ehrenamtlichen. So kommen im katholischen Verein Mannheims auf 100 Mitglieder 71 Aktive, das sind 20 Aktive mehr als einem nicht-religiösen Verein pro 100 Mitglieder zu aktivieren gelingt. Ähnliche, wenn auch teilweise weniger signifikante Vorteile, ergeben sich in allen Lokalitäten und zeigen sich auch in der zusammenfassenden Darstellung des partizipatorischen Vorteils konfessioneller Vereine: Katholische Vereine „produzieren“ insgesamt zehn Aktive und 17 Ehrenamtliche pro 100 Mitglieder mehr als der säkulare Verein. Im lutherischen Kontext beläuft sich der Vorsprung auf 13 bzw. 14 Aktive und Ehrenamtliche. Auch im calvinistischen Vereinssektor besteht ein Vorteil von elf bzw. fünf Aktiven und Ehrenamtlichen gegenüber dem durchschnittlichen säkularen Verein (15 und sieben bei den Vereinen, die den protestantischen Sekten angehören, sowie drei und 16 im Kontext nicht-christlicher Vereine). Insgesamt besitzt somit der religiöse Sektor ganz unabhängig von der jeweiligen Konfession eine deutlich höhere Mobilisierungskapazität als die nicht-religiöse Vereinswelt. Eine Zusammenfassung partizipatorischer Leistungen wirft ein deutlich besseres Licht auf das calvinistische Vereinswesen als dies hinsichtlich unterschiedlicher Aspekte zivilgesellschaftlicher Vitalität der Fall war: mehr Aktive, mehr Ehrenamtliche. Hier stechen sie alle anderen Konfessionen aus, sind aber auch dem säkularen Sektor eindeutig überlegen. Allerdings sind vor allem die Rekrutierungsleistungen calvinistischer Vereine hervorragend, betrachtet man die Fähigkeit zur vereinsinternen Mobilisierung, so tritt spätestens hinsichtlich der Gefrierung Ehrenamtlicher wiederum ein lutherischer und katholischer Vorsprung zu Tage. Aber: die gesamte religiöse Vereinswelt – und dieses Ergebnis steht im klaren Gegensatz zur höheren zivilgesellschaftlichen Vitalität des säkularen Sektors – übertrifft säkulare Vereine bei weitem, wenn innerorganisatorische Prozesse der Mobilisierung betrachtet werden. Religiöse Vereine – vielleicht aufgrund der engeren Wertebasis, die ihre Mitglieder eint – sind Meister der Mobilisierung. 343 Tabelle 28: Mobilisierungspotential konfessioneller Organisationen im Vergleich Verhältnis von ... Aktiven zu Mitgliedern1 Ehrenamtlichen zu Mitgliedern1 Mannheim Diff. Diff. Säkulare 51 22 Katholisch 71 +20 45 +23 Lutherisch 66 +15 40 +18 Andere Religionen 58 +7 35 +13 Vaihingen/Enz Säkulare 57 23 Katholisch 86 +29 26 +3 Lutherisch 89 +32 42 +19 Andere Religionen 82 +25 47 +24 Althütte Säkulare 68 33 Katholisch 25 -43 13 -20 Lutherisch 83 +15 56 +23 Chemnitz Diff. Diff. Säkulare 66 23 Katholisch 82 +16 49 +26 Lutherisch 74 +8 37 +14 Andere Religionen 74 +8 53 +30 Limbach Säkulare 72 20 Lutherisch 79 +7 16 -4 Bobritzsch Säkulare 72 23 Lutherisch 52 -20 32 +9 Enschede Säkulare 60 33 Katholisch 71 +11 42 +9 Calvinistisch 51 -9 32 -1 Protest. Sekten 66 +6 37 +4 Andere Religionen 42 -18 30 -3 Lausanne Säkulare 58 20 Katholisch 29 -29 32 +12 Calvinistisch 56 -2 29 +9 Andere Religionen5 24 -34 11 -9 344 Bern Säkulare 54 20 Katholisch 55 +1 23 +3 Calvinistisch 53 -1 26 +6 Protest. Sekten 56 +2 43 +23 Andere Religionen 61 +7 15 -5 Sabadell Säkulare 52 15 Katholisch 65 +13 32 +17 Protest. Sekten 100 +48 7 -8 Aalborg Säkulare 65 23 Lutheranisch 68 +3 41 +18 Protest. Sekten 75 +10 22 -1 Aberdeen Säkulare 70 28 Calvinistisch 79 +9 27 -1 Protest. Sekten 82 +12 29 +1 Gesamt Säkulare, N=5428 59 23 Katholisch, N=368 69 +10 40 +17 Lutherisch, N=478 72 +13 37 +14 Calvinistisch, N=102 70 +11 28 +5 Protest. Sekten, N=75 74 +15 30 +7 Andere Religion, N=143 62 +3 39 +16 Anmerkungen: nur Konfessionen, die mindestens drei gültige Fälle stellen. 1 Skala nimmt Werte von 0 bis 1 an und wurde zur Erleichterung der Interpretation mit 100 multipliziert. Ein Wert von “0” bedeutet demnach, dass kein Mitglied (0 von 100) aktiv bzw. ehrenamtlich tätig ist, ein Wert von “50” bedeutet, dass 50 von 100 Mitgliedern aktiv oder ehrenamtlich tätig sind, während ein Wert von “100” bedeutet, dass alle Mitglieder (100 von 100) aktiv oder ehrenamtlich tätig sind. Dargestellt sind Mittelwerte und Differenzwerte (kursiv gedruckte Spalten) zwischen konfessionellen Vereinen und dem säkularen Sektor. 10.3 Brückenbildendes und verbindendes Sozialkapital Die Sozialkapital generierende Leistung des religiösen Sektors, des zivilgesellschaftlichen Sektors überhaupt, liegt – glaubt man der aktuellen Diskussion (vgl. Kapitel 2) – in ihrer Fähigkeit, Brücken zwischen Menschen zu schlagen, die sich einander sonst kaum oder nur unter hierarchischen Vorzeichen begegnen würden. Nur unter der Bedingung, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, Interessen und Vorlieben im Verein mit einander kommunizieren, entsteht der Typus des Vertrauens, der sich über die Kleingruppe hinaus als generalisiertes Vertrauen zu einem gesellschaftlich wirksamen und demokratisch erwünschten Merkmal entwickeln kann.

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.