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Sigrid Roßteutscher, Dynamik und Fertilität in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 325 - 333

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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325 tigt werden, während die Analyse auf der Mikroebene (im Vergleich der Individuen) eher bescheidene, wenn nicht sogar insignifikante Ergebnisse liefert (z.B. Gabriel et al. 2002, Newton/Norris 2000). Wie kann das sein? Putnam et al. (2000: 26) erklären das Phänomen mit der „rainmaker“ Funktion freiwilliger Organisationen: das in Vereinen produzierte Vertrauen „regnet“ auch auf die herab, die selbst nicht in Vereinen aktiv sind. Je mehr Vereine den segensreichen Regen produzieren, desto stärker sind – um im Bild zu bleiben – die Schauer, die auf die Gesellschaft herunterprasseln und desto wahrscheinlicher ist es, dass auch Inaktive „nass“ werden. Daher: in Gesellschaften mit einer hohen Vereinsdichte sind soziales und politisches Vertrauen weit verbreitet, unabhängig davon wie sich individuelle Mitgliedschaft verteilt. „The existence of a multitude of visible voluntary associations is in itself evidence of the value and rationality of collaborative efforts, even for individuals who are not active in these efforts themselves“ (Wollebæk/Selle 2004: 251). Dies ist der Fall, da allein die Größe und Vielfältigkeit des zivilgesellschaftlichen Sektors einen positiven Einfluss auf die Qualität demokratischer Regierungen aus- übt, da mehr Interessen artikuliert und aggregiert werden, die Dominanz einzelner oder weniger Interessengruppen ausgeschlossen wird und die Regierung zu effizientem Handeln gezwungen werden kann (Putnam 1993; Boix/Posner 1996). Die Qualität des politischen Systems ist also effektiv erhöht, und die Bürger haben tatsächlichen allen Grund, ihren Institutionen zu vertrauen. „[...] in areas with more dense social networks, increased government performance will give citizens more reason to trust their political institutions, whether they themselves are members or not“ (van der Meer 2003: 134). 10.1.2 Dynamik und Fertilität Die Zahl oder Quote der Mitglieder an religiösen Organisationen im Vergleich zur Gesamtzahl der religiös Gebundenen, kann zudem als Indikator für den Organisationsgrad der Gruppe an sich betrachtet werden (Vermeulen 2005: 16). Gerade in der Organisationsökologie gilt Dichte, verstanden als Anzahl der existierenden Organisationen innerhalb einer Population, als zentrales Kriterium organisatorischer Legitimität. Dabei gilt, dass nicht nur die Dichte an sich, sondern vor allem auch das Verhältnis zwischen „alten“ und „jungen“ Organisationen von Bedeutung ist. Nur dort, wo Neugründungen häufig oder zumindest nicht unmöglich sind, gilt die Organisationsgesellschaft als dynamisch. Je dichter das Organisationsnetzwerk ist, desto höher ist auch die Gründungsrate, da das Organisationsmodell an sich hohe Legitimität genießt (Hannan/Freeman 1989: 129-131; Minkoff 1995: 123). „Organisational ecologists therefore believe that the founding rate of new organisations is strongly related to the total number of organisations. [...] However, at the same time, growth in the number of organisations will also intensify competition” (Vermeulen 2005: 48). 326 Während der ökologische Ansatz davon ausgeht, dass dieser intensive Wettkampf zu Selektion und damit auch zur Auflösung mancher Organisationen führt („survival of the fittest“), würde die ökonomische Theorie eher verstärkte Nischenaktivitäten, konsumentenfreundliche Angebote und ein partizipatives Innenleben erwarten. Organisationsvielfalt muss also nicht unbedingt Konkurrenz zur Folge haben. Gerade Nischenangebote sind ja ein Versuch, der Wettbewerbssituation zu entkommen und Angebote zu schaffen, die auf dem Markt noch nicht befriedigt wurden. Vor allem deshalb steigt in einer dichten Organisationswelt der Aktivitätsgrad, da auch für Interessen, die nicht dem mainstream entsprechen, organisatorische Angebote vorliegen. Tabelle 23: Säkulare und religiöse Vereinsdichte in europäischer Zivilgesellschaften im Vergleich 1 Vereinsdichte insgesamt 2 Säkulare Vereinsdichte 3 Religiöse Vereinsdichte insgesamt 4 Katholische Vereinsdichte 5 Protestantische Vereinsdichte1 Mannheim 15,6 11,4 4,2 6,6 4,9 Vaihingen 15,8 8,6 7,1 7,7 6,8 Althütte 12,1 5,9 6,2 4,7 10,6 Chemnitz 5,4 3,9 1,5 7,0 8,4 Limbach 11,2 7,9 3,3 4,4 12,7 Bobritzsch 10,8 6,1 4,7 0,0 14,3 Enschede 11,0 9,8 1,2 0,6 3,3 Lausanne 7,4 6,9 0,4 0,4 0,3 Bern 9,8 9,0 0,8 0,7 0,6 Sabadell 6,1 4,9 1,2 1,2 6,6 Aalborg 12,6 11,9 0,7 1,2 0,6 Aberdeen 9,0 7,0 1,9 0,7 4,2 Anmerkungen: Für die Berechnung der Vereinsdichte insgesamt, der säkularen Vereinsdichte und der religiösen Vereinsdichte wurde die Zahl der Vereine (alle, nur die säkularen bzw. nur die religiösen) durch die Zahl der Einwohner dividiert. Bei der Berechnung der katholischen und protestantischen Vereinsdichte wurde analog verfahren, allerdings wurde als Berechnungsgrundlage die Zahl der konfessionell gebundenen Einwohner zugrunde gelegt, also die Zahl der katholischen Vereine durch die Zahl der Katholiken in einer Gemeinde dividiert. Die zentralen Berechnungsgrundlagen (Zahl der Einwohner, Vereine, Katholiken, etc.) sind in Tabellen 1 und 2 dargestellt. Der Dichte-Indikator für die ersten drei Spalten drückt somit aus, wie viele Vereine insgesamt, säkulare bzw. religiöse Vereine und Gruppen auf 1000 Einwohner entfallen. Der Dichte-Indikator der Spalten 4 und 5 dagegen präsentiert die Zahl der (katholischen bzw. protestantischen) Vereine pro 1000 Katholiken bzw. 1000 Protestanten. 1 evangelisch-lutherisch, calvinistisch und andere protestantische Glaubensrichtungen. Auch streitet nicht jede Organisation mit jeder anderen, sondern es hängt von ihrer jeweiligen Zielsetzung ab, ob und mit welchen Organisationen sie um Mitglieder und Ressourcen konkurriert. McPherson (1983: 525-527) nennt explizit das Beispiel des religiösen Vereins, der mit nahezu allen freiwilligen, nicht-religiösen Vereinen (vom Jugend- und Frauen- über den Sport- bis zum Sozialverein) um Mitglieder, sowie deren Zeit und materielle Ressourcen streitet (vgl. auch Vermeulen 2005: 53- 54). In der Tat hat sich die religiöse Subkultur historisch vor allem in Konkurrenz 327 zur säkularen Unterhaltungsindustrie und Vereinsangeboten entwickelt (vgl. Kapitel 6). Dies ergibt eine interessante Variante zum Argument der rational choice Schule: die Lebendigkeit des religiösen Sektors ist nicht (oder weniger) der interkonfessionellen Konkurrenz geschuldet, sondern der Vielfalt, Lebendigkeit und Vitalität des säkularen Arms der lokalen Zivilgesellschaft. Tabelle 23 zeigt die Dichte des Vereinswesens in den unterschiedlichen Subgesellschaften europäischer Städte und Gemeinden. Sieht man von den west- und ostdeutschen Kleinstädten und Dorfgemeinschaften ab, die sich allesamt durch eine relativ hohe Vereinsdichte auszeichnen, so belegt Mannheim den Spitzenplatz, dicht gefolgt von Aalborg. In Mannheim kommen auf 1000 Einwohner beinahe 16 Vereine, in Aalborg 13. Im spanischen Sabadell und ostdeutschen Chemnitz dagegen, die in einem Ranking die beiden letzten Plätze belegen würden, müssen sich 1000 Bürger sechs bzw. fünf Vereine teilen. Damit ist die Dichte unter den Top Zwei im Schnitt dreimal so hoch wie am Ende der Skala. Aalborgs Spitzenplatz ist fast ausschließlich dem nicht-religiösen Bereich zu verdanken. Im religiösen Sektor kommt weniger als ein Verein auf 1000 Einwohner. In Mannheim ist dies nicht so. Hier leistet der religiöse Sektor einen signifikanten Beitrag zur Dichte des Vereinswesens: auf 1000 Mannheimer kommen vier religiöse Vereine. Im europäischen Kontext ist die (west) deutsche religiöse Vereinsdichte einmalig, erreicht nur von den kleineren ostdeutschen Gemeinden. Bezieht man die Zahl der religiösen Vereine auf die jeweiligen konfessionellen Subgesellschaften so verstärkt sich die deutsche – West und Ost – Ausnahmeposition. In Chemnitz, dessen Vereinswesen ausgesprochen dünn ausgestattet ist, stehen den Protestanten deutlich mehr Vereine zur Verfügung (acht auf 1000 Protestanten) als der Mehrheit der Konfessionslosen (vier auf 1000 Konfessionslose). Während der zweite Befund historisch zu erwarten war, da sich Ostdeutschlands Zivilgesellschaft nach langen Jahrzehnten der Diktatur noch in der Regenerations- oder Aufbauphase befindet, kommt die Stärke des religiöse Sektors, der zu DDR-Zeiten unterschiedlichsten Überwachungs- und Unterdrückungsmechanismen ausgesetzt war, als Überraschung (vgl. aber Tabelle 8 und den dort diskutierten over-supply religiöser Organisationen im Vergleich zum Anteil der Konfessionslosen). Die Ostkirchen haben, als einzige aus der DDR herausgegangen unabhängigen Großorganisationen, die Freiheit nach 1989 geschickt genutzt und – aufbauend auf ihrer organisatorischen Infrastruktur und westlichen Finanzhilfen – ein religiöses Netzwerk aufgebaut, dessen Ausmaß gemessen an der geringen Zahl der kirchlich Gebundenen gigantisch ist. Überraschend ist auch die außergewöhnlich geringe Dichte konfessioneller Zivilgesellschaften in der Schweiz, waren dort doch, wie in Deutschland und den Niederlanden, im 19. Jahrhundert umfassende konfessionelle Subgesellschaften entstanden. Im Gegensatz zu Deutschland sind diese aber offensichtlich nicht mehr existent. Enschede entspricht den Erwartungen. Während die Vereinsdichte im protestantischen Milieu beinahe der Mannheims entspricht (wie später zu sehen ist, verdankt sie dies hauptsächlich den Neo-Calvinisten und protestantischen Sekten), ist die katholische Organisationsgesellschaft nahezu zusammengebrochen. 328 Dichte ist in der Organisationsökologie nur ein Indikator. Als mindestens so wichtig wird die Regenerationsfähigkeit, der Anteil der Neugründungen erachtet, welche der Zivilgesellschaft erst die Dynamik geben, die sie zum Überleben befähigt. Tabelle 24a zeigt Grundstrukturen der Altersverteilung des säkularen Sektors im Vergleich zum religiösen Sektor europäischer Zivilgesellschaften. Auffällig sind vor allem Bern und Aberdeen, zwei Lokalitäten mit mittlerem Dichtegrad (siehe Tabelle 23). Sieht man von dem ostdeutschen Dorf Bobritzsch ab, dessen religiöser Sektor nahezu biblisches Alter erreicht (ein Durchschnitt von 120 Jahren im Vergleich zu 21 Jahren im säkularen Bereich, und der sich somit ungeschadet zweier Diktaturen direkt aus früheren Jahrhunderten in die Jetztzeit gerettet zu haben scheint), ist der religiöse Sektor beider Städte ausgesprochen alt – sowohl im Vergleich zu anderen europäischen Zivilgesellschaften als auch dem eigenen säkularen Sektor. Der Unterschied ist vor allem in Aberdeen frappant, wo ein durchschnittliches Alter religiöser Vereine von 80 Jahren einem Durchschnittsalter von 32 Jahren im nicht-religiösen Bereich gegenübersteht. Auch in Bern ist der religiöse Sektor alt (Durchschnitt von 70 Jahren), doch scheint die gesamte Berner Zivilgesellschaft von einer gewissen Überalterung betroffen. Ein Durchschnittsalter von 55 Jahren auch für den säkularen Sektor ist europäischer Spitzenwert. Tabelle 24a: Alter säkularer und religiöser Zivilgesellschaften im Vergleich 1 Durchschnittsalter 2 Altersverteilung der jüngsten 20 % 3 Altersverteilung der ältesten 20 % 4 Zahl der gültigen Fälle Säk. Rel. Säk. Rel. Säk. Rel. Mannheim 36 36 0-6 0-6 64 + 81 + 1427 Vaihingen 40 34 0-5 0-3 68 + 46 + 231 Althütte 28 24 5-6 1-3 59 + 48 + 29 Chemnitz 22 30 0-7 0-3 49 + 53 + 607 Limbach 31 57 0-5 0-4 74 + 101 + 168 Bobritzsch 21 120 2-4 2-18 34 + 401 + 29 Enschede 32 46 0-8 1-10 54 + 71 + 755 Lausanne 37 36 0-7 2-7 69 + 54 + 426 Bern 55 70 0-13 1-20 92 + 121 + 603 Sabadell 23 35 0-4 0-8 40 + 55 + 339 Aalborg 34 39 0-8 1-7 57 + 75 + 861 Aberdeen 32 80 0-8 1-11 51 + 127 + 425 Spalten 2 und 3 in Tabelle 24a betrachten die Altersverteilung aus einer anderen Perspektive. Dazu wurden fünf gleichstarke Gruppen (Quintile) gebildet, die jeweils 20 Prozent aller Vereine umfassen. Die „Alterslastigkeit“ Berns oder Aberdeens wird auch hier ersichtlich. In Bern umfasst das „jüngste“ Quintil Organisationen, die bis zu 20 Jahre alt sind (elf in Aberdeen), während diese erste Gruppe in Mannheim bereits mit den sechsjährigen endet (in den kleineren westdeutschen Gemeinden 329 schon mit einem Alter von drei Jahren, in Ostdeutschland außer Bobritzsch mit drei bzw. vier Jahren). Umgekehrt beginnt das Quintil der „ältesten“ 20 Prozent in Aberdeen erst mit über 127 Jahren alten Vereinen, während ein Verein in Chemnitz, Lausanne oder Sabadell nur um die 50 Jahre alt sein muss, um in diese Gruppe zu fallen. Sind diese Unterschiede einzelnen Konfessionen zu verdanken oder betreffen sie den religiösen Sektor insgesamt? Tabelle 24b präsentiert eine Zusammenfassung konfessioneller Altersstrukturen. Alle Altersindikatoren zeigen zunächst, dass zwar ein geringer Altersunterschied zwischen dem säkularen und dem religiösen Bereich besteht, zeugen aber auch von großen konfessionellen Abweichungen. Offensichtlich sind Luthertum (in eingeschränktem Maße auch der Katholizismus) und die Sammelkategorie „andere“ Konfessionen die dynamischen Elemente im religiösen Sektor. Hinsichtlich nichtchristlicher Religionen ist dies zunächst wenig überraschend, sind doch die meisten dieser Organisationen Ausdruck von Immigrationsbewegungen, die im größeren Umfang erst ab Ende des zweiten Weltkriegs stattgefunden haben. Dass sich dagegen sowohl Calvinisten als auch der Typus protestantische Sekte – die in Anlehnung an Weber so getauften Gruppierungen der Baptisten, Methodisten, Mennoniten, etc. – als weniger dynamisch oder verjüngungsfähig erweisen als die uralten, hierarchischen Strukturen des Katholizismus und des Luthertums ist eher überraschend. Diesen Befund reflektieren einerseits die unterschiedlichen Durchschnittswerte, auf denen lutherische und „andere“ Religionen ein halb so hohes Durchschnittsalter erreichen wie calvinistische oder Sektenorganisationen. Er zeigt sich andererseits auch darin, dass das jüngste Qunitil bei Lutheranern bereits in der Altersgruppe der Dreijährigen zu Ende geht, während im calvinistischen Fall bis zu 15jährige Vereine die jüngsten 20 Prozent der Verteilung ausmachen. Umgekehrt beginnt die Gruppe der „ältesten“ Organisationen im Luthertum bereits mit einem Alter von 56 Jahren, während man im calvinistischen Sektor über 116 Jahre alt sein muss, um zu diesem letzten Quintil zu gehören. Tabelle 24b Alter konfessioneller und säkularer Vereine im Vergleich 1 Durchschnittsalter 2 Altersverteilung der jüngsten 20 % 3 Altersverteilung der ältesten 20 % 4 Zahl der gültigen Fälle Säkular 35 0-7 60 + 4846 Religiös 43 0-6 75 + 1054 Katholisch 40 0-10 73 + 313 Lutherisch 36 0-3 56 + 374 Calvinistisch 70 1-15 116 + 94 Prot. Sekten 66 1-11 114 + 67 Andere Religionen 34 0-4 58 + 132 Sind manche religiösen Sektoren „älter“ als andere, weil alte Organisationen eine lange Beharrungsfähigkeit besitzen oder weil die „Geburtenrate“ niedrig ist? Immerhin ist es theoretisch denkbar, dass ein hohes Durchschnittsalter einer Kombina- 330 tion aus langer Lebenserwartung und hoher Fertilität geschuldet ist. Tabelle 25a vergleicht den Anteil der Neugründungen an der Gesamtpopulation der Organisationswelt und präsentiert auf die jeweilige Bevölkerungszahl umgerechnete Fertilitätsraten. Tabelle 25a: Fertilitätsraten säkularer und religiöser Zivilgesellschaften im Vergleich Fünf Jahre alt oder jünger Säkularer Sektor Religiöser Sektor Prozent aller Org. Fertilitätsrate Prozent aller Org. Fertilitätsrate Mannheim 16,5 56,6 20,1 20,9 Vaihingen 21,4 101,1 25,0 90,3 Althütte 14,3 49,5 26,7 98,9 Chemnitz 15,2 26,2 26,7 16,6 Limbach 21,1 98,0 25,0 36,3 Bobritzsch 25,0 102,3 11,1 20,5 Enschede 11,1 49,8 13,4 7,3 Lausanne 17,1 55,1 17,4 3,2 Bern 6,2 27,7 3,9 1,6 Sabadell 28,5 42,6 12,9 4,3 Aalborg 12,4 62,5 8,2 2,5 Aberdeen 14,2 22,2 7,4 3,3 Gesamt 14,7 44,6 17,8 11,7 Anmerkung: Die Fertilitätsraten wurden berechnet, indem die Zahl der Neugründungen durch die Zahl der Einwohner dividiert wurde. Das Ergebnis wurde mit 1.000 multipliziert. Als Beispiel: in Mannheim ergibt sich im säkularen Sektor eine Fertilitätsrate von 56,6 Neugründungen pro 100.000 Einwohner innerhalb der letzten fünf Jahre (181: 319.944) x 1000. Vergleich man den Anteil „junger“, maximal fünf Jahre alter Organisationen, innerhalb der jeweiligen Sektoren, so ist gerade im deutschen (aber auch im niederländischen) Kontext der religiöse Sektor stärker von Neugründungen dominiert als der säkulare Sektor (so sind z.B. in Chemnitz 27 Prozent aller religiösen Vereine in den letzten fünf Jahren gegründet worden, im säkularen Bereich trifft dies nur auf 15 Prozent zu). Für alle anderen Zivilgesellschaften gilt dies nicht: hier ist die säkulare Population „fruchtbarer“ als die religiöse. So sind in Sabadell 29 Prozent aller nichtreligiösen Vereine fünf Jahre alt oder jünger, aber nur 13 Prozent der religiösen Organisationen. Setzt man die Zahl der Neugründungen in Relation zur Bevölkerungsgröße ergibt sich somit durchweg ein klarer Vorsprung des säkularen Sektors.235 Der Unterschied ist teilweise frappant. So kommen in Aalborg, der mit Mannheim dichtesten und dynamischsten Zivilgesellschaft, 63 säkulare „Geburten“ auf 100.000 Einwohner, aber nur zwei bis drei religiöse. Der Unterschied zwischen 235 Die einzige Ausnahme bildet die westdeutsche Landgemeinde Althütte, wo tatsächlich pro Einwohner deutlich mehr religiöse als säkulare Organisationen gegründet werden. 331 säkularer und religiöser Fertilitätsrate ist in den deutschen Gemeinden am geringsten ausgeprägt, also dort, wo auch die religiöse Geburtenrate im europäischen Kontext erstaunlich hoch ist. Selbst die Chemnitzer Fertilitätsrate von 17 religiösen Neugründungen pro 100.000 Einwohner – im deutschen Kontext eindeutiges Schlusslicht – ist im Vergleich zu anderen europäischen Zivilgesellschaften außergewöhnlich hoch. So bringt es der religiöse Sektor der Schweizer Städte gerade auf zwei bzw. drei Geburten pro 100.000 Einwohner und selbst der außerdeutsche Spitzenreiter Enschede liegt mit sieben Neugründungen deutlich hinter den deutschen Raten zurück. Tabelle 25b: Fertilitätsraten katholischer und protestantischer Zivilgesellschaften im Vergleich Fünf Jahre alt oder jünger Katholischer Sektor Protestantischer Sektor Prozent aller Org. Fertilitätsrate Prozent aller Org. Fertilitätsrate Mannheim 11,6 20,7 33,9 43,3 Vaihingen 15,4 69,4 28,6 86,8 Althütte 0,0 0,0 28,6 190,2 Chemnitz 14,3 40,6 27,5 92,9 Limbach 0,0 0,0 26,1 140,8 Bobritzsch 0,0 0,0 11,1 62,0 Enschede 8,3 1,9 4,2 6,2 Lausanne 14,3 2,1 0,0 0,0 Bern 0,0 0,0 5,6 1,7 Sabadell 12,5 4,1 14,3 30,0 Aalborg 0,0 0,0 10,5 2,9 Aberdeen 0,0 0,0 7,7 7,5 Anmerkung: Die Fertilitätsraten wurden nun berechnet, indem die Zahl der Neugründungen durch die Zahl der katholisch bzw. protestantisch gebundenen Einwohner dividiert wurde. Als Beispiel: in Mannheim ergibt sich im katholischen Sektor eine Fertilitätsrate von 20,7 Neugründung pro 100.000 Mannheimer Katholiken innerhalb der letzten fünf Jahre: (22: 106.221) x 1000. Wie Tabelle 25b zeigt, liegt dort, wo katholische und protestantische Organisationen ko-existieren, die protestantische Geburtenrate deutlich über der katholischen. So kam es in Mannheim während der letzten fünf Jahre zu etwa doppelt so vielen protestantischen „Geburten“ wie katholischen: auf 100.000 Mannheimer Katholiken kamen 21 katholische Neugründungen; auf 100.000 Protestanten dagegen 43. Auf deutlich geringerem Niveau trifft dies auch auf Enschede zu, wo sich der protestantische Sektor in der dreifachen Geschwindigkeit des katholischen Sektors erneuert. Selbst im dominant katholischen Sabadell erreicht nur der marginale protestantische Sektor eine signifikante Geburtenrate. Demzufolge ist auch der Anteil der „Neugründungen“ innerhalb der Population im protestantischen Milieu deutlich höher. So sind in Mannheim 34 Prozent aller protestantischen Vereine jünger als fünf Jahre, aber nur zwölf Prozent der Katholischen. Für die außerdeutschen Zivilgesellschaften werden solche inter-konfessionellen Vergleiche schwierig, weil die Fallzahlen 332 schnell zu gering werden. Auch dieser Befund bestätigt die außergewöhnliche Rolle des religiösen Sektors in Deutschland: dicht, jung, dynamisch. Um den konfessionellen Unterschied über Länder- und Gemeindegrenzen hinweg bemessen zu können, präsentiert Tabelle 25c zusammenfassende Resultate hinsichtlich der Geburtenrate in europäischen Zivilgesellschaften. Tabelle 25c: Fertilitätsraten konfessioneller und säkularer Vereine im Vergleich Fünf Jahre alt oder jünger Prozent aller Org. Fertilitätsrate Säkular-gesamt1 14,7 44,6 Säkular-konfessionslos2 124,7 Religiös-gesamt1 17,8 11,7 Religiös-gebundene3 18,3 Katholisch 11,5 8,8 Protestantisch, insgesamt 4 21,3 22,6 Lutherisch 27,5 20,4/35,1 Calvinistisch 5,3 0,9/ 2,4 Protestantische Sekten 9,0 1,1 Anmerkungen: 1 Berechnet auf der Basis der Gesamtpopulation aller zwölf Gemeinden zusammen. 2 Berechnet auf der Basis aller Konfessionslosen (als Addition über die zwölf Gemeinden). 3 Berechnet auf der Basis aller religiös gebundenen Einwohner (als Addition über die zwölf Gemeinden). 4 Eine Differenzierung nach Typ des Protestantismus auf Einwohnerebene ist leider nicht möglich, da von den lokalen Statistikbüros so nicht getrennt aufgeführt. Um eine Annäherung zu erhalten, wurde angenommen, dass die große Mehrzahl der Protestanten in deutschen Gemeinden und Aalborg lutherischen Glaubens sind, in Enschede, Lausanne, Bern und Aberdeen dagegen calvinistischer Ausrichtung. Die kursiv gesetzten Fertilitätsraten drücken die Berechnung von Einwohnerschaft und Fertilitätsrate basierend auf dieser Annahme aus. Wiederum bestätigt sich die relative Dynamik des säkularen Sektors im Vergleich zu allen konfessionellen Spielarten. Nimmt man die Gesamtbevölkerung aller zwölf Zivilgesellschaften als Basis, so ergeben sich – in den letzten fünf Jahren – 45 säkulare „Geburten“ auf 100.000 Einwohner. Mit der Subkultur-Idee des 19. Jahrhundert als Grundlage, die davon ausgeht, dass Assoziationsbindung ausschließlich innerhalb des eigenen Milieus geschieht, steigt die säkulare Fertilitätsrate auf sagenhafte 125 Neugründungen pro 100.000 religiös Nicht-Gebundener (konfessionsloser) Einwohner. Im Vergleich dazu muten Fertilitätsraten im konfessionellen Milieu geradezu bescheiden an. Dennoch sind auch hier wieder eklatante Konfessionsunterschiede unübersehbar. Die (relativ) hohe Dynamik des lutherischen Sektors im Vergleich zum katholischen Milieu, aber vor allem im Vergleich zum calvinistischen Milieu lässt sich auch hier nicht ignorieren: Auf 100.000 Katholiken kommen circa neun katholische Geburten, pro 100.000 Protestanten werden 20 lutherische, aber nur eine calvinistische Organisation „geboren“. Teilt man den Protestantismus in seine Bestandteile, also berechnet Fertilitätsraten per lutherische bzw. calvinistische Bevölkerungszahlen, erreicht die lutherische Fertilität beinahe das Ausmaß des säkularen Sektors. Pro 100.000 Lutheraner ergeben sich 35 Neugründungen, wohinge- 333 gen innerhalb des calvinistischen Sektors auch bei einer Umrechnung auf den calvinistischen Bevölkerungsteil Fertilitätsraten bei zwei Organisationen pro 100.000 Calvinisten verharren. 10.1.3 Themenbreite Eine Vereinswelt, die aus unzähligen Angeboten besteht, kann dennoch defizitär sein, wenn bestimmte Themen und Ziele systematisch ignoriert werden. Wenn eine Großzahl dieser Vereine sich schlicht nur um wenige Themen bemüht, also z.B. fast ausschließlich Sportangebote zur Verfügung stellt, während die Interessen von Eltern mit Kindern oder alten Menschen nicht oder kaum berücksichtigt werden, dann wäre diese Zivilgesellschaft in der Tat defizitär, da bestimmte Interessen und Bedürfnisse der Bürger nicht vertreten sind. Bei Caulkins ist dies die Kapazität lokaler Organisationen, die Interessen und Überzeugungen eines „wide range of people“ zu repräsentieren (Caulkins 2004: 179). Die ideale Zivilgesellschaft besitzt somit beides: eine hohe Vereinsdichte und ein Themenspektrum, das die Interessen aller Einwohner bedient. Im Bereich der Immigrantenforschung wird ein ähnliches Argument unter dem Stichwort „institutional completeness“ genutzt. Nach Breton (1964) sind Immigrantengruppen dann institutionell „komplett“, wenn es ihnen gelingt, alle zentralen organisatorischen Aktivitäten innerhalb ihrer eigenen Organisationswelt anzubieten (Vermeulen 2005: 15), sie also nicht länger auf die Organisationsangebote der Gastgesellschaft angewiesen sind. Dieses Konzept lässt sich unschwer auf den religiösen Sektor übertragen, ist es doch gewissermaßen die Umformulierung der klassischen Idee der Subkultur, der es – wie den niederländischen, deutschen oder schweizerischen Katholiken im 19. Jahrhundert – fast perfekt gelang, ihre Mitglieder durch eigene Angebote von der als feindlich empfundenen Umwelt zu isolieren (vgl. Kapitel 6). Tabelle 26a zeigt wie viele Prozent der Themen oder Bereiche insgesamt von den jeweiligen zivilgesellschaftlichen Sektoren abgedeckt werden. Die Prozentwerte wurden ermittelt, indem die Zahl der jeweils angebotenen Themen in Beziehung zur Gesamtzahl aller (im Fragenbogen) zur Auswahl stehenden Themen gesetzt wurde. Offensichtlich erfahren die säkularen Sektoren recht ähnliche Grade der institutionellen Vollständigkeit. Nur die Zivilgesellschaften kleiner Gemeinden sind – wenig überraschend –hinsichtlich der vertretenen Themenbreite defizitär. Innerhalb der Großstädte fällt allein Sabadell, das sich bereits durch eine ausgesprochen geringe Vereinsdichte auszeichnete, ein wenig aus dem Rahmen. So werden von den insgesamt 32 abgefragten Bereichen im säkularen Sektor Sabadells nur 24 bzw. 75 Prozent tatsächlich angeboten. In Mannheim, Aalborg und Bern findet sich dagegen eine fast einhundertprozentige Vollversorgung, in Enschede Lausanne, Chemnitz und Aberdeen ist die Themenbreite nur unwesentlich geringer: zwischen 91 und 84 Prozent der Themen sind im lokalen Angebot präsent. In jedem Fall ist die institutionelle Vollständigkeit des religiösen Sektors geringer. Allein der katholische Sektor Mannheims lässt die alte Idee der Subkultur, einer geschlossenen institutionellen

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.