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Sigrid Roßteutscher, Themenbreite in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 333 - 336

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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333 gen innerhalb des calvinistischen Sektors auch bei einer Umrechnung auf den calvinistischen Bevölkerungsteil Fertilitätsraten bei zwei Organisationen pro 100.000 Calvinisten verharren. 10.1.3 Themenbreite Eine Vereinswelt, die aus unzähligen Angeboten besteht, kann dennoch defizitär sein, wenn bestimmte Themen und Ziele systematisch ignoriert werden. Wenn eine Großzahl dieser Vereine sich schlicht nur um wenige Themen bemüht, also z.B. fast ausschließlich Sportangebote zur Verfügung stellt, während die Interessen von Eltern mit Kindern oder alten Menschen nicht oder kaum berücksichtigt werden, dann wäre diese Zivilgesellschaft in der Tat defizitär, da bestimmte Interessen und Bedürfnisse der Bürger nicht vertreten sind. Bei Caulkins ist dies die Kapazität lokaler Organisationen, die Interessen und Überzeugungen eines „wide range of people“ zu repräsentieren (Caulkins 2004: 179). Die ideale Zivilgesellschaft besitzt somit beides: eine hohe Vereinsdichte und ein Themenspektrum, das die Interessen aller Einwohner bedient. Im Bereich der Immigrantenforschung wird ein ähnliches Argument unter dem Stichwort „institutional completeness“ genutzt. Nach Breton (1964) sind Immigrantengruppen dann institutionell „komplett“, wenn es ihnen gelingt, alle zentralen organisatorischen Aktivitäten innerhalb ihrer eigenen Organisationswelt anzubieten (Vermeulen 2005: 15), sie also nicht länger auf die Organisationsangebote der Gastgesellschaft angewiesen sind. Dieses Konzept lässt sich unschwer auf den religiösen Sektor übertragen, ist es doch gewissermaßen die Umformulierung der klassischen Idee der Subkultur, der es – wie den niederländischen, deutschen oder schweizerischen Katholiken im 19. Jahrhundert – fast perfekt gelang, ihre Mitglieder durch eigene Angebote von der als feindlich empfundenen Umwelt zu isolieren (vgl. Kapitel 6). Tabelle 26a zeigt wie viele Prozent der Themen oder Bereiche insgesamt von den jeweiligen zivilgesellschaftlichen Sektoren abgedeckt werden. Die Prozentwerte wurden ermittelt, indem die Zahl der jeweils angebotenen Themen in Beziehung zur Gesamtzahl aller (im Fragenbogen) zur Auswahl stehenden Themen gesetzt wurde. Offensichtlich erfahren die säkularen Sektoren recht ähnliche Grade der institutionellen Vollständigkeit. Nur die Zivilgesellschaften kleiner Gemeinden sind – wenig überraschend –hinsichtlich der vertretenen Themenbreite defizitär. Innerhalb der Großstädte fällt allein Sabadell, das sich bereits durch eine ausgesprochen geringe Vereinsdichte auszeichnete, ein wenig aus dem Rahmen. So werden von den insgesamt 32 abgefragten Bereichen im säkularen Sektor Sabadells nur 24 bzw. 75 Prozent tatsächlich angeboten. In Mannheim, Aalborg und Bern findet sich dagegen eine fast einhundertprozentige Vollversorgung, in Enschede Lausanne, Chemnitz und Aberdeen ist die Themenbreite nur unwesentlich geringer: zwischen 91 und 84 Prozent der Themen sind im lokalen Angebot präsent. In jedem Fall ist die institutionelle Vollständigkeit des religiösen Sektors geringer. Allein der katholische Sektor Mannheims lässt die alte Idee der Subkultur, einer geschlossenen institutionellen 334 Infrastruktur, die den Milieugebundenen die beinahe vollständige Bandbreite assoziativer Ziele bietet, aufscheinen. Mit einer Themenbreite von 66 Prozent (oder 21 verschieden thematischen Angeboten) bezeugt das Mannheimer katholische Milieu, dass es eine tatsächlich weit über enge religiöse Anliegen hinausgehende Bedeutung hat. Das Mannheimer protestantische Milieu ist zwar innerhalb protestantischer Vereinswelten europäischer Spitzenreiter, aber im Vergleich zum katholischen Sektor deutlich weniger inhaltlich ausdifferenziert (50 im Vergleich zu 66 Prozent Themendeckung).236 Für alle anderen Zivilgesellschaften (mit der teilweisen Ausnahme des katholischen Sektors Sabadells und des protestantischen Bereichs in Chemnitz und Aberdeen) gilt, dass der religiöse Sektor hinsichtlich institutioneller Vollständigkeit weit hinter dem säkularen Sektor zurück bleibt. Tabelle 26a: Themenspektrum konfessioneller Vereine im Vergleich Säkular Religiös Katholisch Protestantisch in % Fallzahl in % Fallzahl in % Fallzahl in % Fallzahl Mannheim 96,9 1113 71,9 417 65,6 217 50,0 142 Vaihingen 62,5 136 37,5 107 18,8 22 25,0 53 Althütte 18,8 13 12,5 15 3,1 2 12,5 13 Chemnitz 84,4 456 43,8 160 12,5 14 40,6 116 Limbach 56,3 99 25,0 49 6,3 2 21,9 43 Bobritzsch 21,9 13 15,6 16 - - 15,6 16 Enschede 90,6 730 40,6 92 18,8 16 28,1 53 Lausanne 87,5 261 28,1 18 12,5 7 6,3 2 Bern 96,9 415 34,4 47 18,8 12 15,6 17 Sabadell 75,0 251 37,5 47 34,4 37 9,4 6 Aalborg 96,9 867 28,1 52 3,1 1 18,8 42 Aberdeen 84,4 349 40,6 101 3,1 2 37,5 83 Anmerkungen: Abgefragt wurden folgende 32 Optionen: Wohltätigkeit/Wohlfahrt, Gesundheit, Belange von Behinderten, Senioren/Rentner, religiöse Aktivitäten, Bildung, Armut, Belange ausländischer Mitbürger, Sport, Kinder, Jugend, Eltern, Hobby, Kultur/Musik, Forschung, wirtschaftliche Entwicklung, Umwelt, Tierschutz, Frieden, humanitäre Hilfen, Frauen, Menschenrechte, Kinderbetreuung, Stadtentwicklung, Politik, Unternehmer/Arbeitgebervertretung, Arbeitnehmervertretung, Vertretung von Berufsgruppen, Verbraucherinteressen, Familie, Beschäftigung u. Ausbildung, Wohnen/Unterkunft. Den Vereinen war die Möglichkeit gegeben, mehrere Vereinsziele zu nennen. Abschließend wurden sie gebeten, den für sie wichtigsten Bereich zu nennen. Auf dieser Nachfrage beruhen die Angaben in Tabelle 26a. Ein Bereich/Thema gilt als abgedeckt, wenn mindestens ein Verein dieses Thema als sein wichtigstes Anliegen bezeichnet. 236 Damit bestätigt sich zumindest im westdeutschen Kontext auch eine Überlegung von Fix und Fix (2005: 30), die erwarteten, dass im Ländern, die starke katholische Subkulturen ausbildeten, sowohl das Spektrum sozialer Dienste als auch die Palette bedienter Zielgruppen höher sein sollte als in Ländern ohne solch konfessionelle Subkulturen. 335 Eine Zusammenfassung der Fälle über alle Zivilgesellschaften hinweg (Tabelle 26b), zeugt von der Wesensähnlichkeit katholischer und lutherischer Vereinswelten, deren thematische Bandbreite mit 21 Themen (oder 66 Prozent) zwar nicht die Breite des säkularen Sektors erreicht, aber dennoch eine Themenvielfalt erkennen lässt, hinter denen alle anderen Konfessionen deutlich zurückstehen. Tabelle 26b: Themenspektrum konfessioneller und säkularer Vereine im Vergleich Prozent Themen insgesamt (von 32) Zahl der gültigen Fälle % Religion als wichtigsten Anliegen Zahl der gültigen Fälle Säkular 96,9 4703 0,0 4085 Religiös 78,1 1121 39,0 1015 Katholisch 65,6 332 33,4 293 Prot. insgesamt 68,8 586 42,9 538 Lutherisch 65,6 420 35,9 382 Calvinistisch 46,9 93 66,7 58 Prot. Sekten 34,4 73 52,2 69 Andere Religionen 46,9 133 47,2 123 Tabelle 26b gibt auch eine erste Erklärung für dieses Phänomen: gerade calvinistische Vereine sind auf das religiöse Kernanliegen fokussiert. 67 Prozent aller calvinistischen Organisationen geben an, dass „religiöse Aktivitäten“ für sie zentral sind. Die sogenannten protestantischen Sekten folgen mit einer religiösen Konzentration von 52 Prozent, unter den nicht-christlichen Konfessionen sind immerhin noch knapp die Hälfte (47 Prozent) hauptsächlich religiös ausgerichtet. Die große Mehrheit der katholischen und lutherischen Vereine dagegen hält andere Themen für wichtiger als das religiöse Engagement. Nur 33 Prozent aller katholischen Vereine und 36 Prozent aller lutherischen Vereine bezeichnen religiöse Aktivitäten als ihr Hauptanliegen. Mit anderen Worten, für zwei Drittel aller katholischen und lutherischen Vereine ist der religiöse Aspekt höchstens ein Nebenanliegen, wirklich zentral sind dem Verein andere Themen. Auch dieses Resultat zeugt von der ursprünglichen Gründungsmotivation konfessioneller Vereine, die zum Tanzen und Sport treiben einluden, weniger um der konfessionellen Erbauung der Mitglieder zu dienen, als um die eigenen Klientel vor den Verführungen (und Kontaktrisiken) des säkularen Sektors zu „schützen“. Sollten Dichte, Dynamik und Themenbreite gleichermaßen zentrale Aspekte zivilgesellschaftlicher Vitalität abbilden, so ergeben sich aus den obigen Analysen mehrere Schlussfolgerungen – Schlussfolgerungen, die eher zugunsten lutherischer und katholischer Vereinswelten und zu Ungunsten des calvinistischen und des Sektenmilieus zu interpretieren sind; Schlussfolgerungen, die allerdings auch einen grundsätzlichen Vorteil des säkularen Arms der Zivilgesellschaft gegenüber dem religiösen Arm betonen müssen. Ob und in welchem Ausmaß Zivilgesellschaften dicht sind, also der Wohnbevölkerung ein großzügiges Netz organisatorischer Angebote zur Verfügung steht, ist vor allem dem säkularen Vereinssektor geschuldet. 336 Fast überall tragen religiöse Vereine nur im marginalen Umfang zur zivilgesellschaftlichen Angebotsvielfalt bei. Deutschland (West wie Ost) bildet einen interessanten Ausnahmefall. Aber auch die Themenbreite, die Themenvielfalt oder institutionelle Geschlossenheit, liegt im säkularen Sektor weit über der Angebotspalette des religiösen Bereichs. Hier zeigen sich allerdings große inter-konfessionelle Abweichungen. Das katholische und lutherische Vereinsmilieu kommen dem Angebotsreichtum des säkularen Spektrums am nächsten. Calvinisten, Vereine aus dem protestantischen Sektenmilieu und Vereine nicht-christlicher Provenienz beherbergen dagegen vermehrt Ein-Themen-Vereine, die sich ausschließlich dem religiösen Kernanliegen widmen. Auch die Analysen zur zivilgesellschaftlichen Dynamik bezeugen den Vitalitätsvorsprung katholischer und vor allem lutherischer Vereinswelten, die das dynamischste Element innerhalb des religiösen Sektors stellen. Calvinistische Vereine und Vereine aus dem Umfeld der protestantischen Sekten sind nicht nur (ur-)alt, sondern auch nicht in der Lage, sich regelmäßig durch Neugründungen zu verjüngen. Allerdings ist die gesamte säkulare Vereinslandschaft von einer größeren Dynamik und Verjüngungskapazität ausgezeichnet als das religiöse Vereinswesen, welches eher für Kontinuität aber auch geringe Innovationsfähigkeit steht. Anzeichen einer Revitalisierung des Religiösen sind hier nicht zu erkennen. 10.2 Engagement in kirchlichen Organisationen Inner-organisatorisches Engagement ist die zentrale abhängige Variable im rational choice Dreisatz: Deregulierung und Marktöffnung führen zu Organisationsvielfalt und Wettstreit. Letzterer impliziert hohe religiöse Partizipation und innerkirchliches Engagement. Operationalisiert wird religiöse Partizipation in der Regel durch die Kirchgangshäufigkeit bzw. Kirchenmitgliedschaft, die wiederum häufig durch nationale Repräsentativstudien erfasst wird (z.B. Iannaccone 1991; Land et al. 1991; Chaves/Cann 1992; Chaves et al. 1994; Stark/Iannaccone 1994; Iannaccone et al. 1995).237 Die Problematik nationaler Repräsentativstudien, in der Tat jeder supralokalen Analyseeinheit, ist der rational choice Schule bewusst, beruht doch die Gültigkeit ihrer Annahme auf einer Bestätigung im Kontext von „local religious situations, the ones people actually experience“ (Finke et al. 1996: 204). Aber auch die Operationalisierung von „religious vitality“ über Kirchgangshäufigkeit oder Kirchenmitgliedschaft ist eine nicht zwingende Lösung zur empirischen Überprüfung der Theorie. Die Argumentationslogik der ökonomischen Theorie ruht auf den von ihr postulierten Zusammenhängen zwischen Angebotsvielfalt und Partizipation: weil im freien Markt kein religiöser Anbieter staatlich privilegiert ist, entsteht eine Vielfalt religiöser Organisationen. Da diese nun miteinander um Anhänger konkurrieren müssen, schaffen sie ein Angebot, dass sich an den Bedürfnissen potentieller Kunden orientiert und sind daher erfolgreich in der Rekrutierung neuer 237 Die Partizipationsrate ergibt sich dann aus dem Prozentsatz der kirchlich Gebundenen/Kirchgänger in einer Region/Nation (Land et al. 1991: 238-239).

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.